Part 12
Die bei den Jesuiten erlernten Gesänge fielen ihm wieder ein, durch sie wieder das Pensionat und die Kapelle, in dem sie erklangen.
Bei den Patern wurden die religiösen Feierlichkeiten mit grosser Pracht ausgeführt; ein vortrefflicher Organist und ein ausgezeichneter Chorknabengesang machten diese religiösen Übungen zu einem künstlerischen Genuss, der dem Kultus zu gute kam.
Der Organist war in die alten Meister verliebt und bei hohen Festtagen spielte er Messen von Palestrina und Orlando Lasso, Psalmen von Marcello, Oratorien von Händel, Motetten von Sebastian Bach und trug gerne des Paters Lambilottes weiche und leichte Kompositionen vor, wie auch die »Laudi spirituali« des sechzehnten Jahrhunderts, deren priesterliche Weihe den jungen Herzog oft entzückt hatte.
Besonders aber empfand er eine unbeschreibliche Wonne beim Hören des einstimmigen Kirchengesangs, den der Organist beibehalten hatte.
Die jetzt für veraltet und altertümelnd geltende Liturgie war das Wort und der Geist der antiken Kirche, die Seele des Mittelalters; es war das ewig gesungene Gebet, nach den Begeisterungen der Seele harmonisiert, eine beständige Hymne, die seit Jahrhunderten zu dem Allerhöchsten hinaufgesandt wurde.
Diese traditionelle Melodie war die einzige, die sich mit ihrem mächtigen Gleichklang, ihren feierlich massiven Harmonieen den Quadersteinen der alten Basiliken anpasste und die römischen Gewölbe ausfüllte.
Wie oft war der Herzog nicht ergriffen und niedergedrückt gewesen von dem unwiderstehlichen Hauch, als der »Christus factus est« des gregorianischen Gesanges zu dem Kirchenschiff emporstieg, dessen Pfeiler unter den schwebenden Wolken des Weihrauchkessels zu zittern schienen; oder wenn die einförmige Melodie des »De profundis« klagend ertönte, traurig wie ein Schluchzen, durchdringend wie der verzweifelte Ruf der Menschheit, die ihr sterbliches Schicksal beweint, die rührende Barmherzigkeit ihres Erlösers anfleht!
Im Vergleich zu diesem prachtvollen Gesang, den kein Einzelner, sondern der Genius der Kirche geschaffen, unpersönlich, namenlos wie die Orgel selbst, deren Erfinder unbekannt ist, schien ihm jede religiöse Musik profan.
Dagegen war in allen den Werken Jomellis und Porporas, Carissimis und Durantes, in den bewundernswürdigsten geistigen Schöpfungen von Händel und Bach keine Verzichtleistung auf einen öffentlichen Erfolg, keine Aufopferung einer Kunstwirkung, keine Entsagung des menschlichen Stolzes zu finden.
Höchstens in der imposanten Hochamtsmusik von Lesueur bestätigte sich der religiöse Stil ernst und streng und näherte sich der erhabenen Majestät des alten Chorals.
Übrigens waren die Ideen des Herzogs in absolutem Widerspruch mit den Theorieen, die er in Bezug auf alle andern Künste bekannte. Was die religiöse Musik anbelangte, so billigte er eigentlich nur die klösterliche Musik des Mittelalters, diese abgezehrte Musik, die instinktmässig auf die Nerven wirkt. Dann gestand er auch selbst zu, dass er unfähig war, die Schliche zu verstehen, die die Meister der Gegenwart in der katholischen Kunst eingeführt hatten; auch hatte er die Musik nicht mit derselben Leidenschaft studiert, mit der er sich zur Malerei und zu den litterarischen Wissenschaften hingezogen fühlte.
Er spielte wie der erste beste Klavier, war nach längerem Studium imstande, eine Partitur zu entziffern, aber er verstand nichts von der Harmonie und der nötigen Technik, um wirklich eine Feinheit zu schätzen und mit Sachverständnis zu geniessen.
Mit der profanen Orchestermusik konnte er sich nicht befreunden, weil man sie nicht bei sich allein hören kann, wie man ein Buch zu lesen pflegt. Um sie zu geniessen, hätte er sich unter dieses immer gleiche Publikum mischen müssen, das die Theater füllt und den Winter-Cirkus belagert, wo man in einer Waschhausatmosphäre einen Menschen bewundert, welcher in der Luft herumfuchtelt und aus Wagner herausgerissene Episoden zur ungeheuren Freude eines unwissenden Haufens grausam zu Tode hetzt.
Er hatte nicht den Mut gehabt, sich in dieses Volksbad zu tauchen, um Berlioz zu hören, von dem ihn indessen einige Bruchstücke durch ihre leidenschaftliche Begeisterung und ihr schwungvolles Feuer gefangen genommen hatten; und er sah auch ein, dass keine Scene, ja selbst nicht mal ein Satz einer Oper des wunderbaren Wagner aus ihrem Gefüge ungestraft losgelöst werden durfte.
Und deshalb war der Herzog auch der Meinung, dass von diesem Haufen von Musikfreunden, die des Sonntags ausser sich gerieten, kaum zwanzig die Partitur kannten, die man verhunzte.
Die bekanntere, leichtere Musik und die unabhängigen Stücke der alten Opern fesselten ihn sehr wenig; die leichten Piècen von Auber und Boïeldieu, Adam und Flotow und die Banalitäten eines Ambroise Thomas und Bazin widerten ihn in gleichem Masse an, wie die veralteten Zierereien und die pöbelhaften Reize der Italiener.
Er hatte sich deshalb von der Musik fern zu halten entschlossen und seit den Jahren dieser seiner Enthaltung erinnerte er sich nur gewisser Kammermusik-Soiréen, in denen er Beethoven und besonders Schumann und Schubert gehört hatte, die seine Nerven derart zermürbt hatten wie die innigsten und qualvollsten Dichtungen Edgar Poës.
Gewisse Partieen für Violoncello von Schumann hatten ihn ganz atemlos gelassen; es waren besonders die Lieder von Schubert, die ihn vor Entzücken ausser sich gebracht hatten.
Diese Musik drang in sein tiefstes Inneres und machte sein Herz erbeben wie von vergessenen Leiden alter Melancholie; und er fühlte sich ganz betäubt, plötzlich so viel wirres Elend und unbestimmten Schmerz zu empfinden.
Diese Musik der Verzweiflung, die aus dem Tiefsten des Seins aufschrie, entsetzte und entzückte ihn zugleich. Niemals hatte er »des Mädchens Klage« hören können, ohne dass ihm nicht nervöse Thränen in die Augen stiegen, denn es war in diesem Klagelied mehr als Betrübnis, etwas Entrissenes, das ihm das Herz zerwühlte, wie das Sterben eines Lieben in einer düsteren, öden Landschaft.
Und immer wieder, wenn ihm diese entzückend traurigen Klagen über die Lippen kamen, riefen sie in ihm diese einsame Landschaft wach, in der geräuschlos in der Ferne vom Leben abgehetzte Menschen in der Dämmerung verschwanden. Er fühlte sich dann in dieser trostlosen Natur so allein, durch Herzeleid und Widerwillen verbittert, von einer namenlosen Melancholie erdrückt, von einer tödlichen Herzensangst erfasst, deren geheimnisvolle Macht jeden Trost, jedes Mitleid, jede Ruhe ausschloss.
Gleich einem Totengeläute verfolgte ihn dieser verzweiflungsvolle Gesang, jetzt, wo er durch Fieber vernichtet darniederlag, von toller Angst erregt, die zu beschwichtigen ihm um so weniger gelang, als er deren Ursache nicht erkannte.
Er überliess sich schliesslich dem Spiel der Wellen. Des Kampfes müde, liess er sich von dem Strom der Angst hin und her werfen, der sich in klagenden Tönen durch seinen schmerzenden Kopf und stechende Schläfe ergoss.
Eines Morgens hörte aber dieses Singen und Klingen auf; der Herzog war wieder seiner mächtig und ersuchte den Diener, ihm einen Spiegel zu bringen. Vor Entsetzen glitt ihm dieser fast aus der Hand; er erkannte sich kaum wieder.
Sein Gesicht hatte eine Erdfarbe angenommen, die Lippen waren aufgedunsen und trocken, die Zunge welk, die Haut runzelig. Sein Haar und Bart, seit seiner Krankheit nicht geschnitten, erhöhten noch das Entsetzliche seines eingefallenen Gesichtes mit den hohlen, verschwommenen Augen, die im Fieberglanz in seinem borstigen Schädel brannten.
Mehr als seine Schwäche, als seine Erbrechungen, die jeden Versuch von Nahrung zurückwiesen, mehr als dieser Marasmus, in dem er steckte, erschreckte ihn diese Veränderung seines Äussern.
Er glaubte sich verloren; doch trotz der Ermattung, die ihn niederdrückte, richtete ihn die Energie eines gehetzten Menschen plötzlich auf und gab ihm die Kraft, einen Brief an seinen Arzt in Paris zu schreiben und seinem Diener zu befehlen, denselben auf der Stelle aufzusuchen und ihn um jeden Preis sofort herzuschaffen.
Sein vollständiges Sichgehenlassen ging in plötzliche Hoffnung über; denn dieser Arzt war ein berühmter Spezialist, ein Doktor, bekannt durch seine Kuren nervöser Krankheiten.
»Er hat sicher schon eigensinnigere und gefährlichere Fälle als den meinen behandelt,« sagte sich der Herzog; »er wird mich zweifellos in einigen Tagen wieder auf die Beine bringen.«
Dann aber folgte diesem Vertrauen eine vollständige Hoffnungslosigkeit.
»So gelehrt, so geschickt sie auch sein mögen, von Nervenleiden verstehen die Ärzte nichts, ja sie kennen nicht einmal ihren Ursprung. Wie alle anderen wird auch dieser mir das ewige Zinkoxyd, Chinarinde, Bromkali und Baldrian verschreiben.«
»Aber wer weiss,« fuhr er dann fort, sich an eine letzte Hoffnung klammernd, »wenn mir diese Mittel bis jetzt nicht geholfen haben, so kommt es vielleicht daher, dass ich sie nicht in richtiger Dosis gebraucht habe.«
Trotz alledem aber gab ihm die Erwartung einer möglichen Linderung schon neuen Lebensmut.
Dann befiel ihn die neue Befürchtung, ob sich der Arzt in Paris befände und sich hierher bemühen würde. Und wieder überwältigte ihn die Furcht, dass der Diener ihn nicht antreffen könnte.
Er fühlte aufs neue seine Kräfte schwinden, er ging von einer Sekunde zur andern von tollster Hoffnung zur wahnsinnigsten Angst über, übertrieb die Aussichten plötzlicher Heilung, wie die Befürchtungen einer nahen Gefahr. So verflossen die Stunden und der Augenblick kam, wo es zu Ende war mit seiner Kraft, wo er an dem Kommen des Arztes verzweifelte und sich wütend sagte, dass er sicherlich gerettet würde, wenn ihm rechtzeitig beigestanden worden wäre. Dann wieder verflog sein Zorn gegen den Diener und den Arzt, die er beschuldigte, ihn sterben zu lassen, und schliesslich raste er gegen sich selbst und warf sich vor, so lange gewartet zu haben, um Hilfe zu holen, und bildete sich ein, dass er jetzt geheilt sein würde, wenn er nur einen Tag früher kräftige Arzeneien und vernünftige Pflege gehabt hätte.
Nach und nach besänftigte sich dieser Wechsel von Beunruhigungen und neuen Hoffnungen, die sich in seinem leeren Hirn jagten. Diese Widersprüche rieben ihn vollends auf. Er verfiel in einen Schlaf der Ermattung, den unzusammenhängende Träume durchzogen, in eine Art von Ohnmacht, die von bewusstlosem Erwachen unterbrochen wurde. Er hatte den Begriff seiner Wünsche und Befürchtungen derart verloren, dass er ganz apathisch war und kein Erstaunen und keine Freude empfand, als der Arzt plötzlich ins Zimmer trat.
Der Diener hatte ihn jedenfalls von der Lebensweise des Herzogs unterrichtet und auch von den verschiedenen Symptomen, die er selbst beobachtet hatte seit dem Tage, als er seinen Herrn nahe dem Fenster, von der Heftigkeit der Parfüms ohnmächtig, aufgehoben hatte; denn der Arzt stellte nur wenige Fragen an den Kranken, dessen Verhältnisse er übrigens seit Jahren kannte. Er untersuchte ihn, klopfte und horchte an ihm herum und prüfte aufmerksam den Urin, in welchem ihm gewisse weisse Streifen eine der ausgesprochensten Ursachen des Nervenleidens offenbarten.
Er schrieb ein Rezept, und ohne noch etwas hinzuzufügen, ging er fort, seine baldige Rückkehr zusagend.
Dieser Besuch tröstete den Herzog, den jedoch das Schweigen sehr befremdete, und er beschwor seinen Diener, ihm nicht länger die Wahrheit vorzuenthalten. Dieser bestätigte ihm, dass der Arzt keinerlei Beunruhigung an den Tag gelegt hätte, und so misstrauisch auch Herzog Jean war, er fand kein Anzeichen, welches eine Lüge auf dem ruhigen Gesicht des alten Mannes verriet.
Bald heiterten sich seine Gedanken auf; überdies waren seine Leiden verstummt und zu der Schwäche, die er in allen Gliedern verspürte, gesellte sich eine gewisse Sanftheit, eine gewisse Wohligkeit, leise und unbestimmt. Und endlich war er ganz zufrieden, nicht mit Arzeneien und Flaschen überbürdet zu sein. Ein schwaches Lächeln glitt um seine blassen Lippen, als der Diener ein mit Pepton gemischtes Klystier brachte und ihm bedeutete, dass er dasselbe dreimal in vierundzwanzig Stunden wiederholen müsse.
Es müsste köstlich sein, dachte er, wenn man bei voller Gesundheit dieses einfache Mittel fortsetzen könnte! Welch eine Ersparnis an Zeit, welch eine radikale Erlösung der Abneigung, welche das Fleisch den Leuten ohne Appetit einflösst! Welch endgültige Befreiung des Überdrusses, der immer aus der notgedrungen beschränkten Wahl der Speisen sich ergiebt! Welch energische Verwahrung gegen die gemeine Sünde der Gefrässigkeit!
Einige Tage darauf brachte der Diener ein Klystier, dessen Farbe und Geruch anders war als das von Pepton.
»Aber das ist ja nicht dasselbe!« rief der Herzog aus, der sehr aufgeregt war über die in das Instrument gegossene Flüssigkeit.
Er verlangte wie in einem Restaurant die Karte, und das Rezept des Arztes entfaltend las er:
Leberthran 20 Gramm Kraftbouillon 200 Gramm Burgunderwein 200 Gramm Eigelb 1 Gramm.
Aber er brauchte bald nicht mehr über die nährenden Flüssigkeiten nachzudenken, denn es gelang dem Arzt, nach und nach die Erbrechungen zu bezwingen und ihm auf gewöhnlichem Wege einen süsslichen Punsch mit Fleischpulver gemischt beizubringen, dessen unbestimmtes Aroma von Kakao seinem Mund zusagte.
Wochen vergingen, und sein Magen entschloss sich endlich wieder zu arbeiten; zu gewissen Zeiten kam die Übelkeit noch wieder, die indessen durch das Ingwerbier und durch eine Arzenei von der Riviera eingeschränkt wurde.
Schliesslich kräftigten sich auch nach und nach die Organe wieder, und mit Hilfe der Pepsine konnte er wirkliches Fleisch verdauen. Die Kräfte nahmen zu, und bald konnte der Herzog schon in seinem Zimmer aufrecht stehen und versuchen zu gehen, sich auf einen Stock stützend und an den Ecken der Möbel festhaltend. Anstatt sich dieses Erfolges zu freuen, vergass er seine vergangenen Leiden, wurde gereizt über die Länge der Rekonvalescenz und warf dem Arzt vor, dass er seine Genesung hinauszögere.
Endlich war er so weit wieder hergestellt, dass er während ganzer Nachmittage aufbleiben konnte und ohne Hilfe in seinem Zimmer umherzugehen vermochte.
Jetzt ärgerte ihn sein Arbeitszimmer; Fehler, an die er sich durch die Länge der Zeit gewöhnt hatte, fielen ihm in die Augen, als er nach langer Zwischenzeit wieder dorthin kam.
Die Farben, die gewählt waren, um bei Licht gesehen zu werden, erschienen ihm bei Tageslicht unharmonisch. Er dachte daran, sie zu ändern und stellte stundenlang künstliche Farbenharmonieen zusammen.
Es ist kein Zweifel, ich bin auf dem Wege der Besserung, dachte er, die Rückkehr zu seinen früheren Beschäftigungen und alten Liebhabereien wahrnehmend.
Eines Morgens, während er seine orange-gelben und blauen Wände betrachtete und dabei von den idealen Wandbekleidungen träumte, die aus griechischen Kirchenstolas, russischen Messgewändern in Goldstoff, Chormänteln aus Brokat, mit slavonischen Buchstaben gemustert, aus Edelsteinen des Ural und aus Reihen Perlen gebildet waren, trat der Arzt ins Zimmer, und die Blicke seines Kranken beobachtend, erkundigte er sich nach seinem Befinden.
Der Herzog teilte ihm seine unausführbaren Wünsche mit und fing an, neue Farbenmischungen vor ihm zu entwickeln, von Paarungen und Auflösungen der Nüancen zu sprechen, als ihm der Arzt einen energischen Dämpfer aufsetzte und ihm in einer keinen Widerspruch duldenden Weise erklärte, dass er jedenfalls nicht in dieser Wohnung seine Pläne zur Ausführung bringen werde.
Und ohne ihm die Zeit zu einer Entgegnung zu lassen, setzte er ihm auseinander, dass er zuerst zum wichtigsten geschritten sei, indem er die Verdauungsfunktionen wieder hergestellt habe, und dass er jetzt das Nervenleiden selbst in Behandlung nehmen müsse, das keineswegs geheilt sei und Jahre der Schonung und Pflege erfordere.
Er fügte hinzu, dass, bevor er irgend ein Mittel versuchen oder eine Kaltwasserkur anfangen könne, was ausserdem in Fontenay unmöglich sei, er diese Zurückgezogenheit aufgeben, nach Paris zurückkehren, in das allgemeine Leben wieder eintreten und endlich versuchen müsse, sich wie jeder andere Mensch zu zerstreuen.
»Aber die Vergnügungen der Anderen zerstreuen mich nicht!« rief der Herzog empört aus.
Ohne sich in Diskussion einzulassen, versicherte der Arzt einfach, dass die gänzliche Lebensveränderung in seinen Augen eine Lebensfrage wäre.
»Das heisst also der Tod oder die Galeerenstrafe!« rief der Herzog erbittert aus.
Der Arzt, von allen Vorurteilen eines Weltmannes durchdrungen, lächelte und schritt ohne zu antworten der Thür zu.
SECHZEHNTES KAPITEL.
Der Herzog hatte sich in seinem Schlafzimmer eingeschlossen und sich die Ohren verstopft, um nicht die Hammerschläge zu hören, die vom Zunageln der Packkisten, die die beiden alten Diener fertig machten, herüberhallten. Jeder Schlag traf sein Herz und schlug ihm eine tiefe Wunde ins volle Fleisch.
Der Ausspruch des Arztes verwirklichte sich. Die Furcht, nochmals die Schmerzen, die er ertragen hatte, durchmachen zu müssen und die Angst vor einem grässlichen Todeskampf hatten mächtiger auf den Herzog gewirkt, als der Hass der niederträchtigen Existenz, zu welcher ihn das Urteil des Arztes verdammte.
»Und doch giebt es Leute,« murmelte er, »die zurückgezogen leben, ohne mit jemand zu sprechen, die sich fern von der Welt verzehren, so wie die Zuchthäusler und die Trappisten, und nichts beweist, dass diese Unglücklichen, wie auch die Weisen wahnsinnig oder schwindsüchtig werden.«
Er hatte diese Beispiele dem Doktor ohne Erfolg angeführt. Dieser hatte ihm in trocknem Ton wiederholt, der keine Einrede zuliess, dass seine Ansicht, die übrigens durch die Ansicht aller Krankheitsbeschreiber des Nervenleidens bestätigt wurde, dass allein Zerstreuung, Vergnügen, Freude auf die Krankheit Einfluss haben könnte, die richtige wäre. Ungeduldig gemacht durch die Gegenklagen seines Kranken, hatte er ein für allemal erklärt, dass er sich weigere, seine Behandlung fortzusetzen, wenn er nicht einwillige, die Luft zu wechseln und nach den neuen Vorschriften der Gesundheitslehre zu leben.
Herzog Jean hatte sich nach Paris begeben und andere Specialisten zu Rate gezogen, ihnen unparteiisch seinen Fall vorgelegt, und nachdem alle ohne Zögern die Verschreibungen ihres Fachgenossen gebilligt, hatte er eine leere Wohnung in einem neuen Hause gemietet, war nach Fontenay zurückgekehrt und hatte, ausser sich vor Wut, den alten Dienern befohlen, die Koffer zu packen.
Tief in seinen Sessel gedrückt, grübelte er jetzt über die Wandlung nach, die seine Pläne umstürzte, die die Neigungen seines jetzigen Lebens zerstörte, seine zukünftigen Projekte begrub. Er musste diesen Hafen, der ihn schützte, verlassen, wieder von neuem in den Sturm von Albernheiten hinaustreten, der ihn früher niedergeworfen hatte!
Die Ärzte sprachen von Vergnügungen, Zerstreuungen; ja aber mit wem und womit sollte er sich denn erheitern und zerstreuen?
Hatte er sich nicht selbst aus der Gesellschaft gestossen? Kannte er einen Menschen, der es versuchen möchte, so wie er sich in Betrachtungen zu verbannen, sich in Träumereien zu verlieren? Kannte er auch nur einen Menschen, der imstande war, den Scharfsinn eines Satzes, die Feinheit einer Malerei, die Quintessenz eines Gedankens zu schätzen, einen Menschen, dessen Seele fein genug war, einen Mallarmé zu verstehen, einen Verlaine zu lieben?
Wo, wann und in welcher Gesellschaft sollte er suchen, einen Geistesgenossen zu finden, einen Geist, abgesondert von allen Gemeinplätzen, der das Schweigen wie eine Wohlthat, den Undank wie eine Erleichterung, das Misstrauen wie einen Schutz, wie einen Hafen segnete? In der Welt, in der er vor seiner Abreise nach Fontenay gelebt hatte? -- Die meisten dieser Junker, mit denen er verkehrt, hatten sich seit jener Zeit noch mehr in den Salons verdummt, waren noch mehr an den Spieltischen versumpft, an den Küssen der Dirnen noch mehr verliedert. Die meisten mochten sogar verheiratet sein.
»Welch hübscher Wechsel, welch schöner Tausch war doch diese von der sonst so prüden Gesellschaft angenommene Gewohnheit!« träumte der Herzog vor sich hin.
War denn nicht auch der alte Adel in Fäulnis geraten? War die Aristokratie nicht dem Stumpfsinn und der Versumpfung anheimgefallen? Sie erlosch in der Herabgekommenheit ihrer Nachkommen, deren Fähigkeiten bei jeder Generation schwächer wurden und deren Gorilla-Instinkte eines Stallknechtes und Jockeys würdig waren.
Die Klöster waren in Apotheken und Likörfabriken verwandelt. Sie verkauften Rezepte oder machten sie selbst: der Orden der Cistercienser zum Beispiel Schokolade; Trappisten Nudeln und aromatische Weingeistarnika; die Dominikanermönche fabrizierten gegen den Schlagfluss wirkende Elixiere; die Jünger des heiligen Benedikt Benediktiner-Likör; die Mönche des heiligen Bruno Chartreuse.
Der Handel hatte die Klöster überschwemmt: statt der Chorbücher standen grosse Handels-Register auf den Kirchenpulten. Dem Aussatze gleich zerstörte die Gier die Kirche, sie beugte die Mönche über die Inventuren und Rechnungen, verwandelte die Kirchenväter in Zuckerbäcker und Quacksalber, die Laienbrüder und Klosterdiener in gewöhnliche Packer und Krukenverschliesser.
Und dennoch waren es nur noch die Geistlichen, bei denen der Herzog Verbindungen erhoffen konnte, die bis auf einen gewissen Grad seinem Geschmack gleichkamen. In der Gesellschaft der Stiftsherren, im allgemeinen gelehrt und wohlerzogen, würde er einige angenehme und interessante Abende verbringen können. Aber dazu war es nötig, dass er ihren Glauben teilte, dass er nicht zwischen skeptischen Ideen und Überzeugungssprüngen schwankte, die von Zeit zu Zeit, durch die Erinnerungen seiner Kindheit unterstützt, auftauchten.
Er hätte identische Meinungen hegen müssen und nicht, wie er es gern in den Augenblicken der Erregung that, einen mit etwas Magie gesalzenen Katholizismus anerkennen dürfen.
Dieser besondere Klerikalismus, dieser verderbte und künstlich lasterhafte Mystizismus, auf welchen er in gewissen Stunden lossteuerte, konnte sogar mit einem Priester nicht besprochen werden, der ihn nicht begriffen und ihn sofort mit Entsetzen verbannt haben würde.
Zum zwanzigsten Mal erregte ihn dies unlösliche Rätsel. Er hätte gewünscht, dass dieser argwöhnische Zustand, gegen den er vergeblich in Fontenay gekämpft hatte, ein Ende nähme, jetzt, wo er aus sich herausgehen sollte; er hätte sich zwingen mögen, den wahren Glauben zu besitzen, sich ihn tief einzuprägen, sobald er ihn halten würde, ihn mit Klammern in seiner Seele zu befestigen, ihn endlich in Sicherheit zu bringen vor allen Grübeleien, die ihn schwankend machten.
»Könnte man doch jedes Grübeln aufgeben!« murmelte der Herzog mit einem schmerzlichen Seufzer; »man müsste die Augen schliessen können, sich durch die Strömung forttreiben lassen und diese verfluchten Entdeckungen vergessen können, die das religiöse Gebäude seit zwei Jahrhunderten von oben bis unten erschüttert haben.«
»Und noch dazu sind es nicht einmal die Ungläubigen, noch die Physiologen,« seufzte er, »die den Katholizismus niederreissen; es sind die Priester selbst, deren ungeschickte Werke die hartnäckigsten Überzeugungen ausrotten können.
Hatte sich nicht ein Doktor der Theologie, ein Predigerbruder, der hochwürdige Pater Rouard de Card, erdreistet, in einer Broschüre: >Die Fälschungen der sakramentalen Substanzen< unumstösslich zu beweisen, dass der grösste Teil der Messen aus dem Grunde nicht gültig war, weil die dem Kultus dienenden Stoffe durch die Verkäufer gefälscht waren?«
Seit Jahren waren die heiligen Öle mit Hühnerfett, das Wachs mit verkalkten Knochen, das Weihrauch mit gewöhnlichem und altem Benzoeharz verfälscht worden.