Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und inkonsistente Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Fußnoten wurden der Übersichtlichkeit halber an das Ende des jeweiligen Abschnitts verschoben.
Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: +Gleichheitszeichen+ gesperrt: _Unterstriche_ Antiqua: ~Tilden~
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Gemälde und ihre Meister
MITARBEITER:
Prof. ~Dr.~ Emil _Benezé_ * ~Dr.~ Edgar _Byk_ * ~Dr.~ Friedrich _Düsel_ * ~Dr.~ Johannes _Eckardt_ * ~Dr.~ Gertrud Fauth * Geh. Hofrat Max _Grube_ * Prof. ~Dr.~ Georg _Lehnert_ * Felix _Lorenz_ * Lyzeallehrer Willy _Manig_ * Prof. ~Dr.~ Carl _Muth_ * ~Dr.~ Wilh. _Niemeyer_ * ~Dr.~ Max _Osborn_ * Fritz v. _Ostini_ * Maximilian _Rapsilber_ * Stadtschulrat ~Dr.~ Arnold _Reimann_ * Fränze Eleonore _Röcken_ * ~Dr.~ Hans _Rupé_ * ~Dr.~ Franz _Servaes_ * Fritz _Stahl_ * Felix Frhr. v. _Stenglin_ * Gertrud _Triepel_ * Paul Gerhard _Zeidler_ * Fedor v. _Zobeltitz_ * ~Dr.~ Paul _Zucker_
Gemälde
und ihre Meister
Mit erklärenden Texten berufener Führer und Freunde der Jugend sowie einem Geleitwort von
~Dr.~ Arnold Reimann
Stadtschulrat in Berlin
~VERLAG VON RICH. BONG IN BERLIN~
Alle Rechte, auch das der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten.
Copyright 1921 by Verlag von Rich. Bong in Berlin.
Druck von Julius Brandstätter, Leipzig ~C~ 1
Geleitwort
Nicht mit Unrecht klagt man über eine Entseelung unseres Volkskörpers und sieht in der Mechanisierung des Lebens, in der ideenlosen Jagd nach materiellen Gütern und äußerem Erfolg, in dem Mangel an wahrer innerer Kultur und Persönlichkeitspflege zwar vielleicht natürliche, aber sehr verderbliche Folgen einer überhasteten industriellen und volkswirtschaftlichen Entwicklung und zugleich auch mitwirkende Ursachen unseres Zusammenbruches. Wir haben in der Tat alle Veranlassung, die Grundlagen unserer Kultur auf das ernsteste zu prüfen und in gewissenhafter Selbstbesinnung nach Vertiefung unseres Daseins, nach neuem seelischem Gehalt, nach Ideen und Stimmungen zu suchen, die das Leben wieder lebenswert machen.
So sinken denn die Naturwissenschaften mit ihren Aufklärungstendenzen in der Schätzung der Einsichtigen, es beginnt in der Philosophie die Metaphysik, in der Religion die gottsuchende Mystik sich zu regen, die Geschichte strebt von der Spezialisierung fort zu denkender Gesamtbetrachtung, eine Erneuerung des politischen Gewissens hebt an, und auch die Kunst besinnt sich allmählich auf ihre eigentliche Aufgabe: seelisches Bedürfnisse zu befriedigen, sich dem Schönen, Erhabenen und Großen zuzuwenden und über die Niederungen des Alltäglichen und Gemeinen zu den Höhen der Empfindung zu führen; zugleich möchte sie wieder das innerste Sehnen und Schauen des Genius offenbaren und das tiefste Lebensgefühl der Nation zum unmittelbaren und selbstverständlichen Ausdruck bringen. Sie will an dem seelischen Gesundungsprozeß teilnehmen, eine Quelle werden innerer Erneuerung und wahrer Kultur; sie will ein Erlebnis sein und die edelsten Kräfte entbinden, sie will den Menschen zum wahren Menschen bilden und über alle wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede hinaus der Emporentwicklung der Volksgemeinschaft dienen. Und wenn auch einige der neueren Richtungen in der Kunst -- und nicht nur der bildenden Kunst -- der Zerrissenheit unseres Inneren gar zu hohen Tribut zollen und noch nicht Führer zu einer harmonischen Weltanschauung sein können, sondern das Grelle, Sensationelle, Stürmische, Revolutionäre in Formen darbieten, die auf ein gesundes Gefühl abstoßend wirken, so interpretieren sie nur -- soweit sie überhaupt echt sind -- den Lebensinhalt unserer Zeit nach vorübergehenden Stimmungen, und halten für ewig, was der tieferen Beobachtung und dem sicheren Gefühl nur als Schaum einer flutenden Welle erscheint. Darin aber sind sie mit denen einig, die mit voller Hingebung das Schöne suchen, das sie zur reinen Anschauung führen wollen; d. h. sie streben wie alle großen alten Meister in jeder Kunst danach, einen psychischen Vorgang auszulösen, der für den modernen Menschen in der Musik und im Schauspiel leichter, in der Architektur, Plastik und Malerei aber schwer zu erreichen ist: daß nämlich Stoff, Inhalt und Form, Idee und Darstellung, Ton und Sinn, Farbe, Kontur und künstlerische Absicht zu voller, unbewußter Harmonie sich verschmelzen, also daß der Verstand sich gefangen gibt, die Seele aber ergriffen, ja erschüttert wird, daß das Kunstwerk lebt und zu einem Erlebnis wird. Und auch darin stimmen heute alle Künstler überein, daß unsere Gesamtkultur sich mit künstlerischem Geiste durchdringen müsse, daß Kunst Volkseigentum sei und nicht mehr ein Vorrecht der gebildeten und besitzenden Stände bleiben dürfe. In der Tat, sie muß in allen Formen und Erscheinungen des Lebens zum Vorschein kommen, das ganze Dasein durchdringen, vom Wollen und Fühlen des gesamten Volkes getragen werden; in seinem Kreise, in seinem Berufe muß ein jeder zum künstlerisch schaffenden, d. h. von Ideen durchleuchteten, nach Harmonie strebenden, die Form beherrschenden Menschen werden; dann erst werden wir wieder Kultur haben. Und mag dieses Ideal, wie jedes, auch unerreichbar sein, mögen auch die großen Künstler stets einsam, stets Geistesaristokraten bleiben, so muß doch mindestens die Fähigkeit, Kunst zu verstehen und zu genießen, Gutes vom Schlechten, Wahres vom Unechten zu unterscheiden, Feierstunden der Seele zu haben, die das Leben veredeln und über die Nöte des Alltags erheben, unserem Volke wieder anerzogen und zu einem Allgemeingute werden.
Von solchen Gesichtspunkten aus sind, wie die Volkstheater und Lesehallen, wie die populären Konzerte und der Kampf gegen Kino und Schund, auch die neueren Bestrebungen der Wander- und Schulkunstausstellungen zu bewerten; so will auch unser Buch beurteilt werden.
Es wendet sich zunächst an das empfängliche Gemüt der Jugend; ihr vor allem will es ein Wegweiser sein zu dem Schönen und Erhabenen. Es will den Kindern Ehrfurcht beibringen vor dem Genius, vor der gewaltigen, rätselhaften Kraft der Persönlichkeit, die aus dem tiefsten Drang des Unbewußten schafft, und vor dem Werk, in dem der große Künstler lebt mit seinem Hoffen und Streben, mit seinem Wollen und Können, mit der Tiefe seines Gefühls in Leid und Lust, in Ernst und Laune, mit seiner Sehnsucht und dem Frieden, den er erringt oder nicht erringen kann. Die Stimmungs- und Aufnahmefähigkeit zu erwecken mit all den seelischen Folgen, die sich daran knüpfen, nicht fertige Urteile „in den Busen zu stoßen“, war die Aufgabe. Zum Sehen müssen die Kinder angeleitet und zur unmittelbaren Einfühlung erzogen werden. Sie sollen selbsttätig bleiben und das Erlebnis des Künstlers nachempfinden; sie sollen das im Bilde Gegebene innerlich nachschaffen und sich so zum unverlierbaren Eigentum machen; sie sollen es durch Gefühl und Phantasie zu neuem Leben erwecken und im innersten Herzen sprechen: Wie ist das schön! Dann ist der Boden bereitet, und ein Samenkorn echter Kultur in ihn gebettet.
Unsere Erläuterungen gehen demnach davon aus, was wirklich auf dem Bilde zu sehen ist. Die Kinder interessiert ja auch zunächst das rein Stoffliche; erst, wenn der Gegenstand ganz verstanden und mit Freude aufgenommen ist, kann man auf seine Gestaltung, auf Form, Komposition, Linienfluß, Farbe, Licht und Schatten eingehen, d. h. auf die Bewältigung des Stoffes, das eigentlich Künstlerische. Beim Gegenständlichen muß aber langweilige Beschreibung vor allem vermieden werden. Darum sind die Bilder meistens dramatisch behandelt, d. h. in Vorgang und Handlung umgesetzt worden. Dabei ergab sich von selbst die Charakterisierung der Personen und die Einfühlung in die Natur- oder Milieustimmung. Alles sollte lebendig werden. Auch der Meister selbst und die Idee und Seelenlage, aus der heraus er schuf. Das Kunstwerk soll begriffen werden als ein Stück Natur, gesehen und geadelt durch eine starke Persönlichkeit. So ist denn der psychischen Einstellung des Künstlers, seinem Wesen und seiner Eigenart und dem, was er zum Ausdruck bringen, gerade hier erreichen wollte, mehr Raum gegönnt, als dem äußeren Lebens- und Bildungsgang oder gar künstlerischen Abhängigkeiten und Entwicklungslinien, obwohl gelegentlich auch hier das Nötige zur Erklärung nicht fehlt. Das Kind soll den Maler liebgewinnen, und wenn es zunächst auch nur ein Bild von ihm sieht, doch einen klaren Begriff von dem Mann und seinem Wollen bekommen, von den Idealen, denen er nachstrebte und der Art, wie er seinem Innenleben Form zu geben verstand. Und dabei hat nicht der sezierende Verstand des grübelnden Denkers und nicht die Gelehrsamkeit des wissensreichen Kunstforschers den Griffel geführt, sondern das liebevolle Verständnis des erfahrenen Pädagogen oder des begeisterten Kunst- und Jugendfreundes, der sich in die Kindesseele zu versetzen und die jugendliche Auffassungskraft und Interessensphäre richtig einzuschätzen weiß.
Darum hoffen wir auch, daß unsere Gabe gewiß manchem Lehrer willkommen sein wird, der mit seiner Klasse ein Museum besuchen will oder bei Gelegenheit Unterricht dieses oder jenes Bild zu erläutern, auf die Bedeutung des einen oder andern großen Malers einzugehen sich berufen fühlt. Zwar sind Kunsterziehungstage nicht mehr Mode, und andere Schlagworte sind an die Stelle des Rufs nach ästhetischer Erziehung getreten, aber jenseits aller wechselnden Strömungen des Tages bleibt die Wirkung auf das Gemüt der Jugend, die Weckung und Stärkung der Seelenkräfte, die Pflege des Verständnisses für das Große und Ehrfurchtgebietende in aller Geschichte und nicht zuletzt auch für Wesens und Art der Heimat eine der Hauptaufgaben des Erziehers. Und dazu möchte auch dieses Buch an seinem bescheidenen Teile helfen. Und so werden auch Väter und Mütter, die im Hasten des Tages die frühere Fühlung mit der Kunst verloren haben, zu dem Buche greifen, um ihren Kindern Rede und Antwort stehen und ihnen rechte Berater zum Schönen und Edlen werden zu können.
Aber noch mehr: Wenn die Erneuerung des inneren Lebens, von der wir im Eingang gesprochen haben, wirklich so nötig ist, wie wir glauben, wenn die Kunst in der Tat ein Gebiet ist, auf dem man sich rein als Mensch fühlen darf und allen Klassenkampf, alle Erdenschwere und Lebensnot vergißt, wenn sie der Religion so nahesteht, daß auch sie Seelenruhe und Geistesfrieden zu geben imstande ist, dann möchten wir wünschen, daß dieses Buch in die breiten Schichten des Volkes komme. Es gibt so viele, die der Kunst ferner stehen, aber eine Ahnung von ihrer Bedeutung haben, die sich nach „des Lebens Bächen, ach nach des Lebens Quellen“ sehnen; ihnen möchten wir Wegweiser zu einem Jungbrunnen werden, der Frische und Erquickung bringt, von innerer Not erlöst und zu allem Guten fähig macht. Um diesen Weg in die Massen frei zu machen und so der großen Kulturaufgabe zu dienen, ist der Preis des Buches so billig wie möglich gestellt, trotz würdiger Ausstattung.
Verstehen kann das Buch jeder. Wir glauben, die richtigen Bearbeiter gefunden zu haben und sind ihnen dankbar für die Lösung der Aufgabe; es sind Namen von hohem Klang in ihrer Reihe. Fern von aller Plattheit ist der Ton auf wahre Popularität gestellt: wirkliche Kenner äußern sich in formvollendeter und allgemeinverständlicher Art. Auch die Auswahl der Bilder wird auf Beifall rechnen dürfen. Es sind die größten Meister seit dem Ausgang des Mittelalters in typischen Beispielen vertreten. Wir haben uns nicht auf die Deutschen beschränkt; die Kunst ist international, und die Großen haben stets voneinander gelernt; bei allen westeuropäischen Kulturvölkern findet sich zarte Innigkeit und dämonische Kraft, immer wieder hervorbrechende Hingabe an die Natur und eine gleiche Wucht der Charakteristik, ähnliche Strömungen in der Bewertung des antiken Vorbilds, im Sinn für Farbe und Form. Hier sind nun die Größten der letzten Jahrhunderte von Giotto bis zu Thoma, Uhde, Liebermann, Hodler und Segantini zu einem gewaltigen Konzert vereinigt, aus dessen Harmonien die hehre Melodie von den ewigen Werten wahrer Kunst immer wieder herausklingt. Und wenn dabei die deutsche Kunst im Vordergrunde steht, so entspricht das nicht nur unserem natürlichen Empfinden, sondern wir dürfen mit Stolz bekennen: wir haben zwar selten den Ton angegeben, aber doch zu allen Zeiten Meister hervorgebracht von solcher Tiefe und so herrlicher Größe, daß wir hinter keiner anderen Nation zurückstehen.
So möge denn dieses Buch auch die Freude am Vaterlande und den Glauben an eine glücklichere, an eine gute Zukunft stärken!
~Dr.~ _Arnold Reimann_.
Der heilige Franziskus predigt den Vögeln
Von Giotto di Bondone
Geboren um 1266 in Colle bei Vespignano, gestorben 8. Januar 1337 in Florenz. -- Oberkirche in Assisi
Bild 1
Wenn wir die innerste Seele dieses zarten Legendenbildes erfassen wollen, so finden wir zu ihr den Weg wohl am besten, wenn wir uns von den Legenden, die sich um den heiligen Franz von Assisi bildeten, erzählen lassen, wie der heilige Franz den Vögeln predigte. Schon die ersten Biographen des heiligen Franz, Thomas a Celano und Franziskus von Bonaventura, erwähnten, was die Legende dann noch weiter ausschmückte: Der heilige Franz war mit dem Bruder Masseo und dem Bruder Angelo auf dem Wege zwischen Cannara und Bevangna. Er sah einige Bäume am Wege stehen, und in diesen Bäumen war -- wie die Legende berichtet -- eine Mannigfaltigkeit der Heerscharen von allen Arten von Vögeln, die bisher niemals in dieser Gegend gesehen worden waren. Und eine große Menge befand sich auf dem Felde unter den Bäumen. Als der heilige Franz diese ganze Masse sah, kam der Geist Gottes über ihn, und er sagte zu den Jüngern: „Wartet hier auf mich, ich will hingehen und unseren Brüdern, den Vögeln, predigen.“ Und er trat auf das Feld hinaus zu den Vögeln, die auf der Erde saßen. Und sobald er anfing zu predigen, flogen alle die Vögel, die auf den Bäumen saßen, zu ihm nieder, und keiner von ihnen rührte sich, obgleich er so dicht zwischen sie hinging, daß seine Kutte mehrere von ihnen anrührte. Der heilige Franz aber sagte zu den Vögeln: „Meine Brüder, die Vögel! Ihr seid nun Gott viel Dank schuldig und müßt ihn immer und überall loben und preisen, weil ihr frei fliegen könnt, wo ihr wollt, und für euere doppelte und dreifache Kleidung und für euere bunte und zierliche Tracht und für das Futter, für das ihr nicht zu arbeiten braucht und für die schöne Gesangstimme, die der Schöpfer euch geschenkt hat. Ihr säet nicht und erntet nicht. Gott aber ernähret euch und gibt euch Flüsse und Quellen, um daraus zu trinken, und Berge und Hügel, Felsen und Klippen, um euch darin zu verstecken, und hohe Bäume, um Nester darauf zu bauen, und obgleich ihr weder spinnen noch weben könnt, gibt er doch euch sowohl als eueren Jungen die nötigen Kleider. Also liebt euch der Schöpfer sehr, da er euch so große Wohltaten erwiesen hat. Hütet euch daher wohl, meine Brüder, die Vögel, daß ihr nicht undankbar seid, sondern befleißigt euch stets darauf, Gott zu loben.“
Nach diesen Worten des heiligen Vaters aber fingen alle jene kleinen Vögel an, ihre Schnäbel zu öffnen, mit den Flügeln zu schlagen, den Hals zu strecken und ihre Köpfchen ehrerbietig zur Erde zu neigen, und mit ihrem Gesang und ihren Bewegungen zeigten sie, daß die Worte, die der heilige Franz gesagt hatte, sie sehr erfreuten. Der heilige Franz aber jubelte im Geiste, als er dieses sah, und wunderte sich über so viele Vögel und über deren Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit und darüber, daß sie so zahm waren, und er lobte den Schöpfer dafür und forderte sie mit Sanftmut auf, den Schöpfer selbst zu loben. Und als der heilige Franz seine Predigt und seine Aufforderung, Gott zu preisen, beendigt hatte, machte er das Kreuzeszeichen über alle jene Vögel. Und sie alle flogen auf einmal auf und zwitscherten wunderbar und stark und verteilten sich darauf und flogen fort. --
So wie aus der Überlieferung um die Gestalt des heiligen Franz aus dem Volke die schlichte Blume der Legende erblühte, so formte sich in Giotto der bildhafte Ausdruck dieses zarten, in Gott versunkenen Naturerlebnisses. Schöner als die Legende, mit verwandterem Geiste als dem ihren, ließe sich kaum das rein Stoffliche des Bildes erzählen. Ergriffen von der schlichten Größe des Themas, das der Künstler gestalten sollte, fand er, sicher unbewußt, aus der ganzen naiven starken Begabung seiner Künstlerschaft heraus, eine Form der Darstellung, die so viele Reize birgt, daß es sich lohnt, besonders auf sie hinzuweisen, um so das Auge für die Feinheit dieser Kunst zu schulen und das Erlebnis dieses Bildes aus der ganzen Kunst, die es wiedergibt, zu vertiefen.
Von links naht der heilige Franz mit einem seiner Brüder. Die beiden Gestalten sind nicht bis in die Mitte des Bildes vorgerückt; hinter ihnen steht ein spärlicher Baum, dem gegenüber sich ein viel größerer, wuchtigerer erhebt. Er mag das Blätterdach bergen, in dem sich all die Vögel verborgen hielten, die nun zum heiligen Franz hinflogen. Diese stärkere Herausarbeitung der Natur, der Giotto in der Raumanordnung des Bildes die größere Fläche zuwies, bewirkt, daß man unwillkürlich die äußere Form, die das Nahen des heiligen Franz darstellt, als den Ausdruck jener ergriffenen Ehrfurcht empfindet, mit der der Heilige die Natur, die Bäume und die Vögel sah. Der Baum, in dem die Vögel nisteten, neigt sich zu den beiden Mönchsgestalten und stellt so die innige Verbindung zwischen der Natur und dem Heiligen dar, eine Feinheit in der Anordnung, die der Künstler noch dadurch erhöht, daß einer der Vögel im Bilde dargestellt wird, wie er eben aus der Baumkrone zu den anderen Vögeln, die bereits auf dem Boden dem Heiligen zueilen, hinflattert. Alles ist Bewegung, die in Ehrfurcht zu den Füßen des Heiligen hinstrebt, eine Bewegung, die so geradlinig dargestellt wird, daß sie die ganze innere Naivetät, Ursprünglichkeit, Freudigkeit der sich dem Heiligen zuneigenden Natur ausdrückt.