Gemälde und ihre Meister

Part 4

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Der Meister hat die Kunst seiner Zeit im ursprünglichen Sinne dieses abgebrauchten Wortes „erfahren“, wie es damals Sitte war. Er ist in Nürnberg gewesen und in Basel und ist in Italien gewandert. Aber alle Einflüsse und alles Gelernte sind verhältnismäßig gleichgültig. Das Wesentliche ist sein persönliches Eigentum, und die Werke dieses größten Oberfranken haben so wenig Ähnlichkeit mit irgendwelchen anderen wie die Werke des niederfränkischen Rembrandt. Wie dieser ein Einziger und Einsamer, der nur auf sich steht und nur aus sich schöpft, hat er mit leidenschaftlichem Ungestüm seine Umwelt in sich hineingerissen als Rohstoff, aus dem er seine Träume gestaltete. Ganz erfüllt von seiner Sache, zum unmittelbarsten und stärksten Ausdruck entschlossen, gibt er Gestalten und Dingen all ihr Wesentliches, das er in sich trägt, das Ganze ihrer Wucht oder ihrer Zartheit, und schafft weniger Form, als daß er, ein empfindliches Medium, die Sache in die Form fließen läßt, die ihr zur wirksamsten Darstellung wird. Diesen mächtigen Drang und Strom schöpferischer Arbeit darf ihm nie die Rücksicht auf das Einzelne, auf die Richtigkeit, auf eine vorgefaßte Idee von Form schwächen.

In der „Kreuzigung“ ist das ganz unmittelbar zu spüren. Nicht einmal der Maßstab der Gestalten ist derselbe. Keine Linie sucht runde Schönheit. Von dem Standpunkt südlicher Kunst, auf den sich damals Dürer und andere Nordländer stellten, kann man seinem Werk viele Mängel nachsagen. Es ist eben in seinem innersten Wesen etwas ganz anderes, Entgegengesetztes, und gerade dadurch von gleichem Recht. Das gotische Wesen hat in ihm seinen höchsten und letzten Ausdruck gefunden. Gotik ist die Kunst, in der das Wesen der nordeuropäischen, germanischen Menschengruppe sichtbar geworden ist. Grünewald zeigt, was sie werden konnte, als der fremde Einfluß ihre eingeborene Kraft zerstörte.

_Fritz Stahl._

Selbstbildnis

Von Albrecht Dürer

Geboren 21. Mai 1471 in Nürnberg, gestorben 6. April 1528 ebendort. -- Alte Pinakothek in München

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Ein goldenes Zeitalter der Kunst, wie es den Italienern während des 15. Jahrhunderts erblühte, war auch Deutschland mit dem Heraufziehen jener ewig denkwürdigen Epoche beschieden, die so einfach klar und gewaltig zugleich als „Reformation“ bezeichnet wird. „Die Geister regen sich in Deutschland; es ist eine Lust zu leben!“ rief der begeisterte Ulrich von Hutten. Die Wissenschaften drängten, von der verstaubten Scholastik des Mittelalters befreit, unter Führung der nordischen Humanisten (ihnen voran schritt Erasmus von Rotterdam) mächtig zum Licht, und die deutsche Kunst wuchs, nachdem ihr die große Entwicklung der niederländischen Malerei voraufgegangen war, in äußerst charaktervollen Einzelerscheinungen einer Weltgeltung entgegen. Zunächst sind es Malerei und Skulptur, welche Meisterleistungen ersten Ranges hervorbringen. Zwar bietet die deutsche Kunst des Reformationszeitalters nicht die grandiose Fülle des italienischen Cinquecento[C] dar, sie strebt auch nicht einer Idealisierung alles Realen wie dieses nach, sondern betont dafür die Wahrhaftigkeit -- aber sie offenbart sich in höchst markanten Persönlichkeiten, deren Schöpfungen einzigartig sind und unser Gemüt so stark wie das ihrer Zeitgenossen ergreifen. Das sind vor allem die fünf Hauptmeister: Albrecht Dürer, Matthias Grünewald, Hans Holbein d. J., Lukas Cranach und Peter Vischer, der Erzgießer.

Albrecht Dürer ist zweifellos die stärkste und umfassendste Künstlernatur unter ihnen. Er ist eines jener wahrhaft ursprünglichen Genies, wie sie nur in Ausnahmezeiten geboren werden. Fest, treu und stark, deutsch bis ins Mark, steht er in männlicher Schöne und Kraft neben den beiden anderen großen Volksdeutschen der Reformationszeit: neben Martin Luther und Hans Sachs. Diese drei, die so wundersam übereinstimmten -- da sie mit verschiedenen Mitteln ein und derselben Idee dienten, nämlich: der Wahrheit des Herzens zum Siege zu verhelfen -- diese drei kann man sich immer nur zusammen denken: sie sind nicht voneinander zu trennen. Mit Luther hatte Dürer die Tiefe des seelischen Empfindens, die Hingabe an den Gegenstand, die mächtige Leidenschaftlichkeit und inbrünstige Vertiefung gemeinsam, zugleich auch die hohe sittliche Geistesbildung; mit Hans Sachs verband ihn die gleiche lautere Gesinnung und Herzenseinfalt, die Grundehrlichkeit des Wesens und die strengste Wahrheitsliebe. So gesellte sich seiner körperlichen Schönheit -- wie sie aus seinem hier veröffentlichten Selbstbildnis leuchtet -- auch die höchste seelische; aus allen seinen reichen Kunstschöpfungen bricht diese seelische Schönheit wie ein Gottesstrahl hervor. Das ist es, was Dürers Persönlichkeit so groß und unverlierbar für uns macht: daß er als Künstler wie als Mensch _derselbe_ war, ein glühender Wahrheitsucher.

Der Adel seiner Gesinnung, der sein ganzes Schaffen durchdringt, ward schon von den besten seiner Zeitgenossen gerühmt, so von Melanchthon und Pirkheimer. Dürer hatte nichts von der Anmut und dem Glanz der großen italienischen Meister; er ist im ganzen wie im einzelnen durchaus der Bekenner und Verkünder rein _deutschen_ Geistes. Als solcher offenbart er in allem, was er geschaffen, Kraft und Herbe, Wahrheit und Gedankentiefe. Man darf aber, wie Heinrich Bergner sehr treffend sagt, nicht denken, daß Dürer nicht ebenso „schön“ habe zeichnen können wie Raffael; wenn er es nicht tat, wenn er überhaupt den Weg der äußeren formalen Schönheit nicht ging, so lag das tief in seinem Wesen, seiner deutschen Gesinnung begründet. Zu dieser gehört auch die namentlich in seinen Holzschnitten und Kupferstichen hervortretende Neigung zum Grüblerischen und Phantastischen. Er selber erzählt, wie ihn oftmals im Traume seine unaufhörlich arbeitende Phantasie Dinge von solcher Herrlichkeit sehen ließ, wie er sie nie mit seinen Augen erblickte; der Abglanz dieser innerlich geschauten Herrlichkeit liegt über den meisten seiner Werke. Das Idealische aber wird bei ihm allein zum Ausdruck gebracht durch die strenge Realistik seiner Darstellung. Er hält sich in seinen Gestalten und ihrer Umgebung, vor allem in den dekorativen Hintergründen, in Landschaft und Architektur allein an die Wirklichkeit; nur was er gesehen und erlebt hat, gibt er wieder. Melanchthon gegenüber äußerte er einmal, daß ihm erst in der Einfachheit der Natur die Idee der wahren Schönheit gekommen sei, und in seinen Schriften über das Wesen der Kunst bekennt er: „Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie.“ Ein beispiellos vielseitiges technisches Können, das rein „Handwerkliche“ bildet die massive Grundlage seines Schaffens, damit meisterte er die Natur; mit liebevollster Treue und unerschöpflicher Geduld -- „fleißiges Kleiblen“ nannte er’s -- besorgte er die Ausarbeitung des Details. Wie stark und vorbildlich müßte diese edle deutsche Handwerkskunst auf viele der heutigen „Richtungskünstler“ wirken, wenn sie eben eine solche tüchtige Grundlage besäßen oder auch nur anstrebten, aber sie machen aus der Not ihrer völligen Naturunkenntnis eine betrügerische Tugend. Trotzdem darf mit Sicherheit prophezeit werden, daß gerade dieses reiche Besitztum Dürers noch einmal für eine kommende Generation seinen hohen Wert erweisen wird!

Die wesentliche Bedeutung der Dürerschen Kunst ist nach alledem darin zu suchen, daß sie tief von innen angeschaute Ideen durch eine unbestechliche Naturtreue und Wahrhaftigkeit lebendig macht. Sie fesselt den Geist durch ihre mächtig daherbrausende Unmittelbarkeit und das Gemüt durch den Ernst und die Größe der Auffassung.

Wie bei jeder überragenden Persönlichkeit sind auch bei Dürer Lebensweg und Schaffen untrennbar miteinander verbunden. Unser großer deutscher Meister _lebte_ die Kunst. Darum soll beides auch hier im Zusammenhang betrachtet werden.

Albrecht Dürer wurde am 21. Mai 1471 als Sohn eines aus Ungarn eingewanderten Goldschmieds in Nürnberg geboren. Es war die Zeit, da Bürgertum und Handwerk in der schönsten Blüte standen. Freilich wurde auch die Malerei damals von vielen nur als Handwerksgeschäft betrieben, so auch von Michel Wohlgemuth, zu dem Dürers Vater den fünfzehnjährigen Albrecht in die „Lehre“ gab. Sein ursprüngliches Talent vermochte hier nur aus rein Technischem etwas Gewinn zu ziehen; das Wesentliche konnte er nur aus sich selber entwickeln. Auf einer vierjährigen Wanderschaft, die ihn nach dem Elsaß und der Schweiz, wahrscheinlich auch nach Venedig führte, legte er sicherlich den rechten Grund zu dem, was er später leisten sollte. Leben und Kunst traten während dieser schönen langen Wanderzeit erst mit der rechten Greifbarkeit an ihn heran. Die herb-realistische Menschenkunst Mantegnas, die er in Venedig kennenlernte, hat wahrscheinlich einen großen, für seine Entwicklung bestimmenden Eindruck auf ihn gemacht. Daneben war es der Kupferstecher Jacopo de Barbari, von dem er Kenntnisse in den „körperlichen Verhältnissen“ einheimste und der ihn auch in die Antike einführte. Im Jahre 1494, als er in die Heimat zurückgekehrt war, heiratete er Agnes Frey, die sich als eine äußerst praktische Frau erwies, denn sie sorgte dafür, daß ihres Mannes Kunst wirklich zur „Kunst für das deutsche Haus“ wurde, indem sie mit seinen Kupferstichen auf die Messen zog, auf denen sie äußerst stark begehrt wurden. Während Wohlgemuth in Nürnberg die Malerei gewerbsmäßig rüstig weiterbetrieb, suchte der junge, von Begeisterung für die hohe Mission der Kunst erfüllte Dürer von seiner neubegründeten Werkstatt aus auf eine künstlerische tiefschürfende Weise in das Herz des deutschen Volkes zu dringen, und dies sollte ihm nach Überwindung mancher Schwierigkeiten auch gelingen. Die Schwarzweiß-Kunst: der Kupferstich und der Holzschnitt waren es, denen er sich zunächst zuwandte und die er dann während seines ganzen, vom Segen rastloser Arbeit überglänzten Lebens bis zur höchsten Höhe der Vollendung führte. Namentlich im Holzschnitt, der noch ganz in den Anfängen steckte, leistete er Unvergleichliches, bis heute nicht wieder Erreichtes. Dürers Verdienst, daß er mit diesen Blättern Wahrheit und Schönheit in jedes Bürgerhaus trug, ist nicht hoch genug zu schätzen. Als ein wahrer Priester arbeitete er hier im Heiligtum seiner Kunst; seine von aller kirchlichen Dogmatik losgelöste Frömmigkeit fand in diesen edlen Schöpfungen den ergreifendsten Ausdruck. Die tiefe Religiosität, die Wärme des Lebens, die natürliche Wucht des Ausdrucks, welche sie erfüllte, mußten jedes Gemüt bezwingen, und so wurde Dürer der berufenste und stärkste Mitarbeiter am gewaltigen Werke der Reformation. Gleich seine erste Schöpfung, eine Holzschnittreihe von fünfzehn Blättern, die 1498 erschienene „Heimliche Offenbarung Johannis“ mit dem besonders großartigen, weltberühmt gewordenen Blatt „Die apokalyptischen Reiter“ (Pest, Krieg, Hunger und Tod) begründete seinen Ruf -- niemals war etwas Ähnliches gesehen worden! Hier schon konnte man die kolossale Bewältigung der menschlichen Gestalt, den dramatischen Aufbau in der Komposition, die meisterliche Herausarbeitung der Licht- und Schattengegensätze bewundern. Auf der gleichen Höhe stehen auch die Kupferstiche dieser frühen Zeit; hier nahm er zunächst antike Motive, wie in den Stichen „Herkules“ und „Das große Glück“. Dann folgten herrliche Blätter, die wie Gemälde wirken: „Adam und Eva“, „Der verlorene Sohn“, „Der hl. Eustachius“ in grandioser Bergumrahmung. Der Natur widmet er fortan immer größere Liebe; Dürer ist es, der die Landschaft damit überhaupt erst für die deutsche Kunst erobert.

Aber auch die _Gemälde_ der Frühzeit verraten den ganzen Meister, so unser „_Selbstbildnis_“ (1500 gemalt; Alte Pinakothek, München). Welch feierlicher Ernst leuchtet aus dem wundersam beseelten Christuskopf! Wie dringen die großen Augen in die Welt hinein, wie redet die Hand, die so viel Edles schuf! Zahlreiche andere Bildnisse, wie das seines Freundes, des Nürnberger Ratsherrn Pirkheimer, ferner mehrere Stilleben, die von der schärfsten Naturbeobachtung zeugen, und die religiösen Gemälde, von denen eine „Beweinung Christi“ (München) und „Christus am Kreuz“ (Dresden) die bedeutendsten sind, zeigen die rastlos fortschreitende Entwicklung des Meisters. Eine zweite Reise nach Venedig (1505) gibt ihm wieder viel neue Anregung. „O wie wird mich daheim nach der Sonne frieren, hie bin ich ein Herr, daheim ein Schmarotzer“, schreibt er von dort aus an Pirkheimer. Aber er brachte doch die Sonne in seinem Herzen wieder mit; sie leuchtete in seinem köstlichen „Allerheiligenbilde“ (Wien) auf, das italienischen Einfluß verrät, und vor allem in den drei hauptsächlichsten seiner Holzschnittwerke: dem „Marienleben“, der „Großen“ und der „Kleinen Passion“. „Das Marienleben“ spricht mit der Traulichkeit echten deutschen Familienlebens, in das es hineingebettet ist, heute am stärksten zu unseren Herzen. Diese Werke trugen Dürers Ruhm in alle Welt, besonders auch eine „Kupferstichpassion“ voll ungeheurer tragischer Wucht. Hier zeigen sich Gewand und Körperbildung so „knorrig und knitterig, als ob Dürer sein Deutschtum vor Verwelschung habe retten wollen“. Die letzte Höhe der Vollendung bezeichnen drei große Einzelblätter in Kupfer: „Ritter, Tod und Teufel“, „Melancholie“ und „Hieronymus im Gehäuse“, das letztere ein Preis- und Prachtstück voll altdeutscher Gemütstiefe.

Zwei schöne Freuden waren dem Künstler noch beschieden: seine langjährige Arbeit für den Kaiser Maximilian (den „letzten Ritter“), dessen Gebetbuch er mit den wundersamsten Randzeichnungen versah, und eine Reise nach den Niederlanden (1520), wo man ihn als den größten Künstler des Nordens feierte. In den Gemälden seiner Spätzeit gab er noch den ganzen Reichtum seines Innern her, der unversiegbar schien, so in den Meisterbildnissen des Kaisers Maximilian, des Erasmus, des Hieronymus Holzschuher; in Altarwerken und Madonnenbildern; zuletzt in den „vier Evangelisten“ (München), seinem ergreifendsten religiösen Bekenntnis in der Kunst.

Als Albrecht Dürer am 6. April 1528 in seiner Vaterstadt starb, betrauerte ihn sein ganzes Volk. Aber die Saat, die er gesät, war herrlich aufgegangen. In ewiger Jugend steht er heute als Mensch und Künstler vor uns. Sein leuchtendes Auge scheint uns durch alle Irrungen und Wirrungen der Zeit zu begleiten und die Unvergänglichkeit des deutschen Geistes zu verbürgen. Seine Kunst ist mächtig, stark und sieghaft wie das Lutherlied „Ein’ feste Burg ist unser Gott“... Und wir denken an Wagners Worte aus den „Meistersingern von Nürnberg“:

Ehrt eure deutschen Meister, So bannt ihr gute Geister!

_Felix Lorenz._

[C] Sprich: tschinkwetschénto, womit man kunstgeschichtlich das 16. Jahrhundert bezeichnet.

Das Paradies

Von Lukas Cranach

Geboren 4. Oktober 1472 in Kronach (Franken), gestorben 16. Oktober 1553 in Weimar. -- Kunsthistorische Sammlungen in Wien

Bild 7

Was Hans Sachs, der Nürnberger Schuhmacher, für die Dichtung der deutschen Reformationszeit, das war _Lukas Cranach der Ältere_ als ihr Maler. Nicht nur, daß er die hauptsächlichsten Persönlichkeiten des jungen deutschen Protestantismus, Luther selbst voran, in Bildnissen festgehalten hat, auch die bürgerliche Lebensstimmung jener Tage spiegelt sich in seinen Bildern so getreu wie bei keinem andern seiner malenden Zeitgenossen. Andre Maler seiner Zeit, wie Holbein, wurden in der Fremde zu Weltmännern und nahmen sich die Werke der italienischen Renaissance, des in Kunst und Wissenschaft wiedergeborenen klassischen Altertums, zu Vorbildern; Cranach blieb im Banne deutschen Wesens und entfernte sich auch dann nicht aus seinem Bereich, wenn er sich in Träumerei verlor und seine schalkhafte Phantasie spielen ließ. Auch er hat vielfach Stoffe und Gestalten des Altertums gemalt, aber unter seinen Händen verwandelten sie sich in deutsche, und wenn er in Italien gewesen wäre und die ganze blühende Lebensfülle der wiedererwachten Weltfreude in sich aufgenommen hätte, aus seinem Schaffen würde das, was man Renaissance nennt, doch als deutsches Gebilde auferstanden sein. Wie fast alle seine Bildnisse, selbst die hoher fürstlicher Herren und geistlicher Führer, einen geraden, ehrlichen, aber zugleich etwas nüchternen kleinbürgerlichen Zug haben, so schlüpfen auch seine Darstellungen aus der Bibel und der Sagenwelt gern in das heimisch deutsche Bürger- und Bauernkleid, worin er seine Zeitgenossen wandeln sah. Doch auch für das Zarte, Sinnige und Innige, das im deutschen Wesen liegt, blieben seine treuen Augen offen. Es wird uns heute noch warm und wohlig bei seinen waldduftigen, naiv-märchenhaften oder schalkhaft-humoristischen Schilderungen, und manchmal erscheint er uns geradezu als eine um drei Jahrhunderte vorweggenommene Vereinigung von Ludwig Richter, Schwind und Thoma.

Er ist im Oktober 1472, nur ein Jahr später als Dürer in Nürnberg, in dem kleinen oberfränkischen, damals bischöflich-bambergischen Städtchen Kronach geboren worden und nannte sich früh nach seinem Geburtsort, während er nach seinem Vater, einem ehrsamen Maler, eigentlich Müller (oder Sonder) hätte heißen müssen. In der väterlichen Werkstatt hat er wohl auch gelernt; um 1500 scheint er sich in Österreich (Wien) aufgehalten zu haben, vielleicht auch in Bayern. Näheres aus seiner Jugend- und Lernzeit ist nicht bekannt. Doch deutet manches darauf hin, daß er durch die fränkische Malerschule gegangen ist und dort Anregungen von dem phantastischen Matthias Grünewald und dem romantischen Albrecht Altdorfer empfangen hat. Davon zeugt noch sein 1504 entstandenes bezaubernd frisches und lebendiges Jugendbild „Die Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ (im Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin), ein Meisterwerk der Naturanschauung und der Farbengebung, das er nie mehr übertroffen hat. Damals noch hätte sich seine Kunst wohl ebensogut nach Süden wie nach Norden wenden können, denn auf der Scheide zwischen Mittel- und Süddeutschland war er ja daheim. Aber etwas in seiner Art und inneren Anlage muß ihn nach dem strengeren und ruhigeren Norden gezogen haben. 1505 finden wir den Dreiunddreißigjährigen als Hofmaler des sächsischen Kurfürsten anfangs in Torgau, bald aber in Wittenberg ansässig, wo er sich noch in demselben Jahre mit Barbara Brengbier aus Gotha verheiratete. Dort, in der Stadt der Reformation, hat er dann -- eine kurze Reise nach den Niederlanden (1508) abgerechnet -- 45 Jahre lang unter drei sächsischen Fürsten, Friedrich dem Weisen, Johann dem Beständigen und Johann Friedrich dem Großmütigen, ein Freund Luthers und treuer Anhänger der neuen protestantischen Lehre, Apothekenbesitzer und Buchdrucker, Mitglied des städtischen Rates und Bürgermeister, eine außerordentlich reiche Tätigkeit entfaltet, die alle Zweige der Malerei und Holzschnittkunst umfaßte und eine solche Ausdehnung annahm, daß er zahlreiche Gehilfen heranziehen mußte. Seinem Künstlertum hat dieser handwerksmäßige Betrieb nicht immer zum Ruhme gereicht, da er alle Werke, gleichviel, ob er größeren oder kleineren Anteil daran hatte, mit seinem Malerzeichen (geflügelte Schlange mit Ring im Maul) versah; sein Ansehen bei den Zeitgenossen aber wuchs beständig, und sein Einfluß verbreitete sich durch ganz Mittel- und Norddeutschland. Noch in seinen letzten Lebensjahren bewies sich an ihm die Gunst seines Fürsten dadurch, daß er 1550 zu dem gefangenen Kurfürsten Johann Friedrich nach Augsburg beschieden wurde und zwei Jahre später mit ihm nach Weimar ging. Dort ist der Einundachtzigjährige am 16. Oktober 1553 gestorben und in der Hofkirche begraben worden.

Kaum bei einem zweiten Maler scheiden sich die Werke der Frühzeit so deutlich von den späteren wie bei Lukas Cranach. In seinen Jugendtagen, darf man mutmaßen, ist er durch den Thüringer- und Frankenwald geschweift und hat sich von dort den Waldduft, die Ritter- und Burgenromantik in seine Bilder geholt. In Wittenberg, einem Städtchen ohne landschaftlichen Reiz und künstlerische Überlieferung, bekehrte er sich zum behaglichen Bürgertum, verfiel zeitweilig sogar ins Hausbackene und mußte nebenher doch, um seinem Hofmalertitel Ehre zu machen, pompöse Staatsbilder malen, die seine natürliche Freude am Kleinen und Traulichen hinter einer wohlgefälligen Glätte verbergen. Dabei ist er oft ins Schablonenhafte verfallen. Den menschlichen Körperbau hat er nur oberflächlich studiert, und mit der Kunst der malerischen Farbe hat er sich nie recht befreundet: vieles bei ihm erscheint wie hinterher oberflächlich angemalt, anstatt von vornherein malerisch gesehen und geschaffen. Dennoch ist es falsch und ungerecht, die vielgestaltige, in sich beruhigte und geklärte Schöpferfülle seiner späteren Jahre mit den freilich persönlicher und dichterischer gefühlten, kraftstrotzenden Werken des Dreißigjährigen verächtlich machen zu wollen. Wir sind es dem Künstler schuldig, ihm auf den Wegen seiner Entwicklung zu folgen und ihn in seiner Ganzheit zu begreifen, auch wenn er, wie manche Flüsse, seinen Lauf zurücklenkt zu Strecken, die schon überwunden schienen. Und Cranach ist in der Tat mit manchem seiner Alterswerke zu der Gebundenheit der mittelalterlichen Formen zurückgekehrt, über die seine Zeit, und eine Weile er selbst mit ihr, so entschieden hinausstrebte.

Zu diesen Werken aus Cranachs späterer Zeit gehört auch „_Das Paradies_“, eine Schöpfung des Jahres 1530.

Ein Jahr vorher hatte der Meister, wahrscheinlich auf Luthers Anregung, „Sündenfall und Erlösung“ dargestellt, eine Doppeltafel, die sich bei zierlicher Formgebung in recht frostigen und alltäglichen Allegorien bewegt und deshalb zur Erklärung des Dargestellten ausführliche Sprüche zu Hilfe rufen muß. Auch sonst knüpft er dort an die mittelalterliche Erzählungsform an. Statt die Dinge, wie es der Grundsatz der neuen Kunst verlangte, in Raum und Zeit zu einer Einheit zu gestalten, stellt er eine Reihe räumlich und zeitlich getrennter Vorgänge in fortlaufender Landschaft nebeneinander dar: über dem Sündenfall im Paradies das Jüngste Gericht in den Wolken, über dem gekreuzigten Christus den aus dem Grabe auferstehenden.