Part 13
Das Bild ist um das Jahr 1678 entstanden, stellt also wenn nicht den _letzten_, so doch den letzten _großen_ Versuch der Gestaltung dieses Vorwurfs dar. Bartolomé Esteban Murillo stand im 61. Lebensjahre. Vier Jahre später ist er an den Folgen eines Sturzes von dem Gerüst in einer Kirche, auf dem er malte, gestorben. Sein Leben hat sich ohne besondere Wechselfälle meist in seiner Vaterstadt Sevilla abgespielt, wo er, früh verwaist, als Kind einer alteingesessenen Sevillaner Familie zur Welt kam. Zeitig zu einem Maler von mittlerer Bedeutung in die Lehre geschickt, fand er sich selbst erst, nachdem er von einem etwa dreijährigen Aufenthalt in Madrid zurückgekehrt war, wo er, von seinem Landsmann Velasquez gefördert, die großen Schöpfungen der Malkunst des 16. und 17. Jahrhunderts in sich aufgenommen hatte. Nicht bloß die hervorragenden Meister der spanischen Schulen, Ribera, Zurbaran, Velasquez, auch die großen Italiener, Tizian und Correggio vor allem, dann aber auch die Niederländer Rubens und van Dyck haben auf ihn eingewirkt. Aber er ist ein Eigener geblieben; den Charakter seiner andalusischen Heimat hat er wie kein anderer Maler ausgeprägt, und man nennt ihn mit Recht den „sevillanischsten der Sevillaner Maler“. Schon zu Lebzeiten galt er als _der_ Maler seiner Vaterstadt, doch blieb sein Wirken örtlich beschränkt, und so konnte es kommen, daß sein Ruhm für einige Zeit verblaßte. Im Verlauf der folgenden Jahrhunderte hat die Schätzung seiner Kunst verschiedene Phasen durchlaufen. Als der französische Marschall Soult mit anderen geraubten Bildern auch die hier besprochene und nach ihm benannte „~Conceptio immaculata~“ von Sevilla nach Paris brachte, wo sie noch ist, da ging eine Flutwelle der Bewunderung Murillos durch die ganze Kunstwelt. Sie schlug in das Gegenteil um, als die Zeit des künstlerischen Naturalismus hereinbrach, und sie ist wieder im Steigen, seitdem wir aus der Stillosigkeit unserer Gegenwart heraus das Zeitalter des Barock als ein aus dem Geist der Gotik geborenes Zeitalter von neuem bewundern. Und doch ist Murillo nicht nur der Maler der Madonnen und verzückten Heiligen, sondern auch der Sevillaner Betteljungen und Zigeuner und nicht zuletzt der Kinder. Daß er, der Realist, nicht auch zugleich naturalistischer Derbheit gehuldigt hat, hat ihm den Ruf der Schönmalerei und der Süßlichkeit eingetragen. Kunstgeschichtlich ist sein Schicksal das Schicksal Raffael Santis, und es ist kein Zufall, daß in der Entwicklung der spanischen Malerei der Sevillaner die gleiche Stellung einnimmt wie der Urbinate.
_Karl Muth._
Der Tanz
Von Jean Antoine Watteau
Geboren 10. Oktober 1684 in Valenciennes, gestorben 18. Juli 1721 in Paris. -- Neues Palais in Potsdam
Bild 19
Am Waldesrande vor dichtem Gebüsch haben sich drei Kinder gelagert. Ein etwa zehnjähriger Knabe in zierlichem Schäferanzuge spielt die Schalmei, zu deren Tönen sich die ältere Schwester oder Freundin in feierlich gemessenem Tanze bewegt. Die beiden anderen Kinder, ein Mädchen und ein zweiter Knabe, den Hirtenstab in der Hand, sehen in stummer Bewunderung der Kunst der kleinen Dame zu, die in der Tat diese Bezeichnung verdient, denn sie weiß ihr schweres, kostbar besticktes Gewand mit einer Würde und Anmut zu tragen, als stünde sie im kerzenerleuchteten Ballsaale und nicht auf dem weichen Wiesengrunde unter dem hellen Abendhimmel. Ein Windhauch führt die Glockentöne des Abendgeläutes von der Dorfkirche herüber; bald wird der Schäfer in der Ferne seine Tiere in den Stall treiben. Nichts stört den Frieden der Natur, leise bewegen sich die Zweige der Bäume und begleiten mit sanftem Rauschen die Melodie des kleinen Bläsers, zu dessen Füßen ein Hund, der muntere Spielgefährte der Kinder, wohlig zusammengekauert schläft.
„Der Tanz“ oder „Die tanzende Iris“ heißt dieses Bild des französischen Hofmalers Jean Antoine Watteau. Friedrich II., der große König, erwarb es für seine Privatgalerie in Potsdam, wo es noch heute im Neuen Palais hängt.
Kleine Iris, du trägst deinen zarten Blumennamen mit Recht! Gleich einer Blume, die ihren Blütenkelch aus den starren Blättern erhebt und sich leise im Winde schaukelt, wächst dein feiner Leib aus dem schweren Faltenwerke des Rockes empor und neigt sich dein Lockenköpfchen, als wäre die Musik ein Hauch, der es bewegt.
Nein! du bist keine Ballkönigin, kein Kind dieser Welt, sondern ein Wesen aus einem Traumreiche. Unbeschreiblich zart und anmutig wie dein Körper ist dein Lächeln und der Elfenbeinschmelz deiner Haut; wie ein Schmetterling über der Blüte zittert das zierlich gefältelte Häubchen auf deinem blonden Haar. Und wie die Harmonie des Dreiklangs eine liebliche Melodie begleitet, so rauscht die Farbe deines rot, grün und silberhell gestreiften Kleides zu den schwingenden Linien des Umrisses deiner Gestalt. Von welcher Art war wohl der Künstler, der dich erträumte? Muß er nicht ein Glückskind gewesen sein, dem Kummer und Sorgen zeit seines Lebens fernblieben?
Jean Antoine Watteau, den die Franzosen so gern den französischsten der Maler nennen, stammte nicht aus Frankreich, sondern aus der flämischen, heute belgischen Stadt Valenciennes, die allerdings kurz vor seiner Geburt (1684) unter die Herrschaft des raubsüchtigen französischen Königs Ludwig XIV. gekommen war. Schon früh muß sich seine Begabung gezeigt haben, denn sein Vater, ein biederer Dachdeckermeister, schickte ihn als Kind bereits in die Lehre zu einem der angesehensten Maler der Stadt. Aber, wie erzählt wird, ging der Knabe bald seine eigenen Wege; das fröhliche Leben und Treiben auf dem großen Marktplatze fesselte ihn mehr als die strengen Schulregeln; dort trieben Gaukler, Seiltänzer und allerlei Abenteurer ihr Spiel, die er mit flinkem Stifte nach der Natur zeichnen konnte. Nach dem Tode seines Lehrers verließ der achtzehnjährige Jüngling plötzlich die Heimat und zog nach Paris, der Stadt seiner Sehnsucht. Aber seine Träume von Glück und Ruhm sollten sich nicht so bald erfüllen.
Vollständig mittellos, stand er allein in der großen Stadt und mußte sich bei einem kleinen Bilderhändler mit untergeordneten Malarbeiten seinen Teller Suppe verdienen, bis durch Vermittlung einer seiner Landsleute, Claude Gillot, ein bekannter und vielseitiger Dekorationsmaler auf ihn aufmerksam wurde und sich seiner annahm. Bei ihm konnte der junge Anton seine Begabung endlich entfalten; hier lernte er Fächer, Wandschirme und Zimmervertäfelungen mit jenem geistreichen, liebenswürdigen Rankenwerke bemalen, womit er seine Zeitgenossen entzückte, hier konnte er seiner Phantasie freien Lauf lassen und dem neuen heiteren Stile, dem zierlichen „Rokoko“, den Weg bereiten.
Die lange, über ein halbes Jahrhundert währende Regierung Ludwigs XIV., des „Sonnenkönigs“, wie ihn die Franzosen mit Stolz nannten, neigte sich ihrem Ende zu. Großzügig, aber tyrannisch hatte dieser Fürst nicht allein die Politik seiner Zeit, sondern auch die Kunst, ja selbst die Natur seinem Willen unterworfen: alles mußte der Verherrlichung seiner Person, seiner unersättlichen Ruhmsucht dienen. Wie seine Minister und Generäle das Staats- und Heereswesen neu organisierten, so mußten auch die Dichter, Baumeister und bildenden Künstler der „Großen Kunst“ neue Regeln und Gesetze schaffen.
Schwer und prunkvoll wie die Paläste, waren die Möbel, welche die mächtigen Säle füllten; die Maler und Bildhauer mußten in dekorativen Riesenwerken die Taten des Königs verherrlichen und jede selbständige Äußerung ihres Talentes unter dem Zwange der steifen Mode unterdrücken. Selbst die Gartenkunst wurde ihrer Freiheit und Leichtigkeit beraubt; die Hecken und Bäume wurden beschnitten, daß sie wie Mauern und Türme wirkten, die Wege in gerade, feierliche Bahnen gezwungen. Ein kalter, schwerer Glanz lag wie Meltau über dem natürlichen Leben und drohte, es zu ersticken. Doch die unsichtbaren, sich immer erneuernden Lebensquellen und Kräfte lassen sich auf die Dauer nicht vergewaltigen; plötzlich brechen sie hervor und befruchten den dürrgewordenen Boden, so daß er neue, niegesehene Blumen sprießen läßt.
Als der junge Watteau im Jahre 1702 nach Paris kam, begannen sich diese Kräfte schon allenthalben zu regen. Die Willenskraft des alternden Königs fing an nachzulassen; man war des steifen höfischen Zwanges überdrüssig geworden, und die Adligen zogen sich mehr und mehr vom Hofe zurück, um sich freier und ungebundener bewegen zu können.
Sie ließen sich kleinere, leichtere Schlösser und Hotels bauen, die zwar im Äußeren noch die Formen des strengen starren Stils zur Schau trugen, dafür aber im Inneren leichter und wohnlicher wurden; und die Bedürfnisse der vornehmen Welt begegneten der Sehnsucht der jüngeren Künstler nach größerer Natürlichkeit und Ungezwungenheit. So entstanden auch jene dekorativen Malereien als Schmuck von Wand- und Türfüllungen, in denen es Watteau bald seinem Lehrmeister Gillot zuvortat.
Aber seine Lehrzeit war noch nicht beendet. Einige Jahre später finden wir ihn bei Claude Audran, dem Haupte einer berühmten Malerfamilie, dem Kastellan des Luxembourg-Palastes, in dessen Diensten er den Pinsel noch freier und sicherer führen lernte. Doch wichtiger als die ermüdenden und ihn auf die Dauer langweilenden Aufgaben der dekorativen Malerei war es ihm hier, sein Auge mit neuen, ungeahnten Eindrücken sättigen zu können. Wie er als Knabe die Gaukler und Abenteurer konterfeit hatte, so durfte er hier in den schattigen Wandelgängen des breiten Parkes, den die Hand des modischen Gärtners zum Glücke unberührt gelassen hatte, das Stelldichein der vornehmen Damen und Herren von Paris beobachten und in den hohen Räumen des Schlosses die farbenprächtigen Bilder der venezianischen Meister und seines großen Landsmannes Rubens bewundern und studieren. Hier erwachte in ihm die Sehnsucht nach Italien, nach der klaren Luft und den starken Farben des Südens. Er wurde Schüler der Akademie, um im Wettbewerbe über seine Studiengenossen siegen und den Rompreis, die freie Fahrt nach Italien, erringen zu können. Allein seine Hoffnung erfüllte sich nicht; er mußte sich mit dem zweiten Preise begnügen.
Unmutig wandte er Paris den Rücken und begab sich nach seiner Heimat zurück. Doch was sollte er in der kleinen bürgerlichen Provinzstadt, wo niemand ihn verstehen konnte? Paris, das undankbare Paris hatte es ihm doch angetan! Zum zweiten Male versuchte er sein Glück bei der Akademie, und jetzt gelang es ihm über alles Erwarten. In stummer Bewunderung blieb der greise Kanzler der Akademie vor den eingesandten Bildern Watteaus stehen, und einstimmig wurde dieser für würdig befunden, als Mitglied aufgenommen zu werden; ja es wurde ihm sogar überlassen, selbst den Vorwurf seines Aufnahmebildes zu wählen.
Aber merkwürdig, sein Ehrgeiz schien erloschen. Fünf Jahre ließ er die Akademie warten, ließ sich mahnen und drängen, bis er dann endlich 1717 in unbegreiflich kurzer Zeit das Bild auf die Leinwand zauberte, das ihm die Würde eines Hofmalers brachte. „Meister der galanten Feste“ wurde er fortan genannt. Er schien nicht stolz auf diesen offiziellen Titel; schon längst war er ein gemachter Mann. Die berühmtesten Kunstsammler seiner Zeit: Crozat, Julienne, der junge Graf de Caylus, bewarben sich um seine Freundschaft und öffneten ihm ihre reichen Häuser, wo er nach Herzenslust seine geliebten Meister, Rubens und die Venezianer, studieren konnte.
Ludwig XIV. hatte seine strengen Augen geschlossen, und die langunterdrückte Lebenslust brach sich nun unter der Regentschaft des Herzogs von Orleans, der für den unmündigen Kronprinzen die Herrschaft führte, ungehemmt Bahn. Die Straßen wogten von fröhlichen Menschen, Lustbarkeiten und rauschende Feste erfüllten die Paläste und Gärten der vornehmen Welt: Leben, das Watteaus schönheitsdurstiges Auge nun nicht mehr zu suchen brauchte; auf Schritt und Tritt bot es sich seinem Pinsel dar. Aber wie verwandelte es sich unter seiner Hand! Wir finden sie alle wieder auf Watteaus Bildern, alle, die scherzten und feierten und das Dasein in vollen Zügen bis zur Neige genossen: die galanten Kavaliere, die zarten Mädchen und Damen, die sich so anmutig zu bewegen wußten, die Liebespaare, die Lautenspieler und Tanzenden, und dazu den Schwarm des Komödiantenvolkes: Harlekin, Pierrot, Mezzetin, und wie sie alle heißen. Aber wie auf seinem Preisbilde, der „Einschiffung zur Liebesinsel Cythere“, die Pilger und Pilgerinnen von kleinen rosigen Engeln geleitet in das Traumreich ziehen, daher sie eigentlich stammen, so sind fast alle Gestalten des Malers traumhafte Sinnbilder der Wirklichkeit, aus einem Zwischenreiche von Musik und Malerei, nicht ganz wirklich und nicht ganz erlöst.
Watteau war nur eine kurze Lebensfrist bemessen; eine unheilbare Krankheit, die Schwindsucht, zehrte an ihm. Fieberhaft und rastlos mußte er arbeiten, um seine Träume mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Fast alle Bilder, die von seiner Hand erhalten sind, stammen aus seinem letzten Jahrzehnte. 1721 starb er, noch nicht siebenunddreißig Jahre alt, von seinen Freunden herzlich betrauert, denen er es oft wahrhaft schwer gemacht hatte; denn er war keineswegs heiter und glücklich, wie man auf den ersten Blick nach seinen Bildern vermuten könnte. Von unansehnlichem Äußeren, klein und schwächlich, hegte er Mißtrauen gegen sich und andere und stand abseits vom Leben, das ihn doch immer wieder rief.
Kleine Iris, du blickst mich plötzlich fragend und traurig an, doch -- schon lächelst du wieder und erzählst schwebend von dem Glück, das immer gesucht und nie gefunden wird!
_Hans Rupé._
Der Markusplatz in Venedig
Von Antonio Canale genannt Canaletto
Geboren 18. Oktober 1697 in Venedig, gestorben ebendort 20. April 1768. -- Fürstl. Liechtensteinsche Galerie in Wien
Bild 20
Fast ein halbes Jahrtausend hindurch erfreute sich die Stadt Venedig des Ruhms, die erste Handelsseestadt Europas zu sein. Ihre natürliche geographische Lage bestimmte sie von vornherein zur Vermittlerin zwischen Orient und Okzident. Das verstanden die Kaufherren der Stadt sehr geschickt auszunützen. Eine eigene mächtige Handelsflotte brachte Waren von Konstantinopel, Kleinasien und dem unteren Ägypten -- besonders Gewürze, Gewebe und Farbstoffe -- nach Venedig, von wo aus sie durch die Po-Ebene nach Italien, über die beiden hauptsächlichsten Alpenstraßen nach Frankreich und vor allen Dingen über Augsburg auch nach Deutschland gingen. Kriege, die von gemieteten Söldnerscharen geführt wurden, unterbrachen diese Handelsbeziehungen immer nur zeitweilig, besonders der Jahrhundertelang mit wechselndem Erfolg geführte Kampf gegen die einzige andere italienische Seestadt, die die Venezianer als mächtige Nebenbuhlerin betrachteten: gegen Genua. Mehrfache Seekriege wurden gegen die Türken geführt, die allerdings vom Beginn des 17. Jahrhunderts ab den venezianischen Besitz am Adriatischen Meer immer mehr und mehr einengten.
In dieser, im wesentlichen durch Handel und gelegentliche kriegerische Unternehmungen geschaffenen Atmosphäre einer Inselsiedlung bildete sich eine ganz besondere und eigenartige Kultur heraus. Einige vornehme Familien, die sich immer wieder untereinander vermischten und verschwägerten, hielten Jahrhunderte hindurch die gesamte politische Macht des Staates in Händen und bildeten bei aller scheinbaren Freiheit des Volkes ein politisches System aus, das diese Macht einer geschlossenen kleinen Gruppe bewahrte. Herrschte aber auf politischem Gebiet eine strenge Ordnung, so war zum Ausgleich dafür in den Dingen des täglichen Lebens dem Volke weite Freiheit gelassen. Nirgends verstand man so, Feste zu feiern und jeden Anlaß zur Erhöhung des Lebensgefühls auszunützen, wie in Venedig. Da Handel und Wandel blühten, bereicherte sich nicht nur das beherrschende Patriziat der Großkaufmannsfamilien, sondern es kam auch Geld unter das Volk, und es gab genug Gelegenheiten, daß das Geld ins Rollen kam. Wohlleben, Luxus und Verschwendung, die das venezianische Leben seit dem 16. Jahrhundert kennzeichneten, dürfen wir uns aber nicht nur allzu materiell vorstellen. Den derben Bauernkirmessen und holzigen Späßen niederländischer Volksfeste stand hier eine künstlerische Festkultur und ein Verständnis für die Schönheit selbst des kleinsten Gebrauchsgegenstandes gegenüber, das bis in die tiefsten Schichten des Volkes gedrungen war und zum natürlichen Sinn des Venezianers geworden zu sein schien.
Nicht wie im Florenz der Frührenaissance war die Kunst im wesentlichen dazu bestimmt, das Ansehen einer Herrscherfamilie zu erhöhen -- soweit sie nicht ebenso wie in Rom dem Glanz der Kirche dienen sollte --, sondern hier, in Venedig, kann man, mehr als im übrigen Italien der gleichen Zeit, mit Recht von einer Volkskunst sprechen. Nicht etwa in dem Sinne, daß, wie in gewissen bäuerlichen Kulturen fast jeder Handwerker imstande gewesen wäre, Dinge von künstlerischer Prägung hervorzurufen, aber doch so, daß für die Architektur der Stadt, für die Ausmalung der Kirchen und Privatpaläste, für die Kostüme des Karnevals, für Serenaden, Opern und andere öffentliche Musikaufführungen beinahe jedermann offenes Auge und Ohr hatte.
Die jahrhundertelange Tradition bewirkte, daß im 18. Jahrhundert, jener Zeit, in der man zum erstenmal begann, zu seinem _Vergnügen_ zu reisen -- neben Rom, -- Venedig das hauptsächliche Ziel jener bevorzugten Schicht des europäischen Adels und wohlhabenden Bürgertums wurde, die ein Jahrzehnt des Lebens darauf verwandte, sich durch Reisen in der angenehmsten Form weiterzubilden. Die venezianische Malerschule, die einen Bellini, Giorgione, Tizian, Tintoretto und Paolo Veronese hervorgebracht hatte, war weltberühmt. So wurde in vielen der Wunsch erweckt, jene Atmosphäre in Wirklichkeit kennenzulernen, in der die Farbe so merkwürdig leuchtend klar, so perlmutterartig schillernd sich dem Auge darbietet, wie man es auf den Gemälden der Hauptmeister zu bewundern gelernt hatte.
So wurde Venedig neben Paris und Rom die erste europäische Stadt, die mit den Fremden als einem wesentlichen Bestandteil ihres sozialen Lebens zu rechnen hatte, und hieraus ergab sich wieder eine ganz bewußte Förderung der künstlerischen Momente. Man zog zur Gestaltung der Karnevalsfeste, der Opernaufführungen, der historischen, alljährlich wiederkehrenden symbolischen Vermählung des Dogen mit dem Meere, wobei dieser auf einem prächtig geschmückten Staatsschiff auf die Adria hinausfuhr, und zu anderen außergewöhnlichen Gelegenheiten die bedeutendsten europäischen Künstler hinzu. So ließ man sich für eine Reihe von vorübergehenden Festtagen die provisorisch errichteten Baulichkeiten von großen Malern in Freskomalerei ausstatten. Andererseits bewirkte die Rücksichtnahme auf Fremde, und mehr noch als diese der bewußte Stolz des Stadtbürgers auf die ruhmreiche Vergangenheit seiner Vaterstadt, eine liebevolle Behandlung und aufmerksame Pflege der Architekturen aus der großen Zeit Venedigs und der erhaltenen Gemälde in den Palästen des Adels und in der Kirche. So fiel die künstlerisch bedeutungsvollste Zeit Venedigs keineswegs mit dem Höhepunkt seiner politischen Macht oder mit den Lebzeiten der bedeutendsten Künstler zusammen, sondern das _achtzehnte Jahrhundert_ gab als glücklicher und verständnisvoller Erbe den umfassendsten Überblick über alle Höchstleistungen venezianischer Kunst aus den verschiedenen vorausgegangenen Jahrhunderten.
So sehen wir auch in dem Bilde Canalettos, das den Markusplatz in Venedig, den hauptsächlichsten Schauplatz alles öffentlichen Lebens dieser Inselstadt, darstellt, inmitten der Pracht-Architekturen zahlreiche Gruppen von Menschen, die sich nicht irgendeiner bürgerlichen Beschäftigung hingeben, sondern ersichtlich als Fremde und Betrachtende ihrer Umgebung gegenüberstehen. Ist es doch auch einer der schönsten Plätze der Welt, auf dem sie sich befinden! Links -- vom Beschauer aus -- die alten Prokurazien, ein Verwaltungsgebäude der Stadt, rechts die neuen, im Hintergrund der phantastische Märchenbau der Markuskirche und daneben das berühmte Wahrzeichen Venedigs, der Markusturm. All diese Baulichkeiten sind zu verschiedenen Zeiten entstanden und schließen sich doch zu einem Bilde von höchster Einheitlichkeit und unübertrefflicher, heiterer Würde zusammen. Die Baugeschichte all dieser einzelnen Gebäude zu geben, hieße, die Geschichte Venedigs wiederholen.
Die Markuskirche, in der die Gebeine des heiligen Markus, des Stadtheiligen, ruhen, kann in ihrer Bedeutung für die Baukunst nicht leicht überschätzt werden. Der heute noch stehende Bau wurde Ende des 11. Jahrhunderts begonnen und altrömische und andere Baubestandteile mit großer künstlerischer Freiheit verwendet. Innen und außen ist der Bau von starker Farbigkeit, eingehüllt in ein goldschimmerndes Kleid von Mosaiken, die in byzantinischer Zeit beginnen, und deren letzte nach Entwürfen Tizians und Tintorettos, ja selbst nach solchen Tiepolos und anderer venezianischer Künstler des 18. Jahrhunderts hergestellt wurden. Die fünf mächtigen Portale der Halle in ihrer bunten Modellierung werden von den grün patinierten, orientalisch wirkenden Kuppeln überragt, und neben dieser spielerischen Pracht wirkt die ernste Monumentalität des Glockenturmes wie ein gewaltiges und eindrucksvolles Ausrufungszeichen. Ist dieser Hintergrund zwar an und für sich etwas unruhig, so schließt er aber doch das Blickfeld harmonisch ab.
So fein nun auch bei den seitlichen Palästen die architektonischen Einzelheiten, namentlich die des rechten Baues, sein mögen mit ihren schönen Säulenordnungen und den dazwischen gestellten, wundervolles Gleichmaß atmenden Bogenöffnungen -- eine echte harmonisch ausgewogene Bildung der Hochrenaissance --, nicht diese Schönheit der einzelnen Form ist das Entscheidende! Viel mehr dies: daß durch die stete Wiederholung desselben einfachen Motivs, durch die Zuführung der Seitenstraßen auf den Platz unter den Bogengängen ohne Durchbrechung der Platzwandung, wir gleichsam gezwungen werden, den ganzen Platz als einen einheitlichen Raum, eine Art prächtigen Festsaales, zu empfinden. Diese Empfindung diktiert uns wie den Menschen zu Canalettos Zeit die Art der Bewegung, mildert die Hast unseres Ganges und zwingt uns gleichsam, selbst lebendige und bewegliche Teile dieser prächtigen Fest-Architektur zu werden.
Ein typisches Kind seiner Zeit war auch der Maler selbst, Antonio Canale, gen. Canaletto, der 1697 in Venedig geboren wurde. Obwohl diese Stadt mit ihren architektonischen und landschaftlichen Reizen das wesentliche Stoffgebiet seiner Kunst blieb, schuf er auch Architekturbilder aus anderen Städten, die er gelegentlich seiner Kunstreisen kennenlernte. Diese Kunstreisen beschränkten sich keineswegs auf Italien, wo ihn außerhalb Venedigs hauptsächlich Rom zu klargegliederten Städtebildern anregte, sondern führten ihn über Deutschland und Frankreich bis nach England, wo er selbst Ansichten von London, einer Stadt, die sich in der Atmosphäre von seiner Vaterstadt so stark unterschied, wiedergab. Doch kehrte er immer wieder nach Venedig zurück, wo er im Jahre 1768 starb. Er darf nicht mit seinem Schüler und Neffen, Bernardo Belotto, der ebenfalls den Beinamen _Canaletto_ führte, verwechselt werden. Die Werke dieses Schülers sind, verglichen mit denen seines Meisters und Oheims, nüchterner, spröder und entbehren ganz jener flüssigen, schimmernden Licht- und Luftstimmung, die die Bilder des eigentlichen Canaletto so besonders reizvoll macht.
_Paul Zucker._
Die Herzogin von Devonshire mit ihrem Töchterchen
Von Sir Joshua Reynolds
Geboren 16. Juli 1723 in Plympton bei Plymouth, gestorben 23. Februar 1792 in London. -- Im Besitz des Herzogs von Devonshire zu Chatsworth
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