Part 17
Ihr wißt es nun schon, Schwind ist in allen Werken ein Dichtermaler oder -zeichner gewesen. Oft gab ihm das eigene Erleben, Erinnern und Träumen, bot ihm die nächste vertraute Umwelt die Anregung und den Stoff zu holden Bilderfabeleien, an deren Ausgestaltung und Ausschmückung er sich nicht genugtun konnte. Aber noch eine andre Schatzkammer stand seinem Künstlersinn offen, angefüllt bis zur Decke mit edelstem, lieblichem Geistesgut, dessen reiner Glanz die Augen größer und den Geist heimatselig und andächtig machte, die Schatzkammer unsrer deutschen Märchen und Sagen. Auch hier trat Meister Schwind ein, um zu suchen und zu finden, tat es immer wieder, mit fast noch willigeren Händen als in den gabenreichen Kreis der nahen Erlebniswelt, ehrfürchtigen Sinnes und beglückten Herzens; hier fand er ja alles, was seinem Wesen teuer war, in andrer Form schon fein gebildet, so daß er nur zuzugreifen und es in sein eignes Schaffensreich zu ziehen brauchte, um es darin mit Lust und Freud’ auf seine besondre Art umzuschmelzen, und neu zu schaffen, sich und den Menschen zum Wohlgefallen... Vom Gestiefelten Kater habe ich euch schon erzählt, aber da gibt es noch viel, viel mehr und fast noch Schöneres! Habt ihr vielleicht dies und das schon gesehen? Da hat er das liebe brave Aschenbrödel noch einmal zum Staunen schön in Farbe gedichtet, und das Märchen von den Sieben Raben und die Geschichte von der Schönen Melusine und mehr und mehr, lauter Gestalten und Begebenheiten, bei deren Namen das Herz aufhorcht und freudig klopft wie beim Klang von Mutterworten oder Weihnachtsglocken; da hat er in der herrlichsten deutschen Burg, der Wartburg im Thüringerwald, das wunderreiche Leben der heiligen Elisabeth an die Wand gemalt, die trotz Strafe und Verbot ihres Gemahls der Barmherzigkeit diente, und in deren Schoß das Brot zu Rosen ward, als der Zorn des Gatten sie treffen wollte... Ihr müßt das alles und noch viel andres, was er geschaffen hat, selbst einmal anschauen, jetzt oder später, wie sich euch die Gelegenheit bietet, und wie ihr sie euch nehmt, und ihr werdet den Meister Schwind, der so erdenfroh und lebensselig und ein ganzer Poet war, mit jedem Bild und Blatt lieber gewinnen und in jedem ein Labsal fürs Leben gefunden haben, zu dem ihr euch in guten und schlimmen Stunden immer willig und dankbar zurückfinden werdet.
_Gertrud Triepel._
Das Ständchen
Von Carl Spitzweg
Geboren 5. Februar 1808 in München, gestorben 23. September 1885 ebendort. -- Schackgalerie in München
Bild 25
Nun, liebe Jugend, horche auf und siehe! Jemand tritt in eure Mitte, seine Augen grüßen euch voll Güte, Schalk und Humor: _Carl Spitzweg_!
Aus der Fülle der Bilder, die dieser Künstler geschaffen hat, greife ich eins heraus, um es euch zu zeigen, nämlich das „Ständchen“. Lacht ihr wohl? Ja, ihr lacht! Schaut nur mit recht hellen Augen auf dieses köstliche Bild. Die große Kunst Carl Spitzwegs, kleine Dinge getreu und unendlich liebevoll wiederzugeben, kommt hier zu ihrem vollen Recht, und deshalb ist er auch wohl treffend der „Maler des Idylls“ genannt worden.
Seid ihr wohl einmal in einer schimmernden Mondnacht ans Fenster getreten und habt hinausgeblickt? Habt ihr da gesehen, wie das Mondlicht auf den simplen Steinfließen glitzert und gleißt? Habt ihr die Zärtlichkeit des glasklaren Nachthimmels beobachtet, der sich hoch über die Erde spannt, wie eine sternbesäte Kuppel über einen großen Dom? Das alles seht ihr hier auf unserm Bilde. Im Hintergrunde ragen Tore und Türme einer alten südspanischen Stadt, einer Stadt, in deren Winkeln und blaudämmernden Höfen reine Romantik blüht. Vor uns steht das stolze Patrizierhaus, vom Mondschein umflossen. Die Nacht träumt... Bis dann ganz plötzlich die nächtliche Stille durch Musik zerrissen wird...
Die schöne Frau, die da auf dem Balkone steht und vorsichtig hinunterspäht, hatte in ihrem Schlafgemach das Kerzenlicht noch brennen. Ihre Gedanken waren in Glück versponnen; denn sie ist Braut. Sie hatte die Musikanten nicht kommen hören und war nun bei den Klängen der Musik aufgeschreckt. Das aus dem Zimmer dringende Licht legt um ihre Gestalt einen goldigen Schein; seltsam flimmern die bleichen Strahlen des Mondlichts in ihrem Haar. Ob sie wohl den Bräutigam erkennt, der vornehm lässig am Sockel der hohen Steintreppe lehnt und sinnend dem Spiele der Freunde lauscht?!...
Hier ist Carl Spitzweg wieder einmal der kluge, humorvolle Lebenskünstler, der schalkhaft all die Personen vor uns hinstellt, wie auf der Bühne. Sie stehen gespreizt, etwa wie Schauspieler, ihre Bewegungen haben etwas Geziertes. Sie wollen der Braut des Freundes ihre beste Kunst zeigen und spielen begeistert. Diese acht jungen Männer sind die echten Vertreter der guten, alten Zeit, jener Zeit, da die Menschen noch nicht das rasende, nervenzerrüttende Tempo der Eil- und ~D~-Züge, Autos und Flugzeuge kannten, als vielmehr die dicken, schweren Gäule die behaglich gemütliche Postkutschen zogen.
Die Geigen jauchzen, das Cello schluchzt, die Flöte tönt silbern leis, dazwischen klingen die lustigen Akkorde der Zither und Klarinette, das sentimentale Klagen der Ziehharmonika und das jubelnde Rufen des Waldhorns. Wie behutsam und doch so sicher leuchten die Farben dieses Bildes! Das warme kräftige Blau triumphiert, das sanfte abgestufte Grau der Steine, das tiefe Samtdunkel der Kleidung, das ruhende Grün des Efeus; alle Farben stimmen glücklich zueinander. Die Lichtwirkung ist meisterhaft. Auch das Helldunkel des Hintergrundes hat Carl Spitzweg so treffend gemalt, daß der Bräutigam, obgleich im Schatten des Hauses, doch scharf umrissen vor uns steht. Wir sehen seine Gestalt, die lässig über der Brust verschlungenen Arme, selbst die kühn aufstrebende Feder des Baretts ist deutlich sichtbar. Er scheint zu lauschen, und doch fühlen wir, daß sein Blick die Braut sucht, die von Licht umflossen an der Balkonbrüstung lehnt.
Ihr werdet die fröhliche Kunst Carl Spitzwegs noch näher kennenlernen, wenn ihr erst weiter ins Leben hineinschreitet. Sicher begegnet euch hier und da wieder einmal eines seiner lieblichen Bilder in ihrer klaren Wahrheit. Es sind deren ja so viele; denn das Leben dieses Malers war lang und reich an Schaffen. Und wer das Leben so geliebt hat wie Carl Spitzweg, dem mußte der Tod sachte und gütig den Pinsel aus den Händen nehmen, ehe sie ganz müde wurden.
Alles war gut, behaglich und schön im Leben dieses heiteren Künstlers. Er wurde am 5. Februar 1808 geboren. Im Hause seines Vaters verlebte er eine stille, aber frohe Jugend in der alten, berühmten Kunststadt München. Sein Vater war Kaufmann und wollte seine Kinder fürs praktische Leben erziehen. So sollte Carl Apotheker werden. Er wurde Lehrling und dann Provisor, wenngleich ihm treibende Wandersehnsucht im Blute lag. Seinen Freunden war er ein guter Kamerad, hatte für harmlose Freuden ein warmes, empfindsames Herz und hätte wohl bis an sein Ende das Leben eines zufriedenen Bürgers geführt, wenn nicht eines Tages sein Talent entdeckt worden wäre. Auf Anraten des Landschaftsmalers Christian Heinrich Hansonn gab er seinen Beruf auf und sattelte um. Nun durfte er reisen, konnte die vielfältigen Reize fremder Länder sehen, und seine feine intime Kunst blühte auf.
Carl Spitzweg hatte bereits das achtundzwanzigste Lebensjahr erreicht, als er sich der Malerei zuwandte. Schon als Lehrling in der ~Dr.~ Pettenkoferschen Apotheke zeigte er kluge Beobachtungsgabe und reges Interesse für seine Umwelt. Er studierte die Menschen, mit denen er in Berührung kam, achtete auf ihre Gebärden, ihr Mienenspiel und ihr Lächeln. Und selbst komische Schwächen und irgendwie törichte Angewohnheiten bei ihnen erfaßte er schnell. Diese Gabe ist ihm dann in seinem neuen Beruf von hohem Nutzen gewesen. Wo immer er durch etwas gefesselt wurde, er hielt es gleich im Bilde fest; wie oft mußte ein Zigarrenkistendeckel oder sonst etwas zu diesen Skizzen herhalten. So lebt in seinen Bildern vornehmlich das kleinbürgerliche Treiben der guten, alten Zeit. Mit feinem Humor hat Carl Spitzweg die kleinbürgerlichen Gestalten und ihre Eigenheiten in unzähligen Abarten verewigt: die dicken, gutmütigen Bürger, die behäbige, gestrenge Hausfrau, heitere Jugend in hellen, steifgestärkten Kleidern, selbstbewußte und darum drollig wirkende Soldaten und den Postkutscher mit seinem schönen Horn.
Wie sein großer Freund, Moritz v. Schwind, liebte auch Carl Spitzweg die deutsche Märchenwelt. So wuchsen unter seinen frohen Händen Nymphen, Eremiten, Waldbrüder und allerlei lustige Fabelwesen. Und er baute um diese Märchenfiguren tiefe, schweigende Wälder, durch deren Dämmergrün muntere Wasser plätscherten.
Obgleich unseren Künstler die Pracht und Schönheit ferner Länder entzückte und bewegte, so war er für seine Heimat doch von kindlicher Liebe erfüllt. Alle seine Landschaftsbilder sind in stillem Jubel geschaffen; er zeigt uns sein bayrisches Mutterland: goldene Felder in reifer Fruchtbarkeit, von Sonnenglanz überflammt, von Bergen umschlossen. Der Erfolg blieb nicht aus. Schon vordem war Carl Spitzweg kein Unbekannter mehr; denn er hatte bereits oft für die „Fliegenden Blätter“ kleine Bildchen voll feiner Schelmerei gezeichnet.
Aber Spitzweg blieb auch in den Tagen äußerer Anerkennung der bescheidene Mensch, der in seiner Güte nicht zu wissen schien, wie reiche Gaben aus seinen Händen flossen. Wohl hatte auch er zu kämpfen gegen Neid und Mißgunst, aber er stritt nicht! Er zog sich still zurück. Nach seinen Wander- und Reisejahren kehrte er nach München heim, und dann gingen alljährlich aus seinem Atelier, das sich in einem hohen Hause am Heumarkt befand, viele seiner Bilder in die Welt hinaus. Hier verbrachte er die letzten dreiundzwanzig Jahre seines Lebens, umgeben von seinen geliebten Bergen, hier konnte er in stillen Stunden träumen, ohne daß seine beschauliche Einsamkeit gestört wurde. Nur die Kinderherzen wandten sich ihm in schwärmerischer Liebe zu. Schmunzelnd ließ er die Taschen seines langschößigen Rockes auf Näschereien und Spielzeug untersuchen. Der Jubel der kleinen Besucher machte sein Herz froh. Er ging mit der Jugend, mit ihren neuen, wilden Freiheitsplänen, ihrer ungebrochenen Kraft und ihren reinen Idealen. Obgleich seine Gestalt durch die Last der Jahre mehr und mehr gebeugt, seine Haut welk wurde, blieb er innerlich jung, weil er von Sehnsucht nach Schönheit durchglüht war und diese Schönheit, die in der bescheidensten Blüte und dem kleinsten Grashalm zu ihm sprach, mit liebendem Blick zu umfassen suchte. Dort oben in seinem Künstlerheim, das viel Urväterhausrat barg, lebte er sorglos und glücklich. Hier war der stille Hafen, der ihm Frieden gab. Wohl drang noch manch lockender Ruf aus der bunten, lebenslustigen Welt in seine Einsamkeit. Seine Wandersehnsucht war gestillt, denn seine Augen hatten auf der langen Lebensfahrt viel leuchtende Schönheit schauen dürfen. Die Erinnerung daran schuf ihm keine Bitterkeit. Dankbar gedachte er früherer, froher Zeiten; nun war er wunschlos geworden! Carl Spitzweg hatte ein kluges Lächeln voll stillen Humors, eines Humors, der nie wehe tat. Nur seine guten Augen, hinter dicken Brillengläsern versteckt, konnten fremde Besucher zornig anblitzen, wenn sie ihn unerwartet überraschten. Er blieb am liebsten allein. Seine Lebensregel war einfach und klar:
„Wenn’s dirs vergönnt je, dann richt’ es so ein, Daß dir ein Spaziergang das Leben soll sein! Stets schaue und sammle, knapp nippe vom Wein, Mach’ unterwegs auch Bekanntschaften fein, Des Abends kehr’ selig bei dir wieder ein Und schlaf in den Himmel, den offnen, hinein!“
Die wenigen Freunde, mit denen er öfter zusammentraf -- unter ihnen vor allem die Maler Moritz v. Schwind und Schleich --, liebten ihn um seines goldnen Humors und seiner reichen Güte willen. Am 23. September 1885 vollendete sich dieses Leben voll Harmonie. Für die Kunst bedeutete sein Tod einen herben Verlust. Und wenn ihr einmal das Porträt dieses freundlichen Künstlers sehen solltet, dann grüßt ihn im Geiste voll Dankbarkeit und Liebe. Er hat’s verdient! Seine goldklare Kunst wird gerade für euch, die Jugend, immerdar ein Brunnen bleiben, aus dem ihr schöpfen dürft, um eure Seelen zu erquicken.
_Fränze Eleonore Röcken._
Angelus
Von Jean François Millet
Geboren 24. Oktober 1814 in Gruchy bei Cherbourg, gestorben 20. Januar 1875 in Barbizon (Departement Seine-et-Marne). -- Musée du Louvre in Paris
Bild 26
Am Eingang des Waldes von Fontainebleau unweit Paris liegen Felsblöcke zu einem Naturdenkmal getürmt. Beim Herantreten sieht man, daß dies wahrhaft ein Denkmal ist; denn einer der Blöcke trägt auf einer Bronzeplatte die Köpfe zweier Freunde. Und einer dieser Männer ist der Maler _Jean François Millet_. Mit gutem Recht hat man ihm hier auf dem Lande ein Naturdenkmal gesetzt; aus der Natur, ihrem Leben, ihren Menschen sog dieser Maler seine Kräfte. Hier, im Dörflein Barbizon, lebte er, nachdem er ein Meister geworden war. Da konnte man ihn herumstreifen sehen auf der weiten Ebene von Chailly, die immer wieder auf seinen Bildern auftaucht. Da ging und stand er mit dem Gang und Gehabe eines Bauern, mit Knotenstock und Holzschuhen, die Fischermütze oder den breitkrempigen Strohhut auf dem Patriarchenhaupt mit dem wallenden Bart.
„Ich bin Bauer, Bauer“, hat er einmal voll Stolz geschrieben.
Eines Bauern Sohn war Jean François Millet. Aber dieser Vater war zugleich Kantor des Dorfes am Meer, er machte Holzschnitzereien und hatte gelehrte und geistliche Männer zu Verwandten. Und eine feinsinnige Großmutter nährte des Knaben Phantasie und Seele mit Sagen und Legenden. So hatte man Verständnis für die Lateinstudien des grüblerischen, klugen Buben und für seine Freude am Zeichnen. Wie sollte Jean da nicht wachsen? Und als ein Maler -- sein späterer Lehrer -- in Cherbourg, wegen der Zeichnungen des Burschen um Rat gefragt, dem Vater antwortete: „Sie sollen verdammt sein, daß sie ihn so lange zu Haus behielten; Ihr Junge hat das Zeug zu einem großen Maler“, da machte der Bauer kein mürrisches Gesicht, sondern ließ ohne Schelten seinen Buben den Weg gehen, der ihm vom Schicksal bestimmt war.
Jahre später kommt unser junger Bauer eines Abends, mit einem Stipendium versehen, in Paris an, und der Gestank, der Wirrwarr der Großstadt überwältigen ihn so, daß er schluchzend zur Nacht seines Dörfleins gedenkt, das hinter den Klippen nistet, der Gäßchen zwischen den Hecken und -- der Großmutter.
Aber Paris war Paris: der Mittelpunkt des Lebens und Lernens. In den Museen waren die Bilder der großen Meister, die der Kunstschüler mit lernhungriger Seele immer wieder in sich aufnahm.
Nicht leicht hatte es der Bub. Im Atelier seines Lehrers zuckten die modischen Kameraden die Achseln über den „Waldmenschen“ mit seiner Naturliebe und Naturkraft. Sie malten im Stil der Romantik und falschen Sentimentalität, von der der junge Millet nichts wissen wollte.
Hier zeigte sich, wie verschieden Kunst aufgefaßt werden kann. Gerade in Frankreich haben die Anschauungen große Wechsel erlebt. Immer wieder ringt hier in der bildenden, malenden Kunst das _Romanentum_, das wirkungsvollen Aufbau, schöne Staffage, schwungvolle Linien, bunteste Farbe bevorzugt, gegen das _germanische Kunstwollen_, das echtes Gefühl, Einfachheit, Natürlichkeit, notwendige Verkörperung seelischen Ausdrucks erstrebt. Die einen wollen _form_vollendete Kunst, die anderen _inhaltlich_ vollendete Kunst.
Hier das eigene Ich zu finden und zu behaupten, war nicht leicht. In Paris und Cherbourg, in den Jahren des Hungerns, wo er um des Geldes willen schließlich Modebildchen und Firmenschilder malte, schien ihm das Emporklimmen oft fast unmöglich. Und erst 1848 war er in seiner Entwicklung so weit, daß er den ganz urwüchsigen Ton fand, in seinem ersten ländlichen Bild, dem „_Kornschwinger_“. Doch schon im folgenden Jahr, als er -- durch die Cholera von Paris vertrieben -- nach dem Dorf Barbizon zu den Bauern übersiedelte, wird er der echte Millet, der Maler der Bilder, um derentwillen wir ihn lieben, der das gewaltige Epos von der Erde und den Menschen der Scholle in seinen Gestaltungen und in seiner Farbensprache immer wieder aussingt wie ein Prophet.
Da wohnte er in dem Dorfhäuschen, das von Efeu und Rosen fast zugedeckt und von einem bunt verwilderten Garten umgeben war. Da malte er in seiner Scheune -- seinem Atelier -- jene Menschen, die völlig in der Natur aufgehen, oder draußen jene Natur, die völlig diesen Bauern zugehörig ist. Da saßen abends an dem rohen Tisch seine Gattin, die zahlreichen Kinder um die Suppenschüssel, und er dazwischen, der große, starke Mann mit dem Stiernacken, den buschigen Brauen, den tiefblauen Augen, allzeit gastfrei in aller Einfachheit.
Was ihn damals menschlich und künstlerisch bewegte, hat er in feine Worte gefaßt, die uns einen Schlüssel zu seinem inneren Leben und Malen geben: „Wenn Sie sähen, wie schön der Wald ist! Ich laufe manchmal am Ende des Tages und nach meiner Tagesarbeit hin und komme jedesmal zermalmt wieder. Das hat eine Ruhe, eine schreckliche Größe, so daß ich mich manchmal dabei überrasche, daß ich wirklich Furcht habe. Ich weiß nicht, was diese Bettler von Bäumen einander sagen, aber sie sagen sich etwas, was wir nur nicht verstehen, weil wir eine andere Sprache sprechen.“ „Wenn ich einen Wald zu malen hätte, so möchte ich... daß man... dächte... an sein Grün, an sein Dunkel, das das Herz des Menschen zugleich weitet und zusammenschnürt.“
„Ich will Ihnen gestehen, auf die Gefahr hin, wieder für einen Sozialisten zu gelten, daß es die _menschliche Seite_ ist, die mich am meisten in der Kunst bewegt. Niemals erscheint mir die lustige Seite, ich weiß nicht, wo sie ist, ich habe sie niemals gesehen... Da sehen Sie aus einem kleinen Pfad eine arme Gestalt mit einem Reisigbündel hervortreten. Die... Art... wie dieser Mensch Ihnen erscheint, führt Sie sofort auf das traurige menschliche Los, die Müdigkeit... Auf den bestellten Feldern... erblicken Sie grabende, hackende Gestalten. Von Zeit zu Zeit sehen Sie, wie sie sich das Kreuz wieder zurechtrücken... Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Ist das die fröhliche ausgelassene Arbeit, an die manche Leute uns glauben machen möchten? Und _doch befindet sich gerade da für mich die wahre Menschlichkeit, die große Poesie_.“
Hier in jenen Worten haben wir den ganzen Millet, den Kämpfer gegen die verlogene, seelenlose Schönmalerei damaliger Mode, den Aufrufer für eine Gestaltung echter Empfindung voll Ernst und Natürlichkeit.
In jener naturfremden Kunstepoche hatte unser Maler einen schweren Stand, namentlich mit seinen realistischeren, der Wirklichkeit abgelauschten Bauernbildern, die uns heute die liebsten sind. Wie prächtig stehen sie vor uns, diese Milletschen Gestalten, etwa „Der Schäfer“, der sich auf seinen Stab stützt, neben seinem Hunde, „Der Mann mit der Hacke“, „Der ausruhende Winzer“. Man sehe sich -- etwa in der Knackfuß-Monographie, die Gensel schrieb -- einmal die feinen Zeichnungen und Skizzen an. Da ist ein „Reisigsammler“ mit dem schweren Bündel auf dem Rücken, mit ein paar Strichen prächtig treffend hingeworfen. Der belastete Körper schreitet so gebückt, daß der gebundene Reisighaufen und die Neigung des Rumpfes und der Unterschenkel eine lebendige Bewegungs- und Linieneinheit bilden. Oder man vergleiche die Zeichnung der „Ährenleserinnen“ mit dem Ölgemälde gleichen Namens. Dieses hat zwar den Vorzug der Farbe, aber unübertrefflich ist die Zeichnung im Aufbau und Umriß. Die häusergroßen Erntehaufen und der Wagen im Hintergrund, ihn ganz füllend, und im gleichen Bewegungsrhythmus die Leute, die die Garben vom Wagen zum Haufen heben. Vorn -- groß gehalten -- die drei ährenlesenden Weiber. Wieder entzücken uns der Zusammenklang der Linien -- überall die geballte Rundung --, die glänzende Kompositionsgabe dieses Künstlers. Und nicht vergessen sei die kleine Skizze vom sitzenden „Hirtenmädchen“ mit dem Kopftuch. Das ist nichts als eine Gestalt ohne Hintergrund. Aber ihr verträumtes Sichgehenlassen schlägt uns entgegen aus den nackten Füßen, auf denen die Hände liegen, dem vorgebeugten Rücken, und den lässigen Zügen. Es ist wahr: aus den Skizzen spricht Millet oft am unmittelbarsten zu uns.
Wie oft mag der Alte von _Barbizon_ auf der Ebene herumgestreift sein, diese arbeitenden oder ruhenden Gestalten auf den Feldern tief sich einprägend. Dutzende von Skizzen macht er, bis ihm endlich die einfachste Fassung so lebendig vor der Seele steht, daß er zum Pinsel greifen _muß_. Wie einen Mythos der Arbeit hat er das Leben der Landleute erlebt und in seiner Kunst verlebendigt. Religiös, im freiesten Sinn, hat er diese Bilder empfunden und gezeichnet und gemalt.
So müssen wir auch sein berühmtes Bild „_Das Abendgebet_“ oder „_Angelus_“ verstehen: Im Vordergrund das betende Bauernehepaar, groß in die Mitte des Bildes gestellt, mit dem Körper hinausragend über die weite Ebene, über die Erde, -- hineinragend in die Klarheit des Himmels. Und diese goldige Klarheit des Abendlichtes durchflutet das ganze Bild, hängt in der Luft, fängt sich an den Schollen, der hügellosen Weite, den Kleidern der Betenden. Dies Leuchten strömt von dem roten Kopftuch der Frau, dies Schimmern schwillt aus der weißgoldenen Schürze des Weibes. Das Land, die Gestalten, alles ist hineingebettet in diesen Zauber des Lichtes und -- der Andacht. In solche Ebene, in solche Abendstimmung gehören nur diese Menschen, diese Bauern, diese betenden Bauern. Nach so hartem Arbeitstag ist es wie ein Wunder, solchen Abend zu erleben. Aus ihrer Müdigkeit versinken sie in Andacht. Keine verzückte, zum Himmel emporgeworfene Andacht ist es, sondern eine schlichte, zu sich selbst gewandte Bauernfrömmigkeit.
Der Mann mit der linkischen Haltung der Beine, wie wir sie am schwerfälligen bäuerlichen Menschen oft sehen, hat die Arme gegen den Leib herangerafft, den Kopf nur ein wenig zwischen die Schultern vorgesenkt. Herbe ist sein Dastehen; mehr ein Besinnen auf sich selbst als ein Hinweggenommensein vom Gebet. Die Mütze ist herabgerückt zwischen die Hände, noch klafft ihm das Hemd von der schweißtreibenden Arbeit. Ja, dies Beten ist ihm zugleich ein Ausruhen, aber ein wohliges; denn sein Ohr füllen geruhsam die Klänge der Abendglocke, die weit über die Ebene hergetragen werden, deren stillende Kräfte zusammenstimmen mit dem Fluten des abendlichen Lichtes. Die kantige Linie dieses bäuerlichen Leibes -- eckig von oben nach unten geführt und sich im Schaft der Gabel wiederholend -- kreuzt die Linien der Äcker, des Horizontes, die quer nach den Seiten entströmen.
Weicher sind die Umrisse des Weibes, hingegebener. Tiefer ist dieser Kopf gebeugt, inniger die Faltung der Hände, die besinnliche Einkehr. Bunter ist die Kleidung, runder die Linien des Leibes, die sich wiederholen im gerundeten Kartoffelkorb zu ihren Füßen, im Karren mit den gestapelten Säcken. Und ihr ist auch die malerisch aufgebaute Andeutung des Hintergrundes beigesellt: jene ferne Kirche, von der eben das verträumte Läuten durch die goldgesiebte Dämmerung über die Ackerbreiten herschwimmt: „Gegrüßest seist du, Maria!“ Wie eine Verkündigung ist dies Tönen, ja dies ganze Bild ist wie eine Verkündigung, daß nach Tagesnöten ein Abend voll Schimmer und Stille die Welt segnet, daß nach dieser an die Scholle gebundenen Mühsal, die den Leib hinabdrückt zur Erde, die Töne der Glocke Sinne und Herz hinausführen über die Schollenschwere in eine Welt geweiteter Ruhe, da die Seele eingedenk wird, daß sie Flügel hat.
_Gertrud Fauth._
Die Tafelrunde
Von Adolf Menzel
Geboren 8. Dezember 1815 in Breslau, gestorben 1905 in Berlin. -- Nationalgalerie in Berlin
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