Gemälde und ihre Meister

Part 11

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Diese aufregende Szene hat ein großer Meister dargestellt, mit wunderbarer Kraft des Ausdrucks. Welch stürmische Bewegung ist doch in dem Bilde! Wie grauenhaft grimmig, wie königlich, wie katzenhaft kämpfen die Löwen um ihr Leben! Wie durchzuckt hingebender Kampfeseifer und wildester Jagdtaumel die stechenden und hauenden Männer! Und selbst die Pferde sind von der Wut des Kampfes angesteckt, zugleich freilich fast besinnungslos vor Angst und Grauen! Die Augen quellen heraus, die Mähnen sträuben sich, weißer Schaum steht vor dem Maule, weit geöffnet sind die Nüstern! Wie stemmt sich der Rappe rechts auf die Erde! Blickt er nicht fast wie ein Teufel hinüber dahin, wo das Schreckliche Ereignis wird? Wie stürmisch schlägt der Grauschimmel links mit den Hinterhufen aus: bricht nicht der gewaltige Hufschlag dem Löwen beinahe das Kreuz? Beide Pferde sind just in derselben Lage: im plötzlichen Halt fällt das ganze Gewicht ihrer selbst und des Reiters auf die straff gestreckten Vorderbeine, und der Schwung des Rennens entlädt sich fast im überschlagen: hoch ragt der Hinterleib in die Luft. Bald wird freilich der Grauschimmel das Weite suchen. Und auch die beiden anderen Pferde sind in wildester Bewegung. Von des Griechen Hand herumgerissen, springt der Braune in der Mitte mit schnaubendem Atem und halb wahnsinnig vor Entsetzen, aber doch dem Reiter gehorchend, beinahe auf den Löwen herauf, und wir hören fast den durchdringenden Schmerzensschrei des hoch in die Luft steigenden Schimmels, der mit Verzweiflung versucht, sich den Krallen des Untiers zu entwinden. Wie dehnt und reckt und streckt sich das wundervolle Tier, um dem Verhängnis zu entgehen! Es wächst ordentlich in den Himmel hinauf vor Schmerz, Wut und Erregung, und im nächsten Augenblick wird es davonrasen, seines Peinigers ledig. Was sind das alles für feurige, rassige Tiere, und was müssen das für vortreffliche Reiter sein, die in solchen Augenblicken Herr der Pferde bleiben, ja noch dazu mit überlegener Sicherheit die Waffen zu führen wissen! So verwachsen ist Mann und Roß nur bei den braunen Söhnen der Wüste oder einem kriegserprobten Reiterführer!

Nur der Ohnmächtige liegt in bleierner Ruhe am Boden, recht im Gegensatz zu der rings tobenden Leidenschaft, die dadurch nur um so gewaltiger wirkt. Wir fühlen, es geht ums Leben; um so straffer spannt sich jede Muskel, um so grimmiger haut, sticht, stößt man zu, beißt, kratzt, schäumt man gegeneinander: in wildem Wirbel wälzen sich Löwen, Rosse und Reiter, ein fast unentwirrbarer Knäuel! Und selbst die Natur scheint am Kampfe teilzunehmen: Gewitterwolken ballen sich zusammen, türmen sich auf und drohen, sich zu entladen; sie werden aber vom Sturme gejagt, wie die Löwen von den Jägern.

Wahrlich, es muß ein großer Künstler sein, der stürmische Leidenschaft, wildeste Bewegung, innerstes Leben von Mensch und Tier so packend darstellen konnte! Wie genau muß er den menschlichen und tierischen Körper, wie eingehend rasende Pferde studiert haben! Gab es doch 1616, als das Bild entstand, noch keine Photographie und keinen Film: mit scharfem Blick mußte der Maler alles selbst erfassen, mit hingebender Gewissenhaftigkeit jeden Zug der Natur ablauschen; aus unzähligen Einzelbeobachtungen mußte sich seiner Phantasie das Bild jeder besonderen Lage formen. So hat er denn auch in den Schaubuden mit Liebe die Löwen beobachtet, ja einmal eins der gewaltigen Tiere in seine Werkstatt bringen lassen und, welch gefährliches Wagstück! den Tierbändiger vermocht, es am Maule solange zu kitzeln, bis es gähnte und den offenen Rachen zeigte. Und das war kein gutmütiges Tier, denn es hat bald darauf seinen Bändiger in Stücke gerissen. Und neben der treuen Naturbeobachtung welche Kunst des malerischen Aufbaues! Denn das Größte an dem Bilde ist wohl, daß er alle Einzelfiguren so geschlossen um die sich verzweifelt wehrenden Löwen herumzugruppieren wußte, daß er es verstand, alle Bewegung, so verschieden sie ist, auf den einen entscheidenden Augenblick der höchsten Gefahr und der sicheren Überwindung zusammenzufassen, also daß wir bei aller scheinbaren Verwirrung die Handlung sofort als eine einheitliche begreifen. Ein einziger Moment ist dargestellt in stärkster Lebendigkeit und überzeugender Naturtreue; es stockt uns der Atem, so unmittelbar erleben wir, was wir hier schauen.

Peter Paul Rubens heißt der unnachahmliche Maler dieses Bildes. Er ist der größte Meister flämischer Kunst. In den spanischen Niederlanden, in der Hafenstadt Antwerpen hat er gelebt. Über 2000 Gemälde sind aus seiner Werkstatt hervorgegangen; bei vielen von ihnen haben seine Schüler geholfen, so daß er nur den Entwurf machte und die letzte Hand anlegte. Ein Dreiundzwanzigjähriger, reiste er im Jahre 1600 nach Italien, wo er acht Jahre blieb und die großen alten Meister studierte; mit 33 Jahren war er selbst weltberühmt. Seine Vielseitigkeit, seine Formensicherheit und der leuchtende Zauber seiner Farbe ist ganz erstaunlich. Es gibt keine erhabene oder menschlich schöne Szene in der Bibel, die er nicht gemalt hätte; ebenso hat er die alten Göttersagen ausgeschöpft, historische Ereignisse dargestellt, herrliche Landschaften neben Tier- und Jagdstücken und eine große Anzahl hervorragender Bildnisse geschaffen, die zeigen, wie tief er in der Menschen Seele zu lesen verstand. Auch sich selbst, seine erste Frau, Isabella Brant, seine zweite, Helene Fourment, und seine Kinder hat er immer von neuem gemalt und so Zeugnis abgelegt für das innige Glück, das er im Kreise seiner Familie fand. Doch er war auch ein eleganter Weltmann und hat seinem Vaterlande und befreundeten Fürsten mehrfach als Gesandter gute Dienste geleistet. Er hatte viele Schüler, von denen der bedeutendste der große Bildnismaler van Dyck geworden ist; und neben der Malkunst pflegte er in seiner Schule auch den Kupferstich: hier wurden die meisten seiner Bilder wunderbar nachgestochen. Er beschloß sein reiches Leben im Jahre 1640. Alle großen Museen sind seiner Werke voll. Sein Ruhm wird ewig dauern.

_Arnold Reimann._

Hille Bobbe

Von Frans Hals

Geboren um 1580 in Antwerpen, gestorben 24. August 1666 in Haarlem. -- Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin

Bild 16

Habt ihr mal etwas von Haarlem gehört, der reichen holländischen Handelsstadt? Diese Stadt blühte nach den nationalen Freiheitskämpfen des 16. Jahrhunderts zu ungeahnter Größe auf. Ihr müßt euch mit mir in jene Tage zurückversetzen. Wir machen einen Gang durch Haarlem, sehen die schönen Patrizierhäuser mit schlanken Giebeln und reicher Ornamentik. Alles prunkt in echtem Material. Die Wetterfahnen, Gildenzeichen und Schilder sind kunstvoll geschmiedet; in den Gärten prangen bunte Tulpen und farbenglühende Hyazinthen. Im blanken Sonnenlicht leuchten die grünen Fensterläden an den sauberen Häusern festlich und froh. Im Hafen liegen zahlreiche Schiffe zur Ausfahrt bereit. Die Kaufherren schreiten mit gewichtigen Mienen durch Berge von Warenballen aus fernen Ländern. Neuer Reichtum spricht aus den satt lächelnden Gesichtern der Männer. Der Kampf ist beendet; aus Not und Tod sprießt wieder Segen auf Hollands Boden.

Das Haarlem jener Tage, die kraftvolle, fruchtbare Stadt, darf sich rühmen, daß aus einem ihrer Patriziergeschlechter ein Maler wie Frans Hals hervorgegangen ist. Dieser Künstler war ein echtes Kind seiner Zeit; im glühenden Blute fiebernde Kraft, die sich im engen Körper nicht zu fesseln wußte und mit elementarer Naturgewalt hervorbrach. Hier seht ihr eins seiner Bilder: „Hille Bobbe.“ Wendet euch nicht ab, lacht nicht spöttisch! Beides wäre unrecht. Ihr seht eine alte, robuste Frau mit einem Zinnkruge an einem Tische sitzen. Ihr werdet sagen: Wer ist das? Das ist ja nur eine alte, häßliche Frau, weiter nichts! Ja, dann müßt ihr sehen lernen, und dieses Frauenbildnis wird euch viel mehr sagen. Wie oft habe ich im Kaiser-Friedrich-Museum vor diesem Bilde gesessen, und es ist mir lieb und vertraut geworden. Und wenn es ganz still um mich her war, dann hat mir dieser lachende Mund erzählt von jener reichen Stadt der Gilden und Schätzen, der Ratsherren und Patrizier, der stolzen, harten Frauen, der Pracht und dem Glanze des Mittelalters, den engen Kaufmannskontoren unten am Hafen mit ihrem Welthandel, wo täglich Schiffe heimkamen mit kostbarer Ladung und wieder hinausfuhren nach Rotterdam, Haag, London und den fernen Kolonien. Ich habe dann gewußt, daß Hille Bobbe eine Matrosenschänke besaß, daß sie den großen Maler Frans Hals gut gekannt hat, der oft in ihre verräucherte Schänke kam, wo die alten Zinnkannen bis in die tiefe Nacht so fröhlich kreisten und der Wein in hohen Römern köstlich gleißte. Und da habe ich gern gelauscht auf all das, was mir Hille Bobbe zu erzählen hatte:

Der Maler Frans Hals sei etwa im Jahre 1580 in Antwerpen geboren, wohin seine Eltern geflüchtet waren, als Haarlem von Kriegsnöten bedrängt wurde. Aber bald kam Frans Hals nach der Stadt seiner Vorfahren. Zwei Jahrhunderte hindurch hatte die Familie in gutbürgerlicher Behaglichkeit in Haarlem gelebt. Der Vater des Malers, Meister Pieter Claszoon Hals, saß als Schöffe im Rate der Stadt. Obgleich in Antwerpen, der Stätte hoher Kultur geboren, war Frans Hals doch ein echter Holländer, kraft- und saftvoll, blühend, voll derben Schalks und Humors. In der Werkstätte des Karel van Mander übte sich der junge Frans im Handwerklichen seiner Kunst. Noch ganz im Geiste der Renaissancemeister erzogen, befreite er sich bald von jedem Zwange, jedem fremden Einfluß und ging mutig neue Wege. Das war nicht leicht. Die Holländer liebten ihre Altmeister, mit deren Kunst sie wohlvertraut waren, und hatten für das Neue wenig Verständnis. Und Frans Hals, dieses junge, ungestüme Talent, war ihnen zunächst fremd, fast feindlich. Wer war er, daß er so frei und sorglos lachend neue Wege ging? Er stand als neuer Mann in einer neuen Zeit, und was ihm alt und überlebt erschien, warf er von sich in der rücksichtslosen Art der Kraftnatur. Wir wissen heute, welch ungeheuren Umschwung die Porträtkunst des Frans Hals für Holland bedeutet. 1616 erhielt der Meister den ersten großen Auftrag, die Offiziere der Haarlemer Bürgermiliz zu malen. Dieses Werk gehört neben vielen anderen berühmten Werken noch heute zu seinen kostbarsten Glanzstücken. Unbekümmert um Neid, Ruhm, Verständnis, Liebe und Mißgunst ging Frans Hals die neuen Wege, die ihm sein Genius wies. Nicht immer waren diese Wege von Sonne beleuchtet. Aber in dem Künstler lebte eine so herrliche, starke Lebensbejahung, ein so kraftvoller Glaube an sich und seine Kunst, daß er spielend alles Schwere überwand.

Lebenslust, Schalk, Frohsinn, derbe, fast rohe Kraft und erquickendes Lachen in allen Abstufungen wurden das Eigentum seiner Kunst. Das Lachen auf seinen Bildern ist so ungekünstelt, so sorglos, so überzeugend, es steckt an. Wir schauen hin und lachen zwanglos mit.

Frans Hals wurde neben Rembrandt der größte und gefeiertste Porträtmaler seiner Zeit. Er warf mit wenigen, breiten, aber unendlich sicheren Strichen das Charakteristische seiner Modelle auf die Leinwand, und die Gestalten lebten. Auf seinen Bildern triumphierte das blanke Tageslicht, er liebte die Schatten der Dämmerung nicht. Seine feine Formen- und Farbenempfindung schützten ihn vor zu greller Realistik. Alles in seiner Kunst war ein Hymnus an die gesunde Natur, gleichviel wie er sie sah. Ich nenne euch hier nur einige seiner besten Werke: „Singender Knabe“ und „Bildnis eines jungen Mannes“, beide im Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin, „Lustiger Flötenspieler“ in der Gemälde-Sammlung zu Schwerin, „Der Schalksnarr“ und „Selbstbildnis des Künstlers mit seiner zweiten Frau Lysbeth Reyniers“, beide im Reichsmuseum zu Amsterdam.

Frans Hals prahlte nie in Farben, selbst in seiner Hauptepoche liebte er eine kühle Tonskala: Grau, Blau und Gelb, in einen sanften bleichen Goldton übergehend. Und dennoch leben und blühen seine Gestalten in üppiger Pracht, selbst die kleinste Geste der Hände ist von warmer Natürlichkeit beseelt. Wohl oft noch erschraken seine Zeitgenossen vor der urwüchsigen Kraft in seinen Bildern, aber sie ließen sich gern von ihm malen. Der junge Reichtum jener Tage liebte es, mit hochmütigen Gesichtern einherzuschreiten. Die Männer kleideten ihre oft derben Gestalten in überreich verzierte Gewänder, die Frauen behingen sich mit schwerem Brokat, Samt und Seide, Gold, Juwelen, Brabanter und Brüsseler Spitzen und kostbaren Federn. Selbst diese hochmütigen, selbstbewußten Männer und unnahbaren, oft unschönen Frauen auf des Meisters Bildern lachen alle oder lächeln wenigstens.

Unser großer Künstler ist fast neunzig Jahre alt geworden. Er war zweimal vermählt; seine zweite Frau, Lysbeth Reyniers, überlebte ihn. Er hatte zehn Kinder: drei Töchter, sieben Söhne, die wie er selbst Musik und Gesang geliebt haben. Fünf seiner Söhne hatten das Talent des Vaters geerbt. Wenngleich sie Anerkennung und Ruhm fanden, so hat doch keiner annähernd die Kunst des Vaters erreicht. Frans Hals starb im Jahre 1666. Sein Leben, voll Schatten und Sonne, voll Freude und Wein, voll Musik und Gesang war bereits müde geworden, ehe der Tod kam. Er starb arm. Durch seine sorglosen Hände war das schimmernde Gold zu rasch geglitten, seine sangesfrohe Kehle hatte den goldnen und blutroten Wein zu sehr geliebt; da war für müde Tage nichts geblieben. Haarlem ließ seinen großen Bürger auf eigene Kosten bestatten. Das Begräbnis kostete vier Gulden. Frans Hals ruht im Chor der Hauptkirche zu Haarlem.

Das alles hat mir teils Hille Bobbe erzählt, teils stammt es aus alten Kunstchroniken. Nur über sich selbst schwieg Hille Bobbes lachender Mund.

Seht sie euch an, wie sie da breit und klobig vor euch sitzt. Die Farben sind spärlich: ein sanftes Violett der Jacke, ein kräftigeres Weiß der Flügelhaube und flatternden Krause und die wärmeren Fleischtöne des verwitterten Gesichts, das ist alles. Wohl schimmert die Zinnkanne im klaren Silberglanz, wohl huschen über die Gestalt noch einige frohe Lichter, dennoch, die Farbenpracht ist nicht reich. Aber welches Leben atmet diese Gestalt! Welche Fülle von ungebrochener, gestählter Kraft blitzt aus diesem Gesicht! Wir wissen nichts Bestimmtes von Hille Bobbe. Wer mag sie gewesen sein? War auch sie nicht einmal jung wie ihr? Saß sie wohl immer im verräucherten Schanklokal und füllte die Kannen und schlanken Römer? War sie eine alte Zauberin, die in der Geisterstunde auf einem Besen durch die Lüfte ritt? Kannte sie die dunkle Kunst des Wahrsagens? War sie eine böse Hexe aus alten Märchen? War sie den Matrosen und Fischern wie eine Mutter und betreute jeden, der in ihre Schänke kam? Wurde sie geliebt und verehrt? Sah sie den derben Zechern gutmütig zu, wenn sie beim Würfelspiel das blanke Geld verloren? Wir wissen es nicht!

Frans Hals hat diese Frau verewigt wie all das, was sein Künstlerauge fesselte. Er sah nie Häßlichkeit, nur die Natur. Und was gesunde Natur war, das umfaßte er mit der Kraft seiner begnadeten Kunst. So malte er Hille Bobbe, als sie die Kanne heben wollte, um einem Kumpane zuzutrinken. Daß sie just so herzlich lacht, ist wohl ihr Dank gewesen für Frans Hals.

In diesen Schanklokalen der holländischen Hafenstädte herrschte meist ein freies, ungebundenes Leben. Hier konnte die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft -- reisende Kaufleute, Händler, Soldaten, Schifferknechte, Bürger mit ihren Frauen, Söhnen und Töchtern -- dem Frohsinn und der Ausgelassenheit die Zügel schießen lassen. Hier wurde getanzt und gespielt, gescherzt und gezecht, geraucht und musiziert, und hier, unter dem allzeit fröhlichen Völkchen, hatte der Künstler Gelegenheit, Studien zu machen und Modelle zu finden. Aus dieser Sphäre stammt denn auch Hille Bobbe.

Und wenn ihr Hille Bobbes Bild im Kaiser-Friedrich-Museum grüßt, dann fragt ihr sie wohl mal, wer sie war. Vielleicht liebt sie die Jugend und verrät es euch. Vielleicht! Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß Hille Bobbe auf meine Fragen immer schwieg, klug schwieg, wie die Eule, die geheimnisvoll auf ihrer linken Schulter hockt.

_Fränze Eleonore Röcken._

Maria Theresia

Von Velasquez

Getauft 6. Juni 1599 in Sevilla, gestorben 7. August 1660 in Madrid. -- Kunsthistorische Sammlungen in Wien

Bild 17

Die meisten Maler, von denen die Geschichte erzählt, sind arme Teufel gewesen und haben sich ihr Leben lang sauer durchgeschlagen. Sie waren wenig geehrt und verkehrten mehr mit dem niederen Volk als mit den Vornehmen. Rembrandt zog sogar in die Amsterdamer Judenstadt, was nach der damaligen Auffassung einer Ausstoßung gleichkam. Andere aber, wie Raffael, Tizian, Rubens waren große Kavaliere und brachten es wohl auch zu ansehnlichem Reichtum. Kaum irgendein anderer Künstler aber war zeitlebens ein so vornehmer Herr und vollendeter Hofmann wie Spaniens bedeutendster Maler Don Diego de Silva Velasquez, der Urheber des Bildes der kleinen spanischen Prinzessin Maria Theresia, das wir hier miteinander betrachten wollen.

Velasquez lebte vom Jahre 1599 bis zum Jahre 1660. Er gehört also dem Spanien des 17. Jahrhunderts an, das damals seine eigentliche politische Blütezeit schon hinter sich hatte und vor dem mächtig emporstrebenden Frankreich mehr und mehr zurücktrat. Doch war es immer noch eine große Nation und spielte in der Welt eine Rolle. Das Leben am Madrider Hofe Philipps IV., der als jüngerer Herr und König dem Velasquez ähnlich gegenüberstand wie der Weimarer Herzog Karl August unserem Goethe, dieses Leben war immer noch reich an Glanz, doch ebenso auch an steifem und formelhaftem Zeremoniell. Der König war persönlich ein liebenswürdiger und einfacher Mensch und dankbar erfreut, in seinem Hofmaler einen Kavalier zu besitzen, dem gegenüber er sich auf Jagden und Ausritten, denen beide leidenschaftlich ergeben waren, frei gehen lassen durfte. Umgab ihn doch sonst, wo immer er offiziell sich zu zeigen hatte, ein starrer Pomp voll tyrannischer Abgemessenheit und Unfreiheit. Jeder Schritt, jede Bewegung war vorgeschrieben, jedes kleinste Wort hatte europäische Bedeutung, der ganze Mensch war aufgezehrt von der ihm aufgetragenen und einstudierten offiziellen Rolle, an die er gebunden war.

Nichts ist einem Künstler von Natur aus fremder als eine solche Welt. Doch auch in dieser zweiten Welt fand Velasquez sich wundersam zurecht. Er beherrschte ihre Formen in so tadelloser Weise, daß er es schließlich gar bis zum Hofmarschall brachte, der bei Reisen, Hoffesten und Turnieren das ganze Arrangement zu treffen hatte und dafür verantwortlich war. Dies alles beschäftigte den Künstler sehr, und es ist fast ein Wunder, daß seine Malerei dabei nicht verkümmerte. Doch Velasquez war eines jener gottgesegneten Genies, die selbst das scheinbar Unvereinbare aufs natürlichste miteinander zu verschmelzen wissen. So sehr er in seiner äußeren Berufsstellung vollendeter Hofmann war und allen Gesetzen des strengsten Prunkes und Zeremoniells sich fügte, so frei und schöpferisch handhabte er als Maler seinen Pinsel und war als Künstler ein Gott, der alles, was er rings um sich sah und erlebte, mit feurigen Sinnen in sich einsog und mit unverminderter Selbstherrlichkeit gleichsam zum zweiten Male erschuf.

So besitzen wir in Velasquez’ höfischen Repräsentationsbildern nicht nur ausgezeichnete Kunstwerke, sondern zugleich die bezeichnendsten, getreuesten und wahrhaftigsten Zeugnisse für das uns sonst völlig rätselhafte Wesen der Menschen auf und um den spanischen Thron. Im Madrider Prado, der größten und herrlichsten Galerie Spaniens, doch auch im Wiener Staatsmuseum befinden sich ganze Reihen von Bildnissen, die Velasquez nach seinem königlichen Herrn, dessen Gemahlin und Kindern, dem allmächtigen Minister Grafen von Olivarez und anderen Granden, und nicht zuletzt auch nach den Hofnarren und Hofzwergen gemalt hat. Wenn er Philipp IV. im einfachen Brustbild oder als schlichten Jäger oder auch einen der Infanten mit Büchse und Jagdhund abkonterfeite, so wirken diese Bildnisse durchaus menschlich-einfach und gewinnend. Man möchte sagen, diese Bilder hat der Freund gemalt, der diese Menschen ganz intim kannte, der in ihren Gesichtszügen las und der nichts zu verbergen brauchte, weil er Zug für Zug verstand und mit ebenso feiner Nachsichtigkeit als Aufrichtigkeit deutet. Anders war es, wenn dem Bilde ein gewisser politischer Repräsentationswert zugesprochen werden sollte. Dann sieht man sowohl den König wie auch den fünfjährigen kleinen Infanten Don Balthasar Carlos mit strenger Miene hoch zu Roß und, den Marschallstab in der Hand, sprengen sie in stürmischem Galopp heroisch einher. Auch die jungen Prinzessinnen mußten gelegentlich als solche wohldressierte Hofpuppen gemalt werden. Eines der berühmtesten Bilder z. B. heißt „~Las Meninas~“, d. h. die Hofdamen, und zeigt die etwa vier- oder fünfjährige Infantin Margarete, wie sie von den nur wenig älteren Damen ihres Hofstaates umcourt und umknickst wird. Doch wurde dies nicht etwa scherzhaft und mit versteckter Ironie gemalt, sondern mit vollem heiligem Ernst. Ja, der Maler hat sich selber auf dem Bilde angebracht, wie er mit Pinsel und Palette vor einer hohen Staffelei steht und die Szene beobachtet. Ganz im Hintergrunde aber öffnet sich eine Tür, in deren hellem Rahmen der König erscheint, der kommt, um nach dem Rechten zu schauen.

Jetzt werdet ihr wohl auch das Bild verstehen, das in diesem Buche wiedergegeben ist und das eine andere Infantin, die Donna Maria Theresia, darstellt. Diese ist im Jahre 1638 geboren, und da sie auf dem Bilde etwa 6 oder 8 Jahre alt sein mag, so kann man sich dessen Entstehungszeit danach berechnen; sie fällt in die sogenannte zweite Periode des Malers, die von zwei längeren Reisen nach Italien 1630 und 1649 begrenzt wird, sonst aber ganz in Spanien verläuft. Man darf getrost sagen, daß Velasquez damals auf seiner künstlerischen Höhe stand, und daß das Bild der jungen Prinzessin zu seinen besonderen Meisterwerken zählt. Dennoch werdet ihr euch in das Bild wohl erst mit einiger Mühe und gutem Willen hineinsehen müssen. Denn die furchtbar feine Prinzessin in ihrem schrecklich breiten und so ganz unkindlichen Reifrock wirkt gar zu fremdartig und, blickte sie nicht so steif und feierlich drein, so möchte man beinahe sagen, daß sie possierlich erscheint. Trotzdem wird niemand lachen wollen, der dieses Bild betrachtet. Der Maler hat etwas hineingelegt, daß man es durchaus ernsthaft nehmen muß, und fast möchte man, bei näherem Betrachten, ein wenig traurig darüber werden. Man fühlt beinahe etwas wie Mitleid mit der so zwangvoll eingeschnürten kleinen Prinzessin. Sie ist doch auch ein Kind und möchte gewiß viel lieber spielen und lachen, als so puppenhaft dastehen und vor lauter Vornehmheit sich gar nicht rühren.