Part 3
Dies Mädchen allein hat sehende Augen; sie sträubt sich, versucht sich umzuwenden, hebt ihre zarten, schönen Hände empor; ihr lebensvolles Antlitz hat den Ausdruck der Ungeduld und Entschlossenheit ... Sie möchte nicht willenlos gehorchen, nicht dahin gehen, wohin sie gestoßen wird ... und dennoch muß sie sich unterwerfen und gehen.
#Necessitas -- Vis -- Libertas.#
Wer Lust hat -- mag es übersetzen.
Das Almosen
In der Nähe einer großen Stadt, auf dem breiten Fahrwege, ging ein alter, kranker Mann.
Schwankend war sein Schritt; unsicher, schleppend und stolpernd tappten seine abgemagerten Füße nur schwerfällig und matt vorwärts, als ob sie einem fremden Willen gehorchten. Sein Gewand hing in Lumpen um seinen Leib, sein bloßes Haupt fiel auf die Brust herab ... Ihn verließen die Kräfte.
Er setzte sich auf einen Stein am Wege, neigte sich vornüber, stützte sich auf die Ellenbogen, bedeckte mit beiden Händen sein Antlitz, und zwischen seinen gekrümmten Fingern hervor quollen Tränen und tropften in den trockenen grauen Staub.
Er dachte vergangener Zeiten ...
Er erinnerte sich, wie auch er einst gesund und reich gewesen -- und wie er dann seine Gesundheit verlor -- und seinen Reichtum an andere verschwendete, an gute und schlechte Freunde ... Und nun, nun hatte er nicht einmal ein Stückchen Brot -- alle hatten ihn verlassen, die Freunde noch früher als die Feinde ... Sollte er sich nun wirklich so weit erniedrigen müssen, um Almosen zu betteln? Und Bitterkeit zog in sein Herz, und Scham. Seine Tränen aber rannen und rannen und tropften in den grauen Staub.
Mit einem Male hörte er, wie ihn jemand beim Namen rief: er richtete sein müdes Haupt empor -- und erblickte vor sich einen Unbekannten.
Es war ein ernstes, würdevolles, aber nicht strenges Antlitz; die Augen nicht strahlend, aber klar; der Blick durchdringend, aber ohne Falsch.
»Du hast deinen Reichtum verschenkt,« ließ sich eine sanfte Stimme vernehmen ... »Gereut es dich nicht, wohltätig gewesen zu sein?«
»Es gereut mich nicht,« antwortete der Greis mit einem Seufzer, »wenn ich auch jetzt freilich Hungers sterbe.«
»Wenn es nun auf der Welt keine Bettler gegeben hätte, welche dir ihre Hände hinstreckten,« fuhr der Unbekannte fort, »wenn niemand der Wohltaten bedürftig gewesen wäre, hättest du dann überhaupt wohltätig sein können?«
Der Greis gab keine Antwort -- und verfiel in Nachdenken.
»So sei denn auch du jetzt nicht zu stolz, armer Bettler,« hub der Unbekannte wieder an, »mach dich auf, strecke deine Hand aus, gib auch du jetzt anderen guten Menschen Gelegenheit, durch die Tat zu beweisen, daß sie gut sind.«
Der Greis fuhr auf und blickte umher ... doch der Unbekannte war schon verschwunden; -- in der Ferne aber erschien auf dem Wege ein Wandrer.
Der Greis trat auf ihn zu -- und streckte seine Hand aus. -- Dieser Wandrer aber wandte sich mit mürrischem Blicke ab und gab ihm nichts.
Nach ihm kam aber ein zweiter -- und der gab dem Greis ein kleines Almosen.
Und der Greis kaufte sich Brot für den erhaltenen Groschen -- und süß schmeckte ihm der erbettelte Bissen -- und keine Scham quälte mehr sein Herz -- im Gegenteil: eine stille Freudigkeit war über ihn gekommen.
Das Insekt
Mir träumte, wir säßen unserer zwanzig in einem großen Zimmer mit offenen Fenstern.
Unter uns waren Frauen, Kinder und Greise ...
Wir alle unterhielten uns über ganz alltägliche Dinge und sprachen laut durcheinander.
Plötzlich flog ein großes Insekt von etwa zwei Zoll Länge mit scharfem Summen ins Zimmer ... flog herein, zog im Kreise umher und setzte sich dann an die Wand.
Es glich einer Fliege oder Wespe. -- Der Leib war von schmutzigbrauner Farbe, ebenso die flachen harten Flügel; die gespreizten Füßchen borstig und der Kopf eckig und groß wie bei einer Libelle; und dieser Kopf und diese Füßchen -- waren leuchtend rot wie Blut.
Dieses seltsame Insekt drehte fortwährend den Kopf, nach unten und oben, nach rechts und links, bewegte die Füßchen ... dann plötzlich flog es von der Wand ab, flog summend durchs Zimmer -- setzte sich von neuem und machte wieder seine häßlichen, widerwärtigen Bewegungen, ohne sich von der Stelle zu rühren.
In uns allen erregte es Abscheu, Schrecken, ja sogar Furcht ... Niemand von uns hatte bisher etwas Ähnliches gesehen, alle schrien: »Jagt doch dies Ungeziefer hinaus!« -- alle schwenkten von weitem ihre Taschentücher ... aber keiner wagte heranzukommen ... und sooft das Insekt aufflog, wich alles unwillkürlich zurück.
Nur einer aus dem Kreise, ein noch junger, blaß aussehender Mann, blickte auf uns übrige mit unverhohlenem Erstaunen. -- Er zuckte die Achseln, lächelte und konnte durchaus nicht begreifen, was mit uns vorging und weshalb wir so aufgeregt seien. Er selbst konnte überhaupt kein Insekt wahrnehmen -- hörte nicht das unheimliche Schwirren seiner Flügel.
Plötzlich richtete sich das Insekt gerade auf ihn hin, flog auf, preßte sich an seinen Kopf und stach ihn dicht über den Augen in die Stirn ... Der junge Mann stieß einen schwachen Schrei aus -- und brach tot zusammen.
Die entsetzliche Fliege flog unmittelbar darauf hinaus ... Da erst errieten wir, was dies für ein Gast gewesen war.
Die Kohlsuppe
Einer alten Witwe war ihr einziger, zwanzigjähriger Sohn gestorben, der beste Arbeiter im Dorfe. Die Gutsherrin, die Besitzerin dieses Dorfes, hörte vom Kummer der alten Frau und machte sich am Tage der Beerdigung auf, um sie zu besuchen.
Sie fand sie zu Hause.
Mitten in der Stube vor dem Tische stehend, schöpfte sie mit langsamer, mechanischer Bewegung mit der rechten Hand (die linke hing schlaff herab) dünne Kohlsuppe aus einem rauchgeschwärzten Topfe und schluckte einen Löffel nach dem andern davon hinunter.
Das Gesicht der Alten war abgehärmt und trübe; die Augen rot und verschwollen ... aber sie hielt sich gerade und aufrecht, wie in der Kirche.
Herr des Himmels! dachte die gnädige Frau bei sich, in solchem Augenblick bekommt die es fertig zu essen ... was haben doch all diese Leute für ein rohes Gefühl!
Und hierbei erinnerte sich die gnädige Frau, wie sie selbst vor einigen Jahren nach dem Verlust eines neun Monate alten Töchterchens vor lauter Kummer darauf verzichtet hatte, ein prächtiges Landhaus in der Nähe von Petersburg zu mieten -- und den ganzen Sommer in der Stadt zugebracht hatte! -- Die Alte dagegen löffelte weiter an ihrer Kohlsuppe.
Endlich verlor die gnädige Frau die Geduld. -- »Tatjana!« rief sie aus ... »Das ist unerhört! -- Ich fasse es nicht! Hast du denn deinen Sohn gar nicht geliebt? Hast du denn nicht einmal den Appetit verloren? -- Wie kannst du bloß jetzt diese Kohlsuppe essen!«
»Mein Wassja ist tot,« erwiderte leise die Alte -- und von neuem rollten bittere Tränen über ihre eingefallenen Wangen. »Nun ist es auch mit mir bald zu Ende: bei lebendigem Leibe hat man mir den Kopf abgerissen. Darum kann ich aber doch die Kohlsuppe nicht umkommen lassen: sie ist ja gesalzen.«
Die gnädige Frau zuckte bloß mit den Achseln und entfernte sich. Für sie war das Salz billig.
Die Gefilde der Seligen
O Gefilde der Seligen! O Gefilde der Himmelsbläue, des Lichtes, der Jugend und des Glücks! Ich habe euch geschaut ... im Traume.
Wir saßen zu mehreren in einem schönen, reichgeschmückten Nachen. Einer Schwanenbrust gleich schwoll das weiße Segel unter den spielenden Wimpeln.
Ich wußte nicht, wer meine Gefährten waren; allein, ich fühlte mit ganzem Herzen, daß sie ebenso jung, so froh und glücklich seien wie ich!
Ja, ich beachtete sie kaum. Ich sah rings nur ein uferloses, azurblaues Meer, dessen zitternder Spiegel wie mit goldigen Schuppen bedeckt war -- und zu Häupten ein gleiches uferloses, gleich azurblaues Meer, -- und darüberhin zog im Triumphe und gleichsam lächelnd die freundliche, heitere Sonne.
Von Zeit zu Zeit erscholl aus unserer Mitte ein lautes, fröhliches Lachen -- wie das Lachen der Götter!
Dann auf einmal ertönten aus jemandes Munde Worte, Verse von wunderbarer Schönheit und begeisternder Kraft ... es schien, als ob der Himmel selber deren Echo widerhalle und rings das Meer mitempfindend erzittere ... Und dann wieder herrschte selige Stille.
Leicht in die weichen Wellen tauchend, glitt unser Nachen rasch dahin. Kein Lufthauch trieb ihn; ihn lenkten unsere eigenen freudig pochenden Herzen. Wohin wir begehrten, dahin schwamm er, folgsam, gleich als wäre er beseelt.
Inseln, zauberische, halbdurchsichtige Inseln, im Schimmer von kostbaren Edelsteinen, Rubinen und Smaragden, zogen an uns vorüber. Aus den sanft geschwungenen Ufern strömten berauschende Wohlgerüche; einzelne dieser Inseln überschütteten uns mit einem Blütenregen weißer Rosen und Maiglöckchen; von anderen flogen unvermutet regenbogenfarbige, langgefiederte Vögel empor. Und die Vögel kreisten hoch über uns, die Maiglöckchen und Rosen zertauten in den Schaumperlen, die längs der glatten Wandung unseres Nachens dahinschwammen. Zugleich mit den Blumen und den Vögeln schwebten süße, süße Töne herüber ... Mädchenstimmen schienen darein verwoben ... Und alles ringsumher: der Himmel, das Meer, das Rauschen des Segels über uns, das Gemurmel der Strömung hinter dem Nachen -- alles redete von Liebe, von seliger Liebe!
Und sie, die ein jeder von Herzen liebte -- sie war da ... unsichtbar, doch nahe. Einen Augenblick nur -- und ihre Augen erglänzen, es strahlt ihr Lächeln ... Ihre Hand schließt sich in deine Hand und zieht dich mit sich in ein unverwelkliches Paradies!
O Gefilde der Seligen! Ich habe euch im Traume geschaut.
Zwei Reiche
Wenn man in meinem Beisein das Lob des reichen Rothschild singt, weil er ganze Tausende seines ungeheuren Einkommens für Erziehung von Kindern, für Heilung von Kranken und Unterhalt von Greisen spendet -- dann erregt dies meinen Beifall und rührt mich.
Indessen vermag ich bei allem Beifall und aller Rührung doch die Erinnerung an eine arme Bauernfamilie nicht zu unterdrücken, welche eine kleine verwaiste Nichte unter ihr elendes Dach aufnahm.
»Nehmen wir Katja zu uns,« meinte die alte Frau, »dann geht unser letzter Groschen drauf -- dann langts nicht mehr zum Salz für die Suppe ...«
»Nun ... dann essen wir sie eben ungesalzen,« gab ihr der Bauer, ihr Mann, zur Antwort.
Ein weiter Weg von Rothschild bis zu diesem Bauern!
Der Greis
Trübe, schwere Tage sind gekommen ...
Eigene Leiden, Siechtum deiner Freunde, Kälte und Finsternis des Alters. Alles, was du geliebt, woran du mit ganzem Herzen gehangen -- welkt und schwindet dahin. Der Pfad senkt sich bergab.
Was nun? Sollst du wehklagen? Dich härmen? Nein, damit dienst du weder dir selbst, noch den anderen ... Wohl wird das Laub auf dem verdorrenden, sich krümmenden Baume immer dürftiger und seltener, -- aber grün ist auch dieses noch.
So verschließe denn auch du dich in dein eigenes Selbst, weile bei deinen Erinnerungen, und dort, tief, tief unten auf dem Grunde deiner innersten Seele, wird dein vergangenes, dir allein zugängliches Leben in all seinem duftigen, immer noch frischen Grün und seiner quellenden Frühlingspracht vor dir erglänzen.
Aber hüte dich ... schaue nicht vor dich, armer Greis!
Der Berichterstatter
Zwei Freunde sitzen am Tisch und trinken Tee. Mit einemmal erhebt sich auf der Straße ein großer Lärm. Man hört klägliches Stöhnen, zornige Verwünschungen und schadenfrohe Lachsalven.
»Da prügeln sie jemand,« sagte einer der Freunde, indem er zum Fenster hinausblickte.
»Wohl einen Verbrecher? Einen Mörder?« fragte der andere. »Höre mal, wer es auch sein mag, wir dürfen solch willkürliches Rechtsverfahren nicht zulassen. Komm, wir wollen ihm beistehen.«
»Ein Mörder ist's aber nicht, den sie da prügeln.«
»Kein Mörder? Also ein Dieb? Das bleibt sich gleich, komm, wir wollen ihn dem Pöbelhaufen entreißen.«
»Es ist auch kein Dieb.«
»Kein Dieb? Dann also ein Kassierer, ein Eisenbahnunternehmer, ein Armeelieferant, ein russischer Mäzen, ein Advokat, ein gesinnungstüchtiger Redakteur, ein öffentlicher Wohltäter?... Gleichviel, komm und laß uns ihm helfen!«
»Weit gefehlt ... sie prügeln einen Berichterstatter.«
»Einen Berichterstatter? -- Na, weißt du was: dann wollen wir erst ruhig unsern Tee austrinken.«
Zwei Brüder
Ich hatte eine Vision ...
Es erschienen vor mir zwei Engel ... zwei Genien. Ich sage: Engel ... Genien -- weil kein Gewand ihren nackten Körper verhüllte und beide an den Schultern mächtige, lange Flügel besaßen.
Beide waren Jünglinge. Der eine hatte einen üppigen Wuchs, eine zarte Haut und schwarzlockiges Haar. Seine Augen waren braun, feurig und von dichten Wimpern beschattet; sein Blick einschmeichelnd, heiter und verlangend. Bezaubernd und verführerisch war sein Antlitz, mit einem Anflug von Verwegenheit und Tücke. Ein leises Zucken spielte um die vollen, rosigen Lippen. Der Jüngling lächelte, wie im Gefühl überlegener Macht -- selbstbewußt und doch nachlässig; ein herrlicher Blumenkranz schmiegte sich sanft um seine glänzenden Locken, so daß er die sammetgleichen Brauen fast berührte. Ein scheckiges Leopardenfell, von einem goldenen Pfeil zusammengehalten, hing leicht von der rundlichen Schulter bis auf die schwellende Hüfte herab. Das Gefieder seiner Schwingen spielte in den Farben der Rose; ihre Spitzen waren leuchtend rot, gleich als wären sie in purpurnes, frisches Blut getaucht. Von Zeit zu Zeit durchflog sie ein leichtes Zittern, begleitet von einem angenehmen, silberhellen Rauschen, dem Rauschen eines Frühlingsregens.
Der andere Jüngling war hager und von gelblicher Hautfarbe. Bei jedem Atemzug wurden seine Rippen in leichten Umrissen sichtbar. Sein Haar war fahl, dünn und schlicht; die Augen übergroß, rund und blaßgrau ... der unheimlich glänzende Blick verriet Unruhe. Alle Gesichtszüge hatten etwas Scharfes; der kleine, halbgeöffnete Mund wies Fischzähne auf; die Adlernase war schmal, das Kinn vorspringend und mit weißlichem Flaum bedeckt. Über diese welken Lippen ist noch nie, niemals ein Lächeln geflogen. Das war ein starres, furchtbares, mitleidsloses Antlitz! (Auch das Antlitz jenes anderen, schönen Jünglings -- obwohl liebreizend und sanft -- war ohne jeden Zug von Mitleid.) Um das Haupt dieses zweiten schlangen sich einige taube, zerknickte Ähren, von einem verwelkten Hälmchen durchflochten. Ein grober grauer Schurz wand sich um seine Lenden; die Flügel auf seinem Rücken, tiefblau und glanzlos, bewegten sich langsam und drohend.
Beide Jünglinge schienen unzertrennliche Gefährten zu sein.
Sie lehnten sich Schulter an Schulter. Die kleine weiche Hand des ersten ruhte wie eine Weintraube auf der mageren Achsel des anderen; die schmale Hand dieses anderen wand sich mit ihren langen, dürren Fingern wie eine Schlange um die fast weibliche Brust des ersten.
Und ich vernahm eine Stimme. Sie sprach also:
»Vor dir stehen Liebe und Hunger -- zwei leibliche Brüder, die zwei Grundpfeiler allen Lebens.
»Alles, was da lebt, regt sich, um sich zu nähren, nährt sich, um sich fortzupflanzen.
»Liebe und Hunger -- ihr Ziel ist das gleiche: zu wirken, damit das Leben nicht versiege -- das eigene wie das fremde, -- ja, das gesamte Leben.«
Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja
Im Schmutz, auf übelriechendem, fauligem Stroh, unter dem Dach eines baufälligen Schuppens, der in notdürftiger Hast inmitten eines verwüsteten bulgarischen Dörfchens zu einem Feldlazarett hergerichtet worden war -- erlag sie in zwei langen Wochen dem Typhus. Sie war völlig bewußtlos -- und nicht ein einziger Arzt sah nach ihr; die kranken Soldaten, die sie gepflegt hatte, solange sie sich auf den Füßen hatte halten können -- erhoben sich der Reihe nach von ihrer verseuchten Lagerstatt, um in der Scherbe eines zerschlagenen Kruges einige Tropfen Wasser an ihre brennenden Lippen zu bringen.
Sie war jung und schön; die vornehme Welt stand ihr offen; selbst die höchsten Würdenträger wandten ihr ihre Aufmerksamkeit zu. Die Frauen beneideten sie, die Männer machten ihr den Hof ... zwei oder drei von diesen waren in geheimer, tiefer Liebe zu ihr entbrannt. Das Leben lächelte ihr; doch es gibt ein Lächeln, das schlimmer ist als Tränen.
Sie hatte ein Herz voll Sanftheit und Güte ... dabei aber von einer Kraft, einer Opferfreudigkeit! -- Den Bedrängten Hilfe zu leisten ... ein anderes Glück kannte sie nicht ... kannte sie nicht -- und lernte sie nicht kennen. Alles andere Glück ging an ihr vorüber. Doch darein hatte sie sich längst ergeben -- und mit dem heiligen Feuer unerschütterlichen Glaubens weihte sie sich dem Dienste ihrer Mitmenschen. Welche unvergänglichen Schätze sie dort im geheimsten, tiefsten Grunde ihrer Seele bewahrte, das hat niemand je gewußt -- und kann jetzt freilich niemand mehr erfahren.
Wozu auch? Das Opfer ist gebracht ... das Werk ist vollendet.
Allein, es ist schmerzlich, denken zu müssen, daß niemand wenigstens ihrer sterblichen Hülle Dank sagte, obschon sie selbst in edler Scham sich jeder Dankesbezeugung entzog.
Möge ihr teurer Schatten mir nicht zürnen, wenn ich dieses kleine, verspätete Blümlein auf ihr Grab zu legen wage!
Der Egoist
Er besaß alle erforderlichen Eigenschaften, um die Geißel seiner Familie zu werden.
Von klein auf gesund und reich -- und gesund und reich sein ganzes langes Leben hindurch, beging er nie einen einzigen Fehltritt, verfiel nie in einen Irrtum, versprach und versah sich nicht ein einziges Mal.
Er war ein tadelloser Ehrenmann!... Und stolz im Bewußtsein seiner Ehrenhaftigkeit, knechtete er damit alle seine Angehörigen, seine Freunde, seine Bekannten. Seine Ehrenhaftigkeit war ihm ein Kapital ... und er nahm Wucherzinsen davon.
Seine Ehrenhaftigkeit gab ihm das Recht, erbarmungslos zu sein und nie aus freien Stücken Gutes zu tun; -- und darum war er erbarmungslos -- und tat nie Gutes ... denn das Gute auf Befehl -- ist nicht das Gute. Niemals kümmerte er sich um jemand anders als um seine eigene, so überaus musterhafte Person und war innerlich empört, wenn die anderen sich nicht ebenso eifrig um diese bekümmerten.
Und bei alledem hielt er sich nicht für einen Egoisten -- und verurteilte und verfolgte am allerschärfsten die Egoisten und den Egoismus! -- Das wäre auch! Fremder Egoismus behinderte ja seinen eigenen!
Für seine Person sich nicht der geringsten Schwäche bewußt, begriff und duldete er solche auch nicht bei anderen. Er begriff überhaupt niemanden und nichts, denn überall, von allen Seiten, unten und oben, hinten und vorn war er von seinem eigenen Selbst eingeschlossen.
Er begriff nicht einmal, was Vergeben heißt. Sich selbst etwas zu vergeben, dazu bot sich ihm nie ein Anlaß ... Aus welchem Grunde sollte er dann den anderen vergeben?
Vor dem Richterstuhl seines eigenen Gewissens, vor dem Angesicht seiner eigenen Gottheit -- da pflegte er, dieses Wunderwesen, dieser Ausbund von Tugend, die Augen gen Himmel zu erheben und mit fester und klarer Stimme auszusprechen: »Ja, ich bin ein würdiger, ein moralischer Mensch!«
Noch auf seinem Sterbelager wird er diese Worte wiederholen -- und selbst dann wird nichts sich regen in seinem steinernen Herzen -- in diesem Herzen ohne Makel und Fehl.
O Scheusal der selbstzufriedenen, unbeugsamen, wohlfeilen Tugend -- schwerlich kannst du überboten werden von dem nackten Scheusal des Lasters!
Das Fest beim höchsten Wesen
Einstmals beschloß das höchste Wesen, in seinem azurblauen Himmelspalast ein Fest zu geben. Sämtliche Tugenden waren von ihm zu Gaste gebeten. Aber nur die weiblichen ... Herren waren nicht geladen ... bloß Damen.
Sie hatten sich sehr zahlreich eingefunden -- die großen wie die kleinen. Die kleinen Tugenden waren ein wenig zuvorkommender und liebenswürdiger als die großen; doch schienen alle sehr befriedigt -- und man unterhielt sich in der artigsten Weise, wie es sich für so nahe Verwandte und Bekannte eben schickt. Mit einem Male bemerkte das höchste Wesen zwei schöne Damen, die sich gegenseitig gar nicht zu kennen schienen.
Der Gastgeber nahm die eine dieser Damen bei der Hand und führte sie zu der anderen.
»Die Wohltätigkeit!« sprach er, auf die erste deutend. »Die Dankbarkeit!« fügte er hinzu und wies auf die zweite. Beide Tugenden gerieten in sprachloses Erstaunen: seitdem die Welt besteht -- und sie besteht schon ziemlich lange --, begegneten sie sich zum erstenmal.
Die Sphinx
Gelblich grauer, oben lockerer, unten harter, knirschender Sand ... Sand ohne Ende, so weit das Auge reicht!
Und über dieser Sandwüste, über diesem Meer toten Staubes erhebt sich das gigantische Haupt einer ägyptischen Sphinx.
Was wollen sie sagen, diese mächtigen, wulstigen Lippen, diese starr-geschwellten, aufgeworfenen Nüstern -- und diese Augen, diese länglichen, halb träumenden, halb wachen Augen unter dem Doppelbogen der hohen Brauen?
Gewiß, sie wollen etwas sagen! Sie reden sogar -- doch nur ein Ödipus vermag ihr Rätsel zu lösen und ihre stumme Sprache zu verstehen.
Ha! Nun erkenne ich diese Züge ... jetzt haben sie nichts Ägyptisches mehr. Die weiße, niedrige Stirn, die vorspringenden Backenknochen, die kurze, gerade Nase, der hübsche Mund voll weißer Zähne, der weiche Schnurrbart nebst dem krausen Kinnbärtchen -- und diese weit auseinanderstehenden kleinen Augen ... dazu das Haar, wie eine Mütze den Kopf bedeckend und in der Mitte gescheitelt ... Ei, das bist du ja, Karp, Sidor, Semjon, du Bäuerlein aus Jaroslaw, aus Rjäsan, mein Landsmann, ehrliche russische Haut! Seit wann bist du denn unter die Sphinxe geraten?
Oder willst du vielleicht auch etwas sagen? Ja; du bist freilich auch -- eine Sphinx.
Auch deine Augen -- diese farblosen, aber tiefen Augen reden ... Und auch ihre Sprache ist stumm und rätselvoll.
Wo aber ist dein Ödipus?
O Jammer! Die Bauernmütze sich aufzustülpen, ist leider nicht ausreichend, um dein Ödipus zu werden, o du allrussische Sphinx!
Die Nymphen
Ich stand vor einer herrlichen, im Halbkreis ausgebreiteten Gebirgskette; junger grüner Wald bedeckte sie vom Kamm bis zur Sohle.
Über ihr wölbte sich in durchsichtigem Blau der südliche Himmel; aus der Höhe sandte die Sonne ihre spielenden Strahlen herab; drunten, halb verborgen im Grase, murmelten flinke Bächlein.
Da erinnerte ich mich einer alten Sage von einem griechischen Schiffe, das im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt einst über das Ägäische Meer fuhr.
Es war um die Mittagsstunde ... In ruhiger Glätte lag die See. Da ertönte mit einem Male hoch über dem Haupte des Steuermanns eine vernehmliche Stimme: »Wenn du dort an der Insel vorbeisegelst, dann lasse laut den Ruf erschallen: 'Der große Pan ist tot!'«
Der Steuermann staunte ... und erschrak. Als aber das Schiff an der Insel vorbeifuhr, da gehorchte er und rief: »Der große Pan ist tot!«
Und sofort erschollen als Antwort auf seinen Ruf längs des ganzen Ufers (obwohl die Insel unbewohnt war) schmerzliche Seufzer, Stöhnen und langgezogene Klagelaute: »Tot, tot! Der große Pan ist tot!«
Diese Sage also war mir eingefallen ... und da kam mir der sonderbare Gedanke: »Wie, wenn nun auch ich jetzt diesen Ruf erschallen ließe?«
Doch im Angesichte der rings mich umgebenden Lebenswonne widerstrebte es mir, an den Tod zu denken, und so rief ich denn mit aller Kraft: »Auferstanden, auferstanden ist der große Pan!«