Gedichte und Sprüche in Auswahl

Part 2

Chapter 23,118 wordsPublic domain

Nû wachet! uns gêt zuo der tac, gein dem wol angest haben mac ein ieglich kristen, juden unde heiden. wir hân der zeichen vil gesehen, dar an wir sîne kunft wol spehen, als uns diu schrift mit wârheit hât bescheiden. diu sunne hât ir schîn verkêret, untriuwe ir sâmen ûz gerêret allenthalben zuo den wegen: der vater bî dem kinde untriuwe vindet, der bruoder sînem bruoder liuget, geistlîchez leben in kappen triuget, die uns ze himel solten stegen; gewalt gêt ûf, reht vor gerihte swindet. wol ûf! hie ist ze vil gelegen.

MORGENGEBET

Mit sælden müeze ich hiute ûf stên, got hêrre, in dîner huote gên und rîten, swar ich in dem lande kêre. Krist hêrre, lâ an mir werden schîn die grôzen kraft der güete dîn und pflic mîn wol durch dîner muoter êre. als ir der heilig engel pflæge, und dîn, dô du in der kripfen læge, junger mensch und alter got, dêmüetic vor dem esel und vor dem rinde, und doch mit sældenrîcher huote pflac dîn Gabriêl der guote wol mit triuwen sunder spot: als pflig ouch mîn, daz an mir iht erwinde daz dîn vil götelîch gebot.

DER WAISE

Diu krône ist elter dan der künec Philippes sî: dâ muget ir alle schouwen wol ein wunder bî, wie s' ime der smit sô ebene habe gemachet. sîn keiserlîchez houbet zimt ir alsô wol, daz sie ze rehte nieman guoter scheiden sol. ir dewederez dâ daz ander niht enswachet. sie liuhtent beide ein ander an, daz edel gesteine wider den jungen süezen man: die ougenweide sehent die fürsten gerne. swer nû des rîches irre gê, der schouwe, wem der weise ob sîme nacke stê: der stein ist aller fürsten leitesterne.

NEUER LEBENSMUT

Dô Friderich ûz Ôsterrîche alsô gewarp, dêr an der sêle genas und im der lîp erstarp, dô fuorte er mînen kranechentrit in d' erde; dô gieng ich slîchend' als ein pfâwe swar ich gie, daz houbet hanhte ich nider unz ûf mîniu knie. nû rihte ab ich ez ûf nâch vollem werde: ich bin vil wol ze fiure komen, mich hât daz rîche und ouch diu krône an sich genomen. wol ûf, swer tanzen welle nâch der gîgen! mir'st mîner swære worden buoz: alrêrste wil ich ebene setzen mînen fuoz und wider in ein hôchgemüete stîgen.

KÖNIG PHILIPPS KRÖNUNG

Ez gienc, eins tages als unser hêrre wart geborn von einer maget, die'r im ze muoter hâte erkorn, ze Megedeburc der künec Philippes schône. dâ gienc eins keisers bruoder unde eins keisers kint in éiner wât, swie doch der namen drîe sint: er truoc des rîches zepter und die krône. er trat vil lîse, im was niht gâch, im sleich ein hôchgeborniu küniginne nâch, rôs' âne dorn, ein tûbe sunder gallen. diu zuht was niener anderswâ: die Düringe und die Sahsen dienden alsô dâ, daz ez den wîsen muoste wol gevallen.

BERUFUNG AN HERZOG LEOPOLD

Nû wil ich mich des scharpfen sanges ouch genieten: dâ ich ie mit vorhten bat, dâ wil ich nû gebieten. ich sihe wol, daz man hêrren guot und wîbes gruoz gewalteclîche und ungezogenlîche erwerben muoz. singe ich mînen höveschen sanc, sô klagent si'z Stollen: dêswâr ich gewinne ouch lîhte knollen; sît sie die schalkeit wellen, ich gemache in vollen kragen. ze Ôsterrîche lernde ich singen unde sagen dâ wil ich mich allerêrst beklagen: vind' ich an Liupolt höveschen trôst, so'st mir mîn muot entswollen.

DER RÖMISCHE STUHL

Der stuol ze Rôme ist allerêrst berihtet rehte als hie vor bî einem zouberære Gêrbrehte. der gap ze valle niwet wan sîn eines leben: sô wil sich dirre und al die kristenheit ze valle geben. wan rüefent alle zungen hin ze himele wâfen und frâgent got, wie lange er welle slâfen? sie widerwürkent sîniu werc und velschent sîniu wort: sîn kamerære stilt im sînen himelhort, sîn süener roubet hie und mordet dort, sîn hirte ist z'einem wolve im worden under sînen schâfen.

DER VERFÜHRER

Ir bischov' unde ir edeln pfaffen, ir sît verleitet. seht wie iuch der bâbest mit des tievels stricken seitet! saget ir uns, daz er sant Pêters slüzzel habe, sô saget, war umbe er sîne lêre von den buochen schabe? daz man gotes gâbe iht koufe oder verkoufe, daz wart uns verboten bî der toufe. nû lêre êt'z in sîn swarzez buoch, daz ime der hellemôr hât gegeben, und ûz im lese êt sîniu rôr. ir kardenæle, ir decket iuwern kôr: unser alter frône der stêt undr einer übelen troufe.

WIRT UND GAST

«Sît willekomen, hêr wirt!» dem gruoze muoz ich swîgen: «sît willekomen, hêr gast!» so muoz ich sprechen oder nîgen. wirt unde heim sint zwêne unschamelîche namen: gast und hereberge muoz man sich vil dicke schamen. noch müez' ich geleben, daz ich den gast ouch grüeze, sô daz er mir, dem wirte, danken müeze. «sît hînaht hie! sît morgen dort!» waz gougelfuore ist daz? «ich bin heime» ode «ich wil heim», daz troestet baz. gast unde schâch kumt selten âne haz: ir büezet mir des gastes, daz iu got des schâches büeze.

DREI GASTLICHE HÖFE

Die wîle ich weiz drî hove sô lobelîcher manne, sô ist mîn wîn gelesen unde sûset wol mîn pfanne. der biderbe patriarche missewende frî der ist ir einer, so ist mîn hövescher trôst zehant dâ bî Liupolt, zwir ein fürste, Stîre und Ôsterrîche. niemen lept, den ich zuo deme gelîche: sîn lop ist niht ein lobelîn: er mac, er hât, er tuot. sô ist sîn veter als der milte Welf gemuot: des lop was ganz, ez ist nâch tôde guot. mir'st vil unnôt, daz ich durch handelunge iht verre strîche.

VERWÜNSCHUNG

Herzoge ûz Ôsterrîche, lâ mich bî den liuten. wünsche mir ze velde, niht ze walde, ich'n kan niht riuten. sie sehent mich bî in gerne, alsô tuon ich sie. dû wünschest underwîlent biderbem man, du'n weist niht wie. wünsches dû mir von in, sô tuost dû mir leide; vil sælic sî der walt, dar zuo diu heide: diu müeze dir vil wol gezemen. wie hâst dû nû getân, sît ich dir an dîn gemach gewünschet hân und dû mir an mîn ungemach? lâ stân! wis dû von in, lâ mich bî in, sô leben wir sanfte beide.

GÖTTLICHE BOTSCHAFT

Hêr keiser, ich bin frônebote und bringe iu boteschaft von gote: ir habt die erde, er hât daz himelrîche. er hiez iu klagen (ir sît sîn voget), in sînes sunes lande broget diu heidenschaft iu beiden lasterlîche. ir muget im gerne rihten. sîn sun, der ist geheizen Krist, er hiez iu sagen, wie er'z verschulden welle (nû lât in zuo z'iu pflihten): er rihte iu dâ er voget ist, klagt ir joch über den tiuvel ûz der helle.

AAR UND LÖWE

Hêr keiser, swenne ir Tiuschen fride gemachet stæte bî de wide, sô bietent iu die fremeden zungen êre. die sult ir nemen ân' arebeit und süenet al die kristenheit: daz tiuret iuch und müet die heiden sêre. ir traget zwei keisers ellen: des aren tugent, des lewen kraft, die sint dez herzeichen an dem schilte. die zwêne hergesellen, wan wolten s' an die heidenschaft! waz widerstüende ir manheit unde ir milte?

AN KÖNIG FRIEDRICH

Von Rôme voget, von Pülle künec, lât iuch erbarmen, daz man mich bî rîcher kunst alsus siht armen. gerne wolte ich, möhte ez sîn, bî eigem fiure erwarmen. zahî wie'ch danne sunge von den vogellînen, von der heide und von den bluomen, als ich wîlent sanc! swelch schoene wîp mir danne gæbe ir habedanc, der lieze ich liljen unde rôsen ûz ir wängel schînen. sus kume ich spâte und rîte fruo: gast, wê dir, wê! sô mac der wirt wol singen von dem grüenen klê. die nôt bedenket, milter künec, daz iuwer nôt zergê!

DAS LEHEN

Ich hân mîn lêhen, al die werlt! ich hân mîn lêhen! nû enfürhte ich niht den hornunc an die zêhen und wil alle boese hêrren deste minre vlêhen. der edel künec, der milte künec hât mich berâten, daz ich den sumer luft und in dem winter hitze hân. mîn' nâhgebûren dunke ich verre baz getân: sie sehent mich niht mêr an in butzen wîs', alsô sie tâten. ich bin ze lange arm gewesen ân' mînen danc. ich was sô volle scheltens, daz mîn âtem stanc: daz hât der künec gemachet reine und dar zuo mînen sanc.

ANMERKUNGEN

FRÜHLINGSSEHNSUCHT. _geschadet_ ist wie _geschât_ zu lesen; der Winter hat uns allerwärts Nachteil gebracht. -- _val_, entfärbt. -- _stimme_, Vogelstimme. -- _maget_, nicht Magd, Dienerin, sondern Jungfrau. -- _wache ich_, muß ich wachen. -- _die wîle_, die Zeit über, so lang. -- _nît haben_, etwas hassen. -- _den strît lân_, das Feld räumen.

TRAUMDEUTUNG. _dar_, dahin. -- _was sîn ganc_, nahm er seinen Lauf. -- _mære_, herrlich, lieb. -- _bære_, [mir Schatten] verschaffte. -- _umbe daz_, darum: deshalb schlief ich rasch ein. -- _bedûhte_, däuchte. -- _alliu lant_, alle Reiche. -- _gebâren_, sich gebärden, benehmen; der Sinn ist: als wenn ich Beherrscher der Welt und, was ich auch auf Erden tun möchte, doch des Himmels sicher wäre. -- _walden_, Gewalt haben über etwas, dafür sorgen. -- _enwart_, ward nicht. -- _unsælic_, verwünscht. -- _schrîen_, krächzen. -- _gedîen_, gedeihen: o daß es allen Krähen so ergehen möchte, wie ich es ihnen gönne, d. h. daß sie verwünscht seien. -- _nam_, benahm, raubte. -- _michel_, groß. -- _wan daz_, nur daß, nur weil. -- _niht steines_, kein Stein: hätte ein Stein da gelegen, es wäre ihr Tod gewesen. -- _suonetac_, der Tag der Sühne, des Gerichts, der jüngste, letzte Tag. -- _wan_, aber, indessen. -- _wunderalt_, sehr alt. -- _eiden_, eidlich verpflichten, in Pflicht und Eid nehmen. -- _bescheiden_, auseinandersetzen, auslegen. -- _dannoch_, sodann noch: überdies sagte sie mir noch. Das Folgende eine sprichwörtliche Redensart.

FRÜHLING UND FRAUEN. _sô_, wenn. -- _same_, _sam_, gleichwie, als wenn. -- _spilede_ = _spilende_, funkelnd. -- _wîse_, Melodie. -- _sich genôzen_, sich gleichstellen, vergleichen. -- _sich gelîchen_, gleich sein, gleichen. -- _dicke baz_, oft noch besser. -- _wol gekleidet_, geputzt, in festlicher Kleidung. -- _wol gebunden_, mit schönem _gebénde_, mit schön aufgebundenem, geschmücktem, mit Blumen bekränztem Haar. -- _durch kurzewîle_, wegen (zur) Kurzweil, Unterhaltung; in große Gesellschaft. -- _hovelîchen hôchgemuot_, in edler sittsamer Heiterkeit. -- _niht eine_, nicht allein = in Begleitung. -- _under stunden_, von Zeit zu Zeit: zuweilen ein wenig sich umsehend. -- _alsam_, gleichwie. -- _kapfen_, offenen Mundes schauen, gaffen. -- _welt_, wollt. -- _hôchgezît_, Freudenfest. -- _krefte_, von _kraft_, Macht, Fülle. -- _wederez_, welches von beiden. -- _überstrîten_, im Kampfe, Wettstreit übertreffen. -- _ôwê_, ach. -- _küre_, von _kiesen_, auswählen, aussuchen. -- _hêr Meie_, Personifikation. Der Sinn ist: lieber mags wieder Winter werden, als daß ich meine Herrin hergäbe.

LIEBESTRAUM. _sêt_, sieh, da nimm. -- _iu_, euch. -- _hân_, habe, besitze. -- _sule wir_ = _sulen wir_, wollen wir. Das Blumenbrechen vor dem Walde oder auf ferner Aue gilt für bedenklich, und der Ausdruck wird doppelsinnig gebraucht. Rosen lesen und ein Kuß von rotem Munde sind gleichbedeutend. -- _kint_, junges Mädchen. -- _êre_, Ehrgefühl, Scham. -- _sich erschamen_, in Scham geraten; da schlug sie ihre leuchtenden Augen verschämt nieder. -- _neic_, sie verneigte sich dankend. -- _schône_, freundlich. -- _tougen_, heimlich. -- _ie_, allezeit, fortwährend. -- _bî uns_, neben uns. -- _von_, vor, aus. Aus Freude über dieses wonnevolle Glück, das mir im Traume beschert war, mußte ich lachen. -- _muose_, mußte. -- _meiden_ = _megeden_, Jungfrauen. -- _vast'_ = _vaste_, sehr, genau, eifrig. -- _under diu ougen_ oder _under ougen_, ins Gesicht. -- _lîhte_, vielleicht. -- _eniu_, jene: die ich im Traume sah. -- _mir ist buoz_, ich werde von etwas erledigt, befreit: so bin ich meiner Sorgen, meines Kummers quitt. -- _waz obe_, wie wenn, wer weiß ob nicht. Der auch anderwärts begegnende Ausdruck _an dem tanze gên_ deutet auf eine mehr ruhige Bewegung.

SCHÖNHEIT UND TUGEND. _Wol mich_, wohl mir: Heil der Stunde. -- _erkennen_, kennen lernen. -- _muot_, Seele, Gemüt: mich an Leib und Seele. -- _betwingen_, bezwingen, unterwerfen. -- _sît deich_, seitdem ich. -- _sô gar_, so gänzlich. -- _wande_, wandte, richtete. -- _verdringen einen eines dinges_, wegdrängen von etwas: deren sie mich beraubt hat. -- _gescheiden_, sich trennen, losmachen. -- _getar_, von _geturren_, sich unterstehen, getrauen, dürfen. -- _eines dinges an einen muoten_, etwas von einem verlangen, ihm zumuten. Was immer ich von ihrer Güte verlangen darf, möge zu einem guten, uns beide befriedigenden Ende gebracht werden.

UNTER DER LINDE. _friedel_, Geliebter. -- _ê_, vorher, früher. -- _hêr_, erhaben, vornehm, heilig: hl. Jungfrau (Maria). -- _stunt_, hinter Zahlwörtern: Mal. Ob er mich geküßt hat? ja, wohl tausendmal. -- _alsô_, verstärkend, im Sinne von: sehr. -- _bettestat_, Lager-, Ruhestätte. -- _das pfat_, der Pfad. -- _bî den rôsen_, an den Rosen: da wo die Rosen liegen. -- _mir'z_ = _mir daz_. -- _niemer niemen_, nimmer niemand, verstärkte Negation. -- _bevinde_, erfahre, soll das erfahren. -- _wan_, außer. -- _getriuwe_, zuverlässig, verschwiegen.

GEGENSEITIGE LIEBE. _unmære_, unwert, gleichgültig, zuwider. Ob du mich liebst, weiß ich nicht, ich aber liebe dich. -- _swære_, schmerzlich. -- _vermîden_, unterlassen. -- _erlîden_, ertragen. -- _huote_, Vorsicht: tust du das etwa aus Vorsicht (vor den Spähern), daß du mich so selten anblickst? -- _ze guote_, zum Nutzen. -- _wîzen_, tadeln: so tadle ich dich deswegen nicht. -- _sô dû baz enmügest_, wenn du nicht weiter (gehen, mehr tun) kannst. -- _swanne_, wann immer. -- _ich s'_ = _ich sie, die_: ich alle diejenigen betrachte, die. -- _von schulden_, aus zureichendem Grunde, mit Recht. -- _behagen_, gefallen. -- _âne rüemen_, ohne Prahlerei. -- _sumelîch_, mancher. -- _z'ihte_, zu irgend etwas, einigermaßen. -- _mære_, wert: ob ich dir etwas gelte. -- _niwet_, ältere Form von _niht_.

SCHÖNHEIT UND ANMUT. _frouwelîn_: das Diminutivum bezeichnet die niedere Herkunft der Geliebten. -- _willeclîchen_, willig, bereitwillig. -- _muot haben eines dinges_, Verlangen, Lust, Absicht haben, etwas zu tun: dazu wäre ich gerne bereit. -- _mê_, weiter. -- _wan daz_, außer, als daß. Das bereitet mir Schmerz. -- _verwîzen_, einem tadelnd vorwerfen; verweisen, daß ich so Niedrigem meinen Gesang weihe. -- _liebe_, Anmut, Liebreiz. Dafür sollen sie keinen Dank empfangen; eine Verwünschung. -- _getraf_, bewegte, ergriff. -- _guot_, Geld, Vermögen, Reichtum. -- _haz_, Hassenswertes. -- _gâch_, jäh, schnell: lasse sich keiner von der Schönheit zu rasch fesseln. -- _gêt nâch_ = steht nach: die Anmut geht der Schönheit vor. -- _schoene_, unflektierte Form; verschönt die Frau. -- _vertragen_, ertragen, hingehen, sich gefallen lassen; nämlich den gegen meine niedere Minne ausgesprochenen Tadel. -- _glesîn vingerlîn_, Fingerring von Glas, im Mittelalter häufig getragen. Durch den Glasring, den der Dichter dem Goldreif einer Fürstin vorzieht, ist die Armut und niedrige Stellung der Geliebten angedeutet. -- _dîn ân' angest gar_, in bezug auf dich gänzlich unbesorgt. -- _iemer_, jemals. -- _mit willen_, mit Vorsatz, absichtlich.

DIE HERRLICHE FRAU. _wunderwol_, wunderbar schön. -- _ich setze ir minneclîchen lîp_: ich räume ihrem lieblichen Leibe eine würdige Stelle ein in meinem kunstvollen Gesang; ich bin gern bereit, allen Frauen zu huldigen; doch habe ich mir diese auserwählt, ein anderer kennt die seinige: ich habe nichts dagegen, wenn er diese lobt, selbst wenn es mit meiner Tonweise und meinen Worten (meinen eigenen Liedern) geschieht. -- _als_, als wenn, wie wenn. -- _joch_, auch. -- _dâ abe_, davon, daraus. -- _dâ inne_, darin. -- _ersehen_, schauen; spiegeln. -- _mir s'_ = _mir sie_, nämlich die beiden Sterne (Augen). -- _haben_, halten: o daß sie mir die Augen so nahe rückte, daß ich mich darin schauen könnte! -- _sô_, dann. -- _jungen_, jung werden. -- _und_, wenn. -- _mir gernden siechen_, mir Sehnsuchtskranken. -- _mir wirt baz_, ich werde von etwas erlöst, befreit. -- _seneder sühte_, von der Liebeskrankheit. -- _flîz haben eines dinges_, Sorgfalt auf etwas verwenden. Gott verwandte auf ihre Wangen so große Sorgfalt. -- _streich_: Präteritum von _strîchen_, streichen. -- _roeseloht_, rosig; _liljenvar_, lilienfarbig. -- _vor sünden_, ohne mich zu versündigen. -- _tar_, mich getraue, darf. -- _himelwagen_, das Sternbild des großen Bären. -- _hêr_, vornehm, stolz: erhebe ich sie gar zu hoch, so kann es leicht geschehen, daß mein Lob meinem Herzen zum Schmerz (_sêr_) gereicht. -- _küssen_, Kissen, Polster, so nennt der Dichter wortspielend die rotschwellenden Lippen. -- _ûf stân_, erstehen, sich erheben. -- _nôt_, Drangsal: so würde ich dieser Pein ledig. -- _smecken_, riechen, duften. -- _sô_, wenn. -- _iender_, irgend, nur. -- _regen_, bewegen, berühren. -- _allez_, gänzlich, durchaus; als wenn es durch und durch aus Balsam bestände. -- _so dicke_, so oft. -- _kel_, der Hals. -- _ietweder_, jeder von beiden, beide. -- _ze wunsche wolgetân_, wie man nur wünschen kann, aufs beste, vollkommenste geschaffen; wenn ich daneben (zwischen Hals und Fuß) etwas loben darf, so meine ich allerdings noch mehr gesehen zu haben. -- _decke blôz_, Imperativ, decke das Bloße! vielleicht ein Ausdruck aus dem Fechtunterricht, Zuruf des Lehrers. -- _mîn niht_, nichts von mir, mich nicht. -- _schôz_, traf, verwundete. -- _stichet noch_, schmerzt noch (wie eine Wunde). -- _als_, ganz so wie, wie. -- _dô_, damals. -- _die reinen stat_, die reine, schöne Stätte.

TROST IM LEIDE. _ab_, gekürzt für _aber_; will denn niemand wieder fröhlich sein, daß wir nicht immerfort in Sorgen leben müssen? -- _von_, vor. -- _wîzen_, tadeln, strafen, vorwerfen: ich weiß nicht, wem sonst ich die Schuld geben soll. -- _unbetwungen_, uneingeschränkt, unbehindert: die haben nichts, was sie bekümmert. -- _des_, darum. -- _stân_, schlecht oder gut anstehen, ziemen. -- _Frô Sælde_: die Glücksgötter: wie (eigen, ungleich) die Glücksgöttin doch ihre Gaben austeilt. -- _kumber_, Bedrängnis, hier die Last der Armut. -- _sô_, umgekehrt, auf der andern Seite. -- _gît s'_ = gibt sie. -- _daz ungemüete_, Unmut. -- _nien'_ = _niene schriet_, Präteritum von _schrôten_, schneiden, zuschneiden; der Dichter bleibt beim Bilde des Kleidens; _guote_ ist ironisch gemeint. -- _verholne_, insgeheim, im stillen. -- _sorge_, Kummer. -- _trage_, trägt. -- _liehte tage_ = die sonnigen Tage des Sommers, die Sommerfreude. -- _erwelt_, auserlesen. -- _lâ stân_: laß ab, hör auf.

DAS HALM-MESSEN. _zwîvellîch_, ungewiß, verzweifelnd. -- _wân_, hier etwa Gedanken. In zweifelnde Gedanken. -- _was ich gesezzen_, hatte ich mich gesetzt, war ich vertieft, versenkt; daß ich meine Bemühung um sie, meine Bewerbung aufgeben wolle. -- _wan daz_, außer daß: hätte mich nicht eine freudige Zuversicht zurück (davon ab) gebracht. -- _fröwen_, freuen. -- _lützel ieman_, wenig jemand = niemand. -- _er enwizze wes_, ohne zu wissen weshalb, worüber. -- _er giht_: er sagt (ich solle noch die Gunst der Geliebten gewinnen). -- _kleine_, fein, zart. Unter dem Messen des Halmes haben wir dasselbe Spiel zu verstehen, das heute noch unter Kindern und Erwachsenen im Schwange ist und darin besteht, daß entweder die Knoten oder Ringe eines beliebigen Halmes oder auch die Blätter der Sternblume (wie von Gretchen im Faust), ja selbst die Knöpfe an Weste und Rock gezählt werden. Doch ist zu beachten, daß W. den Halm ein _kleinez strô_ nennt, was die Deutung auf die Halmknoten unsicher macht.

DAS RECHTE MASS. _füegerinne_, Schöpferin. -- _zewâre_, fürwahr. -- _endarf_: braucht sich nicht. -- _durch daz_, deshalb. -- _ebene_, im Gegensatz zu _nidere_ und _hôhe_, im rechten Ebenmaße der Mitte. -- _werben_, handeln, tun, werben (hier: um Minne). -- _vil nâch_, nahezu, beinahe. -- _ze nidere_, _ze hôhe_, durch zu niedrige, zu hohe Werbung. -- _ir lât mich âne nôt_, laßt mich unbehelligt, in Ruhe! -- _swachen_, erniedrigen. -- _kranc_, schwach, gering, unwürdig. -- _beiten_, warten, zögern. Ich möchte wissen, warum die Maße zögert (mich aus der Unmaße zu retten durch ihre Unterweisung). -- _verleitet_, irregeführt: kommt die Maße nicht bald, so folge ich ratlos meinem Herzensdrang.

PREIS DER LIEBENSWÜRDIGKEIT UND TUGEND. _gedinge_, Hoffnung, Zuversicht. -- _liep_, angenehm, süß. -- _mir liebet ein dinc_, gefällt mir, ist mir angenehm. -- _enwiderstrît_, um die Wette. -- _trôst hân ze freuden_, zuversichtliche Hoffnung haben, daß etwas Erfreuliches geschieht. -- _baz_, besser, mehr. -- _maz_, abmessend, vergleichend betrachtete. -- _im_, dem andern, was ihn mehr als alles Genannte erfreute. -- _entoben_, sich erheben über. -- _an die frouwen mîn_, in bezug auf meine Geliebte.

DEUTSCHLAND ÜBER ALLES. _gar ein wint_, gar nichts. -- _miete_, Lohn, Belohnung. -- _êren_, Preis. -- _tiusch_, gekürzt aus _diutisch_, _tiutsch_, deutsch; ich will den deutschen Frauen solche Dinge verkünden, daß sie der Welt noch mehr (als bisher) gefallen werden. -- _âne_, ohne. -- _unrehte_, unrecht, unrichtig. -- _strîten_, mit Worten sowohl als mit Waffen streiten. Was nützte es mir auch, wenn ich Falsches behauptete? -- _her wider_, wiederum zurück. -- _hân erkant_, kennen gelernt habe. -- _gelâz_, Benehmen; falls ich mich anders auf Beobachtung von edler Bildung und körperlicher Schönheit verstehe, so möchte ich, so wahr mir Gott helfe, wohl schwören, daß hier die Frauen besser sind als anderwärts. -- _sam_, beteuernd: so wahr, _mir got_ sc. _helfe_.

DER MINNE RECHT. _ich wil_, ich meine: zwei Geliebte dürfen nach meiner Ansicht wohl miteinander zürnen, wenn es aus treuem Herzen kommt: abwechselnd Trauer und Heiterkeit, leichter Zorn und innige Versöhnung, das ist das der Minne zukommende, gebührende Recht, so will es herzliche Liebe.

IM GELOBTEN LAND. _alrêst_ = _allererst_. Nun erst hat das Leben Wert für mich. -- _giht_, von _jehen_, von jemand etwas sagen: das man so sehr rühmt und preist. -- _menneschlîchen_, menschlich, als Mensch. -- _trat_, wandelte. -- _er reine_, er der Reine, Makellose. -- _wir eigen_, wir Unfreie, Leibeigene. -- _heiden_, darunter verstand man im Mittelalter namentlich auch die Mohammedaner. -- _mir ist zorn_, ich gerate in Zorn. -- _übergenôz_, der seinesgleichen nicht hat. -- _hinnen_, von hinnen. -- _sunder scheiden_, absondern, lostrennen. -- _al ein_, alles eins: sie bilden eins. -- _sleht_, glatt. -- _eben_, gleichmäßig. -- _der zein_, gegossener Metallstab. -- _geschenden_, zuschanden machen. -- _sich heben_, anheben, anfangen. -- _sluoc unde stach_, geschlagen und gestochen hatte. -- _sande_, gesandt hatte. -- _hin wider_, hierher zurück. -- _einen tac sprechen_, einen bestimmten Termin zur Gerichtsverhandlung ansetzen. -- _angeslîch_, angstvoll, Angst erregend: den jüngsten Gerichtstag. -- _der weise_, die Waise. -- _der gewalt_, Vergewaltigung. -- _gestalt_, von _stellen_, anstellen: die man an ihm hier verübt. -- _vergalt_, bezahlt, gebüßt hat. -- _lantrehtære_, Vorsteher eines Landgerichts. -- _tihten_, das Erfinden, Urteilsspruch; juristische Spitzfindigkeiten, Erfindungen. -- _fristen_, aufschieben, hintanhalten. -- _ze stunt_, sogleich, auf der Stelle. -- _unverebenet_, unausgeglichen, unberichtigt. -- _diu ger_, das Verlangen, Begehren: unser Anspruch ist der berechtigte, darum ist es in der Ordnung, daß er ihn uns erfülle.