Gedichte in Prosa

Part 4

Chapter 43,582 wordsPublic domain

Und sogleich, o Wunder! -- erscholl als Antwort auf meinen Ruf längs des ganzen weiten Halbkreises grünender Berge ein fröhliches Lachen, ertönte freudiges Stimmengewirr und Händeklatschen. »Er ist auferstanden! Pan ist auferstanden!« riefen jugendliche Stimmen. -- Plötzlich jubelte alles da drüben laut auf, heller als die Sonne in der Höhe und lustiger als das Spiel der Bächlein, die unterm Grase murmelten. Geräusch hurtiger, leichter Fußtritte wurde vernehmbar, durch das Waldesgrün schimmerte das marmorne Weiß wollener Gewänder und die lebensfrische Röte nackter Körper ... Nymphen waren es, Nymphen, Dryaden, Bacchantinnen, die von der Höhe ins Tal herniedereilten. Nun erschienen sie alle gleichzeitig am Waldessaum. Lockenhaar fließt um die göttlichen Häupter, edelgeformte Hände schwingen Kränze und Tamburins -- und Lachen, freudiges, olympisches Lachen eilt und wogt mit ihnen heran ... Vor ihnen her schreitet eine Göttin. Sie ist größer und schöner als alle anderen, -- ein Köcher hängt von den Schultern herab, in der Hand trägt sie einen Bogen, auf dem verschlungenen Lockenhaar schimmert eine silberne Mondsichel ...

Diana -- bist du es?

Plötzlich aber macht die Göttin halt ... und gleichzeitig hielt die ganze ihr folgende Nymphenschar inne. Das helle Lachen erstarb. Ich sah, wie sich das Antlitz der plötzlich verstummten Göttin mit einer tödlichen Blässe bedeckte; ich sah, wie ihre Füße versteinerten, wie ihr Mund in unbeschreiblichem Entsetzen sich öffnete und ihre Augen, starr in die Ferne gerichtet, sich weit auftaten ... Was hatte sie gesehen? Wohin blickte sie?

Ich wandte mich nach der Richtung, nach der sie sah ... Am äußersten Saume des Himmels, hinter dem flachen Streif der Felder flammte wie ein feuriger Punkt das goldene Kreuz auf dem weißen Turm einer christlichen Kirche ... Dieses Kreuz hatte die Göttin erblickt. Hinter mir vernahm ich einen zitternden, langen Seufzer, dem Beben einer zerspringenden Saite gleich -- und als ich mich wieder umwandte, waren die Nymphen spurlos verschwunden ... Der weit ausgedehnte Wald grünte wie zuvor, und nur hie und da, durch das dichte Gezweig hindurch, leuchtete auf und verschwand etwas Weißes. Waren es die Gewänder der Nymphen oder stieg Nebel vom Talgrund auf -- ich weiß es nicht.

Wie schmerzlich aber empfand ich das Verschwinden der Göttinnen!

Freund und Feind

Ein zu lebenslänglichem Kerker Verurteilter entkam aus dem Gefängnis und stürzte in wilder Flucht einher. ... Die Verfolger waren ihm auf den Fersen.

Er rannte aus allen Kräften ... Schon begannen die Verfolger nachzulassen.

Da, mit einem Male hemmt ihn ein Fluß mit steilen Ufern -- ein schmaler, aber tiefer Fluß ... Und er kann nicht schwimmen!

Von einem Ufer zum andern schwebt ein dünnes, angefaultes Brett. Schon hatte der Flüchtling den Fuß darauf gesetzt ... Der Zufall wollte nun, daß drüben am Flusse sein bester Freund, sowie sein erbittertster Feind standen.

Der Feind sagte nichts, sondern verschränkte bloß die Arme; der Freund dagegen schrie aus vollem Halse: »Um Gottes willen! Was tust du? Besinne dich, Wahnwitziger! Siehst du denn nicht, daß dieses Brett vollständig verfault ist?! -- Es wird unter deiner Last brechen -- und du kommst rettungslos um!«

»Es gibt aber doch keine andere Brücke ... und hörst du nicht die Verfolger?« stöhnte verzweifelt der Unglückliche und betrat das Brett.

»Das lasse ich nicht zu! ... Nein, ich lasse nicht zu, daß du zugrunde gehst!« schrie der eifrige Freund und riß dem Fliehenden das Brett unter den Füßen weg. -- Der stürzte jäh in die reißenden Wellen hinab -- und ertrank.

Der Feind lachte befriedigt auf -- und ging von dannen; der Freund aber setzte sich ans Ufer und zerfloß in bitterlichen Tränen um seinen armen -- armen Freund!

Sich selber jedoch die Schuld an dem Unfall beizumessen, das kam ihm gar nicht in den Sinn ... nicht einen Augenblick.

»Er hörte nicht auf mich! Hörte nicht!« schluchzte er trostlos.

»Aber wenn auch!« sagte er zum Schluß. »Er hätte ja doch sein ganzes Leben lang im schrecklichen Kerker schmachten müssen! Wenigstens leidet er jetzt nicht mehr! Jetzt ist ihm leichter! Gewiß hat das Schicksal es so gewollt! -- Und trotzdem, wie schmerzlich, rein menschlich betrachtet!«

Und die gute Seele vergoß aufs neue bitterliche Tränen um den unglückseligen Freund.

Christus

Ich sah mich als Jüngling, fast noch als Knaben in einer niedrigen Dorfkirche. -- Die Flämmchen der dünnen Wachskerzen glühten wie kleine rote Punkte vor den alten Heiligenbildern.

Ein kleiner regenbogenfarbiger Lichtschein umgab jedes einzelne Flämmchen. Es war düster und dämmerig in der Kirche ... Vor mir aber standen eine Menge Leute. Lauter schlichte, blonde Bauernköpfe. Von Zeit zu Zeit neigten sie sich, beugten sich herab und erhoben sich wieder gleich reifen Kornähren, wenn der sommerliche Wind wie eine sanfte Woge über sie hinstreicht. Mit einem Male kam jemand von hinten heran und trat neben mich.

Ich wandte mich nicht nach ihm um -- aber ich fühlte sofort: dieser Mensch ist -- Christus.

Rührung, Neugier und Angst bemächtigten sich meiner im selben Augenblick. Ich nahm mich zusammen ... und sah meinen Nachbar an.

Ein Gesicht wie das aller anderen -- ein Gesicht, das allen Menschengesichtern gleicht. Die Augen blicken ein wenig aufwärts, andächtig und ruhig. Die Lippen sind geschlossen, aber nicht zusammengepreßt: die Oberlippe ruht gleichsam auf der unteren; der kurze Bart ist in der Mitte geteilt. Die Hände gefaltet und unbeweglich. Auch die Kleidung ist dieselbe wie bei allen übrigen.

»Wie kann das Christus sein!« dachte ich bei mir. »Solch einfacher, einfacher Mensch! Es ist unmöglich!«

Ich kehrte mich ab. Doch ich hatte kaum den Blick von diesem einfachen Menschen abgewandt, als mich wiederum das Gefühl überkam, als stünde wirklich Christus an meiner Seite.

Noch einmal nahm ich mich zusammen ... Und wieder erblickte ich dasselbe Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht, dieselben alltäglichen, wenn auch unbekannten Züge.

Da wurde es mir plötzlich schwer ums Herz -- und ich kam zu mir. Nun begriff ich erst, daß gerade solch ein Antlitz -- ein Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht -- Christi Antlitz sei.

Der Stein

Saht ihr wohl schon einmal am Meeresufer einen alten grauen Stein, wenn an einem sonnigen Frühlingstage zur Flutzeit von allen Seiten die frischen Wellen gegen ihn anschlagen -- anschlagen, ihn umspielen, umschmeicheln -- und sein bemoostes Haupt mit einem Sprühregen glänzenden Perlenschaumes benetzen? Der Stein bleibt wohl derselbe Stein -- aber auf seiner Oberfläche erscheinen leuchtende Farben.

Sie zeugen von jener fernen Zeit, da der geschmolzene Granit eben erst zu erstarren begann und noch ganz in feurigen Farben glühte.

So ward auch jüngst mein altes Herz von allen Seiten von jungen Frauenseelen bestürmt -- und unter ihrer liebkosenden Berührung röteten sich seine seit langem verblaßten Farben, die Spuren ehemaligen Feuers!

Die Wellen sind wieder zurückgeströmt ... die Farben aber sind noch nicht verblichen -- mag auch scharfer Wind sie trocknen.

Die Tauben

Ich stand auf dem Rücken eines sanft abfallenden Hügels; vor mir breitete sich schimmernd wie ein Meer von Gold und Silber ein reifes Roggenfeld aus. Keine Wellen aber glitten über dieses Meer; bewegungslos war die schwüle Luft: ein starkes Gewitter braute sich zusammen.

Um mich herum strahlte noch die Sonne heiß und trübe; aber dort, hinter dem Roggenfelde, gar nicht mehr fern, lastete eine schwarzblaue Wolkenwand wie eine gewaltige Masse auf dem ganzen Halbkreise des Horizontes.

Alles war verstummt ... alles war erstorben unter der unheildrohenden Glut der letzten Sonnenstrahlen. Nicht ein einziger Vogel war zu hören und zu sehen; sogar die Sperlinge hatten sich versteckt. Nur in der Nähe irgendwo raschelte und klatschte ein einsames großes Klettenblatt.

Wie stark der Wermut am Feldrain duftet! Ich schaute auf die blaue Wolkenmasse ... und unruhige Erregung bemächtigte sich meiner. Nur schnell, schnell! dachte ich bei mir, blitze, du goldene Schlange, grolle, Donner! rege dich, wälze dich heran, ströme herab, drohende Wolke, und löse diese beklemmende Dumpfheit!

Doch die Wolke rührte sich nicht. Wie zuvor lastete sie auf der schweigenden Erde ... und nur noch mächtiger ballte und verfinsterte sie sich.

Da mit einemmal erschien auf ihrem einfarbigen Blau ein schimmerndes Etwas in gleichmäßiger, schwimmender Bewegung; man konnte auf ein weißes Tüchlein raten oder auf eine Schneeflocke. Es war eine weiße Taube, die vom Dorfe herübergeflogen kam.

Sie flog, flog immer geradeaus, geradeaus ... und verschwand hinterm Walde.

Einige Augenblicke vergingen -- immer noch herrschte dieselbe furchtbare Stille ... Doch sieh! Jetzt schimmern zwei Tüchlein, zwei Schneeflocken schweben zurück: in gleichmäßigem Fluge flattern zwei weiße Tauben heimwärts.

Und jetzt, endlich, brach der Sturm los -- und der wilde Tanz begann!

Mit genauer Not erreichte ich das Haus. -- Der Wind heult und tobt wie ein Rasender, gleich zerrissenen Fetzen jagen die fahlroten, niederhängenden Wolken dahin, alles dreht sich wirbelnd, stiebt durcheinander, wie eine senkrechte Säule peitscht und stürzt wütender Platzregen herab, die Blitze blenden in grünlichem Feuer, wie Kanonenschüsse krachen die Donnerschläge in kurzen Pausen, es riecht nach Schwefel ... Aber unter dem vorspringenden Giebel, hart am Rande des Bodenfensters, sitzen dicht beisammen zwei Tauben -- jene, welche nach ihrer Gefährtin ausgeflogen war -- und die, welche sie heimgebracht und dadurch vielleicht gerettet hatte.

Beide haben sich dicht in ihr Flaumgefieder eingehüllt -- und schmiegen sich Fittich an Fittich ...

Ihnen ist wohl! Und auch mir ist wohl, wie ich sie so betrachte ... Obgleich ich ganz allein bin ... allein wie immer.

Morgen! Morgen!

Wie leer und schal und wie nichtig ist doch fast jeder durchlebte Tag! Wie geringfügig die Spuren, die er hinterläßt! Wie gedankenlos-stumpf verrannen all die Stunden, eine nach der anderen!

Und dennoch klammert sich der Mensch ans Dasein; ihn dünkt das Leben ein Schatz, all seine Hoffnungen baut er darauf, er baut sie auf sich selbst, auf die Zukunft ... O, wieviel Glück erwartet er von der Zukunft!

Warum aber bildet er sich ein, daß die anderen, künftigen Tage dem ebenverflossenen nicht gleichen würden?

Doch das bildet er sich ja auch nicht ein. Ihm ist das Grübeln überhaupt zuwider -- und er tut wohl daran.

»Ei, morgen, morgen!« -- damit tröstet er sich, -- so lange, bis ihn dieses Morgen ins Grab senkt.

Nun -- und liegst du erst einmal im Grabe -- dann hat dein Grübeln ganz von selbst ein Ende.

Die Natur

Mir träumte, ich träte in einen großen, unterirdischen Saal mit hohen Gewölben. Ein gewisses ebenso unterirdisches, gleichmäßiges Licht erfüllte den ganzen Raum.

Mitten im Saal saß ein majestätisches Weib in einem faltenreichen grünen Gewande. Das Haupt auf die Hand gestützt, schien sie in tiefes Nachdenken versunken.

Ich begriff sofort, daß dieses Weib -- die Natur selbst war, -- und wie plötzlicher kalter Hauch rannen Schauer der Ehrfurcht durch meine Seele.

Ich näherte mich dem sitzenden Weibe und neigte mich ehrerbietig: »O du unser aller gemeinsame Mutter!« rief ich aus. »Worüber sinnst du nach? Gelten deine Gedanken dem künftigen Schicksale der Menschheit? Oder der Frage, wie sie zur höchsten Vollkommenheit und Glückseligkeit gelangen könne?«

Langsam richtete das Weib ihre dunklen, strengen Augen auf mich. Ihre Lippen bewegten sich -- und machtvoll erklang eine Stimme wie das Dröhnen des Eisens:

»Ich sinne darüber nach, wie den Beinmuskeln des Flohs eine größere Kraft gegeben werden könne, damit er sich besser vor seinen Feinden zu retten vermöchte. Das Gleichgewicht zwischen Angriff und Gegenwehr ist gestört ... Es muß wiederhergestellt werden.«

»Wie?« entgegnete ich stammelnd. »Daran denkst du? Sind denn aber nicht wir -- wir Menschen, deine Lieblingskinder?«

Das Weib runzelte leicht die Brauen: »Alle Geschöpfe sind meine Kinder,« sprach sie; »ich sorge für sie alle ohne Unterschied -- und ohne Unterschied vernichte ich sie alle.«

»Aber Güte ... Vernunft ... Gerechtigkeit ...« stammelte ich wiederum.

»Das sind Menschenworte,« dröhnte die eherne Stimme. »Ich kenne weder Gut noch Böse ... Vernunft ist mir nicht Gesetz -- und was ist Gerechtigkeit? -- Ich gab dir das Leben -- ich werde es dir wieder nehmen und anderen Wesen geben, Würmern oder Menschen ... mir ist es einerlei ... Du aber wehre dich einstweilen -- und laß mich in Ruhe!«

Ich wollte noch etwas erwidern ... doch da begann rings die Erde dumpf zu stöhnen und zu beben -- und ich erwachte.

Hängt ihn!

»Das geschah im Jahre 1803,« begann mein alter Bekannter, »kurz vor Austerlitz. Das Regiment, in welchem ich als Offizier stand, hatte in Mähren Quartiere bezogen.

Es war uns streng verboten, die Bevölkerung zu beunruhigen und zu drangsalieren; sahen uns die Leute doch ohnehin mit scheelen Augen an, obgleich wir zu ihren Bundesgenossen zählten.

Ich hatte einen Burschen, einen ehemaligen Leibeigenen meiner Mutter, namens Jegor. Er war ein ehrlicher, stiller Mensch; ich kannte ihn von klein auf und behandelte ihn wie einen Freund.

Eines schönen Tages nun erhob sich in dem Hause, in dem ich wohnte, lautes Gezänke und Wehklagen: der Wirtin waren zwei Hühner gestohlen worden, und sie bezichtigte meinen Burschen dieses Diebstahls. Er beteuerte seine Unschuld und rief mich zum Zeugen an ... 'Er und stehlen, er, Jegor Awtamanow!' Ich suchte die Wirtin von Jegors Ehrlichkeit zu überzeugen, aber sie blieb taub gegen alles.

Mit einem Male scholl lautes Pferdegetrappel die Straße herauf: der Oberbefehlshaber in eigener Person kam mit seinem Stabe vorüber.

Er ritt im Schritt, eine dicke, massige Gestalt, mit gesenktem Kopfe und Epauletten, die bis auf die Brust herabhingen.

Kaum hatte ihn die Wirtin erblickt -- als sie sich seinem Pferde entgegenwarf, auf die Knie fiel -- und ganz außer sich, mit fliegenden Haaren, meinen Burschen laut anzuklagen begann, wobei sie mit der Hand auf ihn deutete.

'Herr General!' schrie sie, 'Eure Hoheit! Richten Sie! Helfen Sie! Retten Sie! Dieser Soldat hat mich bestohlen!' Jegor stand auf der Türschwelle, kerzengerade, die Mütze in der Hand, hatte sogar die Brust herausgedrückt und die Hacken aneinandergenommen wie eine Schildwache -- und gab nicht einen Laut von sich! Mag sein, daß ihn der Anblick dieser ganzen, mitten auf der Straße haltenden Generalität aus der Fassung brachte, daß er im Vorgefühl des über ihn hereinbrechenden Unheils zu Stein erstarrte -- mein armer Jegor stand bloß da und blinzelte mit den Augen, im Gesicht aber fahl wie Tonerde.

Der Oberbefehlshaber warf einen zerstreuten, finsteren Blick auf ihn und brummte zornig: 'Nun?' ... Jegor steht da wie eine Bildsäule und zeigt grinsend seine Zähne! Ein Unbeteiligter hätte wirklich glauben können, der Kerl lache.

Da sprach der Oberbefehlshaber kurz und bündig: 'Hängt ihn!' gab seinem Pferde die Sporen und ritt weiter -- zuerst wieder im Schritt -- dann in scharfem Trabe. Der ganze Stab rasselte hinter ihm her; nur ein einzelner Adjutant wandte sich im Sattel um und warf Jegor einen flüchtigen Blick zu.

Den Befehl zu mißachten, war ganz unmöglich ... Jegor wurde sofort festgenommen und zur Exekution abgeführt. Da brach er völlig zusammen -- und rief mit erstickter Stimme nur ein paarmal: 'Mein Gott! Mein Gott!' -- dann halblaut: 'Gott droben weiß es, ich wars nicht!' Bitterlich weinte er, als er von mir Abschied nahm. Ich war in Verzweiflung. 'Jegor! Jegor!' schrie ich, 'warum hast du denn bloß dem General nicht geantwortet?' 'Gott droben weiß es, ich wars nicht,' wiederholte der Ärmste schluchzend. -- Selbst die Wirtin war entsetzt. Solch fürchterlichen Ausgang hatte sie gar nicht für möglich gehalten, und nun fing auch sie zu heulen an! Alle und jeden flehte sie um Schonung an, versicherte, daß sich ihre Hühner gefunden hätten, daß sie bereit sei, alles aufzuklären ...

Natürlich war alles dies vollkommen fruchtlos. Im Kriege, mein lieber Herr, heißts eben Mannszucht! Disziplin! Die Wirtin heulte immer lauter und lauter. Als ihm der Geistliche bereits die Beichte abgenommen und das Abendmahl gereicht hatte, wandte sich Jegor zu mir: 'Sagen Sie ihr, Euer Wohlgeboren, sie möchte sich nicht so grämen ... Ich habe ihr ja schon verziehen.'«

Als mein Bekannter diese letzten Worte seines Burschen wiederholt hatte, flüsterte er leise: »Jegoruschka, mein Täubchen, du brave Seele!« -- und dabei rannen ihm die Tränen über die gefurchten Wangen.

Was ich wohl denken werde ...

Was ich wohl denken werde in dem Augenblicke, da die Sterbestunde schlägt -- wenn ich dann überhaupt noch werde denken können?

Werde ich daran denken, wie schlecht ich mein Leben angewandt habe, wie ich es verschlief, verträumte, seine Gaben nicht zu genießen verstand?

»Wie? Ist das schon der Tod? So schnell? Unmöglich! Ich habe ja doch noch nichts leisten können ... Ich wollte ja eben erst an die Arbeit gehen!«

Werde ich an Vergangenes denken, im Geiste bei einigen wenigen köstlich durchlebten Augenblicken verweilen, bei teuren Bildern und Gestalten?

Werden meine bösen Taten in meiner Erinnerung wach werden -- und wird meine Seele von dem brennenden Schmerz verspäteter Reue gequält werden? Werde ich daran denken, was jenseit des Grabes meiner wartet ... und wartet dort überhaupt etwas meiner?

Nein ... ich glaube, ich werde mich bemühen, gar nicht zu denken -- und mich nach Möglichkeit mit irgendwelchen Lappalien abgeben, bloß um meine Aufmerksamkeit von der drohenden Finsternis, die sich schwarz vor mir auftut, abzulenken.

Einst jammerte ein Sterbender mir unausgesetzt vor, daß man ihm keine Nüsse zu essen geben wolle ... und nur dort, in der Tiefe seiner verlöschenden Augen zuckte und zitterte etwas wie die gebrochene Schwinge eines zu Tode verwundeten Vogels.

Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...

Vor langer, langer Zeit las ich einmal irgendwo ein Gedicht. Ich vergaß es bald wieder ... die erste Zeile aber blieb mir im Gedächtnis:

»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«

Winter ist es jetzt; der Frost hat die Fensterscheiben dick bereift; im dunklen Zimmer brennt ein einziges Licht. Ich sitze da, in einen Winkel gedrückt; in meinem Kopfe aber klingt es und klingt immerzu:

»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«

Und ich sehe mich vor dem niedrigen Fenster eines russischen Landhauses stehen. Sanft neigt sich der Sommerabend und wandelt sich zur Nacht, die laue Luft duftet nach Reseda und Lindenblüten; -- am Fenster aber sitzt, mit geradeaufgestütztem Arm und den Kopf zur Schulter geneigt, ein Mädchen -- und blickt schweigend und unverwandt zum Himmel auf, wie um das Aufleuchten der ersten Sterne zu erwarten. Wie treuherzig andachtsvoll sind diese sinnenden Augen, wie rührend unschuldig diese fragend geöffneten Lippen, wie ruhig atmet diese erst im Erblühen begriffene, noch völlig leidenschaftslose Brust, wie rein und zart sind die Züge dieses jugendlichen Antlitzes! Kein Wörtchen wage ich an sie zu richten, aber wie teuer sie mir ist, wie mein Herz pocht!

»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«

Immer dunkler und dunkler wirds im Zimmer ... Das herabgebrannte Licht knistert, flüchtige Schatten schwanken an der niedrigen Decke, draußen heult und knirscht der Frost um die Mauer -- und mir ist, als vernähme ich grämliches, greisenhaftes Geflüster ...

»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«

Andere Bilder steigen vor mir auf ... Ich höre den fröhlichen Lärm ländlichen Familienlebens. Zwei Blondköpfchen, eins an das andere geschmiegt, schauen mich mit ihren hellen Äuglein munter an, die frischroten Wangen zittern in verhaltenem Lachen, die Hände haben sich innig verschlungen, klare, jugendliche Stimmen schallen lebhaft durcheinander; und weiter drinnen, im Hintergrunde des traulichen Zimmers, gleiten andere, ebenso jugendliche Hände mit behenden Fingern über die Tasten eines altväterischen Pianinos, und der Lannersche Walzer vermag das Summen des patriarchalischen Samowars nicht zu übertönen ...

»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«

Das Licht wird trübe und verlischt ... Wer hustet da so heiser und matt? Zu meinen Füßen liegt, fest zusammengekauert, in unruhigem Schlafe mein alter Hund, mein einziger Gefährte ... Mich friert ... Eisig durchbebt es mich ... und sie alle starben ... starben dahin ...

»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«

Eine Seefahrt

Ich fuhr auf einem kleinen Dampfer von Hamburg nach London. Wir waren unser zwei Passagiere: ich und ein kleiner Affe, ein Weibchen von der Gattung der Seidenaffen, welches ein Hamburger Kaufmann seinem englischen Geschäftsfreunde als Geschenk sandte.

Das Tierchen war mit einer dünnen Kette an eine Bank auf dem Deck angebunden, zerrte daran und piepte kläglich wie ein Vogel.

Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeiging, streckte es mir sein schwarzes, kaltes Händchen hin und richtete seine traurigen, beinahe menschlichen Augen auf mich. -- Ich erfaßte seine Hand -- und da hörte es auf zu piepen und zu zerren.

Es herrschte vollkommene Windstille. Rings breitete sich das Meer wie ein unbewegliches, bleigraues, glattes Tafeltuch aus. Nur wenig war davon sichtbar; ein Nebel lag darüber, so dicht, daß er die äußersten Mastspitzen verhüllte und den Blick durch seinen weichen Schleier stumpf und müde machte. Die Sonne hing wie eine trübrote Scheibe in diesem Dunst; gegen Abend aber flammte sie auf und glühte in einem geheimnisvollen, seltsamen Rot.

Lange, gerade Falten, den Falten schwerer Seidenstoffe vergleichbar, glitten eine nach der anderen vom Bug des Schiffes abwärts, kräuselten sich und wurden immer breiter und breiter, glätteten sich endlich, wippten und verschwanden. Zerschlagener Schaum schwoll unter den gleichmäßig stampfenden Schaufelrädern empor; milchweiß und leise zischend zerfloß er zu Schlangenstreifen, floß dann hinten wieder zusammen und verschwand ebenfalls, vom Nebel verschlungen.

Unausgesetzt und ebenso kläglich wie das Gewimmer des Affen bimmelte die kleine Schiffsglocke am Steuer. Ab und zu tauchte ein Seehund auf -- um gleich wieder kopfüber unter der leichtbewegten Wasserfläche zu verschwinden. Der Kapitän, ein schweigsamer Mann mit einem sonnenverbrannten, mürrischen Gesichte, rauchte seine kurze Pfeife und spuckte verdrießlich in die bewegungslose Flut. Auf all meine Fragen antwortete er nur mit einem kurzen Gebrumm; mir blieb also nichts übrig, als mich wieder meinem einzigen Reisegefährten zuzuwenden -- dem Affen.

Ich setzte mich neben ihn; er hörte auf zu wimmern und streckte mir aufs neue seine Hand hin.

Feucht und einschläfernd umhüllte uns beide der beständige Nebel; und in gleiches, gedankenloses Brüten versunken saßen wir eins neben dem andern, wie zwei Verwandte.

Jetzt lächele ich wohl darüber ... damals aber empfand ich anders.

Wir alle sind Kinder einer Mutter -- und es tat mir wohl, daß das arme Tierchen sich so vertrauensvoll beruhigte und sich an mich schmiegte, wie an einen Verwandten.

N. N.

Harmonisch und ruhig wandelst du den Weg durchs Leben, ohne Tränen und ohne Lächeln, kaum durch eine gleichgültige Anteilnahme belebt.

Du bist gut und bist klug ... und doch ist dir alles fremd -- und du brauchst niemanden.

Du bist schön -- und doch vermag niemand zu sagen, ob du Wert auf deine Schönheit legst oder nicht. -- Selbst bist du teilnahmlos -- und verlangst keine Teilnahme.

Dein Blick ist tief -- und doch nicht gedankenvoll; leer ist es in dieser lichten Tiefe.

So wandeln in den elysischen Gefilden, bei den erhabenen Klängen Gluckscher Melodien, leidlos und freudlos harmonische Schatten.

Halt inne!

Halt inne! So wie ich dich jetzt sehe -- so bleib für immer in meinem Gedächtnis!