Part 10
Blut trat dem Donnerer in die Augen. Er hob den Hammer, um die Unverschämte zu zerschmettern. Aber die Götter fielen ihm in den Arm, und die Riesen baten für ihr Leben, da ihr freies Geleit zugesichert sei. Da ließ er sie laufen.
Im Wasser schwamm das Schiff mit der teueren Last. Noch einmal nahm Wodan Abschied von dem schönen Leib des Sohnes und legte ihm als letzte Gabe den kostbaren Ring Draupnir auf den Holzstoß, den Tröpfler, das Geschenk der Zwerge, dem jede neunte Nacht acht neue Ringe enttropften. Dann trat der Donnerer an den Holzstoß und weihte die Götterleichen mit dem Zeichen des Hammers.
Alsbald entzündeten die Asen die Scheiter mit dem heiligen Feuer aus Asgard, und das Schiff fuhr wie eine Fackel hinaus auf das dunkle Meer, immer weiter und weiter, bis es in Flammen verging.
Fröstelnd kehrten die Asen, fröstelnd kehrten die Riesen und Albe heim. Wie in Todesfrost erschauerten die Menschen.
Immer aber und immer noch kreiste Nannas Schrei um Baldur durch die Welt und wollte nimmer vergehen. --
Neun Tage und neun Nächte ritt Hermod zur Hel. Er stob dahin, daß aus den acht Hufen Sleipnirs Funkengarben sprangen wie wirres Wetterleuchten. Das war das einzige Licht, das ihm den Weg erleuchtete durch die gräßliche Finsternis der Unterwelt.
Am Abend des neunten Tages gelangte er an den Totenstrom Gioll, der das Reich der Hel von allen anderen Reichen trennt, und die goldene Giollbrücke krachte in allen Fugen, als Sleipnirs Hufe über die Planken donnerten. Eine Jungfrau erschien, Modgud mit Namen, das ist »Seelenkampf«, die warf sich dem Reiter entgegen. »Wer bist du, und was suchst du Lebender im Reich der Toten?«
»Ich bin Hermod, Wodans Sohn, und suche Baldur, meinen Bruder.«
»Ich dachte es mir, daß du kein Gewöhnlicher bist,« entgegnete Modgud besänftigt. »Fünf Haufen Toter ritten gestern über die Brücke, aber die Hufe aller ihrer Rosse donnerten nicht so auf der Brücke, als die deines einzigen.«
»Sahst du auch Baldur reiten?« drängte der Ase sie.
»Wohl sah ich Baldur. Er ritt zur Ehrenhalle der Hel, wo sie selber thront.« Und sie wies ihm den Weg.
Weiter sprengte Hermod den Helweg durch die Finsternis und gelangte an ein haushohes Eisengitter, das die Wohnung der Hel umschloß. Siebenfach verriegelt war die Pforte und sonst kein Eingang und Ausgang.
»Sleipnir, es gilt!« hauchte Hermod dem Hengste ins Ohr und nahm ihn zum Sprunge zurück. Und Wodans Jagdpferd setzte an und setzte im Steilsprung über das Gitter und hielt wie aus Stein vor Hels Halle. Dankbar klopfte ihm Hermod den Hals. Dann trat er ein.
Den Asenmut nahm Hermod zusammen, als er das Bild, das dort sich ihm bot, erblickte.
Zur Hälfte schwarz, zur Hälfte fleischfarben, saß die grausige Hel mit hängendem Kopf und klaffenden Kiefern auf ihrem Thron. Unerbittlich war ihr Gesicht. Und um die Erbarmungslose geschart, saßen mit tottraurigen Augen Könige und Helden, die den Strohtod gestorben waren an Krankheit oder Altersschwäche, und nicht den Jubeltod im Schlachtenwetter, in dem die Walküren zu Walhall entbieten.
So still und traurig war es, daß man die Tropfen von den Steinwänden fallen hörte in grauenhaft eintöniger Wiederkehr.
Auf hohem Ehrensitz, die Bank mit goldenen Brünnen, den Boden mit goldenen Fliesen belegt, saß traumverloren Baldur, von Nanna umschlungen. Vor ihm stand der Metkrug, wie vor den Königen und Helden, aber unberührt hatte ihn der Träumer gelassen. Des Gottes Geist träumte in die Zukunft.
Zu dem stillgewordenen Bruder trat Hermod und setzte sich zu ihm. Die ganze Nacht sprach er zu ihm über das Weh der Welt und über die Wünsche Friggs, den Sohn wiederkehren zu sehen zum Besten aller Wesen. Und Baldur hörte ihm zu und spann seine Gedanken.
Als der Tag anbrach, ging Hermod zum Throne der Hel.
»Wisse,« sprach er zu ihr, »daß ich dir die Wünsche der mächtigen Asen bringe, Baldur heimzusenden nach Asgard. Seit er schied, ist die Welt von Schmerzen erschüttert und will nicht mehr leben. Was aber sind die Götter, was bist auch du ohne die immer sich neugebärende Welt! Verzichte auf dein Recht auf Baldur, und die Menschen werden dich lieben, wie sie Baldur lieben.«
»Deine Worte klingen gut,« antwortete die finstere Hel, »aber der Bittende hat tausend Gründe, wo das Recht nur einen hat. Trotzdem: ich will deine Gründe erproben. Wenn alle Wesen und Dinge der Welt um Baldur als den geliebtesten und unersetzlichen weinen, so soll er heimkehren in das Licht. Weigert ein Einziges Liebe und Tränen, so muß er bleiben. Geh hin und künd es den Göttern.«
Und Hermod ging und nahm fröhlichen Abschied von Baldur, und Baldur gab ihm für Wodan den Ring Draupnir, den Tröpfler, zurück, da es im Reiche der Hel kein Verwenden für ihn gäbe. Und Nanna gab von den reichen Opfergaben, die ihren Holzstoß geschmückt hatten, Gewänder und Gewebe für Frigg und Freya und die Göttinnen alle. Hochgemut ritt Hermod den Helweg zurück, wußte er doch, daß alle Welt um Baldur weinte und weiter weinen würde, um Baldur, den jeder lieben mußte.
Wieder griff Sleipnir aus und donnerte den Helweg entlang. Und Hermod sah die Scharen der Müden und Stillen des Weges ziehn, die sich freuten, im Reiche der Hel die Ruhe zu finden, aber er sah auch die Scharen der Meineidigen und Mörder, und der Landesverräter, die schlimmer als Mörder und Meineidige sind, und sie durften nicht über die Brücke des Totenstromes Gioll hinüberwandern und mußten mit nackten Füßen durch das Flußbett waten, das mit hunderttausend scharfen Schwerterspitzen gespickt war. Brünstige Giftschlangen lauerten in Hels Reich auf die, die um eigenen Vorteils willen das Leben der Völker vergiftet hatten.
»Sleipnir, greif aus,« schmeichelte Hermod dem Hengst, und der Hengst verstand und stob durch die Hel und das ganze, unendliche Niflheim und gewann die Oberwelt und stürmte, die Wolkenrosse weit hinter sich lassend, nach Asgard hinauf, wo die Götter harrten.
Da herrschte Freude in allen Hallen, als Hels hoffnungsvoll klingender Spruch offenbar wurde, und alsobald eilten die Boten durch Himmel und Erde und Jotunheim und forderten die Tränen von den Lebendigen und von allen leblosen Dingen. Und die Menschen weinten mit den Göttern, und die Riesen weinten mit den Alben, von den Bäumen und Blumen tropften die Tränen, und selbst die Steine weinten, da Baldurs Sommer ihre Winternässe nicht mehr hinwegnahm.
Loki saß in einer Höhle und fürchtete fiebernd für sein Neidlingswerk. Er nahm die Gestalt eines Riesenweibes an und nannte sich Thock, als die Boten der Asen bei ihm einkehrten, das ist: das Dunkel.
Und die Boten sprachen: »Du bist das letzte Wesen, das wir fanden und noch nicht baten. So bitten wir auch dich: Weine, weine um Baldurs, des Vielgeliebten, Tod und Wiederkehr.«
Die Riesin Thock wiegte kaum den Kopf.
»Ich heiße das Dunkel und dämmere im Dunkel dahin. Was schiert mich der lichte Baldur! Sein Leben hat so wenig Nutzen für mich wie sein Sterben, und mein Auge hat keine Tränen. Hel behalte ihr Eigentum.«
Sie verschwand in der Tiefe der Klüfte, und die Boten erkannten entsetzt, daß es Loki gewesen war.
Gebrochen kehrten sie heim durch die Tränenbäche der Welt, die umsonst geflossen waren, und kündeten den Göttern das Geschehnis. In tiefem Schweigen vernahmen es die Asen. Sie blickten auf Wodan, den Vater. Der saß wie aus Stein, nur sein Einauge blitzte. Endlich erhob er sich.
»Die als Götter gelebt haben, müssen auch als Götter zu sterben wissen. Sprecht es weiter.«
Und er hüllte sich in Mantel und Hut, um Mimirs stillen Quell aufzusuchen. --
Ein Gastmahl bot Ägir, der Beherrscher der Meere, den Asen an, um sie seiner Freundschaft zu versichern. Und sie gingen alle hin, die Götter und Göttinnen, auf ein paar Stunden anderen Sinnes zu werden. Denn Ägirs kristallene Halle war eine Freistatt, und Frevel war, sie durch Streit zu entweihen.
So saßen sie bei dem Meerbeherrscher und freuten sich des Mahles und des Metes, und nur der Donnerer war abwesend. Plötzlich aber vernahmen sie heftigen Wortwechsel und sahen Loki, der sich die unantastbare Freistatt zu nutze machte und einzutreten begehrte. Als ihm der Türhüter den Zutritt um des Friedens willen Diener wehrte, schlug ihn der erboste Loki so hart, daß der treue entseelt zu Boden sank.
In wilderwachtem Grimm sprangen die Asen auf und griffen zu den Waffen, den Bösewicht unschädlich zu machen. Der aber berief sich höhnend auf die Heiligkeit der Freistätte und erzwang sich seinen Platz an der Tafel. Und während er frech zugriff und den Metkrug leerte wie ein gerngesehener Gast, überschüttete er Götter und Göttinnen mit Schmähreden, warf dem einen Ungerechtigkeit, Treulosigkeit, dem anderen Feigheit, Gier, Geilheit den Dritten vor und zieh die Göttinnen der Schamlosigkeit, der Unzucht und aller Weiberuntugenden von tausenden von Jahren. Seine Lästerzunge lief wie ein Rad. Er wußte, daß er verfemt war, und wollte darum Gift und Galle seiner verdorbenen Seele über die früheren Bank- und Fahrtgenossen ausspritzen, bevor er auf immer verschwinden mußte. Er schonte selbst die Himmelsmutter nicht und nicht die goldhaarige Sif, als Sifs Gatte, der Donnerer, eintrat und der Lästerzunge Einhalt gebot.
»Du willst mir gebieten?« höhnte ihn Loki, »du, der sich im Däumling eines Riesenhandschuhs verkroch?«
Schweigend griff der Donnerer nach dem Hammer Mjolnir. Die Sprache verstand der Verräter.
»Zum letzten Male sitzt ihr bei Ägir zum Trunk! Das letzte Bier hat er euch gebraut! Feuer soll bald diese Halle verzehren, wie euch Asen der Wolf verschlingen wird und Muspels Feuer und meine Tochter, die Hel!«
Kreischend schrie er seine Verwünschungen, und bevor die Götter einen Gedanken zu fassen vermochten, stürzte er sich in Gestalt eines Lachses ins Wasser und war verschwunden.
Die Asen machten sich auf.
»Der Tod wäre zu große Wohltat für solchen Bösewicht,« und sie kamen überein, ihn zu fangen und so zu fesseln, daß sein Weiterleben eine einzige Kette von Qualen bilden solle.
Von seinem Hochsitz aus blickte Wodan forschend in die Welt. Und er gewahrte Loki in einem Hause mitten in der Felsenwildnis sitzen, und das Haus war über einen Sturzbach gebaut und trug Fenster in allen vier Wänden. Beständig auf der Hut, lugte Loki rastlos nach allen Himmelsrichtungen aus und flocht dabei ein Netz, um Fische ins Garn zu locken.
Jäh sprang er auf. Er hatte das Nahen der Asen erspäht. Und mit einem Satz war er als Lachs in dem Sturzbach verschwunden.
Da fanden die Asen das Netz und nahmen es und zogen es quer durch den Sturzbach. Zweimal schnellte sich der Lachs über das Hindernis und verschwand in der Tiefe. Beim dritten Male geriet er in das Netz und hätte das Netz mit sich weggerissen, wenn nicht der Donnerer, der bis zur Brust im Wasser stand, zugegriffen und den Lachs beim Schwanze erwischt hätte. Da half kein Drehen und Winden, des starken Asen Faust riß ihn aus dem Netz, das sich der Böse selber gefertigt hatte.
Loki, der Verderber des Himmels und der Erden, lag vor den Göttern.
Das Urteil war bald gefällt. In der Felsenwildnis, in die er sich begeben hatte, schmiedete man ihn an, den nackten Rücken auf den messerscharfen Felsenkanten, ihn, der vom Gott zum Unhold gesunken war. Sein verzerrtes Antlitz richtete man nach oben, daß er es nicht nach rechts, nicht nach links zu wenden vermochte, und befestigte über seinem Gesicht eine ekele Schlange, die ihm unaufhörlich die Gifttropfen ihres Schlundes wie brennendes Feuer ins Gesicht fallen ließ. Verlassen und verloren sollte er liegen und Qualen leiden bis an der Welt Ende.
Die rächenden Götter waren heimgekehrt. Schaurig lag die Felseneinöde, durchgellt von den Schreien des Verdammten. --
Da tastete es auf nackten Sohlen durch die Felsenwildnis. Da huschte es auf blutigen Füßen durch das messerscharfe Gestein, und weitaufgerissene Frauenaugen suchten und suchten den Ort der Verdammnis, bis sie ihn fanden. Weiter huschte die Frau, bis sie neben dem Körper des Gefesselten niederglitt.
Das war _Signy_, des Bösen mißhandeltes Eheweib, dessen treues Werben er immerdar verspottet und mit Untreue gelohnt hatte. Was wußte Signy davon und von allen ihren Leiden? Sie sah nur den Mann, den sie geliebt hatte in seiner Schönheit und in seinen Fehlern, und den sie heute in seiner Qual mehr noch lieben mußte als je zuvor. Signy allein war zu ihm gekommen.
An seinen Fesseln biß und zerrte sie, ohne sie um Haaresbreite zu lockern. Ohnmächtig sank sie zuletzt in die Felsen. Aber das Brüllen des Verurteilten jagte sie wieder auf. Die Gifttropfen der Schlange zerbrannten und zerfraßen Loki das Gesicht. Und Signy ergriff einen Scherben und hockte sich neben den Mann und fing in ihrem Scherben die Gifttropfen auf, die niederfielen.
War die Schale gefüllt, so mußte sie sich einen Herzschlag lang wenden und die Schale entleeren. Dann fielen die Tropfen aus der Giftschlange Schlund aufs neue dem Elenden in die Augenhöhlen, daß er aufbrüllte vor wahnsinnigem Schmerz und sich in den Fesseln bäumte, daß die Menschen in allen Ländern erschrocken niederfielen und meinten, ein Erdbeben erschüttere die Grundfesten der Welt.
Und wieder saß Signy, die Treue, neben dem ungetreuen Manne und hielt ihm die Schale vor das Gesicht, wieder und wieder, in unermüdlicher Geduld.
Der letzte Kampf.
Eiskalt ward es auf Erden. Baldur war tot, und Frühling und Sommer starben hastig ihm nach. Jäh brach der Winter herein, ein Winter, wie er nie erlebt wurde, seitdem die Welt erschaffen war. Die Bäume platzten auf in dem scharfen Frost, und ihr Saft rann die Stämme hinab, gefror und verstopfte die Poren. Die Pflanzen und Blumen traf's bis in den Wurzelstock, und die Kälte preßte ihnen die letzten Tränen aus und ließ sie vergehn wie zersplittertes Glas. Selbst die Steine schwitzten ihr weißes Blut, dehnten sich in klingenden Seufzern und zersprangen zu Staub.
Baldur war tot, und es war nicht Frühling und nicht Sommer mehr.
Frost lief durch die Welt, und er tötete die Äcker, die Wiesen, die Wälder. Im Starrkrampf lag das Leben.
Und als müsse ein Leichentuch her, Tod und Sterben zu decken, setzte ein Schneesturm ein, der unaufhörlich tobte, unaufhörlich seine weißen Massen auf die Erde schleuderte. So dicht brausten und wirbelten die Flocken, daß aller Raum zwischen Himmel und Erde ausgefüllt schien, daß die Sonne vom Himmel verschwand und der Tag von der Nacht verschlungen blieb in der immerwährenden Finsternis.
Drei Jahre lang dauerte der eine Winter, den kein Frühling milderte, kein Sommer durchbrach. Drei Jahre, die nicht enden wollten, gingen dahin in einem einzigen Winter.
Da türmte sich das Eis zu Gletschern und rückte vor, von den Eisriesen gepeitscht, die nach dem Licht verlangten. Da begann das Feuer in Muspelheim, das hinter Eisesmauern keinen Ausweg fand, zu kochen und zu zischen, und seine eingeschlossenen Dämpfe suchten sich zu entladen. Bis zu den Wolken sprang der Gischt des Meeres, das enger und enger zusammengetrieben wurde in seinem Becken. --
Von seinem Hochsitz aus sah es Allvater, und er sah mehr.
Er sah die Menschen dem heraufziehenden Schicksal unterliegen. Baldur war tot, und alle Gesittung starb ihm nach. Frost und Hunger und Finsternis machten aus Menschen gierige Tiere, die da raubten und mordeten und plünderten, nur um des eigenen Bauches willen. Alle Bande des Blutes, alle Bande der Gesetze brachen. Brüder erlegten Brüder, Ehen wurden gebrochen, Unzucht herrschte und Faustrecht. Ganze Stämme zogen aus und warfen sich blutgierig auf friedliche Nachbarstämme, um sie zu vertilgen. Schlachten wurden geschlagen aus roher Mordlust und nicht um Heldenehren willen. Ehre der Väter war eine Sage, und Macht ging vor Recht. Beilzeit war und Schwertzeit, Windzeit und Wolfzeit. Nicht einer schonte des anderen mehr, und jedermanns Hand war wider jedermanns Hand.
Von seinem Hochsitz aus sah es Allvater, und er sah mehr.
Er sah zwei Wölfe der Riesen am Himmel jagen, und der eine jagte die Sonne, der andere den Mond. So stark waren sie geworden, weil die Menschen ihre Toten unbeerdigt ließen und die Wölfe sich vom Leichenfleische mästeten. Schon kamen sie den Fliehenden nahe und packten sie in der Flanke, daß Sonnenfinsternis wurde und Mondfinsternis und die Menschen der Erde aufheulten in irrsinniger Wirrnis. Noch einmal rissen sich Sonne und Mond los von ihren Bedrängern und stürmten weiter durch die mit ihnen jagenden Wolken, daß ihre Lichter aufblitzten und verschwanden und ihre Schatten im Taumel über die Erde tanzten.
Beilzeit, Schwertzeit -- Windzeit, Wolfzeit!
Dann warf sich Wodan wie in alten Tagen auf sein Sturmroß und jagte hinaus an der Spitze seines Geisterheeres mit Hussa, Horridoh und Peitschengeknall und säuberte die Lüfte vom tollsten Spuk, und die Menschen hielten ihn und seine wilde Jagd für der Spuke größten. Hinter ihm aber ballte es sich wieder zusammen und stürmte in Wut und Wirrnis, und Allvater saß auf dem Hochsitz und sah und wußte alles.
Und er sah, wie die Feuer in Muspelheim sich zur Siedehitze gesteigert hatten, und er erhob sich und sah, wie sie, zu aller Kraft zusammengefaßt, sich donnernd entluden und die lastenden Gletscherberge sprengten und in wildgewordener Freiheit ihre Flammen über die Erde und gen Himmel schlugen. In allen Fugen erkrachte die Welt, das feste Land hob und senkte sich wie tobende Meeresflut, Klüfte verschlangen die entwurzelten Wälder, Berge türmten sich über Berge und stürzten in die kochende See, und die See flutete über und ersäufte die Küsten, die Midgardschlange stieg geifernd empor, suchte das Land und wälzte sich vorwärts, und die Sterne fielen erloschen vom Himmel.
Und in die grausenden, brausenden Schrecknisse hinein, über sie hinweg und sie alle übertönend, schrie wie ein Adlerschrei lang und gellend ein Hornruf.
Heimdalls Horn!
Heimdalls Horn rief die Asen, rief die Einherier, rief alle Asgardmänner auf zum letzten Kampf.
Da eilten die Götter, Wodans letztes Gebot zu empfangen, und umstanden, tief atmend, den Vater der Schöpfung.
Und Allvater sprach:
»Götter sterben nicht. Götter und Helden erstehen neu, wenn sie sich würdig erwiesen. Würde ist nicht das bißchen Tugend des Tages. Würde ist, für sein Leben und Schaffen sterben können. Das allein macht _un_sterblich. Wohlauf denn, ihr Asen und ihr Helden alle, nun folgt mir nach in die Unsterblichkeit.«
Da waffneten sich Götter und Helden mit ihren besten Waffen, in unabsehbaren Scharen zogen die Einherier aus, und mit den Walküren ritten die Göttinnen, den Ger in der Faust. --
Der rote Hahn des Riesenreiches krähte in den Morgen und rief die Schläfer wach, wie der goldene Hahn krähte in Asgard und der nußbraune Hahn in der Hel.
Ganz Riesenheim tobte in hellem Aufruhr. In Scharen krochen Schwarzalben und Trolle aus Klüften und Schluchten und spornten kreischend die Riesen an.
Die jauchzten auf, als der Wirbel der Flut, aus der die Midgardschlange sich wälzte, das Schiff _Naglfar_ flottmachte, das Nagelschiff, das aus den unbeschnittenen Nägeln der Toten erbaut wurde. Nie wäre es fertig geworden, hätte Baldur gelebt. Denn die Gewissenspflicht gebot den Menschen, ihren Toten vor der letzten Ausfahrt die Nägel zu beschneiden, damit die finsteren Mächte sie ihnen nicht nehmen konnten zum Bau von Naglfar. Wer aber von den Menschen fragte noch nach der Pflege der Toten? Beilzeit war und Wolfzeit.
Der Reifriesenfürst _Hrymir_ bemannte das Schiff und steuerte die Tausende gegen Asgard. --
Aufs neue stöhnt von der Entladung der Flammen, die Eis und Stein durchbrechen, die Welt in allen Fugen. Ein Sterbeschauer durchbebt die Weltesche Yggdrasil, und die Brunnen an ihren Wurzeln schäumen über.
Zum letzten Mal beugt sich Wodan über den Brunnen Mimirs und raunt mit dem Haupte des Urweisen. Dann schreitet er einsam nach Asgard zurück, bindet den Goldhelm unter dem Kinn und greift nach dem Speere Gungnir. Er kennt sein Schicksal. Sein Einauge blickt groß und königlich. --
Ein neuer Donnerschlag erschüttert das Weltall. Die Flammen haben die Gewalt. Schlag folgt auf Schlag, ein tosendes Erdbeben dem anderen, daß kein Felsen auf dem andern bleibt. Ein Jubelgeheul macht die Lüfte erdröhnen. _Loki_ ist losgekommen! Die Felswand ist geborsten, die seine Fesseln hielt, die Fesseln sind zerplatzt! Hinstürmt er zur Hel, seiner grausigen Tochter, und ruft die Mörder und Schufte, die Meineidigen und die Hochverräter der Helleute auf zum Kampf gegen die Götter. Entvölkert ist Hel, denn die guten Geister sind geflüchtet im blutigen Wirrsal der Geschehnisse. Aber mit wüstem Totenvolk überladen, steuert Loki das Schiff der Hel gegen Asgard.
Und _Fenris_ ist los, der wahnsinnige Wolf, wie Loki, sein Vater, loskam. Blutigen Schaum an den Lefzen, jedes Haar gesträubt, kommt er gerannt, und Loki schreit ihm zu und nimmt ihn an Bord des Höllenschiffes.
Blitzend aber reitet der schwarze _Surtur_ heran, der Fürst der zerstörenden Feuergewalten. Auf tausenden von Flammenrossen folgen ihm die Seinen. Über die Brücke Bilfrost reiten sie gegen Asgard, und die Himmelsbrücke birst unter den Hufen ihrer Pferde.
In Rauch und Flammen gehüllt, kreist die entsetzte Erde, und die Zwerge hasten an den verschütteten Höhlen auf und nieder und suchen wimmernd den Eingang.
Zum zweiten Male stößt Heimdall ins Horn, gellend und gebietend wie Adlerruf. Da ordnen sich die Scharen der Asen und Einherier.
Und zum dritten und letzten Male stößt Heimdall ins Horn. »Vorwärts, ihr Asengötter, vorwärts, ihr Einherierhelden, in die Unsterblichkeit!«
Aufsprangen die fünfhundertundvierzig Türen Walhalls. Und die Wodansmänner zogen aus zu Fuß, zu Roß und zu Wagen, und Walvater Wodan führte sie.
Auf dem Sturmroß Sleipnir ritt er in schimmernder Brünne, den Goldhelm auf dem Haupt, den Todesspeer in der Hand. An seiner Seite schritt wuchtenden Ganges der Donnerer, den Hammer Mjolnir in der Faust. Unbeirrt ihnen nach alle die anderen, die Todesmutigen. --
Auf der Ebene Wigrid, dem Kampfreitplatz vor Walhall, treffen sie auf den Feind, der wie nimmer sich erschöpfende Wasserfluten anschwillt und vorwärtsdrängt. Hoch hebt sich Wodan in den Steigbügel. Sein Einauge funkelt und blitzt. Und zischend fährt sein Todesspeer als erster Kampfgruß über die Köpfe der Drängenden.
Schon sind die Massen im Kampf. Surturs Feuerreiter verbrennen Wiesen und Weiden. Aber die Einherier fürchten nicht Flammen noch Rauch. Nicht umsonst ist Sigurd durch die wabernde Lohe zu Brynhild, der Walküre geritten, nicht umsonst kämpften die Helden alle in brennenden Hallen. Mit dem Blute der Erschlagenen dämpfen sie die Glut des Kampfplatzes und werfen die Brandreiter zurück.
Mit den Riesen vermengen sich die Leute der Hel und wüten wie Tiere. Felsen schleudern die Riesen, die zermalmend niederschmettern, und die Helleute geben den Verwundeten den Rest mit dem feigen Dolch. Der Donnerer sieht es. Schon ist er mitten unter ihnen. Von den Riesen kennt er die meisten. Nun lernen sie seinen Hammer kennen. Der krachte in die Schädeldecken und fuhr im Schwung in des Gottes Faust zurück, um sie im Schwunge wieder zu verlassen und Schädel zu zertrümmern, Schädel, nichts als Schädel.
Wo die Gefahr am größten war, dorthin spornte Wodan sein Roß. Mit dem Schwerte schlug er die Gefährten aus den blutigen Knäueln heraus, sammelte die Aufatmenden um sich und führte sie aufs neue ins Handgemenge. Mit der Peitsche holte er die Schwarzalben und tückischen Trolle aus der Luft, daß sie wimmernd verschieden. Wo Wodan ritt, häuften sich Leichen.
Und plötzlich erschauert die Welt, wie sie nie erschauert war.
Der _Fenriswolf_ rennt. Alle Grenzen hat seine losgelöste Wut überschritten. Mit aufgerissenem Rachen rennt er, daß sein Unterkiefer über die Erde fegt und sein Oberkiefer die Wolken durchstößt. Alles schlingt er herunter, was zwischen Himmel und Erde ist.
Da packt selbst die Tapfersten lähmendes Grauen, und die Schar der Asen, die Haufen der Einherier weichen zurück. Wodan sieht es. Er weiß, das Werk der Götter ist noch nicht vollbracht. Kein neuer Himmel kann sein, wenn die alten Unholde bleiben.
Ein Opfer muß her!