Gemälde und ihre Meister

Part 23

Chapter 233,215 wordsPublic domain

Unter den deutschen Malern der Gegenwart der innigste und deshalb deutscheste -- das ist Hans Thoma! Alles, was Gutes in der deutschen Volksseele lebt: Schlichtheit und tiefe Herzlichkeit, frohe und fromme Liebe zur Natur, aber auch zum Menschen, der in ihr lebt und schafft, schalkhafter Humor und träumerisches Sinnen, fröhliche Lebensbejahung und doch ein Zug der Sehnsucht über Leben und Alltag hinaus -- das sucht in Hans Thomas Werken seinen Ausdruck und spricht erquickend zu uns aus seinen Bildern.

Gewiß habt ihr schon das eine oder andere davon gesehen und liebgewonnen; wenigstens wohl einen der farbenschönen Steindrucke, die von des Meisters Hand in die Welt hinausgegangen sind. Vielleicht den „Geiger“, den verträumten Schwarzwaldjungen, der in blauer Nacht, von den silbernen Strahlen des langsam heraufsteigenden runden Mondes umspielt, im kleinen Bauerngarten sitzt und seine junge Sehnsucht, sein Hoffen und Wünschen in leisen, schwebenden Melodien in das traumstille Dunkel hinausklingen läßt, oder den „Säemann“, der hoch aufgerichtet, ernst und feierlich über die feuchtbraune Erde schreitet und in breitem Wurf den Samen in die Scholle streut, daß er keime und Frucht bringe, oder das „Schwarzwaldhaus“, das uns der Maler im ersten Frühlingsscheine zeigt, wenn die Bäume noch kahl sind und die Luft durchsichtig klar ist; hell läßt er die Sonne auf dem braunen Gebälk spielen, fleißige Frauen arbeiten im Gärtchen hinter dem Lattenzaun, und lenzselig kräht der bunte Haushahn in den Morgenglanz hinein.

In diesem Häuschen, hoch oben in den Schwarzwaldbergen, im Dorfe Bernau, ist Hans Thoma am 2. Oktober 1839 geboren worden. Hier hat er die ersten zwanzig Jahre seines Lebens verbracht und alle Süße und alle Stille seiner geliebten Heimat in sich eingesogen. Wie oft mag er, an die Hauswand gelehnt, hier auf dem hölzernen Balkon gestanden und in das wellige Tal mit seinen tief niederhängenden grauen Schindeldächern, den bunt geblümten Wiesen und glitzernden Bächen hinausgeträumt haben und dann weiter über die fernen Wälder und Berge in die unbekannte Welt, die dahinter lag, oder nächtens in die hehre und geheimnisvolle Sternenwelt hinauf. Denn ein Träumer und „Sinnierer“ war der Thoma Hans von klein auf, das lag ihm schon im Geblüt; den größten Einfluß aber auf das Gemüt des Knaben hatte die Mutter, die mit ungewöhnlicher Erzählergabe tausend bunte Bilder aus ihrem eigenen wunderlichen Traumleben, aus der Märchenwelt und aus der Heiligen Geschichte in die Seele ihres Buben senkte und seinen Sinn für das geheimnisvolle Leben in und um uns empfänglich machte; sie war eine fromme Frau, die des Abends gern aus der Bibel vorlas oder vorlesen hörte; dann lauschten alle mit stillen Augen, unter ihnen der kleine Hans, und sahen die Gestalten des heiligen Buches leben und sich regen, und dann sprachen die Großen über das Gelesene. Diese Eindrücke senkten sich unverwischbar in das weiche, phantasiebegabte Kindergemüt, in dem das Gelesene vielleicht am klarsten und reinsten zum Bilde sich formte. Und so griff er auch später als Mann und Greis immer wieder zur Bibel, um mit gereiftem Sinn und tieferer Demut dem göttlichen Geheimnis nachzugehen. Aus dieser religiösen Erinnerungs- und Erlebnisfülle mußten auch dem Künstler und Meister Hans Thoma mancherlei Gesichte zuströmen, denn alles, was sein Herz bewegte, wurde ihm zum Bilde, und Mensch und Künstler waren eins in ihm.

Seht euch die „Flucht nach Ägypten“ an. Es ist eines seiner schönsten und innigsten Bilder. Ihr kennt die Stelle der Heiligen Geschichte? „Da die Weisen aus dem Morgenlande aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Joseph im Traum und sprach: Stehe auf und nimm das Kindlein und seine Mutter zu dir und fliehe in Ägyptenland und bleibe allda, bis ich dir sage; denn es ist vorhanden, daß Herodes das Kindlein suche, dasselbe umzubringen. Und er stand auf und nahm das Kindlein und seine Mutter zu sich bei der Nacht und entwich in Ägyptenland...“ Ernst und behutsam führt Joseph das brave Eselein durch das blühende, grüne Land. Er sieht nicht vor, nicht hinter sich. Sorge beugt seinen Nacken und macht seinen Schritt schwer. Aber Maria, die mütterliche Frau, die still und gefaßt auf dem geduldigen Grautier sitzt, hat den Blick hoffnungsvoll erhoben. Ihr Auge hängt gläubig an der lichten Engelsgestalt, die in holdernster Kindlichkeit neben ihr schwebt und mit tröstender Gebärde in die Ferne, in eine glücklichere Zukunft der Geborgenheit deutet; strömendes Sonnenlicht verklärt ringsum das Land wie eine göttliche Verheißung, als sollten alle Not und Trübsal der geängstigten Kreatur sich über ein Weilchen in Frieden und Seligkeit wandeln. Im Schoße der Mutter aber schlummert tief und glücklich das Jesuskind dem Ziele entgegen. Und noch ein andrer kleiner Himmelsgesandter gibt Eltern und Kind das Geleit, er trägt Blumen im Arm und hat Blüten auf den Leidensweg der heiligen Familie gestreut und auch das getreulich schreitende Tierlein mit den bunten lebendigen Sternen geschmückt...

Fühlt ihr den Zauber des Bildes? Was ist nun das Schöne an ihm, das, was uns erfreut, ergreift und rührt und zugleich mit tiefem Frieden erfüllt? Ist es die klare, rein leuchtende Farbe? ist es die schlichte, liebevoll geführte Linie, mit der jedes Antlitz, jede Hand, jede Gewandfalte gestaltet ist, ist es der fromme Vorgang des Bildes oder die Anordnung der ziehenden Gruppe vor der in Sonnenglast und Ferne verdämmernden Landschaft, die einen so süßen deutschen Klang hat --? Ach, ihr fühlt es schon, es ist der Geist, es ist die Seele und Liebe des Meisters, aus der das alles geflossen ist, Farbe und Linie, und was sonst noch auf dem Bilde zu uns spricht, die alles zur Einheit verschmilzt, durchleuchtet und verklärt. Aus ihr heraus mußte alles schlicht und innig, rein und klar, friedlich und inneren Lebens voll, lieblich und köstlich auf der Leinwand entstehen und mußte auch so in unsre Augen und Herzen scheinen. Meister Thoma hat niemals bloß etwas mit der Hand oder mit den Augen gemalt und gezeichnet; er hat immer und vor allem mit dem Herzen geschaffen und für die Herzen der andern. Das Herz aber kennt keinen Prunk und aufregenden Lärm und keine kalte oder erregende Schönheit der Farben und der Linien und andern gefälligen Zauber. Der Meister schrieb einmal über seine biblischen Bilder: „Diese Bilder sind wie die andern auch emporgewachsen aus einer Summe von Empfindungen, aus denen die Phantasie sie zur künstlerischen Form gestaltet. Es sind Empfindungen, wie sie im Volksgemüte leben, uraltes Erbgut; ich möchte fast sagen, ich male solche Sachen so, als ob ich sie für die einfach gläubige Frömmigkeit meiner Mutter malte -- ohne Geistreichheit -- die Stoffe, wie sie sich geben, nur mit dem Schmucke versehen, den ich ihnen nach Kraft und Recht meines künstlerischen Vermögens geben kann --“ und man darf hinzusetzen: seines männlich-schlichten, innig deutschen Herzens, seines gott- und menschennahen Gemüts, das er aus der reinen und erhabenen Stille seiner Bergesheimat ins Leben mitgenommen hat.

Hans Thoma hat viel, unendlich viel geschaffen. Sein Leben, das jetzt in den Achtzigen steht, war reich und gesegnet und ist es geblieben bis diesen Tag. Ach, es ist vor diesem Reichtum und dieser Fülle schwer und unmöglich zu sagen: das ist das Schönste, das Beste, das Eigentliche! In allen Blättern und Bildern leuchtet ja die Thoma-Seele, lebt das Thoma-Herz.

Ebenso tief ihm eingesenkt, wie die Liebe zum altehrwürdigen religiösen Erbgut, ist ihm die Liebe zur Heimat. Ein Mensch wie Thoma mußte mit Liebe und Lust an Gottes schöner Natur hängen, und die Natur ist für einen solchen Herzmenschen immer und vor allem die Heimat. So hat Thoma von Anfang an und immer wieder seine Heimatlandschaft gemalt und gezeichnet und ist ihr als Schaffender durch alle Jahrzehnte seines langen Lebens treu geblieben. Nach großen, lärmenden, „gigantischen Motiven“ hat unser Meister auch hierbei niemals ausgeschaut, die welligen Gelände seines geliebten Schwarzwaldes oder des ihm formverwandten Taunus, der Mainlauf mit seinen heitern Ufern waren für ihn immer wieder voll stiller, feiner, lieblicher Bildergedanken.

Wie wundervoll vertraut leuchten die Bilder und Bildchen uns mit ihren klaren ruhigen Farben an -- die Wärme, die von ihnen weht, der Thoma-Zauber machen sie uns im Beschauen zu beglückenden Sinnbildern deutscher Heimat; wir atmen den Duft des Korns, das auf sonnenheißen Feldern schauert, hören den Bach plaudern, der sich hell schimmernd aus blumigem Dickicht seinen Weg über feuchtes Geröll sucht, wir riechen den starken Erdodem der Schalle, die der warme Frühling gelockert hat, hören das Flüstern und Schwirren der Blätter auf einsamer Berghalde oder das geheimnisreiche Raunen der Nacht, wenn sie mit weichem, blauem Dunkel die Hütten im Tale umfängt; wir lagern mit dem wegmüden Wanderer am Waldrand und träumen hinab in den kühlen Grund und hinaus in die besonnte Ferne, in der lichte Bergkuppen, heitre Wiesen und Felder und ein heimelig verstecktes Städtchen schimmern, und über uns am blauen Himmel ziehen die großen, weißen Sommerwolken -- ach, so könnte man noch von hundert Bildern erzählen, aus denen die Wärme und der Frieden der Heimatliebe und die stille, leise Trauer der Erdensehnsucht ihren Zauber spinnen! Und in dieser von ihm geliebten Landschaft malt er auch die Menschen seiner Heimat; seine heitern oder versonnenen Fabelwesen, Nymphen, Faune, Waldschrate und die holden sinnbildlichen Gestalten des Traums und des Frühlings; ja, selbst die Bildnisse von Freunden und Verwandten, die er mit behutsamer Hand und bis ins Innerste spähenden Augen geschaffen hat, sind fast immer vor so einen landschaftlichen Hintergrund gestellt, der wie eine leise, kennzeichnende Melodie das Bildwesen des Dargestellten umklingt. Meister Thoma hat gemalt, gezeichnet, lithographiert, radiert -- da gibt es kein Ende, nicht für ihn und nicht für uns! Ihr kennt sicherlich manche seiner hundertfach vervielfältigten Federspiele und Zeichnungen, zum mindesten die lustig-putzigen, auf Wolken jubilierenden und segelnden, auf Vögeln reitenden Engelein -- er hat mit zahllosen dieser Blätter und mit seinen schönen Steindrucken die Wärme seiner Kunst bis in die fernsten und einfachsten Hütten getragen und Augen und Herzen Tag um Tag erfreut.

Ach, lieber Meister Hans Thoma, wieviel ließe sich noch über dein reiches, köstliches Lebenswerk sagen. Aber ich hoffe, etwas von deiner guten Menschlichkeit, von deiner dankbaren und sehnsüchtigen Frommheit, von deinem Frohsinn und deiner heißen, zarten Liebe zur Heimat, ein Hauch deiner innigen, schlichtgroßen Kunst, der jeden erfüllt, der dein Werk betrachtet und liebt, ist vielleicht auch in diese bescheidenen Zeilen eingegangen und hat dich den jungen Lesern lieb gemacht, so daß sie gern mehr von dir sehen wollen, um dich ganz kennenzulernen und zu besitzen. Und so nehmen wir Abschied von dir und grüßen dich dankbar und ehrfurchtsvoll mit dem schönen Dichterwort, das so gut auf dich paßt:

Der ist in tiefster Seele treu, Der die Heimat liebt wie du.

_Gertrud Triepel._

Das Tischgebet

Von Fritz von Uhde

Geboren 22. Mai 1848 in Wolkenburg in Sachsen, gestorben 25. Februar 1911 in München. -- Musée de Luxembourg in Paris

Buntbild VIII

Wer Palästina bereist und seine heiligen Stätten, wird immer eine Kette von Gedanken mit sich tragen, die zurückführen auf die Geschichten des Neuen Testaments, und fast unbewußt wird ihn über die Berge und Täler bis zu der Lehmflut der Jordanfurt und dem stillen Wasserspiegel des Toten Meeres eine Gestalt begleiten, der unsre religiöse Phantasie Leben geschaffen hat: ein Mann mit hehrem, durchgeistigtem Gesicht, lockigem Haupthaar, gekleidet in eine schlichte, lang herabwallende Tunika, mit Sandalen an den Füßen -- die Gestalt Jesu Christi.

Mir wenigstens ist es so ergangen. Ich hatte mich freilich vorher in die Evangelien vertieft und folgte ihrem Erzählungsstoff als ich oben am Saume des Plateaus über Tiberias stand, unter mir den schweigenden See von Genezareth mit den ihn umgebenden, schroff abfallenden, zerklüfteten Bergen. Auch auf Jerusalems hochehrwürdigem Tempelplatz und am Quellstrom des Jordan, im Garten Gethsemane, wo Judas den Herrn verriet, und auf der Höhe des Ölbergs, am Jakobsbrunnen, am Grabe Josephs und vor allem in jener grünen Talmulde, in die sich die weißen Häuser von Nazareth schmiegen, der Jugendheimat Jesu.

Kein Ort in Palästina ist durch die Überlieferung so zu Ansehn gekommen wie gerade Nazareth. Das Alte Testament erwähnt seiner nicht, und da es bei Johannes an einer Stelle heißt: „Was kann von Nazareth Gutes kommen?“ -- so läßt sich vielleicht annehmen, daß es dermaleinst die kleinste und unbedeutendste Stadt Galiläas war. Aber sie wurde zu weltgeschichtlicher Bedeutung durch den Aufenthalt des Heilands. Wie lange lebte er in der Stille und Einsamkeit dieses abgeschiedenen Fleckens? Wir wissen es nicht. Im Lukas-Evangelium wird von dreißig Jahren gesprochen, ehe der Ruf des Täufers Johannes durch das Galiläische Land drang; aber sei es eine kürzere oder längere Zeit gewesen, eins steht fest: es war die Zeit der Vorbereitung für Jesus und sicher gefüllt mit einem überreichen und wunderbaren Inhalt.

Der Vater Jesu war ein Zimmermann, ein Wanderhandwerker, und seine Werkstatt zu Nazareth zeigt man noch heute -- oder wenigstens den Ort, wo sie gestanden haben kann, und einen Pfeiler aus porösem Gestein als letztes Überbleibsel der Wohnung von Joseph und Maria. Ich malte mir in der Phantasie die Wohnung aus, wie sie zu Zeiten Jesu gewesen sein könne: ein winziges Häuschen aus Holz und Lehm mit runden Dachbalken und dem üblichen Söller, auf den eine Holztreppe führte. Im Hause wenig mehr als zwei Räume, einfach ausgestattet mit groben Decken und Teppichen, den nötigen Geräten und dem Handwerkszeug. Jesus half dem Vater bei der Arbeit, auch er war ein Zimmermann. Er lebte in dieser verlorenen Kleinstadt, ging am Sabbat in die Synagoge, ließ sich am Wochenende seinen Lohn auszahlen. Er lebte wie ein Mensch unter Menschen, aber von einem anderen Geiste erfüllt als diese, das zeigt uns jener Besuch mit den Eltern zum Osterfeste in Jerusalem, da die angsterfüllte Mutter nach langem Suchen den Sohn im Tempel mitten unter den Lehrern fand.

Neben der kleinen maronitischen Kirche in Nazareth liegt die sogenannte Mensa Christi in einem neueren Gebäude mit einem großen runden Steinblock. Fromme Legende erzählt, das sei der Tisch gewesen, an dem Jesus vor und nach seiner Auferstehung mit den Jüngern gespeist habe. Und an diesem Tische sah ich ihn im Dämmer einer Nachmittagsstunde scheinbar leibhaftig sitzen: als einen Mann mit hehrem, durchgeistigtem Gesicht, lockigem Haupthaar, gekleidet in eine schlichte, lang herabwallende Tunika mit Sandalen an den Füßen.

So lebt er in der nachschaffenden Erinnerung des Christentums -- und so sehen wir ihn auf dem berühmten Bilde Fritz von Uhdes, das hier in seiner farbigen Wirkung wiedergegeben ist. Das Zuständliche ist eine Bauernstube, dem Eindruck nach eine holländische oder eine aus dem deutsch-belgischen Grenzgebiet, die Wände kahl, der Boden mit Ziegelfliesen belegt. Durch das gardinenlose Fenster fällt der Blick auf flaches Land und das rote Dach eines Fabrikgebäudes, über dem noch der Himmel blaut, sich aber schon in zartes Dämmerlicht einwebt. Die Armut wohnt in diesem kärglichen Heim. Doch alles ist blitzsauber, auch der zur Abendmahlzeit hergerichtete Tisch mit dem großen Kartoffelnapf in der Mitte. Mann und Frau stehen sich gegenüber, er noch in seiner Arbeitsbluse, hinter der Frau wird das Elternpaar sichtbar, am Ende des Tisches warten die Kinder.

Ehe sich die Familie zum Essen setzt, wird das Tischgebet gesprochen. Es ist das uralte: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Amen.“ Woher dies Gebet stammt, läßt sich nicht nachweisen. Der Volksmund hat es geformt, vielleicht schon vor Jahrhunderten, in dem innigen Glauben, daß auch des Leibes Nahrung von Gott kommt und des Segens des Himmels bedarf. Und während dies Gebet gesprochen wird, erscheint der Herr Jesus Christus selbst, wie eine Lichtgestalt, und erhebt segnend seine Hand.

Er ist nicht etwa eine geisterhafte Erscheinung, das Ganze soll keineswegs wie eine Vision wirken. Hätte das der Maler so gewollt, so würde der Ausdruck in den Gesichtern der Bäuerin und der Kinder ein anderer geworden sein, ein erstaunter ob des Wunders, ein ekstatischer, ein verzückter. Aber während der junge Mann nur andächtig vor sich niederschaut und das eine der Kinder, wohl der Kleine, der das Gebet gesprochen, noch die Hände auf dem Tisch gefaltet hält, lebt im Gesicht der Bäuerin ein unendlich dankbarer, fromm einfältiger Ausdruck. Der Maler hat geflissentlich seine Szene aus dem Bereich des übersinnlichen und des Unwirklichen in das der Natürlichkeit gerückt. Da steht der freie Stuhl und der Teller für den Herrn Jesus, die symbolische Einladung des Tischgebets ist zur Wirklichkeit geworden, der Herr ist eingetreten in die niedrige Stube des armen Mannes und will mit der Familie speisen.

Dies Gemälde, dessen Original das Pariser Luxembourg-Museum ankaufte, ist 1885 entstanden und nicht das erste, in dem der Künstler rücksichtslos mit den Überlieferungen der religiösen Malerei brach, wie sie die Düsseldorfer Schule unter E. v. Gebhardt in Anlehnung an die alten niederländischen und deutschen Meister wiederaufgenommen hatte. Wählten diese Darstellungen aus der evangelischen Geschichte im Spiegel des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts und ihrer zeichnerischen und malerischen Prinzipien, so ging Uhde ein gewaltiges Stück weiter und versetzte den Stifter der christlichen Religion in seiner typischen, nur realistisch umgebildeten Erscheinung unmittelbar in die lebenatmende Gegenwart. Und zwar zog er den Gläubigen auf seinen Bildern nicht etwa eine besondere Feiertagstracht an, wie sie die Besteller und Stifter der Altarbilder des Mittelalters und der Renaissance in sichtbarem Stolze zur Schau tragen, sondern er stellte den Heiland in seiner „Knechtsgestalt“ auf Erden mitten unter die „Knechte“, die Ärmsten der Armen, die Zöllner und Sünder, die „Mühseligen und Beladenen“ in ihrer Alltagsgewandung.

Dieser Bruch mit der Auffassung des Hergebrachten erschreckte anfänglich, wie alles Neue in der Kunst, aber der Kreis der Anhänger Uhdes erweiterte sich bald. Man erkannte und fühlte die Tiefe des Grundgedankens, der den Künstler beherrschte: die Gleichberechtigung aller Gläubigen vor dem göttlichen Mittler -- man verstand auch die schöne und geistvolle Auslegung des Schriftworts: „Wo Zween oder Drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich _mitten unter ihnen_.“ Am Schluß des Matthäus-Evangeliums steht ein ähnliches Wort: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Dies ewige Beiunssein des Gottessohnes in unsern Gebeten ist der verklärende Gedanke in Uhdes religiösen Bildern. Im übrigen: läßt sich die Berechtigung bestreiten, Christus unter den Menschen der Gegenwart darzustellen, wenn dies den alten Meistern unter den Menschen _ihrer_ Zeit erlaubt war? Gewiß nicht. Aber das Äußerliche, so verblüffend es auch durch seine Neuheit wirkte, wäre doch nur leere Form geblieben ohne die seelische Verinnerlichung, die aus Uhdes Bildern spricht. Dabei fließen naturgemäß Gemüt als die Fähigkeit zum Fühlen, Geist als die Fähigkeit des Denkens und Technik als die Fähigkeit zur malerischen Ausgestaltung zusammen. Wir betrachten unser Bild. Draußen vor dem Fenster noch blauender Himmel, im Zimmer streifen schon die Schatten des Abends über die Decke und durch die Winkel, und in diesem Herbstlicht stehen die Figuren in vollkommener Körperlichkeit. Uhde lag es fern, in seinem Gemälde das Christentum zu verwässern und der Heilandserscheinung etwa ein plattnaturalistisches Gepräge zu geben. Im Gegenteil, die Gestalt Christi in der dürftigen Bauernstube wirkt wunderbar erhaben, doppelt erhaben in ihrer Schlichtheit und Anspruchslosigkeit, alles Licht scheint von ihr auszustrahlen, und es bedurfte kaum des Glorienscheins über ihrem Haupte, um den Adel der geistigen Auffassung noch mehr zu betonen.

Im gleichen Jahre 1885 entstand, etwas früher als „Das Tischgebet“, ein zweites Bild nach genau demselben Motiv, bekannt geworden unter dem Text des Gebetspruchs „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast“ (Original in der Berliner Nationalgalerie). Hier ist der Raum größer und gewährt einen behaglicheren Eindruck, der Heiland tritt eben in die Stube, und der Hausvater ladet ihn mit entsprechender Gebärde ein, am Tische Platz zu nehmen, auf den die junge Frau gerade die gefüllte Schüssel niedersetzt. Aber die Gestalt Christi ist in dieser Erstfassung nicht ganz frei von etwas theaterhafter Haltung, und ich ziehe schon deshalb das „Tischgebet“ vor, auf dem zudem die Figuren knapper gruppiert sind und dem Beschauer gewissermaßen näherrücken. Dadurch wirkt das Ganze geschlossener, traulicher und intimer, es wird zu einem Familienidyll.