Part 7
All die Farbenpracht und Farbenfreude, die dem Morgenlande eigen sind, sie entfalten sich ganz von selbst in Venedig. Unterstützt wird diese Freude an Pracht und Farbe durch die gewaltigen, schier unermeßlichen Vermögen, die durch den Handel in Venedig aufgehäuft werden. Vor allen Dingen aber behauptet Venedig damals eine Machtstellung sondergleichen, dank der großzügigen, wenn auch rücksichtslosen Handelspolitik, die die Lagunenstadt im gesamten Gebiete des Mittelmeeres entwickelt. Nicht ohne Grund lautete damals ein Merkwort:
Straßburger Geschütz, Nürnberger Witz, Venediger Macht, Augsburger Pracht, Ulmer Geld, bezwingen die ganze Welt.
All diese venezianische Freude an Pracht und Schönheit, an Form und Farbe ist getaucht in den hellen Sonnenglanz, der den größten Teil des Jahres über der Stadt liegt und den das Meer mit seinen vielen, die Stadt durchziehenden Armen und Kanälen tausendfach widerstrahlt. Daher rührt es, daß in den Werken der Maler Venedigs immer eine berückende Farbenpracht und eine glänzende Farbengebung vorwalten, gleichsam als sei alles mit den leuchtenden Strahlen von Sonne und Meer getränkt. Das zeigt sich schon im 15. Jahrhundert in den Schöpfungen eines Jacopo Bellini und tritt noch schärfer hervor in den Werken seiner Söhne Gentile und Giovanni Bellini. Besondere Förderung erfährt dieses Bestreben dadurch, daß die beiden Brüder zwischen 1473 und 1475 die Technik der Ölfarbe erlernen und seitdem anwenden. Diese durch Antonella da Messina 1473 in Venedig eingeführte Öltechnik ist von der größten Bedeutung, denn sie allein gestattet die Wiedergabe der Farbe in ihrer vollen Tiefe, die Wiedergabe des Lichtes in seinem vollen Glanze. Bis dahin konnten sich die Maler nur mattwirkender Farben bedienen, indem sie entweder mit Kalkfarbe ~al fresco~, d. h. auf den frischen Bewurf der Wand malten, oder aber Tafelbilder auf Holz, Kupfer oder Leinwand in Leimfarben oder Eifarben (Tempera) herstellten. In dem einen wie dem anderen Falle erscheinen nach dem Auftrocknen die Farben stumpf und flach. Jetzt ermöglicht die Ölmalerei die Anwendung von Farben, die denen der Wirklichkeit gleich sind an Kraft und saftiger Schönheit, die dabei jede Abwandlung vom zartesten Hauche bis zur sattesten Tiefe gestatten und die, nachdem sie aufgetrocknet sind, durch einen Überzug von Firnis (Lack) eine unveränderliche Leuchtkraft gewinnen. Darum haben so viele von den Meisterwerken jener Tage ihre volle Wirkung bis heute bewahrt.
In dieses Venedig hinein und gleich zu den Bellinis in die Lehre kommt im Jahre 1487 unser Tizian. Er war 1477 als Sprößling einer angesehenen Familie zu Pieve di Cadore im Friaul geboren, also inmitten einer großartigen, majestätisch-monumentalen Alpenwelt aufgewachsen. Wenn auch damals und noch mehr in späteren Jahren die Handelsmacht Venedigs sich allmählich verringerte, weil der Welthandel infolge der Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Ostindien mit der Zeit andere Bahnen einschlug, so verschob sich das alles doch nur Schritt für Schritt, so daß Venedig seine Vormachtstellung im Mittelmeer noch Jahrhunderte behielt und damit seinen Reichtum und seinen Glanz, seine Pracht und seinen Ruhm.
Knapp zehn Jahre hat Tizian gebraucht, um zu einer selbständigen Wirksamkeit als Maler zu gelangen. Aber wie jeder heranwachsende Künstler unterliegt auch er in der ersten Zeit seines Schaffens fremden Einflüssen. Die Auffassung und Malweise seiner Lehrer hält er längere Zeit fest, dann nähert er sich mehr der weichen Art des Giorgione, mit dem zusammen er bis 1508 an der Ausmalung des deutschen Fondaco, des deutschen Kaufmannshofes in Venedig, tätig ist. Aber auch Leonardo da Vinci bleibt nicht ohne Wirkung auf ihn. Schließlich verläßt er Venedig und malt 1511 bis 1512 in Padua Fresken.
Aber Venedig hat es ihm doch angetan. Er mag es gefühlt haben, daß er, der hochgemute, scharfblickende, kühn und fest vorwärtsstrebende Sohn der Alpen, nur in dem stolzen, reichen, von allen Schätzen der Welt erfüllten Venedig sein Ziel erreichen könne, ein großer Maler zu werden. Und er wird es dort. Mit seiner Rückkehr nach Venedig 1512 beginnt der zweite Abschnitt seine Lebens voll künstlerischer Selbständigkeit und reicher Wirksamkeit. Schon 1516 wird er zum Ratsmaler von Venedig ernannt. Er knüpft Verbindungen mit den Fürstenhöfen von Ferrara und Mantua an, arbeitet zeitweilig auch dort. So sind die zwanzig Jahre von 1512 bis 1532, also sein Mannesalter vom fünfunddreißigsten bis fünfundfünfzigsten Jahre, ausgefüllt von unermüdlichem, niemals erlahmendem Schaffen, das ihn auf die Höhe seiner Kunst führt.
Das Jahr 1532 bringt eine entscheidende Wendung im Leben Tizians. Er malt Kaiser Karl V. und tritt zu ihm in enge Beziehungen. Damit wird er ganz von selbst zum gesuchtesten Maler seiner Zeit, dem seine großen Einkünfte gestatten, ein fürstliches Haus zu führen, dem aber auch seine ausgebreiteten persönlichen Verbindungen gestatten, die Größten und Besten seiner Zeit als Gäste bei sich zu sehen: die fürstlichen Staatshäupter, die Träger der höchsten kirchlichen Würden, die Großen an Geist und die Großen an Geld. Selbst wie ein Fürst anzusehen, hochgewachsen und von breiten Schultern, mit Adlernase und großen, kühnen Augen, vornehm und gelassen in Haltung und Bewegung, empfängt der 1533 Geadelte seine fürstlichen Gäste. Als ihn 1576 die Pest hinwegrafft, hat der Neunundneunzigjährige noch keine Abnahme seiner Arbeitskraft verspürt.
Groß ist die Zahl der Werke, die Tizian geschaffen. Nur die wichtigsten können genannt werden. In den Jahren seiner Entfaltung vor 1512 entstehen drei seiner berühmten Jugendwerke, der heilige Markus, der Zinsgroschen und das unter dem Namen der himmlischen und der irdischen Liebe bekannte Bild. In sein Mannesalter fällt die Assunta, d. h. die Himmelfahrt Mariä, weiter die Madonna der Familie Pesaro, die Ermordung des Petrus Martyr, die Madonna in der Glorie, die drei Bacchanale, die Flora, die Venus von Urbino. Aus der Zeit seines Alters, zwischen 1532 und 1576, stammen seine reifsten Werke, die Bildnisse Karls V., des Herzogs und der Herzogin von Urbino, des Papstes Paul III., seine Selbstbildnisse und das schöne Bild seiner Tochter Lavinia mit der Fruchtschale in den hocherhobenen Händen. Daneben der Tempelgang der Maria, die Dornenkrönung Christi, Danae im Goldregen.
Wie kaum ein anderer seiner Zeit hat Tizian es verstanden, die Farbe zur höchsten Wirkung zu bringen. Die Farben im Bild zusammenzustimmen, sie zu voller Harmonie und höchstem Schmelze zu entwickeln, das ist das koloristische Ziel, das ihm vorschwebt und das er erreicht. Daneben aber der hohe künstlerische, geistige und sittliche Gehalt seiner Werke. Denn was er malt, ist erfüllt von Schönheit und Kraft, von erhobener Ruhe, Würde und Majestät, stolzer Sicherheit und tiefstem innerlichen Leben.
So verlockend es ist, einem Künstler auf die Höhe seiner Laufbahn zu folgen, so reizt es doch noch mehr, aus einem seiner Jugendwerke das herauszulesen, was er als reifer Meister bekundet hat. Deshalb ist hier der Zinsgroschen ausgewählt, jenes Jugendwerk, das in der Dresdner Galerie hängt. Das Ölgemälde ist um 1508 entstanden, also zu einer Zeit, als Tizian etwa 31 Jahre gezählt hat.
Es handelt sich um die bekannte Begebenheit aus der Biblischen Geschichte. Die Pharisäer wollen dem Heiland aus seinen Reden einen Fallstrick drehen und entsenden einige ihrer Jünger, ihm verfängliche Fragen vorzulegen. So fragen sie ihn, ob es recht sei, dem Kaiser Zins zu zahlen, d. h. ihm Steuern zu entrichten. Sie hatten natürlich dabei die Absicht, den Erlöser zu einer unbedachten Antwort zu verleiten, zu einer Äußerung etwa des Inhalts, daß der Kaiser nicht berechtigt sei, Steuern zu erheben. Dann hätten sie natürlich diese Äußerung der Obrigkeit hinterbracht und Jesus Christus als Aufwiegler gebrandmarkt. Aber Jesus Christus, der die Fragenden durchschaut, spricht zu ihnen: Weiset mir die Zinsmünze, und als sie ihm einen Groschen reichen, fragt er sie: Wes ist das Bild und die Umschrift? Als sie ihm darauf antworten: Des Kaisers, spricht Jesus die Worte zu ihnen: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.
Es ist unverkennbar, daß Tizian dieses Bild unter dem Einflusse von Leonardo da Vinci geschaffen hat. Aber nur unter seinem mittelbaren Einflusse insofern, als Aufbau und Durchführung an das Vorbild Leonardos erinnern. Im übrigen aber ist das Werk eine vollkommen selbständige Schöpfung Tizians. Und mit welcher Meisterschaft hat er den Vorgang bewältigt! Zunächst schon erfüllt er in der Komposition, im Entwurfe das erste Erfordernis aller Kunst, sich auf das Notwendige zu beschränken, indem er weiter nichts darstellt als Christus und einen seiner Versucher, nämlich den fragenden. Und auch diese beiden gibt er nur als Halbfiguren wieder. Dadurch erzielt Tizian eine wertvolle Zusammendrängung seines Werkes, er führt den Vorgang zurück auf das Wesentliche, auf die an sich höchst einfache Handlung. Da aber setzt er mit allen Mitteln der Kunst die beiden Personen zueinander in Gegensatz und vereinigt sie doch wieder zu einer künstlerischen Einheit, den fragenden Pharisäer und den antwortenden Christus. Scharf sind beide gegeneinander gekennzeichnet. Christus, das Antlitz voll Milde und Sanftmut, durchgeistigt und voll ruhigen Ernstes, die Lippen als ob sie sprächen und doch um Mund und Augen herum so etwas wie ein gelassenes Lächeln innerer Überlegenheit über die Plumpheit, mit der der andere seine Schlinge stellt. Die Hand Christi, die auf den Zinsgroschen weist, ist ebenso durchgeistigt wie das Gesicht. Es ist die Hand eines tief und viel Denkenden, eines Mannes, der über die letzten Rätsel der Menschheit gegrübelt hat und erfüllt ist von Mitleid und Erbarmen. Ganz anders der Fragende. Braun von Hautfarbe, hager, ein Mann des Gierens und Erraffens, ein selbstsüchtig Hastender, der zeitlebens an nichts anderes gedacht hat als an das Erringen des Leiblichen, ein Mann voll Tücke und Schliche. Das Nachdenken über sich selbst und sein Beginnen, oder gar über Gott und Menschen hat er nie geübt oder doch schon längst verlernt. Das von Leidenschaften durchfurchte braune Gesicht des Fragenden steht in schlagendem Gegensatze zu dem feinen hellen, von unendlicher Güte durchleuchteten Antlitze Christi, und die grobe, braune, derbknochige, von dicken Adern durchzogene Hand des Pharisäers bildet ein vollständiges Widerspiel zu der feinen, schlanken Hand Christi. Dazu die Haltung der beiden. Der Fragende, der sich plötzlich wie eine falsche Katze an Christus herangedrängt hat und ihm nun listig und schmeichlerisch anhängt; Christus, der sich im Weiterschreiten nicht aufhalten läßt, sondern sich nur halb zu dem Fragenden umwendet und so ihm seine Antwort gibt.
Bemerkenswert weiterhin, mit welcher Meisterschaft die Farben der Gewänder gegeneinander abgestimmt sind. Christus mit dem hellrötlichen Untergewand und dem blaugrünen Mantel dazu, der Pharisäer in dem grünlichen Gelb seines Gewandes. So beherrscht der Farbendreiklang Hellrot, Blaugrün und Grünlichgelb das ganze Bild; und zu diesem Dreiklang gesellen sich harmonisch das Braun in der Hautfarbe des einen, der helle Ton in der Haut des anderen, die braunen Haare des einen, die braunschwarzen des anderen. Also auch hier wieder eine große Meisterschaft des Urhebers.
Vor allem aber tritt uns schon in diesem Jugendwerke Tizians alles das entgegen, was sein späteres Schaffen kennzeichnet, die monumentale Größe des Vorwurfes, die Wucht und Eindringlichkeit der Darstellung, die vornehme Ruhe und der tiefgeistige Gehalt des Vortrags, der klare, nur auf das Notwendige beschränkte Aufbau, die meisterhafte Beherrschung der Farbe, die unvergängliche Schönheit der Leistung. Man versteht es, daß solch ein Maler zu einem Fürsten unter den Künstlern heranreifen mußte.
_Georg Lehnert._
Die heilige Nacht
Von Antonio Allegri da Correggio
Geboren um 1494 zu Correggio, gestorben 5. März 1534 ebendort. Gemäldegalerie in Dresden
Buntbild III
An Stelle der überlieferten Anschauungen des Mittelalters trat im Italien des 15. Jahrhunderts die Renaissance und erweckte das klassische Altertum zu neuem Leben. Sie öffnete den schönen Künsten und Wissenschaften die lange verschlossenen Pforten hoher Erkenntnis. Wie schon ihr Name sagt, führte sie eine förmliche _Wiedergeburt_ der Geister herbei und brachte Umwälzungen auf allen Gebieten. Die treibende Kraft war die Kunst, die in den Herzen der Menschen neues Leben entfachte. Gleichwie die Sonne mit sieghaften Strahlen die winterliche Nacht durchbricht und die Erde mit Glanz und Schönheit erfüllt, so wirkte das Zeitalter der Renaissance in Italien. In jeder Brust erwachte übermächtig die Sehnsucht nach Freude; alle Geister waren von leidenschaftlicher Liebe zu Kunst und Wissenschaft durchglüht: düsteres Grübeln und finsterer Aberglaube schwanden dahin; verheißungsvoll leuchtete das Morgenrot einer neuen Zeit. Begeisterung, Jubel, Lust und übersprudelnde Lebensfreude warfen die überlieferten Anschauungen in einem glücklichen Augenblick über den Haufen. Nicht nur die Edlen und Großen, Reichen und Mächtigen pilgerten freudeberauscht zu diesem Lebensquell, nein, das Dasein aller Volksschichten wurde durch einen Hauch der Erneuerung und Erhöhung verjüngt. Päpste und Fürsten wetteiferten miteinander im Dienste der hohen Muse. Herrliche Kirchen und Paläste entstanden, mit wunderbaren Gemälden und Skulpturen geschmückt; daneben wurden der Forschung und Wissenschaft langentbehrte Heimstätten errichtet.
Die reinste Blüte erreichte die Renaissance in den unsterblichen Werken eines Leonardo, Michelangelo und Raffael. Rom, Florenz, Venedig, Mailand, Bologna und andere Städte sind beredte Zeugen der hohen Blüte jener Tage. Aber auch in kleinere Plätze wie Ferrara, Mantua, Perugino, Parma, Rimini und viele andere warf die Fackel der Erkenntnis ihren lodernden Schein. Unter ihnen gebührt der zwischen Parma, Reggio, Modena, Carpi, Bologna, Ferrara und Mantua gelegenen Stadt Correggio ein Ehrenplatz. In ihren Mauern erblickte unser Meister Antonio Allegri da Correggio, der Schöpfer des wunderbaren Gemäldes „Die heilige Nacht“, das wir miteinander betrachten wollen, das Licht der Welt. Eigentlich heißt er nur Antonio Allegri, wurde jedoch, wie es damals Brauch war, nach seiner Geburtsstadt „da Correggio“ genannt. Unter diesem Namen ist er nach seinem Tode in der ganzen Welt bekannt und hochberühmt geworden. Von seinem Leben wissen wir verhältnismäßig wenig Zuverlässiges. Die Überlieferungen sind in vielen wichtigen Punkten lückenhaft geblieben, so sehr sich die Forschung auch bemüht, die Schleier zu lüften und Klarheit zu schaffen. Wahrheit und Dichtung stehen hart beieinander; denn viele Zeugnisse verblaßten, und manche Zugänge zu tieferer Erkenntnis wurden im Laufe der Jahrhunderte verschüttet. Überzeugender aber als alle beglaubigten Schriftstücke spricht zu uns die erhabene Kunst unsres Meisters, in der er sich selbst ein Denkmal gesetzt hat, dauerhafter als Erz!
Der Vater unsres Malers hieß Pellegrino und bewohnte mit seiner Frau, einer geborenen Bernardina Piazzoli, ein bescheidenes Häuschen in Correggio. Er soll ein fleißiger und vorbildlicher Hausvater gewesen sein. Ganz unbemittelt waren die Eltern wahrscheinlich nicht; denn Antonios Mutter hatte dem Gatten eine Mitgift von hundert correggianischen Lire in die Ehe eingebracht. Den Geburtstag Antonios kennen wir nicht; auch über die Ereignisse der frühesten Jugendjahre schweigen sich die Quellen aus. Mit ziemlicher Sicherheit dürfen wir aber annehmen, daß der Knabe schon frühzeitig mit Künstlern in Berührung kam. In seiner Vaterstadt lebten, wenn oft auch nur vorübergehend, viele Maler, Bildhauer und Architekten. Daneben war das edle Kunstgewerbe durch angesehene Teppichweber und Goldschmiede würdig vertreten, und Antonios Oheim, Lorenzo, des Vaters Bruder, war selbst ein Maler. In seiner Werkstatt hat der Knabe vermutlich die ersten Eindrücke gewonnen und die erste, wenn auch ganz oberflächliche Berührung mit der Kunst gehabt. Vielleicht hat sich seine kindliche Phantasie, ganz unbewußt, in knabenhaftem Spiel der hohen Muse genähert. Zweifellos hat er in des Oheims Werkstatt das rein Handwerksmäßige, was damals von großer Wichtigkeit war, erlernt. Später, als er zum Jüngling heranreifte, haben sich frühzeitig gewonnene, vielseitige Eindrücke und Erlebnisse in seiner Seele geklärt und geläutert. Ganz unverkennbar bleibt ein nachhaltiger Einfluß aus dem Studium der Werke der Meister Andrea Mantegna in Mantua und Lorenzo Costa, der nach Mantegnas Tode von Ferrara nach Mantua übersiedelte. Hier hatte unser jugendlicher Maler, der wohl oft in Mantua war -- er flüchtete 1511 dorthin, als seine Vaterstadt von der Pest heimgesucht wurde, und blieb hier zwei Jahre -- in den Schlössern des Fürsten Francesco Gonzaga reichlich Gelegenheit, die Werke der großen Zeitgenossen zu bewundern und zu studieren. Aber auch bei Bianchi Ferrari, einem Meister der sogenannten „emilianischen“ Malerschule in Modena, soll Correggio manches gelernt haben. Mit knapp zwanzig Jahren entfaltete sich sein Genius. In dem Hochaltarbild für die dem heiligen Franziskus geweihte Kirche seiner Heimatstadt zeigte er der Mitwelt, daß er zum Künstler geboren war, daß er die früh gewonnenen Eindrücke seelisch verarbeitet und mit neuen, eigenen Ideen belebt hatte. Wenngleich er sich von der überlieferten Kunstauffassung noch nicht völlig freimachen konnte und vielfach an die Sonderwünsche seiner Auftraggeber gebunden war, so tritt uns in dem ganzen Aufbau dieses Werkes neben Eigentümlichem und Persönlichem eine gewaltige Kraft und Tiefe entgegen. Das beweisen allein schon die geistigen Beziehungen, die der Künstler in den Blicken der beiden Hauptfiguren dieses Gemäldes zum Ausdruck gebracht hat.
Nun folgte ein reichgesegnetes unermüdliches Schaffen der sogenannten ersten Kunstepoche Correggios, die etwa mit dem Jahre 1519 ihren Abschluß findet. Als willkommener Vorwurf tritt neben anderen das Kult- und Andachtsbild in den Vordergrund. Die Madonna mit dem Kinde in zahllosen Gruppierungen, Christus, die Geschichte des Leidenswegs, Heilige, Apostel, Propheten, Schutzpatrone und dergleichen gelangen in immer neuen Fassungen nach eigenen persönlichsten Auffassungen zur Darstellung. Daß Correggio nicht arm gewesen sein kann, geht wohl schon daraus hervor, daß er mit den teuersten Farben auf dem feinsten Material malte, auf Kanevas, Holz und Kupferplatten. Daneben trieb er eingehende anatomische Studien und war stets beflissen, auch in technischer Beziehung das Höchste zu leisten.
Nicht wie andere Könige im Reiche der Kunst fand unser Correggio den Weg zu Fürsten und höchsten kirchlichen Würdenträgern. Selten nur hat ihm die Sonne der Gunst geschienen. Er lebte meist still und zurückgezogen und war im Verkehr mit großen Herren wenig gewandt. Dazu trat ein tiefes Heimatgefühl, das ihn mit der Scholle der Väter innig verband. Nie eigentlich hat ihn der Wandertrieb ergriffen, und selbst Rom, die Ewige Stadt, hat er wahrscheinlich niemals betreten. Alle Stimmungen gewannen in seiner Phantasie Gestalt und Leben, ehe sie im Atelier oder an den Stätten, für die sie bestimmt waren, in farbiger Herrlichkeit geboren wurden. Wohl lebt viel Freude in seinen Werken, Freude, die seinem innersten Wesen entstammt, und doch ist er bis zu seinem Tode vermutlich ein Weltflüchtiger, ein eigentlich Einsamer geblieben.
Welche Fülle künstlerischen Schauens und Könnens vereinigt sich in dem Namen Correggio! Seine Werke sind die Zeugen eines unablässig suchenden Geistes nach hoher künstlerischer Auswirkung, nach eigenwilliger Beherrschung der Materie. Fast alle seine Schöpfungen überraschen durch die Liebe, mit der sie auch in den Einzelheiten gemalt sind, durch die glänzenden Lichteffekte, durch die oft eigentümliche Gruppierung der dargestellten Figuren und die wechselseitigen Beziehungen, die zwischen ihnen geschaffen sind, durch die Wärme und Weichheit der Farbentöne, durch die Behandlung der Landschaft und zarte Führung der Linien. Seine Hand war begnadet, Geist und Herz standen im Dienste höherer Erleuchtung. Von ihm stammen Werke, die neben den Schöpfungen Michelangelos und Raffaels würdig bestehen können. Die höchste Reife künstlerischen Könnens offenbarte Correggio in den Kuppelmalereien des Domes zu Parma. Hier hat seine Meisterhand ungeheure Schwierigkeiten spielend besiegt, und damit erreichte er im Jahre 1526 den Höhepunkt seines Schaffens, das ihn für alle Zeiten in die Reihen der größten Meister stellt. Auch von ihm gilt Goethes Wort: Es kann die Spur von seinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn. Sein Leben war reich und groß. In einer verhältnismäßig kurzen Zeitspanne sind Werke von unschätzbarem Werte entstanden. Am 5. März 1534 ist der berühmte Meister, kaum vierzig Jahre alt, in seiner Heimatstadt gestorben. Und nun wollen wir unsere Herzen höher stimmen und das herrliche Gemälde „Die heilige Nacht“ genauer miteinander betrachten. Alles, was unser Auge auf diesem Bilde erblickt, atmet die überwältigende Weihe der großen Stunde, die der Welt den Erlöser schenkte. Süß und verheißungsvoll klingen die Weihnachtsglocken. Sanft und mild senkt sich der Gnadengruß der himmlischen Heerscharen in unsere Seele. Wir hören ihr: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ Der jahrhundertealte Zauber der „stillen, heiligen Nacht“ erfüllt unser Herz, und unsere Lippen sprechen den Vers des vertrauten, lieblichen Weihnachtsliedes „Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all“:
„Da liegt es, ihr Kinder, auf Heu und auf Stroh, Maria und Joseph betrachten es froh; Die redlichen Hirten knien betend davor, Hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.“