Part 22
Der junge Bauernsohn, dessen Begabung sich früh auf die vielseitigste und merkwürdigste Weise offenbarte, mußte bis in sein fünfzehntes Jahr hinein das Vieh des Vaters hüten und wußte wenig von Kunst, insbesondere vom Malen. Er machte Figuren aus Teig, schnitzelte sie aus Rüben und Kartoffeln, bemalte mit seinen Stiften, als er endlich solche bekam, die Wände, ja er zeichnete einmal einen Fünfzigguldenschein, wohl die einzige Vorlage, die er hatte, so genau nach -- in aller Unschuld! --, daß jener für echt gehalten wurde. Später mußte er als Knecht arbeiten in des Vaters Hof, und als er zweiundzwanzig Jahre alt war, starb plötzlich der Vater, und dem Jüngling fiel der Hof zu. Nicht zu seiner Freude. Er wollte erst den Hof verkaufen und nach Amerika auswandern. Das letztere zerschlug sich, der Hof aber wurde verkauft, und der Defregger-Franzl ging, bereits vierundzwanzigjährig, mit einer Empfehlung des Dorfpfarrers nach Innsbruck zu einem Bildhauer in die Lehre. Nach einigen Monaten empfahl ihm dieser, obwohl mit seinen Leistungen zufrieden, doch lieber Maler zu werden. Noch in seiner Tiroler Landestracht stellte er sich in München Meister Karl v. Piloty vor, und nach einem Jahre bereits war er Schüler einer Malklasse. Im Zeichnen war er durch eisernen Fleiß bereits selbst vorangekommen. Freilich muten uns heute seine ersten Bildversuche seltsam an: die Figuren sind silhouettenhaft, noch stark biedermeierisch angehaucht, aber vorzüglich gekennzeichnet und echt.
Defregger arbeitete unermüdlich und voll Freudigkeit. In der Malklasse bei Anschütz gefiel es ihm allerdings wenig. Er ging nach Paris, wo er als sprachunkundiger Ausländer freilich in keine Schule aufgenommen wurde. Trotzdem blieb er fünf Vierteljahr, sah wenigstens sehr viel gute Kunst und malte für sich. Zurückgekommen, blieb er einen Sommer lang in seiner Tiroler Heimat und begann dort -- es war im Jahre 1864 -- sein erstes gutes Bild „Der verwundete Wilderer“. Im Herbst des Jahres nahm ihn Piloty in seine Schule auf. Nun ging es rapid aufwärts, nachdem einmal das Handwerkliche von dem spät und mit etwas schweren Händen in die Schule Gekommenen überwunden war. 1868 wurde das vaterländische Bild „Speckbacher und sein Sohn Anderl“ fertig, das einen Riesenerfolg brachte. Und nun folgte Jahr um Jahr ein Schlager, und immer nahm der Maler den Stoff aus dem heimatlichen Leben oder der Tiroler Geschichte, die Figuren aus dem eigenen geliebten Volke. In Zeiten des „Naturalismus“ hat man ihm vorgeworfen, daß er seine Gestalten zu sehr verschönere -- in Wahrheit wählte er sich nur aus dem prächtigen Menschenschlage seiner Tiroler Heimat die für seine Art passendsten Erscheinungen aus oder suchte sich unter den Münchener Modellen solche, die mit jenen eine gewisse Rassenähnlichkeit hatten. In der langen Reihe seiner Bilder finden wir übrigens genug Erscheinungen, die zwar im höchsten Grade charakteristisch sind, auf die aber das Wort „schön“ im alltäglichen Sinne durchaus nicht paßt. Man denke nur an seine ungezählten knorrig-schnittigen Köpfe alter Männer, an denen oft nur eins schön ist, die stark ausgeprägte Rasseneigenart. Als Defregger noch jung war, hat ihn freilich Jugendschönheit und Kraft als Künstler mehr gereizt, als vielleicht später. Seinem Volkstum ist er aber auch damals immer treu gewesen, und gerade die Typen auf seinem „Letzten Aufgebot“ konnten auf keinem andern Boden gewachsen sein, als auf dem Tirols. Als er später für den bayrischen Staat den „Schmied von Kochel“ schuf, gelang ihm das Typische der Erscheinungen weit weniger, trotz der nahen Stammverwandtschaft zwischen Tirolern und Bayern.
Er hat noch eine ganze Reihe von Szenen aus dem Befreiungskampfe von 1809 gemalt -- die großen Bilder: „Andreas Hofers letzter Gang“ und „Andreas Hofer im Innsbrucker Schloß“ gehören zu den besten. Voll frischen, blühenden Lebens und sehr volkstümlich geworden sind aber zahlreiche Schilderungen aus dem friedlichen Volksleben: „Der Ringkampf“ (1870), „Der Ball auf der Alm“ (1872), „Das Preispferd“ und „Die Bettelmusikanten“ (1873), „Das Tischgebet“ (1875), „Der Zitherspieler“ (1876), „Brautwerbung“, „Abschied der Jäger von der Alm“ (1877); dann „Sepps erster Brief“, vielbewundert wegen der bildhübschen beiden Frauentypen (1880), „Der Salontiroler“ (1882), „Ankunft auf dem Tanzboden“ (im gleichen Jahr) usw. Die Zahl kleinerer Tiroler Genrebilder und gar die Reihe der beliebten Studienköpfe, die von Defreggers Staffelei kam, ist Legion. Er war ein Liebling des Kunsthandels und der Sammler, und lange Jahre hindurch war auch jede seiner Arbeiten, kaum begonnen, auch schon in festen Händen. Im Jahre 1878 wurde er Professor an der Münchener Akademie, und seine Schule zog natürlich vor allem seine Landsleute an. Freilich gingen aus diesen mehr Nachahmer, als selbständige Künstler hervor. In München besaß er ein schönes Wohnhaus und Ateliergebäude, ein prächtiges Besitztum in Bozen. Im hohen Alter büßte er sein Augenlicht fast ganz ein, blieb aber immer noch der gleiche gütige und lebensfrohe Mensch. Er starb, fast sechsundachtzigjährig, im Winter 1921.
Die heutige Kunst hat vielleicht in manchem andere Ziele, als sie einem Franz v. Defregger naturgemäß waren, sie erzählt heute weniger, verschmäht die „Historie“, will weniger ergötzen durch Lieblichkeit der Szenen oder dramatische Wucht der Begebenheiten -- aber sympathischere Persönlichkeiten, als den schlichten, starken Tiroler Maler Defregger wird sie so bald nicht aufzuweisen haben. Und heller als je wird gerade jetzt in den Herzen nicht nur seiner engeren Landsleute, sondern wohl aller echt deutsch Empfindenden das hohe Lied widerhallen, das den Tiroler Freiheitskämpfern 1809 seine Kunst gesungen hat! Zumal im „Letzten Aufgebot“.
_Fritz v. Ostini._
Vorlesung
Von Lourens Alma-Tadêma
Geboren 8. Januar 1836 in Dronryp in Friesland, gestorben 25. Juni 1912 in Wiesbaden. -- Sammlung Balcer in Baltimore
Bild 34
Das Bild Alma-Tadêmas zeigt uns, wie man im Altertum aus den Werken der Dichter vorzulesen pflegte. Der Platz, auf den uns der Künstler führt, ist eine Exedra, die man bei den Alten in jedem vornehmen Hause und in den öffentlichen Bädern (Thermen) fand. Durch die Ausgrabungen der Städte Herkulaneum und Pompeji ist viel von dem Leben der Völker des Altertums bekannt und verständlich geworden. Ein Landsmann Alma-Tadêmas, Edward Bulwer, hat in seinem Roman „Die letzten Tage von Pompeji“ ein lebendiges Bild von dem Treiben dieser Stadt gegeben.
Wahrscheinlich befindet sich die Exedra, die uns der Künstler auf dem Bilde zeigt, in den neuen Bädern von Pompeji. Die Pompejaner kamen hier nicht nur zusammen, um zu baden, es wurde hier vorgelesen, rezitiert und musiziert; einer der Plätze war besonders für Ringkämpfe eingerichtet. Das war die Palästra.
Die Hauptperson unseres Bildes ist der Vorleser. Er liest aus einem Papyrus vor, den wir unseren heutigen Büchern etwa vergleichen können. Diese Papyrus bestanden aus langen, aus der Papyrusstaude geschnittenen Streifen, die auf ein Stäbchen gerollt wurden. Am Ende des Streifens war ein zweites Stäbchen angebracht, worauf das Gelesene gewickelt wurde. Die einzelnen Absätze des Textes entsprechen den Seiten unserer Bücher. War der Vorleser mit Lesen fertig, so mußte der Papyrus vom Anfang dem Ende zu aufgerollt werden; denn sonst bekam der nächste Leser das Ende des Buches zuerst zu lesen. Auf unserem Bilde sehen wir, daß der Vorleser in große Begeisterung geraten ist. Er scheint ganz vergessen zu haben, seine Rolle an dem abgelaufenen Ende wieder aufzuwickeln, oder sie gleiten zu lassen, wie es bei dem Papyrus üblich war. Auch die Körperhaltung des Vortragenden verrät seine große innere Teilnahme an der Lektüre. Er hat das Haupt nach vorn geneigt, sein Blick geht in die Ferne.
Die Augen der Zuhörer sind mit Spannung auf den Vortragenden gerichtet. Sie lesen ihm die Worte vom Munde ab. Unter den auf der Marmorbank sitzenden lauscht eine schöne Tänzerin mit besonderer Aufmerksamkeit. Das Instrument, ein Tamburin, mit dem sie beim Tanzen den Takt schlägt, hat sie in der Linken. Ihre Rechte hält die Hand eines der Musikanten, der ihr zur Seite auf dem Fußboden Platz genommen hat. Neben ihm steht seine Kithara. Mit diesem Instrument begleiteten Sänger und Dichter die Vorträge ihrer Werke. Es wurde aber auch als Solo-Instrument gespielt. Häufig war eine solche Kithara reich verziert. Auch die auf unserem Bilde gezeigte ist durch Ornamente vielfältig geschmückt. Die Gestalt eines vornehmen Pompejaners schließt das Bild nach links hin ab. Sein Obergewand, die Toga, zeigt reichen Faltenwurf, darunter sehen wir die Tunika oder das Untergewand. An dem Faltenwurf der Kleider erkennen wir, daß der Vornehme in kostbare Stoffe gehüllt ist. Im Vordergrunde, dem Vortragenden gegenüber, liegt eine andere Gestalt, die zum Unterschiede der übrigen dargestellten Personen ganz schmucklos nur mit einem Felle um Brust und Lenden bekleidet ist. Offenbar ein Barbar, der vielleicht zum ersten Male den Werken des Dichters Homer lauscht. Alma-Tadêma hat diesen Barbaren möglicherweise deshalb in den Vordergrund gelegt, um dadurch anzudeuten, daß die Macht, die von dem Geiste der Kunst ausstrahlt, viel stärker ist als alle anderen Kräfte, und daß keiner ihr widerstehen kann.
Das Bild gibt einen Ausschnitt aus dem Leben der Völker des Altertums, es soll eine zufällige Begebenheit wirklichkeitsgetreu darstellen. Diese Wirkung will der Künstler dadurch erreichen, daß er nur einen Abschnitt des ganzen Raumes zeigt.
Alma-Tadêma hat eine große Anzahl solcher Bilder gemalt, die uns das tägliche Leben der Völker des Altertums veranschaulichen sollen. Da sehen wir, wie ein Kaiser der Römer zu einem Töpfer geht, oder wir wohnen dem Feste der Weinlese im alten Rom bei, oder betrachten die Arbeit eines Künstlers an den Tempeln der Griechen, eine Unterhaltung der Ägypter vor dreitausend Jahren, eine Audienz bei einem römischen Kaiser und anderes mehr. Es kam dem Künstler bei seinem Schaffen offenbar darauf an, die Gegenstände und Personen möglichst so darzustellen, daß sie lebendig wirkten. Wenn er z. B. Marmor malte, sollte das Auge wirklich Marmor empfinden, ebenso Stoffe und Bronzen. Durch diese Farbengebung erreichte er am ehesten, daß seine Bilder lebensvoll die Begebenheiten aus dem Alltagsleben der Völker des Altertums veranschaulichen. Es war Alma-Tadêma möglich, die Bilder so zu malen, denn er war in den Ländern des Altertums viel gereist und hatte mit größtem Eifer die Reste der antiken Kunst studiert. In London ließ er sich dann ein Haus bauen, das einem altrömischen Hause getreu nachgebildet war. In dem Hause des Künstlers befanden sich alle Einrichtungen der alten Pompejaner. Und nun malte der Künstler sein eigenes Haus in London, hüllte die Gestalten, die er darstellen wollte, in antike Gewänder und konnte dem Beschauer auf diese Weise ein Bild vom Leben und Treiben der klassischen Völker schaffen.
Lourens Tadêma -- so heißt der Künstler eigentlich nur -- ist im Jahre 1836 in Dronryp geboren. Er ist demnach Holländer. Schon auf dem Gymnasium studierte er die alten Klassiker mit besonderem Eifer. Mit sechzehn Jahren bezog er die Akademie in Antwerpen und lernte von seinem Lehrer Leys vieles, was ihm später bei seiner Beschäftigung mit der Antike nützlich wurde. Lourens Tadêma war, wie uns erzählt wird, ein sehr ehrgeiziger, fast eitler Mann; er setzte deshalb seinem Namen noch „Alma“ vor, um in den Katalogen als Erster genannt zu werden. Schon sein erstes Bild „Die Erziehung der Söhne Chlothildens, der Gemahlin Chlodwigs“, erregte viel Aufsehen. Im Jahre 1899 wurde Alma-Tadêma baronisiert. Damit war auch sein Ehrgeiz äußerlich befriedigt. Leider ist sein Haus mit dem Atelier und einem großen Teil seiner Werke durch eine Feuersbrunst zerstört worden.
Die Begeisterung der Maler für die Kunst des Altertums war zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts so groß, daß eine Zeitlang nur noch Werke Beachtung fanden, die dem Geiste des Altertums ganz entsprachen. Man nannte diese Künstler Klassizisten. Spuren dieser klassizistischen Richtung finden wir auch in Berlin in der Nähe des Schlosses, im Lustgarten oder Unter den Linden. Da sehen wir Bauwerke, die an griechische Vorbilder erinnern, z. B. das Alte Museum, das Opernhaus, die Schloßwache oder das Brandenburger Tor. Die ganze Bewegung, die den Geist des Altertums neu aufleben ließ, war gleichzeitig in Deutschland, Frankreich und England zu finden. Zeitgenossen von Alma-Tadêma sind die englischen Maler Leighton und Pointer. So stellt Pointers bestes Bild beispielsweise einen Besuch bei einem griechischen Arzte dar. Tadêmas Gemälde unterscheiden sich von den Werken dieser Künstler dadurch, daß sie in ihrem Aufbau nicht so geschlossen sind und mehr den Charakter zufälliger Szenen, also wirklicher Augenblicksbilder aus dem Leben der Alten tragen. Alma-Tadêma malte klassische Stoffe mit der Absicht, sie möglichst wirklichkeitsgetreu darzustellen. Das unterscheidet ihn von den Klassizisten, denen es in erster Linie auf eine geschlossene harmonische Bildwirkung ankam. Doch kann man Tadêma wegen der Auswahl seiner Stoffe nicht zu den Realisten rechnen, die nur die Wirklichkeit darstellen wollen. Er ist ein Nachklassizist, ein Künstler, in dem sich zwei Strömungen kreuzen.
_Willy Manig._
Im Herbst
Von Johann Christian Kröner
Geboren 3. Februar 1838 in Rinteln, gestorben 16. Oktober 1911 in Düsseldorf. -- Gemäldegalerie in Dresden
Bild 35
An einem wunderschönen Herbstmorgen war es, der Nebel hatte sich verzogen, die Sonne glitzerte im feuchten Grase, da wanderte ein junger Mann frohgemut durchs Waldgebirge. Er war groß und schlank, trug einen grau-grünen Joppenanzug, den derben Wanderstock in der Hand, und aus seiner Rocktasche lugte etwas von der grauen Leinwand eines Skizzenbuches hervor. Langsam stieg er aufwärts und hielt Umschau, manchmal blieb er stehen, um tief aufzuatmen. Der Zauber des deutschen Waldes hatte ihn ergriffen. Feierlich ernst standen die alten Tannen da, die schon soviel Leben gesehen hatten, Menschen und Getier, Blumen und Gräser -- das alles war gekommen und gegangen, die Bäume hatten es überdauert. Sie mochten nun bald ihre hundert Jahre auf derselben Stelle stehen. Freilich, auch ihre Zeit war binnen kurzem vorüber, die Axt hieb sie nieder, sie gingen hinaus, um menschlichen Zwecken dienstbar gemacht zu werden, und neues Leben siedelte sich dann dort an, wo jetzt noch die tiefen Schauer des Hochwaldes den Wanderer umfingen. Ein geheimnisvolles Dunkel lag zwischen den Stämmen. Dort rauschte das Wasser hernieder zwischen Gestein und allerlei Kräutern. Hie und da flog ein Vöglein vom Bache auf, eine Meise oder eine Bachstelze. Ein Raubvogel strich langsam von einer Tanne ab und verschwand im Dickicht. -- Der junge Mann kam auf die Höhe des Gebirgskammes, stand auf einer Halde und blickte tief hinein auf waldige Hänge, die in blaugrauem Dunste dalagen, und sah weit hinüber auf immer neue Gebirgsbildungen und grüne Täler.
Da -- was war das? Ein Schrei, laut und fast schrecklich, ein tiefes Orgeln, drang ihm ins Ohr. War es ein Mensch, der dort in tiefer Angst um Hilfe rief? Oder war es der Schrei eines Tieres? Es wiederholte sich mehrmals. Der junge Mann blieb stehen und lauschte. Er wußte: es war der brünstige Schrei des Edelhirsches, des Königs dieser Wälder.
So wie an diesem Tage ist der Wanderer gar manches Mal in seiner Jugend und in seinem Mannesalter durch den Wald gegangen. Er ist Maler geworden, einer der bedeutendsten und bekanntesten, sein Name: Christian Kröner. Immer wieder hat er Wald und Wild zum Gegenstande seines Schaffens gemacht. Früh schon hat er gezeichnet und gemalt und auch in jungen Jahren schon die Freuden der Jagd kennengelernt, in seiner hessischen Heimat, wo er in Rinteln am 3. Februar 1838 geboren wurde. Im dortigen Revier des Herrn von Münchhausen hat er sich zuerst als Jäger betätigt.
Es sieht nicht mehr so wild aus in unserem deutschen Walde wie in früheren Jahrhunderten. Da gab es ganze Waldgebiete, die keines Menschen Fuß betrat, und die in voller Unberührtheit dalagen; andere, die von den Menschen nutzbar gemacht wurden, in denen aber keine geregelte Waldwirtschaft bestand. Der Wald ergänzte sich durch eigene Besamung immer wieder neu, der Mensch aber nutzte ihn aus, ohne ihn zu pflegen.
Das alles ist jetzt anders, der deutsche Wald ist zahmer und ordentlicher geworden. Mit der Erkenntnis, daß die zügellose Wirtschaft das Holzkapital rasch aufzehren würde, begann das Streben nach Ordnung im Walde und seine Pflege. Saat und Pflanzung, Schutz des natürlichen Nachwuchses unter dem Schirme der alten Bäume führten zur Aufzucht junger Holzbestände. Aber auch heute noch ist genügend Mannigfaltigkeit im deutschen Walde vorhanden, um uns zu erfreuen. Schonungen und Bestände verschiedenen Alters wechseln miteinander ab, Berg und Tal, Bäche und Teiche, anmutige Waldwiesen, Farnkräuter und Blumen gefallen uns wohl, und gerne atmen wir die reine Luft, die uns neue Kräfte verleiht. Und immer noch gibt es Wild und Jagdgründe, wenn auch diese meist gegen das Ackerland hin eingehegt sind, damit das Wild auf den Feldern keinen Schaden tun kann, wie das einst vor allem durch Hirsche und wilde Schweine geschah. Noch immer weiß der Jäger dieses Großwild zu hegen und zu erlegen, häufiger als dieses finden wir das zierliche Reh, der Fuchs schleicht noch immer vorsichtig auf Raub aus, Habichte nisten im hohen Gipfel, der Kuckuck ruft, und die wilde Taube gurrt, und die Scharen der kleinen Singvögel beleben Busch und Tann.
Von Jagd und Jägerleben wollen allerdings heute viele nichts mehr wissen. Es mag dies daher kommen, daß große Teile des Volkes der Natur entfremdet sind. Der wahre Jäger ist nicht nur ein Freund der freien, schönen Natur und besonders des Waldes und seiner Bäume, die er mit Verständnis behandelt, er ist auch ein Freund des Wildes, das er nach Möglichkeit hegt und zur rauhen Winterszeit an bestimmten Stellen füttert. Das Erlegen des Wildes vollführt er weidgerecht und mit Schonung, und sehr schmerzlich ist es ihm, wenn er einmal ein Stück Wild schlecht getroffen hat und es krank „zu Holze“ zieht, wo es trotz eifrigster Nachsuche häufig nicht gefunden wird.
Ist der Jäger aber ein Maler, so bringt er doppelte Beute mit heim, das Wild und die Beobachtungen, die er mit Auge und Stift im Revier gemacht hat.
„Der Wald hat ihn geboren“, so schrieb einmal jemand über Kröner, den großen Meister. Nie ging er ohne sein Skizzenbuch, dem er mit dem Stifte seine Beobachtungen anvertraute. Oft wanderte er mit Leinwand, Pinsel und Farben hinaus, um landschaftliche Skizzen zu machen, denn als Maler der Landschaft war er ebenso hervorragend wie als Wildmaler. Er hat Wald und Wild in allen Jahreszeiten gemalt, im knospenden Frühling, im stillen Sommer, im bunten Herbst und im weißen Gewande des Winters. Es gelang ihm sowohl das Liebliche, Anmutige, wie das Große und Erhabene. Jede Stimmung der Landschaft und die ganze Tierwelt des Waldes hat er uns in zahlreichen Bildern überliefert. Das Wild hat er in der Bewegung beobachtet und seine Studien am erlegten Tiere fortgesetzt. Von der Sorgfalt solchen Studiums machen sich wohl viele kaum einen rechten Begriff. Der Maler läßt sich sogar die Mühe nicht verdrießen, das tote Wild mittels eines Drahtgestelles aufzurichten, um die Formen und Farben nun genauer auf der Leinwand festhalten zu können. Er malt das erlegte, „zerwirkte“ Wild, d. h. von der Decke entblößt, um so die Muskelteile und Sehnen und ihre Lage besser zu erkennen und dieses Studium rückwärts wieder bei der Darstellung des lebenden Tieres verwerten zu können. Auch an eingefangenen lebenden Tieren lassen sich natürlich gute Studien machen.
Mit Zielbewußtsein ging Kröner seinen Weg. Eine Zeitlang studierte er in Düsseldorf. Auch Paris besuchte er zu weiterer Ausbildung. Immer wieder aber ging er zu seinem besten Lehrmeister, der Natur selbst, in die Schule. Nicht sogleich stellte sich der Erfolg ein, nach und nach aber wurde er als einer der ersten Maler des Waldes und Wildes anerkannt. Viele ehrende Auszeichnungen sind ihm zuteil geworden, zahlreiche silberne und goldene Medaillen wurden ihm auf Ausstellungen verliehen, auch wurde er zum Mitgliede der Berliner Akademie gewählt. Seine Bilder wanderten in die bedeutendsten Gemäldegalerien Deutschlands. Er hat nicht nur in Ölfarben, sondern auch meisterhaft in Wasserfarben gemalt. Auch die Schwarzweißkunst übte er, radierte Blätter eines Jagdbuches und zahlreiche Einzelblätter.
Ein glückliches Familienleben war ihm beschieden. In seiner Gattin Magda Kröner, seiner Schülerin, fand er eine gleichstrebende Lebensgefährtin. Wie oft sind sie gemeinsam miteinander gewandert! Im Teutoburger Walde hatte Kröner seine Jagd, dort hat er viel nach der Natur gemalt, ebenso an der Mosel, besonders aber im Harz, in der Brockengegend bei Schierke. Hochbetagt ist er am 16. Oktober 1911 in Düsseldorf gestorben. Außer seiner Witwe überlebten ihn zwei Söhne, von denen der ältere Kaufmann, der jüngere ebenfalls ein tüchtiger Maler geworden ist.
Das Bild „Im Herbst“ ist ein Werk aus Kröners bester Zeit. Schauplatz ist der Teutoburger Wald, in der Nähe der Externsteine. Wie da ein leichter herbstlicher Duft über dem Walde lagert, wie das Licht hindurchdringt und überall seinen Glanz verbreitet, wie sich dagegen die dunklen Flächen der großen Buche und der hinteren Wipfel abheben, und wie dann wieder über diesen die letzte Höhe, von der Sonne voll beschienen, in lichtem Blau das Ganze krönt. Wie aber auch alles einzelne den Eindruck voller Naturwahrheit macht, zum Greifen deutlich und doch nicht kleinlich, in flotten Strichen hingesetzt; je ferner, desto mehr Fläche, denn auch in der Natur erkennt man da die Einzelheiten nicht mehr. Gerade fällt die Sonne auf die Lichtung, der leichte Schatten der großen Buche nur dämpft diese Helligkeit in der Mitte ein wenig. Auf diese sonnenbeschienene Fläche fällt naturgemäß das Auge des Beschauers zuerst, und dort spielt sich denn auch der dargestellte Vorgang ab. Die dunkleren Körper der Tiere treten aus dem Hellen deutlich hervor, besonders die des vorderen Hirsches mit den beiden Alttieren. Es ist der Platzhirsch mit dem Wilde, das sich ziemlich gleichgültig verhält, er steht ruhig in seiner sicheren Kraft da, der andere, der Angreifer fordert ihn schreiend zum Kampfe heraus, man erkennt seinen Atem in der kühlen Herbstluft. Er will dem Gegner seinen Rang als Führer des Rudels streitig machen. Was wird werden?... Es kommt zum Kampfe. Gewaltig geraten sie aneinander, man hört das Klappen der Geweihe. Die Kämpfer schieben sich hin und her, endlich weiß der Schwächere sich los zu machen und zu flüchten -- wenn er nicht, was selten vorkommt, schwerverwundet auf der Walstatt bleibt und seinen Wagemut schließlich doch mit dem Leben bezahlen muß.
Es sind ein Paar kräftige Knaben, die sich hier auf dem Bilde gegenüberstehen, „Zehnender“, wie man sie nach dem Geweih nennt, d. h. sie haben fünf Enden an jeder Stange. Im ersten Jahre schiebt der Hirsch nur ein Paar Spieße aus, im zweiten manchmal ein Paar Gabeln, daher Gabler genannt, meist aber schon ein Geweih mit drei Enden an jeder Stange, so daß er zum Sechsender geworden ist. In der Regel wird er dann mit jedem Jahre stärker, es folgt der Achtender, der Zehnender. Die starken Geweihe über zwölf Enden sind immer seltener geworden.
Der Maler-Jäger Christian Kröner vereinigte den scharfen Blick des Malers mit dem des Jägers. Er schenkte uns herrliche Kunstwerke, er lehrte uns aber auch eindringlich, wie wir mit offenem Auge und Herzen vertieft _sehen_ sollen, um die Schönheit der Dinge in unserem deutschen Walde reicher zu genießen.
_Felix Freiherr v. Stenglin._
Die Flucht nach Ägypten
Von Hans Thoma
Geboren 2. Oktober 1839 in Bernau (Baden). -- Städelsches Kunstinstitut in Frankfurt am Main
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