Geld und Erfahrung

Part 9

Chapter 93,478 wordsPublic domain

Der Start war untadelhaft; das Wettrennen hatte durchaus programmgemäß begonnen. Beide Maschinen liefen in behaglicher Ruhe hintereinander her die Rennbahn entlang. Da aber sämtliche Zylinderhähne geöffnet blieben und sie demgemäß unter lautem Zischen Wolken von Wasser und Dampf ausspieen, machten sie den Eindruck außerordentlicher Kraftanstrengung, so daß das Publikum hochbefriedigt war. »Hurra, John!« -- »Vorwärts, vorwärts, Jonathan!« schrie es in steigender Erregung. Ich wunderte mich anfänglich, daß der England repräsentierende John Bull mindestens ebenso viele brüllende Freunde zu haben schien als Jonathan. Aber eine große Anzahl Wetten waren zugunsten Johns abgeschlossen worden. Der schlauere Teil der Wettlustigen traute der Sache doch nicht ganz und vermutete, daß ich, der Leiter und Besitzer der Elefanten, dem Engländer geheime Vorteile verschaffen werde. Daß ich weder Engländer noch Amerikaner, sondern »nur« -- wir schrieben, wie erwähnt, noch nicht 1870 -- ein ehrlicher Deutscher war, wußten natürlich die wenigsten. -- Eine schrille, den größeren Teil des Ringes beherrschende Stimme leitete den Chor der Rotblauen. Es war Sally, die den Tribünenaufgang erklettert hatte, auf dem ich selbst stand und mich vergebens bemühte, unberechtigte, aber enthusiastische Zuschauer hinunterzujagen. Sally sah mir mit ihren blitzenden, kohlschwarzen Augen lachend ins Gesicht, ohne ihr Schreien einzustellen, und klammerte sich fest ans Geländer an. Man sah, sie war entschlossen, nicht zu weichen, ohne das Gebälke mitzunehmen. Ich kapitulierte ohne weiteres. Diese Lungen! Ein gewaltiger Perlmutterknopf über ihrem königlichen Busen sprang mit einem hörbaren Knall ab und flog in großem Bogen in die untenstehende Volksmenge. »Hurra, Jonathan!« -- »Hurra, Jem!« Ihre Gefühle für die Lokomotive mischten sich bereits bis zur Unkenntlichkeit mit denen für den Lokomotivführer, und als die Maschinen die Bahn zum erstenmal umkreist hatten und John Bull sechs Maschinenlängen vor Jonathan durch das Ziel dampfte, kannte ihre Freude und ihr Stolz keine Grenzen mehr. »Hurra, Jem! Hurra, Jem!« jubelte sie dem Blauroten zu, der in stoischer Ruhe, den Anlaßhebel in der einen, den Regulator in der andern Hand, auf seinem Tender stand und sich sichtlich bemühte, die Freudenrufe seiner jungen tropischen Liebe nicht zu hören. Zu unsern Füßen sahen Leute entrüstet herauf und suchten ihre Chorführerin zu belehren, daß ihr Elefant nicht Jem heiße, sondern John, John Bull. Aber nichts in der Welt hätte Sally irre gemacht. »Hurra, Jem! Hurra, Jem!«

Höhnend behandelte sie Jonathan, der eine halbe Minute später an uns vorüberdampfte. Auch Stone sah ruhig und trocken, wie sich's geziemt, von seiner Maschine herab. Das Brüllen der Grüngelben, aus dem schon Angst und Zorn deutlich durchklang: »Vorwärts, Jonathan!« -- »Nicht nachlassen, nicht nachlassen!« -- »Schneller!« -- »Hurra für Amerika!« -- »Schneller, schneller!« schien an seinem starren Yankeegesicht abzuprallen wie ein tosender Gebirgsbach an einem Felsblock. Dagegen konnte ich jetzt mit meinem Opernglas bemerken, daß der schwarze Jem, sein Heizer, in sichtlicher Aufregung große Klumpen Kohle in das Feuer warf und dazu zornig in das Feuerloch hineinschrie. Trotzdem erweiterte sich die Entfernung zwischen den beiden Rennern mehr und mehr.

»Donnerwetter, der Amerikaner verliert's!« sagte Longstreet, der unmittelbar hinter mir auf der Tribüne stand, zu seinem Freund Beauregard. Die Aufregung und das Geschrei der tausendköpfigen Menge hatte seine bekannte, magnetische Wirkung. Selbst die beiden, damals weltberühmten Generale der konföderierten Armee, die in blutigen Schlachten kühl ihre Befehle gegeben hatten, begannen den Einfluß der wunderlichen Nervenströmung zu fühlen, die in solchen Augenblicken durch die schwüle, brausende Luft zieht. »Was wetten Sie, Beauregard, der Amerikaner verliert's?«

»Zwei gegen eins, in Zehndollarnoten«, sagte der andre trocken. »Vor dem Krieg hätten wir mit Hundertdollarnoten gespielt, Longstreet, aber es geht auch so.«

»Und es geht ehrlich zu, da drunten?« fragte Longstreet, sich über meine Schulter neigend.

»So ehrlich wie irgendwo in diesem großen und erleuchteten Lande!« antwortete ich, in der Hoffnung, er werde mich verstehen. »Es ist alles aufs beste geordnet und geregelt, General!«

Aber Longstreet war zu ehrlich für sein großes und erleuchtetes Vaterland und verstand mich nicht. Die beiden notierten die Wette und verfolgten jetzt das behagliche Elefantenrennen mit derselben Teilnahme wie die Volksmasse unter uns, deren brausendes Geschrei mit den Maschinen zum zweitenmal um den Ring lief.

Jonathan, welcher keuchend schwarze Rauchwolken ausblies, war jetzt über hundert Schritte hinter John Bull geblieben, mehr, als ich für gut hielt. War nicht alles in Ordnung? Wollte Stone den Schlußeffekt um so glänzender gestalten? Schon bewegte sich seine Maschine in einem Sturm von Entrüstung entlang der Barriere. Höhnische Zurufe, zornige Mahnungen, sein Vaterland nicht zu verraten, wurden ihm zugeschleudert. Der schwarze Jem, in heftigem Wortwechsel mit seinem Vorgesetzten, warf eine Schaufel Kohle nach der andern ins Feuer. Und wirklich, jetzt endlich schien die Maschine sich aufzuraffen. Rasselnd und klappernd brauste sie ihrer Genossin nach. Der Zwischenraum nahm sichtlich ab. »Hurra, Jonathan! Hurra, Jonathan!« Die Grüngelben gewannen wieder Mut.

Bei der zweiten Vorbeifahrt am Ziel war Jonathan eine halbe Elefantenlänge voraus! Dies war gegen das verabredete Programm. Als sie aneinander vorübergefahren waren, hatte Parker seinem Kollegen zornige Blicke zugeworfen. Stone sah nach der andern Seite, als ob er allein in der Welt wäre. Die beiden Heizer dagegen, der schwarze Jem und Bucephalus, hatten ein lebhaftes Zwiegespräch eröffnet, sobald sie sich hören konnten.

»Glaubst du in den Himmel zu kommen mit deinem Gekeuch, du großer Maulesel?« erkundigte sich Jem.

»Wir alle gehen über den Jordan, o Jerusalem!« sang Bucephalus mit lauter Stimme, indem er das alte Baptistennegerlied benutzte, um seinen schwarzen Mitbruder außer sich zu bringen. Aber auch er tanzte vor Wut auf dem Tender, als seine Maschine wirklich langsam zurückblieb. Es war für den Augenblick nicht zu ändern. Parkers Dampf war um etwas gesunken, während bei Stone beide Sicherheitsventile abbliesen wie toll. Der weiße Jem unterbrach die nutzlosen Wutausbrüche seines Heizers mit einer gelinden Ohrfeige und stieß ihm den Kopf gegen das Feuerloch. Diesen Wink billigte der Schwarze und begann wie wütend Kohlen in die Feuerbüchse zu schaufeln.

Sally war zum erstenmal seit Beginn des Rennens still geworden und starrte mit weit aufgerissenen Augen dem Unheil entgegen, das ihren Jem betroffen hatte. Jetzt riß sie ihren prachtvollen Federhut vom Kopf und schwenkte ihn an den Bändern wie ein Rad in der Luft, um den Geliebten aufzumuntern. »Hurra, Jem! Schnell, schnell! Vorwärts! Hurra!« Der Chor der Blauroten, der etwas schwächer geworden war, brauste unter diesem Gefühlssturm seiner Führerin wieder auf, die sich durch das Hutschwenken rasch Platz verschafft hatte und jetzt auf der Tribünentreppe eine hervorragende Stellung einnahm. Aber Jonathan gewann noch immer. Fünf Minuten mußten vergehen, ehe Parker Dampf genug hatte, um das verlorene Terrain wiederzugewinnen.

Nun aber war es an mir, etwas bange zu werden. Mein Opernglas war gut, so daß ich die Bewegungen der zwei Leute auf jeder Maschine genau beobachten und fast sehen konnte, was sie sich sagten. Es war klar, sowohl Stone als Parker hatte das Programm völlig vergessen. Vielleicht hatte der erstere den Hohn seiner Landsleute nicht länger ertragen können, vielleicht war der Stoizismus Parkers den leidenschaftlichen Ausbrüchen seiner hitzigen Geliebten erlegen. Tatsache war: die Maschinen liefen nicht mehr hintereinander her, wie es der Würde eines braven Dampfpflugs entspricht; sie stießen zornige Rauchwolken aus, sie rannten, sie suchten sich zu überholen. Beide Maschinenführer hatten die eine Hand auf den Sicherheitsventilhebeln -- ein böses Zeichen --, die erregbaren Heizer drohten sich mit den Kohlenschaufeln und stimmten jauchzend in das Geschrei der Menge ein. -- Das Wettrennen war ernst geworden, und von allen Beteiligten wußte eigentlich nur Parker genau, was er tat. Wenn es so fortging, konnte der Spaß jeden Augenblick mit einer Katastrophe enden, und die Zeichen mehrten sich, daß wir einem tragischen Ende entgegentrieben.

Auch der Himmel hatte sich plötzlich verdüstert. Eine schwarze Regenwolke trieb mitten durch den Sonnenschein über den Park hin, eine im März gewöhnliche Erscheinung des Klimas von Louisiana. Das helle Bild lag plötzlich in tiefem Schatten, und eine Minute später schüttete der Himmel Wasser in Strömen auf die Rennbahn. Doch dauerte der sündflutartige Guß nur zwei Minuten lang, dann glänzte die Abendsonne wieder durch das dampfende Gewölke, und alles strahlte und funkelte in frischen Farben.

Auf die Volksmenge hatte das gewohnte Zwischenspiel kaum einen merklichen Eindruck gemacht. Lachend wurden tausend triefende Regenschirme wieder zugeklappt und der gefüllte Rand von hundert Hüten dem zu nahe stehenden Nachbar in den Nacken geschüttet. Dagegen hatten die Elefanten mit einer neuen und jedem, außer mir und Parker, unerwarteten Schwierigkeit zu kämpfen. Während des Regens war John Bull wieder vorgeeilt und hatte Jonathan um zwanzig Schritte überholt. Beide rangen jetzt mit allen Mitteln um den Sieg. Sie waren noch hundert Schritte vom Ziel, aber auf dem nassen Rasen, auf dem der kurze stürmische Regen da und dort kleine Seen zurückgelassen hatte, glitten und glitschten jetzt die Triebräder in hilflosem Eifer. Auch die Vorderräder, durch deren Stellung die Maschine gesteuert wird, hatten keinen Halt mehr und schlüpften nach rechts oder links mit unberechenbarer Willkür. Die wuchtigen Lokomotiven schwankten hin und her wie Betrunkene, blieben stecken, schossen vorwärts, versuchten sich quer zur Bahn zu stellen. Es war ein tolles Ringen mit den Elementen, die sich gegen beide Renner gleichmäßig verschworen hatten.

Da hielt Parker plötzlich still und sprang von seiner Maschine, Bucephalus ihm nach. Zischend heulte der gepreßte Dampf durch die sich weit öffnenden Sicherheitsventile. Stone, wenn auch mühselig und in unregelmäßigen Stößen sich fortbewegend, fuhr an der stehenden Maschine vorüber. England brüllte vor Wut; Amerika brach in brausenden Siegesjubel aus. Sally verlor den zweiten Perlmutterknopf über dem gepreßten Herzen: »Vorwärts, Jem! Vorwärts! O Jerusalem, vorwärts!«

Parker, der noch hundert Meter der überfluteten Rennbahn vor sich sah, war nicht stehen geblieben, um Luft zu schöpfen, und verstand sein Geschäft. Mit aller Macht, aber stumm drauf los arbeitend, den willigen, aber ungeschickten Bucephalus nur mit Rippenstößen anleitend, seine rotblaue Jacke mit Schmutz und Lehm bedeckend, befestigte er an den Triebradreifen ein halbes Dutzend sogenannter »Sporen«, gewaltige eiserne Schaufeln, die, in den Boden einhauend, auch auf nassem, schlüpfrigem Felde die Maschine vorwärts bringen. Stone hatte trotz seiner Nöte sechzig Schritte Vorsprung gewonnen, ehe Parker mit dieser Arbeit fertig war. Er war nur noch vierzig Schritte vom Ziel, aber seine Maschine, kaum mehr steuerbar, die Räder handhoch mit Lehm bedeckt, taumelte hilflos hin und her. Jetzt sprang Parker wieder auf den Tender, ließ die Dampfpfeife spielen, und stolz und ruhig hieb sich die Maschine vorwärts.

Das Geschrei wurde betäubend. John Bull klatschte mit einer Sicherheit durch das Wasser, als sei er darin geboren. Sally warf ihren Federhut in die Luft, der einen wild gestikulierenden, achtbaren Geistlichen unter ihr zudeckte. »Hurra, Jem! Hurra, Jem!« So dampfte Parker an uns vorüber. Noch zwanzig Schritte, und England hatte gesiegt.

Doch plötzlich stockte auch John Bull wieder. Die Hinterräder drehten sich, aber die Maschine ging nicht vorwärts. Auf einen Augenblick wurde die tausendstimmige Menge fast still; das Interesse war aufs höchste gestiegen. Wasser spritzte nach allen Seiten; große Klumpen Erde flogen in die Luft. Die Nächststehenden stoben entsetzt auseinander; sie wußten nicht, was vorging. Ich wußte es nur zu gut: Parkers Maschine war auf eine besonders weiche Stelle geraten; die Sporen, anstatt einzuhauen und die Maschine vorwärts zu treiben, warfen den Boden nach hinten und begannen nach den besten Regeln der Kunst der Maschine ihr eignes Grab zu graben. Parker sprang wieder herab und riß Bucephalus mit. Beide hoben mit Anstrengung aller Kräfte, Bucephalus laut heulend vor Wut, ein Stück der nächstgelegenen Barriere aus dem Boden und warfen das gewonnene Gebälk unter die Räder. Aber es half nichts. Knirschend, alles zermalmend arbeiteten die Sporen das Holz in die tiefer und tiefer werdende Grube. Die Maschine sank -- sank! -- Der Schornstein neigte sich wie zum Sterben. Im nächsten Augenblick saß der Tender auf dem Boden, und alle weiteren Versuche, vorwärts zu kommen, waren zu Ende.

Und langsam, bedächtig, durch nichts entmutigt, kroch Stones Maschine hinterher. Jetzt passierte sie Parker. »Hipp, hipp, hurra!« schrie der kleine Jem, ganz außer sich vor Freude, obgleich ihm Bucephalus ein Stück Kohle an den Kopf warf. Glitschend und gleitend, oft fast quer über die Bahn stehend, quälte sich Jonathan weiter. Drei Minuten brauchte er zu den letzten zehn Schritten. Aber keuchend und röchelnd, platschend und scheinbar halb schwimmend, über und über mit Schmutz bedeckt, glitt er endlich durch das heiß erkämpfte Ziel.

Jonathan hatte gewonnen -- programmgemäß.

Stone sprang ab. »Hurra für Amerika!« schrie er laut und schwenkte feierlich seine Mütze. »Hurra für Amerika!« heulten tausend Stimmen in dem rasch sich füllenden Ring. Dreißig Schritte davon stand Parker trotzig und stumm neben seiner versunkenen Maschine und versuchte vergeblich, sich Sallys zu erwehren, die laut schluchzend an seinem Halse hing.

10. Hans im Glück

Leider verläuft nicht alles programmgemäß unter diesem wechselnden Mond.

Die drei folgenden Tage waren der Aufgabe gewidmet, meist unter strömendem Regen, die beiden Maschinen aus dem Sumpf herauszuschleppen, in den sich der Ausstellungspark der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana verwandelte. Dabei galt es, nicht bloß die Maschinen, sondern auch den Mut meiner farbigen Hilfstruppe aufrecht zu erhalten, die an derartige Zwischenfälle nicht gewöhnt war und in den entscheidenden Augenblicken mehrfach davonzulaufen drohte. Nur fröhliches, persönliches Zugreifen konnte hier eine schwere Katastrophe verhindern. Nachdem wir mehrere Klafter Holz in dem schwarzen Untergrund des Mississippideltas begraben und den Weg von der Rennbahn zum Parktor in den Zustand des Chaos vor der Scheidung von Wasser und Feste verwandelt hatten; nachdem schließlich auch die Holzbrücke, welche über den den Park umgebenden Kanal führt, unter der Last John Bulls zermalmt zusammengebrochen war -- ein großartiger Augenblick für die nicht unmittelbar Beteiligten -- und wir uns selbst täglich zweimal mit einer klebrigen Schichte aus den Urbestandteilen der Schöpfung überzogen hatten, standen endlich am Abend des dritten Tages die beiden berühmt gewordenen Renner erschöpft und mannigfach zerstoßen und verwundet auf dem festen Straßendamm, der nach der Stadt führt.

Während ich so drei harte Tage lang mit den Mächten der Unterwelt rang und mich damit tröstete, daß in dem einsamen, sturmgepeitschten Park wenigstens keine Seele diesen Kampf mit ansah, erschienen glänzende Beschreibungen des großen Rennens in der Presse der Stadt. Selbst die »Crescent City News« erklärten sich für überwunden. Wenn in der Alten Welt, sagten sie, der plumpe indische Elefant den Pflug einer modernden Kultur mühselig durch den entkräfteten Boden schleppe, so mache die Neue Welt in unsrer Zeit, der Zeit des Fortschritts und der Intelligenz, sich die Arbeit des Dampfes nutzbar. An Stelle der rohen tierischen Kraft trete der Genius der Menschheit und schaffe sich aus Kohle und Wasser die Diener seiner Macht. Für seine Bedürfnisse, für sein Wohlergehen, für seinen Genuß, ja selbst für jene Verbindung von höchster Arbeitsleistung und höchstem Genuß, die in jedem Sport zum Ausdruck komme, dienen ihm heute wunderbare, selbstersonnene Werkzeuge. Das Wettrennen der beiden Dampfelefanten Jonathan und John Bull sei ein Beweis dieser jedes Herz mit freudigem Stolz erfüllenden Tatsache. Dann folgte eine lange, etwas konfuse Beschreibung des großen Ereignisses, in welcher meist richtige Sportausdrücke, meist falsche maschinentechnische Erörterungen und die dem Konversationslexikon entnommene Zoologie des Elefanten wundersam gemischt waren. Einen kleinen Stoßseufzer konnte zum Schluß die Schriftleitung des Blattes nicht unterdrücken: daß die zwei Elefanten von England importiert seien, sei zwar bedauerlich, aber, bei Licht betrachtet, nebensächlich. Hier erst, auf amerikanischem Boden, sei ihnen Gelegenheit gegeben worden, ihre Kraft im Dienste der Menschheit völlig zu entwickeln, und doppelt erfreulich sei es, daß dies mit dem Sieg des zäh ausdauernden, froh einherbrausenden Jonathan über den schwerfälligen John Bull geendet habe. Während jener spielend das Ziel erreichte, habe sich dieser unter dem Jubel einer tausendstimmigen Volksmenge mit den hinterlistig benutzten Radsporen sein eignes Grab gegraben.

Der glänzend geschriebene Artikel ging durch alle Zeitungen von Alaska bis Texas. Noch zwei Wochen später bekam ich ihn aus entlegenen Wald- und Prairiegegenden zugesandt, mit dem gedruckten Winke, mich doch auf die »Bluff Creek Times« oder den »Jacksonville Herald« zu abonnieren, die in so aufopferungsvoller Weise meine Bestrebungen unterstützten. Ich war für die Zeit meines irdischen Daseins mit -- allerdings brüchigem -- Packpapier überreichlich versorgt.

Was aber nun? Todmüde und mit Schmutz bedeckt war ich am Abend des dritten Tags nach dem Rennen nach Hause gekommen. Der ganze Apparat stand gerettet, aber wie ein großes Fragezeichen, dazu nach europäischen Begriffen völlig polizeiwidrig auf der muschelgepflasterten Chaussee drei Kilometer vor der Stadt. Parker, Stone und die schwarze Gesellschaft brauchten, so gut wie ich, zunächst ein paar Ruhetage. Soweit war die Sache gut. Aber was dann?

Doch die Welt steht nicht still, wenn wir selbst keinen Weg mehr sehen. Während ich, alle Fragen und Sorgen des Daseins vergessend, noch in tiefem Schlafe lag, war ein ereignisvoller Tag angebrochen.

Mein erster Gang galt dem Hauptzollamt und seinem Direktor. Der Herr empfing mich mit einer Herzlichkeit, welche keiner der mir bekannten europäischen Zollbeamten, deren Herzlichkeit gemäßigt zu sein pflegt, auch nur entfernt erreicht hätte.

»Sehr angenehm, Herr Eyth! Entzückt, Sie zu sehen, Herr Eyth!« rief er mir entgegen, indem er gleichzeitig seinen Assistenten aus dem Zimmer jagte, der ein Gesicht schnitt wie die letzten Regennächte gegen zwei Uhr morgens. »Ich gratuliere Ihnen zum Sieg Jonathans! Das wird Ihr Glück machen; ich bin fest überzeugt, das muß Ihr Glück machen. Mein Assistent hat zwar ein verteufeltes Häufchen Geld verloren; der wird Ihnen nicht gratulieren. Aber er hat mir die Wette förmlich aufgedrängt. Geschieht ihm recht, dem Querkopf! Er konnte sich doch denken, daß ich Elefanten besser beurteilen kann als er. Ich und Sie, Herr Eyth! Ha, ha!«

Er lachte mit einer Stimme, die dem Klang eines zersprungenen Zinntellers nicht unähnlich war.

»Sie haben wohl Nachrichten von Washington, Herr Generaldirektor?« bemerkte ich, um etwas rascher zur Sache zu kommen.

»Von Washington, Herr Eyth?« fragte er, mich groß ansehend. »Alle Zeitungen sind voll! Natürlich, auch dort. Es soll mich nicht wundern, wenn Sie bald Anträge bekommen, mit Ihren Doppelelefanten in allen größeren Städten der Union aufzutreten. Bei Zeus, das wäre keine schlechte Spekulation. Wie ich sage: alle Zeitungen sind voll! Der Sieg des amerikanischen Dampfrenners Jonathan -- Mister Harris, bringen Sie uns doch die neuesten Zeitungen von Washington!«

»Ich meinte eigentlich unsre Zollangelegenheiten«, warf ich ein.

»Ach -- das!« rief der Direktor mit einem leichten Schatten auf den mehr und mehr in Leder übergehenden Zügen. »Gewiß! Ich habe für Sie telegraphiert. Soeben Antwort erhalten; interessant -- etwas unerklärlich.«

»Weshalb? Die Sache schien mir doch ziemlich einfach«, bemerkte ich.

»In der Hauptsache ist alles in Ordnung, gewiß!« versetzte der Zollmann mit unangenehmem Zaudern. »Sie bekommen die viertausendzweihundert Dollars zurück, die Sie für den Pflug bezahlt haben. Ich garantierte Ihnen dies schon vor dem Rennen. Kongreßbeschluß unzweifelhaft und ganz klar. Sie müssen sie zurückbekommen.«

»Sehr schön«, sagte ich freudig. »Können Sie mir gleich eine Anweisung ausstellen? Bargeld wäre mir augenblicklich nicht unangenehm. Elefantenrennen kosten runde Sümmchen.«

»Bringen auch hübsch Geld«, lachte der Direktor mit einem Wink auf die Tür, hinter der der Assistent verschwunden war. »Ja, ja, Herr Eyth, die Sache ist ganz in Ordnung. Sie sollen die viertausendzweihundert Dollar zurückerhalten. Aber --«

»Was aber?« drängte ich ungeduldig.

»Der Generalzolldirektor von Washington schreibt mir, daß am Tage nach dem Kongreßbeschluß einer Ihrer Freunde die ganze Summe für Sie in Washington erhoben habe.«

»Olcott!« rief ich, während mein ganzes Innere von einem elektrischen Gedankenblitz erhellt wurde.

»Oberst Olcott. Wissen Sie es schon?« bestätigte der Direktor. »Sie sehen, daß sich alles bei uns ziemlich prompt und flink abwickelt. Ein andres Tempo als in Ihrer alten Heimat, das müssen Sie zugeben. Oberst Olcott, einer unsrer schneidigsten Kongreßleute -- ich gratuliere Ihnen dazu, daß Sie mit +dem+ befreundet sind. Ich habe schon öfter von ihm gehört und wollte, er wäre mein Freund!«

»Und dagegen ist nichts zu machen?« fragte ich halb betäubt.

»Zu machen? Was wollen Sie dagegen machen?« fragte der Direktor. »Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Freund, und Sie wollen etwas dagegen machen?«

»Aber das Geld sollte nicht Olcott, sondern ich erheben! Olcott hatte nicht entfernt die Berechtigung --«

»Was, ist er nicht Ihr Freund?«

»Gewiß, aber wie bekomme ich jetzt das Geld von dem Obersten?« fragte ich, aufs tiefste beunruhigt.

»Ja, das ist eine ganz andre Sache, lieber Herr Eyth«, versetzte der Direktor und preßte einen leisen, dünnen Pfiff durch seine schmalen Lippen. »Dies geht das Zollamt eigentlich nichts an. Ich würde ihm schreiben.«

»Donnerwetter!« rief ich mit überwallendem Gefühl, »das will ich auch. Einen gepfefferten Brief!«

»Freilich, es wird seine Häkchen haben. Ich würde mit dem Pfeffer vorläufig recht sorgfältig umgehen«, sagte mein Berater sehr nachdenklich. »Ein Kongreßmann, der vierundzwanzig Stunden nach der Annahme einer derartigen Verordnung viertausendzweihundert Dollars aus der Hauptzollamtskasse gabelt und für seinen Freund in die Tasche steckt, versteht das Geschäft. Aber schreiben Sie nur. Ich würde ihm sehr höflich schreiben. Und wenn er nicht antwortet, telegraphieren Sie, am sichersten mit bezahlter Antwort. Die Herren haben nicht immer bar Geld bei der Hand.«

Er lachte vergnügt mit seiner dünnen, zersprungenen Stimme und schob mich höflich zur Tür hinaus. Ich war selbst in Eile. Der Brief an Olcott brannte mir unter den Fersen. Diese Unverschämtheit!

Eine Stunde später war die Epistel im Briefkasten, leidlich gesalzen, trotz der Warnung des Direktors, und ich auf dem Wege nach dem Bureau der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana. Das Ereignis des Morgens hatte mich aufgeweckt. Ich wollte wenigstens zunächst die siebenhundertundfünfzig Dollar sichern -- meinen Ehrenpreis für den besten Dampfpflug, den ich mir wettrennend redlich verdient hatte. ›Wer weiß,‹ dachte ich, ›ob mein zweiter Freund Delano mit dem bescheidenen Betrag nicht schon auf dem Wege nach der Havanna ist!‹