Gegen den Strich

Part 7

Chapter 73,452 wordsPublic domain

Zwei Tage später kamen mehrere Wagen. Mit der Liste in der Hand rief der Herzog seine Einkäufe auf und prüfte einen nach dem andern.

Die Gärtner hoben von ihrem Karren eine Sammlung von Caladien, die an gedunsenen haarigen Stielen enorme schildförmige Blätter trugen. Alle hatten einen Zug von Verwandtschaft miteinander, ohne sich indessen gleich zu sein.

Es waren darunter ganz ungewöhnliche rosenfarbige, solche wie die Virginale, die aus Wachstuch oder englischem Pflaster geschnitten zu sein schien; ganz weisse, wie der Alban, den man aus einer durchsichtigen Schweinsblase hergestellt glaubte; einige, besonders Madame Mame, sahen aus wie Zink, auf dem kleine Stückchen gestanzten Metalls glänzen, in kaisergrüner Farbe, wie mit Tropfen Ölfarbe, rotem Bleioxyd oder Bleiweiss bespritzt; andere, wie der Bosporus, glichen täuschend gestreiftem Kattun, rot und myrtengrün gesprenkelt; wieder andere, wie die Aurora Borealis, breiteten ihre fleischfarbenen Blätter aus, mit purpurroten Rändern und violetten Fäserchen, ein aufgeschwollenes Blatt, das rötlichen Wein und Blut schwitzte.

Die Gärtner brachten neue Varietäten, die einer künstlichen Haut, von roten Adern durchzogen glichen; und die Mehrzahl, wie zerfressen von Aussatz, spannten ihr bleiches Fleisch aus, gefleckt mit Ausschlag und behaftet mit Flechten; andere hatten den hellen rosa Ton von sich schliessenden Wunden, oder die bräunliche Färbung des sich bildenden Schorfes; noch andere waren wie von Ätzmitteln verbrüht und von Brandwunden zerstört; wieder andere zeigten eine haarige Haut wie von Geschwüren ausgehöhlt und vom Krebs zerfressen; noch andere schienen mit Verband belegt, mit quecksilberhaltiger schwarzer Schmiere und grüner Belladonnasalbe bestrichen, mit dem gelben Glimmer des Jodpulvers gesprenkelt.

»Potztausend!« rief er entzückt aus.

Eine neue Pflanze von gleichartigem Modell wie das des Caladium, die Alocasia Metallica begeisterte ihn noch mehr. Diese war wie mit einer Schicht grüner Bronze überstrichen, über welche silberne Reflexe hinliefen; es war ein Meisterwerk der Unnatürlichkeit, man möchte sagen, es gliche einem Stück Ofenrohr, von einem Töpfer aus grünem Eisen gefertigt.

Die Leute luden dann rautenförmige, flaschengrüne Blattpflanzen ab, in deren Mitte ein Stäbchen aufstieg, an dessen Ende ein grosses Herzass schwankte, gelackt wie die spanische Pfefferschote. Wie um die alltäglichen Erscheinungen der Pflanzen zu verhöhnen, sprang aus der Mitte von scharfem Rot ein fleischiger, faseriger, weiss und gelber Schwanz hervor, aufrecht bei den einen, bei den anderen geringelt wie der Schwanz eines Schweines.

Es war das Anthurium, eine Arumart, kürzlich von Kolumbia nach Frankreich eingeführt; sie bildete einen Teil dieser Familie, zu welcher auch ein Amorphophallus gehörte; eine Pflanze aus Kochinchina mit fischstecherartig geschnittenen Blättern, mit langen schwarzen, mit Narben bedeckten Stielen, gleich vernarbten Gliedern eines Negers.

Herzog Jean frohlockte.

Man hob einen neuen Schub von Ungeheuern vom Wagen: Echinopsen, deren in Watte gehüllte Blüten das hässliche Rosa eines verstümmelten Gliedes hatten; Nidularium, in Säbelscheiden eine gähnende Öffnung zeigend; Tillandsia Lindeni, schartige Messer von dicker roter Farbe hervorsteckend; Cypripedium, mit wirrigen, zerrissenen Rändern, eine wahnsinnige Hervorbringung der Natur. Sie glichen einer kleinen Schale, einem Holzschuh, über welchem sich eine menschliche Zunge aufschürzte mit ausgestrecktem Zungenband, wie man sie wohl in Werken, die Hals- und Mundkrankheiten behandeln, abgebildet findet. Zwei kleine Flügelchen, rot wie Ebereschen, die einer Kindermühle entnommen zu sein schienen, vervollständigten dieses lächerliche Gesamtbild.

Er konnte seine Augen nicht abwenden von dieser unglaublichen aus Indien kommenden Orchidee. Die Gärtner, durch die Zögerung gelangweilt, fingen jetzt selbst an, mit lauter Stimme die an den Töpfen steckenden Zettel vorzulesen.

Herzog Jean setzte seine Betrachtungen fort; er hörte nahezu bestürzt die rauhen Namen der grünen Pflanzen ankündigen: Encephalartos Horridus, eine riesenhaft eiserne Artischocke, rostfarbig gezeichnet, so, wie man sie auf die Thüren der Schlossmauern steckt, um das Übersteigen zu verhindern; Cocos Micania, eine Art Palme, zackig und schlank, allseitig von hohen Blättern gleich indianischen Rudern umgeben; Zamia Lehmanni, eine ungeheure Ananas, wie ein gewaltiger Chesterkäse in Heideland gepflanzt und auf seiner Spitze mit widerhakigen Wurfspiessen besät; Cibotium Spectabile, alle Gattungen durch seine wahnsinnige Form überbietend: aus einem palmigen Blätterwerk schiesst der enorme Schwanz eines Orang-Utang heraus, ein haarig brauner Schwanz, am Ende wie zu einem Bischofsstab abgerundet.

Aber der Herzog beachtete sie kaum und wartete nur mit Ungeduld die Serie von Pflanzen ab, welche ihn vor allen bezauberten, die vegetabilischen leichenfressenden Kobolde, die fleischverzehrenden Pflanzen, Gobe-Mouche, der Fliegenfänger der Antillen, mit dem faserigen Rand, eine Verdauungsflüssigkeit absondernd, mit gebogenen Stacheln versehen, die sich übereinander krümmen, ein Gitter über dem Insekt bildend, welches er einschliesst; die Drosera des Torflandes, mit drüsenartigen Haaren besetzt; die Sarracena, der Cephalothus, seine gefrässigen Hörnchen öffnend, fähig, wirkliches Fleisch zu verdauen und aufzuzehren; schliesslich noch Nepenthes, dessen Phantasieen alle Grenzen der excentrischen Form überschreiten.

Er wurde nicht müde, den Topf in seinen Händen zu drehen und umzudrehen, aus dem diese Extravaganz der Flora hervorkam. Die Pflanze erinnerte an den Gummibaum, von dem sie auch die länglichen Blätter hatte, mit ihrem dunklen metallischen Grün; aber am Ende dieses Blattes hing ein grüner Bindfaden, der sich einer Nabelschnur vergleichen lässt, eine grünliche Urne tragend, violett marmoriert, eine Art deutsche Porzellanpfeife oder sonderbares Vogelnest, welches sich ruhig hin und her wiegte, ein mit Haaren besetztes Inneres zeigend.

»Diese hat es weit gebracht,« murmelte der Herzog.

Er musste sich seinem Entzücken entreissen, denn die Gärtner, die es eilig hatten, leerten den Boden ihrer Karren und stellten knollige Begonien und schwarze Krebsblumen auf die Erde.

Der Herzog bemerkte, dass noch ein Name auf der Liste blieb. Der Cattleya von Neu-Granada; man bezeichnete ihm eine geflügelte Glocke von verwischtem, fast verblasstem Lilablau; er ging näher und steckte seine Nase hinein, doch prallte er erschrocken zurück; sie strömte nämlich einen Geruch von lackiertem Tannenholz aus, wie der von Spielzeugschachteln, die ihm die Schrecken eines Neujahrstages wachriefen.

Er dachte, dass es gut wäre, ihr zu misstrauen, bedauerte fast, zwischen den geruchlosen Pflanzen, die er besass, diese Orchidee zugelassen zu haben, die so unangenehme Erinnerungen erweckte.

Als er allein war, betrachtete er diese Menge von Gewächsen, die sein Vorzimmer füllte; sie mischten sich miteinander, kreuzten ihre Degen, ihre langen Dolche, ihre eisernen Lanzen, sie bildeten eine grüne Gewehrpyramide, über welcher, gleich barbarischen Lanzenfähnlein, Blumen von blendendem, hartem Ton schwebten.

Die Luft in dem Raum verdünnte sich; bald darauf, im Dunkel eines Winkels und nahe dem Fussboden, schlängelte sich ein weisses, sanftes Licht.

Er trat hinzu und bemerkte, dass es die Rhizomorphen waren, welche beim Atmen gleichsam einen Nachtlampenschimmer ausstrahlen.

»Diese Pflanzen sind geradezu erstaunlich,« sagte er zu sich; dann trat er zurück und warf einen Blick auf den Haufen: sein Zweck war erreicht. Keine einzige machte den Eindruck des Natürlichen; Stoff, Papier, Porzellan, Metall, sie schienen der Natur vom Menschen geliehen zu sein, um solche Extravaganzen hervorzubringen.

»Es ist wahr,« fuhr Herzog Jean fort, »dass in den meisten Fällen die Natur allein unfähig ist, solche ungesunden, verdorbenen Gattungen zu erzeugen; sie liefert den ersten Stoff, den Keim und den Boden, die Nährmutter und die wesentlichen Bestandteile der Pflanze, die der Mensch aufzieht, modelliert, malt und schnitzt je nach seinem Gefallen.

So eigensinnig, so verworren, so beschränkt sie auch ist, sie hat sich schliesslich ergeben und ihr Meister hat es dahin gebracht, durch chemische Gegenwirkungen die Substanzen der Erde zu verändern, lang gereifte Zusammenstellungen, langsam vorbereitete Kreuzungen anzuwenden, sich geschickter Ableger, methodischer Pfropfreiser zu bedienen, und er bildet jetzt auf demselben Zweig Blumen verschiedener Farbe, erfindet für sie neue Nüancen und ändert nach seinem Willen die hundertjährige Form ihrer Pflanzen; er schleift die Blöcke ab, vollendet die Entwürfe, zeichnet sie mit seinem Stempel, drückt ihnen sein Kunstsiegel auf.

Kein Zweifel,« meinte er, seine Betrachtungen zusammenfassend, »der Mensch kann in wenigen Jahren eine Zuchtwahl herbeiführen, die die faule Natur nur nach Jahrhunderten hervorzubringen vermag; heutzutage sind entschieden die Gärtner allein die wahren Künstler.«

Er fühlte sich etwas angegriffen und erstickte fast in der Atmosphäre der eingeschlossenen Pflanzen; die Wege, die er seit ein paar Tagen gemacht, hatten ihn ermüdet; der Wechsel der freien Luft und der lauwarmen Temperatur seiner Wohnung, die Unbeweglichkeit eines zurückgezogenen Lebens und die Bewegung eines freien Daseins waren zu schroff gewesen. Er verliess sein Vorzimmer und legte sich aufs Bett; aber mit einem einzigen Gegenstand beschäftigt, wie durch eine Federkraft in Bewegung gesetzt, fuhr der Geist, obgleich eingeschläfert, fort, seine Kette abzuwickeln; und es dauerte nicht lange, bis er der düstern Macht des Alps verfiel.

Er befand sich in einer Allee mitten im Gehölz. Es dämmerte; er ging an der Seite einer Frau, die er nie gekannt, noch je gesehen hatte. Sie war mager, hatte flachsgelbes Haar, ein Bulldoggengesicht voller Sommersprossen, schiefe Zähne, die unter der Stumpfnase hervorstanden. Sie trug eine grosse weisse Schürze, ein Tuch aus Büffelleder über die Brust geschlagen, halbhohe preussische Soldatenstiefel und eine schwarze Haube mit Rüschen verziert.

Sie schien eine Fremde und sah aus wie eine dem Jahrmarkt entlaufene Gauklerin.

Er fragte sich, wer dieses Weib sein möge, das er schon seit langem in seiner Intimität fühlte; er suchte vergeblich nach ihrem Ursprung, ihrem Namen, ihrem Gewerbe, ihrem Recht, neben ihm zu sein; ihm kam keine Erinnerung an diese unerklärliche Bekanntschaft, die doch zweifellos war.

Er forschte noch immer in seinem Gedächtnis, als plötzlich vor ihnen eine seltsame Figur zu Pferde erschien, die plötzlich herantrabte und sich dann im Sattel herumdrehte.

Jetzt erstarrte sein Blut vor Schreck in den Adern, wie gebannt blieb er an seinem Platz. Dieses doppelsinnige Gesicht, ohne Geschlecht, war grün, mit entsetzlichen Augen von kaltem, klarem Blau, die unter violetten Augenlidern hervorsahen; Ausschlag umgab den Mund; aussergewöhnlich magere Arme, wie die eines Skelettes, nackt bis zum Ellbogen, steckten aus zerrissenen Ärmeln hervor, zitternd vor Fieber, und fleischlose Lenden klapperten in übergrossen Reiterstiefeln.

Der entsetzliche Blick dieser Augen heftete sich auf Herzog Jean, durchdrang ihn, erstarrte ihn bis zum Mark; die Frau mit dem Bulldoggengesicht klammerte sich in wahnsinniger Angst an ihn, stiess ein Todesgeheul aus, den Kopf auf den steifen Hals hintenüber geworfen.

Und sogleich begriff er den Sinn dieser furchtbaren Erscheinung. Er hatte das Bildnis der Lustseuche vor sich.

Ausser sich und von Furcht getrieben warf er sich in einen Querweg, erreichte laufend einen Pavillon, der zwischen Ebenholzbäumen stand; dort sank er in einem Korridor auf einen Stuhl nieder.

Nach einigen Minuten, als er anfing wieder zu Atem zu kommen, vernahm er ein Schluchzen neben sich, er richtete den Kopf in die Höhe ... die Frau mit dem Bulldoggenkopf stand vor ihm; und jämmerlich grotesk weinte sie heisse Thränen, jammernd, dass sie während der Flucht ihre Zähne verloren habe, indem sie aus der Tasche ihrer grossen weissen Schürze Thonpfeifen hervorzog, die sie zerbrach, und die Stücke der weissen Röhren in die Löcher ihres Zahnfleisches steckte.

Teufel, jetzt wird sie ganz verrückt, dachte der Herzog, die Pfeifenrohrstücke werden niemals festsitzen, -- und in der That, sie fielen auch alle eines nach dem andern wieder aus.

Im selben Augenblick vernahm er den Galopp eines Pferdes. Ein furchtbarer Schreck erfasste den Herzog; fast brachen seine Kniee unter ihm zusammen; der Galopp kam näher; die Verzweiflung trieb ihn wie mit einem Peitschenhieb in die Höhe. Er warf sich auf das Weib, das auf den zerbrochenen Thonstücken herumtrampelte, sie anflehend, ruhig zu sein, sie beide nicht zu verraten durch den Lärm ihrer Stiefel. Sie schlug mit Händen und Füssen um sich, er schleifte sie bis zum Ende des Korridors, sie fast erwürgend, um sie am Schreien zu hindern; plötzlich bemerkte er eine Wirtshausthür mit grünem Laden, ohne Klinke; er stiess sie auf, nahm einen Anlauf, blieb aber plötzlich stehen.

Vor sich, mitten in einer weiten Lichtung, sah er riesige, weisse Pierrots bei hellem Mondschein Bocksprünge machen.

Thränen der Entmutigung stiegen ihm in die Augen; niemals, nein niemals würde er die Schwelle der Thür überschreiten können.

Ich würde zertreten werden, dachte er, -- und wie um seine Befürchtungen zu rechtfertigen, vervielfältigte sich die Zahl der ungeheuren Hanswurste; ihre Sprünge nahmen jetzt den ganzen Horizont und den ganzen Himmel ein, gegen welchen sie abwechselnd bald mit ihren Köpfen, bald mit ihren Füssen stiessen.

Jetzt hielt das Pferd an. Es war da, ... hinter einem runden Fenster in dem Korridor; mehr tot als lebendig drehte sich der Herzog um und sah durch das Fensterchen hindurch die steifen graden Ohren, die gelben Zähne, die Nasenlöcher, aus denen Dampf strömte, der nach Phenol roch.

Er sank nieder, auf ferneren Kampf wie auf die Flucht verzichtend; er schloss die Augen und machte sich auf alles gefasst, ersehnte selbst, nur um zu endigen, den Gnadenstoss. Ein Jahrhundert, das zweifellos nur eine Minute dauerte, verging; zitternd und schaudernd öffnete er wieder die Augen. -- Alles war verschwunden; ohne Übergang, wie durch einen Aussichtswechsel, wie durch einen Dekorationstrick sah er eine abscheuliche Landschaft von Gestein in der Ferne verschwinden, eine wüste, bleiche, durchwühlte, tote Landschaft; diese schaurige Gegend war von einem ruhigen weissen Licht erhellt, das an die Strahlen des in Öl aufgelösten Phosphors erinnerte.

Auf dem Boden bewegte sich etwas, das sich als ein sehr blasses, nacktes Weib erwies, dessen Beine mit grünen Strümpfen bekleidet waren.

Er betrachtete sie neugierig; wie mit heissem Eisen gebrannte Pferdehaare kräuselte sich ihr Haar, an der Spitze gespalten; Urnen von Nepenthes hingen an ihren Ohren; wie gekochtes Kalbfleisch glänzte das Innere ihrer weit geöffneten Nasenlöcher. Mit verzückten Augen rief sie ihn leise.

Er hatte nicht Zeit zu antworten, denn schon veränderte sich das Aussehen dieses Weibes; Flammen schossen aus ihren Augen; ihre Lippen färbten sich mit wildem feurigen Rot.

Eine plötzliche Erkenntnis überkam ihn: das ist die Blume, sagte er sich.

Er entdeckte auf der Haut des Körpers schwarzbraune, kupferrote Flecke; er schreckte verstört zurück, aber das Auge des Weibes zog ihn zauberisch an und langsam trat er näher, versuchend, nicht weiter zu gehen, niedersinkend, und sich dennoch wieder aufraffend, um sich ihr zu nähern. Schon berührte er sie fast, als plötzlich schwarze Amorphophallen von allen Seiten hervorsprangen und sich auf den Leib des Weibes losstürzten, der sich hob und senkte wie ein wildbewegtes Meer. Er schob sie beiseite, stiess sie zurück, einen grenzenlosen Widerwillen empfindend, während er zwischen seinen Fingern diese warmen aber festen Stengel wimmeln sah; dann waren die abscheulichen Pflanzen plötzlich wieder verschwunden und zwei Arme suchten ihn zu umschlingen; die Angst machte sein Herz heftig schlagen, denn die Augen, die schrecklichen Augen des Weibes hatten einen kalten grausamen, entsetzlichen Ausdruck angenommen. Er machte eine übermenschliche Anstrengung, um sich ihrer Umarmung zu entwinden, aber mit unwiderstehlicher Gewalt hielt sie ihn zurück, erfasste ihn, und mit irrem Blick sah er unter dem hochgehobenen Schenkel das wilde Nidularium sich klaffend und blutend entfalten.

Er streifte mit seinem Körper die scheussliche Wunde dieser Pflanze; er fühlte sich dem Tode nahe ... da fuhr er plötzlich aus dem Schlafe auf, halb erstickt, eiskalt, fast wahnsinnig vor Angst, und erleichtert aufatmend seufzte er:

»Gott sei Dank, dass es nur ein Traum!«

NEUNTES KAPITEL.

Dieses Alpdrücken wiederholte sich; er fürchtete sich vor dem Einschlafen. Er blieb stundenlang auf seinem Bett ausgestreckt, bald in anhaltender Schlaflosigkeit und fieberhafter Aufregung, bald in schrecklichen Träumen, in denen er den Boden unter den Füssen verlor, eine Treppe hinunterstürzte oder in einen Abgrund fiel, ohne sich festhalten zu können.

Das während einiger Tage eingelullte Nervenleiden gewann wieder die Oberhand und trat heftiger und eigensinniger unter neuen Formen auf.

Jetzt belästigten ihn die Decken; er erstickte unter ihnen, hatte ein Kribbeln im ganzen Körper, Hitze im Blut. Ein Prickeln peinigte ihn am ganzen Leibe. Zu diesen Symptomen kam bald ein dumpfer Schmerz in den Kinnbacken hinzu und das Gefühl, als wenn seine Schläfen in einen Schraubstock gepresst würden.

Seine Befürchtungen wuchsen; unglücklicherweise fehlten die Mittel, diese hartnäckige Krankheit zu bezwingen.

Ohne Erfolg hatte er Kaltwasserapparate in seinem Ankleidezimmer herrichten zu lassen versucht. Die Unmöglichkeit, das Wasser auf die Höhe, auf der sein Haus lag, hinaufzuleiten, die Schwierigkeit, es sich in genügender Quantität zu verschaffen in einem Dorf, wo die Brunnen sparsamkeitshalber nur zu gewissen Stunden im Betrieb waren, verhinderte die Benutzung; da er sich nicht durch den Wasserstrahl peitschen lassen konnte, der, kräftig auf die Wirbelsäule gerichtet, mächtig genug war, um die Schlaflosigkeit zu bekämpfen und die Ruhe herbeizuführen, musste er sich mit kurzen Abwaschungen in seiner Badewanne oder mit einfachen Übergiessungen begnügen, worauf er sich von seinem Diener mit Pferdehaarhandschuhen frottieren liess.

Aber dieses schwache Mittel hemmte das Vorschreiten des Nervenleidens keineswegs; höchstens empfand er während einiger Stunden etwas Erleichterung, übrigens teuer genug bezahlt durch die Rückfälle, die sich immer heftiger erneuerten.

Seine Unzufriedenheit nahm mehr und mehr zu; die Freude, einen seltenen Blumenflor zu besitzen, war verflogen; er war schon gegen ihre Farben und Formen abgestumpft; denn trotz aller Sorgfalt, mit der er sie pflegte, verwelkten die meisten seiner Pflanzen. Er liess sie daher aus seinen Zimmern entfernen.

Jetzt ärgerte ihn wieder bei seiner Reizbarkeit der leere Raum, den sie vorher eingenommen hatten.

Um sich zu zerstreuen und die endlosen Stunden zu töten, nahm er Zuflucht zu seinen Kupferstichen und ordnete seine Goyas. Die ersten Drucke der »Capriccios«, an ihrem rötlichen Ton erkennbar, früher einmal mit schwerem Gelde erstanden, heiterten ihn auf. Er vertiefte sich in sie, den Phantasieen des Künstlers folgend, verliebt in seine phantastischen Scenen, seine auf Katzen reitenden Hexen, seine Weiber, die da versuchen, einem Gehängten die Zähne auszureissen, seine Räuber, seine Dämonen und Zwerge.

Dann durchblätterte er alle andern Serien seiner Radierungen und Aquatintazeichnungen, seine unheimlichen »Sprichwörter«, seine wilden Kriegs-Skizzen, seinen Kupferstich des Garot, von dem er einen wunderbaren Künstlerabdruck auf dickem Papier von sichtbaren Wasserstreifen durchzogen, besonders gern hatte.

Das wilde Feuer, das herbe, stürmische Talent von Goya fesselte ihn; aber die allgemeine Bewunderung, die seine Werke erlangt hatten, brachten ihn trotzdem etwas von ihm ab, und er hatte daher davon abgesehen, sie einrahmen zu lassen, aus Furcht, dass, wenn er sie zur Schau stellte, der erste beste Einfaltspinsel es für nötig hielte, Dummheiten darüber loszulassen oder vor Entzücken ausser sich zu geraten.

Es ging ihm ebenso mit seinen Rembrandts, die er dann und wann mit heimlichem Entzücken betrachtete; denn wie die schönste Arie der Welt unausstehlich wird, sobald sie der Pöbel summt und die Strassenorgel sich ihrer bemächtigt, so wird das Kunstwerk, das den unselbständigen Künstler zur Nachahmung reizt, das die Dummköpfe loben und das sich nicht damit begnügt, die Begeisterung von wenigen zu erregen, ebenfalls für die Kenner entweiht, banal, ja widerwärtig.

Dieses Schwanken in seiner Bewunderung war übrigens mit sein grösster Kummer; äusserliche Erfolge hatten ihm Bilder und Bücher, die ihm ehemals teuer waren, für immer verleidet; infolge des Beifalls der Stimmenmehrheit entdeckte er zuletzt Mängel, die gar nicht da waren, er wies sie zurück, indem er sich fragte, ob sein Scharfsinn sich nicht abstumpfe und ihn betrüge.

Er schloss seine Mappen und verfiel wieder einmal seinen schwankenden Gefühlen und unfruchtbaren Grübeleien. Um den Lauf seiner Gedanken zu ändern, nahm er besänftigende Lektüre zur Hand, versuchte sich das Gehirn abzukühlen. Er las die Romane von Dickens, an denen sich die Genesenden und die Unglücklichen entzücken.

Aber diese Bücher brachten die entgegengesetzten Wirkungen hervor, als er erwartet hatte: er sah nur keusch Liebende, steif gekleidete Heldinnen, die nur beim Sternenlicht lieben und sich begnügen, die Augen zu senken, zu erröten oder vor Glück zu weinen, indem sie sich die Hände drücken. Diese übertriebene Keuschheit führte ihn der entgegengesetzten Übertreibung zu; so dass er von einem Extrem ins andere fiel, sich mächtig bewegter Scenen erinnerte, an die sexuellen Beziehungen zwischen Mann und Weib und an ihre Küsse dachte.

Er unterbrach seine Lektüre und grübelte weiter über die Prüderie Englands. Er wurde von einer seltsamen Aufregung befallen. Die Zeugungsunfähigkeit seines Gehirns und seines Körpers, die er für eine permanente gehalten hatte, verschwand. Die Einsamkeit wirkte belebend auf seine Nerven. Die sinnliche Seite, seit Monaten ganz unempfindlich, war zuerst wieder durch die entnervende fromme Lektüre angeregt, dann durch die englische Ziererei zu einer Nervenkrisis gesteigert und stand jetzt in voller Blüte da; durch die Erregtheit seiner Sinne in die Vergangenheit zurückgeführt, watete er im Schmutz seiner alten Erinnerungen herum. --

Er stand auf und öffnete schwermütig eine kleine vergoldete Dose, deren Deckel mit glitzernden Steinen besetzt war.

Sie war voll von violetten Bonbons; er nahm einen heraus und ihn mit den Fingerspitzen leicht berührend, dachte er an die seltsamen Eigentümlichkeiten dieses Bonbons. Damals, als er sich seiner Impotenz klar ward, als er noch ohne Bitterkeit, ohne Bedauern, ohne neues Verlangen an das Weib dachte, legte er einen dieser Bonbons auf die Zunge, liess ihn zergehen, und plötzlich stiegen mit einer unendlichen Sanftheit verwischte Rückerinnerungen an wollüstige Ausschweifungen in ihm auf.

Diese Bonbons, von Siraudin erfunden und mit dem lächerlichen Namen »Perles de Pyrénées« bezeichnet, enthielten einen Tropfen Sarcanthusöl. Sie drangen in die Schleimhäute ein und erinnerten ihn an die Wollust aromatischer Küsse.

Gewöhnlich lächelte er beim Einatmen dieses verliebten Aromas, das ihm ein Teilchen Nacktheit vor das geistige Auge führte und für einen Augenblick wieder das Verlangen nach dem noch vor kurzem angebeteten Geruch bestimmter Frauen in ihm rege machte.

Jetzt wirkten sie nicht mehr heimlich und leise, sie beschränkten sich nicht mehr darauf, das Bild ferner und konfuser Ausschweifungen anzufachen -- im Gegenteil, die Schleier zerrissen, und vor seinen Augen entstand die verkörperte, zudringliche, brutale Wirklichkeit.