Gemälde und ihre Meister

Part 5

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An dieser auffallenden, aber sicherlich gewollten und überlegten altertümlichen Bildanordnung nimmt nun auch „Das Paradies“ teil. Da finden wir in sechs Vorgängen die Geschichte des ersten Menschenpaares erzählt. Ganz rechts formt der Schöpfer aus dem Erdenkloß den Adam und bläst ihm den lebendigen Odem ein; unter den Bäumen in der Mitte nimmt er eine Rippe aus des schlafenden Mannes Leib und baut seine Gefährtin, die Eva, daraus; im Vordergrunde tritt der Herrgott, wie ein lieber freundlicher Großpapa mit langzapfigem weißem Barte, vor die vereinigten Menschen, die „sich ihrer Nacktheit nicht schämen“, wie es in der Bibel heißt, und ermahnt sie zum Gehorsam gegen seine Gebote; oben in halber Höhe unter dem weitverzweigten, dichtbelaubten und reichbefruchteten Apfelbaum, dem verbotenen Baum der Erkenntnis, vollziehen sich die Verführung durch die Schlange und der Sündenfall. Auf der linken Hälfte des Bildes suchen sich Mann und Weib vor dem Angesicht Gottes, das von oben aus dem leuchtenden Kranz einer Wolke auf sie herniederschaut, unter die Bäume im Garten zu verstecken; links daneben werden sie von dem Cherub mit dem Schwerte ausgetrieben. Zart und fein sind zwischen die Bäume des Gartens Eden („lustig anzusehen und gut zu essen“, sagt die Bibel) viele Sträucher und unzählige Blümchen gesetzt, und mit behaglichem Humor sind alle Arten von Tieren dargestellt: Rebhühner, Fasanen und Pfauen, Störche, Kraniche und Schwäne, Pferde, Hunde, Häschen, Rehe, Hirsche, das fabelhafte Einhorn (Pferd mit gewundenem Horn auf der Stirn) und ein Bärenpaar, auf fernem Felsen sogar eine Gemse. Das erinnert uns daran, daß sich Cranach in seinen jüngeren Jahren zu Wittenberg in Tierstücken und Stilleben hervorgetan hat, auf Bildern und Stichen, die heute leider fast alle verschollen sind, und daß er später mit großem Eifer und Sachverständnis die Jagden seiner fürstlichen Gönner geschildert hat, bei denen er selten fehlen durfte. So lebendig auch alle diese Einzelheiten hingestellt sind, sie wirkten vielleicht zerstreuend, wenn nicht das Ganze erfüllt wäre von einer herzerquickenden, heiteren Naturunschuld, die durch die Szene der Austreibung nicht zerstört werden kann.

Trotz den Fabeltieren und den etwas steifen Figuren ist diese Paradiesdarstellung in ihrem Landschaftseindruck durchaus deutsch, sehr verschieden z. B. von den prunkvollen Paradiesbildern der gleichzeitigen Italiener Tintoretto und Bordone. Es zeigt sich auch hier, daß Cranach seine Bedeutung in der Landschaft hat, zumal da, wo sie an den deutschen Wald, seinen Märchenzauber und sein Tierleben anklingt. Und diese uns so heimatlich anmutende Traulichkeit und Herzlichkeit hat wohl auch in erster Linie dem im Wiener Museum aufbewahrten Gemälde seine Beliebtheit und Berühmtheit verschafft.

_Friedrich Düsel._

Die Erschaffung des Lichts

Von Michelangelo Buonarroti

Geboren 6. März 1475 in Castel Caprese bei Arezzo, gestorben 18. Februar 1564 in Rom. -- Sixtinische Kapelle in Rom

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„Ich lebte dahin unter Arbeiten und Anstrengungen, die mich außer mir brachten; ich wollte die Natur in all ihren labyrinthischen Windungen auf einmal ergreifen, und ich erkletterte ihre Gipfel, indem ich mich mit den Händen, mit den Fingern, mit den Füßen, mit den Knien, mit dem ganzen Körper an das anklammerte, was sie mir an Stützpunkten darboten. Ich bin Bildhauer, Maler, Dichter, Baumeister, Ingenieur, Anatom gewesen; ich habe Kolosse in Stein ausgehauen und Figurinen in Elfenbein ziseliert; ich habe die Wälle von Florenz und Rom entworfen, Bastionen errichtet, Fronten defiliert, Glacis ausgemessen, und nicht fern von dem Gebäude, dessen Wand ich mit der Offenbarung des Jüngsten Gerichts gezeichnet habe, ist es mir gelungen, die ungeheure Kuppel des Fürsten der Apostel bis in die höchsten Höhen der Atmosphäre emporzuführen. Kurz, wenn ich nicht alles vollendet, was ich gewollt, so ist es doch gewiß, daß ich einiges wenige vollbracht habe. Die Päpste, die Könige, der Kaiser, die Fürsten haben mich geehrt. Die Künstler haben mich zu ihrem Ersten ausgerufen... Ich bedaure es nicht, gelebt zu haben. Wir lassen große Dinge hinter uns und große Beispiele... Die Erde ist reicher als sie war, ehe denn wir kamen... Was verschwindet, wird nicht ganz und gar verschwinden!“

Dieses stolze Selbstbekenntnis legt Graf Gobineau in seinem meisterlichen Werke „Die Renaissance“ dem neunundachtzigjährigen Michelangelo Buonarroti in den Mund, und er läßt ihn gleichzeitig die große Überzeugung aussprechen, daß die vollkommensten der Künstler ebenso große Bekehrer der Menschheit zum Guten sind als die Philosophen und Heiligen. Ein andermal, noch in seiner Florentiner Jugendperiode, sagt Michelangelo: „Ich werde tun, was meines Schöpfers heilige Güte zu tun in meine Macht gelegt hat.“

Nicht schärfer und gleichzeitig plastischer kann jemals das Elementarwesen des Mannes gekennzeichnet werden, dessen ungeheure Genieentfaltung alles menschliche Maß zu übersteigen scheint, als es in diesen wahrheitsstarken, von einem Dichter nachgefühlten Bekenntnissen geschieht. Wird in dem ersten die ganze Universalität des Schaffens umschrieben, welche Michelangelo neben zwei verwandte allumfassende Geister, neben Leonardo da Vinci und Goethe stellt, so reflektieren die beiden anderen Aussprüche seine innerste Überzeugung von der fortwirkenden Bedeutsamkeit seiner künstlerischen Sendung und seine inbrünstige Verehrung des Ewigen und Göttlichen, als dessen Diener er sich fühlt.

Überblicken wir Michelangelos gesamtes Werk, so sehen wir uns einer geradezu himmelstürmenden Monumentalität gegenüber, die alle einengenden Schranken niederreißt und nur nach ihren selbstgegebenen Gesetzen arbeitet. Weder die Antike noch die Kunst seiner Zeit kann zu einem Vergleich mit ihm herangezogen werden; es bleibt nur der Maßstab an seiner eigenen „Gewaltigkeit“ (~terrabilità~, wie seine Zeitgenossen es nannten) für ihn übrig. In allen drei Künsten, der Architektur, der Skulptur und der Malerei, leistete er das Äußerste und Höchste für die Menschheit. Sein ewig angespannter, den tiefsten Rätseln auf den Grund gehender Geist schreckte vor keinem Wagnis zurück, und er ruhte nicht, bis er seine aus tausend qualvollen Zweifeln geborenen Probleme bezwungen hatte.

Michelangelo ist der wahre Übermensch, Schöpfer schlechthin. Er ist in rastlosem Schaffen und Neugestalten In jedem seiner Werke überwindet er sich selbst. Wenn für den heiteren Raffael die Kunst Leben und Freude war, so bedeutete sie für Michelangelo, den finsteren Grübler, Leben und Kampf. Er rang mit jeder seiner künstlerischen Visionen, aber die Unerbittlichkeit gegen sein eigenes Genie, das er zum Äußersten zwang, trug immer den Sieg davon.

Durch Michelangelos ganzes Schaffen zieht sich unaufhaltsam ein einziges Streben: er sucht immer näher zu Gott zu kommen. Gott ist sein eigentlicher Auftraggeber; die Menschen, ob Päpste oder Fürsten, sind nur Mittler. In ihm lebte jene wahrhaft heilige Künstlerreligion, die allen großen Führern der Menschheit gemeinsam ist. Sie hatte auch bei Michelangelo nichts zu tun mit der äußerlichen Kirchenfrömmigkeit; wie diese zu seiner Zeit geübt wurde, mußte sie schon durch die weltliche Machtgier der Kirchenfürsten, durch das schändliche Treiben der niederen Klerisei seinen reinen, nur auf Veredelung gerichteten Sinn abstoßen. Nein -- er lebte nur in einem „Drüben“, das er selbst in seinem Innern erschaut hatte; in keinem Diesseits Er stand hoch über der kleinen Welt, die er bitter haßte und verachtete, die ein Chaos wahnwitziger Widersprüche bildete. Neben all dem purpurnen Glanz, dem unerhörten Luxus der Renaissanceblüte sah er während seines ganzen langen Erdenlebens die Schrecken der Hölle auf dies Italien losgelassen. Die Fürsten, die Päpste, die Städterepubliken, die Parteien, die fremden Eindringlinge -- Spanier, Franzosen, Deutsche, Schweizer --, alles bekriegte sich unaufhörlich untereinander, die fürchterlichsten Verbrechen geschahen fast täglich, und alle Laster wuchsen ungehindert empor. Savonarola hatte seinen kühnen Versuch einer sittlichen Erneuerung mit dem Tode auf dem Scheiterhaufen büßen müssen. Zwar die zahllosen Gelehrten, Dichter und Künstler, welche diese Zeit hervorbrachte, allen voran der lebensfreudige Raffael, schritten, von ihrer eigenen Sonne bestrahlt, mitten durch all dies Unheil hindurch, mit einem Lächeln auf den Lippen und ihr Werk im Herzen, denn sie lebten der Hoffnung, diese Welt durch ihre Taten verjüngen und das Übel ausrotten zu können. Aber Michelangelo sah tiefer, ihm war keine Freude vergönnt; er kannte nur ein Ziel: sich mit heiligem Ernst der Arbeit hinzugeben, die ihn verzehrte, Tag und Nacht mit einem fanatischen Ingrimm unermüdlich tätig zu sein, um der Gottheit immer näher zu kommen... Indem er alle Dinge der sichtbaren Welt in seiner gewaltigen Persönlichkeit zusammenfaßte, strahlte er sie als Schöpfungen seiner unsichtbaren Welt wieder aus. Seine Kunst ist Übertragung im höchsten Sinne.

Sein Menschentum erscheint ihr angepaßt: er war von einer anachoretischen Bedürfnislosigkeit; inmitten des lautesten gesellschaftlichen Lebens, das ihn umbrandete und das ihn suchte, trieb es ihn nur nach Einsamkeit. Eine weltscheue Empfindlichkeit trat oft an ihm hervor, die bis zur verletzenden Abweisung ging, aber seine Weltverachtung hinderte ihn nicht, einer der mildtätigsten und opferbereitesten Menschen zu sein.

So unvergleichlich vielfältig Michelangelos künstlerisches Schaffen ist, so außerordentlich bewegt zeigt sich sein äußerer Lebensgang. Als Sprößling einer armen Florentiner Familie wurde er am 6. März 1475 zu Caprese geboren; schon in seinem dreizehnten Jahre kam er in die Malschule des damals berühmtesten Meisters von Florenz, Ghirlandajo; gleichzeitig studierte er aber auch die antiken Skulpturen in den Gärten der Medici. Lorenzo der Prächtige, der größte Fürst seiner Zeit, der das bildhauerische Talent des Jünglings erkannte, zog ihn in sein Haus und ließ ihn weiter ausbilden. Seine Jugendarbeiten in Marmor, besonders ein Kentaurenkampf, verraten schon ein bedeutendes Werden. In dieser Zeit traf ihn ein körperliches Mißgeschick, das sein Gesicht für immer verunstaltete: ein Mitschüler zerschlug ihm im Streit das Nasenbein. Ein anderer Vorfall, der nie aufgeklärt wurde, zwang ihn als Freund des Mediceischen Hauses (mit dem er zeitlebens in Verbindung blieb) zu einer Flucht nach Bologna, wo er einige neue Marmorwerke schuf. Im Jahre 1496 ist der Einundzwanzigjährige in Rom, dort weilt er vier Jahre und vollendet hier das Hauptwerk seiner ersten Periode, die wundersame Pietà in der Peterskirche, mit der er ein schwieriges Problem: die Madonna mit dem Leichnam Christi auf dem Schoße, in ergreifender Weise löst. Nach Florenz zurückgekehrt, schafft er im Auftrag der Stadt aus einem verhauenen Marmorblock ein zweites Meisterwerk, die gigantische Figur des David; der verhaltene Groll des zum Kampfe bereiten Helden ist zu großartigem Ausdruck gelangt. Der David bildet die Grundlage seines Bildhauerruhmes -- nun sollten aber auch bedeutende malerische Aufgaben an ihn herantreten. Im Wettstreit mit Leonardo ging er, von der florentinischen Regierung beauftragt, an den Entwurf eines großen Wandgemäldes für den Rathaussaal, das die früheren Kriege gegen Pisa darstellen sollte; das Werk gedieh aber nicht über die Kartonzeichnung hinaus, denn wiederum trieb Michelangelos Stern ihn nach Rom. Papst Julius II., der mächtigste Förderer der Künste, ein Mann, dessen rastloser Geist dem Michelangelos verwandt war, der sich und anderen niemals genug tun konnte, rief ihn herbei, damit er schon bei Lebzeiten ein in den gewaltigsten Maßen geplantes Grabdenkmal für ihn, den Papst, in der Peterskirche in Angriff nähme. Nicht weniger als vierzig Statuen sollten dabei Aufstellung finden. Das Riesenmonument wurde aber auf des Papstes eigene Veranlassung (denn es drängten ihn immer neue Projekte) bald wieder unterbrochen; Julius II. ließ den Künstler zunächst eine Bronzestatue für Bologna ausführen -- dann aber übertrug er ihm eine Aufgabe, an die Michelangelo zunächst mit innerem Widerstreben heranging, die ihn aber zu einem herrlichen Gipfelpunkt seines Ruhmes emporführen sollte. Das war _die Ausschmückung der Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan_.

Mit diesem Werk gelang dem dreiunddreißigjährigen, zur vollen Reife entwickelten Künstler in vierjähriger, äußerst mühevoller Arbeit (1508 bis 1512) eine beispiellose, in der Kunst aller Zeiten einzig dastehende Leistung, die ohne Vorbild war und bis heute keine gleichwertige Nachfolge gefunden hat. Die Wände der Kapelle waren schon ein Vierteljahrhundert früher durch Künstler der umbrisch-toskanischen Schule: Botticelli, Ghirlandajo, Perugino, Pinturicchio mit Fresken, das Leben Mosis und Christi darstellend, geschmückt worden -- nun sollte an der Decke die alttestamentarische Vorgeschichte zu ihnen malerisch dargestellt werden. Michelangelos Geist entwarf unter Nichtachtung der großen technischen Schwierigkeiten eine großartige architektonisch-malerische Idee, die beide Künste in eine verschmolz. Er ersann für die völlig ungegliederte Decke ein mächtiges bauliches Scheingerüst aus Rahmen, Pilastern, Gesimsen, das von den Wänden emporsteigt und in der Mitte der Decke neun ungleiche Felder umschließt. In diesem Scheinbau, dessen Stützen nackte Männergestalten, in Marmor- und Bronzeton gemalt, bilden, schuf er nun jene zunächst verwirrende Fülle von Figuren und Legenden, „welche zwischen dem Anfang aller Dinge und der Erfüllung des Heils die Vermittlung bilden“.

Um sich von der ungeheuren Mühe, welche die Lösung dieser Aufgabe kostete, einen Begriff zu machen, muß man sich vorstellen, daß der Meister vier lange Jahre hindurch hier in einem Gewirr von Leitern, Treppen, Gerüsten, Balken, Kalk und Farben einsam und allein arbeitete -- ohne einen Genossen, denn die Gesellen hatten ihn gleich am Anfang im Stich gelassen --, immer auf dem Rücken oder auf der Seite liegend und den Pinsel führend, während ihm die Farbe auf Brust und Antlitz tropfte... Welche Schwierigkeit, in dieser Lage das richtige Verhältnis zu seinen Gestalten zu finden, die sich in den verschiedenartigsten Dimensionen zu bewegen hatten!

Die neun Mittelfelder stellen die Geschichten der Genesis dar: die Schöpfungswelt und die ersten Menschen erscheinen in grandiosen Kompositionen. Die drei ersten Bilder: Die Trennung des Lichts von der Finsternis, die Erschaffung des Lichts und Gottvater über den Wassern, offenbaren gleich die höchste künstlerische Vollkommenheit; mit Recht ist gesagt worden, daß Michelangelo hier die Gestalt Gottvaters für alle Zeiten festgelegt und in der Versinnlichung der schöpferischen Allmacht durch eine scheinbar unbegrenzte, unendlich stürmische Bewegung das Muster gegeben hat, an das sich fortan alle Künstler halten mußten. Das zweite Bild von den dreien: _Die Erschaffung des Lichts_, das hier wiedergegeben ist, darf als das vollendetste gelten: in gewaltiger Majestät braust der Schöpfer aus der ewigen Unendlichkeit hervor, mit einer bezwingenden Gebärde und den mächtig ausgestreckten Armen Sonne und Mond dem Nichts entreißend. Auf demselben Freskogemälde erscheint Gottvater noch einmal, in einer technisch meisterlich bezwungenen Verkürzung von rückwärts gesehen, wie er der Erde den Segen des neugeschaffenen Lichtes spendet.

Die drei mittleren Bilder: die Erschaffung Adams, die Erschaffung Evas, der Sündenfall, stehen hinter den ersten kaum zurück; besonders die Gestalt des erwachenden Adam, auf den Gott durch die Berührung des Fingers den Lebensodem überspringen läßt, löst in ihrer rührenden Einfalt und menschlichen Schöne einen ergreifenden Eindruck aus. Die drei letzten Bilder erzählen die Geschichte Noahs und der Sintflut.

Den unteren Teil des Deckengewölbes füllen die scharf charakterisierten Gestalten der Propheten und Sibyllen aus, zwischen den Pfeilern sitzend. Das sind Gestalten, wie sie nur Michelangelo schaffen konnte, erschütternde Offenbarungen der höchsten geistigen Leidenschaft, vor allem der gramvoll in sich gekehrte Jeremias und die über ihre eigene Weissagung entsetzte Delphische Sibylle. -- Zahlreiche Nebenfiguren schmücken noch die Lünetten und Ecken des erhabenen Meisterwerkes, das Michelangelo unter so viel Qualen und nur von der rücksichtslosen Energie des Papstes getrieben vollendete. Julius II. hatte die Genugtuung, noch kurz vor seinem Tode am 31. Oktober 1512 die Enthüllung der Decke zu sehen. Noch heute, nach vierhundert Jahren, strahlt sie in demselben unvergleichlichen Glanze, in dem sie die Mitwelt sah.

Im Jahre 1515 begab sich Michelangelo wieder nach Florenz. Der neue Papst, Leo X., ein Mediceer, der die Kunst als einen äußeren Luxus pflegte, hatte ihn mit einem Grab- und Ehrendenkmal der Medici im größten Stile beauftragt. Der Entwurf kam nur unvollständig zur Ausführung, da Florenz, das die Medici vertrieben hatte, von den kaiserlichen und päpstlichen Heeren angegriffen wurde. In diesem Krieg leitete Michelangelo die Befestigungs- und Verteidigungsarbeiten. Ein paar Jahre später, 1534, als wieder ein neuer Papst, Clemens VII., die Tiara aufsetzte, ließ er das Mediceergrabmal so wie es war und wie es sich heute in San Lorenzo zu Florenz den Blicken darbietet. Die sitzenden Figuren der beiden Herzöge sind Werke erster Qualität, während die berühmten Symbolisierungen von Tag und Nacht, Abend und Morgen, auf den Sarkophagdeckeln gelagert, im rein Dekorativen steckenbleiben.

Fortan schuf der Meister in Rom. Seit Raffaels Tode galt er unumstritten als der erste Künstler Italiens; alle Kreise des Volkes brachten ihm unbegrenzte Verehrung dar. In Rom widmete er sich zunächst ganz der Architektur: die Umgestaltung des Kapitols, die Verwandlung eines Teils der Diokletiansthermen in die mächtige Kirche S. Maria degli Angeli erfolgte nach seinem Entwurf. Endlich konnte er auch wieder an sein Schmerzenskind denken, das Grabdenkmal für Julius II.; es kam vierzig Jahre nach seinem Beginn, stark verkleinert, zum Abschlusse und wurde in S. Pietro in vincoli aufgestellt. Seinen Mittelpunkt bildet das großartigste Bildhauerwerk der ganzen nachantiken Plastik: der zornentflammte Moses. Eine Arbeit von sieben Jahren widmete Michelangelo noch einem seiner letzten malerischen Hauptwerke, dem „Jüngsten Gericht“, in dem der Tag des Zorns mit furchtbarer Eindringlichkeit heraufbeschworen wird.

Die letzten Jahrzehnte seines Lebens gehörten der Sorge für den Neubau des Domes von St. Peter; seine ganze Alterskraft widmete er dieser kolossalen Aufgabe, die er mit seiner höchsten architektonischen Leistung krönte: dem Entwurf der Riesenkuppel, die heute in majestätischer Herrlichkeit über der Ewigen Stadt schwebt, Michelangelos, des Großen, erhabenstes Denkmal.

In Einsamkeit, doch von der Liebe des Volkes getragen und der Freundschaft einer edlen Frau behütet, starb der unvergeßliche Meister am 18. Februar 1564 in der sicheren Gewißheit, daß sein Geist unsterblich sei. Sein irdisches Teil wurde in der ruhmreichen Kirche Santa Croce in Florenz beigesetzt, wo die erlauchtesten Männer Italiens ruhen. An demselben Tage, da er starb, wurde der Verkünder einer neuen Weltanschauung geboren: Galilei. Auch er schläft heute an der Seite Michelangelos. Zwei Sternenmenschen.

_Felix Lorenz._

Das Konzert

Von Giorgione

Geboren um 1477, wahrscheinlich zu Vedelago bei Castelfranco, gestorben 1511 in Venedig. -- Pitti-Galerie in Florenz

Bild 9

Die Wiedergeburt alles Schönen und Großen der alten Griechen- und Römerwelt -- das ist es, was wir heute unter dem Begriff „Renaissance“ (italienisch „~Rinascimento~“) verstehen, mit dem die höchste Blütezeit der italienischen Kunst, im 15. und 16. Jahrhundert, bezeichnet wird. Die hohe kulturelle Bedeutung dieser Epoche für ganz Europa liegt darin, daß mit ihr nach der antiken und mittelalterlichen Welt die eigentliche Neuzeit beginnt, die Zeit einer neuen freien Bildung und Denkweise (Humanismus), einer Dichtung größten Stils, deren Herolde in Dante und Petrarca schon ein Jahrhundert früher erschienen waren, und einer nach vollkommener Harmonie strebenden neuen Kunst. Dieses Kunstideal war durch die Wiederentdeckung unzähliger altrömischer Meisterwerke der Architektur und Plastik zu herrlichem Leben erweckt worden; die lebendige Kraft und Schönheit, die Vollendung der Verhältnisse, die über das Alltägliche weit hinaustragende Idealisierung des Ausdrucks bei Göttern und Menschen -- wie sie die antiken Ausgrabungen zeigten -- wies den italienischen Künstlern der Vor- und Frührenaissance die Richtung. Aber dies war nur der Antrieb, nicht etwa das dauernde Vorbild zur Nachahmung. Das Wesentlichste und Wirkungsreichste der italienischen Renaissance prägte sich vielmehr länger als zwei Jahrhunderte lang in einer völligen Selbständigkeit, einem mächtigen Streben nach unmittelbarer, individueller Auffassung des Geschauten, im Erfassen der reinsten Naturwahrheit aus. Ein begeisterter Vorläufer Leonardos, Alberti, stellte den Künstlern die Natur als die große Lehrmeisterin hin. In ihr allein liegen Wahrheit und Schönheit und damit jene vollkommene Harmonie beschlossen, welche der Künstler in sich selbst ausbilden und in seinem Werke ausdrücken soll.

So erweiterte die Renaissance das antike Kunstideal in einem völlig modernen Sinne; sie stellte sich auf den wirklichen Boden der Gegenwart und wußte diese Wirklichkeit doch -- in Farbe, Form und Ideengehalt -- aufs wunderbarste zu harmonisieren. „Alles verjüngt sich. Eine majestätische Ordnung tritt ins Leben.“ Eine Schöpferkraft ohnegleichen offenbart sich nun, immer weiter vorwärtsschreitend, aufbauend, vollendend, in einer fast unübersehbaren Reihe gewaltiger Persönlichkeiten, die Schönheit und Größe, Anmut und Kraft, Würde und Harmonie in unzähligen Meisterwerken über die staunende Erde verbreiten.

Neben Florenz und Rom war es _Venedig_, wo die Malerei von der Wende des 16. Jahrhunderts bis zu dessen Ausgang eine Hochblüte einziger Art erreichte. Die zauberische Stadt im Meere, mit ihrem dem Orient zugewandten, farbenrauschenden Leben, ihren prächtigen Palästen und Kirchen, ihren wundersamen Wolken-, Wasser- und Luftstimmungen mußte ja jeden malerischen Sinn erwecken und anziehen. Alles schwimmt und leuchtet hier in Farben -- und deshalb ist es gerade die venezianische Malerei, welche den Triumph der Farbe bis zum Höchsten gesteigert hat. Statt der mattdumpfen Freskomalereien brachten die Künstler hier, schon mit Rücksicht auf das feuchte Seeklima, zuerst die Ölfarbe (welche die Brüder van Eyck in Flandern erfunden hatten) zur Anwendung und Geltung, und bald sollte ~la bella Venezia~ im herrlichsten Glanz erstrahlen -- wie keine Stadt Italiens. Die Bildersäle Venedigs, die Akademie, die Kirchen füllten sich mit einem Farbenreichtum ohnegleichen. Die Stadt der Lagunen „wurde der letzte große Schauplatz der Renaissancekunst“. Die Meister aber, welche hier ihre Kostbarkeiten verstreuten, waren: Giovanni Bellini, Giorgione, Palma Vecchio und Tizian.

_Giorgione_[D], mit seinem vollen Namen Giorgio Barbarelli, war es, von dem die venezianische Malerei ihre eigentliche geistig-künstlerische Eigenart empfangen hat. Er ist derjenige Künstler, der ihr zuerst die herrliche Form, den unübertrefflichen Schmelz der Farbe, vor allem aber die _Seele_ gegeben, und darum wird die bezaubernde Erscheinung dieses tief poetischen Künstlers immer von höchster Bedeutung bleiben. Die Würdigung, die ihm schon die Zeitgenossen neidlos und in reichem Maße zuteil werden ließen, kann niemals geringer werden.