Part 8
Die Ackergeräte blieben im Felde stehen, wo sie standen, verstaubt und verachtet. Beide Dampfmaschinen dagegen wurden drei Tage lang geputzt und geschmirgelt, daß sie in der Sonne blitzten. Auf der Rückseite des Tenders und auf dem Deckel der Rauchkammer ließ ich durch einen hervorragenden Künstler aus Deutschland, der drüben mehrere Malerschulen besucht hatte und dementsprechend am Hungertuch nagte, die eine mit den Worten »John Bull«, die andre mit dem Namen »Jonathan« bemalen, so daß ich nun auch selbst wußte, welches die eine und welches die andre war. Stone brachte auf eigne Kosten nationalfarbene, besternte Tücher, mit welchen er Jonathan schmückte. John Bull fand sich am Mittwoch nachmittag mit Guirlanden über und über bedeckt, in denen sich reife Orangen besonders reizend ausnahmen. Das war Sallys Werk. Ich selbst sorgte dafür, daß am Tender jeder Maschine zwei Banner befestigt wurden: Parker erhielt die englische Union-Jack, die er mit ruhigem Stolz aufsteckte, Stone die sternbesäte Flagge seiner amerikanischen Heimat. Das eigentümliche Verhältnis beider war auch nach längerem Zusammenarbeiten das gleiche geblieben. Sie sprachen nicht viel und nicht höflich, wenn sie sich etwas zu sagen hatten, aber die magnetische Antipathie, mit der sie sich betrachteten, war im Wachsen. Parker verachtete Stone, Stone ärgerte sich über Parker. Das geschah aus nationalem Instinkt. Hätten sie sich als Individuen gegenübergestanden, so wäre das umgekehrte Verhältnis natürlicher gewesen. Stone, der ältere, verhältnismäßig gebildetere Mann, hätte Jem verachten, Jem sich über Stone ärgern sollen. Aber das unbewußte Rassengefühl ist meist stärker als das bewußte Empfinden des einzelnen. Zum Glück hatten sie bis jetzt nicht viel Gelegenheit gehabt, sich aneinander zu reiben. Es ist dies schwierig, wenn jeder den ganzen Tag an einem der beiden Enden eines vierhundert Meter langen Drahtseils beschäftigt ist.
Auch Delano hatte nun genügend zu tun und wurde deshalb etwas heiterer. Er ließ die Tribüne abstäuben und stützen, da sie sich gefährlich nach hinten neigte, und ein drittes Kassenhäuschen aufstellen. Man sah, meine amerikanischen Freunde glaubten an die englischen Elefanten. Ich selbst war sehr beschäftigt und warf kaum einen Blick auf die Zeitungsnotiz, die mir Lawrence, der jetzt alle Taschen voll Fahnenabzüge und Ausschnitte hatte, am Dienstag vor dem Rennen auf die Maschine heraufreichte. Einen Augenblick später sprang ich jedoch erregt zur Erde. Der Himmel klärte sich. Es regnet auch im Mississippidelta nicht immer. Dann las ich mit gespannter, aber freudiger Aufregung:
»Washington, den 1. März 1867. Der unerwartete Schluß der Sitzungen des Kongresses war in den letzten Tagen die Veranlassung, eine ganze Reihe weniger bedeutender Vorlagen, namentlich auf wirtschaftlichem Gebiete, zur Beratung zu bringen, die meist ohne längere Diskussion zur Annahme kamen. Die sichtliche, die Arbeit fördernde Ermüdung der würdigen Vertreter des souveränen Volkes mag hierbei ebenso kräftig mitgewirkt haben wie die sachlichen Interessen, die von einzelnen Mitgliedern mit Gewandtheit und Umsicht vertreten wurden. Namentlich war dies am letzten Tage der Session der Fall, an dem die folgenden neun Anträge die Zustimmung des hohen Hauses erhielten.« Dann folgte die Liste von acht mir völlig gleichgültigen Bestimmungen, die sich auf die Gewährung von Pensionen, die Bezahlung von Komitees, die Erhöhung von Beiträgen zu verschiedenen Verkehrsunternehmungen bezogen. Dem neunten Paragraphen sah man es fast an, wie hastig er im letzten Augenblick noch angehängt worden war. Er lautete:
Ferner wird beschlossen, daß Geräte und Maschinen, die zur Bearbeitung des Bodens mittels Dampfkraft bestimmt sind, zoll- und steuerfrei eingeführt werden können, und soll diese Zollbefreiung auf die Dauer von drei Jahren festgesetzt sein. Auch soll die Bestimmung rückwirkende Kraft besitzen und vom 1. Januar 1867 an Geltung haben. --
»So hat mein zweifelhafter Freund Olcott doch nicht umsonst gearbeitet, und Schmettkow wird mir beschämt zugestehen müssen, daß auch im Norden noch Menschen wohnen, auf die man sich verlassen kann!« rief ich innerlich hocherfreut und schickte Stone in die Stadt, um noch zwei Banner zu bestellen, mit denen ich Jonathans Schornstein schmücken wollte. Die Sterne und Streifen waren nicht so schlimm, als ich seit einigen Wochen zu fürchten begonnen hatte.
Noch am gleichen Nachmittag, als meine zwei Renner blank und glänzend, mit Kohlen, Wasser und Öl versorgt, hinter der geschmückten Tribüne aufgestellt waren, fuhr ich nach dem Zollamt und überreichte dem Generalzolldirektor von New Orleans den »Picayune« und die »Crescent City News« mit ihren Telegrammen aus Washington. Der Herr, ein dünner, schwarzgekleideter Yankee mit der Miene eines Kirchenältesten, schien in eifrigem Geschäftsgespräch mit einem seiner Unterbeamten. Beide hatten zerrissene Taschenbücher in der Hand und ließen sich durch meinen Eintritt kaum stören. Zwei gegen eins auf Jonathan; so weit wollte der Zolldirektor gehen, während der Assistent zögernd an seinem Bleistift kaute. Beide Herren empfingen mich unwirsch, als ich eintrat, und sehr höflich, als ich mich zu erkennen gab. Mit sichtlichem Widerstreben entfernte sich der Assistent auf einen energischen Wink seines Vorgesetzten. Ich zog den »Picayune« hervor und zeigte ihm den dickunterstrichenen Paragraphen.
»Sehr gut, sehr gut, Sir!« sagte er mit unerwarteter Zuvorkommenheit. »Ich gratuliere Ihnen, Herr -- Herr Jed! Nebenbei: würden Sie vielleicht die Güte haben, mir den Unterschied, die wesentlichen inneren Eigenschaften von Jonathan und John Bull zu erklären? Ich verstehe nicht viel von Dampfmaschinen, interessiere mich aber doch außerordentlich für die Fortschritte der Technik. Die beiden Elefanten seien äußerlich ziemlich ähnlich, habe ich mir von sachverständiger Seite sagen lassen. Welchen -- ganz unter uns -- welchen halten Sie bei einem Viereinhalbmeilen-Rennen für den leistungsfähigeren? Sie wissen, die Bahn ist anderthalb Meilen lang.«
Hier handelte es sich offenbar um ein unerwartet glückliches Zusammentreffen von Umständen, das ich nicht ungenützt vorübergehen lassen durfte.
»Ich komme, verehrter Herr,« sagte ich, »um Sie auf den Paragraphen bezüglich der rückwirkenden Kraft dieser Zollbestimmung aufmerksam zu machen.«
»Sehr interessant!« rief der Zöllner. »Ich höre, Jonathans Feuerbüchse sei um zehn Zoll länger. Wenn dies der Fall ist, muß er ein verdammt guter Dampfer sein --«
»Wie Sie wissen,« unterbrach ich ihn mit großer Ruhe, »haben wir, unsre Vertreter Longstreet, Owen & Co., in meinem Namen viertausendzweihundert Dollar Zollgebühren für den Dampfpflug bezahlt, der sich augenblicklich im Ausstellungspark befindet.«
»Gewiß, gewiß! ich erinnere mich. Dagegen habe ich gehört, daß John Bull größere Straßenräder hat. Das müßte man aber doch sehen, und mein Sohn, den ich gestern nacht hinausschickte, konnte einen Unterschied nicht mehr feststellen; es war allerdings schon dunkel. Niemand kann mich nun hierüber so gut aufklären als Sie, mein werter Herr Jed. Ich betrachte es als eine ganz besondere Vergünstigung, daß ich die Ehre habe, Sie heute bei mir zu sehen.«
»Nun denke ich,« fuhr ich mit Beharrlichkeit fort, »werden wir wohl die viertausendzweihundert Dollar ohne weiteres zurückerhalten können. Etwas Bargeld wäre mir augenblicklich nicht unangenehm, Herr Generalzolldirektor! Jonathan frißt, wie Sie richtig vermuten, eine erstaunliche Menge Kohlen.«
»Sie glauben also auch, daß Jonathan, namentlich auf viereinhalb Meilen, die Wahrscheinlichkeit für sich hat?« drängte der Kirchenälteste.
»Ich kann natürlich nichts Bestimmtes sagen, Sir«, sagte ich zurückhaltend. »Jonathan ist ein feiner, junger Dampfelefant, dem ich viel zutraue -- viel zutraue, Herr Direktor, und John Bull ist nicht schlecht für sein Alter. Beide sind am gleichen Tage geboren. Es wäre nicht ehrlich, wenn ich mehr plaudern wollte. Auch kann man ja nie wissen, wie es geht. Der Zustand der Bahn, das Wetter, Wasser und Kohle, die Jockeys, alles hat seinen Einfluß. Von den Elefanten als Renner wissen wir alle nicht zuviel. Was die viertausendzweihundert Dollar betrifft -- --«
»Das genügt«, unterbrach mich der Direktor mit schlauem Augenblinzeln. »Jonathan ist fein und jung. Sie sagen, Jonathan kann man viel zutrauen. Mehr als einen Wink darf ich von Ihnen nicht verlangen. Ich hoffe, Sie zu verstehen.«
»Und was die viertausendzweihundert Dollar betrifft«, mahnte ich, zutraulich lächelnd, als ob wir jetzt unter einer Decke steckten.
»Ja, sehen Sie,« sagte der Kirchenälteste mit der wohlwollendsten Freundlichkeit, »das ist so eine Sache! Das Geld werden Sie ohne Zweifel bekommen, namentlich -- namentlich wenn Jonathan gewinnt. Aber ich muß doch erst Weisungen von Washington haben; direkte Anweisung. So geschwind wie mit Ihren Dampfelefanten geht es in den Regierungsbureaux gewöhnlich doch nicht. Besuchen Sie mich in einer Woche wieder, Herr Jed. Da soll die Summe auf dem Tisch liegen, wenn der ›Picayune‹ nicht gelogen hat; mein Wort darauf! -- Also Jonathan? Sie denken wirklich Jonathan?«
»Wie Sie sagen: ich denke Jonathan«, bestätigte ich halblaut, sinnend, wie wenn ich meine eignen Gedanken belauschte, und dachte dabei an das Orakel von Delphi. Dann verabschiedeten wir uns mit lebhaftem Händeschütteln. Ich kann es nicht leugnen, so unerklärlich es ist: noch nach Jahren meines amerikanischen Lebens machte dieses biedere Händeschütteln einen gewissen Eindruck auf mich.
In dem dunklen Gange vor der Tür kam der kleine, aber greisenhafte Assistent aus einer Nische hervor. Er hatte auf mich gelauert und schüttelte mir noch heftiger die Hand.
»Sie kommen wegen des Zolls auf Ihren Dampfpflug«, sagte er leise und eifrig. »Ich weiß, ich weiß! Ich las die Nachricht selbst heute früh in den ›Crescent City News‹ und dachte sofort: hier gibt es etwas für mich zu tun. Ohne mich geht das nämlich nicht. Er ist zäh wie ein Hickorystock, wenn er herauszahlen soll« -- dabei deutete der Kleine auf die Zimmertür des Großen. -- »Eine höchst wichtige Nachricht für Ihr Geschäft. Gratuliere, gratuliere! Die viertausendzweihundert Dollar werden Sie übrigens im Handumdrehen bekommen, wenn ich die Sache in die Hand nehme, und das habe ich zu tun im Sinn, Mister Eyth! Nebenbei -- was halten Sie von John Bull? Ich glaube nicht, daß die beiden Elefanten so verschieden sind, als sie aussehen. Sie sehen verschieden aus, höre ich von sachverständiger Seite, aber nicht so verschieden, daß man daraus seine Schlüsse ziehen könnte. Auf die Jockeys wird es wohl ankommen -- unter uns --«
»Die Jockeys sind allerdings auch bei wirklichen Elefanten ein wichtiges Element«, sagte ich zustimmend.
»Herr Eyth, ich heiße Smith und habe die Geldanweisungen auszuschreiben. Es wird mir das größte Vergnügen machen, Ihnen gefällig zu sein. Ich weiß, die Engländer lieben einen prompten Geschäftsgang; ich war selbst drei Wochen in England. Und da John Bulls Jockey, wie ich höre, ein Engländer ist und natürlich besser mit diesen Dampfelefanten umzugehen weiß --«
»So würde ich selbst vermuten,« unterbrach ich ihn entgegenkommend, »daß John Bull die größere Wahrscheinlichkeit für sich hat, als Sieger aus dem Rennen herauszukommen.«
»Das genügt, das genügt!« rief der Kleine stürmisch. »Natürlich, es wäre unrecht, Sie zu veranlassen, weiter aus der Schule zu schwatzen. Aber kommen Sie nach dem Wettrennen wieder. Sie sollen Ihr Geld haben, ehe wir ein Schnippchen schlagen. Mein Chef?« -- Herr Smith machte eine unehrerbietige Grimasse -- »er läßt niemand in Ruhe, die alte Schraube! Er hat mir bei unsrer letzten Wette meinen halben Jahresgehalt abgeschwindelt, und ich bin ein verheirateter Mann mit einer kleinen Familie von sieben. Diesmal soll er mir einmal bluten! -- John Bull; natürlich! Sie werden es den Amerikaner nicht gewinnen lassen; das kann ja ein Kind sehen. -- Diesmal soll er geschröpft werden. Besten Dank, wertester Herr Eyth!«
Er klopfte mit schneidiger Schärfe an die Zimmertür seines Vorgesetzten. Ein freudiges Herein! der etwas krächzenden Stimme des kirchenältesten Zöllners drang bis zu mir. Ich konnte noch auf der Treppe an dem heiteren Ton ihres Gesprächs hören, wie sie beide glaubten, sich gegenseitig in der Tasche zu haben. Ein schöneres Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen konnte es doch wohl kaum geben. Und hierfür, sagte ich mir mit heimlichem Stolze, sind mir beide jetzt gleich dankbar.
9. Das Elefantenrennen
Ein kurzer, scharfer Regenguß, der in der Nacht gefallen war und die Frühlingsregenzeit einleitete, konnte unsrer Rennbahn zwar nicht sonderlich zuträglich sein, doch trocknete der sonnige Morgen die Wege, die Tribüne und deren etwas spärliche Dekoration genügend, so daß alles glänzte und prangte, wie es sich für einen großen Tag geziemt. In der Stadt war für ein kundiges Auge eine gewisse Bewegung deutlich erkennbar. Gruppen umstanden die Anschlagsäulen und die Bretterwände der im Bau begriffenen Häuser, an denen sich das von Lawrence gedichtete Plakat in Riesenbuchstaben breit machte: »Unerhörte Sensation! Amerika gegen England; England gegen Amerika! Das Mammutwettrennen der zwei Dampfelefanten Jonathan und John Bull« usw. An Straßenecken wurden von zweifelhaften Gestalten Wetten angeboten und angenommen. Gegen nachmittag war die Trambahnlinie in der Richtung des Ausstellungsparks belagert, und von vier Uhr an hingen aufgeregte und im allgemeinen fröhliche Menschen in lebensgefährlicher Weise an den Geländern und Treppen der Wagen, von denen alle acht Minuten fünf und sechs unmittelbar hintereinander nach Osten fuhren.
Schon um elf Uhr hatten wir bei verschlossenen Türen im Parkpavillon eine geheime Sitzung abgehalten: Lawrence, Delano, ich und die zwei Elefantenjockeys Parker und Stone. Es handelte sich um genaue Anweisungen für die beiden letztgenannten. Flüsternd ersuchte ich sie, nachdem die Türen verriegelt waren, ihr heiliges Ehrenwort abzugeben, daß nichts -- aber auch nichts! --, was sie in dieser feierlichen Stunde hören sollten, jemals über ihre Lippen kommen werde. »~I will be blown~,« sagte der Engländer bereitwillig, aber ernst, »wenn ich je etwas ausplaudere.« -- »~I will be darned!~« schwur der Amerikaner. Wörtlich übersetzt heißt das eine: »ich will geblasen«, das andre »ich will gestopft sein« und ist in der Heimat der Betreffenden die landesübliche Umschreibung für den Wunsch, in der untersten Hölle zu braten. Ich konnte beruhigt fortfahren:
»Sie wissen, meine Herren, daß, was wir heute zu tun haben, die Grenze eines kleinen, heiteren Humbugs nicht überschreitet. Ich brauche Ihnen, bei Ihrer Intelligenz, nicht mitzuteilen, daß unsre Elefanten keine wirklichen Elefanten, unser Wettrennen kein wirkliches Wettrennen ist. Herr Lawrence wird Ihnen vielleicht auseinandersetzen, wenn Sie dies wünschen sollten, wie weit unser Vorgehen vom ethischen Standpunkte aus haltbar ist. Ich überlasse ihm diesen Punkt, da derselbe ausschließlich die Anschauungsweise der großen und erleuchteten Nation betrifft, die wir heute zu erfreuen und zu belehren hoffen, und für deren hervorragenden Vertreter ich ihn ansehe. Ich beschränke mich darauf, Ihnen die Versicherung zu geben, daß Herr Lawrence in diesem Punkte völlig beruhigt ist.«
Stone nickte mit einem kaum merklichen Anflug eines Lächelns um seine dünnen Lippen, Parker in stummem Staunen.
»Die Sache ist also einfach die,« begann ich wieder in geschäftsmäßigerem Ton, »Punkt halb fünf Uhr haben Sie sechs Atmosphären Dampf im Kessel, Wasser und Kohle in Ordnung, alle Lager gut geölt -- vergessen Sie das Bremsband auf der Hinterachse nicht, Herr Stone --, kurz, die Maschine zur Abfahrt vollständig bereit zu halten. Sie fahren dann vor die Tribüne, wo ich Ihnen Ihre Plätze anweisen werde. Punkt fünf Uhr gibt Herr Delano ein Zeichen; er wird einen Revolver abschießen, wenn ich recht weiß, und Sie, meine Herren, fahren dann dreimal auf dem großen Ring herum. Keine Übereilung; keine unnötige Anstrengung. Zuerst bitte ich Herrn Stone, vorauszufahren, -- dann, nach etwa hundert Schritt, muß Parker ihn überholen und einen ziemlichen Vorsprung beibehalten, bis bei der dritten Umfahrt, kurz vor dem Ziel, Herr Stone ihn wieder einholt und eine halbe Minute, oder besser nur ein paar Sekunden, vor Parker durchs Ziel fährt. Hier zum Schluß müssen Sie natürlich ein wenig aufpassen, daß die Sache nicht umgekehrt ausfällt. Sie haben mich verstanden?«
Parkers rundes, harmloses Gesicht verdüsterte sich. »Aber« -- fing er an.
»Kein ›Aber‹, Parker,« sagte ich bestimmt, »Sie tun, wie ich Ihnen sagte. Wir sind in Amerika und müssen den Herren Amerikanern zeigen, daß ein englischer Gentleman höflich sein kann.«
Stone lächelte mitleidig; Parker hing den Kopf. »Ich möchte mit Ihnen allein sprechen«, murmelte er in sichtlicher Seelennot.
Wir traten in eine Fensternische, und Jem flüsterte, während sein Kopf purpurrot wurde:
»Mir wäre es ja gleichgültig, Sir, wer am Schluß vorausfährt; aber Sally -- ich habe Sally versprochen --«
»Weibergeschichten! Dummheiten! Schämen Sie sich, Parker!« sagte ich entrüstet. »Ich hoffe -- die Herren Fowler in England hoffen, daß Sie Ihre Pflicht tun werden.«
Er schwieg und schämte sich. Hiermit konnte die geheime Konferenz geschlossen werden. Stone und Parker entfernten sich, um ihren Maschinen, die hinter der Tribüne und einer provisorischen Zeltwand friedlich nebeneinander rauchten, vor dem großen Kampfe die letzten liebevollen Handreichungen angedeihen zu lassen und sich sodann in den dunklen Hohlräumen der Tribüne in ihr schmuckes Jockeykostüm zu werfen. Delano eilte in fieberhafter Stimmung nach den Kassenhäuschen am Eingang, wo bereits zwei Kassierer auf ihre kommende Tätigkeit warteten. Sie kam auch, mit jeder Viertelstunde sichtlich wachsend. Der Ausstellungspark, sonst ein Bild tiefer, melancholischer Einsamkeit, begann sich zu beleben. Lawrence strahlte wie eine zweite Sonne über dem Platz, Freunde begrüßend, Fremde zurechtweisend. Es war sein Werk, das sich ringsumher entwickelte, und er fühlte, daß die Augen von zwei Weltteilen auf ihm ruhten.
Die Tribüne füllte sich langsam; um die Barrieren des großen Rings schloß sich ein Menschenring in Form einer dünnen riesigen Mondsichel, deren Hörner sich bereits zu einem Kreis zusammenschlossen. Daß das Sonntagspublikum der Stadt in Bewegung geraten könnte, hatte ich halb und halb gehofft; daß aber auch die Aristokratie der Crescent City erscheinen werde, war mehr, als ich erwartete. Longstreet kam -- man hörte sein vergnügliches lautes Lachen schon von weitem --, der ernste Beauregard, Taylor, unruhig wie ein Wiesel, nach allen Seiten auf Jonathan und gegen John Bull wettend. Die Owens mit der jüngeren Generation belebten das Innere des Rings und brachten ganze Scharen von Damen in glänzenden Toiletten. Es gab doch noch schwarze leuchtende Augen und blitzende Diamanten in der Stadt. Gelegentlich sah man Delano mit einem Leinwandbeutel im Arm vom Eingangstor nach dem Pavillon laufen. Es waren Geldsäcke, die er in Longstreets Bureau entlehnt hatte. Er lachte förmlich, zum erstenmal seit dem Bürgerkriege, wie mir Owen, ebenfalls lachend, versicherte. Eine heitere Aufregung bemächtigte sich der Menge in steigendem Grade. Der improvisierte Zeltverschlag, hinter dem in stoischer Ruhe die zwei Maschinen ihre Rauchwolken zum Himmel sandten, war von hundert Jungen umdrängt, die die Leinwandwände einzudrücken versuchten und von Zeit zu Zeit von Bucephalus und dem schwarzen Jem mit entrüsteter Beredsamkeit verjagt wurden. Es half wenig, da der eine eine riesige amerikanische, der andre eine englische Kokarde trug, die sofort der Mittelpunkt jubelnder Bewunderung wurden.
So wurde es halb fünf Uhr. Aus einem Loch in der Rückwand der Tribüne schlüpfte jetzt Stone in hellgrüner Jacke und gelben Beinkleidern und marschierte, von dreißig Jungen geleitet, ernst, als ob er in einer grünen Jacke geboren wäre, dem Maschinenzelt zu. Keine Muskel rührte sich in seinem steinernen Gesicht. Er war der echte Jockey, der mit zusammengebissenen Zähnen einem Kampf auf Leben und Tod entgegengeht.
Vor dem Loch in der Tribüne wartete in sichtlicher Ungeduld eine junge Dame in feuerrotem Seidenkleid und einem wogenden Federhut von erstaunlicher Größe. Als Parker in seinem prachtvollen Kakadugefieder, rot und blau, in der Öffnung erschien, wollte er wieder zurückschlüpfen. Der große Junge war so rot wie seine Jacke. Aber es half ihm nichts; die begeisterte Sally erfaßte ihn beim Arm, zog ihn heraus und begleitete ihn stolz nach dem Maschinenzelt, wo sie mit Bucephalus in ein entrüstetes Zwiegespräch geriet, der ihr rund erklärte, daß hier Damen nicht zugelassen würden.
Fünfzehn Minuten vor fünf öffneten sich die Zeltwände mit erfreulicher Pünktlichkeit. Es ging alles wie am Schnürchen. Die beiden Elefanten dampften keuchend und rasselnd, aber mit feierlichem Ernste, aus der Hütte hervor und wälzten sich in den Ring, der Tribüne zu. Die Aufregung wuchs; die Volksmenge umringte sie schreiend, manchmal in jähem Schreck auseinanderstiebend, dann wieder sich gefährlich zusammenballend. »Das ist Jonathan!« -- »Das ist John Bull!« erklärten sie sich hundertstimmig. »Ein feiner Bursche, John Bull!« -- »Sehen Sie, die Räder! diese Breite!« -- »Und wie Jonathan dampft! Das heiß' ich ein paar Lungen!« -- »Aufpassen! Aus dem Weg!« -- »Vier gegen drei auf Jonathan!« -- »Zwei gegen eins auf John Bull!« -- »Hipp, hipp, hurra für Amerika!« -- »Zwei gegen eins auf Jonathan!« So schwirrte es durcheinander, bis die beiden Maschinen vor der Tribüne angelangt waren und nebeneinander zum Stillstand kamen. Der kleine schwarze Jem, der bei Jonathan, und Bucephalus, welcher bei John Bull Heizerdienste versah, grinsten sich an. Parker und Stone lehnten auf ihren Steuerrädern und sahen ernst und schweigend auf die brausende Volksmenge herab, die zögernd die Rennbahn freigab und, heftig protestierend, von sechs Schutzleuten unter die Barrieren durchgejagt wurde, wobei abgestreifte Zylinderhüte die Heiterkeit wieder herstellten. Das Ganze schien einen durchaus würdigen Verlauf nehmen zu wollen. Lawrence, der an alles zu denken schien, hatte selbst für Komiteemitglieder gesorgt, die in amerikanischen und englischen Schärpen um die Maschinen herumliefen, sichtlich ohne zu wissen, was sie zu tun hatten, und dadurch dem Publikum zu denken gaben.
Auf der Pavillonuhr schlug es fünf. Atemlos kam Delano aus der Richtung des Kassentors herbei, eine riesige Pistole in der Hand. Er wechselte mit Parker und Stone einige hastige Worte, um sicher zu sein, ob er das Zeichen geben könne. Beide nickten. Fräulein Sally, die ihre nächste Umgebung nur mit Mühe verhindern konnte, die Barriere zu überklettern, rief ihrem Jem ermunternde Zärtlichkeiten zu. Dann knallte der Schuß. Sally stieß einen gellenden Schrei aus, sank in die Arme ihres Nachbars, raffte sich aber ebenso rasch wieder empor. Mit acht offenen Zylinderhähnen, Dampf und Feuer speiend, beide Pfeifen schrill trompetend, hatten sich die zwei Maschinen in Bewegung gesetzt. Das war nicht der Augenblick für weibliche Schwächen. »Hurra, Jonathan!« -- »Hurra, John Bull!« brüllte die beglückte Menge. »Vorwärts, vorwärts!« -- »Hurra, Jonathan!« -- »Amerika für immer!« -- »Hurra, Jonathan!«