Gegen den Strich

Part 9

Chapter 93,599 wordsPublic domain

Plötzlich empfand er einen heftigen Schmerz. Es war ihm, als wenn man ihm mit einem Instrument die Schläfen durchbohre. Er öffnete die Augen und befand sich in der Mitte seines Ankleidezimmers, vor seinem Tisch sitzend; mühevoll erhob er sich und schleppte sich zum Fenster, das er halb öffnete. Ein Luftstoss klärte die erstickende Atmosphäre, die ihn einhüllte; er ging im Zimmer auf und ab, die Augen gegen den Plafond gerichtet, wo Krabben und salzgepuderte Algen auf einem gekörnten Grund hell wie der Sand des Meeresufers im Relief aufstiegen. Eine gleiche Dekoration schmückte auch die Fussgesimse, die, mit japanesisch wassergrüner, etwas zerdrückter Kreppseide die Wände einfassend, das Gekräusel eines Flusses, von Wind bewegt, nachahmten, und in diesem leicht fliessenden Wasser schwamm das Blatt einer Rose, um welches ein Schwarm kleiner Fische wirbelte, mit leichten Federstrichen gezeichnet.

Aber seine Augenlider blieben schwer; das Hin- und Hergehen ermüdete ihn, er lehnte sich auf die Fensterbrüstung; allmählich verschwand seine Betäubung. Sorgsam korkte er die Fläschchen wieder zu und benutzte diese Gelegenheit, um die Unordnung in seiner reichen Schminksammlung zu beseitigen. Er hatte seit seiner Ankunft in Fontenay nicht daran gerührt, und er verwunderte sich fast, diese Kollektion jetzt wiederzusehen, die früher von so vielen Frauen besichtigt und bewundert worden war.

Die Kruken und Fläschchen häuften sich auf- und übereinander. Hier war es ein Porzellantopf, Schnouda enthaltend, diesen wunderbaren weissen Creme, der, wenn er auf der Wange aufgerieben, unter dem Einfluss der Luft in zartes Rosa, dann in ein so echtes Inkarnat übergeht, dass er die wirklich genaue Täuschung einer durch Blutwallung geröteten Haut hervorbringt. Dort sind es mit Perlmutter eingelegte Lackkasten, die japanesisches Gold und athenisches Grün einschliessen, die Farbe des Flügels einer spanischen Fliege, Gold und Grün, das sich in ein tiefes Purpur verwandelt, sobald man es anfeuchtet. Nahe den vollen Kruken mit Pasten von Lambertsnuss, Serkis des Harems, Emulsinen der Kaschmirlilie, Waschwasser von Erdbeeren und Holunder für den Teint und bei den kleinen Flaschen, die mit einer Auflösung von chinesischer Tinte und Rosenwasser zum Gebrauch der Augen bestimmt waren, lagen Utensilien aus Elfenbein, Perlmutter und Silber durcheinander mit Bürsten aus Luzern für das Zahnfleisch: Pinsel, Scheren, Wischer, Schminkläppchen und Puderquasten, Rückenkratzer und Schönheitspflästerchen.

Er betrachtete all diese Toilettengeräte, die er auf die Bitte einer seiner Geliebten gekauft hatte, die unter dem Einfluss gewisser Gerüche, gewisser Balsame vor Entzücken verging.

Er grübelte über die Erinnerungen nach und es fiel ihm ein Nachmittag ein, den er mit dieser Frau, aus Langeweile und Neugier, in Pantin bei ihrer Schwester zugebracht hatte und der in ihm eine ganze Welt vergessener Ideen und alter Parfüms wachrief.

Er flüchtete in sein Arbeitszimmer zurück und öffnete das Fenster weit, glücklich, sich in der frischen Luft zu baden. Aber plötzlich war es ihm, als wenn der Wind ihm einen unbestimmten Geruch von Bergamottenessenz entgegentrieb, mit welchem sich der Jasminsprit, die Cassie und das Rosenwasser verband.

Er atmete schwer auf.

Der Geruch wechselte und veränderte sich, ohne zu verschwinden. Ein unbestimmter Duft von Tolutinktur, von Perubalsam, von Safran, verschmolzen mit einigen Tropfen Amber und Moschus, stieg jetzt aus der schlafenden Stadt empor, von dem Fusse der Anhöhe her, und plötzlich vollzog sich eine Metamorphose, die getrennten Gerüche verbanden sich und von neuem verbreitete sich der Frangipan, dessen Geruch die Elemente und die Analyse herbeigeführt hatten, über das Thal Fontenay bis zum Festungswerk hinauf. Sie erschütterten seine erschöpften und angegriffenen Nerven noch mehr, so dass er ohnmächtig an der Fensterbrüstung niedersank.

ELFTES KAPITEL.

Die erschrockenen Dienstboten beeilten sich, einen Arzt aus Fontenay herbeizuholen, der absolut nichts von dem Zustand des Herzogs verstand.

Er brummte einige medizinische Ausdrücke, fühlte den Puls, besah die Zunge des Kranken, versuchte, allerdings vergebens, ihn zum Sprechen zu bringen, verordnete lindernde Mittel und grosse Ruhe und versprach, den andern Tag wieder zu kommen.

Auf ein verneinendes Zeichen des Herzogs, der Kraft genug fand, den Eifer seiner Dienstboten zu missbilligen und diesen lästigen Eindringling zu verabschieden, ging dieser fort und machte sich daran, im ganzen Dorf von den Excentrizitäten dieses Hauses zu erzählen, dessen Einrichtung ihn geradezu mit Verwunderung erfüllt und ihn verblüfft hatte.

Zum grössten Erstaunen der beiden alten Diener, die nicht mehr das Dienstzimmer zu verlassen wagten, erholte sich ihr Herr in einigen Tagen wieder. Sie überraschten ihn, wie er an die Scheiben trommelte und den Himmel mit ungeduldiger Miene betrachtete.

Eines Nachmittags klingelte der Herzog mehrere Male hintereinander und befahl dem eintretenden Diener, seine Koffer für eine längere Reise fertig zu machen.

Während das alte Ehepaar auf seine Angaben hin die als notwendig mitzunehmenden Gegenstände wählte, durchschritt er fieberhaft erregt die Kabine seines Esszimmers, studierte die Abfahrtszeiten der Packetboote, durcheilte hastig sein Arbeitszimmer, wobei er ungeduldig die Wolken mit zufriedener Miene beobachtete.

Das Wetter war schon seit einer Woche abscheulich, dicke Nebel lagerten über der Erde. Starke Regengüsse hatten das Thal in einen schwarzen See verwandelt.

An jenem Tage war der Himmel heller geworden.

Der Regen stürzte nicht mehr wie den Tag vorher in Strömen herab, sondern fiel unablässig fein und durchdringend und schien mit seinen unzähligen Fäden die Erde mit dem Himmel zu verbinden.

Das Licht trübte sich; ein fahler Tag beleuchtete das Dorf, und in dieser Trostlosigkeit der Natur verschwammen alle Farben und nur die Dächer glänzten in diesem Grau in Grau.

»Welch ein Wetter!« seufzte der alte Diener, der die Kleidungsstücke, die sein Herr verlangt hatte, auf einen Stuhl legte.

Statt jeder Antwort rieb sich der Herzog die Hände und setzte sich vor einen Schrank mit bunten Scheiben, in dem ein Stoss von seidenen Socken in Fächerform aufgehäuft lag. Er war über die Nüancen unschlüssig. Seine Wahl fiel in anbetracht der Trostlosigkeit des Tages und des düsteren Graus seines Anzuges, sowie im Hinblick auf sein Ziel auf ein Paar in mattgrüner Seide. Er zog ein Paar Halbstiefel darüber und den mausgrauen karrierten Anzug an, setzte sich einen kleinen runden Hut auf und hüllte sich in einen dunkelblauen Wettermantel. Von seinem Diener gefolgt, der unter dem Gewicht eines Koffers, einer Reisetasche, einer Hutschachtel und einer Reisedecke, in welche Schirme und Spazierstöcke gewickelt waren, fast zusammenbrach, kam er auf dem Bahnhof an.

Hier erklärte er dem Diener, dass er nicht das Datum seiner Rückkehr bestimmen könne, er würde in einem Jahr, in einem Monat, in einer Woche, vielleicht noch früher zurückkommen, befahl, dass nichts in seiner Wohnung geändert würde, händigte ihm die nötige Summe, die zum Unterhalt des Hauses während seiner Abwesenheit nötig war, ein und stieg in den Waggon, den alten Diener ganz verstört mit schlotternden Armen und offenem Mund auf dem Perron zurücklassend.

Er war in seinem Coupé allein. Eine verschwommene, schmutzige Landschaft, wie durch das trübe Wasser eines Aquariums gesehen, flog in grösster Eile an dem vom Regen gepeitschten Zug vorbei. In Nachdenken versunken, schloss der Herzog die Augen.

Das Schweigen, das ihm bisher wie eine Entschädigung für die Albernheiten, die er jahrelang über sich hatte ergehen lassen müssen, erschienen war, drückte ihn plötzlich mit unerträglicher Schwere.

Eines Morgens nämlich war er aufgewacht, erregt, wie ein Gefangener, der in einer Zelle eingeschlossen ist; seine entnervten Lippen murmelten unzusammenhängende Worte, Thränen stiegen ihm in die Augen, ihm war es, als sollte er ersticken.

Das Verlangen, ein menschliches Gesicht zu sehen, mit einem andern Wesen zu sprechen, sich in das flutende Leben zu stürzen, verzehrte ihn. Es kam sogar dahin, dass er seine Dienstboten unter einem Vorwand zu sich kommen liess und in Gespräche verwickelte. Aber die Unterhaltung war unmöglich; denn die alten Leute waren durch jahrelanges Schweigen und durch die Gewohnheit der Krankenpflege fast stumm geworden; dann verhinderte auch die Entfernung, in welcher sie der Herzog immer von sich gehalten, jedes Plaudern.

Übrigens besassen sie nur ein träges Gehirn und waren fast unfähig, anders als einsilbig auf die Fragen, die man an sie richtete, zu antworten.

Er konnte also auf sie nicht rechnen.

Die Lektüre von Dickens, welche er unlängst gepflegt, um seine Nerven zu beruhigen und die nur die entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht hatte, begann langsam in einer unerwarteten Weise zu wirken.

Er vertiefte sich in das englische Leben. Seine Betrachtungen vermischten sich mit den Eindrücken aus der Lektüre.

So hoffte er durch eine Reise den erschlaffenden Ausschweifungen seines Geistes zu entgehen.

Er hielt es nicht länger aus; eines Tages entschloss er sich plötzlich, dem allen ein Ende zu machen. Seine Eile war so gross, dass er lange vor der anberaumten Zeit schon die Flucht ergriff.

Er wollte sich der Gegenwart entziehen und sich herumgestossen fühlen in dem Strassenlärm und in dem Getöse der Welt.

»Ich atme auf,« murmelte er, als der Zug seine Bewegungen einstellte und in der Pariser Bahnhofshalle anhielt.

Auf dem Boulevard d'Enfer rief er einen Kutscher an, ganz vergnügt, mit seinen Koffern und Decken so ins Gewühl geraten zu sein. Durch ein reichliches Trinkgeld verständigte er sich mit dem Mann in nussbraunem Beinkleid und roter Weste:

»Auf Zeit,« sagte er, »zunächst nach der Rue de Rivoli zu >Galignani's Messenger<!«

Er beabsichtigte, vor seiner Abreise einen Führer durch London zu kaufen.

Der Wagen schwankte schwerfällig durch den entsetzlichen Schmutz vorwärts.

Der Regen schlug schräg in den Wagen, so dass der Herzog die Fenster schliessen musste.

Bei dem monotonen Geräusch des auf seine Koffer und den Lederschutz niederströmenden Regens, der sich wie ein Sack geschüttelter Erbsen anhörte, träumte der Herzog von seiner Reise; dies war schon ein Vorspiel von England, das ihm Paris bei diesem schauderhaften Wetter bot. Das regnerische, riesengrosse, weite London, das unablässig im Seenebel lag, entrollte sich vor seinen Augen. Lange Reihen Docks breiteten sich unabsehbar vor ihm aus, besät mit Hebemaschinen, Schiffswinden und Ballen; allerwärts wimmelt es von Menschen, die hier an Masten hängen, dort rittlings auf Raaen sitzen.

Alles das lebte und bewegte sich an den Ufern in den riesigen Docks, die von dem grünlichen Wasser der Themse bespült werden, in einem Wald von Masten und Balken.

Es bereitete dem Herzog ein Gruseln, dass er sich in eine Welt von Kaufleuten stürzen sollte, in diesen Nebel, in diese atemlose Thätigkeit, dieses unbarmherzige Räderwerk, das Millionen Enterbter zermalmt.

Dann verschwand diese Vision plötzlich durch einen Stoss des Wagens, der ihn auf seinen Sitz zurückprallen liess.

Er sah durch das Fenster; es war Nacht geworden. Die Gasflammen blinzelten mitten in einem gelblichen Hofe durch den Nebel, Lichtstreifen schwammen auf den Pfützen.

Er versuchte sich zurechtzufinden; er erblickte das Carrousel. Plötzlich, aus seinen Träumen aufgescheucht, fiel ihm ein höchst trivialer Umstand ein: sein Diener hatte beim Kofferpacken eine Zahnbürste vergessen.

Er unterwarf die Liste der eingepackten Gegenstände einer Musterung, alle lagen geordnet in seiner Reisetasche, nur die Bürste fehlte, und sein Ärger darüber dauerte fort, bis ihm das Halten des Wagens ein Ende machte.

Er befand sich in der Rue de Rivoli, vor »Galignani's Messenger«. Neben einer Thür von mattem Glas, die mit Zeitungsausschnitten und Telegrammen beklebt war, hingen zwei grosse Glaskasten mit Albums und Büchern. Er trat näher, angezogen von den buntfarbigen Büchereinbänden, die in allen Formen und Grössen dort ausgestellt waren. Alles hatte einen kaufmännisch antiparisischen Anstrich, die Einbände waren gröber, aber weniger geschmacklos als die schlechten französischen.

Dann öffnete er die Thür und trat in ein grosses Bibliothekzimmer, das mit Menschen angefüllt war. Fremde sassen umher und entfalteten Karten und radebrechten in unbekannten Sprachen.

Ein Kommis brachte ihm eine ganze Kollektion von Reisehandbüchern. Er setzte sich nieder und sah sich die Bücher, deren biegsamer Pappband sich unter dem Druck seiner Finger bog, durch. Er durchblätterte sie und blieb bei einer Seite des Baedeker stehen, auf welcher die Museen Londons beschrieben sind.

Er interessierte sich für die kurzen und graziösen Details des Führers; seine Aufmerksamkeit ging von der alten englischen Malerei zu der neuen über, die ihn mehr reizte. Er erinnerte sich einiger Bilder, die er in internationalen Ausstellungen gesehen hatte, und hoffte, dass er sie vielleicht in London wiederfinden würde, wie die Gemälde von Millais: »die Krankenwache der heiligen Agnes«, mit jenem seltsamen grünlich-silbernen Mondlicht, dann Bilder von Watts, von eigentümlichem Farbengemisch, die von einem kranken Gustav Moreau entworfen und von einem blutarmen Michel-Angelo ausgeführt sein konnten.

Unter anderm erinnerte er sich einer »Denunziation des Kain« und einer »Ida«.

Alle diese Gemälde traten vor sein Gedächtnis. Der Kommis, erstaunt, diesen Käufer so in Gedanken verloren am Tische sitzen zu sehen, fragte ihn endlich, ob er schon eine Wahl getroffen habe.

Der Herzog starrte ihn ganz verdutzt an, entschuldigte sich, kaufte einen Baedeker und ging hinaus.

Die feuchte Luft machte ihn schaudern, der Wind blies von der Seite her und peitschte den Regen unter die Arkaden.

»Fahrt ein paar Schritte weiter!« rief er dem Kutscher zu, indem er ihm mit dem Finger einen Laden am Ende des Bogenganges bezeichnete, der die Ecke der Rue de Rivoli und der Rue Castiglione bildete und, von innen erhellt, mit seinen weisslichen Scheiben einer riesigen Nachtlampe glich, die in dem Missbehagen dieses Nebels und in dem Elend dieses abscheulichen Wetters den Spaziergänger lockte.

Es war die »Bodega«.

Der Herzog ging in einen grossen Saal, der sich zu einem langen Gang formte und von gusseisernen Pfeilern getragen war. An den Seitenwänden lagerten hohe Fässer, die mit königlichen Wappen bemalt waren und in farbigen Aufschriften den Namen ihres Inhalts bezeichneten.

In dem freigelassenen Raume zwischen den Fässern, unter den summenden Flammen einer abscheulich hässlichen, eisengrau bemalten Gaskrone standen Tische mit Körben voll trockenen oder salzigen Gebäcks, mit Tellern, auf welchen Brötchen gehäuft lagen, die mit scharfer, senfhaltiger Butter bestrichen oder mit altem Holländerkäse belegt waren.

Ein Dunst von Alkohol schlug dem Herzog entgegen, als er in dem Saal Platz nahm.

Der Saal war mit Menschen angefüllt; um ihn herum wimmelte es von Engländern: blasse Geistliche von lächerlichem Aussehen, vom Kopf bis zu den Füssen in Schwarz gekleidet, mit weichen Hüten, geschnürten Schuhen, in endlosen Röcken, die auf der Brust mit kleinen Knöpfen besetzt waren, mit glattem Kinn, runden Brillen und glattem, fettigem Haar; aufgedunsene Weingesichter früherer Schweinehändler und Bulldoggengesichter mit Ohren wie Tomaten, blauroten Backen und Nase, blöden, blutunterlaufenen Augen und Bärten, die ihnen ein Pavian-Ansehen gaben.

Eine eigentümliche Erschlaffung befiel den Herzog in dieser Wachtstubenatmosphäre; betäubt von dem Geschwätz der um ihn herumsitzenden Engländer träumte er, und aus dem purpurnen Inhalt seines mit Portwein gefüllten Glases stiegen die Dickens'schen Typen herauf, die so gern tranken, und bevölkerten so den Raum mit neuen imaginären Gestalten.

Er sah hier die weissen Haare und den feuerroten Teint Wickfields; dort das phlegmatische und schlaue Gesicht mit dem unversöhnlichen Blick Tulkinghorns, des unheimlichen Sachwalters von Bleak-House.

Ganz klar und bestimmt sonderten sich jetzt alle diese Figuren in seiner Erinnerung ab und liessen sich mit ihren Bewegungen in der Bodega nieder; sein Gedächtnis, durch die kürzliche Lektüre aufgefrischt, vergegenwärtigte ihm alles in den klarsten Farben.

Die Stadt, in der der Romanschreiber gelebt, das hell erleuchtete Haus, schön durchwärmt, gut versorgt und verschlossen, wo der Wein sorgsam eingeschenkt wurde von der kleinen Dorrit, Dora Copperfield und der Schwester des Tom Pinch, erschienen ihm eine wohlige Arche in einer Sündflut von Schmutz.

Er faulenzte in diesem erträumten London, glücklich, in Sicherheit zu sein.

Sein Glas war leer. Trotz des dichten Dunstes, der in dem grossen Raum herrschte, erhöht durch den Rauch von Cigarren und Pfeifen, empfand er ein leichtes Frösteln.

Er bestellte ein Glas Amontillado. Dieser herbe, helle Wein zerstörte die sanften Geschichten des englischen Dichters sehr bald und die aufregend rauhen Phantasieen des Edgar Poë tauchten wieder vor ihm auf. Plötzlich bemerkte er, dass er beinahe ganz allein in dem grossen Saal war, die Dinerstunde war nahe; er zahlte und erhob sich hastig von seinem Sitz und gewann ganz betäubt die Thür.

Als er hinaustrat, schlug ihm der Regen heftig ins Gesicht, die Flammen der Strassenlaternen flackerten ängstlich hin und her.

Der Herzog betrachtete die Arkaden der Rue de Rivoli, die mit Wasser überschwemmt sich im Schatten verloren, und es war ihm, als wenn er sich im düstern Tunnel unter der Themse befand; doch eine gewisse Leere im Magen, die sich sehr fühlbar machte, rief ihn in die Wirklichkeit zurück.

Er ging zu seinem Wagen und befahl dem Kutscher nach einem englischen Restaurant in der Rue d'Amsterdam, nahe dem Bahnhof, zu fahren. Er sah nach der Uhr: es war gerade sieben. Er hatte also noch Zeit zu speisen; der Zug ging erst um acht Uhr fünfzig Minuten, und an seinen Fingern zählend, berechnete er ungefähr die Stunden der Überfahrt von Dieppe nach Newhaven und sagte sich:

»Morgen Mittag um halb eins werde ich in London sein.«

Der Fiaker hielt vor dem Restaurant still; wiederum stieg der Herzog aus und schritt in einen langen schmucklosen Saal.

Zahlreiche Bierpumpen waren auf dem Schenktisch aufgestellt, daneben lagen Schinken, so stark geräuchert, dass sie wie alte Violinen aussahen, Hummern wie mit rotem Bleioxyd gefärbt, marinierte Makrelen, die in einer trüben Sauce schwammen.

Er nahm in einer der leeren Nischen Platz und rief einen jungen Mann in schwarzem Anzug, der sich verbeugte und ihm etwas in einem unverständlichen Kauderwelsch erzählte.

Während man den Tisch deckte, musterte der Herzog seine Nachbarn. Es waren wie in der Bodega Söhne Albions, mit den bekannten Fayence-Augen, mit karmoisinrotem Teint, die mit bedächtiger und anmassender Miene auswärtige Zeitungen lasen.

Damen ohne Herrenbegleitung speisten miteinander, robuste Engländerinnen mit männlichen Zügen und Zähnen so breit und gross wie Klaviertasten, mit vorstehenden Backenknochen, langen Händen und noch längeren Füssen.

Sie fielen mit wahrem Heisshunger über die gebrachten Gerichte her, die mit überraschender Geschwindigkeit verschwanden.

Da er schon seit langem keinen Appetit mehr verspürt, war er von der Gefrässigkeit dieser Frauenzimmer ganz verblüfft, fühlte aber, dass seine Esslust dadurch angeregt wurde.

Er bestellte eine Oxtailsuppe und ass mit nicht geringem Behagen diese kräftige Brühe. Darauf wählte er einen Haddock, eine Art geräucherten Stockfisch, der ihm sehr schmackhaft schien, und da er die anderen so einhauen sah, so ass auch er noch ein Roastbeef mit Kartoffeln und trank zwei Glas Ale dazu, das ihn durch seinen herben, eigentümlichen Geschmack reizte.

Sein Hunger war bald gestillt, doch verarbeitete er noch ein Stück Stiltonkäse und beendete sein Diner mit einer Rhabarbertorte und der Abwechslung wegen befriedigte er seinen Durst noch mit einem Glas Porter.

Er atmete auf; seit Jahren hatte er nicht soviel gegessen und getrunken, diese Veränderung in seinen Gewohnheiten, diese Wahl unvermuteter, schwerer Nahrung hatte seinen Magen seiner schwerfälligen Ruhe entzogen. Er drückte sich tiefer in seinen Stuhl, zündete eine Cigarette an und machte sich daran, eine Tasse Kaffee, in den er Gin goss, zu schlürfen.

Der Regen fiel noch immer in Strömen vom Himmel, er hörte ihn auf das Glasdach prasseln, das den Hintergrund des Saales überdeckte, und wie in Wasserfällen aus den Dachrinnen stürzen. Niemand rührte sich im Saal, alle Gäste waren froh, hier im Trockenen und vor ihren gefüllten Gläsern zu sitzen.

Die Zungen lösten sich, und da fast alle diese Engländer beim Sprechen die Augen in die Höhe hoben, schloss der Herzog daraus, dass sie sich über das schlechte Wetter unterhielten. Nicht einer lachte. Fast alle waren in grauen, gelb und rosa gesprenkelten Cheviot gekleidet.

Er warf einen entzückten Blick auf seinen Anzug, der in Farbe und Schnitt wenig von dem der andern abstach, und es war ihm eine Befriedigung, in ihrer Mitte durchaus nicht aufzufallen.

Da schreckte er plötzlich auf.

»Und die Stunde der Abfahrt?« ...

Er zog rasch seine Uhr, sie zeigte jetzt sieben Uhr fünfzig Minuten.

»Ich habe also noch eine halbe Stunde Zeit hier zu bleiben,« murmelte er und überdachte nochmals den Plan, den er gemacht hatte.

In seinem zurückgezogenen Leben hatten ihn nur zwei Länder angezogen: Holland und England.

Er hatte den ersten seiner Wünsche befriedigt; eines schönen Tages, als er es nicht mehr aushalten konnte, hatte er Paris verlassen und die Städte der Niederlande eine nach der andern besichtigt.

Im ganzen genommen hatte er nur Enttäuschungen auf dieser Reise erlebt. Hatte er sich doch ein Holland nach den Werken von Teniers und Steen, von Rembrandt und Ostade vorgestellt; er hoffte Kirmesse, beständige Schmausereien auf dem Lande und die von den alten Meistern so gepriesene patriarchalische Gutmütigkeit und joviale Liederlichkeit zu finden.

Zwar hatten ihn Haarlem und Amsterdam bezaubert mit dem noch ungehobelten Benehmen des Volkes auf dem Lande. Aber von der ungezügelten Fröhlichkeit und der harmlosen Völlerei hatte er keine Spur bemerkt. Kurz, er musste zugeben, dass ihn die holländische Schule des Louvre genasführt hatte. Sie war ihm nur ein Sprungbrett zu seinen Träumen gewesen.

Von alledem war nichts zu sehen; Holland war ein Land wie alle anderen.

Er sah von neuem nach der Uhr: es fehlten noch zehn Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Es war die höchste Zeit, die Rechnung zu begleichen und hinüberzugehen.

Er verspürte plötzlich eine ausserordentliche Schwere im Magen wie im ganzen Körper.

»Mut!« murmelte er, und noch schnell ein Glas Brandy hinunterstürzend, verlangte er seine Rechnung.

Ein Individuum in schwarzem Frack und einer Serviette unter dem Arm, mit spitzem, kahlem Schädel, steifem grauen Backenbart trat heran, einen Bleistift hinter dem Ohr, und ein Bein vor das andere stellend, zog er ein Notizbuch aus seiner Tasche und, ohne sein Papier anzusehen, die Augen auf die Gaskrone gerichtet, schrieb er alles auf und berechnete die Zeche.

»Hier,« sagte er, das Blatt aus seinem Buche reissend und es dem Herzog überreichend, der ihn neugierig ansah.

»Welch seltsamer John Bull,« dachte er.

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür der Kneipe, Leute kamen herein, die einen Geruch wie von durchnässten Pudeln mitbrachten. Eine süsse und wohlige Erschlaffung bemächtigte sich des Herzogs Jean; er fühlte sich unfähig, seine Beine zu bewegen, ja selbst die Hand auszustrecken, um sich eine Cigarre anzuzünden.

»Vorwärts, es ist die höchste Zeit!« sagte er sich, ohne sich zu rühren.

Wozu war es nötig, in grösster Eile fortzustürzen, wenn man so bequem und so prächtig auf einem Stuhl reisen konnte?

War er nicht eigentlich schon in London, dessen Geruch, dessen Atmosphäre, dessen Einwohner, dessen Futter, dessen Geräte ihn umgaben?