Part 4
Die Wahl der Edelsteine war nicht leicht: der Diamant ist zu gewöhnlich geworden, seit die Kaufleute ihn am kleinen Finger tragen; die Smaragde und die Rubinen des Orients sind weniger entwürdigt, aber sie erinnern zu sehr an die grünen und roten Omnibus-Laternen. Was die Topase anbelangt, geglüht oder roh, so sind es nur wohlfeile Steine, der kleinen Bürgersfrau überaus wert, die ihre Schmucksachen noch mit Wohlgefallen in ihren Leinenschrank verschliesst; anderseits hat der Amethyst, obgleich ihm die Kirche den priesterlich-ernsten Charakter bewahrt, in den roten Ohren und an den feisten Händen der Schlächterfrauen, welche sich für einen bescheidenen Preis gern mit schwerfälligem Schmuck behängen, an Wert sehr verloren. Dem Saphir allein ist sein unverletztes Feuer nicht durch spekulative Ausnutzung genommen. Seine Strahlen rieseln wie klares kaltes Wasser und haben sozusagen seinen zurückhaltenden und hochmütigen Adel gegen jeden Schmutz bewahrt. Unglücklicherweise funkeln seine frischen Farben nicht bei Licht; das blaue Wasser geht in sich selbst zurück, scheint einzuschlafen, um erst wieder beim Anblick des Tages aufzuwachen und zu blitzen.
Schliesslich befriedigte nicht einer von diesen Steinen den Herzog Jean; ausserdem waren sie zu civilisiert und zu bekannt. Er liess wunderlichere und seltsamere Steine durch seine Finger gleiten, und zuletzt suchte er eine Serie von wirklichen und künstlichen Steinen aus, deren Mischung eine bezaubernde und überraschende Harmonie hervorbringen sollte.
Er setzte in folgender Weise das Bouquet seiner Blumen zusammen: die Blätter wurden von klarem bestimmten Grün gefasst mit dem Chrysoberill, einem spargelgrünen Edelstein; grünem Chrysolith; dunkelgrünem Olivin. Diese hoben sich von den Zweigen aus Almadin und Ouwarovit ab, einem blauroten Stein, der in kaltem Glanze flimmert, wie etwa das Glimmen des Weinsteins im Innern der Fässer.
Für die Blumen, die strahlenförmig vom Stengel ausgehen, benutzte er bläuliche Aschfarbe; aber er vermied streng den orientalischen Türkis, den man für Busennadeln und Ringe verwendet und der mit der alltäglichen Perle und der abscheulichen Koralle das Entzücken des Kleinbürgertums ist. Dagegen wählte er schliesslich die Türkise des Abendlandes, Steine, die im eigentlichen Sinne des Wortes nur fossiles Elfenbein sind, von einer kupferfarbigen Substanz durchdrungen, wie von schmachtendem Blau erfüllt, undurchsichtig, schwefelhaltig und wie mit Galle gefärbt.
Als dies geschehen, machte er sich daran, die Kelche seiner aufgeblühten Blumen mitten im Strausse einzufassen und für die Blumen, die dem Stengel am nächsten standen, durchsichtige Steine mit gläsern-krankhaftem Glanz, mit fieberhaft scharfem Strahl zu wählen.
Er setzte sie einzig und allein aus indischen Katzenaugen, Cymophanen und saphirartigen Steinen zusammen.
Von diesen drei Steinen ging in der That ein geheimnisvoll-wunderlicher Schimmer aus, der schmerzlich aus dem kalten Grunde trüben Wassers herausgerissen schien: das Katzenauge von einem grünlichen Grau, von schwachen Adern durchzogen, welche sich zu bewegen schienen und jeden Augenblick den Platz wechselten, je nach dem darauf fallenden Lichte; der Cymophan mit dem moirierten Azurblau, das über die milchweisse Farbe hinläuft, die im Innern lebt; der Saphirin, der auf dunkelbraun-schokoladefarbigem Grunde phosphorbläuliche Feuer entzündet.
Der Juwelenhändler machte sich Notizen betreffs der Stellen, in welche die Steine eingesetzt werden sollten.
»Und die Einfassung der Schale der Schildkröte?« fragte er schliesslich.
Herzog Jean hatte zuerst an einige Opale und Hydrophane, -- eine Art Opal, welcher Wasser einsaugt und dadurch durchsichtiger und farbenspielender wird, -- gedacht; aber die Verwendbarkeit dieser interessanten Steine ist wegen der Unbestimmtheit ihrer Farben und des Zweifelhaften ihres Feuers zu schwierig. Der Opal hat eine geradezu rheumatische Empfindlichkeit. Das Spiel seiner Strahlen verändert sich je nach der Feuchtigkeit, der Wärme oder Kälte; und was den Hydrophan anbelangt, so blitzt er nur im Wasser und scheint seine Glut zu entzünden, wenn man ihn anfeuchtet.
Zuletzt entschloss er sich zu den Steinen, deren Reflexe sich abwechseln: zu dem Hiazinth von Compostella, einem rötlich-gelben Edelstein; Aquamarin, meergrün; Ballas-Rubin, blassrot; Südermannlands-Rubin, rotgelb. Ihr schwaches Schimmern genügte, um die dunklen Schatten des Rückenschildes zu erhellen und das Blühen der Edelsteine nicht zu beeinträchtigen, welche sie mit einer schmalen Guirlande von unbestimmter Leuchtkraft umgaben. --
Und nun setzte sich Herzog Jean in eine Ecke seines Esszimmers und betrachtete mit Wohlgefallen die im Schatten goldglänzende Schildkröte.
Er fühlte sich vollkommen glücklich; seine Blicke berauschten sich an dem hellen Glanz der Blumenkronen auf goldenem Grund. Dann aber -- ganz gegen seine Gewohnheit -- stellte sich eine gewisse Esslust bei ihm ein. Er tunkte seine gerösteten Brotschnitte, die mit einer ganz besonderen Butter bestrichen waren, in eine Tasse Thee, eine treffliche Mischung von Si-a-Fayoune, Mo-you-tann und Khansky, gelben Theesorten, die von China nach Russland durch besondere Karawanen geschickt werden, wodurch sie den famosen Kameelduft angenommen haben.
Der Herzog trank diese duftige Flüssigkeit aus dem feinsten chinesischen Porzellan, das man wegen seiner Durchsichtigkeit als Eierschalen bezeichnet. Zu diesen entzückenden Tassen benutzte er nur Bestecke aus altem vergoldeten Silber, das die Vergoldung schon etwas verloren hatte, so dass das Silber unter dem Gold ein wenig zum Vorschein kam und ihm so die Färbung vormaliger Zartheit ganz diskret wiedergab.
Nachdem er einen letzten Schluck genommen, ging er in sein Arbeitszimmer zurück und liess sich durch den Diener die Schildkröte bringen, die in ihrer hartnäckigen Unbeweglichkeit verharrte.
Der Schnee fiel in dichten Flocken. Bei dem Licht der Lampen bildeten sich Eisblumen hinter den bläulichen Scheiben, und der Reif, der in den Flaschenböden der mit Gold besprenkelten Fenster glänzte, glich geschmolzenem Zucker.
Ein tiefes Schweigen hüllte das Häuschen wie in Finsternis erstarrt ein.
Herzog Jean träumte; die brennenden Holzscheite im Kamin erfüllten mit ihrer wärmenden Ausströmung das Gemach; er öffnete halb das Fenster.
Wie ein hoher Vorhang verkehrten Hermelins hob sich der Himmel vor ihm schwarz mit weissen Tüpfchen ab. Ein eiskalter Wind wehte, der den Schneeflug beschleunigte. Der heraldische Vorhang des Himmels kehrte sich bald um und wurde ein wirklich weisser Hermelin, nun wieder schwarz getupft.
Er schloss das Fenster wieder. Der schroffe Wechsel von grosser Hitze und der Kälte des Winters hatte ihn gepackt; er zog sich ans Feuer zurück. Es kam ihm der Gedanke, ein geistiges Getränk zu geniessen, das ihn wieder erwärmte.
Er ging ins Esszimmer, wo ein Wandschrank in der Mauer angebracht war, in dem sich eine Reihe kleiner Tonnen dicht nebeneinander auf kleinen Blöcken von Sandelholz befanden, die alle mit kleinen silbernen Hähnchen am unteren Ende versehen waren.
Er nannte diese Sammlung von Likören seine Mundorgel.
Eine Röhre konnte alle Hähne vereinigen. Wenn das Instrument richtig gestellt war, brauchte er nur auf den Knopf, der in dem Holzwerk verborgen war, zu drücken, um alle Hähne auf einmal aufzudrehen, worauf sich die winzigen Becher, die unter ihnen standen, mit Likör füllten.
Diese Orgel, auf die bezeichneten Stimmen Flöte, Waldhorn, Vox Divina u. s. w. gestellt, war stets zu seiner Benutzung bereit. Herzog Jean trank von diesem und jenem Likör einige Tropfen, spielte sich innere Symphonieen vor, und es gelang ihm, seinem Gaumen ähnliche Genüsse zu verschaffen, wie solche die Musik dem Ohre bereitet. Ausserdem stimmte jeder Likör seiner Ansicht nach mit dem Ton eines Instrumentes überein.
Der trockene Curaçao zum Beispiel mit der Klarinette, deren Töne spitz und weich sind; der Kornbranntwein mit der Hoboe, deren Klang näselt; der Pfefferminz und Anisette mit der Flöte, süss und scharf, schrill und sanft zugleich; das Kirschwasser mit der Trompete; Gin und Whisky erschraken den Gaumen durch ihren schrillen Schall, wie Klapphorn und Posaune das Ohr heftig mitnehmen, während der Weinträberschnaps gleichsam den betäubenden Lärm der Tuba verursacht, und der russische Raky und der Mastic der Mundhaut die Schläge der Zimbel und der Pauke mitteilen.
Er meinte auch, dass diese Vergleiche sich auf Quartett-Saiteninstrumente übertragen lassen, indem unter dem Gaumengewölbe die Geige den alten Cognac vorstellt, berauschend und zart, scharf und spröde, während die Bratsche kräftiger, voller, dumpfer den Rum simuliert; der Magenbitter zerreissend, melancholisch und schmeichelnd wie ein Violoncell erklingt, die Bassgeige dagegen schwer, stark und düster wie ein scharfer alter Bitter wirkt. Man könnte selbst -- ein Quintett bildend -- die Harfe hinzufügen, die mit einer gleichen Wahrscheinlichkeit die mächtige Kraft und ihre silbernen Klänge, frei und zart wie der Kümmel wiedergäbe.
Diese Voraussetzungen einmal angenommen, war er so weit gekommen, infolge rastloser Versuche auf seiner Zunge stille Melodieen zu spielen, stumme Trauermärsche mit grossem Gepränge aufzuführen, Soli von Pfefferminz, Duette zwischen Bittern und Rum zu hören.
Es gelang ihm so, in seine Kinnbacken wirkliche Musikstücke den Wünschen des Komponisten gemäss zu übertragen, Takt für Takt seine Gedanken, seine Wirkungen, seine Nüancen wiedergebend und durch nahe Verbindungen oder Kontraste der Liköre, durch geschickte Mischungen Accorde erzeugend.
Früher komponierte er seine Melodieen selbst und führte seine Idyllen mit dem gutmütigen Johannisbeerlikör auf, der ihm den perlenden Gesang der Nachtigall in der Kehle trillern machte, oder er sang mit dem sanften Kakao-Chouva die süsslichen Schäferlieder, wie: die Romanzen von Estella und die »Ach! ich sage Ihnen, Mama« aus der alten Zeit.
Aber heute Abend hatte der Herzog durchaus keine Lust, der Musik zu fröhnen; er begnügte sich damit, einen einzigen Ton auf der Klaviatur seiner Orgel anzuschlagen; er nahm seinen kleinen Becher, den er zuvor einfach mit echtem irländischen Whisky gefüllt hatte und machte es sich in seinem Sessel bequem, ganz langsam diesen aus Hafer und Gerste gegohrenen Saft schlürfend, der seinen Mund mit einem starken Kreosotgeruch erfüllte.
Nach und nach beim Trinken folgten seine Gedanken wieder dem belebten Eindruck seines Gaumens; er erweckte so durch eine fatale Ähnlichkeit von Gerüchen eine seit Jahren verwischte Erinnerung.
Dieser scharfe Karbolduft erinnerte ihn an den gleichen Geruch, der zu einer Zeit, da die Zahnärzte an seinem Zahnfleisch herumarbeiteten, seinen Mund erfüllt hatte.
Einmal auf diesen Weg gebracht, erging er sich zuerst in Träumereien über all die Praktikusse, die er kennen gelernt hatte, er sammelte sich und konzentrierte seine Erinnerung auf einen, dessen seltsame Erscheinung ihm besonders im Gedächtnis verblieben.
Es war vor drei Jahren, als er mitten in der Nacht von einem rasenden Zahnschmerz befallen wurde; er wickelte sich den Kopf ein, stiess in Verzweiflung gegen alle Möbel und rannte wie ein Wahnsinniger im Zimmer umher.
Es war ein schon plombierter Backenzahn und keine Heilung möglich; die Zange des Zahnarztes allein konnte dem Übel abhelfen.
Fieberhaft erwartete er den Tag, entschlossen, die schrecklichsten Operationen zu erdulden, wenn sie nur seinem Leiden ein Ende machen würden.
Sich fortwährend den Mund zuhaltend, fragte er sich, was er thun solle. Die Zahnärzte, die ihn gewöhnlich behandelten, waren reiche Leute, die man nicht so nach seinem Gefallen sprechen konnte; da mussten erst mit ihnen die Besuche und die Stunden der Konsultationen ordentlich verabredet werden. Das war jedoch unmöglich. »Ich kann es nicht länger hinausschieben,« sagte er sich; und er entschloss sich, zu dem ersten besten zu gehen, zu einem Zahnausreisser gewöhnlichen Schlages, einem jener Leute mit eiserner Faust, welche mit einer Geschwindigkeit ohnegleichen die hartnäckigsten Zahnstümpfe zu entfernen wissen. Diese sind vom frühen Morgen an zu sprechen und bei ihnen braucht man nicht zu warten.
Endlich schlug es sieben Uhr. Er lief aus dem Hause, sich des Namens eines bekannten Technikers erinnernd, der sich »Volkszahnarzt« nannte und an der Ecke eines Quais wohnte. Er durchrannte die Strassen und biss verzweiflungsvoll in sein Taschentuch, um die Thränen zurückzuhalten.
Er war eben vor dem Hause angelangt, das man schon von weitem an dem grossen schwarzen Holzschilde erkennen konnte, auf dem mit enorm grossen Buchstaben der Name »Gatonax« gemalt war; in zwei kleinen Glaskästen sah man Zähne in Zahnfleisch aus rosa Wachs sorgfältig aufgereiht und durch eine mechanische Feder aus Draht miteinander verbunden. Er keuchte, der Schweiss trat ihm auf die Stirn und eine wahnsinnige Angst befiel ihn, ein Schauer durchrieselte seine Haut, worauf sich urplötzlich eine Linderung fühlbar machte: er litt nicht mehr, der Zahn that nicht mehr weh.
Wie verdummt blieb er auf dem Trottoir stehen; schliesslich aber stemmte er sich gegen die Angst und kletterte eine dunkle Treppe bis zum dritten Stock hinauf. Da stand er vor einer Thür; ein Porzellanschild mit himmelblauen Buchstaben: es war derselbe Name wie unten an der Thür.
Er zog die Klingel; doch entsetzt durch die Blutauswürfe, die er auf den Treppenstufen bemerkte, wollte er jetzt umkehren, entschlossen, sein ganzes Leben lang Zahnschmerz zu erdulden, als ein Schrei das Treppenhaus erfüllte, der den Entsetzten auf seinen Platz bannte. Im selben Augenblick öffnete sich die Thür und eine alte Frau bat ihn einzutreten.
Die Scham überwand die Furcht. Man führte ihn in das Esszimmer, eine andere Thür ward zugeschlagen, und ein grosser vierschrötiger Mann im schwarzen Gehrock und schwarzen Beinkleidern trat ein und forderte ihn auf, ihm in ein anderes Zimmer zu folgen.
Seine Empfindungen wurden von diesem Augenblicke ab undeutlich. Er erinnerte sich, sich auf einen Sessel neben dem Fenster niedergesetzt und etwas gestammelt zu haben, während er den Finger auf seinen Zahn legte: »Schon mal plombiert ... fürchte, es ist nichts zu machen ...«
Der Mann hob schnell die Auseinandersetzung auf, indem er dem Herzog seinen enormen Zeigefinger in den Mund schob; dann etwas in seinen gewichsten und spitz gedrehten Schnurrbart brummend nahm er ein Instrument vom Tisch, womit er die grosse Szene begann.
Herzog Jean hatte sich krampfhaft an die Lehne des Sessels geklammert und gefühlt, wie etwas Kaltes seine Backe berührte; hierauf hatte er vor den Augen nur Funken gesehen; er wurde von entsetzlichsten Schmerzen erfasst, und so brüllte er, mit den Füssen strampelnd, wie ein wildes Tier.
Man hörte ein Knacken, der Backenzahn war beim Herausziehen abgebrochen; ihm war, als ob man ihm den Kopf abrisse oder den Schädel einschlüge. Er hatte aus Leibeskräften geheult und sich wütend gegen den Mann gewehrt, der sich von neuem auf ihn stürzte, als ob er mit seinem Arm ihm in den Leib dringen wolle.
Der Arzt war nach der zweiten Operation einen Schritt zurückgetreten, hatte den Herzog wieder in den Sitz zurückfallen lassen, worauf er an das Fenster ging, schwer Atem holte und am Ende seiner Zange einen blauen Zahnstumpf hielt, an dem etwas Rotes hing.
Wie vernichtet hatte Herzog Jean eine ganze Schale voll Blut ausgebrochen, mit einer heftigen Bewegung den Zahnstumpf verweigert, welchen ihm die alte Frau, in ein Stück Zeitungspapier gewickelt, darreichte und war davongestürzt, nachdem er zwei Franken gezahlt hatte.
Auf der Strasse war er ganz heiter, wie um zehn Jahre jünger, sich für alles und jedes interessierend. -- -- --
»Brr!« murmelte er jetzt, ganz erschreckt von dem Gang, den seine Gedanken genommen hatten.
Er stand auf, um diese Vision zu zerstören, und um in die Wirklichkeit zurückzukehren, fing er an, sich wieder mit der Schildkröte zu beschäftigen.
Sie rührte sich noch immer nicht, er befühlte sie, sie war tot. Sie war an eine ruhige Existenz, an ein demütiges Leben, das sie unter ihrer ärmlichen Schale zubrachte, gewöhnt; sie hatte den glänzenden Luxus, den man ihr aufdrang, den goldglänzenden Überzug, mit dem man sie bekleidet, die Edelsteine, mit denen man ihr den Rücken gepflastert, nicht vertragen können.
FÜNFTES KAPITEL.
Zur selben Zeit, da sich sein Wunsch verschärfte, sich einem hassenswerten Zeitalter von unwürdigen Stockfischen zu entziehen, machte sich das Bedürfnis, keine Bilder mehr zu sehen, welche das menschliche Antlitz darstellten, Bilder solcher Personen, die in Paris nur zwischen ihren vier Wänden herumkrauchen, oder auf den Strassen auf der Suche nach Geld lungern, immer gewaltsamer geltend.
Nachdem er sich mit dem Leben und Treiben seiner Zeit abgefunden, hatte er sich vorgenommen, keine Larven, die ihm nur Widerwillen oder Bedauern einflössten, in seine Zelle einzuführen; er wünschte Gemälde, welche zarte und köstliche Phantasieen alter Zeit und klassischer Verderbtheit vorstellten, die unsern Tagen und Sitten fern liegen.
Er brauchte zum Ergötzen seines Geistes wie zur Freude seiner Augen einige Gemälde, die ihn in eine unbekannte Welt einführen, ihm die Spuren neuer Ideen enthüllen und sein Nervensystem durch hysterische Sensationen erschüttern sollten.
Da gab es einen Künstler vor allen, der ihn zu grosser Begeisterung hinriss: Gustav Moreau.
Zwei seiner Meisterwerke befanden sich in seinem Besitz; und während der Nacht sass er oft träumend vor einem derselben, dem Gemälde der Salome:
Ein Thron, dem Hochaltar einer Kathedrale gleich, stand unter gewaltigen Wölbungen, die aus niedrigen Säulen emporwachsen, ähnlich römischen Pfeilern, glasiert mit bunten Ziegeln, in Mosaik gefasst und mit Lasursteinen und Sardonyxen eingelegt: ein Palast, einer Basilika ähnlich, in muhammedanisch-byzantinischer Architektur aufgeführt.
In der Mitte des Tabernakels, welches den Altar überragte, zu dem einige Stufen in halbrunder Form hinanführten, sass der Tetrarch Herodes, auf dem Kopfe die Tiara, die Beine emporgezogen und die Hände auf den Knieen ruhend.
Sein Gesicht war gelb wie Pergament, alterzerstört und voller Falten; sein langer Bart wallte wie eine weisse Wolke über das Edelgestein, mit dem sein aus Goldstoff gefertigtes und die Brust bedeckendes Gewand besäet war.
Um diese unbewegliche Statue, die in der eigentümlichen Stellung des Hindu-Gottes wie erstarrt dasass, brannten Spezereien, die leichte Rauchwolken verbreiteten und den Glanz der Edelsteine, die in den Thronhimmel eingefügt waren, weckten. Der Dampf stieg höher und verbreitete sich unter den Bogengängen, wo der bläuliche Rauch sich mit dem Goldstaube der hellen Sonnenstrahlen mischte, die durch die Kuppel fielen.
In dieser heissen, von Wohlgerüchen geschwängerten Luft des Tempels steht Salome, den linken Arm gebieterisch ausgestreckt, den rechten gebogen, eine grosse Lotusblume in Gesichtshöhe haltend; sie nähert sich langsam auf den Fussspitzen nach den Klängen einer Guitarre, deren Saiten eine am Boden hockende Frau schlägt.
Das Gesicht andächtig, feierlich, beginnt sie fast erhaben ihren wollüstigen Tanz, der die schlummernden Sinne des alten Herodes wecken soll. Ihr Busen wogt und bei der Berührung der im Kreise wirbelnden Halskette richten sich ihre Brüste in die Höhe. Auf der feuchten Haut blitzen die Diamanten, ihre Armbänder, ihre Gürtel, ihre Ringe warfen strahlende Funken über ihr prunkhaftes, mit Perlen benähtes, mit Gold und Silber gesticktes Gewand.
Es ist ein zarter Panzer aus feiner Goldarbeit, dessen Maschen je ein Edelstein ziert, deren Feuer sich schlangenartig kreuzt über der matten, theerosen-zarten Haut, wie glänzende Insekten mit strahlenden Flügeldecken, rot marmoriert, hochgelb punktiert, stahlblau gefleckt, pfauengrün getigert.
Die Augen, denjenigen einer Nachtwandlerin ähnlich, sind starr auf einen Punkt gerichtet und sehen weder den Tetrarchen, der erbebt, noch ihre Mutter, die entsetzliche Herodias, welche sie beobachtet, noch den Eunuchen, der am Fusse des Thrones mit dem Säbel in der Hand unbeweglich dasteht, sein schreckliches Gesicht bis an die Backen verhüllt, seine Brust wie ein vertrockneter Kürbis unter der gelbbunten Tunika hervorhängend.
Dieses Urbild der Salome verfolgte seit Jahren den Herzog Jean. Wie oft hatte er in der alten Bibel, von Peter Variquet, dem Gottesgelehrten der Universität Löwen, übersetzt, das Evangelium des heiligen Matthäus gelesen, der in kurzen, naiven Sätzen die Enthauptung des Vorgängers Christi erzählt. Wie oft war er nicht in tiefes Nachdenken versunken beim Lesen jener Zeilen:
»Am Jahrestagfeste des Herodes tanzte die Tochter der Herodias und gefiel dem Herodes sehr.
Da versprach er ihr und schwur's mit einem Eide, ihr alles zu geben, was sie erbitten würde.
Und sie, von ihrer Mutter verleitet, sagte: Gieb mir das Haupt Johannes des Täufers auf einer Schüssel.
Der König aber wurde betrübt; doch um des Eides und derer willen, die mit ihm am Tische sassen, befahl er, dass es ihr überbracht würde.
Und er schickte alsbald hin und liess Johannes im Kerker enthaupten.
Und man brachte sein Haupt auf einer Schüssel und gab's dem Mägdelein; und diese überreichte es ihrer Mutter.«
Aber weder Matthäus, noch Markus, noch Lukas verbreiten sich über den berauschenden Zauber, über die moralische Versunkenheit der Tänzerin. Sie bleibt verwischt, geheimnisvoll und verloren in dem fernen Nebel der Jahrhunderte, unfassbar für die realen, alltäglichen Geister, nur den erschütterten und geschärften Gehirnen zugängig, die durch Nervenkrankheit hellsehend geworden; spröde auch gegenüber dem Maler des Fleisches, Rubens, der sie in eine flanderische Schlächtersfrau verwandelte; unverständlich allen Schriftstellern, die niemals die aufregende Begeisterung der Tänzerin, die raffinierte Geistesgrösse der Mörderin darzustellen vermochten.
In dem Werk von Gustav Moreau, in seinem Entwurfe frei von aller Tradition, sah Herzog Jean endlich diese übermenschliche und seltsame Salome verkörpert. Sie war nicht allein die Tänzerin, welche durch wollüstige Windungen ihrer Hüften einem geschwächten Greise den Schrei frivoler Begier entlockt, indem sie sich den Willen eines Königs durch die Bewegungen ihres Leibes und das Zittern ihrer Schenkel unterwirft; sie wurde sozusagen die sinnbildliche Gottheit unzerstörbarer Wollust, die Göttin der unsterblichen Hysterie; jenes einfache Sinnentier, ungeheuer, gefühllos, unempfindlich, alles, was sich ihr nähert, sie berührt und sie sieht, vergiftend.
Ein unwiderstehlicher Zauber ging von diesem Bilde aus. Aber das Aquarell, betitelt »Die Erscheinung«, wirkte vielleicht noch aufregender.
Auf diesem Gemälde hob sich der Palast des Herodes wie eine Alhambra, auf schlanken regenbogenfarbigen Säulen von maurischen Kacheln, wie mit silbernem Mörtel und goldenem Cement zusammengefügt, ab; Arabesken gingen von Lasursteinen aus, schlängelten sich um Kuppeln und auf den mit Perlmutter eingelegten Arbeiten entlang, die in regenbogenfarbige, prismatische Strahlen ausliefen.
Hier war der Mord vollzogen; der Henker stand jetzt unbeweglich, die Hände auf den Knauf seines langen mit Blut befleckten Schwertes stützend.
Das abgeschlagene Haupt des Heiligen hatte sich in der Schüssel, die auf den Steinplatten stand, in die Höhe gerichtet, fahl, den bleichen Mund offen, den Hals karmoisinrot, triefend von Blut. Eine Musivarbeit umgab den Kopf, von dem ein leuchtender Glorienschein seine Lichtstrahlen auf die Säulenhalle warf, die schreckliche Erhebung des Kopfes beleuchtend, die gläsernen Augäpfel entzündend, die sozusagen fest auf der Tänzerin haften.
Mit einer Gebärde des Entsetzens stösst Salome die schreckliche Vision zurück, die sie unbeweglich auf den Fussspitzen festhält. Mit weitgeöffneten Augen, die Hand krampfhaft ihren Busen umklammernd, starrt sie die Erscheinung an.