Gemälde und ihre Meister

Part 14

Chapter 143,577 wordsPublic domain

Seligstes Mutterglück! Das ist der erste, das ist der bleibende Eindruck, den dieses köstliche, frische Bild auf den Beschauer macht. Es ist ein herrlicher Frühlingstag; die Sonne scheint so warm und wohlig. Da sitzt eine junge, schöne, vornehme Frau, das feingeschnittene Gesicht von reichem Lockenschmuck umrahmt, in eleganter Toilette auf der Veranda ihres Schlosses; unser Blick schweift einen Moment über die Brüstung hinaus an der großen Steinvase vorbei weit hinein in den wohlgepflegten Park mit seinen breiten, grünen Rasenflächen und einzelstehenden Baumgruppen. Ja, diese Umgebung paßt zu der aristokratischen Erscheinung, und auch der schwere, aufgeraffte Vorhang, der vor dem garstigen Zuge schützt, und das bequeme Sofa, das aber nicht zu nachlässiger Haltung verführt. Gewiß, es muß eine Dame aus den höchsten Kreisen der Gesellschaft sein; alles atmet Gediegenheit, Vornehmheit, Reichtum. Und wirklich! Es ist eine Herzogin, Georgiana von Devonshire, die Gemahlin eines der größten Würdenträger von England, des Großschatzmeisters von Irland. Aber was kümmert uns das? Wir achten des Putzes nicht, nicht der stolzen Umgebung: wir sehen nur, wie eine Mutter in hingebender Liebe und träumerischer Zärtlichkeit mit ihrem süßen Baby spielt, es tanzen läßt auf ihrem Schoß. Sie hält das hampelnde, strampelnde Mädchen fest mit dem linken Arm, daß es nicht falle bei seinem Übermut; in schnellem Takte wippen die Knie: hoppe, hoppe, Reiter!, und mit der hochschwingenden Rechten lehrt sie es, auch seine vollen, dicken Ärmchen ganz, ganz hoch zu heben und mit ihr zu jauchzen: eia, eia! Hört man nicht ordentlich das vergnügte Kreischen des kleinen, gesunden Geschöpfes? Sieht man nicht die aufwärtssprudelnde Bewegung der Arme? Und trommelt es nicht mit seinen niedlichen, in keine Schuhe gezwängten Füßen so tapfer und keck, so voll Zutrauen und strahlender Lebenslust auf den Schoß der Mutter? Hängt nicht hier Auge an Auge in seliger Freude? Ja, sonnig ist das Dasein für sie beide, und das heitere Spiel von Mutter und Kind beglückt auch den Beschauer und führt ihn in die paradiesischen Zeiten der frühesten Jugend zurück. So hat auch mit uns allen einst die Mutter gespielt, uns geherzt und geküßt, auch wenn wir keine Herzogskinder waren. Die Mutterliebe ist gleich groß und rührend, gleich edel und selbstlos bei hoch und niedrig, und eben sie wollte der Maler preisen, für sie ein immerwährendes, ein typisches Beispiel geben.

Nun könnte wohl jemand denken, eine so feine Dame spielt wohl einmal zum Zeitvertreib mit ihrem Baby, aber so treu wie eine gute bürgerliche Mutter sorgt sie doch nicht für die Kinder; sie hat Angestellte, eine Amme, und später eine Kindergärtnerin; dann wird eine Erzieherin gehalten oder ein Hauslehrer; und die vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen lassen ihr keine Zeit; oft sieht sie wohl die Kinder tagelang nicht. Nun, englische Sitte ist das ganz und gar nicht, und in unserem Falle war es gewiß nicht so. Georgiana hat ihre Kinder selbst genährt, um der vornehmen Gesellschaft ein gutes Beispiel zu geben, und das fand tatsächlich Nachahmung: es wurde die Regel. Und überhaupt haben es die Kinder in England immer gut gehabt, wenigstens die der höheren Stände: sie regieren eigentlich das Haus, um sie dreht sich alles, sie gelten als der höchste Schatz der Familie. Sie wachsen auf dem Lande oder im Eigenheim der grünen Vorstadt auf und spielen den lieben Tag lang in den herrlichen Parks und Gärten, die zu solchen Landsitzen und Villen gehören. Ihnen wird das luftigste Sonnenzimmer eingeräumt, das, weiß in weiß gehalten, den fröhlichsten Eindruck macht; ihre Frische und Gesundheit ist die Hauptsorge der Eltern. Auf Lernen kommt es nicht so sehr an. Sport und Spiel, sich zurechtfinden im Leben, Benehmen und Charakter ist die Losung. Dem Adel machen das die besseren bürgerlichen Kreise nach, so weit es in ihren Kräften steht. Freilich dazu gehört Wohlstand. Aber England ist reich. Und mag auch heute das Kinderelend in den großen Städten und zumal in den schmutzigen Seitenstraßen Londons erschreckend sein, so hat doch seit Jahrhunderten jeder Engländer, der es sich leisten konnte, der Pflege der Kinder die größte Sorgfalt gewidmet.

Gerade unser Maler, _Sir Joshua Reynolds_, ist ein sprechender Zeuge dafür. Wie lacht und strahlt uns Englands vornehme Jugend aus Dutzenden seiner Bilder entgegen, wie gewichtig präsentieren sich die kleinen Lords und Ladies, wie lebendig, reizend und unschuldsvoll spielt das junge Volk mit der Mutter oder mit den treuen Freunden, den Hunden, die auch zur Familie gehören, wie andachtsvoll beten die Kleinen ihr Nachtgebet, wie gesittet benehmen sie sich! Aus so glücklicher Jugend erwächst dann jener selbstsichere Menschenschlag, der stolz und klar, etwas verwöhnt, aber gesund an Körper und Geist, mit geschultem Takt in allen Lagen stets das Richtige trifft; jene starken, sehnigen Jünglinge und Männer, die immer noch etwas vom Jungen an sich tragen, praktisch durch und durch, auf Leben, Welt, Natur mit gesundem Menschenverstand gerichtet, Herrenmenschen voll Haltung und Energie, die wissen, was sie wollen, und leisten, was zu leisten ist, die sich zu benehmen verstehen, aber auch recht rücksichtslos sein können und alles in allem das Ideal des Gentleman darstellen -- und jene schlanken, hoch aufgeschossenen Mädchen und Frauen mit den ovalgeschnittenen, gleichförmigen Gesichtern, voll Elastizität, Grazie, Anmut und edelster Haltung, die erblüht sind wie Lilien auf dem Felde und eine eigene englische Art von Schönheit haben, die man mit Entzücken anschaut. Solche Menschen auf der Höhe des Daseins, Mann und Weib, Jung und Alt, hat uns Reynolds, der größte Porträtmaler des 18. Jahrhunderts, zu Hunderten in voller Leibhaftigkeit vor Augen gezaubert.

Zu ihnen gehört auch die Herzogin Georgiana. Sie war eine gute Mutter, und die kleine Hampelliese, die auch Georgiana heißt und später auch eine vornehme Frau und glückliche Mutter, eine Gräfin Carlisle, geworden ist, hat zeitlebens an ihr mit Ehrfurcht und Liebe gehangen. Aber die Herzogin verband damit die Vorzüge der großen Weltdame. Sie war -- trotz der Königin -- die erste Frau der englischen Gesellschaft. Sie gab den Ton, sie gab die Mode an. Alle Welt ahmte ihr nach, nicht nur, als sie ihren Kindern die Brust reichte: auch als sie die steifen Reifröcke der Rokokozeit ablegte, als sie die großen Federhüte erfand, die auf so manchen Bildern der Zeit das Lockenhaupt der vornehmen Damen wie ein Heiligenschein umgeben. Sie war reich, schön, von hohem Rang; ihre bestrickende Anmut, ihr Zartgefühl, ihr Geist, ihre lustige Schlagfertigkeit zog alle in ihren Bann, die ihr nahe kamen. Ihre Empfänge, die Feste, die sie gab, waren weltberühmt und versammelten das hoffähige und gebildete England in ihren Räumen. Sie hatte Sinn und Interesse für alles, was geistige Werte schafft, und versuchte sich auch selbst mit Glück in der Poesie: ihr Gedicht: Der Übergang über den St. Gotthard gehört zu den schönsten Reisebeschreibungen in gebundener Form, und auch in französischer Sprache machte sie gute Verse. Sie sammelte Gemälde, Stiche, Handzeichnungen und Altertümer und pflog Verkehr mit Philosophen, Malern und Dichtern; keinen Augenblick schwankte sie, den großen Menschendarsteller und Entdecker Shakespeares, Garrick, in ihr Haus zu ziehen und ebenso den jungen Sheridan mit seiner liebreizenden Gattin, die ihre Laufbahn als Sängerin Händelscher Oratorien aufgegeben hatte, um dem unbekannten Literaten ihre Hand zu reichen -- und solche Förderung des Talentes war damals eine Tat, da Schauspieler und Sänger noch keineswegs in allgemeiner Achtung standen, sondern mit besseren Trinkgeldern abgefunden zu werden pflegten. Sie gründete auch den ersten Frauenklub, der prachtvolle Bälle gab, zu denen auch die Herren der Schöpfung eingeladen wurden und bei Spiel und Tanz angeregten Umgang pflegen konnten. Bei keiner großen Veranstaltung des öffentlichen Lebens fehlte sie. So hat sie dem Aufstieg der ersten Luftballons -- welch ein Ereignis für das damalige London! -- mit Würde beigewohnt und dem wackeren Blanchard das haltende Tau zerschnitten. Auch politisch war sie interessiert. Sie stand mit ihrem Gemahl auf seiten der Opposition, der Whigs, die eine reine Parlamentsherrschaft anstrebten, und bekannt ist die Anekdote, wie sie für den ihr befreundeten Staatsmann Fox bei seiner Wahl in Westminster temperamentvoll eintrat: sie begab sich mit einer ebenso schönen Freundin, Lady Crewe (die Reynolds auch gemalt hat), in das verräucherte Wahllokal, um Stimmen für ihn zu werben und soll einem dicken Fleischer, der sonst unter keinen Umständen zu erkaufen war, sogar einen Kuß zugestanden haben. Sie wirkte allerdings bezaubernd auf die Männerwelt. Einen braven Farmer hörte man bei einem Pferderennen sagen, als er sie sah: „Wäre ich der Allmächtige, sie müßte die Himmelskönigin sein!“ Man verglich sie wohl mit der Königin Marie Antoinette, und gewiß ist, daß sie an Schönheit, Liebreiz und Geist mit ihr wetteifern durfte, und daß das Leben am Hofe Georgs III. an den Stil ihres Daseins nicht heranreichte. Man verehrte sie wie eine Göttin, und sie besaß etwas von ewiger Jugend und Anmut. Als sie im 49. Lebensjahre starb, galt sie noch immer als die lieblichste Frau Englands.

Joshua Reynolds hat diese seltene Menschenblüte dreimal gemalt, schon als sechsjähriges Mädchen mit ihrer Mutter, der Gräfin Spencer, dann als junge Frau und wiederum auf unserem Bilde als glückliche Mutter, in ihrem 27. Lebensjahre, wohl zur Feier der zehnjährigen Hochzeit, denn schon mit 17 Jahren hatte sie dem blühenden Gatten sich verbunden. Auch der andere große Maler der Zeit, Gainsborough, hat ihre prachtvolle Erscheinung in einem majestätischen Bilde festgehalten; auch hier wirkt sie wie ein Wesen höherer Art, geadelt durch alle Reize einer schönen, starken und freien Persönlichkeit. Doch Reynolds hat ihr tiefer ins Herz geblickt: er sah, daß das echt Weibliche, das Mütterliche, ihrer Anmut erst die höchste Weihe gab.

Und darin eben liegt die Kunst Reynolds’ überhaupt: er war ein großer Psychologe. Er durchschaute die Menschen, fühlte mit sicherem Instinkt den Kern ihres Wesens heraus und verstand es, die Seele selbst zu malen. Wohl selten haben Verstandesschärfe und künstlerisches Empfinden einen so engen Bund geschlossen, wie bei ihm. Sein ganzes Dasein war auf Beobachtung gestellt, nichts entging seinem scharfen Auge; aber er blieb nicht in den Einzelheiten stecken: sein Geist ergänzte treffsicher, und seine Hand zauberte Leben. Klug, ehrgeizig, talentvoll, wollte er, der Sohn eines armen Geistlichen und Schulmeisters, die Prophezeiung wahrmachen, daß seinem England ein Raffael entstehen werde. So schulte er mit nie versagendem Fleiße und bohrendem Verstande sein Auge an den alten Meistern und an der Natur selbst und versäumte keine Gelegenheit, den Erscheinungen des Lebens auf den Grund zu gehen. Er war als Maler zugleich ein Rechner, ein Philosoph und ein Dichter, d. h. er beobachtete Menschen und Dinge mit denkender Zergliederung und nachschaffender Phantasie. Er hatte ein erstaunliches Gedächtnis und griff aus dem riesigen Schatz seiner malerischen Erinnerungen leicht das heraus, was er gerade brauchte. Er nahm von den alten großen Meistern, was ihm im Einzelfall gut deuchte: Gruppierung, Stellung, Farbenton; sein Streben war, die Licht- und Schattenwirkung Rembrandts mit der glühenden Farbenpracht der Venezianer, zumal Tizians, und dann des großen Vlamen Rubens zu vereinigen; dabei war er aber keineswegs sklavischer Nachahmer. Vielmehr waren ihm die Regeln der Alten und ihre Malweise allmählich so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er vieles unbewußt erneuerte, und er versenkte sich so tief in die Eigenart seines Modells, daß es ihm gelang, aus den erborgten Elementen ein einheitliches Ganzes, ja etwas wirklich Neues von größter Überzeugungskraft zu schaffen.

Alle seine Werke sind bis ins einzelste auf die Wirkung berechnet, und doch stört diese nüchterne Verstandesarbeit den Beobachter kaum, denn sie ist ganz mit Geist durchtränkt: sein Formgefühl ist von der größten Feinheit und Sicherheit, und er erfaßt stets den ganzen Menschen. Und mehr noch: aus jedem Bilde leuchtet zugleich eine Idee heraus, die rein darzustellen ihm gelingt. Von dem platt Wirklichen, von den Unvollkommenheiten der Natur sieht er ab, um die tiefere Wahrheit herauszuholen. Ruhe und Einfachheit herrschen in seinen Bildern, auch in bezug auf die Farbengebung. Fern liegt ihm alles prickelnde oder erkünstelte Spiel mit kleinen Lichtern oder ein aufdringliches Hasten nach Farbengegensätzen; alles ist auf einen großen Ton gestimmt. Und sofort springt die Hauptfigur, die Haupthandlung hervor. Das Zufällige tritt zurück, das Charakteristische wird herausgehoben und im Sinne einer ihm vorschwebenden Idee vervollkommnet, erhöht, geadelt, zum allgemeinen Typus eines Standes, einer Lebensstimmung, einer Gemütsverfassung oder Geistesrichtung erweitert. Dadurch erst kommt die überzeugende Lebenswahrheit seiner Porträts zustande. Die Eigenart des einzelnen ist scharf wiedergegeben. Wie blicken uns diese Personen aus seinen Bildern an: die einen kalt, überlegen, energisch, willensstark, die andern heiter, strahlend oder gütig; wieder andere selbstbewußt, ja blasiert, oder auch nachdenklich oder wiederum stürmisch; die Männer im Gefühl ihrer Würde und Stellung, die Frauen im Bewußtsein ihrer Reize, stolz, abweisend, oder auch elegisch, unbewußt lieblich und von süßer Zartheit, und die Kinder wiederum frisch und fröhlich, lustig-herrenhaft, oder auch rührend engelgleich, andächtig und eine große Zukunft ahnen lassend -- immer doch fühlen wir: sie stellen bei aller Sonderheit eine ganze Gruppe, eine Klasse dar. Sie huldigen dem leichten Daseinsgenuß jener überfeinerten Gesellschaft, oder leben in ernster Pflichterfüllung den idealen Pflichten eines bestimmten Berufes; hier ist ein englischer Lord in seiner Hoheit, hier eine vornehme Dame der ersten Kreise, oder wiederum eine glückliche Mutter, hier ein tiefsinniger Gelehrter, ein glänzender Redner, ein genialer Schauspieler, ein Dichter voll Tiefe und Gehalt, ein wackerer Haudegen oder ein Schwerhöriger. Wir sehen, wes Geistes Kind der Dargestellte ist, aus Gesicht, aus Haltung und Händen und empfinden ihn zugleich als Vertreter eines fest umrissenen Kulturkreis es, als ein Mitglied einer größeren Gemeinschaft. So wird jedes Porträt eine Seelenoffenbarung von höchstem Stimmungsgehalt und überzeugender Allgemeingültigkeit. Wir bewundern immer von neuem die durchdringende Menschenkenntnis des Malers und sehen in ihm neben den Dichtern seiner Zeit den größten Schilderer des Adels und des guten Bürgertums im England des 18. Jahrhunderts.

Sein Drang zum Typischen und Allgemeinen geht wohl manchmal weiter, als wir heute gutheißen. So wird die schöne Schauspielerin Sarah Siddons als tragische Muse dargestellt und schwebt nun auf einem Sessel in den Wolken, oder die reizende Lady Bunbury opfert als Priesterin der Schönheit den Grazien und wäre uns doch lieber ohne diese Verkleidung. Doch was will diese Unterstreichung des Ideengehalts oder auch des Anekdotisch-Genrehaften bedeuten gegen die hinreißende Kraft der Menschenschilderung, die diesem großen Seelenkünder eigen ist. Seine Bilder sind gewiß gesteigert im Ausdruck, aber sie heben auch den Geist über die unmittelbare Gegenwart hinaus, sie wärmen das Herz und reißen fort; seine Kunst wendet sich an den Funken der Gottheit in unserem Innern und hat etwas Befreiendes.

Mit vollem Bewußtsein hat Reynolds in diesem Sinne gemalt. Er hat tief und lange über die Grundlagen seiner Kunst nachgedacht und die Ergebnisse seines Nachdenkens und seiner Erfahrung in einer Reihe von Schriften und Reden der Öffentlichkeit unterbreitet. Als Begründer und erster, langjähriger Präsident der Akademie der Künste erfüllte er den Nachwuchs mit seinen Gedanken. Es gab vor ihm keine feste Überlieferung für die Maler in England. Gemalt hatten zwar große Meister, wie Holbein, van Dyck und Rubens, aber die Stürme der Revolution und die Kunstfeindschaft der siegreichen, allein auf die Herrschaft religiös-politischer Ideen gerichteten Puritaner hatten eine eigene englische Entwickelung der Kunst unterbunden. Erst Reynolds hat aus Italien, wohin ihn ein glücklicher Stern führte, die Anregungen mitgebracht, die über die brave, aber trockene Art seines Lehrers Hudson und die derb-satirische Karikaturenzeichnung des Sittenschilderers Hogarth hinaus zu einer an den klassischen Stil mahnenden, aber das innerste Leben Englands auf eigene Art wiedergebenden Kunst führten. In ähnlichen Bahnen bewegten sich dann seine großen Mitstreiter Gainsborough, Romney und Ramsay, und gemeinsam schufen sie nun eine bodenständige englische Malerei. Reynolds wurde der Führer, weil er eine Persönlichkeit großen Stiles war.

Aus ärmlichen Verhältnissen arbeitete er sich durch bewundernswerten Fleiß und reife Intelligenz empor. Einige seiner Bilder machten Aufsehen: er fand Eingang in die beste Gesellschaft und nahm sofort riesige Preise. Er forderte 25, dann 35, schließlich 70 bis 100 Pfund für ein Porträt je nach der Größe, d. h. nach heutiger Währung 7500-30000 Mark; sein Jahreseinkommen stieg bald auf 6000 Pfund (= 1880000 Mark); denn er malte im Jahre wohl 150 Bilder und mehr; über 2000 Porträts von ihm sind erhalten, und 92 Kupferstecher haben Stiche nach seinen Bildern gemacht. Seine Lebenshaltung richtete er entsprechend ein. Er wohnte in einem Palast, den er mit feinstem Geschmack ausstattete, legte sich eine Galerie alter Meister und eigener Werke an, hielt sich Equipage und Dienerschaft und gab glänzende Gastmähler, bei denen das vornehme und geistige London sich zu gemütlichem Stelldichein traf. Er fühlte sich durchaus jedem Lord gleichwertig und wurde als voll anerkannt, auch tatsächlich bei der Gründung der Akademie in den Adelsstand erhoben. Neben der hoffähigen Gesellschaft suchte er aber auch den Umgang von Staatsmännern, Gelehrten, Dichtern und bedeutenden Menschen jeder Art; es gibt kaum einen berühmten Namen, dem wir nicht in seinem Kreise begegnen. Zu seiner Tafelrunde gehörten die Politiker Fox und Burke, der Schauspieler Garrick, der Balladensammler Percy, die Malerin Angelika Kauffmann, die Dichter Sterne und Sheridan; seine vertrautesten Freunde aber waren der Verfasser des Landpredigers von Wakefield, Oliver Goldsmith, der ihm sein Verlassenes Dorf gewidmet hat, und der Gottsched Englands, der kluge Literat Dr. Johnson. Wie sprühte da der Geist, wie fuhren die Witze hin und her, wie ernst wurden die politischen, philosophischen und künstlerischen Fragen des Tages verhandelt! Und wenn die Stimmung einmal unter den heißgewordenen Geistern erregter wurde, so beschwichtigte der Hausherr durch seine Gelassenheit und Ruhe den Sturm und fand einen Ausgleich im Streite. Denn er stand immer über den Parteien und studierte mit Behagen Charaktere und Gesichtsausdruck, Mienenspiel und Haltung auch bei solchen Gelegenheiten; er trieb stets praktische Seelenkunde und machte auch die Freunde seiner Kunst dienstbar. Er war ein rechter Lebenskünstler, auch im Verkehr mit den vornehmen Frauen, die sich in sein Atelier drängten. Er wurde wohl mit einem Frauenarzt verglichen: so vorsichtig, taktvoll und feinfühlig nahm er auf die Eigenart seiner weiblichen Kundschaft Rücksicht. Der hinreißende Zauber seines Wesens, sein bescheidenes, ritterliches, aber festes Auftreten, die angenehme Unterhaltung, die er beim Malen bot, der Scharfblick, mit dem er das Einzigartige einer Erscheinung zu erfassen und die passendste Form der Darstellung zu finden verstand, und der Adel, den er allen seinen Schöpfungen aufdrückte, öffneten ihm die Herzen und ließen ihn alle Mitbewerber schlagen. Und so verstand er, der alte Junggeselle, es auch, den Rattenfänger zu spielen und die Kinder an sich zu fesseln. Er schloß mit ihnen Freundschaft, erzählte ihnen Märchen und artige Geschichten, wenn sie unruhig wurden, und wußte so recht als der liebe Onkel mit ihnen umzugehen. Nie zeigte er eine Verstimmung; es lohnte sich ihm nicht, sich zu ärgern; selbst seine zunehmende Taubheit, die Folge einer schweren Erkältung im Vatikan, trug er mit Würde, Geduld und Humor. Harmonisch und abgeklärt, praktisch, weltklug und gewandt, ein Mann von Geschmack und Kultur, mehr Verstandes- als Gemütsmensch, ein wenig zurückhaltend und sich nie ganz hingebend, aber doch gütig und wohlwollend, von offener Hand für seine Freunde und Verwandten, allem Edlen zugetan, auf der Höhe der Bildung seiner Zeit -- so war sein Wesen. So steht er vor uns als ein würdiger Vertreter des geistigen Englands jener Tage: ein echter Gentleman. Und daraus erklären sich auch seine beispiellosen Erfolge: er verstand die vornehmen Leute, die sich bei ihm malen ließen, er schaute in ihre tiefste Seele. War er doch ihresgleichen.

Gainsborough mag uns heute als Künstler wahrer und moderner erscheinen, er mag auch der Tiefere und Genialere gewesen sein, der mehr unbewußt aus dem heißen Drange der Natur heraus schuf und, frei von akademischen Theorien und alten Vorbildern, ein Meister der reinen Farbenwirkung wurde: Reynolds bleibt der getreueste Offenbarer der englischen Seele, der Begründer der englischen Malerei und der Fürst der Maler seiner Zeit. Als ein Fürst ist er auch bestattet worden; in der Paulskirche, dem Pantheon Englands, wo auch van Dyck begraben liegt, fand er seine Ruhestätte. Drei Herzöge, zwei Marquis, drei Earls und zwei Lords hielten das Bahrtuch, als der imposante Leichenwagen sich durch die beflaggten Straßen Londons bewegte, gefolgt von etwa hundert Kutschen und einer unübersehbaren Menschenmenge. Man wußte, daß man einen der Besten zu Grabe trug. Noch heute ist England mit Recht stolz auf diesen seinen großen Sohn.

_Arnold Reimann._

Napoleon auf dem St. Bernhard

Von Jacques Louis David

Geboren 31. August 1748 in Paris, gestorben 29. Dezember 1825 in Brüssel. -- Museum in Versailles; drei Wiederholungen, eine davon im Berliner Schloß

Bild 22

_Karl_: Ach, sieh mal! Da ist ja Napoleon: das berühmte Bild von David!

_Otto_: Das kann er doch nicht sein. Es fehlt ja jede Ähnlichkeit.

_Karl_: Ist denn Ähnlichkeit die Hauptsache bei einem Porträt? Es kommt doch vielmehr auf das Charakteristische an; der Künstler soll seine besondere Auffassung zur Geltung bringen und sich so in die fremde Persönlichkeit versenken, daß er ihr Wesen im Innersten erfaßt; er soll sie von den Schlacken des zufälligen Aussehens befreien und nur das Dauernde, das Geistige, das wahre Sein zum Ausdruck bringen. Sonst wäre ja auch die Photographie das beste Porträt.

_Otto_: Schade, daß man damals noch nicht photographieren konnte; sonst wüßte man wenigstens, wie Napoleon ausgesehen hat.

_Karl_: Nun, er selbst hat auf Ähnlichkeit keinen Wert gelegt und deshalb zu diesem Bilde auch nicht gesessen; das war ihm viel zu langweilig, und er hatte keine Zeit dazu. Als ihm David einwandte, das Bild würde dann nicht ähnlich werden, gab er zur Antwort: „Ähnlich? Besteht denn die Ähnlichkeit in der Genauigkeit, mit der man die Gesichtszüge oder etwa eine kleine Erbse an der Nase auf die Leinwand bringt? Den Charakter, das Wesen der Persönlichkeit, das, was ihr Leben gibt, muß man malen!“ -- Das eine schließt das andere nicht aus, meinte der Maler, worauf Napoleon fortfuhr: „Sicherlich hat Alexander dem Apelles nicht gesessen. Niemand fragt danach, ob die Porträts großer Männer ähnlich sind. Wenn nur ihr Geist in ihnen lebt!“ -- Da gab sich David gefangen: „Sie lehren mich die Kunst zu malen; im Ernst, ich habe die Malkunst noch nicht aus diesem Gesichtspunkt betrachtet. Nein, Sie sollen nicht sitzen; ich will Sie doch malen, ich werde es schon machen!“

_Otto_: Da hat der Maler dem Kaiser aber eine schöne Schmeichelei gesagt!