Part 5
Von deinen Lippen schwang sich der letzte, begeisterte Ton -- deine Augen glänzen nicht und strahlen nicht -- sie verdunkeln sich, überwältigt von Glück, vom seligen Bewußtsein jener Schönheit, die es dir gelang zu verkünden, jener Schönheit, nach der du deine triumphierenden, deine ermatteten Arme ausstreckst!
Welch ein Licht, zarter und reiner als Sonnenlicht, fließt um deine ganze Gestalt, um die kleinsten Falten deines Gewandes?
Welcher Gott hat mit liebkosendem Hauch deine entfesselten Locken zurückgeweht?
Sein Kuß flammt auf deiner weißen, marmorgleichen Stirn. Da ist es -- das offenbarte Geheimnis, das Geheimnis der Poesie, des Lebens, der Liebe! Da ist sie, da ist sie, die Unsterblichkeit! Eine andere Unsterblichkeit gibt es nicht -- und braucht es nicht zu geben. -- In diesem Augenblick bist du unsterblich. Er wird schwinden -- und dann bist du wieder ein Häufchen Asche, ein Weib, ein Kind ... Doch was liegt dir daran! -- In diesem Augenblick -- standest du höher, standest über allem Vergänglichen und Zeitlichen. -- Dieser _dein_ Augenblick bleibt unvergänglich. Halt inne! Und laß mich teilhaben an deiner Unsterblichkeit, laß in meine Seele einen Abglanz deiner Ewigkeit strahlen!
Der Mönch
Ich kannte einen Mönch, einen Einsiedler, einen Heiligen. Er lebte nur in der Wonne des Gebets -- und in diesem seligen Rausche stand er so lange auf den kalten Steinfliesen der Kirche, bis ihm seine Füße unterhalb der Knie anschwollen und wie zu Säulen erstarrten. Er fühlte sie nicht mehr, stand da -- und betete.
Ich verstand ihn -- vielleicht beneidete ich ihn auch -- aber auch er soll mich verstehen und mich nicht verurteilen -- mich, dem seine Freuden unzugänglich sind.
Ihm ist es gelungen, sich selbst, sein verhaßtes Ich zu vernichten; doch wenn ich auch nicht zu beten vermag, so ists doch nicht Eigenliebe, die mich davon abhält.
Mein _Ich_ ist mir vielleicht noch beschwerlicher und verhaßter, als ihm -- das seine.
Er fand ein Mittel, sich selbst vergessen zu können ... aber auch ich finde ein solches, wenn auch kein dauerndes. Er lügt nicht ... aber auch ich lüge ja nicht.
Noch wollen wir kämpfen!
Welch geringfügige Kleinigkeit vermag doch zuweilen einen Menschen völlig umzustimmen!
Tief in Gedanken verloren ging ich einst auf der Landstraße.
Drückende Ahnungen lasteten auf meiner Brust; Mutlosigkeit hatte sich meiner bemächtigt.
Ich erhob den Kopf ... Vor mir, zwischen zwei Reihen hoher Pappeln, lief der Weg schnurgerade in die Ferne. Und darüberhin, über ebendiesen Weg, etwa zehn Schritt vor mir, von der hellen Sommersonne goldig umstrahlt, hüpfte im Gänsemarsch eine ganze Spatzenfamilie, so recht keck, vergnügt und unbesorgt!
Besonders einer von der Schar plumpste mit so verwegenen Quersprüngen einher, blähte sein Kröpfchen und zwitscherte so frech, gerade als schere er sich um keinen Teufel! Ein Held -- Zoll für Zoll!
Und unterdessen kreiste hoch am Himmel ein Habicht, der vielleicht gerade die Bestimmung hatte, diesen Helden aufzufressen.
Ich sah mir das an, schüttelte mich vor Lachen -- und augenblicklich waren die trüben Gedanken verflogen: ich fühlte wieder Mut, Widerstandskraft und Lebenslust.
Mag doch auch über _meinem_ Haupte ein Habicht kreisen ...
-- Noch wollen wir kämpfen, Teufel auch!
Das Gebet
Um was der Mensch auch immer beten mag -- er betet um ein Wunder. Jedes Gebet läuft schließlich darauf hinaus: »Großer Gott, gib, daß zwei mal zwei -- nicht vier sei.«
Nur ein solches Gebet ist das wahre Gebet von Angesicht zu Angesicht. Zu einem Weltgeist, zum höchsten Wesen, zum Kantschen, Hegelschen abstrakten, wesenlosen Gotte beten -- ist unmöglich und undenkbar. Aber kann denn ein persönlicher, lebendiger, leibhaftiger Gott auch wirklich machen, daß zwei mal zwei -- nicht vier sei?
Jeder Gläubige ist verpflichtet zu antworten: »Ja, er kann es« -- und ist verpflichtet, in sich selber diese Überzeugung zu festigen.
Wenn sich nun aber sein Verstand gegen solche Unvernunft auflehnt?
Hier kommt ihm dann Shakespeare zu Hilfe: »Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, Freund Horatio ...« usw.
Will man ihm aber im Namen der Wahrheit widersprechen -- dann hat er bloß die berühmte Frage zu wiederholen: »Was ist Wahrheit?«
Und darum: laßt uns trinken und fröhlich sein -- und beten.
Die russische Sprache
In Tagen des Zweifels, in Tagen drückender Sorge um das Schicksal meines Heimatlandes -- bist du allein mir Halt und Stütze, o du große, mächtige, wahrhaftige und freie russische Sprache! -- Wenn du nicht wärst -- müßte man da nicht verzweifeln angesichts alles dessen, was sich daheim vollzieht? -- Undenkbar aber ist es, daß eine solche Sprache nicht auch einem großen Volke sollte gegeben sein!
Inhalt
Das Dorf 5
Ein Zwiegespräch 8
Die Alte 9
Der Hund 12
Der Widersacher 12
Der Bettler 14
Erfahren wirst du noch, wie Toren richten 15
Ein Zufriedener 16
Eine Lebensregel 17
Das Ende der Welt. Ein Traum 17
Mascha 20
Der Dummkopf 22
Eine Legende des Morgenlandes 24
Zwei Vierzeiler 26
Der Sperling 30
Die Totenschädel 31
Die Tagelöhner und der Weißhändige. Ein Gespräch 32
Die Rose 34
Letztes Wiedersehen 36
Ein Besuch 37
#Necessitas -- Vis -- Libertas.# Ein Basrelief 39
Das Almosen 39
Das Insekt 41
Die Kohlsuppe 43
Die Gefilde der Seligen 44
Zwei Reiche 46
Der Greis 46
Der Berichterstatter 47
Zwei Brüder 48
Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja 50
Der Egoist 51
Das Fest beim höchsten Wesen 53
Die Sphinx 53
Die Nymphen 55
Freund und Feind 57
Christus 59
Der Stein 60
Die Tauben 61
Morgen! Morgen! 62
Die Natur 63
Hängt ihn! 65
Was ich wohl denken werde 67
Wie frisch und duftig waren doch die Rosen 68
Eine Seefahrt 70
N. N. 72
Halt inne! 72
Der Mönch 73
Noch wollen wir kämpfen! 74
Das Gebet 75
Die russische Sprache 76
Druck von Bernhard Tauchnitz in Leipzig
Anmerkungen zur Transkription:
Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise ansonsten aber wie im Original belassen.
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gesetzt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:
Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: #Antiqua#
Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
Seite 17: »Wenn Sie mal den Wunsch haben, ihrem Gegner gehörig --> Ihrem
Seite 73: auf den kalten Steinfließen --> Steinfliesen