Geld und Erfahrung

Part 4

Chapter 43,507 wordsPublic domain

Der Redakteur dagegen blieb freudig erregt. »Dampfpflüge!« rief er, mir nochmals die Hand schüttelnd, »und schon auf dem Wege! Sehr schön! Im Begriff zu arbeiten; ausgezeichnet! Dem unglücklichen Neger, dem bedrückten Mitbruder die Last der Arbeit abzunehmen, welch glücklicher Gedanke; welch großes Ziel Ihres Wirkens, Herr Eyth! Die Rasse bedarf der Erziehung; unter uns muß ich dies zugeben. Aber wie kann sie erzogen werden, wenn sie nach wie vor vor den Pflug gespannt bleibt, um der alten verkommenen Aristokratie des Landes Sklavendienste zu leisten? Ich frage Sie, Herr Lawrence, als Mann den Mann, als Christ den Christen: Wie wollen Sie den Neger erziehen, solange er am Pflug zieht? Da kommt Herr Eyth mit seinem Dampfpflug, und die Sache ist gemacht. Große Gesichtspunkte; ich halte mich an große Gesichtspunkte! Nur indem wir an großen Gesichtspunkten festhalten, können wir den fürchterlichen Bürgerkrieg zu einem Segen für unsern teuren Süden ausgestalten. Nur so wird einem Volke von Brüdern die Kraft wiederkehren, das sternbesäte Banner der Union über dem unteilbaren Kontinent zu schwingen.«

»Das war Mister Eyths Ansicht schon von Kindesbeinen an!« rief Lawrence mit Überzeugung.

Smithson drückte auch ihm die Hand. »Dampfpflüge!« fuhr er fort, fast ohne Atem zu schöpfen. »Ich habe sie längst mit Spannung erwartet. Allerdings habe ich noch nie einen gesehen, aber in unserm Norden, in Philadelphia, in Cincinnati, in Chikago sind in diesem Augenblick Hunderte im Gang! Meine Landsleute, Herr Eyth, sind ziemlich erfinderisch und warten gewöhnlich nicht darauf, was Sie drüben in der Alten Welt machen; -- Hunderte!«

»Das heißt,« -- begann ich, bestrebt, ein paar Worte einzuschalten, kam aber nicht weiter.

»Das soll uns natürlich nicht hindern, den vortrefflichen Apparat gebührend zu würdigen, den Sie uns bringen. Sie wünschen natürlich eine präliminare, eine hervorragende präliminare Anzeige Ihrer Bestrebungen im redaktionellen Teil der ›Crescent City News‹. Vortrefflich! Fünfzig Cents die Zeile. Die Sache muß diesen Herren im Süden eindringlich ans Herz gelegt werden. Wie alt sind Sie? Wo sind Sie geboren? Sind Sie verheiratet?«

Ich kämpfte abermals, und sichtlich ebenso vergebens, gegen diese Art, die Dampfkultur dem Publikum näher zu bringen. Auch hier ließ mich Lawrence völlig im Stich und hetzte den sprachseligen Redakteur nur noch tiefer in seine Forschungen nach meinem Stammbaum und nach andern Einzelheiten, die für ihn von Interesse gewesen wären, wenn ich seine Tochter hätte heiraten wollen. Ich ergab mich schließlich und erzählte ihm alles, was mir aus meinen Jugendjahren einfiel. Er schien befriedigt.

»Sehr schön! Höchst interessant!« rief er schließlich. Als ich selbst im besten Zuge war und ihm die Herkunft meiner Mutter aus einer Schweizer Adelsfamilie erklären wollte, glaubte er genug zu wissen und steuerte plötzlich rückwärts. »General Longstreet steht an der Spitze der Sache, wie Sie mir sagen; ein vortrefflicher Mann, der leider auf die falsche Seite geraten ist. Nehmen Sie sich ein wenig in acht, Herr Eyth, daß Ihr Dampfpflug nicht allzu konföderiert wird. Mister Lawrence versteht mich; er kennt beide Seiten; ein vortrefflicher Mann, Mister Lawrence! -- Also Longstreet wird ein großes Frühstück geben, ehe Sie zu pflügen anfangen. Ausgezeichnet! Wir werden einen Berichterstatter schicken, wenn ich nicht selbst kommen kann. Ich hoffe, ich werde selbst kommen können! Doch möchte ich um Limonade bitten; nur Limonade für mich! Adieu, Herr Eyth. ~Time is money!~ Die Rechnung für die heutige redaktionelle Anzeige werde ich Ihnen schon morgen zusenden können. Es war mir höchst angenehm! Adieu! Adieu!«

Damit komplimentierte er uns durch die Druckerei.

»Verfluchter Yankee!« brummte Lawrence schon auf der Prunktreppe. »Trinkt nur Wasser und schwatzt wie ein altes Brunnenrohr. Vor dem müssen Sie sich in acht nehmen, Herr Eyth: der regelrechte Reisesackpolitikus. Aber es hilft nichts, wir brauchen sie alle, solange sie mit Kind und Kegel auf unserm Land herumsitzen wie die Heuschrecken. Uff! Mister Eyth, wenn Sie vor fünf Jahren zu uns gekommen wären, hätten wir anders mit dem Herrn geredet. Aber wir brauchen sie, Gott sei's geklagt, wir brauchen sie alle!«

Lawrence schleppte mich weiter. Wir besuchten die hochdemokratische, das heißt aristokratische »Biene«, die republikanischen »Louisiana Times«, die neutralen, leicht nach Süden hängenden »Commercial News«. Mein treuer Führer schien unermüdlich, bis sie alle wußten, wie alt ich sei, wo ich geboren wurde und daß ich mich vorläufig nicht zu verheiraten gedenke. Zuletzt kamen wir auch über die Kanalstraße, in das alte französische Viertel der Stadt. Dort, vor einem unansehnlichen Hause in der St. Louisstraße, blieb er stehen, wartete, bis ich ihn erreicht hatte, denn er war mir gewöhnlich zehn Schritte voraus, und sagte:

»So! da können Sie allein hinaufgehen, Herr Eyth. Hier hausen Ihre Landsleute, die ›Deutsche Zeitung‹. Ich muß jetzt nach meinem Komitee und nach Ihrem Preis sehen. Die Sache bekommt Hände und Füße, wenn Sie so noch ein paar Stunden fortmachen.«

Er trocknete sich den Schweiß von der Stirne, und wahrhaftig, er hatte das Recht dazu. Es war glühend heiß geworden. Sein Eifer hatte mich jedoch angesteckt. Ich wußte jetzt, wie man Redakteure besucht, und machte mir nichts daraus, auch meinen Landsleuten die offenbar landesübliche Aufwartung zu machen.

»Und glauben Sie wirklich, daß Sie das Preisausschreiben seitens Ihrer Gesellschaft so rasch zustande bringen werden?« fragte ich Lawrence, ehe wir uns trennten. Ich konnte meine Zweifel noch immer nicht los werden; es ging alles so verblüffend geschwind. »Man muß doch wohl eine Art Programm ausarbeiten, Bedingungen beraten, eine Prüfungskommission aufstellen --«

Er unterbrach mich: »Verlassen Sie sich darauf, Herr Eyth! Morgen früh lesen Sie das Ausschreiben in allen Zeitungen. Was wetten Sie?«

Dies zu hören, war mir außerordentlich lieb. Wenn ein Amerikaner so fragt, ist ihm die Sache ernst.

»Zehn Dollar!« sagte ich deshalb ohne langes Bedenken.

»Sie scheinen kein großes Vertrauen in Ihre Zweifel zu haben«, versetzte er lachend und fuhr dann mit einer gewissen Feierlichkeit fort: »Gut, zehn gegen zehn; Sie lesen das Preisausschreiben morgen in allen Zeitungen der Stadt, die täglich erscheinen. Eine ehrliche, gradlinige Wette. Ich kann sie verlieren, wenn ein Drucker Dummheiten macht oder ein Redakteur zu tief in die Whiskyflasche sieht, anders nicht. In Hunderten wäre mir die Wette lieber gewesen.«

Er machte mit einem Bleistift von einem halben Zentimeter Länge eine Notiz auf eine seiner Zuckertüten und war schon um die Straßenecke verschwunden, als ich die mit Papierfetzen reich geschmückte Treppe der »Deutschen Zeitung« hinaufkletterte und mit einer Beilage um das linke Bein oben anlangte. Es war alles etwas klebrig im Hause, trotz der Hitze. In der Druckerei, die kleiner war als die andern, die ich heute kennen gelernt hatte, standen die Maschinen still. Dagegen schien eine Art Volksversammlung stattzufinden. An einen Setztisch gelehnt, stand eine teutonische Gestalt von echtem Schrot und Korn, mit blonden, wallenden Haaren, blauen Augen, einem mächtigen roten Bart. Auch der Schnitt ihres Anzugs, namentlich die Weite der Beinkleider, verriet etwas vom deutschen Studenten der älteren Generation, die noch Ideale kannte. Der Herr schien mitten in einer Volksrede für fünftausend Zuhörer zu schwimmen und ließ sich durch mich, der ich etwa der sechzehnte war, nicht unterbrechen.

»Ich wende mich an Sie, meine Herren«, rief er, »vertrauensvoll, schmerzbewegt! Wir haben ein gemeinsames Ziel: unsre Grundsätze der Wahrheit und Freiheit der deutschen Welt unsers großen neuen Vaterlandes täglich zu verkündigen, das Panier der Gleichheit und Brüderlichkeit, ohne Ansehen der Farbe unsrer Leser, im Süden voranzutragen. Wir haben dieselben Freuden, dieselben Sorgen. Im Schweiß unsers Angesichts haben wir wieder vierzehn Tage lang der großen Sache gedient. Die Zahl unsrer Abonnenten ist um fünf gestiegen; das Ergebnis des Straßenverkaufs hat jedoch bedauerlicherweise abgenommen, da unser tätigster Austräger samt seinen Freitagsexemplaren spurlos verschwunden ist; Fritz Kleile ist mit einem kleinen Vorschuß aus unsrer Mitte geschieden, ich fürchte, für immer. Sie, meine Herren, waren schon gestern berechtigt, den sauer verdienten Lohn für Ihr aufopferungsvolles Wirken aus meiner Hand zu empfangen. Ich mußte Sie auf heute vertrösten. Meine Herren, auch heute ist unsre Kasse« -- der Redner hob ein Blechkästchen, das neben ihm stand, in die Höhe, öffnete es feierlich und zeigte nach allen Seiten das glänzende Vakuum seiner Innenseite -- »diese unsre Kasse ist leer! Wollen Sie sich gefälligst selbst überzeugen«, fügte er in vertraulichem Tone bei, indem er sich an seine nächsten Nachbarn, einen grimmigen alten Setzer und zwei schmächtige zwölfjährige Jungen, wandte, die ihn hungrig ansahen.

»Aber wo der Teufel ist das Geld von gestern?« fragte einer der fünfzehn, dessen trockene Kehle eigentümlich krächzende Laute hervorbrachte. Der Mann war sichtlich übermäßig durstig.

»Sie haben ein Recht, diese Frage aufzuwerfen, verehrter Freund!« entgegnete der Redakteur mit einem mitleidigen Blick auf den Sprecher. »Ich werde sie beantworten. Wir hatten das Unglück, gestern abend den Besuch des Geschäftsführers unsres Papierlieferanten zu empfangen. Ich stand vor der peinlichen Gewißheit, der heutigen Ausgabe der ›Deutschen Zeitung von Louisiana‹ papierlos entgegensehen zu müssen. Ich hatte die Wahl, den nicht ganz unberechtigten Forderungen des unerbittlichen, ich darf sagen, herzlosen Geschäftsmenschen zu trotzen und damit uns alle zu vernichten oder ihm den Inhalt unsrer Kasse einzuhändigen. Da gedachte ich Ihrer Seelenstärke, meine Herren, gedachte der deutschen Treue, die sich in schweren Zeiten seit zwei Jahrtausenden bewährt hat. ›Besser,‹ sagte ich, ›noch einmal ohne Geld vor meinen Freunden zu erscheinen als ohne Papier.‹ Und nun« -- der Ton des Redners wurde um eine halbe Oktave tiefer, seine Stirne legte sich in Falten und sein blonder Haarbusch schien in die Höhe zu steigen -- »und nun, meine Leidensgenossen, frage ich Sie. Sie selber werden entscheiden. In Ihre Hand lege ich das Panier unsrer großen Sache. Wollen Sie -- ja oder nein -- wollen Sie nochmals zwei Wochen ungelohnt in alter Treue Ihre Pflicht erfüllen? Oder wollen wir gemeinsam das sinkende Schiff verlassen und jeder für sich an unbekanntem Strande eine zweifelhafte Rettung suchen? Im ersteren Falle« -- er verfiel plötzlich wieder in den gemütlichsten Gesprächston, in welchem er alle wichtigeren Teile seiner Rede vorzutragen schien -- »im ersteren Falle bekommen Sie vorläufig allerdings noch einmal nichts, aber es wird ohne Verzug weitergedruckt. Im zweiten Falle schließe ich die Bude, und Sie bekommen auch nichts.«

»Weiterdrucken!« riefen die zwei hungrigen Jungen mit vor Begeisterung glänzenden Augen.

»Abstimmen!« stöhnte der Durstige.

»Abstimmen!« riefen noch drei oder vier der Älteren, und so kam es nach den besten Regeln eines in Trübsal geläuterten Parlamentarismus zur namentlichen Abstimmung. »Herr Faktor Müller?« -- »Weiterdrucken!« -- »Herr Setzer Kunze?« -- »Der Teufel hole die ganze Bude samt dem Herrn Redakteur; schließen!« -- »Der nächste?« -- »Weiterdrucken! -- Weiterdrucken! -- Schließen! -- Weiterdrucken!« und so weiter.

Die Abstimmung war rasch beendet. Der Redakteur tat einen tiefen, theatralischen Atemzug und begann wieder: »Meine Herren und Freunde! Das Ergebnis unsrer Abstimmung ist das erwartete. Die deutsche Treue hat auch auf fremder Erde abermals glänzend gesiegt. Sieben Stimmen sind für den Schluß der Bude, acht fürs Weiterdrucken. Die gute Sache ist gerettet. Wie ein Phönix wird das Panier der ›Deutschen Zeitung von Louisiana‹ aus der Asche dieser vorübergehenden Prüfung erstehen, und Arm in Arm mit dem sternbesäten Banner dieses großen und freien Landes« -- er hielt plötzlich an, wie wenn ihm etwas Wichtiges eingefallen wäre -- »Meine Herren! Ich bitte die Herren Setzer, sich an ihre Plätze zu begeben. Es ist die höchste Zeit, wenn die Abendzeitung rechtzeitig auf die Straße kommen soll. Und, bei Gott, wir müssen heute abend etwas Geld haben. Was eingeht, wird verteilt. Rasch an die Arbeit, meine Kinder! -- Was wünschen Sie?«

Das galt mir. Der kleine Bienenkorb war in einer halben Minute in voller Tätigkeit. Der Redakteur, Herausgeber und Eigentümer der »Deutschen Zeitung von Louisiana« trocknete sich den Schweiß von der Stirne und gab mir vorsichtig die Hand. Ich war ein Landsmann. Sollte ich gekommen sein, ihn anzupumpen?

»Sie kommen in einem nicht ganz glücklichen Augenblick, verehrter Herr!« sagte er, ohne jedoch im geringsten verlegen zu sein. »Das nennen wir den Kampf ums Dasein. Er ist Ihnen vielleicht aus den neuesten Schriften eines gewissen Darwin bekannt. Hier sehen Sie die Theorien des großen Naturforschers ~in natura~.«

»Es war mir höchst interessant, und ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrem Siege«, sagte ich höflich. »Ich verstehe und würdige Ihre freudige Erregung, denn auch ich, Herr Doktor, --«

Er nickte freundlich.

»-- auch ich bin damit beschäftigt, im Kampf ums Dasein ein kleines Gemetzel vorzubereiten.«

»Was? Doch nicht hier bei uns?« rief der Redakteur. »Sie haben gehört, wie es augenblicklich bei uns steht. Augenblicklich? Der Zustand ist chronisch, Verehrtester. Ich kann Sie nicht brauchen!«

»Vielleicht doch«, entgegnete ich zuversichtlich und erklärte ihm, um was es sich handle. Jetzt erst schüttelte er mir die Hand nach gut amerikanischer Art, und dann beide Hände wie ein Deutscher, der seinen längst erwarteten Schutzengel gefunden hat. Um fünfzig Dollar wollte er meinen Dampfpflug über alle Himmel erheben. Um die Hälfte, wenn ich sofort bar bezahle. Zwei Artikel von je zwei Spalten, die ich morgen selbst liefern könne, wenn ich wolle. Dies war in der Tat billig. Die Zeitung hatte ohne Zweifel wenig Einfluß und keine Abonnenten. Aber -- wer weiß? -- ein geschickt geschriebener Artikel aus dem Süden ging in andre Zeitungen über. Man war gegenwärtig in der ganzen Union neugierig, was in New Orleans vorging. Ich legte fünfundzwanzig Dollar auf den Tisch, lud den Redakteur zum kommenden Dampfpflugfrühstück ein und hatte in Doktor Wurzler nach seiner Versicherung den treuesten Freund gewonnen, den ich in diesem -- ebenfalls nach Doktor Wurzler -- gottverfluchten Süden finden konnte.

4. Wolken

Mit all diesen Seitensprüngen war es spät am Tage und höchste Zeit geworden, nach der Hauptsache zu sehen, von der alles andre abhing. Ein hastiges Gabelfrühstück, Mittag- und Abendessen, in einheitlicher Zusammensetzung, die eine Wirtschaft in der Kanalstraße bot, setzte die menschliche Maschine wieder in arbeitsfähigen Zustand. Aber es war fast Dämmerung, ehe ich auf die Levees einbog, um nach dem »Wilden Westen« zu fahnden. Der gewaltige, halbkreisförmige Landungsplatz, den der Mississippi gegen die Stadt hin ausgegraben und vertieft hat, lag schon in seiner Feierabendstille vor mir. Für eingeborene Landratten bleibt ein Seehafen, in welcher Form er sich auch darstellt, zeitlebens ein Anblick, der das Blut in lebhaftere Wallung bringt. Der Bogen der »Levees« von New Orleans, der zu einem großartigen Staden ausgebauten Schutzdämme der Stadt, macht hiervon keine Ausnahme. Man sieht, wie der gewaltige Strom schon hier, achtzig Meilen von der See, einen großen Kontinent mit den Meeren aller Weltteile verbindet. Gegen Norden reiht sich, enggedrängt, nur mit den Vorderteilen das Ufer berührend, Boot an Boot: die phantastisch verzierten, schwimmenden Paläste des Mississippi, des Missouri, des Ohio mit ihren Riesenrädern und ihren barock gekrönten Doppelschornsteinen; dazwischen auch kleinere Dampfer, unter ihrer Last von Baumwollballen und Zuckerfässern fast versinkend. Nach Süden liegen die Seeschiffe, schwarze, wuchtige Massen, die volle Breitseite gegen das Ufer gekehrt, haushoch aus dem Wasser ragend, die roten Schraubenflügel, unheimlichen Seeungeheuern gleichend, halb in der Luft, ihre stumpfen, trutzigen Kamine kaum über der Brüstung sichtbar. Noch weiter unten liegen die Segelschiffe: Schoner, Brigantinen und Dreimaster jeder Art und Größe, die mit ihren Rahen und Tauen eine zierliche, wenn auch unentwirrbare Filigranarbeit in den goldenen Abendhimmel zeichnen. Das sind die Gäste aus der Havanna und New York, aus Rio und Quebek, aus Genua und Stockholm, aus Liverpool und Southampton und vor allem aus der eignen Heimat, aus Bremen und Hamburg. Auf den Levees selbst, der riesigen Holzplattform, die sich in stattlicher Breite und mehrere Meilen lang zwischen Fluß und Stadt hinzieht, liegen Hunderte von Zuckerfässern, Tausende von Baumwollballen, Pyramide an Pyramide von Fäßchen mit gesalzenem Schweinefleisch aus Kentucky und Illinois, Berge von Mais aus Illinois und Missouri, alles hübsch geordnet und aufgestellt wie die Bataillone einer Armee, die vor dem Abmarsch ins Feld ihre letzte Parade erwartet. Dieses Bild beleben trotz der Abendstunde Gruppen von Negern, auf den Ballen umherlungernd, unermüdlich schwatzend und lachend, und da und dort ein paar Matrosen, die der Stadt zueilen, sichtlich entschlossen, mit leeren Taschen und schwerem Kopfe zurückzukehren. Doch der Lärm der Tagesarbeit war verstummt. Eine schwüle Stille lag über dem Ganzen, und der Mond, eine blutrote Riesenscheibe, stieg hinter der Stadt zwischen den Türmen der Kathedrale des heiligen Ludwig auf dem Jacksonsquare langsam in die Höhe.

Wo die Tschapatulastraße in den Landungsplatz einmündet, ragte ein gewaltiger, pechschwarzer Dampfer über die kleineren Schiffe heraus, die ihn umgaben, und sendete noch zarte Rauchwölkchen in den Abendhimmel empor. Er hatte die schmucklosen, trotzigen Formen englischer Frachtschiffe, die man überall auf den ersten Blick erkennt: keinen Bogen, keine Krümmung, die nicht unbedingt erforderlich war, keinen Farbenfleck, der seine dunkle Geschäftsjacke verunziert hätte. Das war mein »Wilder Westen«; es war unmöglich, sich zu irren.

Und in der Tat, am Fuß der haushohen Schiffswand, die fensterlos und senkrecht von der Landungsplattform aufstieg, standen schon in wildem Gewirr etliche dreißig wuchtige Kisten, ein Lokomotivkessel, ein halbes Dutzend schmiedeeiserner, walzenförmiger Riesenräder, wie sie auf dem leichten Bretterboden der Levees noch nie gesehen worden waren. Der »Wilde Westen«, das war klar, ließ sich nicht viel Zeit. Die Kisten und Räder gehörten mir; mein Dampfpflug war schon halb ausgeladen. Da er als Deckladung herüberkam, war er das erste, was das Schiff ans Land setzen mußte. In reiner Freude kletterte ich über die Kisten und feierte ein kleines Wiedersehen; ich war zu Hause in diesem zyklopischen Wirrwarr.

»Hallo! Wer ist da drunten?« schallte plötzlich hoch über mir eine scharfe Stimme, und ein Kopf erschien über der Schiffsbrüstung. »Wozu krabbeln Sie auf den Kisten herum?«

»Eigentümer der Kisten!« schrie ich hinauf.

»Gut, daß Sie kommen!« rief es zurück. »Wir brauchen Platz. Morgen früh müssen sie abgefahren sein.«

»Na, so geschwind schießen die Preußen nicht!« rief ich hinauf, mich in meinem Kistenheimatsgefühl ein wenig vergessend.

»Was?« brüllte es herunter.

»So schnell werden die Nigger von Louisiana nicht kutschieren«, übersetzte ich dem Mann, der jetzt am Nachthimmel etwas deutlicher zu sehen war. »Haben Sie einen Engländer mitgebracht, einen Monteur?«

»Nicht daß ich wüßte«, war die Antwort.

»Was!« schrie ich entsetzt, »keinen Monteur von Fowler aus Leeds? Einen Passagier, James Parker. Sie +müssen+ einen Passagier mitgebracht haben.«

»Wir führen keine Passagiere. Nur manchmal -- aus Gefälligkeit -- ausnahmsweise!« erklärte der Mann von oben.

»Dann ausnahmsweise! Sie müssen James Parker an Bord haben! Den Mann, der zu den Maschinen gehört!« Ich bestand darauf und fühlte, daß ich zornig wurde.

»Mein guter Herr,« rief es begütigend zurück, »ich bin der Zahlmeister des ›Wilden Westens‹ und sollte es wissen. Wir haben ausnahmsweise einen Methodistenpfarrer mitgenommen und seine zwei Töchter. Wenn Ihnen mit diesen gedient ist -- aber sie sind aus Bradford.«

»Also keinen Monteur, der zu den Kisten gehört?« rief ich nochmals hinauf und fühlte, daß mich die Kraft meiner Lungen verließ.

»Keinen Monteur!« tönte es wie aus weiter Ferne zurück. Der Kopf des Zahlmeisters war verschwunden.

Ich setzte mich und dachte nach. Also kein Monteur, kein Brief, keine Erklärung nach der feierlichen Zusage, daß Parker mit den Kisten ankommen solle! Was konnten sie in Leeds gedacht haben? Wußten sie doch so gut als ich, daß kein einzelner Mann mit seinen zwei Händen einen Doppelmaschinendampfpflug in Bewegung setzen kann, der sich vom ersten Tag an wenigstens leidlich präsentieren sollte. Es handelte sich hier, wenn der Himmel nicht eingriff, um eine physische Unmöglichkeit.

Die Kisten um mich her, die jetzt der Mond grell beleuchtete, wuchsen mit ihren schwarzen, viereckigen Schatten ins Ungeheure; um das offene, rot angestrichene Feuerloch des ausgeladenen Kessels spielte ein dämonisches Lächeln. Ich kochte vor Zorn. Was konnten sie in Leeds gedacht haben? Mich so hinzusetzen! Aber ich kam nicht über die Frage hinaus. Über mir begannen die Sterne zu funkeln, still und friedlich, als ob hier unten alles in Ordnung wäre. Der reinste Hohn!

»Was machen Sie da droben?« näselte jetzt eine grätige Yankeestimme von unten, die zu einem herumlungernden Schutzmann gehörte, der wahrscheinlich an der Nachtwache der Levees beteiligt war.

»Luft schöpfen! Eigentümer!« brummte ich, ohne Anstrengung, so mürrisch als möglich.

»Gut, daß Sie kommen!« sagte auch dieser Mann. »Die Kisten müssen morgen früh von der Levee abgefahren werden, Mister! Und so schnell als möglich. Die Levees sind für Baumwolle gebaut, nicht für vierschrötige Eisenklumpen wie diese Engländer.« -- Er klopfte entrüstet auf meine Kisten. -- »Die Fundamentpfähle sind heute abend schon um drei Zoll gesunken, sagt der Levee-Inspektor. Sie werden eine gesalzene Rechnung bekommen, Mister Eigentümer! Wenn die Bohlen brechen, ist der Teufel los.«

Ich hütete mich, zu antworten, und schlüpfte lautlos von meiner mondbeglänzten Höhe auf der andern Seite des Kistengebirgs in die Tiefe.

Fünf Minuten später sah man entlang der finsteren Schattenseite der Tschapatulastraße einen Mann, den Hut über die Augen gedrückt, mit gesenktem Kopfe langsam seiner Wohnung zusteuern. Manchmal murmelte er halblaut vor sich hin. Dann versank er wieder in stummes Nachdenken. Der Mann war ich.

Und ich fühlte nur eins: noch ehe ich heute einschlief, mußte ich wissen, was am nächsten Morgen zu geschehen hatte.

5. Arbeitstage

Ein kurzer, tiefer Schlaf tat das übrige.

Mit beiden Füßen sprang ich in den jungen Tag; ich wußte jetzt, was zu tun war. Zuerst mußte Kapitän Owen aufgefunden werden. Die seine war die einzige Adresse einer Privatwohnung in der Stadt, die ich kannte. Auf dem Wege sang ich eine meiner Schlachthymnen, aber nur und wiederholt, den ernsten Zeiten entsprechend, ihren dritten Vers: »Und wenn die Welt voll Teufel wär'!« Er war mir schon als kleiner, ahnungsloser Junge der liebste gewesen und hat mir im späteren Leben mehr als einmal treulich gedient, wenn ich nicht mehr genau wußte, wo hinaus? Warum auch nicht? Hatte ich nicht ein Recht zu dem Vers, so gut als ein andrer? Stand ich nicht seit Jahren mitten in einer Art von Bodenreformation, in der »der arg' böse Feind« oft genug sein Wesen trieb?