Gegen den Strich

Part 13

Chapter 131,066 wordsPublic domain

Aber was noch schlimmer, war, dass Substanzen, die dem heiligen Opfer unentbehrlich waren, verfälscht wurden; der Wein durch mannigfaltiges Verschneiden, durch unerlaubte Einführung von Fernambukoholz, Attichbeeren, Alkohol, Alaun, Salicylsäure, Bleiglätte; das Brot, dies Brot des heiligen Abendmahls, das aus dem feinsten Weizen geknetet werden soll, durch Erbsenmehl, Pottasche und Pfeifenerde.

Ja man war noch weiter gegangen, man hatte gewagt, das Korn vollständig wegzulassen und schamlose Händler fabrizierten fast alle Hostien aus Kartoffelmehl!

Ach! die Zeit war fern, wo Radegonde, Königin von Frankreich, selbst das für den Altar bestimmte Brot bereitete, wo nach den Gebräuchen von Cluny drei Priester oder drei Diakonen, nüchtern, mit weissem Chorhemd und Achseltüchern bekleidet, sich das Gesicht und die Hände wuschen und den Weizen Korn für Korn aussuchten, ihn unter dem Mühlstein zermalmten, den Teig in kaltem reinen Wasser kneteten und ihn selbst auf einem hellen Feuer backten und Psalme dabei sangen!

Diese Betrachtungen verdüsterten noch mehr die Aussicht auf sein künftiges Leben und färbten seinen Horizont noch drohender und dunkler.

Wahrlich, ihm blieb keine Rhede, kein Ufer offen! Was würde aus ihm werden in diesem Paris, wo er weder Familie noch Freunde besass? Kein Band verknüpfte ihn mehr mit dem Faubourg Saint-Germain, das vor Altersschwäche zitterte, sich im Staub des Verfalls abbröckelte und in einer neuen Gesellschaft wie eine zerbrochene, leere Schale dalag!

Und welch eine Verbindung konnte zwischen ihm und der bürgerlichen Klasse existieren, die nach und nach emporgestiegen war, die Vorteil aus allen Missgeschicken zog, um sich zu bereichern?

Nach der Aristokratie der Geburt war es jetzt die Geldaristokratie, der Despotismus des Handels mit feilen und engherzigen Ideen, eitlen und schurkischen Instinkten.

Gemeiner, ruchloser als der entartete Adel und die gesunkene Geistlichkeit war das Bürgertum, das ihnen ihre eitlen Prahlereien, ihre einfältige Ruhmredigkeit entlehnte, die es durch seinen Mangel an Lebensart erniedrigte, während es ihre Fehler in heuchlerische Laster verwandelte. Und wie herrisch und tückisch, wie niedrig und feige schoss es mitleidslos auf seinen ewigen und doch unentbehrlichen Geprellten, den Pöbel, seine Kartätschen ab, dem es selbst den Maulkorb abgenommen und entmündigt hatte, um den alten Ständen den Garaus zu machen.

Das war jetzt eine abgemachte Thatsache. Nun, wo seine Arbeit gethan, hatte man gesundheitshalber den Pöbel bis aufs Blut geschröpft; und der nun beruhigte Bürger herrschte vergnügt durch die Macht des Geldes und die Ansteckung seiner Dummheit.

Die Folge seiner Erhebung war die Vernichtung aller Intelligenz, die Verneinung aller Rechtschaffenheit, der Tod jeder Kunst. So lagen die verächtlichen Künstler auf den Knieen und küssten inbrünstig die Füsse der hohen Pferdehändler und gemeinen Satrapen, deren Almosen sie ernährte!

Es war über die Malerei eine Sintflut von kraftlosen Albernheiten, in der eine Völlerei glatten Stils und feiger Ideen herrschte, hereingebrochen. Denn der Geschäftsintrigant will Rechtschaffenheit; der Freibeuter will Tugend; wer nach einer Mitgift für seinen Sohn jagt, sträubt sich, sie für seine Tochter zu zahlen; der Anhänger Voltaires sucht keusche Liebe; wer die Geistlichkeit der Notzucht beschuldigt, treibt sich dumm und heuchlerisch in den unordentlichen Zimmern der Dirnen herum.

Es war die grosse Galeere Amerikas, die nach Europa verschlagen war. Es war die ungeheure und unerhörte Anmassung des Geldmenschen und Emporkömmlings, die wie eine gemeine Sonne über die götzendienerische Stadt strahlte, die im Staube vor dem ruchlosen Tabernakel der Bankhäuser zotige Gesänge ausstösst.

»Stürze doch zusammen, Gesellschaft! Stirb doch, alte Welt!« rief der Herzog empört über das gemeine Schauspiel, das er heraufbeschwor; dieser Schrei brach den Alp, der ihn bedrückte.

»Ach!« seufzte er, »und sich sagen zu müssen, dass dies alles kein Traum ist! Dass ich wieder in das schändlich gemeine Gewühl des Jahrhunderts hineingeworfen werde!« Um sich zu beschwichtigen, rief er die tröstenden Lebensregeln Schopenhauers zu Hilfe; er wiederholte sich den schmerzlichen Grundsatz Pascals: »Die Seele sieht nichts, was sie nicht betrübt, wenn sie daran denkt.« Aber die Worte hallten in seinem Gehirn wider wie Laute ohne Sinn; sein Verdruss zersplitterte sie, entzog ihnen jede Bedeutung, jede beruhigende Wirkung, jede wirkliche und sanfte Kraft.

Er sah schliesslich ein, dass die Beweisgründe des Pessimismus ohnmächtig waren ihn zu erleichtern, dass der unmögliche Glaube an ein zukünftiges Leben allein beruhigend wirken würde.

Ein Wutausbruch fegte gleich einem Orkan seine Versuche der Entsagung und der Gleichgültigkeit hinweg. Er konnte es sich nicht mehr verhehlen, es gab nichts, garnichts mehr. Alles war vernichtet!

Würde der schreckliche Gott der Schöpfung und der blasse Losgenagelte von Golgatha nicht einmal wirklich zeigen, dass er existierte, nicht die Sintfluten wieder erneuern, die Flammenregen wieder anzünden, die einst die verdammten und toten Städte verzehrt hatten!?

Würde dieser Schlamm fortfahren zu fliessen und mit seinem Pesthauch die alte Welt vergiften, wo nur noch Saaten von Frevelthaten und Ernten von Schande aufgingen!? -- -- --

Plötzlich ging die Thür auf. In der Ferne, von den Thürpfosten umrahmt, sah man kräftige Männer in Arbeitstracht, die grosse Kisten und Möbel auf den breiten Nacken hinaustrugen. Dann schloss sich die Thür wieder hinter dem alten Diener, der Packete mit Büchern geholt hatte.

Der Herzog fiel vernichtet auf einen Stuhl.

»In zwei Tagen werde ich in Paris sein,« murmelte er, »nun ist alles zu Ende! Wie eine Springflut steigen die Wogen der menschlichen Mittelmässigkeit bis zum Himmel und sie werden den Zufluchtsort verschlingen, dessen Dämme ich wider meinen Willen öffnen muss. Ach! Mir fehlt der Mut!

Jesus Christus habe Mitleid mit dem Christen, der zweifelt, mit dem Ungläubigen, der glauben möchte, dem Sklaven des Lebens, der allein hinaussteuert in die Nacht unter einen Himmel, an dem keine tröstenden Sterne alter Hoffnungen mehr leuchten.«

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere Änderungen, teilweise unter Verwendung anderer Ausgaben und des französischen Originals, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 70]: ... spärlicher. Indessen war das sechzehnte Jahrhundert ... ... spärlicher. Indessen war das sechste Jahrhundert ...

[S. 133]: ... der ihn den Kopf benahm, hatten sich die Nerven ... ... der ihm den Kopf benahm, hatten sich die Nerven ...

[S. 149]: ... glaubte; einige, besonders Madame Mama, sahen ... ... glaubte; einige, besonders Madame Mame, sahen ...

[S. 154]: ... Haaren besetztes Innere zeigend. ... ... Haaren besetztes Inneres zeigend. ...

[S. 156]: ... ist, solche ungesunden, verdorbene Gattungen zu ... ... ist, solche ungesunden, verdorbenen Gattungen zu ...

[S. 193]: ... Früher hatte er sich gern in Ackorde von ... ... Früher hatte er sich gern in Akkorden von ...

[S. 209]: (mehrfache Fälle) ... Seite des Bädecker stehen, auf welcher die Museen ... ... Seite des Baedeker stehen, auf welcher die Museen ...

[S. 260]: ... diesen öden Gedichten, dessen kaltblütige Mythologieen ... ... diesen öden Gedichten, deren kaltblütige Mythologieen ...

[S. 296]: ... seine Mangel an Lebensart erniedrigte, während es ... ... seinen Mangel an Lebensart erniedrigte, während es ...