Part 16
Gerade will ich von einem schwermütigen Frühlingstraum in den schönen Wäldern Frankreichs erzählen, da schaut mir ein zwölfjähriges Mädel fürwitzig über die Schulter. „Ach, das ist ja ein wunderschönes Bild! Und Corot heißt der Maler? Aber nein, das ist ja ein Franzose! Von den Franzosen will ich nichts wissen. Weißt du denn nicht...?“ -- „Jawohl, mein Kind, ich weiß, wir leben in schlimmen Zeiten. Aber wenn das Bild hier vom Frühlingsmorgen ebenso herrlich ist wie der Frühling selber, warum sollen wir das schönste aller Frühlingsbilder, bloß weil es von einem Franzosen gemalt ist, verächtlich in den Winkel stellen?“ -- „Aber unsere Lehrerin sagte uns doch, daß die Franzosen gar nichts von uns wissen wollen.“ -- „Ich sage dir, gerade die Franzosen können ohne unsere Musik zum Beispiel gar nicht leben. Als wir kürzlich den 150. Geburtstag von Beethoven feierten, feierten ihn die gebildeten Franzosen andächtig mit. Und als sie gar wieder in ihrer großen Oper ein Musikdrama von Richard Wagner, „Die Walküre“, hören durften, waren sie förmlich begeistert. An diesem Abend waren sie unsere Feinde nicht. Ähnlich geht es uns mit den schönen alten Wald- und Weiherbildern der Franzosen, die in ihrer Art ebenso herrlich sind wie die Musik der Deutschen. Aber mit dem „guten Vater Corot“, wie er hieß in Paris, in den Dörfern und Wäldern ringsum, möchte ich dich doch recht nahe bekannt machen, intim befreundet, wie er selber in seiner Sprache sagte. Nun ist ja Vater Corot schon an die fünfzig Jahre tot. Aber wärest du ihm einmal begegnet auf stillen Waldwegen und hättest ihm gesagt, daß du seinen Frühlingsmorgen wunderschön findest, dann würde dich der kleine silberlockige Herr aus seinen kindlich-schönen Blauaugen gerührt angeschaut haben. Er würde dir die gottgesegnete Malerhand auf den Scheitel legen und halb wie im Traum zu dir sprechen: „Alle meine schönen Bilder, worin ich Gottesdienst im Walde und am spiegelnden Wasser gefeiert, habe ich nicht bloß für Franzosen gemalt, sondern gerade für dich, mein Kind, und für die feinen und zarten Seelen aller Völker und Länder, die selber von Frühlingssonne durchleuchtet sind, so wie ich.“ Dann führte Vater Corot dich an der Hand zu seinem Landhäuschen an den Teichen und zeigte dir seine vielen Bilder an den Wänden und in großen Stapeln auf dem Fußboden, daß man kaum einen Weg zwischen den dichtgestellten Reihen findet. Es machte ihm immer Freude, jungen Menschen seine Bilder zu zeigen, die lichtklaren und funkelnden aus Italien und die andern mit einem lustigen Menschengewimmel, mit alten Griechen, Heiligen, mit Rittern, Kavalieren, Damen, Soldaten aus alten Zeiten, was man so Geschichtsbilder nennt, obgleich ja die schöne Malerei darauf kostbarer ist, als die Taten aus der Geschichte, von denen man doch nichts Genaues wissen kann. Aber die schönsten sind gewiß die Bilder aus seiner „silbernen Zeit“, als er nämlich in den Wäldern die Nebel und Lichter noch viel zarter als Silberfiligran, rein wie Feenmärchen zu malen verstand. So wie wir’s sehen auf unserm berühmten Bilde des Frühlingsmorgens, das sozusagen die Krone seiner Schöpfungen ist. Und dann nach einer geschlagenen Stunde der Bilderschau, was denkst du wohl, was Vater Corot schließlich getan hätte? Er hätte dir eine von seinen schönsten silberhauchzarten Landschaften mit einem schönen Gruß an deine deutsche Mutter zum Andenken mitgegeben, ein Bild, das heute nach unserm Gelde mehr als eine Million wert ist. Ja, so war Vater Corot. Heute allerdings sind die Künstler nicht mehr wie die reinen Kinder. Mach’ nicht so ein ungläubiges Gesicht, Mädel! Camille Corot war wirklich so geartet. Noch ganz andere Dinge hat mir Albert Hertel, unser herrlicher deutscher Landschaftsmaler, der nicht nur mit dem zarten Corot, sondern auch mit dem strengen Gustave Courbet als Maler und Mensch befreundet war, aus alten französischen Ruhmestagen der Kunst erzählt. Als Corot noch in dem Malerdörfchen Barbizon am großen Märchenwalde saß, kam eines Tages ein feiner Herr und wollte ihm ein Bild abkaufen. Der gute Corot zitterte vor Aufregung, und so schlecht es ihm und seinem heute hochberühmten Genossen damals ging, er wagte keinen Preis zu nennen, aus Furcht, er möchte zuviel fordern. Da gab ihm der feine Herr 300 Francs. Corot war erschüttert über das Geld wie über die freundlichen Worte des klugen Kunstkenners, und in seines Herzens Freude drängte er dem Fremden noch ein zweites Bild als Gratiszugabe förmlich auf. Und wie kam’s? Nachdem seine feine Kunst jahrzehntelang mißachtet war, erlebte es Corot noch, daß jenes Zugabebildchen mit 20000 Francs bezahlt wurde, Albert Hertel erlebte noch die Preissteigerung auf 230000 Francs, lange vor dem Kriege, und du, mein Kind, wirst es für mehr als eine halbe Million in Gold in eine neue Hand gehen sehen. Und was die Hauptsache ist, die Bilder Corots sind auch wirklich so viel und noch mehr wert. Und warum? Das ist schwer zu sagen, oder du verstündest es noch nicht. Man könnte sagen, ein Bild wie unser Frühlingsmorgen ist eines so ungeheuren Preises wert, weil die Gnade Gottes darauf ruht, weil es unsterblich ist und noch in späteren Jahrhunderten jedes Auge und Herz entzücken wird, wie uns heute nach 400 Jahren die wunderschönen Muttergottesbilder von Raffael und nach 700 Jahren die zarten Lieder unseres Herrn Walter von der Vogelweide ebenso zu Herzen gehen wie den Zeitgenossen der unsterblichen Meister. Und das merke dir, Kind, in der Kunst von Gottes Gnaden (du ahnst wohl, was ich damit meine) fragt man nicht erst, ob der Maler oder Dichter ein Deutscher, Italiener oder Franzose gewesen ist. Sie waren Weltbürger, weil ihre Werke in der ganzen Welt heimatlich eingebürgert sind und von allen Menschen verstanden werden. Drum gräme dich nicht weiter um die bösen und sterblichen Franzosen, die doch nur Spreu vor dem Winde sind; aber die unsterblichen und guten Franzosen wünschen deine Freundschaft und Liebe, und da schlage mit deiner deutschen Hand getrost in ihre Wunderhand ein!“
Leise nahm das deutsche Mädel das Bildchen des Frühlingsmorgens vom Schreibtisch mit sich fort, um es mit Reißpinnen an die Wand ihres Stübchens festzuheften. Später wird sie’s in ein Rähmchen tun. Das Bildchen ist für sie zum Erlebnis geworden, das merke ich schon.
Nun wollte ich aber eingehend berichten, wann Corot geboren, gestorben, und was er alles nach und nach gemalt hat. Siehe, da steckt das blonde Mädel schon wieder den Kopf durch die Türspalte, diesmal jedoch mit glühenden Wangen und bittenden Blauaugen. Ob ich ihr nicht mehr erzählen wolle über den Camille, den guten Vater Corot, und ob er noch mehr deutsche Freunde gehabt habe? Natürlich, mein Kind, jeder Deutsche war sein Freund, der artig an seine bescheidene Tür klopfte. Sehr vielen jungen deutschen Künstlern hat Corot geholfen auf dem schweren Wege der Kunst, und nicht Corot bloß. Die Franzosen fühlten sich geehrt, wenn man sie um Rat ansprach. Sie sind ja sehr unruhige Nachbarn und Plagegeister, aber es hat doch auch schöne Zeiten gegeben, in denen deutsche und französische Maler ein Herz und eine Seele gewesen sind. Den Maler Ludwig Knaus, der so fein und sauber, gemütvoll und witzig das Bauern- und Bürgerleben geschildert, hat der Kaiser der Franzosen, der bei Sedan den Thron verlor, auf der Pariser Weltausstellung wie einen Fürsten gefeiert. Und unsern Adolf Menzel haben die Franzosen förmlich wie Füchslein den Löwen angestaunt. Und je deutschtümlicher einer war, um so mehr haben ihn die Pariser geehrt. Das magst du dir auch merken. Über vier Jahrzehnte gingen die jungen deutschen Künstler, nachdem sie in München, Berlin und Düsseldorf ihre Sache gelernt hatten, nach Paris, um sich hier sozusagen den letzten Schliff zu holen bei diesen geschickten, gewitzten und handwerkstüchtigen Parisern. Ein Fest war es, wenn sie in den großen Wald pilgerten, wo Corot malte und mit ihm große Künstler wie Rousseau, Millet, Courbet, Dupré, Diaz, Daubigny. Corot hat erst spät seinen Weg gefunden in das Paradies oder Feenreich, wo er die leuchtenden Wunder der Gottesschöpfung entdeckte. Im großen Walde von Fontainebleau glaubte er das verlorene Paradies wiedererschlossen zu haben, und wir glauben’s ihm gern. Er war am 29. Juli 1796 in Paris geboren. Aber sein geschäftsstrenger Vater hielt nicht viel von der Kunst und versagte dem Sohn die Mittel zu dem heilig ernsten Streben. Schließlich hat es Camille doch durchgesetzt, doch schon war er 26 Jahre alt. Und dann verlor er noch manches Jahr bei den Schulfuchsern und Modemalern, die gar nicht nach seinem Herzen waren. Nicht was in Büchern stand, wollte er malen, sondern was er in der Einsamkeit selber schaute, nicht eine aufgeputzte und frisierte Natur, sondern den Wunderglanz des Morgens und Abends und die Sonnenherrlichkeit des Mittags ohne menschliche Zutaten. So ganz fein und geheim wollte er die in der Sonne tanzenden Blätter, den silbersüß wallenden Frühnebel belauschen, und das nannte er, wie seine Freunde, die intime Landschaft, und sie alle zusammen bildeten die sogenannte „Schule von Fontainebleau“, um ihrer Kunst einen schönen Namen zu geben. Ich sage dir, es ist da, zwei Bahnstunden südlich von Paris, ein herrlicher Wald, auf Meilenweite mit Buchenhochwald, mit Hügeln, Schluchten, Sümpfen, Weihern, einsamen Heiden, seitwärts von der uralten Burg des blauen Brunnens, des gewaltigen und prächtigen Schlosses Fontainebleau, das vor vier Jahrhunderten erbaut und später vergrößert wurde, worin sehr viele heitere und böse Dinge sich begaben, was aber den guten Corot nicht weiter anfocht. Er saß weitab, am Waldrand im Dörfchen Barbizon, und jeden Morgen zog er in den grünen Walddom, auf die Höhen, schaute in die Schluchten und träumte und malte an murmelnden Quellen. Nun höre, wie er selber von seiner Malerarbeit und Waldandacht erzählt, und zwar in einem Briefe an seinen Freund, den Maler Dupré! „Am frühsten Morgen steht man auf, um drei Uhr, vor der Sonne. Man setzt sich an den Fuß eines Baumes, man schaut sich um und wartet. Zuerst sieht man nicht viel. Die Natur gleicht einem grauen Leintuche, worauf sich kaum die Umrisse einiger Massen abzeichnen. Alles duftet, alles bebt im erfrischenden Luftzug des kommenden Tages. Bing! Die Sonne wird hell. Sie hat noch nicht die Schleier zerrissen, wohinter sich die Wiese, das Tal, die Hügel des Horizonts verbergen. Die nächtlichen Dünste schweben noch wie Silberflocken über dem matten grünen Grase. Bing! bing! Im Gebüsch zwitschern unsichtbare Vögel. Ein erster Sonnenstrahl -- ein zweiter Sonnenstrahl! Die kleinen Blümchen scheinen freudig aufzuwachen. Ein jedes von ihnen hat seinen glitzernden Tautropfen. Die zarten Blätter zittern in der Morgenluft. Es scheint, als ob die Blumen ihr Morgengebet sprächen. Die Liebesgötter schweben auf Schmetterlingsflügeln über die Wiesen und lassen das hohe Gras in sanften Wellen schwingen. Man sieht nichts. -- Alles ist da. Die ganze Landschaft liegt hinter dem durchsichtigen Nebelschleier, der steigt und steigt, aufgesogen von der Sonne, und der schließlich alles enthüllt, die Silberzunge des Baches, die Wiesen, die Bäume, die Hütten, die fliehende Ferne. Endlich unterscheidet man alles, was man anfänglich vermutete...“ So geht’s noch viele Seiten weiter in dem Briefe. Nun sage, mein Kind, ist das nicht wundervoll? Da hast du mit einem Wort die intime Kunst, wie sie noch niemand intimer belauscht und gemalt hat, als Camille Corot. Aber das Bild des Frühlingsmorgens hat der Meister nicht in Fontainebleau, sondern in seinem späteren Wohnsitz Ville d’Avray gemalt. Dort, wo er auch bis zu seinem Tode am 22. Februar 1875 gewohnt, gearbeitet und seinen langsam aufsteigenden Ruhm genossen hat. Es ist auch ein schöner Fleck Erde am Rande des herrlichen Parks des berühmten Schlosses St. Cloud und unfern der großartigen Porzellanfabrik von Sèvres, auf dem Wege nach Versailles. Vor seinem Häuschen hatte Corot die drei Weiher im Zuge eines alten Mühlbaches. Diese Teiche mit ihrem sanften Spiegelglanz und den leisnebelnden Silberschleiern hat Vater Corot unsterblich gemacht, denn man schaut sie immer wieder auf den feinen, zarten, traumseligen Meisterwerken. Hat Friedrich der Große in der Galerie von Sanssouci den ersten Höhepunkt französischer Kunst mit den köstlichen Watteaus, Lancrets, Paters erfaßt, die volle Höhe erstieg diese Kunst an den Teichen von Ville d’Avray, nach deutschem Gefühl. Nun schaue einmal auf dem Bildchen diesen unendlich glückseligen Zauberhauch des Frühlingsmorgens auf dem perlschimmernden Spiegel des Teiches, dessen Ufer weichnebelndes Traumglück atmen! Die alte Erle greift mit hundert Armen dem göttlichen Licht entgegen, die Blätter zerflimmern, verhauchen im Morgenglanz, ganz so wie die arme Menschenseele in pfingstlicher Feierstunde vor dem Herrgott, der die schöne Welt erschaffen und immer wieder, immer schöner verjüngt, in Andacht sich demütigt und ewige Seligkeit vorempfindet. Corot war eine fromme, eine glückselig-fromme Seele. Halte das Bildchen in Ehren, mein Kind, und halte heilig fest an der Kunst der großen Meister, und du wirst ein guter und glücklicher Mensch werden!
_Maximilian Rapsilber._
Die Hochzeitsreise
Von Moritz v. Schwind
Geboren 21. Januar 1804 in Wien, gestorben 8. Februar 1871 in München. -- Schackgalerie in München
Buntbild V
Wenn ich den Namen Schwind höre, dann fällt mir immer ein liebes altes Bilderbuch ein, das in unserer Kinderstube einen Ehrenplatz hatte. Sein äußeres Gewand war freilich nicht sehr schön, das Buch war schmal und hoch, hatte einen wirr und bunt bedruckten Pappdeckel und nannte sich mit großen krausen Buchstaben: „Münchener Bilderbogen.“ Aber innen -- ja, da war es voll schwarzer und farbenfröhlicher Herrlichkeiten, an denen der gute Geschichten- und Märchenonkel Schwind reichlich mitgeschaffen hatte. Auf alle die vielen Bilder kann ich mich nicht mehr besinnen, bloß ein paar von ihnen stehen mir noch deutlich im Gedächtnis: das Bildermärchen vom „Gestiefelten Kater“, dessen anmutige und schalkhafte Einzelheiten wir nicht müde wurden, mit leuchtenden, deutenden und lachenden Augen zu betrachten; und dann „Die Geschichte vom Herrn Winter“, in der uns besonders ein Bildchen ans Kinderherz gewachsen war, das, auf dem der alte brummige Wintersmann, dick bereift und behaglich eingemummelt in Mantel und Kapuze, ein Tannenbäumchen im Arm, durch die schmalen, stillen Gassen des Städtchens stopft, hinter deren kleinen Fenstern die hellen Weihnachtslichter blitzen -- wohin mochte der Alte gehen?
Ja, Meister Schwind ist immer ein Märchen- und Geschichtenerzähler gewesen! Das hing wohl mit seiner Herkunft zusammen, stammte er doch aus dem heitern, beweglichen Österreich, in dem man das warme Beisammensitzen mit Freunden und Gevattern in der Stube und in Gottes sonniger Natur mit all den guten Dingen der Gemeinsamkeit, wie Essen, Trinken, Musizieren, Plaudern und Geschichtenerzählen so recht von Herzen lieb hat. So steckte schon durch Blutserbe viel Behagen und Lebenslust in ihm, eine frische, frohe Sinnenfreude, die allem daseinsfremden Grübeln und blassen Deuteln abhold war und am farbigen, mit Herz und Sinn spürbaren Abglanz des Lebens ihr Genügen fand. Dazu aber kam noch ein besonderer Zug im Wesen unsres Malerdichters: sein leidenschaftlicher Hang zur Natur und ihrem Frieden, der so stark war, daß er schon als junger Mensch wirklich ernsthaft einmal daran gedacht hatte, als Einsiedler -- natürlich mit einigen guten Freunden! -- in der Stille des Waldes zu leben. Zum Glück ist daraus nichts geworden, das lachende Leben hat seinen Lieblingssohn festgehalten, aber der Hang zur Einsiedelei kam immer wieder einmal über ihn, so daß er ab und zu ein paar köstliche Bildergeschichten von einsamen Heiligen, Klausnern und Waldbrüdern erzählen mußte. Das alles machte ihn so recht zum Fabulieren fähig und bereit: er sah mit hellen, männlich tapfern, alle Erdenschönheit suchenden und bestaunenden Augen in die Welt, hauste fröhlich und behaglich mit den Seinen und den Freunden, schlug sich wacker mit den Feinden und lebte doch dabei tief innen in sich und ließ die Eindrücke und Erlebnisse sich in seiner Seele weiterspinnen, bis er sie, von ihnen gedrängt, wieder aus sich herauslassen mußte... und dann quollen all die bunten, krausen Geschichten, Märlein, Einfälle, die immer mit einem goldnen Fädchen des Humors mit dem wirklichen Leben seiner Umwelt zusammenhingen, aus seinen Händen aufs Papier oder auf die Leinwand. Ja, auch das müßt ihr wissen, wenn ihr seine Bilderpoesien betrachtet: es steckte ihm auch die richtige verschmitzte österreichische Necklust im Blute, die im Grunde _Liebe_ ist, und die auch den sinnig-ernsten Gedanken seiner Lebensanschauung unversehens ein Schellenmützchen aufsetzte und sie und sein ganzes Leben und Tun mit dem hellen Zauberton des Humors umklingt.
Da haben wir den ganzen Meister Schwind gleich auf unserm wunderschönen Bild „Die Hochzeitsreise“! Guckt es euch genau an, wir werden es gleich herausfinden! Kann man sich überhaupt satt daran sehen? Ich habe es nun schon an die hundertmal betrachtet, und immer wieder umspinnt mich die lichte, behagliche Lebenslust, der reine Friede seiner Bildseele. Und das Ganze, ja, ist wieder eine lächelnde Dichtergeschichte, welcher die liebevoll zusammengestimmte Farbe und die sauber und bedächtig schnörkelnden Linien recht eigentlich ein Rahmen sind, wie die zierhafte Goldfassung einem Edelstein. Seht, über dem alten giebeligen süddeutschen Städtchen steht ein blauer Sommermorgen, und vor dem Gasthaus zum Goldnen Stern wartet die prächtige, mit rotem Plüsch gepolsterte gelbe „Postchaise“; der stattliche Herr mit der Reisetasche hat wohl eben dem dicken Herrn Wirt die Rechnung für den Aufenthalt bezahlt und ihm seine Anerkennung für die sorgliche Unterkunft ausgesprochen, dann noch ein Wörtlein über das Wetter mit ihm geschwatzt und danach die guten Reisewünsche des Gastwirts entgegengenommen -- denn damals, in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, hatte man noch viel Zeit, da gab es noch wenig Hast und kaum schon Eisenbahnen, da konnte man noch viele gute und umständliche Worte machen! Aber nun wurde es doch endlich Zeit mit der Abfahrt, denn die junge schöne Frau sitzt schon ein wenig ungeduldig und sehnsüchtig in dem offnen Chaischen, dafür bekommt sie nun auch noch ein paar artige Komplimente von dem Sternwirt und der Sternwirtin zu hören. Der Postschwager, von dem man bloß den hohen Tressenhut sieht, strängt umständlich das Handpferd wieder an, dem Gasthausspitz, der das sieht, fährt ein kleines Reisefieber in die Glieder, denn er will den Wagen bis vors Tor begleiten, und der würdige Kaufmann mit der sommerlichen Schirmmütze in dem Lädchen gegenüber steht schon lange in seiner Ladentür auf der Lauer, um der Abfahrt zuzuschauen und dann mit dem Sternwirt noch eine kleine wohlwollende Nachschwatz zu halten; auch die Mädchen am Brunnen stehen gaffend, wartend und schwatzend und lassen die Eimer überlaufen -- o man weiß Bescheid, das waren vornehme Fremde, Herr und Frau v. Schwind aus der Hauptstadt, ein berühmter Kunstmaler, und seine junge Frau war eine Majorstochter, die Herrschaften waren auf der Hochzeitsreise, ei, ei, da lacht das Glück aus allen Winkeln, und da ist man galant und zärtlich und schmückt selbst den Postwagen mit frischen Blumen... der junge Ehemann hat gestern abend noch drüben in dem Kaufmannslädchen eine Tüte Honigzucker und ein Fläschchen Rosenwasser und für sich selbst ein Büchschen feinster Pomade gekauft -- das weiß die ganze Stadt!... Und das, ihr könnt es glauben, stimmt alles aufs Haar! Meister Schwind hat sich selbst und seine geliebte junge Frau auf der Hochzeitsreise gemalt; und seht einmal ganz scharf hin --: der behäbige Wirt in der roten Sammetweste, der so ehrerbietig das grüne Käppchen schwingt, trägt die Züge von Schwinds liebem Jugendgenossen Lachner, des weitbekannten Kapellmeisters und Komponisten, der in Wien neben dem jungen Dichter Grillparzer, dem Musiker Franz Schubert und andern zu seinem Freundeskreis gehörte. Da haben wir den Schalk, der mit den Augen zwinkert und mit den Lippen schmunzelt, der lachend seine gute Freundesliebe und sein ganzes großes, helles Jungehemannsglück in das Bild hineingemalt hat. An solchem Spaß konnte er selbst seine herzlichste Freude haben, und solche launigen Anspielungen findet ihr auf vielen seiner Bilder, sie hingen immer irgendwie mit der ihm vertrauten Wirklichkeit und dem warmen Leben zusammen...
Und nun hört, was Meister Schwind selber einmal über seine Kunst zu einem guten Freunde, der auch ein Malersmann war, gesagt hat, als sie miteinander im Walde spazierengingen. „Sixt, schau, ist das nit herrlich! Wann einer an ein schön’s Bäumle sein Lieb und Freud hat, so zeichnet er all sein Lieb und Freud mit, und’s schaut ganz anders aus, als wenn’s ein Esel schön abschmiert.“ In dem frisch herausgesprudelten, fröhlich-weisen Satz steckt der ganze Schwind! Immer hat er „sein Lieb und Freud“ mitgemalt, die galten ihm mehr als alles bloß Handwerkliche oder Technische, wie es in der Künstlersprache heißt, und sie geben allen seinen Schöpfungen die zu Herzen dringende Augenlust. Aber ihr dürft deshalb nicht glauben, daß Meister Schwind seine Werke und Werklein in leichter oder gar leichtfertiger Arbeit geschaffen habe; man kann es in seinen lebendigen, in jedem Wort unverstellten Briefen nachlesen, wie ernst und schwer er mit Stoff und Form gerungen, gewiß in unverdrossener Lust, aber auch oft bis zur bittern Ermüdung, eh’ ihm selbst alles gelungen schien, daß es nun wie eitel Spiel und Lust wirkte. Hinter jeder Meisterkunst, auch hinter der anmutigsten, heitersten, steht ernste, tapfre und mühselige Arbeit, tagtäglicher Kampf und eine unablässige Aufopferung des ganzen Mannes durch lange Wochen und Monate -- vergeßt das nicht im freudigen Schauen, denkt immer einmal mit Ehrfurcht daran, um so größer und staunenswerter wird dann die Meisterschaft auf euch wirken, und etwas von dem Hauch ihrer sittlichen Kraft wird euch in die Seele wehen. --