Germaine Berton, die rote Jungfrau
Part 4
So sprach Séverine, und das Volk Frankreichs widersteht der Kraft des Herzens nicht. Eine Frau sprach leise und ward besser erhört als alle die acht Tage hindurch schreienden zornigen Männer.
Und endlich kam der Tag des Urteils, ein Montag, der 24. Dezember, der Weihtag, vor der Weihnacht. Alles in diesem Prozeß hat eine schicksalhafte Bedeutung. Dieses Datum wird in den Annalen des nachkriegerischen Paris bleiben. Es regnet, es nebelt, es schneit. Die Stadt wird nimmer hell, der Abend greift schon lange vor. Aber seit vier Uhr früh warten vor dem Gerichtsgebäude die blassen Freunde Germaines in langen Reihen. In den Gängen hört man Schreie, Schritte und dumpfe Laute wie im Maschinenraum eines Ozeandampfers. Der Schwurgerichtssaal ist ein pochender Dampfkessel. Noch einmal steigern sich die Passionen bis zur Siedehitze.
Schon am vergangenen Samstag hatte der Fürsprecher der Action Française, Marie de Roux, ein Südländer, mit einem genereusen Renaissancebart, wie man sie von der Bühne her gewohnt ist, der Anarchie den Prozeß gemacht. Er liest aus einem Artikel vor, der von Germaine Berton geschrieben ist, und beweist, daß Germaine wissentlich und willentlich diesen anarchistischen Akt beging:
„Ich habe die absolute Überzeugung,“ so schreibt sie, „daß allein die individuelle Tat wirksam sein kann. Ich meine nicht die isolierte, aber mehrere in kurzen Abständen, trotz Verhaftung und Verurteilung unermüdlich wiederholte Taten, die wie der höhlende Tropfen im Felsen wirken. Wir brauchen furchterzeugende Beispiele. Mein Mitleid mit jenen, die sich opfern: sie sind es, die Mitleid haben mit Euch!“ Die angebliche „Theorie der Gewalt“ aber, die man der Action Française unterschiebt, sei nur eine „Theorie zur Eindämmung der Gewalt ...“
An diesem Montag folgen die Anklagereden des heftigen metallenen Campinchi, dessen Worte und Stimme wie Rasierklingen sirren, aber dessen Argumente aus schlechtem Material sind. Der Staatsanwalt Sens-Olive ist kühl, objektiv, logisch, behauptet, daß ein Mord eben ein Mord sei und läßt sogar gutväterliche mildernde Umstände zu.
Aber am Nachmittag erhebt sich der donnernde Verteidiger Torrès, der wie eine Lawine wüten und wie ein Südwind seiner Heimat schmeicheln kann. Er tobt wie ein Löwe in einem Käfig. Aber bald zerbricht er die eisernen Stangen der Geschehnisse und jagt empor ins Freie, ins Geistige, der Löwe verwandelt sich in eine Gazelle, und die Vision Jaurès wächst langsam bei hereinbrechender Nacht im Hintergrunde des Saales empor. Wie in einem Film sehen wir noch einmal die Silhouetten auftauchen: den trivialen und tragischen Scylla Daudet, eine enge geizige Mutter, die blonde heroische Madame Caillaux, den hingerichteten Almereyda, Cottin, der auf Clemenceau schoß, Madame Paulmier, die 1898 auf Millerand schießen will und, da sie ihn nicht trifft, sich mit Herrn Ollivier begnügt, Plateau, der schon davon träumte, sich als königlicher Polizeichef im Ministerium des Innern zu installieren, und endlich Séverine, deren Name so zart ist, daß jedes Adjektivum überflüssig wird, und Germaine, Germaine, Germaine.
„Friede auf Erden! werden die Glocken zu Mitternacht läuten. Daß es ein echter Friede sei, werdet ihr Herren Geschworenen nicht Blut vergießen, sondern den Schnee des Vergessens darüberbreiten ...“
Eine halbe Stunde darauf ist Germaine freigesprochen. Zwei Fragen: „Ist G. B. des Mordes an Plateau schuldig? Hat sie ihn vorbedacht?“ Zwei Nein. Das bedeutet ein millionenfaches Ja. Die dunkle Menge, das ewige, das unfaßbare Paris wartet in strömendem Regen auf den Boulevards. Die Nachricht verbreitet sich von Mund zu Mund, schneller als von Radiostation zu Radiostation. Menschen umarmen sich. Die Extraausgaben überfliegen zehn Minuten später die Stadt wie ein Rudel weißer Tauben. Die kleinen Taxi-Autos, mit den schönen Frauen drin, eilen die Rue des Martyrs hinan. Auf der Place de la Madeleine wird diese neue Madeleine angebetet. Réveillon! Réveillon! Diese Nacht ist die größte, die tollste, die hellste des Jahres. In allen Restaurants sind die Tische seit Monaten vorbestellt. Christus ist frisch rasiert und begibt sich ins Moulin Rouge. Die Gänseleberpasteten aus Straßburg sind ausverkauft. Die Midinetten sind alle in Marquisen verwandelt. Die Läden sind offen bis fünf Uhr früh. Aus den Auslagen der Juweliere verschwinden die Perlenkolliers wie tauender Schnee. Auf den Straßen verteilen Familien unter sich die Austern, die Hummern, die Hühner und die Fasane. An jeder Straßenecke wird getanzt. Réveillon! Oben neben dem Sacré-Cœur, in der kleinen Kirche St. Pierre lassen fromme Bürgerinnen die tiefen Klänge der Orgel über ihr ehebrecherisches Herz ergehen und sind wieder treu, wieder fromm, wieder Mütter. Die Waisenkinder erwarten das neue Brüderchen Christus ... Aber auf der Place Pigalle ist es ein Feuerwerk von roten, violetten, goldenen Monden, Reklamen, Fanfaren, und die ganze Welt, die Perser mit ihren falschen Teppichen, die Russen mit ihren falschen Patronentaschen, die Bettler mit ihren falschen Brillen, die armen Blumenverkäuferinnen mit ihren falschen Kindern loben und singen die Größe dieser Nacht ...
Aber ein kleines, einfaches, unscheinbares Taxi rollt aus einem abseitigen Tor des Justizpalastes auf den schweigenden Quai, über schwebende Seinebrücken, durch stille, ganz verkrochene Straßen: Germaine Berton, die befreite Befreierin, fährt, ohne etwas zu denken, ohne sich zu freuen, ohne zu wissen, in die kleine bürgerliche Wohnung des armen Lecoin und verplaudert dort mit ihm und dessen Frau diese geheimnisvolle, diese stille heilige Nacht.
DIE FÜNF IM TEXT STEHENDEN ZEICHNUNGEN SIND ARBEITEN VON L. BERINGS
In der Sammlung AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART. – ERSCHIENEN BISHER:
Band 1:
ALFRED DÖBLIN DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD
Band 2:
EGON ERWIN KISCH DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL
Band 3:
EDUARD TRAUTNER DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU
Band 4:
ERNST WEISS DER FALL VUKOBRANKOVICS
Band 5:
IWAN GOLL DIE ROTE JUNGFRAU GERMAINE BERTON
Band 6:
THEODOR LESSING HAARMANN, DIE GESCHICHTE EINES WERWOLFS
Band 7:
KARL OTTEN DER FALL STRAUSS
Band 8:
ARTHUR HOLITSCHER DER FALL RAVACHOL
Die Sammlung AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT Die Verbrechen der Gegenwart
wird ständig fortgesetzt. Aus der großen Zahl der Mitarbeiter nennen wir an dieser Stelle nur: Henri Barbusse / Martin Beradt / Max Brod / F. Th. Csokor / Karl Federn / Max Freyhan / E. I. Gumbel / Walter Hasenclever / Walter von Hollander / Georg Kaiser / Otto Kaus / Kurt Kersten / Thomas Mann / Leo Matthias / Eugen Ortner / Walter Petry / Joseph Roth / René Schickele / Hermann Ungar / Jacob Wassermann / Alfred Wolfenstein / Über die Erscheinungstermine und weitere Einzelheiten werden wir genaue Daten jeweils durch Sonderprospekte bekannt geben.
VERLAG DIE SCHMIEDE BERLIN
OHLENROTH’SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 53]: (mehrfache Fälle) ... schreien die Camelots du Roy, drohen, ... ... schreien die Camelots du roi, drohen, ...