Gedichte Sechste vermehrte Auflage

Part 2

Chapter 23,142 wordsPublic domain

Wanderlied 245

Wäldchen, das 57

Wär ich ein Vögelein 175

Was ich Hohes je geträumt 105

Was ist das Beste? 58

Was nützen alle Lieder 126

Wehmüthig, demüthig 138

Weiße Blüthen, grüne Zweige 228

Weißt Du was, ich will Dir sagen 138

Welch' Schreckenstille herrschet hier 243

Welten-Chaos, Menschen-Chaos 67

Wenn man die Mütter 157

Wer die Bangigkeit 110

Wer einsam kam zu trüber Höhe 214

Wer Niemand über sich zum Richter 148

Wie ist das deutsche Vaterland 21

Wie niedrig lächelt die Dirne 141

Willst Du nach den Sternen fragen 77

Wintergemälde 193

Wirklichkeit 36

Wo sich Epheu schlingt 155

Wollte Gott 58

Wunderlieb, das 24

Zanket nicht, hetzet nicht 137

Zertrümmert das Leben 180

Zu allem Guten sage ja 143

Zu des Orkus finsteren Gewalten 97

Zu einem Gemälde Kaiser Friedrich des Dritten 90

Zugvögel, die 69

Zum 9. Juli, dem Todestage meiner Mutter 153

Zum 70jährig. Geburtstage eines Onkels 174

Zur Erinnerung 72

Zustand der Gesellschaft 28

Zwecklos scheint mein Leben 130

Zwei Blümlein blühen am Aronstab 156

Das Vöglein.

Vöglein, Vöglein mit den Schwingen, Mit den Aeuglein schwarz und klein, Laß uns mit einander singen, Laß uns liebe Freunde sein!

Vöglein hüpfte auf den Bäumen, Endlich es mit Sang begann: Du kannst nur von Freiheit träumen, Dich seh' ich als Fremdling an!

Mensch, auch Du hast Deine Schwingen, Aeuglein hell und klar und rein, Könntest Freiheit Dir erringen, Dann erst laß uns Freunde sein!

Abdel-Kaders Traum.

Wolkenloses himmlisches Gewölbe, Unter grünen Palmen Purpur-Zelt Eine Reiter-Karavane hält, Auf dem Boden Wüstensand, der gelbe.

Krachend unterirdisches Gewölbe, Fünfzehnhundert Leichen, tief entstellt, Jede Leiche war ein wackrer Held, Speit die Flamme rasselnd aus, die gelbe.

Solch' ein Traumbild Abdel-Kader grüßte, Trunken er der Heimath Boden küßte: »Allah, Allah« ruft er, »meine Wüste!«

»Pellipssier, Dein fürchterlicher Brand!« -- Plötzlich sich der Held im Traum ermannt, Seine Blicke trafen Kerkerswand! --

Antibrüderlichkeit.

Sterne, könnt ihr freundlich glänzen, Wenn das Unerhörteste geschehen, Könnt ihr gleichgültig herniedersehen, Wenn das Böse sie bekränzen? Wenn ein Funke in euch sprühet, Sterne lodert auf in helle Flammen, Nur mit Flammen könnet ihr verdammen, Was auf Erden hier geschiehet!

Und Du Erde, stille, kalte, Birgst in Tiefen Du nicht Feuerschlünde? Hast Du keine für die ärgste Sünde? Rüttle Dich, Du kräft'ge Alte! Spei sie aus mit einem Zuge, Unterwelt und heil'ges Himmelsfeuer, Schlag' zusammen über Ungeheuer, Und geheuer wird's im Fluge!

Motto.

Sei ein Mensch, hab ein Herz Unter Millionen, Wie ein Fels, wie ein Stern, Stehe fest, leuchte fern, Setz' die Welt in Staunen!

Sei ein Mensch, hab' ein Herz Für die Millionen, Wenn's der Thor auch Wahnsinn nennt, Weil er keine Weisheit kennt, Kannst Du drüber staunen?

Sei ein Geist, schür' die Gluth Unter Millionen, Selber heiß, selber glüh', Fürchte nie, raste nie, Setz' die Kraft in Staunen.

Sei ein Geist, schür die Gluth Unter Millionen, Laß auf Erden eine Spur, Ahne sie und lächle nur, Es giebt sichre Kronen.

Sei ein Geist, schür' die Gluth Unter Millionen, Wie am Himmel still ein Stern, Wirke lächelnd, scheide gern, Alles wird sich lohnen!

Der Invalide.

Ein alter Mann mit grauen Haaren, Tiefbraun von Hand und Angesicht, Aus dem, so stark die Glieder waren, Hohnfrei ein stilles Lächeln spricht.

Mit blauen Augen, sanft, voll Leben, Wie mancher friedlich deutsche Strom, Und wie die Heil'gen sie erheben Im stolzen Vatikan zu Rom.

Es spielt auf off'nem Markt die Leier, Der arme, alte Invalid', Von trüber Zeit, von alter, neuer, Singt er dazu ein hübsches Lied:

»Oed' und verlassen Nah' ich dem Grab, Spielet ihr Lüfte, Sanft mich hinab!

»Viel hab' ich gelitten, Gekämpft und gestrebt, Für Deutschland gestritten, Für Deutschland gelebt.

»Und eifrig that lieben Ich Menschen und Gott, Die Menschen, sie blieben Mir fern in der Noth!

»Oed' und verlassen Nah' ich dem Grab, Spielet ihr Lüfte, Sanft mich hinab! --«

Viel' Leute gehn an ihm vorüber, Die meisten sehen gar nicht auf, Sein sanfter Blick wird trüb und trüber, Doch spielt er immer wacker auf.

Der Abend naht, die Sonne sinket, Der Alte packt die Leier ein, Im Auge eine Thräne blinket, Er seufzt: »man soll zufrieden sein.

»Ich dachte heute nicht zu fasten, Und hofft' auf frisches Lagerstroh! Komm', alter, lieber Leierkasten, Man denkt, doch geht's nicht immer so!

»Es waren freilich kühne Pläne, Doch niemand hat mich angeschaut, Man zahlt nun nicht mehr solche Töne: Was fang' ich an in meiner Noth?

»Und,« spricht er stockend und verlegen, »Ich weiß nicht, red' ich Jemand an? Es ist an mir nicht viel gelegen, Doch ganz man nicht verhungern kann!

»Herr,« fleht er endlich einen Reichen, »Sie borgen wohl acht Pfenn'ge mir?« »Mein Freund, man borgt nicht eures Gleichen, Und Bettlern geben selten wir.« --

»Als Bettler ward ich nicht geboren, Ein Bettler wird man erst alsdann -- Lehrt sanft der Greis den tauben Ohren, Wenn man sich nicht mehr helfen kann!«

Ein Knabe zieht die Straß' herunter, Mit Rosenbüscheln zum Verkauf, Der kleine Proletarier, munter, Horcht bei des Alten Stimme auf.

»Herr«, spricht der Knabe sehr verlegen, »Ich hab' den Greis zwar nie gekannt, Doch, wenn sie einen Argwohn hegen, So bleib' ich Ihnen gern zum Pfand! --

»Der arme Mann«, fleht er mit Beben, »Er spielt den ganzen Tag schon hier, Und kann die Arme kaum mehr heben. Etwas verdient er schon dafür!

»Erbarmen Sie sich seines Lebens, Er bringt das Geld schon morgen her,« -- So fleht der Knabe, ach vergebens, Der harte Reiche hört nichts mehr.

»Hört«, spricht zum Invalid der Knabe, »Ich bind' ein Sträußchen für euch los, 's Ist freilich eine kleine Gabe, Doch dies allein besitz ich bloß!«

Es wankt der Greis in seine Wohnung, Wirft matt sich auf das faule Stroh, »Ach«, -- seufzt er bitter -- »ohne Schonung Behandelt man den Armen so?«

Die Nacht ging langsam ihm vorüber, Es auf dem kalten Boden graut, Da leuchtet wunderbar herüber Ein herrlich lichtes Morgenroth.

Die Leier lag zu seinen Füßen, Und dicht das Sträußchen rosenroth, Der schöne Kopf auf grobem Kissen: Der brave Invalid war todt. --

Holdes Blümlein, Du willst nützen? Auf der weiten grünen Au? Sieh', die Sonne scheint so golden, Und der Himmel, er ist blau!

Hohe Pläne, kühne Pläne Werden Dir das Blut erhitzen, Holdes Blümlein, um Dich schau: Pläne werden meistens grau.

Röselein sich tiefer bückte: Was das kleine Herz entzückte, Kalter Zweifel will's ihm rauben! »An das Schöne will ich glauben« -- Sprach es -- »ob auch Blättlein sich entlauben!« -- Und dem Röslein Alles glückte.

Auf und nieder steigt die Welle, Auf und nieder steigt die Nacht, Und der Sterne Glanz und Pracht Wechseln mit des Tages Helle.

Ew'ger Wechsel, Nacht und Helle, Grüne Matten, dunkler Schacht, Sprich, was siehst Du auf der Wacht? Steigend auf die festen Wälle?

Moder, aus den Grüften, Blumendüfte in den Lüften, Manchen Geist, ach, schwergeprüften.

Eine Welt, die Alles preist, Was da Glanz und Schimmer heißt, Und das Böse vorwärts reißt! --

Gegen die Einzelhaft.

Allein, allein -- doch nicht auf freier Erde, In einer Zelle düst'rem Raum allein -- Dämonen steigen auf im engen Schrein, Als Ton ein Schrei, -- als Bild wahnsinnige Geberde.

Nacht -- Tag -- Nichts -- Nichts; die Zeit, sie stehet stille, Das Herz steht gleichfalls still -- im Innern lebt's, Von Außen Eis und Tod, im Innern bebt's Im Innern kocht und bäumet sich des Menschen Wille!

Des Menschen Wille! Groß und Furien ähnlich, Kleinmüthig, schwach! Barmherzigkeit, ich fleh': Werft mich hinab in schäumend wilde See, Nach raschem Tod, nicht nach lebend'gem Grab begehr' ich sehnlich!

Vom schroffen Fels stoßt mich mit Menschenhand hinunter! Laßt mich dabei ein einzig Menschenantlitz seh'n, -- Ertödtet nicht den Blick -- die Sonne bleibt am Himmel stehn, Die Sinne, die gemordet, gehn für immer unter!

Geschichte.

Tiefe Nacht und lange Schatten Ueber Land und über Meer, Auf Europa's sumpf'gen Matten Tanzt das Irrlicht hin und her.

Kohlengluthen auf dem Heerde, Gluthen in des Menschen Herz, Der mit gleichgült'ger Geberde, Schmiedet seiner Ketten Erz.

Finst're Nacht und lange Schatten, Thrän'n und Blut auf jedem Steg, Auf Europa's düstern Matten Geht die Schlange ihren Weg.

Und es steigen aus den Tiefen, Mit dem greisen Haupt und Haar, Ungeheuer, die sonst schliefen, Lautlos naht die Schreckensschaar.

Flammen zischen, Ströme brausen, Tritt aus Deinem Ufer aus, Meer, verwüste und mit Grausen, Unsrer Erde grünes Haus! --

Der Kontrast.

Im feinen weißen Spitzenkleide, Im braunen Haar Kamelienkranz, Steht heut Madam', 'ne Augenweide Macht Toilett' beim Kerzenglanz.

Vier Hände sind bemüht zu schmücken Ihr selig lächelnd Angesicht, Ihr Dies und Jenes recht zu rücken, Und auch die ihrigen ruhen nicht.

Sie geht zum Ball, und dreist ich sage, Die Frau ist reizend, wunderschön, Daß sie gefällt ist keine Frage, Das muß ihr selbst der Neid gesteh'n!

Wenn auch nicht eingehüllt in Flimmer, So spielt doch fast dieselbe Scen' Ihr Herr Gemahl im Nebenzimmer, Der freilich etwas minder schön.

Sehr fein ist seine Toilette, Reich glänzt der Ring an seiner Hand, Er putzt die goldene Lorgnette, Steckt seine Cigarre in Brand.

Er ist schon fertig, spricht mit Würde: »Der Wagen steht für uns bereit, Du bist sehr schön, genug der Zierde, Mein Kind, es ist die höchste Zeit!«

»Wie glücklich bin ich«, ruft sie leise, »Auch ich,« sagt lauter ihr Gemahl, »Es macht mich Deine Art und Weise Sehr stolz auf meine gute Wahl!«

»Komm« -- spricht er, froh an Faro denkend, -- »Dir Alles, Alles herrlich steht,« -- Und seinen Kopf bedenklich senkend -- »Wir kommen wahrlich heut =zu= spät!«

Nur noch das Halsband mit Demanten, Nur noch die Broche mit dem Opal, Das Taschentuch mit den Brabanten, Den Blüthenstrauß und dann den Shawl!

Zu End' ist nun die Toilette, In Wahrheit ein possierlich Bild, Solch Thorheitseifer um die Wette, Stets aus beschränktem Geiste quillt.

So jung, so schön, so voller Freuden, So voller Anmuth und so reich, Eilen hinunter nun die Beiden, An Eleganz sich selber gleich.

Die reichen Menschenkindchen träumen In dem Moment von Unglück nicht, Da sieh, sich scheu die Rosse bäumen Vor eines Mannes Angesicht.

Ein armer Mann, die Stirn voll Falten, Mit stierem Aug' und hohler Wang', Mit Lippen, dünnen, bleichen, kalten, Die schon vertrocknet schienen lang;

Stand an des heitern Hauses Schwelle, Verhungert und erstarret fast, Der Mond beschien an jener Stelle Das Elend unter seiner Last.

»Ich fleh'« -- spricht er -- »um ein Almosen,« Und küßt der schönen Frau die Hand, Sein schwacher Kuß drückte die Rosen, Die an des theuren Handschuhs Rand.

»Mein Freund«, sagt sie mit kalten Mienen, Erzürnt durch diese Frevelthat, »Ich habe keine Zeit zu Ihnen, Ob Robert etwa Kleingeld hat?«

Robert zieht nun den vollen Beutel, Wie herrlich glänzt darin das Gold, Doch all sein Suchen war nur eitel, Denn Wen'ges war's, was er gewollt.

»Halt, halt, gieb etwas jenem Armen,« Herrscht nun der Herr den Kutscher an, Des Letzteren Blick fällt voll Erbarmen Und Grauen auf den armen Mann.

Er greift hinein in seine Taschen, Zwei- und Viergroschen sind darin. Schnell sucht er beide zu erhaschen, Und wirft sie rasch dem Armen hin.

»Hier Bruder, sind sechs Groschenstücke, 's ist Alles, was ich geben kann« »Und« -- sagt er sanft mit feuchtem Blicke -- »Fragt manchmal dort im Giebel an!«

Jetzt rollte fort der rasche Wagen, Der Kutscher wischt ein Aug' sich ab: Er denkt an all die großen Fragen, Die solch' Kontrast zu lösen gab.

Die Knaben.

Wie Du so viel Thränen weinst! Ziehest fort, Du lieber Freund, Seh'n wir uns auch wieder einst?

Weit zieh' ich, weit übers Meer, Und ob wir uns wiederseh'n: Zweifle, zweifle ich gar sehr! --

In die Länder ziehst Du hin, Wo's so schön und schwül soll sein? Kennst Du auch die Kinder drin?

Nach Amerika geht's hin, Drückend heiß soll es dort sein, Und ein Fremdling dort ich bin!

Mach' das Herz mir nicht so schwer, Einstens seh'n wir uns noch, ja: Einstens kommst Du wieder her!

Laß mich schau'n Dir ins Gesicht, Denn wenn wir uns wiedersehn: Kinder sind wir dann doch nicht! --

Das Mütterlein.

Was siehst Du, Kind, im Mondenschein? Ein Mütterlein am Wegestein, Viel Tausend Falten auf Stirn und Wang'! Ihr scheinet, ach, so weh, so bang! Viel Tausend Zähren sie leise verschluckt, Das matte Haupt zur Erde gebuckt.

O, weine nicht, armes Mütterlein, Es blinkt so hell der Mondenschein! Die gold'nen Aehren auf Berg und Thal, Sie bücken und grüßen Dich allzumal! Und bis auf das kleine Goldkäferlein, Kann Alles nicht schöner und prächtiger sein.

Wohl blinket so silbern der Mondenschein, Doch düster und eng ist mein Kämmerlein, Für mich wächst nichts auf dem grünen Feld, Dem meine Hände den Acker bestellt! Ach freilich konnt' es nicht anders sein, So seufzet das arme Mütterlein.

Was sieh'st Du, Kind, im Mondenschein? Ich seh' die grünen Hügelreih'n, Die goldnen Aehren auf Berg und Thal, Sie grüßen und laden die Alte zum Mahl! Die Stirne in Händen sie mächtig sinnt, Und Thräne auf Thräne zur Erde rinnt.

Fanatismus und Geld.

Auf der Kette wohlverschlung'ner Berge Steh'n zwei Gnomen, stolz und mächtig groß, Tausend Riesen knien vor jedem Zwerge, Ihre Arme müßig bei dem eignen Loos; Nur wenn jene Gnomen es gebieten, Eilt die Arbeit, daß die Funken sprühten. --

Jedem Zwerg ist unterthan die Erde, Krüppelhaft gestaltet sich die Welt, Riesen wurden eine staub'ge Heerde, Vor den Gnomen: Fanatismus, Geld! Geist'gen Arme schüttelt eure Kette, Und der Gnome wird zur Brandesstätte.

Immergrün.

Immergrün trotz Zeit und Wetter, Pflänzchen zart und fest und schön, Smaragdfarben Deine Blätter, Könntest bei den schönsten stehn!

Denn der Freieste von Allen, Dessen Blick man nie bestach, Rousseau fand an Dir Gefallen, Ward gerührt, wenn er Dich brach.

Wenn er Deinen zarten Stengel Selten froh in Händen nahm, Zagend, forschend, suchend Mängel, Und zum Vorschein keiner kam!

Pflänzchen, liebstes mir von Allen, Ewig bleibst Du theuer mir: Rousseau konntest Du gefallen, Dank für seine Freuden Dir!

Wie ist das deutsche Vaterland?

Sieh, das Haus ward mir zu enge, Und es trieb mich in die Welt, In des Thales dunkle Gänge, Wo sich's wie im Traum verhält.

Rebenhügel, Tannenwälder, Mitten hin des Stromes Band, Schmucke Auen, Weizenfelder, Schönes deutsches Vaterland!

Zu den blankgeputzten Hütten Droben auf der Bergeshöh', Zog es mich mit raschen Schritten Und verwundert still ich steh'.

Eine Stimme ruft von innen, Eine Stimme klar und hell: »Guter Jüngling, geh' von hinnen, Schreit' nicht über diese Schwell'!

Steig' auf Burgen, steig' auf Zinnen, Sieh' von außen an das Land, Was Du sehen kannst da drinnen, Es verwirrt Dir den Verstand.

Unsrer Hütten trübe Weise Paßt nicht zu der schmucken Au, Guter Jüngling, wirst zum Greise, Und Dein Lockenhaar wird grau.«

Blümlein ranken um die Mauer, Schön bepflanzt von welker Hand, Und benetzt von Thränenschauer Grünt das deutsche Vaterland!

Drei Schlagworte.

Wie heißt das Wort, das in der halben Welt Man gleichbedeutend mit dem Gelde hält, Doch mit dem Geld, das stets im Säckel bleibt, Und schon von selbst die besten Zinsen treibt? Es ist, es heißt, die, die, die, die, Die theure Bourgeoisie!

Wie heißt das Wort, das in der halben Welt Man gleichbedeutend mit dem Elend hält, Doch mit dem Elend, das mit wack'rem Muth Die schwere große Arbeit thut? Es ist, es heißt, der, der, der, der, Es heißet: Proletarier!

Wie heißt das Wort, das in der halben Welt Man gleichbedeutend mit Utopien hält, Doch mit Utopien, ähnlich Morgenlicht, Das hell und warm zu jedem Herzen spricht? Es ist, es ist mein Ideal, Das große Wort, es heißt: social.

Das Röselein.

Grüß Dich Gott, mein Röselein, Schön und klein und sanft Du bist: Wie sie so anmuthig ist!

Röselein, gern seh ich Dich! Bleib so still und lieb und rein: Bleib so ewig jung und mein!

Röslein mein, o denk an mich! Purpurroth und grün Dein Stiel: Geist und Anmuth hat sie viel!

Röslein, Dich, Dich liebe ich! Zart drück' ich Dich an den Mund: Nehme Abschied, bleib gesund!

Blättlein klein, o bleibet frisch, Ihres Zweiges dunkelgrün: Ach, ich muß von dannen zieh'n!

Röslein, nein, es war nur Scherz: Ewig, ewig bleib ich Dein! Ewig bleibst Du lieb und fein!

Röselein, o grüß Dich Gott, Schön und frisch und mein Du bist: Voll mein Herz vor Freuden ist! --

Das Wunderlieb oder die Bucht in Wöckelsdorf.

Tief unten zwischen Bergen Da liegt ein Fischerkahn, Den lenkt das Wundermädchen, Die 's Vielen angethan.

Ihr Aug' so blau und stürmisch, Wie aufgeregte Fluth, Halb traurig und halb schaurig Still auf der Gegend ruht.

Der braunen Flechten Länge, So groß wie Schilf im Fluß, Drauf, sagt man, drückt die Nixe Allnächtlich einen Kuß.

Den Strohhut auf den Haaren, Das Ruder in der Hand, So fährt sie auf und nieder Doch niemals bis an's Land.

Die Thränen in den Augen Der Jungfrau sind erstarrt, Und ihre weißen Arme Sind Marmor, kalt und hart.

Den Jüngling faßt Entsetzen: Das Wunderliebchen sein, Der Nachen samt dem Ruder Und alles ist von Stein.

Es dunkelt auf den Bergen, Des Fischerkahns Gestalt Samt Jüngling und samt Jungfrau Umschlingt die Tiefe bald.

Das schöne Wundermädchen Samt Ruder und samt Boot Sind noch in Stein zu sehen, -- Den Jüngling fand man todt.

Rhoswitha.

In stiller Klosterzelle saß Ein ernstes Frauenbild, Tief eifrig schrieb und dacht' und las Rhoswitha, sanft und mild.

Ein dunkel härenes Gewand Bis an den Hals sie trägt, Ein großes Buch von Pergament Liegt vor ihr aufgelegt.

Der Polterabend.

Herab von seiner stolzen Feste Lehnt sich ein Rittersmann, Tief unten aus dem Felsengrunde Schwingt's lautlos sich hinan.

Schwarzbraune Locken auf dem Nacken, Rothsammtnes Prachtgewand, Den erznen Panzer um die Hüfte, Das Visir in der Hand,

So lehnt er an dem Erkerfenster Im hochzeitlichen Schmuck, Was stierst Du, Ritter, in die Tiefe Das Irrlicht zeigt nur Trug!

Ruht Laura nicht im stillen Grabe? Kein Schatten kehrt zurück, Vergiß die Schuld, zum Hochzeitsmahle Ruft bald Dein froh Geschick!

Ha, immer stiert er noch herunter, Den feur'gen Blick hinab, Das Irrlicht steht an jener Stelle, Wo sie den Tod sich gab.

Sein Grund ist leer, o weh, der Schrecken! Was singt dort am Gestein? Was schwingt sich hoch von Fels zu Felsen Im weißen Heil'genschein?

»Noch grauet nicht Dein Hochzeitsmorgen, Noch schaust Du nicht Dein Glück, O, harter Ritter, schau' lieb' Laura, Ihr Schatten kehrt zurück!« --

Den stolzen Mann erfaßt ein Grausen, Als er das Lied gehört, Von Geisterarmen fortgerissen Er in den Abgrund fährt.

Horch, da ein namenloses Poltern Im felsigten Gestein, Als wenn auf einmal tausend Donner In's Burgthor schlügen ein.

Drum soll am Abend vor der Hochzeit Ein Polterabend sein Denn, heißt es, wo viel Licht und Freude Wagt sich kein Geist hinein.

Der Zustand der Gesellschaft.

Die Erde bebt, groß und gewaltig wird ihr inn'res Wüthen, Und schwarz und finster war's und keine Sonnen glühten.

Ach, keine Blüten, und kein Rauschen, und kein Frühlingswehen Die große Nacht war düster, schauerlich mit anzusehen.

Da erschallt des Donners Stimme und erweckt die stumme Nacht. Des Blitzes Schein erhellt die Erde, die Menschheit, sie erwacht.

Sie öffnet halb das müde Auge, vom Schein zurückgeschreckt, Und schläfrig bleibt die Wimper liegen, die ihr das Licht versteckt.

Doch durch die zarten, kleinen Härchen, der große Lichtstrahl dringt. Und golden es dem langen Schläfer ins trübe Auge blinkt.