Germaine Berton, die rote Jungfrau

Part 3

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Und nun hat plötzlich ein neuer Verteidiger im Saal Platz genommen, ein unsichtbarer, aber noch mächtigerer und gewaltigerer als Torrès: er schwebt neben dem Christusbild hinter dem Präsidenten. Es ist ein dicker genereuser Mann, er hat die eine Hand erhoben, sein Bart ist versilbert, seine leuchtenden Blicke reißen das Licht der fahlen Fenster an sich, und durch das schwarze bürgerliche Jackett leuchtet ein rotes Herz: das ist der Tribun, der aus dem Kosmos herniederschwebt und seine Rächerin in seinen heiligen Schutz nimmt.

„Im Namen Jaurès!“ werden jetzt alle Zeugen schwören.

Und in diesem Augenblick erfährt Léon Daudet die zweitgrößte Sühne seines Lebens. Er wird von einem kleinen Mädchen vor versammeltem Volke von Paris mit den Worten der Wahrheit und der Freiheit einfach hingerichtet. Er rührt sich nicht. Er duckt sich hinter seinem feisten Leib. Er geht unsicher ab.

Zweitgrößte Sühne: die größte nicht! Die hat er schon gebüßt. Die Gerechtigkeit des Schicksals ist weit größer und erstaunlicher als die menschliche. Hier spielen antike Kräfte, die Götter selbst, mit.

Denn es ist kaum einen Monat her, daß sein fünfzehnjähriger Sohn Philipp sich erschoß, daß das Verblüffendste sich ereignen konnte, was ein Shakespeare zum Aufbau eines Dramas nicht zu erfinden gewagt hätte. Es ereignete sich das, was wie ein Film der Erinnerung hinter den augenblicklichen Begebnissen durchschimmert, und hier als solcher eingefügt sein möge.

Film vom Selbstmord eines Knaben

1.

Ein Junge flieht an einem Novembermorgen, zur Schulstunde, aus dem Elternhause und fährt nach Le Havre. Dort mietet er ein Zimmer im Hotel Bellevue und legt auf den Nachttisch seine einzige Bagage: die Werke von Boileau und André Chénier. Den ganzen Tag verbringt er am Hafen und sucht ein Schiff nach Kanada. „Land des Nordens, Land in Schnee und Reinheit,“ schreibt er in einem Gedicht. Aber die Fahrt kostet 1200 Francs, er hat nur 700. Er schlägt der Schiffahrtsgesellschaft vor, ihn als Elektromechaniker zu dingen: aber diese nimmt nur englisches Personal auf. Der Traum der Realität zerrinnt. Kanada oder nichts. Die Erde schrumpft zu einer Marmel zusammen. Wohin? Schon sind alle Land- und Meerstraßen verschüttet. Das letzte Schlupfloch ist Paris. Am nächsten Morgen landet er wieder im Bahnhof St. Lazare.

2.

Am 27. November bringen sämtliche Zeitungen diese Notiz:

Gestern trug Herr Léon Daudet, der Abgeordnete und Chefredakteur der „Action Française“, seinen fünfzehnjährigen Sohn zu Grabe, der nach kurzer Krankheit verschied. Der Zeremonie wohnten mehrere Minister, Generäle, Akademiker und sämtliche Camelots du roi von Paris bei ...

3.

Am Sonntag darauf veröffentlicht „Le Libertaire“ einen Hymnus auf den unglückseligen „Compagnon“ Philipp Daudet, der ein glühender Anarchist gewesen sei, bringt Briefe desselben an den Herausgeber und erzählt folgende Geschehnisse: In der Woche zuvor war ein junger Mensch, der seine Identität verschwieg, auf die Redaktion gekommen und hatte gebeten, man möge ihm eine Mission geben. Er müsse etwas für die anarchistische Sache tun! Solle er in ein Polizeibüro treten und dort einige Kerle niederknallen oder in einem Dancing einigen Tänzern Todessprünge beibringen. Was wäre besser? Oder solle er Léon Daudet ermorden?

4.

Dieser junge Mensch war Philippe Daudet.

Später übergab er dort einen Abschiedsbrief an seine Mutter, den die „Compagnons“ absenden sollten, wenn etwas „passierte“.

5.

Am gleichen Nachmittage passierte es, daß ein junger unbekannter Mann in einem Taxi, dem er als Adresse den Zirkus Médrano zugerufen hatte, sich eine Kugel ins Hirn schoß und starb.

6.

Der Vater vertuscht die „Schande“ und trägt unter Blumen den verlorenen Sohn durch ganz Paris.

7.

Der „Libertaire“ sprengt die Königsbastion.

Die Frage allein enthält die unzweideutige Antwort.

_Philippe hat in seinem Fleisch den Vater ermordet._ Ein junger sensibler Knabe hält es in der politischen Lügenatmosphäre des Vaters nicht aus, will in Neuland fliehen, und, da der Ozean ihn zurückweist, wirft er sich aus Opposition dem Feind in die Arme. Denn der „Libertaire“ ist der Feind seiner Rasse.

8.

Daudet, statt vor dem mächtigeren Feind: dem Tod zu kapitulieren, reißt das Grab seines Kindes auf und zeiht die Anarchisten mörderischen Anschlags. Die Justiz wird in Bewegung gesetzt. Die Söldner Poincarés und Daudets finden absolut nichts in den Gewissen und Gesten der Anarchisten. Umsonst schreien die Camelots du roi, drohen, rasen.

9.

Als Antwort druckt der „Libertaire“ neun Gedichte in Prosa des jungen Philippe, der sich als genialer Weltsucher offenbart. Ein Kind von fünfzehn Jahren nahm sein Schicksal in die Hand und floh aus seiner Familie. Nur dies! Es brauchten nicht einmal die Daudets zu sein. Unwillkürlich denkt man an das andere Dichterkind Rimbaud, das seine Lebensqual nach Belgien trug, nach Afrika, in eine Wildnis, abseits von Mensch und Literatur. Diese mit Gottheit Geladenen explodieren irgend einmal. Den bourbonischen Vater überspringend fand der unglückselige Enkel zu Alphonse Daudet zurück, dem gütigen Großvater der „Petit Chose“ und „Tartarin“ ...

10.

Philippes Tod bleibt dennoch ein Geheimnis für alle. Später beschuldigt der Vater die Pariser Polizei, den Mord angezettelt zu haben. Monate, Jahre lang wird hin- und hergeredet. Diese Morde sind ein schlimmes Zeichen für ein Regime! Die phrygische Mütze der Republik schleift im Kot. Die Wahrheit kennt niemand ...

Doch heute wird Philippe, knapp einen Monat vor Germaines Prozeß, zum Märtyrer der Anarchie, der er fehlte. Einer aus dem Hause Daudet! (Shakespeare.) Schleier der Melancholie weben um die Wirklichkeit, die sich in wenigen Jahren zum zartesten Märchen verdichten wird. Unser Jahrhundert, wie einst die große Antike, schafft sich ihre eigne Mythologie. Für den blutigen Verleumder der Guten zahlt ein bis zur Verzweiflung niedergeduckter Vater.

Germaine liebt diesen Philippe. Er ist ihr Bruder im Leid geworden. Sie zeichnet im Gefängnis sein Bild. Er ist der Bräutigam ihrer Einsamkeit, der fünfzehnjährige Gast ihrer Gesinnung. Und: er wird keiner menschlichen Schwäche mehr anheimfallen, er ist heilig, weil er tot ist. Am letzten Tage vor ihrem Urteilsspruch, der ein schrecklicher, langer Sonntag ist, hält sie Philippes Photographie wie ihren einzigen Talisman in Händen, drückt sie an die Lippen und murmelt: „Schütze du mich gegen deinen Vater, frühgefallener Märtyrer du!“

Ein Jahr später, wenn sie der neuerlangten Freiheit unter den billigen Menschen schon wieder müde ist, sie, die nur im Kampf und im Schmerz Selige, wird sie zur Nonne seines Gedächtnisses. Sie trägt das Bild des Knaben mit sich. Sie herzt ihn im Traum. Und sie bildet es sich so fest ein, daß sie es nun glaubt, seine Braut gewesen zu sein. Es gibt wieder Nonnen und Heilige, oh, ihr tauben Schieber dieser Zeit! Am 1. November 1924 wird Germaine Berton bewußtlos in der kleinen Kirche Notre Dame de Lourdes aufgefunden. Es ist Allerseelen: der graue Tag, an dem die Bürger in den Friedhöfen ihrer Dummheit spazieren laufen. Der Tag ohne Musik, an dem der Selbstmord einzige Freiheit. Von Kirche zu Kirche, von Kapelle zu Kapelle ist Germaine den ganzen Nebeltag geirrt, um einen Gott, Trost und Ruhe zu suchen, sie ist hingekniet vor vielen lächelnden und wurmstichigen Marien, sie hat ihre Kleider mit dem faden Parfüm des Weihrauchs durchtränkt und gebetet. Und im grauen Friedhof Père-Lachaise, in dem die Toten hart auf Stein liegen, nicht weich an der Erde Brust, unter den Nebelbäumen hat sie gestanden an Philippes Grab und hat gemeint sterben zu müssen vor Leid und Ekstase.

Und dies alles war kein Irrwandel: der Glaube war wirklicher als die Realität. Sie schrieb einen Brief an Philippes Mutter, an die Mutter, in dem sie ihr mitteilte, sie sterbe aus Gram an Philippes Tode ... Sie empfinde keine Schuld dafür, daß sie den Jungen in ihren Armen gehalten und geliebt habe ... „Verzeihen Sie mir, Madame, denn wenn Philippe für mich gestorben ist, gebe ich mir heute den Tod für ihn.“

Man fand sie bewußtlos auf den Dielen der Kirche. Unweit von ihr lag ein korsisches Messer. Aber sie hatte sich nichts angetan. Man führte sie ins Krankenhaus, ohne zu entdecken, um wen es sich handelte ... Sie hatte ihren Tod tief erlebt. Aber sie starb nicht daran.

* * * * *

Dann die Linkspartei: Nun kommen die wahren Männer der Republik, und ihr einziges Ziel ist, aus dieser Affäre Berton eine Revision des Jaurès-Prozesses zu machen. Jaurès ist das Stichwort. Jaurès ist die Klage, mittels deren die ganze Anklage immun wird.

Publizisten, Advokaten, Schriftsteller, Abgeordnete, Generäle, Minister treten mit erhobener Hand vor und nehmen die Angeklagte vor der Justiz, vor der Weltgeschichte und vor ihr selber in Schutz. Die bekanntesten Gesichter des echten, des ewigen Paris treten auf und geben der Welt eine voltairische Lektion. Es quellen die pathetischen Worte aus ihrem Munde, wie man sie aus der Zeit Victor Hugos und Zolas kennt, aber mit dem Klang des vollen Herzens. Kommt es ihnen auf die Wahrheit oder auf den Geist an? Ein Mädchen sitzt da, eine Vision Frankreichs, das gilt es zu retten.

Jaurès! Jaurès! klingt es durch den Saal, öfter wie Berton! Berton! Der Nationalheld ist erschossen worden und sein Mörder Villain freigesprochen. Das ist die These. Und da stehen sie, die Freunde, die Mitarbeiter, die Jünger Jaurès, und fordern ein republikanisches Urteil. Es ist nur noch ein politischer Prozeß. Die Daudet-Leute werden mit ihren eigenen Explosivstoffen gesprengt. Sie haben den Gewaltakt gepredigt und haben den Gewaltakt in ihrem eigenen Blut erfahren. Sie haben sich nicht zu beklagen: „Wer durch das Schwert gesündigt hat, wird durch das Schwert umkommen ...“

Jaurès! ruft der Sozialistenführer Léon Blum, dessen zugetanster Freund, und erinnert, daß die Witwe und die Freunde des Tribunen die Gnade seines Mörders verlangt haben, denn Rache heische nur Rache, und Jaurès selber hätte nie zugegeben, daß sein Leben mit einem anderen bezahlt würde. „Unsere einzige Rache an Villain sollte sein, daß er seine Tollheit einsähe und daß sein Gewissen ihn zerfräße.“ Und in der Tat hat sich dieser nach seiner Freisprechung nicht selber das Leben genommen?

„Jaurès!“ ruft Jean Longuet, tränenerstickt: „mit ihm unternahm ich die letzte Brüsseler Fahrt, wo der letzte Versuch gemacht wurde, den europäischen Frieden zu retten. Ich warnte Jaurès davor, sich in dasselbe Restaurant zu setzen, in dem Daudet und Maurras verkehrten. Hatte nicht letzterer acht Tage zuvor in der „Action Française“ öffentlich den Tod des Tribunen provoziert, indem er schrieb: ‚Gegen diese moralische Fäulnis kann nur das Eisen noch helfen!‘ Und wirklich, unser Freund erlag.“

„Jaurès!“ ruft Marcel Cachin, der Chef der Kommunisten und erinnert, wie oft den edlen „Camelots du roi“ seine eigene Ermordung aufgetragen wurde, unter denen sich aber kein Charakter fand wie die Germaine Berton.

„Jaurès!“ ruft der sanfte Georges Pioch, der dicke Mann, der die Güte selbst personifiziert, der auf allen Meetings, allen Gedenkfeiern und allen Faubourgs und Vorstädten eine lächelnde Revolution predigt.

Und da kommen die altgedienten Republikaner alle, die im Dienst für Frieden und Menschenrecht graugewordenen Intellektuellen, die alle seit mehr als zwanzig Jahren den blutheischenden Zorn Daudets und seiner Königsclique ertragen.

Da ist der zweiundachtzigjährige Ferdinand Buisson, der Präsident der Liga für Menschenrechte, und sein zweites Wort ist „Jaurès!“

Da ist der Theoretiker der anarchistischen Lehre und Shaw-Übersetzer Augustin Hamon, da ist Urbain Gohier, den seit dem Dreyfus-Prozeß die Royalisten aus tiefstem antisemitischem Haß durch Verleumdung und Lüge aus dem Weg zu räumen suchten: „Hätte ich zwei Pistolen in der Tasche gehabt und die „Action Française“ gesäubert, ich wäre bestimmt freigesprochen worden,“ sagt er. Da ist Ernest Judet, der frühere Herausgeber des „Eclair“, soeben erst aus sechsjähriger Verbannung in der Schweiz heimgekehrt – lauter alte Männer, und alle bedauern nur, den Mut der Germaine Berton nicht aufgebracht zu haben.

Da sind der Exminister Violette, der Caillaux-Verteidiger Marius Moutet, der bekannte Pazifist Marc Sangnier, die ersten Opfer der faschistischen Gewaltakte der Action Française, die eines Abends, als sie sich in eine Versammlung der Salle des Sociétés Savantes begeben wollten, mit Knüppeln von der Daudetbande traktiert wurden.

Da ist der Hauptmann Fontanie und beichtet: „Als ich von der Tat der Berton hörte, war ich tief geknickt, weil ich mich oftmals während des Krieges selber gefragt hatte, ob ich Léon Daudet nicht erschießen müßte. Wir sollten republikanische Propagandaschriften in die deutschen Schützengräben schmuggeln, aber währenddessen bereiteten andere in Paris die Monarchie vor. Ich habe Daudet nicht getötet, weil ich aus ihm keinen Märtyrer machen wollte, aber daß die Berton es getan, verstehe ich vollkommen.“

Da ist sogar der Kriegsminister Lefèvre, dessen Objektivität einer Verteidigung Germaines gleichkommt (denn alle hielten ihn für einen Helfershelfer Daudets). Da ist der General Sarrail, der Verteidiger von Saloniki, und ruft seinerseits „Jaurès!“

Und da ist Pierre Hamp, der sozial-lyrische Dichter der Arbeit, der in einer großen Fuge „La Peine des hommes“ die Schönheit und die Schrecklichkeit der alltäglichen Fron schildert, einem Werk, das den Naturalismus Zolas auf statistischer Basis ausbaut und die Technik des Jahrhunderts mit Menschlichkeit anfüllt. Hamp entrückt das Bild Germaines in die Geschichte und vergleicht sie mit Charlotte Corday, der sie über hundertdreißig Jahre Distanz die schwesterliche Hand reichen darf. Die passionierte Corday hatte Plutarch und Rousseau gelesen und handelte für das republikanische Ideal. Germaine Berton hatte Zola und Tolstoi gelesen und tötete im Namen des Proletariats. Zwei parallele Taten: beide erschlagen das Monstrum, das ihnen als Symbol für die Qualen ihrer Zeit erscheint: Marat und Léon Daudet. Marat war zu seiner Zeit sehr beliebt und doch ereignete es sich, daß sich sein Gesicht im Abstand der Zeit in eine Fratze verwandelte, während sich die Gestalt der Charlotte Corday vergeistigte. Dichter wie André Chénier besangen sie und Lamartine nannte sie „L’ange de l’assassinat“. Welche Hymnen werden noch auf Germaine Berton geschrieben werden?

Und von diesem Dichter Pierre Hamp liest dann der Verteidiger einen blendenden Essay über Germaine vor, in welchem die Kategorien der Mörder mit neuen und klaren Ideen belichtet werden. Hamp dreht den Spieß um, und gibt der „Action Française“ die moralische Schuld an Plateaus Tode:

„Der Anschlag auf ein Menschenleben ist unverzeihlich. Schlagen ist dumm. Nichts widerspricht dem adligen Denken mehr als die Theorie der Action Française: ‚Denkst du nicht so wie ich, so erschlage ich dich!‘ Der Unterschied zwischen der Action Française und der Anarchie ist der, daß letztere kein Gesetz anerkennt, sich außerhalb ihrer Grenzen befindet und nur nach ihrer eigenen Moral und Rechtsanschauung lebt; hingegen geht das dogmatische Institut der Action Française darauf aus, uns mit Gewalt ihre Moral und ihre Gesetze aufzuzwingen. Sie besitzt eine Gendarmerie, ein Tribunal, Spitzel und Teeranstreicher für sich.

Die Tat der Germaine Berton entspricht nur den Forderungen der Action Française; aber für ein solches Attentat sind alle Indifferenten verantwortlich; sie ist der Ausfluß der öffentlichen Empörung, bei diesem Kind eine Geste des Edelmuts und des leidenschaftlichen Interesses am Gemeinwohl.

Unter den Verbrechern, die nach dem Leben anderer trachten, gibt es erstens diejenigen, die vor allem sich deren Güter aneignen wollen. Dann die aus Leidenschaft, Eifersucht oder Liebe handeln. Auch hier ein materieller Beweggrund. Endlich aber gibt es Opfer-Verbrecher, die keinen Vorteil für sich selbst suchen, sondern ihr Leben für das Allgemeinwohl aufs Spiel setzen. Zu diesen gehören die politischen Attentäter. Die politische Tat entspringt immer einem Kollektivwillen: einer Majorität wie bei Wilhelm Tell, einer Minorität, wie bei Ravaillac, aber nie dem Individuum allein, das es vollbringt. Dafür gibt es kein Beispiel. Hinter Ravaillac stand die katholische Kirche; hinter Charlotte Corday die Gironde; hinter Raoul Villain die Action Française; und hinter Germaine Berton? Sie zwar sagte: ‚Ich habe allein den Willen zum Mord gehabt!‘ aber sie hat nicht allein den Gedanken daran gehabt. Die Republik ist für das Treiben der Action Française zu nachsichtig gewesen. Léon Daudet ist zwar ein großer Literat, aber auch ein großer Halunke, und wir _alle_ sind für Germaine Bertons Tat verantwortlich. Sie hat uns endlich ein Beispiel bürgerlichen Mutes gegeben! Eine Waise aus den Reihen der Anarchie hat sich für das Proletariat geopfert ...“

Epilog.

Weltgeschichte: lächelnde Sphinx. Ein Lächeln von Stein! Die Vergangenheit allein hat Bestand. Die Legenden sind wahr.

Die Tat der Germaine Berton ist bereits Legende. Aber sie selber lebt noch: und das Leben ist gestaltlos wie das fließende Wasser.

Die Tat ist geschehen: die Welt aber nicht besser geworden, Frankreich nicht glücklicher, die Freiheit nicht wirklicher. Wozu dann?

Freiheit? Nur die Toten sind frei! Deshalb verlockte sie das Los der Toten. Ist sie denn am Allerseelentag nicht gestorben? Sie hat ihren Tod so stark erlebt! Wohl stärker als den wirklichen!

Nun ist sie beinahe beruhigt. Und plötzlich akzeptiert sie die wissende, die unvermeidliche Erde. Ihre politische Laufbahn ist irgendwie abgeschlossen. Die Vergangenheit ist zwar da: aber wie eine Statue gewordene Form des Lebens. Nun entdeckte Germaine ein neues Reich: das des Geistes und der Liebe. Hier vielleicht ist eine höhere Freiheit zu finden, als in der brutalen, unnützlichen, irdischen Tat?

Sie schreibt am 10. November 1924 diesen Brief:

„Ihren lieben Brief[1] erhalte ich jetzt erst ... Wie gütig von Ihnen, Madame, Ihre Anteilnahme rührt mich. Aber ... trotz allem bleibt meine Seele voll von jener Vergangenheit, die mit meinem ganzen Wesen Eins ist und die ich nicht mehr aus mir zu reißen vermöchte; zuweilen dachte ich, es zu können, indem ich einige Fetzen lebenden Fleisches mit herunterriß ... aber wie ein Krebs kam es wieder.

[1] Dieser Brief ist im Original als Anhang faksimiliert wiedergegeben.

Dennoch habe ich unrecht gehabt, ich gebe es Ihnen gern zu, eine Zuflucht im Grabe zu suchen. Ich hätte wissen sollen, daß das Leben ewig triumphiert, und daß der Sarg keineswegs das letzte Lager ist, in welchem man – ‚auf ewig‘ – seine müden Glieder und sein priesterliches Herz ausstrecken darf!

Dies alles erscheint mir ach! sehr grausam und unerbittlich. Es ist so süß, zuweilen von einer vollständigen Auflösung zu träumen, und Sie werden mich nach folgenden Zeilen besser verstehen.

Ich glaube an Gott, obwohl ich keine Christin bin ... Ich habe mich immer danach gesehnt, Schmerzen lindern und so heiß lieben zu können, daß meiner Liebe Glut andere erfreuen und den Haß schmelzen würde – Das aber habe ich hienieden nicht fertiggebracht, und im Gegenteil Samen ins Feld des Hasses gestreut ...

Ich träumte auch davon, über den Tod hinaus lieben zu können; aber ich sah ein, daß ich selbst als der Engel des Lichtes bei dem großen ‚Irdischen Lamento‘ erbeben würde, und ihm selbst da noch nicht Halt gebieten könnte ...

Wenn Sie wüßten, wie schrecklich diese Einsicht ist: ‚Ich bin ohnmächtig!‘ Wenn Sie wüßten, wie dieser Gedanke mich auf den Tod unglücklich macht! Und ist das nicht übrigens auch Jesus’ furchtbarste Qual gewesen, als er am Kreuz aus dem Herzen und den vier Gliedmaßen blutete? ...

Wie soll man noch glücklich leben, wenn man weiß, daß selbst ein Gott unfähig ist, seine Liebe auf alle zu übertragen, daß es am Ende der Jahrhunderte doch noch eine Hölle und Verdammte geben wird!

Wie soll man noch einfach dahinleben, wenn man weiß, daß es trotz des Opfers immer noch verlorene Seelen geben wird? – Und daß die Erlösung keine vollständige sein wird!

Wie sollen wir am Erlösungsdurst nicht untergehen, der ewig unstillbar ist, wo doch ein Gott selber daran verdarb! Wie kann auch dieser Gott mich in meiner Schwäche stützen? Lieben kann ich ihn, in Wahrheit, aber aus meiner Liebe kann nur eine tiefe Melancholie und ein großes Mitleid mit diesem Ohnmächtigen erwachsen, der in 20 Jahrhunderten das angefangene Werk von Gethsemane nicht vollenden konnte – es nie vollenden wird!

So sind wir Menschen die ewig Betrübten, wir weinen über unseren Gott und unser irdisches Ideal! Ach! –

Schreiben Sie mir.“

Was geht in Germaine vor? Eine neue Krise, ein neues Verlangen nach Läuterung. Aber diesmal von innen heraus. Was mit politischem Skandal, was mit allen modernen Trompeten der Welt, was mit Blut, Tod, Gericht nicht erreichbar war (ein Mädchen von 20 Jahren konnte diesem irdischen Tumult gewiß eine Bedeutung zuschreiben, wo die Millionen der Lebenden bis zu ihrem Tod den Zustand als wertgültig hinnehmen!), das versucht nun die durch die Flamme heil Emporgegangene mit dem Gegenteil, mit der Liebe, mit der Einkehr, mit einem neuen _Glauben_ zu erreichen. Auf diesen Glauben kommt es an! Nur in diesem Glauben liegt die wahre Freiheit geborgen.

Germaine Berton hat alle politischen Formen verbraucht. Sie wirft die menschlich-irdischen Möglichkeiten zum alten Eisen. Sie richtet jetzt die Frage an die Religionen, an alle Götter. Alle interessieren sie. Sie tastet und sucht. Wo liegt das Unfindbare? Christentum, Buddhismus, Rosenkreuz, Spiritismus: das zweiundzwanzigjährige Mädchen richtet die eine naive, immer dieselbe Frage an die Galerie der Götter. –

Wird eine Antwort ihr entgegenschallen? Vielleicht hört sie Stimmen? In dieser selben Geistesverfassung befand sich die heilige Jungfrau von Arc. Germaine Berton ist gewappnet. Sie hat einen Glauben. Sie bereitet sich vor. Sie weiß von sich. Sie fühlt sich getragen. Sie ist das vollkommenste Abbild der „Freiheit“. Sie hat Geduld und Ehrgeiz, diese Attribute des Genius. Sie erwartet die wahre Revolution.

Wie groß sie noch wird, hängt von der Zeit ab, deren Form der Einzelne spiegelt.

Germaine glaubt.

Wir glauben an sie.

Dezember 1924.

Gesegnet sei Frankreich, daß es neben den Opferfreudigen auch die milden, die geduldigen Frauen besitzt! Séverine ist das Symbol der allseits mütterlichen Güte. Eine Heilige der Republik. Eine Frau, die seit fünfzig Jahren mitten in den sozialistischen Reihen steht und ihre ganze Existenz dem Volk gewidmet hat. Heute trägt sie einen Silberkopf, zwei unverwelkte Veilchen in den Augen und das unsagbare Lächeln, geheimnisvoll und rein, wie die Entsagenden. Sie tritt vor die Schranke und lächelt, und schon ist Germaine gerettet. Sie faltet die Hände, wie die stillen Damen es zu tun pflegen, und ein Wunder geschieht. Der Saal, eben noch ein stürmisch aufgeworfenes Meer, ruht wie von Öl begossen. Sie spricht nicht, sie singt. Sie singt von einem Kinde, das nie eine Mutter gehabt hat und arm und kalt in die Großstadt hineinwehte. Man hat ihr vieles vorgeworfen und vorzuwerfen, aber ... „Sehen Sie, Ihr Herren Geschworenen, es ist ein Kind, das nicht ausgebrütet wurde unter den Küssen einer Mama. Man hat ihr das Herz nicht entwickelt, diesem Mädel. Sie weiß ja nichts. Und sie ist erst zwanzig ... Wenn Sie wüßten, was ich schon alles in diesem Saal erlebt habe, den Freispruch der Frau Clovis Hugues, der Frau Steinheil, der Frau Caillaux, und diese alle hatten nur aus egoistischen Gründen, aus Ehrgeiz, aus Habsucht oder aus Liebe gehandelt. Diese hier aber hat weder an Geld, noch an sich gedacht. Sie hat sich für die anderen geopfert! „Es ist ein armes Kleines. Man muß es lieb haben!“