Part 8
An der Spitze der Fata morgana ehemaliger Geliebten, welche der Genuss dieses Bonbons in klaren Zügen zu zeichnen half, befand sich eine mit grossen weissen Zähnen, mit einer Haut wie von rosa Atlas, die Nase wie gemeisselt, mit kleinen Mäuseaugen und kurz abgeschnittenem blonden Haar.
Sie hiess Miss Urania, war Amerikanerin und eine der berühmtesten Akrobatinnen des Cirkus, deren schön proportionierter Körper, kräftige Schenkel und Muskeln von Stahl und Eisen Aufsehen erregte.
Herzog Jean hatte sie während langer Abende aufmerksam beobachtet; die ersten Male war sie ihm wie sie wirklich war erschienen, das heisst kräftig und hübsch, aber der Wunsch, sich ihr zu nähern, packte ihn nicht; sie besass nichts, was sie der Lüsternheit eines blasierten Menschen begehrlich machen konnte, und doch ging er wieder nach dem Cirkus hin, angelockt, ohne zu wissen wovon, getrieben von einem schwer zu erklärenden Gefühl.
Während er ihre Bewegungen verfolgte, machte er eine sonderbare Beobachtung; in dem Masse, wie er ihre Geschmeidigkeit und ihre Kraft bewunderte, sah er eine Geschlechtsveränderung mit ihr vorgehen: ihre zierlichen und weiblichen Bewegungen verwischten sich mehr und mehr, während sich die gewandten und kräftigen Reize des Mannes dafür vordrängten; kurz, nachdem sie sich zuerst als Weib gezeigt, dann für eine kurze Zeit geschlechtslos gewesen war, schien sie vollständig Mann geworden zu sein. »Diese Akrobatin könnte sich, wie sich ein kräftiger Kerl in ein zartes Mädchen verliebt, auch in einen Schwächling, wie ich es bin, verlieben,« sagte sich der Herzog; und indem er sich betrachtete und Vergleiche zog, wurde es ihm klar, dass er immer femininer wurde; und er sehnte sich nach dem Besitz dieser Frau und begehrte sie, wie sich ein bleichsüchtiges junges Mädchen wohl nach einem robusten Manne sehnt, dessen Liebkosungen sie zu erdrücken drohen.
Dieser Austausch des Geschlechtes zwischen der Akrobatin und ihm begeisterte ihn. »Wir sind für einander bestimmt,« überzeugte er sich selbst.
Eines schönen Abends entschloss er sich, die Logenschliesserin abzuschicken. Aber Miss Urania hielt es für angemessen, ihm nicht eher Gehör zu schenken, bis er ihr den üblichen Hof gemacht; doch zeigte sie sich wenig grausam, denn durch Hörensagen wusste sie, dass der Herzog des Esseintes reich war und dass sein Name genügte, um eine Frau in Mode zu bringen.
Aber sobald seine Wünsche Erhörung gefunden hatten, übertraf seine Enttäuschung alle bisherige Erfahrung. Er hatte sich die Akrobatin dumm und roh wie einen Jahrmarktsringer vorgestellt, ihre Dummheit war aber unglücklicherweise nur weiblich. Gewiss, es fehlte ihr an Erziehung und an Takt, sie hatte weder Verstand noch Geist und sie bewies bei Tisch einen tierischen Eifer, anderseits aber waren alle kindlichen Gefühle des Weibes in ihr vorhanden; sie schwatzte auch und kokettierte wie alle von ihren Albernheiten eingenommenen Frauenzimmer.
Dabei bewahrte sie im Bett eine puritanische Zurückhaltung und zeigte keine jener athletischen Roheiten, die er ersehnte, aber auch gleichzeitig fürchtete. Sie war nicht, wie er es einen Augenblick gehofft, den Aufregungen ihres Geschlechts unterworfen. Doch wenn er den Mangel ihrer Sinnlichkeit recht untersucht hätte, so würde er eine Neigung zu einem zarten, schmächtigen Wesen, zu einem ihm ganz entgegengesetzten Temperamente, einem mageren Clown, entdeckt haben.
Unglücklicherweise trat der junge Herzog wieder in die einen Moment vergessene Männerrolle zurück; seine Eindrücke von weiblicher Natur, von Schwäche, verschwanden; die Illusion war nicht mehr möglich. Miss Urania war eine ganz gewöhnliche Maitresse, die in keiner Weise den neugierigen Erwartungen des Gehirns entsprach, die sie anfangs hervorgerufen hatte.
Obgleich der Reiz ihrer weichen, frischen Haut, ihrer prächtigen Schönheit den Herzog zuerst überrascht und bei ihr zurückgehalten hatte, suchte er dieses Verhältnis schnell wieder zu lösen und den Bruch zu beschleunigen, denn seine frühzeitige Impotenz verschlimmerte sich noch bei den eisigen Liebkosungen, bei dem gezierten Wesen dieses Mädchens.
Und doch war sie die erste, die vor ihm stehen blieb bei dem ununterbrochenen Vorbeimarsch dieser wollüstigen Bilder; wenn sie sich aber schliesslich seinem Gedächtnis doch fester eingeprägt hatte als eine Menge anderer, deren Reize weniger trügerisch und deren Genüsse weniger beschränkt gewesen waren, so lag das an dem gesunden und kräftigen Geruch ihres weiblichen Körpers; dieser Überfluss an Gesundheit war das Gegenteil der Blutarmut, die man mit Parfüms auffrischte, deren feinen Geruch er in dem zarten Siraudin-Bonbon wiederfand.
Er gedachte seiner andern Geliebten. Sie drängten sich wie eine Herde in seinem Gehirn zusammen, doch alle überragte ein Weib, dessen eigentümlicher Reiz ihn während mehrerer Monate aussergewöhnlich gefesselt hatte.
Es war eine kleine, magere Brünette mit schwarzen Augen und pomadisierten Haaren, die auf dem Kopfe wie mit einem Pinsel angeklebt waren, mit einem Scheitel auf der linken Seite, der ihr das Aussehen eines Jungen gab.
Er hatte sie in einem Café-Konzert kennen gelernt, wo sie Bauchredner-Vorstellungen gab.
Zum Erstaunen der Zuschauer, die sich fast unbehaglich bei diesen Ausführungen fühlten, liess sie abwechselnd Kinder aus Pappe sprechen, die wie Orgelpfeifen auf Stühlen aufgestellt waren.
Herzog Jean war bezaubert gewesen; eine Menge von Ideen keimten in ihm auf. Zuerst beeilte er sich, die Bauchrednerin mit Haufen von Banknoten zu bändigen, da sie ihm gerade wegen des Kontrastes, den sie zu der Amerikanerin bildete, gefiel. Diese kleine Brünette brannte wie ein Krater; aber trotz all ihrer angewandten künstlichen Mittel erschöpfte sich der Herzog in wenigen Stunden; er fuhr indessen fort, sich willfährig von ihr ausziehen zu lassen, denn mehr als die Geliebte zog ihn das Phänomen an.
Endlich waren die Pläne, die er gemacht hatte, gereift.
Er liess eines Abends eine Sphinx aus schwarzem Marmor bringen, in der klassischen Stellung liegend, mit ausgestreckten Tatzen, mit steifem, geradem Kopf, und eine Chimäre aus buntem Thon, mit gesträubter Mähne, wilde Blicke werfend, mit den Strähnen ihres Schweifes ihre geschwollenen Seiten fächelnd. Er stellte die beiden Tiere in seinem Zimmer auf und löschte die Lampen aus. Die glühenden Kohlen im Kamin glommen weiter und vergrösserten alle Gegenstände, die wie im Schatten verschwanden.
Dann streckte er sich auf dem Sofa aus, nahe seiner Geliebten, deren unbewegliches Gesicht von dem Schein der Glut erleuchtet wurde, und wartete.
Mit seltsamen Tönen und Ausdrücken, welche er sie lange und geduldig vorher hatte einüben lassen, belebte sie, ohne die Lippen zu bewegen, ohne sie nur anzusehen, die beiden Ungeheuer.
Und in der Stille der Nacht begann jetzt der wunderbare Dialog zwischen der Chimäre und der Sphinx, vorgetragen mit tiefen, rauhen Kehllauten, dann in scharfer, feiner Stimme:
»Hier, Chimäre, halte still.«
»Nie und nimmer.«
Gewiegt von der entzückenden Prosa Flauberts, hörte er schwer atmend das schreckliche Duett, und ein Schauder durchflog ihn vom Nacken bis zur Zehe, als die Chimäre die feierlichen und zauberhaften Worte ausspricht:
»Ich suche neue Wohlgerüche, prächtigere Blumen, unbekannte Genüsse.« --
Ach! es war ihm, als ob diese Stimme zu ihm selbst, geheimnisvoll, wie in einer Beschwörung, sprach.
Das ganze Elend seiner eigenen nutzlosen Anstrengungen strömte ihm zum Herzen zurück. Sanft umfasste er das schweigende Weib wie ein ungetröstetes Kind; nicht einmal das verdriessliche Gesicht der Komödiantin beachtete er, die genötigt war, eine Scene zu spielen und ihr Handwerk noch während ihrer Mussestunden auszuüben.
Ihr Verhältnis dauerte fort, doch bald verschlimmerte sich die Schwäche des Herzogs; die Aufwallungen seines Gehirns schmolzen nicht mehr das Eis seines Körpers; die Nerven gehorchten nicht mehr seinem Willen; die leidenschaftlichen Thorheiten der Greise beherrschten ihn. Da er sich mehr und mehr bei seiner Geliebten schwach werden fühlte, nahm er seine Zuflucht zu dem wirksamsten Hilfsmittel der alten und unbeständigen Aufreizung, zu der Furcht.
Während er seine Maitresse in seinen Armen hielt, erscholl hinter der Thür eine rauhe Säuferstimme: »Wirst du gleich öffnen? Ich weiss sehr gut, dass du mit einem reichen Gimpel zusammen bist, na warte nur, du Schlange!«
Wie die Wüstlinge in der Gefahr einen Reiz empfinden und im Freien, auf den Böschungen, im Garten der Tuilerieen, im Wald oder auf einer Bank ihre Sinnlichkeit befriedigen, so fand der Herzog vorübergehend seine Kräfte wieder und stürzte sich auf die Bauchrednerin, deren Stimme hinter der Thür tobte, und empfand unerhörte Genüsse in diesem Herumstossen, in dieser Angst des Mannes, der sich in Gefahr befindet.
Unglücklicherweise waren diese Freuden von kurzer Dauer, denn trotz der enormen Summen, die er der Bauchrednerin bezahlte, verabschiedete ihn diese schliesslich und gab sich noch demselben Abend einem strammen Burschen hin, dessen Ansprüche weniger kompliziert, dessen Lenden aber kräftiger waren.
Diese Komödiantin hatte er wirklich bedauert und bei der Erinnerung an ihre Geschicklichkeit schienen ihm die andern Frauen anmutlos.
Eines Tages, da er allein in der Avenue de Latour-Maubourg spazieren ging, in seine Betrachtungen und seinen Widerwillen gegen das weibliche Geschlecht vertieft, wurde er nahe bei der Esplanade des Invalides von einem jungen Menschen angeredet, der ihn bat, ihm den kürzesten Weg nach der Rue de Babylone zu zeigen.
Herzog Jean bezeichnete ihm den Weg, welchen er einzuschlagen hatte, und da auch er die Esplanade entlang ging, so schritten sie zusammen weiter.
»Sie glauben, dass es, wenn ich links gehen würde, ein Umweg wäre,« fuhr der junge Mann zu fragen fort, »man hatte mir gesagt, die Avenue in schräger Richtung zu verfolgen« ... seine Stimme klang leise und schüchtern, fast bittend.
Der Herzog betrachtete ihn näher. Er schien aus dem Gymnasium gekommen zu sein, war ärmlich gekleidet, trug eine kurze Jacke aus Cheviot, eine schwarze enge Hose, niedergeschlagenen Kragen und eine lose dunkelblaue Krawatte mit weissen Punkten.
In der Hand hielt er ein Schulbuch und hatte auf dem Kopf einen runden braunen Hut mit glattem Rand.
Sein Gesicht war beunruhigend; blass und müde, doch ziemlich regelmässig und von langem, schwarzem Haar umrahmt; er hatte grosse feuchte Augen mit blauen Rändern, um die Nase herum einige Sommersprossen und einen kleinen Mund mit starken Lippen, die in der Mitte wie eine Kirsche gespalten waren.
Sie sahen sich eine Weile an, gerade ins Gesicht, dann schlug der junge Mensch die Augen nieder und kam näher; sein Arm streifte bald den des Herzogs, der seinen Schritt mässigte und nachdenklich den wiegenden Gang des Jünglings betrachtete.
Und aus dieser zufälligen Begegnung war eine Freundschaft entstanden, die sich Monate lang hinzog.
Der Herzog dachte mit Schaudern an sie zurück, niemals hatte er einen anziehenderen und herrischeren Pakt ertragen, niemals hatte er solche Gefahren gekannt und niemals noch sich so schmerzhaft befriedigt gefühlt.
Unter allen Erinnerungen, die ihn in seiner Einsamkeit bestürmten, beherrschte dieses Liebesverhältnis alle andern. --
Jetzt erwachte er aus seinen Träumereien, gebrochen, vernichtet, sterbend, und schnell alle Lichte und Lampen anzündend, hoffte er in dieser Flut von Licht weniger deutlich das dumpfe, unaufhörliche, unausstehliche Klopfen der Pulsadern zu vernehmen.
ZEHNTES KAPITEL.
Während dieser seltsamen Krankheit, die blutarme Menschen hinwegrafft, traten plötzlich kurze Pausen der Krisen ein. Ohne dass er sich ihren Grund zu erklären vermochte, wachte der Herzog eines Tages ganz kräftig auf. Da war nichts mehr von aufreibendem Husten zu spüren, keine stechenden Schmerzen mehr im Nacken, nur ein unbeschreibliches Gefühl von Wohlbehagen, eine Leichtigkeit des Hirns, dessen Gedanken sich erhellten.
Dieser Zustand währte mehrere Tage; dann plötzlich zeigten sich eines Nachmittags wiederum Hallucinationen des Geruchssinnes.
Sein Zimmer duftete wie von Backwerk und Parfüm; er sah nach, ob nicht ein geöffnetes Flacon umherstand; doch nirgends war ein solches zu finden. Er lief durch alle seine Gemächer: der Geruch dauerte fort.
Er klingelte seinem Diener:
»Riechen Sie nichts?« fragte er.
Der alte Mann erklärte, dass er keinen Blumengeruch bemerke: es konnte kein Zweifel mehr bestehen, das Nervenleiden zeigte sich wieder unter einer neuen Sinnestäuschung.
Gelangweilt von der Hartnäckigkeit dieses eingebildeten Aromas, beschloss er, sich in wirkliche Parfüms zu tauchen, hoffend, dass diese Nasenhomöopathie ihn heilen, oder wenigstens die Verfolgung des lästigen Geruches aufhören würde.
Er begab sich in sein Ankleidezimmer. Dort standen nahe bei einem antiken Taufbecken, das ihm als Waschgefäss diente, unter einem breiten Spiegel von getriebenem Eisen Flaschen in allen Grössen und allen Formen auf Etageren aus Elfenbein übereinander.
Er stellte sie auf einen Tisch und teilte sie in zwei Serien: die eine mit einfachen Parfüms, Extrakten und Spiritussen, die andere mit zusammengesetzten Parfüms, die man mit dem allgemeinen Ausdruck »Bouquets« bezeichnet.
Er drückte sich in seinen Sessel und sammelte sich.
Er war schon seit Jahren in der Wissenschaft des Riechens geübt und war überzeugt, dass man durch den Geruch die gleichen Genüsse empfinden könne wie durch das Gehör und das Gesicht, indem jeder Sinn infolge einer natürlichen Neigung und Angewöhnung genugsam empfindlich sei, neue Eindrücke aufzunehmen, sie zu verzehnfachen und zu verarbeiten.
In der Kunst der Parfümbereitung hatte ihn eine Seite vor allem angezogen, nämlich die der künstlichen Genauigkeit.
Das Parfüm stammt fast niemals von den Blumen, deren Namen es trägt; der Fabrikant, der es wagen würde, nur einzig der Natur ihre Elemente zu entlehnen, würde doch nur ein unechtes Werk schaffen, ohne Natürlichkeit.
Mit Ausnahme des unnachahmlichen Jasmin, welcher keine Fälschung zulässt, sind alle Blumengerüche genau durch Verbindungen mit aromatischem Weingeist und Spiritus darstellbar.
Nach und nach hatten sich die geheimen Operationen dieser so arg vernachlässigten Kunst vor dem Herzog erschlossen, der ihren geheimen Wegen nachging.
Um dies zu erreichen, hatte er zuerst die Grammatik durchgearbeitet, die Syntax der Gerüche erlernt, wie auch die Regeln, die sie regieren, ergründet. Mit dieser Sprache einmal vertraut, musste er die Werke der Meister wie Atkinson und Lubin, Chardin und Violet, Legrand und Piesse vergleichen, die Konstruktion ihrer Sätze zerlegen, das Verhältnis ihrer Worte und die Aufstellung ihrer Satzgefüge abwägen.
Die klassische Parfümerie war ziemlich einförmig, fast farblos, vor langer Zeit von Chemikern in eine gleichmässige Form gegossen.
Ihre Geschichte folgte Schritt für Schritt der Sprache unserer Zeit.
Der parfümierte Stil Ludwigs XIII., aus teuren Bestandteilen zusammengesetzt, aus Iris, Moschus, Zibeth-Puder, Myrtenwasser, schon damals unter dem Namen »Eau des Anges« bekannt, war kaum genügend, um die ungezwungenen Reize, die etwas rohen Färbungen jener Zeit auszudrücken, welche uns gewisse Sonette von Saint-Armand aufbewahrt haben.
Später, mit der Myrrhe, dem Oliban, einer Art Weihrauch, wurden die mystischen Wohlgerüche kräftig und streng; die pomphafte Art des grossen Jahrhunderts, die weitschweifigen Feinheiten der Redekunst, der breite, getragene Stil Bossuets und der Kanzelredner fanden ihren Niederschlag. Noch später fanden die erschlafften, kunstvollen Reize der französischen Gesellschaft unter Ludwig XV. leichter ihren Dolmetscher in dem Frangipan und dem Maréchale, die gleichsam die Synthese dieser Epoche selbst gaben. Dann, nach der Langeweile und Gleichgültigkeit des ersten Kaiserreichs, in dem man die Eaux de Cologne sowie die Präparationen von Rosmarin missbrauchte, stürzte sich die Parfümerie hinter Victor Hugo und Gautier her in das Land der Sonne; sie schuf orientalische Wohlgerüche, scharfwürzige Bouquets, entdeckte neue Zusammenstellungen, bis jetzt nicht gewagte Gegensätze, wählte aus und nahm wieder alte Nüancen auf, welche sie komplizierte, verfeinerte und passend zusammensetzte. Sie verwarf schliesslich energisch diese freiwillige Abgelebtheit, zu welcher sie Malesherbes, Boileau, Andrieux, Baour-Lormian herabgesetzt hatten, diese niedrigen Destillateure ihrer Gedichte.
Aber auch seit der Periode von 1830 war diese Sprache nicht stehen geblieben. Sie hatte sich noch weiter fortentwickelt und, sich nach dem Gang des Jahrhunderts formend, war sie gleichlaufend mit den andern Künsten vorgeschritten, hatte sich auch den Wünschen der Kunstfreunde und Künstler gefügt, sich auf die Chinesen und Japaner gestürzt, duftende Stammbücher erfunden, Blumensträusse von Takéoka nachgeahmt, durch Mischungen von Lavendel und Goldlack den Geruch des Rondeletia, durch eine Verbindung von Patschuli und Kampfer den sonderbaren Duft der chinesischen Tinte, durch die Zusammensetzung von Citrone, Levkoje und Pommeranzblütessenz die Ausströmung des japanesischen Hovénia erhalten.
Der Herzog studierte und analysierte die Seele dieser Fluida, machte die Exegese dieser Texte; er gefiel sich zu seiner eigenen Befriedigung darin, die Rolle eines Psychologen zu spielen, das Räderwerk auseinander zu nehmen und wieder zusammenzustellen, die Stücke abzuschrauben, die die Struktur einer zusammengesetzten Ausströmung bildeten, und bei dieser Ausübung hatte sein Geruchssinn die Sicherheit eines fast unfehlbaren Prüfsteins erlangt.
Wie ein Weinhändler das Gewächs an einem Tropfen, den er schlürft, erkennt, wie ein Hopfenhändler an dem Geruch des Sackes den genauen Wert der Ware bestimmen kann, wie ein chinesischer Kaufmann sofort die Herkunft des Thees, der ihm vorgehalten wird, anzugeben vermag und sagen kann, auf welchen Pachtungen des Berges Bohées, in welchen buddhistischen Klöstern er gezogen ist, und selbst den Zeitpunkt, an dem seine Blätter gepflückt, und den Grad des Dörrens zu bezeichnen weiss, sowie den Einfluss, dem er in der Nähe der Pflaumenblüte, der Aglaia, der duftenden Olea, aller dieser Wohlgerüche ausgesetzt gewesen ist, die dazu dienen, seine Natur zu verändern, eine unvermutete Steigerung hervorzurufen und in seinem trockenen Geruch einen Duft ferner frischer Blumen zu erzeugen -- ebenso konnte der Herzog auch, wenn er nur ein Tröpfchen Parfüm einatmete, gleich die Dosis seiner Mischung hernennen, die Psychologie seiner Mixtur erklären und den Künstler erkennen, der das Aroma hergestellt und ihm die persönliche Marke seines Stils aufgedrückt hatte.
Es versteht sich von selbst, dass er die Sammlung aller von den Parfümeuren angewendeten Produkte besass; er hatte selbst das echte Mekkabalsamkraut, dieses seltene Kraut, das nur in gewissen Teilen des steinigen Arabiens wächst und dessen Monopol dem Sultan gehört. --
Und nun sass Herzog Jean in seinem Ankleidezimmer und sann darauf, ein neues Bouquet zu erfinden, er war von dem Augenblick des Zögerns erfasst, den die Schriftsteller nur zu gut kennen, wenn sie nach Monaten der Ruhe ein neues Werk beginnen.
Ebenso wie Balzac, der von dem unabweislichen Bedürfnis verfolgt war, erst viel Papier zu bekritzeln, ehe er imstande war zu schreiben, so erkannte Herzog Jean die Notwendigkeit, sich erst durch einige leichtere Arbeiten in Gang zu bringen.
Er fing an, die Flaschen mit Mandeln und Vanille zu wägen, um Heliotrop herzustellen, dann besann er sich anders und entschloss sich, mit der Riecherbse zu beginnen.
Die Formel, das Verfahren waren ihm entfallen; er tastete. Im allgemeinen herrscht bei dem Duft dieser Blume die Orange vor; er versuchte mehrere Zusammensetzungen und erreichte schliesslich den richtigen Ton, indem er der Orange die Tuberose und die Rose hinzufügte, welche er mit einem Tropfen Vanille verband.
Die Ungewissheiten verschwanden; ein leichtes Fieber erfasste ihn, er fühlte sich zur Arbeit angeregt und beschloss, weiter zu gehen und einen fulminanten Satz loszulassen, dessen stolzes Geprassel das Geflüster dieses arglistigen Parfüms niederwerfen würde, der noch immer im Zimmer lastete.
Er experimentierte mit dem Amber, dem Tonkin-Moschus, dem Patschuli, dem schärfsten aller vegetabilischen Parfüms, dessen Blume einen Geruch von Schimmel und Rost ausströmt.
Aber was er auch versuchte, die Liebeleien des XVIII. Jahrhunderts verfolgten ihn; die Reifröcke und seidenen Garnierungen schwebten vor seinen Augen, die Erinnerungen der Venusse von Boucher, aus vollem Fleisch, ohne Knochen, in üppigster Gestalt, liessen sich an seinen Wänden nieder; der Rückblick auf den Roman Thermidor, auf die entzückende Rosette mit hochgeschürztem Rock peinigte ihn.
Wütend stand er auf, und um sich frei zu machen, sog er mit aller Kraft die reine Essenz des Spika-Nard ein, der den Orientalen so teuer und den Europäern so unangenehm ist wegen seines zu starken Geruchs von Baldrian. Er war fast betäubt von der Heftigkeit der Erschütterung.
Wie durch einen Hammerschlag zermalmt verschwand das Filigran des zarten Duftes.
Früher hatte er sich gern in Akkorden von Düften gewiegt; er gebrauchte ähnliche Effekte wie die der Poeten, wendete gewissermassen die vortreffliche Anordnung der Stücke von Baudelaire an, wie zum Beispiel in »L'Irréparable« und »Le Balcon«, wo der letzte der fünf Verse, welche die Strophe bilden, das Echo des ersten ist und wie ein Refrain zurückkommt und die Seele in die Unendlichkeit von Schwermut und Sehnsucht taucht.
Er verlor sich in den Träumen, welche diese duftenden Stanzen in ihm hervorriefen; ihn verlangte, in einer wunderbaren und wechselnden Landschaft herumzustreichen, und deshalb fing er mit einem vollen und stattlichen Satz an, der plötzlich einen Durchblick auf eine grossartige Landschaft eröffnete.
Mit seinen Vaporisateuren spritzte er im Zimmer eine Essenz, aus Ambrosia, Mitcham-Lavendel, Riecherbse und Bouquet gebildet, umher, eine Essenz, die, wenn sie von einem Künstler destilliert, den Namen verdient, den man ihr zuerkannt hat: »Extrait de Pré fleuri«; in diese blühende Wiese führte er dann eine genaue Fusion von Tuberose, Orangeblüte und Mandel ein; und alsbald entstand künstlicher Flieder und der Wind schien leise durch blühende Linden zu streichen, ihre zarten Ausströmungen auf den Boden niederdrückend, welche dem Extrakt der englischen Tilia ähneln.
Dann liess er durch einen Ventilator die duftenden Wellen entfliehen, nur die Landschaft beibehaltend, die er erneute und deren Dosis er verstärkte, um ihre Rückkehr zu erzwingen.
Bald stiegen Hüttenwerke gen Himmel auf.
Ein starker Geruch von Fabriken, von chemischen Produkten verbreitete sich, und doch hauchte die Natur noch in dieser verpesteten Luft ihre süssen Düfte aus.
Der Herzog bearbeitete und wärmte zwischen seinen Fingern eine Storax-Kugel, und ein höchst eigentümlicher Geruch verbreitete sich im Zimmer, ein Geruch, widerlich und köstlich zugleich, dem entzückenden Geruch der Jonquille und dem hässlichen Gestank der Guttapercha und dem Steinkohlenöl ähnlich.
Er desinfizierte sich die Hände, legte sein Harz in einen hermetisch verschlossenen Kasten, und die Fabriken verschwanden. Dann schleuderte er zwischen die wieder belebten Linden und Wiesen einige Tropfen New Mown Hay, und mitten in der zauberhaften Landschaft, ihres Flieders beraubt, stiegen Heugarben empor, eine neue Jahreszeit suggerierend und ihre feinen Ausströmungen aushauchend.
Endlich, als er diesen Anblick genügend genossen, versprengte er eiligst noch einige exotische Parfüms, leerte seine Vaporisateure, verflüchtete seine konzentrierten Spritsorten, liess all den Balsamen die Zügel schiessen, und in dem heissen aufregenden Dunst des Raumes entwickelte sich eine wahnsinnig sublimierte Temperatur, die seinen Atem beschleunigte.