Part 10
Was konnte er denn erhoffen, wenn nicht neue Enttäuschungen, wie in Holland?
Er hatte gerade noch so viel Zeit, um nach dem Bahnhof gegenüber zu laufen, doch ein gewaltiger Widerwille gegen die Reise erfasste ihn und ein unabweisliches Bedürfnis, ruhig zu sitzen, drängte sich ihm mit Gewalt auf.
Nachdenklich liess er einige Minuten verstreichen, sich auf diese Weise den Rückweg abschneidend, und sagte sich: »Jetzt würde ich mich in die Billetausgabe stürzen, mich mit meinem Gepäck herumstossen müssen; wie verdriesslich!« --
Dann wiederholte er sich von neuem: »Im ganzen genommen habe ich gesehen und empfunden, was ich sehen und empfinden wollte. Ich bin mit englischem Leben seit meiner Abreise von Fontenay übersättigt und müsste wahnsinnig sein, wenn ich durch Umherirren meine Eindrücke zerstören sollte.«
»Sieh da,« fuhr er in seinem Monolog fort, seine Uhr ansehend, »die Zeit ist da heimzukehren!«
Jetzt stand er wirklich auf, ging hinaus und befahl seinem Kutscher, ihn nach dem Bahnhof von Sceaux zurückzufahren, und er kam wieder in Fontenay an mit seinen Koffern, Paketen, Reisedecken, Regenschirmen und Spazierstöcken und empfand die körperliche Abgehetztheit, die moralische Ermüdung eines Menschen, der nach einer langen, gefahrvollen Reise endlich wieder zu Hause anlangt.
ZWOELFTES KAPITEL.
Während der Tage, die seiner Rückkehr folgten, betrachtete Herzog Jean mit Wohlgefallen seine Bücher, und bei dem Gedanken, dass er sich lange Zeit von ihnen hatte trennen können, empfand er eine ebenso wirkliche Befriedigung, wie er sie genossen, wenn er sie nach einer ernstlichen Reise wiedergefunden hätte. Unter dem Impuls dieses Gefühls schienen ihm die Gegenstände neu, denn er nahm an ihnen Schönheiten wahr, die er vergessen, seitdem er sie erworben hatte.
Alles: Bücher, Nippsachen, Möbel, nahm in seinen Augen einen neuen Reiz an. Sein Bett schien ihm weicher im Vergleich zu dem Lager, das er in London eingenommen haben würde; der diskrete, schweigsame Dienst des alten Ehepaares entzückte ihn, da er sich von dem Gedanken an die lärmende Redseligkeit der Hotelkellner ermüdet fühlte.
Er schöpfte frische Lebenskraft aus dem Bad der Gewohnheit.
Aber seine Bücher beschäftigten ihn hauptsächlich. Er prüfte sie, ordnete sie von neuem auf den Gestellen, sah genau nach, ob seit seiner Ankunft in Fontenay die Hitze und Feuchtigkeit ihre Einbände nicht beschädigt und ihr kostbares Papier nicht zerfressen hatte.
Er fing an, seine ganze lateinische Bibliothek umzuordnen, dann stellte er die Werke von Archelaus, Albert le Grand, Lulle, Arnold de Villanova, welche die Kabbala und geheimen Wissenschaften behandelten, in neuer Ordnung auf. Dann sah er seine modernen Bücher nacheinander durch und stellte mit Vergnügen fest, dass alle trocken und unversehrt geblieben waren.
Diese Sammlung hatte ihn bedeutende Summen gekostet. Denn er hatte sich die von ihm bevorzugten Verfasser in besonderen Luxus-Ausgaben angeschafft. In seiner Pariser Zeit hatte er für sich allein bestimmte Bücher herstellen lassen. Er liess von England und Amerika neue Buchstaben für die Anfertigung von Werken dieses Jahrhunderts kommen; oder wendete sich an ein Geschäft in Lille, das einen ganzen Satz gotischer Typen besass.
Er hatte es ebenso mit seinem Papier gemacht, denn er war eines Tages der silbernen Chinas, der perlmutternen und goldenen Japans überdrüssig geworden, wie auch der weissen Wathmans, der dunkelbraunen Holländischen, der Turkeys und Seychal-Mills in Gemsfarben. Ebenso befriedigte ihn nicht mehr das mit Maschinen angefertigte Papier. Deshalb hatte er besonders gestreiftes Papier in den alten Fabriken von Vire bestellt, wo man sich noch der Stampfe bediente, die man früher anwendete, um Hanf zu verarbeiten.
Um ein wenig Abwechselung in seine Sammlungen zu bringen, hatte er sich verschiedentlich Ripspapier aus London schicken lassen; auch bereitete ihm ein Lübecker Fabrikant ein Pressbalkenpapier, bläulich, kräftig, etwas spröde, in dessen Stoff die Fasern durch Goldkörnerchen, wie sie in dem Danziger Goldwasser flimmern, ersetzt waren.
Dadurch hatte er sich Bücher einzig in ihrer Art verschafft. Sie waren in ungebräuchlichem Formate, die er von Künstlern in antiker Seide, geprägtem Ochsen- und Coy-Leder artistisch einbinden liess. Auch besass er kostbare Einbände aus moirierter Seide und Taffet und einige sogar mit oxydiertem Silberbeschlag und hellem Email ausgelegt.
So hatte er sich von dem bekannten alten Geschäft Le Clere die Werke von Baudelaire in grossem Format wie Messbücher mit grossen steilen Buchstaben auf sehr feinem japanischen Filzpapier drucken lassen.
Der Herzog hatte dieses unvergleichliche Werk aus seinem Bücherschrank herausgezogen; er befühlte es andächtig und las gewisse Stellen wieder durch, die ihm in diesem einfachen aber unschätzbaren Rahmen ergreifender als gewöhnlich erschienen.
Seine Bewunderung für diesen Schriftsteller war grenzenlos. Seiner Meinung nach hatte man sich bis jetzt in der Litteratur darauf beschränkt, das Äussere der Seele zu erforschen. Baudelaire war weiter gegangen; er war bis zum Grund der unerschöpflichen Mine hinabgestiegen, hatte sich weit in die verlassenen und unbekannten Gänge hineingewagt, war in den Distrikten der Seele angelangt, wo sich die widernatürliche Vegetation der Gedanken verzweigt.
Zu einer Zeit, wo die Litteratur fast ausschliesslich den Lebensschmerz dem Unglück einer verkannten Liebe oder den Eifersüchteleien des Ehebruchs zuschrieb, hatte Baudelaire diese kindischen Krankheiten überwunden und die unheilbareren, tieferen Schäden untersucht, die durch Übersättigung und Enttäuschung die Gegenwart martern, die Vergangenheit anwidern und die Zukunft erschrecken und beunruhigen.
Und je mehr der Herzog wieder Baudelaire durchlas, desto mehr erkannte er einen unendlichen Zauber in diesem Schriftsteller, der in einer Zeit, wo Verse nur dazu dienten, die äusseren Erscheinungen von Wesen und Sachen wiederzugeben, es dahin gebracht hatte, das Unaussprechliche auszudrücken, dank einer kräftigen und vollen Sprache, die mehr als jede andere diese wunderbare Macht besass, mit einer seltenen Gesundheit von Ausdrücken krankhafte Zustände der flüchtigsten und zitterndsten Art, der erschöpften Geister und traurigen Seelen festzustellen.
Ausser Baudelaire waren die französischen Bücher in seiner Bibliothek ziemlich beschränkt. Er war gänzlich unempfänglich für die Werke, vor denen es zum guten Ton gehört, in Entzücken zu geraten.
»Der herzhafte Humor von Rabelais« und »die gesunde Komik Molières« brachten ihn nicht zum Lachen und seine Antipathie gegen diese Possen ging sogar so weit, dass er sich nicht scheute, sie mit Jahrmarktstand zu vergleichen.
Von den alten Dichtern las er nur Villon, dessen melancholische Balladen ihn rührten; hier und da einige Sachen von Aubigné, die durch die unglaubliche Heftigkeit ihrer Ausfälle und durch ihre Flüche sein Blut in Wallung brachten.
Von den Prosaisten beschäftigten ihn Voltaire und Rousseau sehr wenig, noch weniger Diderot, dessen so sehr gerühmte »Salons« ihm ganz besonders mit moralischen Abgeschmacktheiten und einfältigen Bestrebungen angefüllt schienen; aus Hass gegen all diesen Plunder vertiefte er sich fast ausschliesslich in die Lektüre der christlichen Beredsamkeit, wie Bourdaloue und Bossuet, deren kräftige und bilderreiche Sprache ihm imponierte. Aber vorzugsweise erquickte er sich an den ernsten und markigen Sätzen, welche Nicole und besonders Pascal aufbauten, dessen strenger Pessimismus und schmerzliche Zerknirschung ihm zu Herzen gingen.
Diese wenigen Bücher ausgenommen, fing die französische Litteratur in seiner Bibliothek erst mit dem neunzehnten Jahrhundert an.
Sie teilte sich in zwei Gruppen: die eine bestand aus der gewöhnlichen, profanen, die andere aus der Kirchen-Litteratur.
Aus der Menge seichter Schwätzer, die die Kirchenlitteratur auf ihrem Gewissen hatte, ragte besonders Lacordaire hervor, einer der wenigen wirklichen Schriftsteller, den die Kirche seit Jahren hervorgebracht hatte.
Höchstens waren noch einige Seiten seines Schülers, des Abtes Peyreyve, lesbar. Dieser hatte eine rührende Biographie seines Lehrers hinterlassen, einige liebenswürdige Briefe geschrieben, Artikel in klangvoller Rednersprache verfasst und Lobreden gehalten, in denen aber ein schwülstiger Ton zu sehr vorherrschte.
In Wahrheit aber hatte der Abt Peyreyve weder die Erregung noch die flammende Begeisterung eines Lacordaire.
Der im allgemeinen abgedroschene bischöfliche, von den Prälaten gehandhabte Stil war wieder etwas männlicher geworden. Dies zeigte sich besonders bei dem Grafen de Falloux.
Unter dem Schein der Mässigung schwitzte dieser Akademiker geradezu Galle. Seine im Parlament 1848 gehaltenen Reden waren dagegen weitschweifig und matt, aber seine in dem »Correspondent« veröffentlichten und seitdem in Sammlungen vereinigten Artikel waren beissend und scharf und von einer übertriebenen Höflichkeit in ihrer Form.
Er war ein gefährlicher Polemiker wegen seiner Hinterhalte, ein schlauer Logiker, seitwärts gehend und unvermutet treffend.
Etwas geschraubter, gezwungener, ernster war Ozanam, der geliebte Schutzredner der Kirche, der Glaubensrichter der christlichen Sprache.
Obgleich Herzog Jean schwer zu überraschen war, war er dennoch erstaunt über die Dreistigkeit dieses Schriftstellers, der von den unerklärlichen Absichten Gottes redete, als ob er die Beweise der unwahrscheinlichen Behauptungen, die er vorbrachte, hätte beibringen können.
Ein Buch, das sein Interesse in hohem Grade zu erwecken vermocht hatte, war: »Der Mensch« von Ernest Hello.
Dieser war die absolute Antithese seiner religiösen Mitbrüder. Fast isoliert in der gottesfürchtigen Gruppe, die seine Art abschreckte, hatte Ernest Hello schliesslich den grossen Verbindungsweg, der von der Erde zum Himmel führt, verlassen. Ohne Zweifel angewidert von der langweiligen Einförmigkeit der Strasse und von dem Gewühl dieser Schriftpilger, die im Gänsemarsch seit Jahrhunderten hintereinander dieselbe Chaussee gingen, einer in des andern Fussstapfen tretend, an denselben Orten anhaltend, um dieselben Gemeinplätze über die Religion, die Kirchenväter, über ihre gleichen Überzeugungen und ihre gleichen Meister auszutauschen, war er durch die Seitenpfade gegangen und war in der düstern Waldlichtung von Paschalis gemündet, wo er lange gehalten hatte, um Atem zu schöpfen. Dann hatte Hello seinen Weg fortgesetzt und war weiter als der Jansenist vorgedrungen, den er übrigens verspottete.
Gewunden und geziert, pedantisch und verwickelt, wie Hello war, erinnerte er den Herzog durch die eindringlichen Spitzfindigkeiten seiner Analyse an die forschenden, kritischen Studien einiger Psychologen des vergangenen und dieses Jahrhunderts.
In diesem eigentümlich gebildeten Geist existierten wundersame Gedankenverbindungen, unvermutete Annäherungen und Widersprüche. Ihm imponierte Hellos seltsame Art, von der Etymologie der Wörter auf geistreiche Beziehungen zu kommen, die manchmal etwas dünn wurden, aber fast immer blendend waren. --
Zwei Werke von Barbey d'Aurévilly reizten den Herzog ganz besonders: »Le Prêtre marié« und »Les Diaboliques«. In diesen eigentümlichen Büchern hatte der Verfasser beständig zwischen den beiden Extremen der katholischen Religion laviert, die sich vereinigen: Mysticismus und Sadismus.
In diesen zwei Büchern, die der Herzog wieder durchblätterte, hatte Barbey jede Klugheit verloren, seinem Pferde die Zügel schiessen lassen und war in gestrecktem Galopp auf Wegen davon geritten, die er bis zu ihrem äussersten Ende verfolgte.
Der ganze Schrecken des Mittelalters schwebte über diesem unwahrscheinlichen Buch des »verheirateten Priesters«; die Magie vermischte sich mit der Religion, und unbarmherziger und grausamer als der Teufel quälte der Gott der Erbsünde die unschuldige Calixte, seine Verstossene, die er mit einem roten Kreuz auf der Stirne gezeichnet, wie er ehemals von seinem Engel die Häuser der Abtrünnigen, die er verderben wollte, hatte zeichnen lassen.
Nach diesen mystischen Abschweifungen hatte der Schriftsteller eine Periode der Ruhe gehabt; dann aber war ein schrecklicher Rückfall eingetreten.
In dem »verheirateten Priester« wurde das Lob Christi von Barbey d'Aurévilly gesungen; in »Les Diaboliques« hatte sich der Verfasser dem Teufel ergeben, den er pries; und jetzt erschien der Sadismus, dieser Bastard des Katholizismus, den die Religion in allen Formen mit Exorcismen und Scheiterhaufen durch alle Jahrhunderte verfolgt hat.
Mit Barbey d'Aurévilly nahm die Serie der religiösen Schriftsteller ein Ende. Eigentlich gehörte dieser Paria in jeder Hinsicht mehr zur weltlichen Litteratur als zu jener andern, bei der er einen Platz beanspruchte, den man ihm verweigerte. Seine Sprache war die des wilden Romantismus, voll gewundener Wendungen und übertriebener Vergleiche, und eigentlich erschien d'Aurévilly wie ein Zuchthengst unter diesen Wallachen, die die ultramontanen Ställe füllen.
Dem Herzog kamen diese Betrachtungen beim gelegentlichen Wiederlesen einiger Stellen dieses Schriftstellers, und wenn er diesen nervösen, abwechslungsreichen Stil mit der lymphatischen und unbeweglichen Art seiner Mitbrüder verglich, gedachte er ebenfalls der Fortentwickelung der Sprache, die uns Darwin so klar dargestellt hat.
Mittlerweile kündigte der silberne Ton einer Glocke, die auf den Ton der Angelusglocke abgestimmt war, dem Herzog an, dass das Frühstück aufgetragen sei.
Er liess seine Bücher liegen, trocknete sich die Stirn und ging nach dem Esszimmer, indem er sich sagte, dass von all den Büchern, die er soeben geordnet hatte, die Werke von Barbey d'Aurévilly noch die einzigen waren, bei denen Gedanken und Stil an den Hautgoût der decadenten lateinischen Schriftsteller der alten Zeit, die ihm so sympathisch waren, erinnerten.
DREIZEHNTES KAPITEL.
Das Wetter war in diesem Jahre ganz ungewöhnlich: nach den Stosswinden und Nebeln lag ein weissglühender Himmel über der Gegend ausgebreitet.
In zwei Tagen war ohne jeden Übergang der feuchten Kälte und den Regengüssen eine brennende Hitze, eine Luft von entsetzlicher Schwere gefolgt. Wie mit Feuerhaken geschürt strahlte die Sonne, gleich der Öffnung eines Backofens, ein fast weisses Licht aus, das das Auge blendete; ein heisser Staub erhob sich von den kalkigen Chausseen und verdorrte die Bäume und den Rasen. Die Sonne, die auf die weiss getünchten Mauern, die Zinkdächer und die Fensterscheiben niederbrannte, blendete förmlich. Die Glut einer Giesserei lag auf dem Hause des Herzogs Jean.
Halb nackt öffnete er ein Fenster, eine Welle heisser Luft schlug ihm ins Gesicht; in dem Esssaal, in den er sich flüchtete, war es glühend.
Er setzte sich ganz verzweifelt nieder, denn die Überreizung, die ihn aufrecht hielt, solange er beim Ordnen seiner Bücher seinen Träumen nachgehangen hatte, war jetzt vorüber.
Wie alle nervösen Leute wurde er durch die Hitze sehr angegriffen. Die Bleichsucht, durch die Kälte zurückgehalten, machte sich wieder bemerkbar und schwächte den ohnedies schon matten Körper noch mehr durch übermässigen Schweiss.
Das Hemd auf dem nassen Rücken klebend, die Beine und Arme kraftlos, die Stirn mit Schweiss bedeckt, der in salzigen Tropfen die Backen hinablief, lag der Herzog wie gebrochen in seinem Sessel. Der Anblick des Fleisches, das auf dem Tische stand, widerte ihn in diesem Augenblick an und er befahl, es fortzutragen; er bestellte sich Eier und versuchte Stückchen Brot, ins weiche Gelbe getunkt, hinunter zu würgen; aber sie blieben ihm in der Kehle sitzen. Die Neigung zum Erbrechen kam. Er trank einige Tropfen Wein, die ihm wie Feuer im Magen brannten.
Er wischte sich das Gesicht ab; der Schweiss, noch eben warm, floss kalt an den Schläfen entlang. Er sog einige Stückchen Eis langsam auf, um die Übelkeit zu vertreiben. Doch vergeblich.
Eine grenzenlose Mattigkeit drückte ihn nieder; er meinte zu ersticken und stand auf.
Noch nie hatte er sich so beunruhigt, so zerrüttet, so elend gefühlt. Dabei quollen seine Augen, er sah die Gegenstände doppelt und um sich selbst drehend. Bald verschwand ihm das Gefühl für die richtigen Entfernungen, sein Glas schien ihm eine Meile von ihm zu stehen. Er verhehlte sich nicht, dass er der Spielball seiner sensationellen Täuschungen war, und unfähig, dagegen zu reagieren, legte er sich auf das Sofa im Salon.
Da aber wiegte ihn ein Schwanken, wie das Schwanken eines Schiffes, und die Übelkeit wurde stärker; er stand wieder auf und entschloss sich, durch ein Verdauungsmittel die Eier, die ihn nahezu erstickten, hinunterzubringen.
Er ging nach dem Esszimmer zurück und verglich sich in dieser Kabine melancholisch mit einem Seereisenden. Er kam sich wie ein von Seekrankheit befallener Passagier vor.
Schwankenden Schrittes wendete er sich dann zu dem Wandschrank, prüfte seine Mundorgel, doch öffnete er sie nicht, sondern nahm von dem oberen Brett eine Flasche mit Benediktiner, die er ihrer Form wegen aufbewahrte.
Aber für den Augenblick war ihm alles gleichgültig; mit mattem Auge betrachtete er die dickbäuchige dunkelgrüne Flasche, die sonst in ihm die Vorstellung eines mittelalterlichen Klosters wachgerufen hätte: mit ihrem antiken Mönchsbauch, ihrem Kopf und Hals, mit einer Pergament-Kapuze versehen, ihrem roten Wachssiegel mit den drei silbernen Bischofshüten am Halse, gesiegelt wie eine Bulle, und einer Etikette, auf deren gelblichem Papier in Mönchslatein stand: »Liquor Monachorum Benedictinorum Abbatiae Fiscanensis«.
Diese klösterliche Hülle barg einen safrangelben Likör von entzückender Zartheit.
Er trank einige Tropfen von diesem Likör und fühlte während eines Augenblicks etwas Erleichterung, aber bald brannte das Feuer wieder von neuem in seinen Eingeweiden.
Er warf verzweifelt seine Serviette hin und begab sich wieder in sein Arbeitszimmer, wo er langsam auf und ab ging.
Es war ihm, als sei er unter einer Luftglocke, in der ihm die Luft nach und nach entzogen wurde, und eine wonnige grausame Schwäche bemächtigte sich seiner, vom Rückenmark durch alle Glieder gehend. Er sträubte sich dagegen, und da er es nicht mehr aushalten konnte, flüchtete er sich, vielleicht zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Fontenay, in seinen Garten und suchte Schutz unter einem Baum, der einen runden Schatten warf.
Auf dem Rasen sitzend, sah er mit stumpfer Miene auf die viereckigen Gartenbeete, auf denen seine alten Dienstboten Gemüse gepflanzt hatten.
Er sah sie wohl an, aber erst nach Verlauf einer Stunde bemerkte er sie, denn ein gräulicher Nebel schwebte vor seinen Augen und liess ihn nichts unterscheiden, ähnlich wie auf dem Meeresgrund, wo man nur unbestimmte Bilder gewahrt.
Schliesslich fand er sein geistiges Gleichgewicht wieder und unterschied deutlich Zwiebeln vom Kohl, sowie etwas weiter ein Feld mit Kopfsalat und im Hintergrunde die ganze Hecke entlang eine Reihe weisser Lilien, die unbeweglich in der schweren Luft ihren Duft ausströmten.
Er durchstöberte den Garten, sich für die in der Hitze verwelkten Pflanzen und den heissen Erdboden interessierend, der in dem glühenden Staub der Luft dampfte. Dann bemerkte er oberhalb der Hecke, die den tiefer gelegenen Garten von der erhöhten Strasse, die nach dem Vorwerke führte, trennte, einige Jungen, die sich in vollem Sonnenbrand im Staube wälzten.
Er konzentrirte seine Aufmerksamkeit eben auf sie, als ein anderer, kleinerer erschien; er sah schmutzig aus, hatte Haar wie Seegras und war voll von Sand; zwei grüne Blasen hatte er unter der Nase, widerliche Lippen, weiss beschmiert mit weichem Käse, der auf Brot gestrichen und mit gehackten Zwiebeln bestreut war.
Der Herzog sog den Geruch davon ein; ein krankhaftes Gelüst bemächtigte sich seiner. Die schmutzigen Brotschnitte liessen ihm das Wasser in den Mund treten. Es schien ihm, als wenn sein Magen, der jede Nahrung verweigerte, dies abscheuliche Essen verdauen würde und sich sein Gaumen wie an einem Leckerbissen daran laben könne.
Er sprang auf, lief nach der Küche, befahl, aus dem Dorf einen Laib Brot, weissen Käse und Zwiebeln zu holen, bestimmte, wie man ihm die Brotschnitte bereiten solle, genau wie die, an denen der Junge herumwürgte, und ging zu seinem Baum zurück, unter dem er sich wieder niederliess.
Jetzt schlugen sich die Jungen. Sie entrissen sich Stücke Brot, die sie sich in die Backen stopften, wobei sie sich die Finger ableckten. Es hagelte dabei Fusstritte, Faustschläge, und die Schwächsten, die zur Erde geworfen wurden, schlugen mit den Beinen um sich und heulten.
Dieses Schauspiel belebte den Herzog; das Interesse, das er an dem Kampf nahm, wendete seine Gedanken von seinem Übel ab; bei der Erbitterung der Bengel dachte er an das grausame Gesetz vom Kampf ums Dasein, und obgleich diese Jungen nur aus niedrigem Stande waren, konnte er sich doch nicht erwehren, sich für ihr Los zu interessieren und zu glauben, dass es besser für sie gewesen wäre, wenn ihre Mütter sie nicht in die Welt gesetzt hätten.
»Welcher Wahnsinn,« dachte der Herzog, »Kinder zu zeugen!«
Der Diener unterbrach die wohlgemeinten Betrachtungen, über welche der Herzog nachgrübelte, und überreichte ihm auf einem silbernen Teller das gewünschte Käsebrot.
Eine Übelkeit überkam ihn; er hatte nicht den Mut, dieses Butterbrot zu essen, denn die krankhafte Überreizung seines Magens war vergangen. Ein Gefühl entsetzlicher Zerrüttung befiel ihn von neuem; er musste aufstehen. Die Sonne drehte sich und nahm nach und nach seinen Platz ein, die Hitze wurde noch drückender und lästiger. -- »Werfen Sie das Butterbrot jenen Jungen hin,« sagte der Herzog zu dem alten Diener, »mögen die sich darum schlagen; mögen sich die Schwächeren verkrüppeln und keinen Teil an den Leckerbissen haben; mögen sie obendrein von ihren Eltern tüchtig durchgeprügelt werden, wenn sie mit zerrissenen Hosen und blauen Augen nach Hause kommen; das wird ihnen einen Vorgeschmack von dem Leben, das ihrer wartet, geben!«
Mit diesen Worten ging er langsam seinem Hause zu und sank halb ohnmächtig auf einem Sessel nieder.
»Ich muss indessen versuchen, etwas zu essen,« murmelte er, und er tunkte einen Zwieback in einen alten Constantia, von dem er noch einige Flaschen im Keller hatte.
Dieser Wein in der Farbe leicht angebrannter Zwiebelschale, die Mitte zwischen Malaga und Portwein haltend, doch mit einem besonders zuckrigen Bouquet und einem Nachgeschmack von Weintrauben hatte ihn oft gestärkt und manchmal sogar seinem durch gezwungenes Fasten geschwächten Magen neue Kraft eingeflösst. Aber diese Herzstärkung, sonst treu und zuverlässig, verfehlte heut ihre Wirkung.
Nun hoffte er, dass ein linderndes Mittel die glühenden Eisen, die ihm gleichsam den Magen zerrissen, vielleicht abkühlen würde, und er nahm seine Zuflucht zu dem Nalifka, einem russischen Likör in einer mattgolden glasierten Flasche. Aber dieser ölige und himbeerartige Saft war ebenfalls wirkungslos.
Leider! Die Zeit war fern, wo der Herzog sich noch einer guten Gesundheit erfreute, wo er in voller Hundstagshitze auf seinem Besitztum einen Schlitten bestieg und da, eingewickelt in Pelze, die er bis zur Brust hinaufzog, zu frösteln versuchte und sich sagte, indem er sich mit den Zähnen zu klappern bemühte: »Ah! dieser Wind ist eisig, man erfriert fast, man erstarrt wirklich!« bis es ihm fast gelang, sich zu überzeugen, dass es recht bitterlich kalt sei!
Unglücklicherweise wirkten diese Mittel nicht mehr, seit seine Leiden thatsächlich überhandgenommen hatten.
Dabei blieb ihm nicht einmal die Zuflucht, zur Opiumtinktur zu greifen; denn anstatt ihn zu beruhigen, regte ihn dies schmerzstillende Mittel derartig auf, dass es ihm die Ruhe raubte.
Früher hatte er sich mit Opium und Haschisch Visionen erzeugen wollen, aber diese beiden Substanzen hatten Erbrechen und heftige nervöse Aufregungen herbeigeführt, er hatte sofort darauf verzichtet und ohne Hilfe dieser derben Reizmittel von seinem Gehirn allein verlangt, ihn weit von dem Leben ab ins Reich der Träume zu führen.