Gemälde und ihre Meister

Part 6

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Man hat ihn mit Recht den _Dichter_ unter den Malern genannt. Seine Kunst verrät eine Persönlichkeit, in deren Grundwesen sich eine von wundersamen Bildern und Gesichten erfüllte Phantasie mit einem lyrisch-träumerischen Hingegebensein an _Natur_ und _Menschensein_ verbindet. Denn beides hat er als erster unter seinen Zeitgenossen in eines verschmolzen. Der Mensch geht in der ihn umgebenden Landschaft völlig auf; die Stimmung beider fließt ineinander, so daß der tiefste Gemütseindruck erzeugt wird. Eine eigene Welt tut sich in dieses Dichter-Malers Bildern auf, die von leiser, melancholischer Musik durchklungen scheint. Die meisten seiner Gemälde sind von einem mystischen Hauch umweht, von einer tiefen Nachdenklichkeit erfüllt, und es ist, als schwebe überall das Menschenrätsel, das ewige, heran... Schon Vasari, der Maler-Biograph, kennzeichnet Giorgiones künstlerische Natur als geheimnisvoll und schwer verständlich. Doch gilt dies, wie neuere Kritiker mit Recht betonen, nur von den Gegenständen seiner Schilderung. Die Stimmung und die Empfindungsweise, aus welcher seine in tiefe Farbenglut getauchten Gemälde hervorgehen, liegen offen zutage.

Das Geheimnis, das über den Motiven Giorgiones schwebt, ist auch über sein Leben gebreitet. Es ist seltsam, daß ein Künstler wie er, den schon sein eigenes Zeitalter zu den bedeutendsten Erscheinungen rechnete, der eine ausgeprägte Persönlichkeit war und als solche die größte Wirkung ausstrahlte, so wenig Zeugnisse seines Lebensganges hinterließ. Wie allen Götterlieblingen, wie Raffael, wie Mozart, war auch ihm nur eine kurze Zeitspanne für sein ganzes reiches Wirken vergönnt -- Giorgione ist nur 34 Jahre alt geworden. Geboren war er bei Castelfranco in Oberitalien, nahe dem heiteren Treviso, wahrscheinlich im Jahre 1477. Die anmutige, von den fernen Alpen begrenzte Landschaft, in der er aufwuchs, gab dem sinnigen Wesen des jungen Giorgio gewiß die schönste Anregung und legte den Grund für jene bewundernswerte Einfühlung in die Natur, die in seinen Bildern zutage tritt. Seine Phantasie erhielt dann reiche Nahrung durch einen der berühmtesten Alchimisten seiner Zeit, den Grafen Bernhard von der Mark, der die ganze Welt durchstreift hatte, um den „Stein der Weisen“ zu finden (was ihm angeblich als Greis auch gelungen ist), und der damals in Treviso hauste. Der _Künstler_ Giorgione aber erwachte erst, als er nach Venedig kam, der Stadt seiner Träume, die auch die Stadt seiner Erfüllung werden sollte. Venedig als Stadt und Staat stand auf der glänzendsten Höhe seiner Weltmacht; es bot das feinste gesellschaftliche Leben, die unerhörteste Pracht an Festen und Genüssen aller Art; seine farbenbunte Heiterkeit, seine Schönheit und sein Reichtum übersonnten ein Geschlecht von lauter daseinsfrohen Gegenwartsmenschen, und dazu kam noch eine unvergleichliche Natur- und Kunstfülle. Alles war in lebendigster, freudigster Bewegung.

Giovanni Bellini, dessen Ruhm als Madonnenmaler weit und breit erscholl, hatte die neue Technik der Ölmalerei zur glänzendsten Entwicklung gebracht. Seine Schule genoß das reichste Ansehen und gewann immer größeren Einfluß, denn er hatte die venezianische Malkunst aus ihrer früheren Steifheit und Konvention erlöst, sie zur Wahrheit und Freiheit geführt, mit dem Odem des Lebens erfüllt und ihr ein Kolorit geschenkt, das voll Wärme und Leuchtkraft war. Aus seiner Schule sollten denn auch die größten venezianischen Meister hervorgehen -- als Giorgione[E] dort eintrat, waren schon Tizian, Palma Vecchio, Sebastiano del Piombo neben vielen anderen in der Werkstatt des berühmten Meisters tätig. Aber der jüngste Schüler erwies sich bald als der stärkste an Persönlichkeit und Eigenart, so daß sich alle ihm beugten. Hatte Bellini Wärme, Anmut, Natürlichkeit gelehrt, so brachte Giorgione das Wesentlichste, das die Mitstrebenden auf seine Bahn zog: die Beseelung. Das persönliche Wesen Giorgiones muß etwas Herzgewinnendes, Bezwingendes gehabt haben; schon früh wurde seine Schönheit und Liebenswürdigkeit, seine feine Bildung, seine große musikalische Begabung und sein Liebesglück gerühmt. Wie der Mensch war, war auch sein Werk -- darum setzte sich auch sein Einfluß auf die künstlerisch schaffenden Zeitgenossen -- vor allem auf Tizian -- und das ganze ihm folgende Jahrhundert so mühelos und selbstverständlich durch. Gab ihm Bellini auch das technische Fundament, so ist Giorgione doch im Gedanklichen, in der Empfindung, im Gefühl der richtunggebende Führer, dessen Schöpfungen eine mächtige, bezaubernde Wirkung innewohnt und die ihn zum eigentlichen Befreier der Kunst machen. „Denn an Stelle der Überlieferung“ -- so schreibt Max v. Boehn in seinem vortrefflichen Giorgione-Buch -- „setzte er die eigene Persönlichkeit, er sprengte die Fesseln, welche die Kunst so eng an die Kirche banden, er überwand die alten Götzen, und der neuen Form, die er schuf, gab er neuen Inhalt: eine schöne Menschlichkeit. Weit fort von den prunkenden Festen prächtiger Farben, welche die anderen der Natur nachschrieben, weit fort aus der lauten Welt lärmender Genüsse, welche allen gemein ist, führt er die Seele in ein Reich, das er geschaffen, das ihm allein gehört, das Ziel der Sehnsucht, das Wunderland der Harmonie, die Heimat ewiger Schönheit, dauernden Glücks.“

Die weiteren Lebensumstände Giorgiones sind völlig in Dunkel gehüllt. Als er auf der Höhe seines Schaffens angelangt war, mußte er der Welt des Scheines Valet sagen.

Ein tragisches Geschick hat es gefügt, daß von den Werken Giorgiones nur wenige erhalten sind. Eine Reihe von Fresken, mit denen er das „Kaufhaus der Deutschen“ in Venedig geschmückt hatte, ist schon früh zerstört worden; um die Echtheit mancher seiner Staffeleibilder wird noch heute viel gestritten, andere wieder werden Zeitgenossen oder Nachfolgern zugeschrieben, die im „Giorgione-Stil“ gemalt haben (und derer waren nicht wenige!). Aber an der geringen Zahl verbürgt echter Schöpfungen Giorgiones, die auf uns gekommen sind, können wir mit Bewunderung die hohe Kunst des Meisters erkennen und studieren. Es sind im ganzen fünf Gemälde, die den seelischen Reichtum, die herrliche Schöpferkraft Giorgiones offenbaren. Allen voran muß sein tief ergreifendes Halbfigurenbild „_Das Konzert_“ gestellt werden (im Palazzo Pitti zu Florenz). Es zeigt drei musizierende Männer, zwei Mönche und einen ritterlichen Jüngling von fast mädchenhafter Zartheit. Dieses Werk charakterisiert den Künstler in seinem reinsten Wesen: es ist selbst ein Stück innere Musik, voll verhaltener Wehmut, wie ein leises Adagio verschwebend. Aus den fragenden Augen der beiden Mönche spricht ein unnennbares Geheimnis, das man nur zu ahnen vermag; es ist, als wäre mit den Tönen der Musik eine andere Welt zu ihnen herabgestiegen, in deren Zauber sie gebannt sind, während draußen das laute Leben verrinnt, vor dem sie sich in die Stille gerettet haben. Das durchgeistigte Gesicht der mittleren Gestalt scheint ein schweres inneres Erleben widerzuspiegeln, das nun überwunden ist... Die Versonnenheit des Jünglings, die in einem tiefen Gegensatz zu den beiden gereiften Männern steht, deutet auf ein träumerisches Ahnen, daß dieses Leben zu kurz für die Pläne der Jugend ist, daß alles in Vergessen endet. Und da steigt unsichtbar die Erscheinung des Künstlers selbst mit empor: es ist, als habe er in diesem Bilde die Ahnung seines eigenen frühen Todes ausgesprochen. Das Werk wurde lange Zeit Tizian zugeschrieben.

Wie Giorgione die Landschaft in den unmittelbarsten Zusammenhang mit seinen Menschen bringt, das zeigen seine anderen erhaltenen Gemälde, besonders ein Bild, das einen Ritter und eine Mutter mit ihrem säugenden Kinde in einer heroischen Gewitterszenerie dargestellt, gewöhnlich „Die Familie des Giorgione“ genannt (Venedig, Galerie Giovanelli). Ferner eins seiner schönsten Werke, eine thronende Madonna mit Heiligen (ein Altarbild in Giorgiones Heimatsstadt), mit einer herrlichen, weitgestreckten Landschaft im Hintergrunde. Alle Großartigkeit der Auffassung, alle Pracht des Kolorits, die Giorgione eigen war, leuchtet auch aus den „Drei Philosophen“ (in der Wiener Galerie), die in eine glänzende Abendlandschaft gestellt sind, und den schönsten Frauenkörper, den die Renaissancemalerei geschaffen, bewundern wir in der „Schlummernden Venus“ (Dresdner Galerie). Auch hier die reichste Naturumrahmung, bei der man an die Worte Hofmannsthals denkt, die er über Tizian sagt: „Er hat den regungslosen Wald belebt.“ --

Giorgiones Lebenswerk, von einem göttlichen Glanze erfüllt, trägt das Zeichen der Unsterblichkeit an sich. Er hat ein Zeitalter der höchsten Schönheit heraufgerufen, und wie seine strahlende Kunst auf seine Zeitgenossen, auf seine Freunde und Schüler, ja selbst auf seinen Lehrer Bellini eine so mächtige Wirkung übte, daß sie nur „giorgionesk“ malten; daß ihn die Besten neben Raffael stellten -- so wird die hinreißende Kraft seiner Kunst und seiner Persönlichkeit auch noch viele Menschenalter überdauern.

_Felix Lorenz._

[D] Sprich: dschordschóne.

[E] Vasari berichtet, daß er „Giorgio“ getauft, aber wegen seiner Schönheit und Größe „Giorgione“ (der große Georg) genannt worden sei.

Die Sixtinische Madonna

Von Raffael Santi

Geboren 7. April 1483 in Urbino, gestorben 6. April 1520 in Rom. -- Gemäldegalerie in Dresden

Buntbild I

Maria, aller Gnaden Born, Du reine Rose sonder Dorn, Du sonnenklare Krone!

Walter von der Vogelweide

Seit vielen Jahrhunderten sind alle Mittel der Kunst in üppigster Weise verschwendet worden, um in Kultbildern die Herrlichkeit und Süße, die Hoheit und Gnade der himmlischen Jungfrau zu besingen. Wie Weihrauchduft an heiliger Stätte steigen stündlich in allen Zonen und Zungen der Welt ambrosianische Lobgesänge zu Ehren ihres unvergänglichen Namens zum Himmel. Zahllose Bilder aus Marmor und Holz künden den Ruhm und Reichtum ihres Lebens und erzählen von der Gnadensendung, zu der sie erkoren ward. Aber kein Kunstmittel hat durch die Jahrhunderte mit solcher Innigkeit und Liebe diesen schier unerschöpflichen Vorwurf gewählt wie gerade die Malerei. Mit ihren zarten und sanften Tönen war es ihr beschieden, das seelische Bild der „Gebenedeieten unter den Weibern“ am reinsten und vollendetsten zu veranschaulichen. Unter den berühmten Künstlern, denen dieser große Wurf in höchster Meisterschaft gelungen ist, steht Raffael wohl unbestritten mit an erster Stelle. In zahlreichen Kunstwerken hat er das Urbild der Jungfrau mit seinem Pinsel verewigt. Am herrlichsten und eindringlichsten aber hat er uns die Madonna mit dem Kindlein in dem Altarbilde nahegebracht, das er für die Mönche der Klosterkirche zu Piacenza (am Po in Oberitalien) malte, die dem heiligen Sixtus geweiht war. Das ist die „Sixtinische Madonna“ oder die „Madonna di San Sisto“. Nicht für alle Zeiten sollte das glorreiche Gemälde an der Stelle bleiben, an die es der Meister selbst nach der Vollendung aus Rom gebracht hatte. Im Jahre 1754 verkauften die Benediktinermönche zu Piacenza das wunderbare Gemälde um eine für damalige Zeiten namhafte Geldsumme an den kunstbegeisterten Kurfürsten Friedrich August II. von Sachsen, den Sohn Augusts des Starken. In der Dresdner Gemäldegalerie hängt das berühmte Altarbild in einem kleinen kapellenähnlichen, von den großen Sälen abgesonderten Raum seit nun bald zweihundert Jahren. Noch immer leuchtet es in altem Glanze, noch immer trägt es jahraus, jahrein in das Leben Von Tausenden und Abertausenden, die anbetend vor ihm stehen, Glanz und Schönheit, Freude und Trost, Licht und Hoffnung, Zuversicht und Kraft... Allen ist die Madonna das erhabene Sinnbild der allgütigen Helferin, der Trösterin der Betrübten und Trauernden, der Mutter der Mütter:

Sie ist der Frauen Krone, Sie ist der Mägde Kranz, Sie ist der Engel Lohne, Sie ist der Himmel Glanz.

Aus dem Gedicht: „Ich han mir userkoren“, 15. Jahrhdt.

Innerlich ergriffen schauen wir hin zu dem Bilde Marias, die uns den Erlöser geboren hat, zur Mutter des Herrn, des Königs der Könige. Maria, die Reine, die gnadenreiche Jungfrau, vom Strahlenglanze himmlischen Lichts umflossen, grüßt milde und hoheitsvoll zu uns herab mit dem Auge unvergänglicher, erbarmender Liebe. Ströme des Segens fließen aus ihrem verklärten Antlitz hin zu dem Pilger, der ihr naht, und keiner geht mit leeren Händen von dannen.

Einfach und schlicht ist das Kleid der Himmelskönigin. Aus dem blauen Mantel leuchtet das rote Untergewand und von ihrem Haupte herab fließt ein goldfarbiger Schleier. Ihre Züge verraten, daß sie von ihrer erhabenen Sendung durchglüht ist; sie weiß: in ihren Händen trägt sie das köstlichste Gefäß, das Heil der Welt, den Erlöser. Aus ihren Augen leuchtet Milde und Ernst, Glück und Schmerz, Hoheit und Würde. Ihr Haupt strahlt im Glanze eigener Schönheit. Das dunkelblonde Haar ist glatt gescheitelt und verdeckt fast völlig das linke Ohr. Mit überirdischer Leichtigkeit schwebt Maria auf den Wolken heran: sie tritt gewissermaßen aus dem Rahmen des Bildes heraus und drängt zu dem Beschauer hin. Der Heiland schmiegt sich in ihren linken Arm, von dem rechten sorgsam gestützt. Das rechte Beinchen des Kindes ist über dem linken, herabhängenden, rechtwinklig gekreuzt. Das linke Händchen faßt nach dem rechten Unterschenkel, die rechte Schulter wird von der Mutter Arm sanft hochgezogen. Die ganze Haltung der beiden Gestalten hat nichts Gekünsteltes, Schweres, sie mutet in allen Bewegungen und Stellungen durchaus natürlich und zwanglos an. Überall zeigen die Linien den edlen Schwung, den nur die Hand des großen Meisters führt. Gleich dem Auge der Mutter geht der Blick des Heilands in ferne Weiten und strebt hinaus in das All, als erfasse er suchend die ganze Menschheit, der seine Sendung gilt. Unendliche Süße und Zartheit, zugleich aber auch die herbe Ahnung kommenden bitteren Leids, zu dem der göttliche Knabe nach ewigem Ratschluß erkoren ward, leuchten aus den Augen der beiden Lichtgestalten.

Der von links unten zur Gottesmutter emporblickende heilige Sixtus, nach dem das Madonnenbild benannt ist, wird von der Pracht und dem Prunk seines Ornats fast bedrückt. Zum Zeichen der Demut und Inbrunst im Dienste der heiligen Jungfrau deutet er mit der Linken auf seine Brust; mit der Rechten weist er nach der dreizackigen Tiara, der päpstlichen Krone, die rechts in der Nähe der Schwelle steht, von der das Gemälde nach unten hin abgeschlossen wird. Als Gegenstück zu Sixtus sehen wir rechts die heilige Barbara. Ihre Haltung verrät tiefe innere Freude, selbstvergessene Hingabe, seliges Glück. Sie erscheint als Fürsprecherin der Gläubigen, die sich der heiligen Jungfrau mit ganzer Seele weihen und des Segens harren, der aus ihren Gnadenhänden fließt. Ich habe oft den Eindruck gehabt, als ob das Auge der heiligen Barbara von der Größe ihrer Mission und dem unerhörten Glanze geblendet sei, der wie der Offenbarung Licht von Maria und dem Kinde ausstrahlt. Sixtus und Barbara sind gleichsam die Herolde, die den in den Tiefen harrenden Gläubigen das Nahen der Himmelskönigin und des Heilands künden. Ganz im Vordergrunde, der irdischen Welt am nächsten, sehen wir die in seliges Schauen versunkenen, von harmloser Freude erfüllten beiden beflügelten Englein. --

Nun sollt ihr auch etwas aus dem Leben des hochberühmten Meisters erfahren, der uns mit dieser herrlichen, einzigartigen Gabe beschenkt hat.

Raffael Santi wurde am 7. April (auch der 28. März, ein Karfreitag, wird vielfach als Geburtstag angegeben) im Jahre 1483 in Urbino, der Hauptstadt des kleinen Herzogtums Montefeltro, geboren. Das Städtchen Urbino liegt auf einem östlichen Vorberge des römischen Apennin, zwischen dem Metauro und Foglio. Raffaels Mutter, Magia, die Tochter des Bottista Ciarla, war gleichfalls aus Urbino gebürtig. Sie starb, als der Knabe kaum acht Jahre zählte. Sein Vater, Giovanni Santi, hatte sich in mancherlei Tätigkeiten versucht, ehe er sich der Kunst zuwandte und als Maler sinnigfrommer Heiligenbilder im Stile der damaligen Zeit, für sich und die Seinen den Unterhalt erwarb. Er selbst hat den jungen Raffael in die Anfangsgründe der Malerei eingeführt. Es sollte ihm aber nicht vergönnt sein, den Ruhm des hochbegnadeten Sohnes zu erleben; denn auch er starb schon 1494, als Raffael im zwölften Lebensjahre stand. Beim Meister Perugino, der die sogenannte umbrische Malerschule leitete, fand der kunstbegeisterte Knabe die weitere Ausbildung. Er wurde von der sanften, milden Art seines Lehrers innerlich tief berührt. Seine ersten, selbständigen Schöpfungen beweisen, daß er ganz in Peruginos Bahnen wandelte. Da Raffael eine ausgezeichnete Vorbildung und ganz hervorragende Begabung mitbrachte, machte er rasch große Fortschritte. Es folgten die Jahre künstlerischen Aufschwungs in Florenz mit dem Florentiner Fra Bartolommeo. Zugleich ist der Einfluß der großen florentinischen Meister Masaccio, Donatello und Leonardo da Vinci auf seine Entwicklung ganz unverkennbar. Die Zeit des gewaltigsten und fruchtbarsten Schaffens stand ihm noch bevor. In Rom, der Ewigen Stadt, sollte sich unter dem Schutz kirchlicher Würdenträger seine Kunst zu der überwältigenden Höhe steigern, die ihn bis auf unsere Tage in die Reihen der glänzendsten Künstler aller Zeiten stellt. In Rom, wo er seit dem Jahre 1508 lebte, entfalteten sich Geist und Kunst zu so überragender Reife und unerreichter Meisterschaft, zu solcher Fülle schöpferischen Schauens und Erlebens, die seinen Genius in hellstem Lichte zeigt. Seiner Hände Werk war sichtlich gesegnet; gleich seiner Kunst war sein Leben harmonisch und klangreich wie köstliche Musik, die jauchzende Jugend zu seligem Tanze ruft. Seine Stirn ist von unvergänglichem Lorbeer umkränzt; er ist ein Priester im Reiche der Schönheit, ein König im Reiche der Kunst! Fast will es scheinen, als hätte er den frühen Tod vorausgeahnt; denn die wenigen Jahre, die ihm bis zu seinem Scheiden von dieser Erde blieben, waren von beispielloser Fruchtbarkeit. Die erhabenen Schöpfungen, die in dieser kurzen Zeitspanne entstanden, könnten ein langes, reichgesegnetes Künstlerleben füllen.

Ein glänzendes Charakterbild des Menschen und Künstlers Raffael zeichnet uns einer der Zeitgenossen:

„Raffael ist sehr reich und steht beim Papste in Gunst; er ist von der höchsten Herzensgüte und doch mit bewunderungswürdigen Gaben ausgestattet. Unter den Malern ist er vielleicht der erste, in Theorie und Praxis gleich ausgezeichnet. Als Architekt so unermüdlich und erfinderisch, daß ihm zu ersinnen und auszuführen gelingt, woran die größten Geister verzweifelten. Er ist der oberste Baumeister von Sankt Peter. Doch davon will ich nicht sprechen, sondern von dem bewunderungswürdigen Werke, das er jetzt unternahm, das der Nachwelt unglaublich erscheinen wird; er hat das alte Rom in seiner alten Gestalt, seinem alten Umfange und seiner Schönheit zum großen Teil wiederhergestellt, um es unseren Blicken zu zeigen. Auf den Höhen und in den tiefsten Stellen der Stadt hat er nach den alten Fundamenten gesucht, die Zeugnisse der Alten hinzugenommen und den Papst und die Römer in solches Staunen versetzt, daß alle ihn wie ein vom Himmel kommendes göttliches Wesen ansehen, herabgesandt, um die Ewige Stadt in ihre alte Majestät zurückzuversetzen. Keine Spur von Hochmut aber ist dadurch in ihn hineingekommen, sondern er verdoppelt nur seine Freundlichkeit den Menschen gegenüber; wer immer ihm etwas Förderndes zu sagen hat, dem steht er gern Rede: Niemand leidet so willig, daß seine Behauptungen in Zweifel gezogen werden; sein höchster Lebensgenuß scheint zu sein, zu lehren und sich belehren zu lassen.“

Raffaels Wesensart könnte nicht trefflicher gezeichnet werden. Seine vielgerühmte Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit an Menschen und Dinge ist vielleicht darauf zurückzuführen, daß er zeitig auf sich selbst gestellt war. Da lernte er frühe den Wert hilfreicher Freundlichkeit schätzen. Alle, mit denen er in Berührung kam, waren von dem Zauber seiner Persönlichkeit gefangen; alle Pforten öffneten sich ihm. Seine Gesichtszüge trugen, wie uns erzählt wird, etwas Edles, Durchgeistigtes. Auch der äußere Mensch war ein Abbild des inneren. Von hohem Wuchs, meist in prächtige Gewänder gehüllt, hatte er -- ein Fürst im Reiche der Kunst -- auch äußerlich fürstliche Allüren. Mit heißem Herzen suchte er Schönheit und Freude. Seine Sehnsucht fand Erfüllung in seinen unvergleichlichen Farbensymphonien, mit denen der begnadete Jüngling die Welt beglückt hat. So können wir es wohl verstehen, daß er zahlreiche Schüler um sich scharte, die ihm begeistert huldigten, denn nur wenige haben die künstlerischen Darstellungs- und Ausdrucksmittel in solcher Meisterschaft beherrscht wie er.

Vielleicht kennen manche von euch außer der Sixtinischen Madonna noch andere der zahlreichen Madonnenbilder von Raffaels Meisterhand. Ich nenne hier nur die bekanntesten: die „Madonna della Sedia“ und die „Madonna del Granduco“, beide im Pitti-Palast zu Florenz, die „Madonna mit dem Fisch“ im Prado-Museum zu Madrid, die „Madonna Colonna“ im Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin, die „Madonna im Grünen“ in der Gemäldegalerie zu Wien und die „Belle Jardinière“, genannt „Die schöne Gärtnerin“, im Louvre-Museum zu Paris. Zahllos sind die von Raffael stammenden Zeichnungen und Skizzen. Die großen Wandgemälde und berühmten Fresken, die er für den Vatikan malte, wie seine unsterblichen Taten als Baumeister der Peterskirche in Rom seien hier nur kurz erwähnt. --

In der Blüte der Jahre und Fülle der Kraft, am 6. April 1520 wurde der erst siebenunddreißigjährige Meister von tückischer Krankheit dahingerafft. Wie groß und göttlich ist das Lebenswerk, das er uns hinterließ. Durch seine Hände ist uns Offenbarung geworden; ihn hatte die hohe Muse sich erkoren, um uns durch ihn zu ihren Wundern hinzuführen. Und eins der größten Wunderwerke spricht in beredter Sprache zu uns, wenn wir die Sixtinische Madonna in der Dresdner Galerie betrachten. Für alle Zeiten unerschöpflich bleibt die Quelle der Kraft und Schönheit, die diesem Meisterwerke entströmt. Darum, wann immer euch euer Weg in die Kunststadt Dresden führen sollte, versäumt nicht, die herrliche Gabe des großen Meisters mit eigenen Augen anzuschauen. Ihr werdet nie mit leerem Herzen von dannen gehn.

_Paul Gerhard Zeidler._

Der Zinsgroschen

Von Tizian

Geboren um 1477 in Pieve di Cadore (Friaul), gestorben 27. August 1576 in Venedig. -- Gemäldegalerie in Dresden

Buntbild II

Glänzend entfaltet sich im 16. Jahrhundert die Malerei Italiens. Mit Recht spricht man von den drei Großmeistern dieser Zeit, Leonardo da Vinci, Michelangelo und Raffael Santi. Aber neben sie tritt fast ebenbürtig Tizian Vecellio, der größte unter den Malern Venedigs.

Venedig hat von jeher einen besonderen Platz in der Malerei Italiens behauptet. Das hängt mit seiner Lage und der Tätigkeit seiner Bewohner zusammen. Im Mittelalter geht der gesamte Verkehr des Abendlandes mit dem Morgenlande über Oberitalien, über die drei Städte Venedig, Florenz und Genua. Unter diesen ist Venedig die bedeutendste; sie beherrscht den größten Teil des Levantehandels, d. h. den Austausch der Güter zwischen Europa und den Mittelmeerküsten Nordafrikas, Syriens und Kleinasiens bis zum Bosporus und dem Schwarzen Meere.

So kommt es, daß sich damals in Venedig die Schätze des Morgen- und des Abendlandes begegnen. Nach Venedig gelangen die Seidengewebe Chinas, die Teppiche Persiens, die Gewürze und Edelsteine Indiens, das Gold und Silber Südasiens, das Elfenbein Afrikas. Aus dem Norden aber strömen in Venedig zusammen alle die Einfuhrgüter, die abendländischer Gewerbefleiß erzeugt, Eisen und Stahl, Kupfer und Messing, Gefäße und Geräte aus Metall und Holz, Waffen aller Art, Leinwand, Tuch und Leder, rheinische Goldarbeiten, Nürnberger Spielwaren, Augsburger Kunstwerke.