Part 7
Es ging hier noch brillanter als im Felde. Die Not der Zeit löste sich fühlbar in dem warmen Sonnenschein, der durch den luftigen kleinen Saal, und im perlenden Wein, der kühlend durch unsre Adern strömte. Longstreet hielt eine prächtige kleine Rede: ernst, männlich, geradeaus: Die große Sache sei verloren; wozu die Augen schließen und die Hände sinken lassen? Die Männer seien noch da, die ehrlich für sie geblutet hätten; sie würden sich nicht erdrücken lassen. Die alte Kraft rege sich wieder und werde auf andern Feldern neue Siege bringen. »Das Schwert ist in unsrer Hand zerbrochen«, schloß er. »In Gottes Namen -- nehmen wir die Lage, die uns der Himmel geschickt hat. Es lebe der Pflug!« Darauf verlangte es der Anstand, daß ich etwas sagte. Der Staub der Pflugfurchen steckte mir noch in der Kehle und die Angst vor dem jeden Augenblick möglichen Zusammenbruch der einen oder der andern Maschine in der Seele; aber ich ließ getrost den Süden leben, dessen tropische Lebenskraft schon mehr als einmal aus den Sümpfen um den Mississippi ein Paradies geschaffen habe. Dann kamen andre, weniger harmlos, manchmal bitter und zornig, manchmal allzu laut der wiederkeimenden Hoffnung entgegenjubelnd. Der Pflug war vergessen. Die politischen Phrasen rollten mächtig über die erhitzten Köpfe weg. Doch fühlte ich mich ziemlich beruhigt, als ich unter den letzten, die das Gartenhaus verließen, den Chefredakteur des »Picayune« Arm in Arm mit seinem Feind, dem Chefredakteur der »Crescent City News«, bemerkte, die abwechslungsweise versuchten, föderierte und konföderierte Kriegslieder zweistimmig zu singen. Ein erstaunlicher Grad mangelhaften musikalischen Sinns und der gute Wille, mit dem sie sich gegenseitig unterstützten, ergab eine Verschmelzung von Dissonanzen, die das Beste für die Zukunft hoffen ließ. Nur ein einziger Mißton trübte den Schluß der schönen Feier. Meine zwei deutschen Freunde waren sich in die Haare geraten. Oberst Schmettkow versuchte den Redakteur der »Deutschen Zeitung« über die Irrtümer seiner politischen Auffassung des Zustandes der Südstaaten aufzuklären. Doktor Wurzler machte vergebliche Anstrengungen, den Obersten zu überzeugen, daß ein verunglückter Jarde-Offizier von der Sache nichts verstehen könne. Sie wurden laut und heftig, und nur mit Mühe konnte ich sie bewegen, in zwei getrennten Trambahnwagen nach der Stadt zurückzukehren.
7. Rettungspläne
Regen nach Sonnenschein -- können wir mehr fordern vom wechselnden Leben? Aber allerdings, es brauchte nicht gerade ein Donnerwetter zu sein, mit der Aussicht, in einen vierwöchentlichen Landregen überzugehen.
Am folgenden Morgen brachten die »Crescent City News« einen zornigen Aufsatz über England und die heimtückische Art und Weise, wie John Bull die Einführung der sonst nicht ganz nutzlosen Dampfkultur benutze, um einer verderblichen und verlorenen Sache neue Lebenshoffnungen einzuflößen, die nie in Erfüllung gehen können. Doppelt bedauerlich sei, daß der in andrer Beziehung anständige und nicht unintelligente Leiter des unförmlichen englischen Dampfpflugs sich zu Kundgebungen mißbrauchen lasse, die einem förmlichen Wiedererwachen der alten sezessionistischen Bestrebungen gleichkämen. Der Herr möge sich nicht täuschen: neuer Wein, auch der, den er zu verzapfen wünsche, lasse sich nicht in alte Schläuche füllen. Weder Dampf noch Sekt werde die verbrauchten Männer einer verlorenen Partei zu neuem Leben erwecken. Die Sezession sei tot. Den Dampfpflug an die tote Sezession binden zu wollen, sei sicherlich das törichtste, was dieser fremde Herr jemals versucht habe. Es wäre ihm vielleicht nützlich gewesen, wenn er sich zuvor über die Verhältnisse des Südens etwas eingehender belehrt hätte. Als charakteristisch sei zu erwähnen, wie ein gewisser, in Louisiana sehr überschätzter General, der sich neuerdings mit Kanalschiffahrt beschäftige, den Pflug quer über das Feld gesteuert und das unglückselige englische Instrument in einer Lage stecken gelassen habe, über die mehrere Sachverständige sich heute noch den Kopf zerbrächen. Übrigens sei Wohlwollen und Gerechtigkeit auch dem Gegner gegenüber stets der Grundsatz der »Crescent City News« gewesen. Die Schriftleitung stehe deshalb nicht an, ihren Lesern die vortreffliche Speisenfolge des Gabelfrühstücks mitzuteilen, das den Kern der Eröffnungsfeier des englischen Dampfpflugs gebildet habe: Schildkrötensuppe mit Heydsik usw.
Der freundlicher gesinnte »Picayune« begann mit der Speisekarte, brachte eine enthusiastische Beschreibung des Dampfpflugs, die kein Mensch verstehen konnte, und war überzeugt, daß der erste Stein zum Wiederaufbau des Südens gestern gelegt worden sei, »dank den Männern,« schloß er, »die entschlossen den großen Aufgaben unsrer Zeit entgegentreten und die Not der Gegenwart mit den glänzenden Waffen der Zukunft zu bekämpfen wissen.«
Da Lawrence, der energisch mitgekämpft hatte, ebenso wie Schmettkow am folgenden Tag etwas unwohl waren, hörte ich von dem kleinen Zeitungskrieg, der um meinen Dampfpflug entbrannt war, zunächst so viel wie nichts. Die ruhigere, planmäßige Arbeit nahm ihren Fortgang. Ich pflügte in den nächsten Tagen jeden Morgen und Abend für das Fünfzigcentpublikum ein paar Stunden lang. Meine Leute kamen nach und nach in Übung, es ging mit jedem Versuch etwas besser; nur der Strom der erwarteten Volksmassen blieb aus. Der Geschäftsführer der Landwirtschaftsgesellschaft war mein getreuester Zuschauer, und sein Gesicht wurde nach jeder Vorstellung um einen Zoll länger. Am zweiten Tag wurde der zweite Kassierer am Eingangstor als völlig überflüssig eingezogen, und am dritten konnte auch der noch im Dienst stehende seine Siesta, die um die Mittagsstunden in seinem kleinen Brathäuschen verzeihlich war, über den Rest des Tages ausdehnen, ohne seine Amtspflichten zu vernachlässigen.
Am Abend dieses dritten Tages kam Lawrence mit Delano in ungewöhnlicher Eile über das Feld, als ich soeben die Vorstellung, die wir den zwei Söhnchen des eingeschlafenen Kassierers gegeben hatten, abzuschließen im Begriff war. Man sah es dem Gang der beiden Herren an, daß sie ein neuer, belebender Gedanke trug. Lawrence grüßte vergnügt, der Geschäftsführer grämlich, und betrachtete sodann kopfschüttelnd die beiden Knäblein, die eifrig auf dem stillstehenden Pflug herumkletterten und nach Yankeejungenart versuchten, ob nicht da oder dort eine Mutter loszuschrauben, eine Schraube abzudrehen war.
»Nun, wie ging's heute, Herr Eyth? Mehr Publikum hier gewesen?« rief Lawrence, als ob alles, was er sah, seine höchste Befriedigung erregt hätte.
»Sie sehen, welches Interesse die Bevölkerung an unserm Pfluge nimmt«, antwortete ich, auf die zwei Jungen weisend, die wirklich eine lose Mutter gefunden hatten und emsig an der Arbeit waren. »Heute Vormittag war auch ein alter Herr hier, der sich ernstlich nach der Leistungsfähigkeit der Maschinen erkundigte. Er brauche eine billige Lokomobile zum Wasserpumpen, erzählte er mir.«
»Der Kassierer behauptet, er müsse am Ostende des Platzes über den Parkzaun gestiegen sein«, bemerkte Delano, die zwei Bürschchen mit finsteren Blicken messend. »Das kann so nicht fortgehen, Herr Lawrence. Wir müssen den Zaun am Ostende reparieren lassen. Wenn nur Geld in der Kasse wäre! Guter Gott, wenn nur etwas Geld in der Kasse wäre!«
»Man wird doch deshalb den Mut nicht sinken lassen!« rief Lawrence, ohne den Geschäftsführer zu beachten. »Zweifellos haben wir den richtigen Weg noch nicht gefunden, das gesamte Interesse des Südens auf unsre Sache zu lenken, Herr Eyth. Die »Crescent City News« fahren allerdings fort, Ihnen Opposition zu machen. Das ist gut; das regt an.«
Er holte das widerwärtige Blatt aus der Tasche.
»Mir scheint es eher abzuschrecken«, meinte ich. »Der Lump von Redakteur schrieb gestern wieder ein paar Zeilen über den plumpen englischen Dampfelefanten, der in blinder Arbeitswut unsern schönen Ausstellungspark aufwühle.«
»Sehr gut! Sehr gut!« rief Lawrence. »Sehen Sie, Herr Eyth, Sie verstehen unsre Sprache noch nicht völlig. Das ist ja verzeihlich; aber Sie sollten mit sich selber etwas Geduld haben. Wir müssen den Mann bezahlen, wenn er verspricht, kräftiger zu schimpfen. Hören Sie einmal, was der »Picayune« heute früh sagt. Es gefällt Ihnen vielleicht besser; aber es ist nicht halb so wirksam.«
Er zog eine zweite Zeitung hervor, setzte sich auf den Pflug und las mit pathetischem Feuer:
»Der glänzende Erfolg der großen englischen Erfindung, welche uns einen Ersatz für die wohl für immer verlorene Arbeit unsrer farbigen Mitbürger zu schaffen bestimmt ist, zieht täglich Tausende von Schaulustigen nach dem Ausstellungspark der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana. Die Prüfungskommission dieses wahrhaft patriotischen Vereins, bestehend aus den Herren Lawrence -- hier folgten zehn weitere, mir völlig unbekannte Namen -- hat dem riesigen Kulturinstrument einstimmig den ausgesetzten Ehrenpreis von 750 Dollar zuerkannt. Wenn in Indien der Elefant am Pfluge des Rajahs Wunder der Kraft und Klugheit verrichtet, so arbeitet in unserm erleuchteteren Lande die elefantine Kraft des Dampfes an der neu erstehenden Wohlfahrt unsres zu Boden getretenen Südens. Ein Volk, das im Handumdrehen den Pflug mit dem Schwert zu vertauschen weiß, wie unser wackerer Longstreet so wahr bemerkte, kann nicht untergehen.«
»Wenn ich nur wüßte, wo ich die 750 Dollar auftreiben sollte, mit denen mir das verehrliche Komitee seit acht Tagen in den Ohren liegt«, brummte der Geschäftsführer.
»Deshalb kommen wir zu Ihnen, Herr Eyth«, sagte Lawrence mit wachsendem Frohsinn. »Die Elefantenidee hat gezündet; ich weiß es von verschiedenen Seiten. Wenn Sie uns ein wenig die Hand bieten, so wird sich alles zum besten wenden.«
»Aber was kann ich mehr tun, als Ihren Park vierzehn Zoll tief aufreißen?« fragte ich, ziemlich ratlos um mich blickend. »Wenn dies Ihren ruhmbedeckten Süden nicht interessiert, so bleibt mir schließlich nichts andres übrig, als ihn seinem Schicksal zu überlassen.«
»Fangen Sie nicht auch an, die Flügel hängen zu lassen!« mahnte Lawrence. »Das tut unser Geschäftsführer schon hinreichend für uns alle. Aber hören Sie mir zu! Das Pflügen interessiert die Stadtleute nicht; zugegeben! Die großen Gutsbesitzer sind keine Volksmasse; auch kommen sie nicht in die Stadt. Sie haben kein Geld mehr, wie vor fünf Jahren. Wir müssen es anders angreifen. Wenn Sie damit einverstanden sind, lasse ich heute abend in alle Zeitungen eine Anzeige einrücken. Ich habe sie schon im Entwurf in der Tasche. Hören Sie! Passen Sie auf, Delano!«
Er zog einen Bogen Papier aus der Brusttasche, auf dem in viel korrigierter Schrift folgendes zu lesen war:
»Große Sensation! Wettrennen der zwei Dampfelefanten John Bull und Jonathan; John Bull, geritten von dem berühmten englischen Dampfelefantenjockey Mister Jem Parker; Jonathan von dem amerikanischen Gentlemanreiter Mister Eleazar Stone. An die gesamte Bevölkerung, Damen und Herren, groß und klein, alt und jung der Staaten Louisiana, Alabama, Mississippi und Texas! Nachdem die berühmten Dampfelefanten John Bull und sein Bruder Jonathan während der vergangenen Woche in gewaltiger Arbeit den Urgrund des Mississippitals aufgewühlt haben, beabsichtigen diese gewandten und zu heiterem Spiel geneigten Tierchen ihre angeborene Munterkeit in einem kleinen Wettlauf zum Ausdruck zu bringen, der auf der Rennbahn des Parks der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana am Donnerstag, den 4. März, nachmittags fünf Uhr stattfinden wird. Besondere Anziehung wird das Rennen dadurch ausüben, daß der Elefant Jonathan von dem amerikanischen Amateur Mister Stone, John Bull dagegen von dem berühmten englischen Berufsjockey Parker gesteuert werden wird. Es sollen bereits beträchtliche Wetten auf den Erfolg des einen oder andern der kühnen Reiter angeboten und angenommen worden sein. Herr Stone stammt aus einer alten Familie Virginiens und wird die Ehre des neuen Kontinents aufrecht zu erhalten wissen, während Parker vor einigen Tagen aus England eintraf, so daß ihm die ganze Geschicklichkeit und Erfahrung der älteren Kulturwelt zur Verfügung steht.
»Achtung, Bürger von Louisiana, Alabama, Texas und Mississippi, Achtung! -- Der Riesenmammutwettkampf zweier Welten, in Arbeit und Sport! Amerika gegen England! England gegen Amerika! Wer wird der Sieger bleiben? Parkkassenöffnung um zwei Uhr. Eintritt einen Dollar. Tribünenkarten drei Dollar.«
Lawrence sah sich um, als habe er zu eigner Verwunderung das Ei des Kolumbus auf den Kopf gestellt; die trüben Augen des Geschäftsführers blitzten, eine hektische Röte war in seine gelben Wangen gestiegen. Mir standen die Haare zu Berge.
»Das ist ja aber rein unmöglich, mein lieber Herr Lawrence«, rief ich, nach Luft schnappend.
»Unmöglich?« schrie Lawrence stürmisch. »Unmöglich! Mein bester Gedanke seit dreißig Jahren! Aber warum denn, mein lieber Herr Eyth?«
Ich suchte mich zu fassen und ruhig zu sprechen.
»Ich kann doch ganz unmöglich meinen Dampfpflug zu einem solchen Karnevalsstreich, zu einer so verrückten Barnumiade hergeben.«
»Ich bitte Sie! Barnum ist einer der geachtetsten Bürger unsrer großen Republik. Ein Charakter! Ein Charakter, Herr Eyth! Er hat kleiner angefangen als Sie und hat heute das größte Museum der Welt. Er ist Millionen wert, Millionen, hat schon drei Kirchen gebaut, ist dreifacher Kirchenältester in seinen eignen Gotteshäusern und kann sich den Degen umschnallen, den Napoleon bei Waterloo verlor, wenn es ihm beliebt. Ich bitte Sie, warum denn nicht?«
»Meine Dampfpflugmaschinen -- wettrennen!« rief ich mit neu erwachendem Entsetzen. »Die plumpen englischen Dampfelefanten, wie die ›Crescent City News‹ sagen! Sie laufen ja keine vier Meilen in der Stunde, beim besten Willen.«
»Das ist ja eben das Pikante! Ein Elefantenwettrennen, ein Dampfmammutwettrennen! Nichts von Ihren windigen Vollblutskniffen der Alten Welt; keine brutale Tierquälerei ihrer barbarischen Vergangenheit -- das Ganze elegant, human, würdig -- Zukunftsmusik! Der ›Picayune‹ wird jubeln; der ›Crescent City News‹-Redakteur wird sich die Haare ausreißen. Die ganze Stadt wird auf unsrer Seite sein. Und diese Reklame! Diese Reklame! Bedenken Sie doch!«
»Vor der ganzen Welt werden wir dastehen wie blamierte Hanswurste«, sagte ich düster, denn ich fühlte, daß etwas in mir nachgab, daß eine Feder meines Innersten brechen wollte, die ich bis jetzt für stahlhart gehalten hatte. Lawrence merkte es ebenfalls, setzte sich wieder auf den Pflug, von dem er in der Hitze des Gefechts aufgesprungen war, und fuhr ruhiger und eindringlich fort:
»Sie verstehen dieses Land nicht. Sie können den mächtigen Strom des Fortschritts nicht fassen, der uns über solch kleinliche Bedenken wegträgt und uns größer gemacht hat als alle andern Nationen des Erdballs. Aber Sie müssen einsehen, was ich Ihnen hier biete. Jetzt sitzen Sie da vor zwei kleinen Jungen, die Sie auslachen. In ein paar Tagen haben Sie fünfzigtausend Menschen hier, die Sie anstaunen.«
»Ich glaube gar nicht, daß ich Jem Parker bewegen kann, den Narren zu spielen,« brummte ich.
»Dafür lassen Sie mich sorgen!« rief Lawrence freudig, denn er sah, wie schwach ich wurde. »Sechs Glas Jamaikarum und fünfzig Dollar Trinkgeld! Damit zieht er uns eine brennrote Jockeyjacke an. Stone, der ein Vater von sieben Kindern ist und Professor an einem Technikum in Buffalo war, will in grünem Spenzer und gelben Hosen antreten. Er denkt wie ich. Aber wohlgemerkt, Sie müssen es ihn gewinnen lassen. Er repräsentiert Amerika.«
»Das ist ein weiterer Punkt«, warf ich ein. »Die beiden Maschinen gleichen sich wie ein Ei dem andern und laufen genau gleichschnell. Von einem Wettrennen ist also nicht die Rede.«
»Kann man dies nicht machen wie man will?« fragte Lawrence, fast wieder aufgebracht über meine Borniertheit. »Das wird mit Stone und Parker ganz genau verabredet. Dreimal über die Bahn, denke ich mir; zuerst Stone voraus; dann Parker voraus, immer weiter voraus, eine halbe Bahnlänge zwischen beiden. Stone in Nöten -- Parker lachend. Dann auf einmal Stone hinterher wie der Teufel, mit offenen Zylinderhähnen, damit man sieht, daß sein Elefant sich anstrengt. Parker pustet und keucht. Vergeblich. Fünfzig Schritte vom Ziel sind sie beide Schornstein an Schornstein. Parker hat die Innenseite der Bahn; noch immer kann er gewinnen -- aber in den letzten drei Sekunden, unter dem donnernden Jubel von fünfzigtausend Menschen, siegt Amerika mit einer Nasen- oder Rüssel- oder Kessellänge, ganz wie Sie wollen. Was sagen Sie jetzt?«
»Die einzige Rettung für uns alle!« stöhnte Delano, der mich ängstlich betrachtete. Es mußte mit der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana in der Tat schlecht stehen.
»Ich will mir's überlegen!« sagte ich zögernd und fühlte, wie die scharfe Luft Amerikas mein Lungengewebe durchdrang und das schwere, deutsche Blut rascher oxydierte. Die Empfindung steigender Wärme war nicht unangenehm. Auch leichter fühlte ich mich, wie ein Ballon, dem plötzlich mit weiteren fünfzig Kubikmetern Gas unter die Arme gegriffen wird.
»Und ich«, rief Lawrence, indem er mir rasch die Hand drückte, »laufe auf die Redaktionen. Für die Morgenblätter wird es gerade noch Zeit sein. Aus Ihnen, Herr Eyth, kann immer noch etwas werden. Ich gebe Sie nicht ganz verloren. Adieu!«
Er lief, den nächsten Weg über das gepflügte Feld nehmend, dem Parktor zu und zwar so eifrig, daß er, über die mächtigen Furchen stolpernd, zweimal auf die Knie fiel, ohne Zeit zu verlieren.
Delano und ich sahen einander an, zaghaft, trübselig, ich noch immer in einem unbeendeten Seelenkampf, in dem die Neue und die Alte Welt miteinander rangen und mich qualvoll hin und her zerrten; Delano mich mißtrauisch betrachtend, als ob er fürchtete, es könne doch noch alles schief gehen.
»Es ist gut, daß Sie sich entschieden haben«, sagte er endlich mit dem ersten Lächeln auf seinem gelben Gesicht. »Wenn Sie nein gesagt hätten, wäre ich morgen früh nach Kuba abgereist. Ohne die Gesellschaftskasse. Die ist leer.«
8. Neue Hoffnung
Die »Crescent City News« waren besiegt, sogar vor dem großen Tage, auf den Lawrence seine ganze Hoffnung setzte. Wie er dies zuwege gebracht hatte, blieb ein Geheimnis. Die spaltenlangen Inserate, in denen das kommende Wettrennen zur Anzeige kam, konnten den Stimmungswechsel kaum hervorgebracht haben, dafür waren sie trotz der fetten Buchstaben nicht groß genug. Aber die spitzen Bemerkungen über die plumpen Dampfpflüge hörten plötzlich auf. Die löbliche Absicht, ein Wettrennen abzuhalten, wurde laut und dankbar anerkannt, die beiden Dampfelefanten John Bull und Jonathan in begeisterten Farben geschildert, ihre merkwürdige äußerliche Ähnlichkeit nicht verschwiegen, jedoch darauf hingewiesen, daß in ihrem Innern wesentliche Verschiedenheiten bestehen dürften. Das Verhältnis von Heiz- und Rostfläche, vom Zylinderraum zum Dampfraum im Kessel, eine künstliche Zugvorrichtung, ein heimlicher Expansionsschieber, kurz das eigentliche Seelenleben beider Maschinen lasse den Ausgang des Kampfes durchaus zweifelhaft erscheinen. Übrigens komme es, wie bei jedem Rennen, doch auch wesentlich auf die Jockeys an, und da Jonathan von dem berühmten Amerikaner Stone (grün und gelb), John Bull von einem nicht minder hervorragenden Engländer, Jem Parker (rot und blau) geritten werde -- der Berichterstatter entschuldigte sich hier, daß er beim Anblick der eleganten Dampfrenner unwillkürlich in die Sprache des Turfs verfalle --, so sei der Sieg des einen oder des andern keineswegs eine leicht vorauszusehende Sache. An den Schenktischen der Hotels und Salons von St. Charles- und Kanalstraße sei das Wetten bereits in lebhaftem Gang. Im allgemeinen sei in den Kanalstraßenrestaurants Jonathan der Favorite, während im St. Charleshotel Wetten von zwei gegen eins auf John Bull, dessen Jockey man größere Erfahrung zuschreibe, bereitwillig angenommen werden.
Unser nutzloses Pflügen im Ausstellungspark wurde nicht wieder aufgenommen. Das amerikanische Fieber, das den wohlakklimatisierten Lawrence in einen jungen Mann voll Feuer und Energie verwandelt hatte, packte auch mich mit jeder Stunde mehr. Am Morgen nach unsrer Besprechung im Park, nachdem ich nicht ohne Herzbeklemmung die bekannte Anzeige in fünf Zeitungen gesehen und mich an deren Aussehen ein wenig gewöhnt hatte, schlug ich mit einer entschlossenen Aufwallung alle Bedenken in den Wind. Ein Trost blieb mir ja immer: Louisiana war viertausend Meilen vom würdevollen England entfernt. Wenn es nun einmal sein mußte und mein ernster, ehrbarer Dampfpflug auf ein paar Stunden den Narren spielen sollte, nun, dann lieber auch recht! -- General Longstreet fand nichts Bedenkliches in der Sache. Im Gegenteil; er lobte mich, daß ich Land und Volk so rasch begreifen lerne. Persönlich wünsche er allerdings in diesem Fall mehr in den Hintergrund zu treten. Um so tätiger waren seine jungen Geschäftsteilnehmer, die beiden Owen, die das Wetten unter ihren Freunden in einen Schwung brachten, der mich kleinen Anwandlungen von Gewissensbissen aussetzte. Lawrence lachte mich aus: »Ist es unsre Aufgabe, dafür zu sorgen, daß die jungen Leute ihr Geld in der Tasche behalten?« fragte er. »Ist es für das gemeine Wohl von irgend welcher Bedeutung, in wessen Tasche des Volkes es schließlich sitzen bleibt?« Ich mußte ihm recht geben.
Parker machte keine Schwierigkeiten. In seiner trockenen Weise sagte er: »Mister Fowler schickte mich hierher und befahl mir, zu tun, was +Sie+ befehlen. Das sind meine Anweisungen. Wenn ich mit meiner Maschine wettrennen soll, so wettrenne ich; das ist einfach!« -- Ich klopfte ihm auf die Schulter und begann, etwas zögernd, von der roten Jacke zu sprechen. Aber auch hier kam mir ein unerwarteter Zwischenfall zu Hilfe. Der ruhige Jem hatte bereits die intime Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht, der hübschen, wenn auch etwas bronzierten Tochter eines Handelsgärtners, der in der Nähe des Parks einen stattlichen Bananen- und Orangenwald pflegte. Der Engländer teilte die amerikanische Abneigung gegen leichte Farbenmischungen nicht, und die junge Dame war Feuer und Flamme für den hübschen, kräftigen, wenn auch stummen Liebhaber, dessen ehrliche Augen die besten Absichten verrieten. Fräulein Sally war begeistert für die rote Jacke, half sie anmessen und setzte Goldborten auf den Kragen. Ihr Jem sah prächtig aus, wie ein Kakadu! Jetzt erst war sie wirklich überzeugt, eine glückliche Frau zu werden. Er brummte, aber er war ein herziger Junge, ihr Jem, wenn er die Kakadujacke anhatte.