Gedichte

Part 8

Chapter 83,267 wordsPublic domain

(Eigene Melodie.)

Es meint der Filz, sobald er hört Von Kneip- und Bummelei, Im Tugendbusen jach empört, Daß dies Verschwendung sei. Er rechnet aus, wieviel es bringt, Wenn er sein Lebtag Wasser schlingt. Vivallera.

Einseitig wie ja die Moral Bei solchen Menschen ist, Was wir ersparen beim Pokal, Zu schätzen sie vergißt. Es spart der Mensch, solang er kneipt Und möglichst lange sitzen bleibt. Vivallera.

Was spart er nicht beim Bier allein An Knödeln und an Brot; Denn wo ein Brauhaus steht, ich mein, Da ist kein Backhaus not, Auch wird er keine Schuh zergehn, Solang sie unterm Biertisch stehn. Vivallera.

Schont er daheim das Sofa nicht Und andres Mobiliar? Und spart er Feurung nicht und Licht? Was macht das nicht im Jahr! Was hab ich nicht auf solche Art An Streichelhölzern schon gespart! Vivallera.

Es schont, solang er sitzt beim Bier, Dem Trank, so herb und kühl, Der Tönekünstler sein Klavier, Der Dichter sein Gefühl, Der Bilderhauer seinen Lehm Und das Modell noch außerdem. Vivallera.

Der Lehrer schont das Bakelrohr, Der Richter schont das Recht, Es schont der Sänger den Tenor, Je mehr er qualmt und zecht. Ja manch ein Landesvater schont Sogar das Volk, worauf er thront. Vivallera.

Und überleg ich’s mir einmal, So geht mir’s völlig ein: Ich muß ein Mann von Kapital Und schon ein Krösus sein. Schläfriger Wirt, sei aufgeweckt Und pump mir eine Flasche Sekt! Vivallera.

VI. Leben, Leid und Tod.

Neujahrsgruß.

Ans Tor des Türmers hab’ ich heut Gepocht mit lautem Rufen: „Komm, führe mich vor Mitternacht Zum Turm hinauf die Stufen! Denn ein Gelüsten treibt mich heut, Mit mächtig hallendem Geläut Die Welt zu meinen Füßen Zu grüßen.“

Und an des Alten Seite stumm Bin ich emporgestiegen. Tief lag die Erde schneeverhüllt, Geruhig und verschwiegen. Die weite Stadt -- ein Lichtermeer! Das blinkte hold von unten her Wie goldnes Sterngewimmel Vom Himmel.

Und oben hab’ ich tiefen Zugs Den Hauch der Nacht getrunken; Berauscht von tausend Bildern, ist Mein Geist in sich versunken --: Jed’ Licht dort unten schien ihm da Ein Auge, das ins Ferne sah, An Tagen, die vergangen, Zu hangen.

Und jeder Blick erspähte bald Aus grauem Nebeldampfe Ein eignes und besondres Bild Vom ewigen Erdenkampfe. Wie manche leise Träne rann, Wie manches feste Herz begann In still erneuten Fluten Zu bluten! ...

Hob sich aus fernem Dunkel nicht Hier -- dort -- ein Totenhügel? Flog nicht ein freundlich Antlitz her Auf traumbewegtem Flügel? O ja, in stiller Neujahrsnacht Der Toten wird zuerst gedacht, Der Lieben, die im Hafen Nun schlafen.

Doch mehr als Tod ist Lebensnot -- Horch, horch -- in mancher Kammer Gellt jäh durch die Erinnerung Ein lauter, wilder Jammer! Ein nie verglommnes Weh entfacht So manchem diese stille Nacht, Dem alles, was er träumte, Zerschäumte.

Und ewig Kampf und ewig Streit Mit Leiden und Gefahren, Mit Elend, Krankheit, Lug und Trug Seit tausend, tausend Jahren! Und war’s ein Jahr des Glücks vielleicht, So hat’s uns doch das Haar gebleicht, So ist es doch verronnen -- Zerronnen --

Wir kämpfen mit der Nagerin, Der Zeit, der nimmermüden -- Still! War mir’s doch, als ob zur Lust Von fern Gesänge lüden -- Fürwahr: ein leises Kling und Klang ... Zum Mund mit Jubel und Gesang Den Trank voll Glut und Leben Sie heben! ...

Ja! Eine Freudensonne glüht Inmitten wilden Krieges: In allen edlen Herzen ist’s Die Zuversicht des Sieges! Doch wo das Schwert, das ihn erwirbt, Das jeden Höllengeist verdirbt? Wo glänzt die blanke Wehre, Die hehre?

Nun Mitternacht! -- Da ließ ich weit Die Glocke donnernd schwingen, Und meine Seele schrie hinein Mit Beben und mit Klingen: Sie soll uns Schwert des Lichtes sein, Die reine Siegerin allein In Nacht- und Sturmgetriebe: Die Liebe.

Abend und Morgen.

Dich grüß ich still, o linder Abend; Denn alle Fesseln lösest du, Die mir am Tag die Seele banden: Du endlich wehst mir Frieden zu.

Ich fühl ein seliges Genügen, Als wär mein Lebenswerk vollbracht, Ein starkes, ruhiges Entsagen, Als möcht ich sterben über Nacht.

Und weiß, ich grüße dich, o Morgen, Mit neuem, siegesfrohem Mut Und trag dir mit der jungen Erde Entgegen meine Liebesglut.

Von nie gekannten Lebenskräften In tiefer Seele regt sich’s nun Und ruft mit tausend hellen Stimmen: „Noch ist die Stunde nicht, zu ruhn.

Dein selbstzufriedenes Genügen War einer schwachen Stunde Wahn; Sieh hin! Aus Nebeln steigt die Sonne: Ein neuer Weg ist aufgetan!“

Leise Stimmen.

Den Kopf auf deinem Schoß -- o Blumenlager! O Pfühl, aus dem geheime Träume blühn! Dein Auge glänzt, ein sehnsuchtdunkler Frager, Wie reife Trauben aus dem Schatten glühn. Nun sinkt die Wimper -- wie der weiche Flügel Des Abendfalters, der durch Dämm’rung zieht. Der wilde Tag flog über Tal und Hügel, Und deine Lippe summt ein träumend Lied ...

Drückt nicht ein bleiches Antlitz sich ans Fenster? Erinn’rung ist’s, der stille Abendgast. Er schlüpft herein nach Weise der Gespenster Und schmiegt ins Polster sich zu langer Rast. Was mahnt er mich an düst’re Jugendtage, Da mich die Hoffnung an den Spott verriet? Ins große Meer versunken ist die Klage -- Im Ofen raunt der Wind ein fernes Lied ...

Und Tage kamen, Jahre, da mein Ringen In stummer, bitt’rer Qual vergebens war. Nicht glücken wollt’ es mir, sie zu bezwingen, Die dichtverschlung’ne Obskurantenschar. Die Staatsperücken ließen mich nicht gelten, Weil ich den Puder und die Schminke mied; Vom hohen Thron herab erklang ihr Schelten -- Die Grille geigt ein leises Schelmenlied ...

Ich +kam+ hindurch! Von Morgenkraft durchschauert, Trag’ ich ein fröhlich blinkend Waffenkleid; Doch überall in Busch und Hecken lauert Mit giftigem Geschoß der Schuft, der Neid. Die feigen Schurken, daß sie Gott verdamme ...! Wie straff empor der Strom der Lampe zieht! Nach oben, nur nach oben strebt die Flamme Und trägt empor ein leises, feines Lied ...

Im Nachtzug.

Es donnerte, polterte, rollte der Zug Durch fröstelnde Winterfrühe; Noch ruhte in Städten und Weilern die Welt Von Lust- und Leidensmühe.

Am Fenster stand ich und starrte hinaus, Da war nur Nacht zu schauen, Und tiefer und tiefer trank sich mein Blick Hinein in Dunkel und Grauen.

Da sah ich fern aus niederm Gemach Ein zitternd Licht erblühen: Die Arbeit stand taumelnd vom Lager auf Zu neuen, alten Mühen.

Und hier ein Licht -- und dort ein Licht, Die grüßten von Ferne zu Ferne; In Schloß und Hütte gingen auf Der Mühsal bleiche Sterne.

Auf daß die Lust im Sonnenglanz Den muntren Tanz erneue, Entfachen lange vor Tag ihr Licht Die Pflicht, die Sorge, die Treue.

Ist noch die Welt ein dumpfer Schlaf, Ihr Traum ein irres Lachen, Es grüßt sich schweigend im Morgengraun Die stille Gemeinde der Wachen.

Fernes Licht.

Winkt ein stilles Licht aus weiter Ferne Nächtlich her in meiner Stube Schatten, Wenn des Tages flackernde Bewegung Sich gestillt zu schweigendem Ermatten.

Ruhe winkt das Licht aus weiter Ferne. Unser Leben, Tag um Tag genommen, Ist ein töricht Fliehen vor der Ruhe Und ein reuevolles Wiederkommen.

Jeden Abend aus der Qual des Strebens Steig ich auf in diesen heiligen Frieden. Vor mir, hinter mir ein dunkles Schweigen, Ich -- wie von der Erde längst geschieden.

Hier nur fühl’ ich Brust und Arme wieder Froh verlangend sich ins Weite dehnen, Und zurück ins Herz mit starken Fluten Kommt der Jugend heißes, reines Sehnen.

Niemand weiß es, wie ich hier gesunde, Wenn durch schwarze, undurchdrung’ne Weiten Sicher auf den feinen, weißen Strahlen Unbeirrte, hohe Träume gleiten.

Was ich dann, am Kreuz des Lebens hangend, Schlimmes leide und noch Schlimm’res lerne -- Nächtlich her in meiner Seele Schatten Winkt ein stilles Licht aus dunkler Ferne. --

Erscheinung.

Eine düstre Wolke seh ich schwimmen Durch den abendlichen Himmelsraum. Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen Zarte Lichter wie ein Flockensaum.

Gleichwie starrgewalt’ge Bergesschroffen Ragt die Wolke hoch in den Azur. Doch um ihre Stirne lichtgetroffen Hängt des Alpenglühens Rosenflur.

Denn verborgen hinter jener Mauer Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts, Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer, Blickt nach dort verklärten Angesichts.

Also sah ich düst’re Menschenstirnen In den Grenzen dieser Erde auch: Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen Eines fremden Lichtes leiser Hauch.

Augen sah ich, die dem Hier entrinnen, Das mit Tränenschatten sie umhüllt; Doch versunken war ihr Blick nach innen Und von dort mit seligem Glanz erfüllt. --

An die Zeit.

Du bist als mächt’ge Trösterin befunden Von vielen, welche Leid und Gram beschwert; Denn wer vergessen kann und minder wert Das einst Geliebte halten, mag gesunden.

Ich will von dir nicht Heilung meiner Wunden, Die doch wie Gift an Geist und Herzen zehrt; Was ich gerecht bewundert und begehrt, Das gelte teuer mir zu allen Stunden.

Du wirkst der edlen, reinen Säfte Stockung; Des Alters Siechtum, schleichendes Verderben Und Tod verbirgst du unter Trostes Schein,

Und dem, der kraftlos nachgibt deiner Lockung, Gibst du statt schnellen Tods ein ewig Sterben Und zum Vergessen das Vergessensein. --

Sonett.

Bist du im Recht, und will man dir’s verdrehen, Und gilt es ein geringes -- schweige gern! Es ziemt dir wohl, von niedrer Zanksucht fern, Den Streit um eitle Dinge zu verschmähen.

Doch gilt’s ein Ideal, das du ersehen Zu deines Lebens wandellosem Stern, Will man Gedanken in den Staub dir zerr’n, Die rein und klar an deinem Himmel stehen,

Dann tausche nicht um feigen Frieden ein Dein gutes Recht; dann streite sonder Beben, Stirbst du auch einst verlassen und allein.

Denn besser ist’s, in Acht und Bann zu leben, Als stets sein Ohr dem Ruf nach Frieden leihn Und Licht und Recht den Narren preiszugeben.

Mein Freund.

Als ich jüngst im Garten wandelte, Ward mir unverhoffte, tiefe Freude: Aus dem tiefen Dunkel wirrer Zweige Winkten mir zwei Blumen wie zwei Augen. Näher trat ich, durchs Gebüsch mich zwängend -- Sieh, im düst’ren Schatten alter Bäume, Fast erdrückt vom wuchernden Holunder, Stand ein armer Strauch der Alpenrose. Zwischen seinen krummen, mag’ren Ästen Spann ihr feucht Gespinst die ewige Nacht; Abgetrennt von Luft und Sommersonne, War er leidend Jahr um Jahr gewachsen; Doch aus Leidensnächten hob er Blüten, Starke, lächelnde, betränte Blüten, Seines Ringens Ende, still empor.

Und dem Gärtner rief ich: „Diesem Strauche Gib den besten Platz in meinem Garten. Tu es bald -- ich hab es ihm versprochen.“

Waldidyll.

Voll Haß und Unrast lief ich in den Wald: Mein Herz war heiß; die Welt war tot und kalt. Du, Bächlein, bist so wild und kraus wie ich! Komm, schäumender Gesell, und lehre mich: -- Du gleitest singend über Blum’ und Moos -- Was ist im großen Weltenspiel dein Los? Und sprühend, perlend klang es aus dem Schaum, Ein Lied, die Welle sang es wie im Traum:

„Im Schoß der Berge kurze Stunden träumen, Ein froher Sprung vom steilen Hange her -- An starren Felsenklippen sich zerschäumen -- Und seinem Selbst entsagen fern im Meer.“

Noch lange horcht ich. Klang’s vom Himmel her? „Und seinem Selbst entsagen fern im Meer.“

Im Garten.

Ja, ich weiß, daß hier um Aug’ und Wangen Eine Flut von Duft und Schimmer drängt, Weiß, daß eine Traube schwerer Knospen Fast herab bis auf die Stirn mir hängt --

Aber laßt mich doch die Sinne schließen Vor dem Drang, mit dem der Frühling naht, Und mich nur die Offenbarung fühlen, Daß mein Herz noch Kraft zur Freude hat.

Denn ich ging durch einen langen Winter, Stand vor einer tief zerstörten Welt; Spöttisch hatt’ ich zwischen Furcht und Hoffen Meine Lebenswage festgestellt.

Als mich heut nun diese Sonne weckte, Sprang mein Herz, ach Freunde, sprang mein Herz, Riß mit einem Schrei sich aus der Tiefe, Schluchzen hört ich’s wie vor Lust und Schmerz.

Laßt mich, laßt mich nur die Sinne schließen; Dieser Fülle weiß ich sonst nicht Rat. Einen Tag lang will ich’s klingen hören, Daß mein Herz noch Kraft zur Freude hat.

Aus gesegneten Tagen.

Heißen und gerechten Haß im Herzen, Schritt ich achtlos durch den Morgenglanz; Lug und Trug der Schurken auszumerzen, Trieb mich der Gedanken Wirbeltanz.

„Ja, zermalmen will ich, will vernichten, Was mir Kraft und Freude stiehlt und Schlaf!“ Und -- ich stockte jäh vor einer lichten, Warmen Glut, die meine Augen traf.

Einem Garten war ich zugetrieben, Wohl von tausend Rosen überflammt: „Oh, wir leben!“ jauchzten sie, „wir lieben! Oh, wir blühn und schaffen allesamt!

Wandeln wollen wir in Duft und Farben Dieses Sommers gnadenreiches Licht!“ In die schwellendste der Rosengarben Neigt ich tief und still mein Angesicht.

Und ich fühlte heiligen Erbebens, Wie’s mit Doppelglut mich überkam. Aus den Blumen schlug die Glut des Lebens, Aus der Brust mir quoll die Glut der Scham.

Stiller Besuch.

An einem Tag, da Haus und Halde schwieg, Lag ich auf meinem Ruhebett und schaute Verhalt’nen Atems meinem Söhnlein zu, Das fromm aus Hölzern einen Tempel baute.

Am Fenster lag im Abendlicht ein Buch, Versonnen beugte sich mein Weib darüber; Im Käfig saß der Vogel auf dem Stock Und lugte dunklen Aug’s zu ihr hinüber.

Da war’s, daß ich gewußt: das Glück ist da ... Ein Atem ist mir übers Herz gegangen ... Die Luft ist hell von einem gold’nen Blick ... Ein duftend Haar liegt weich auf meinen Wangen ...

Und flüstern wollt ich: seht, das Glück ist da! Doch hielt gebunden mich ein ahnend Bangen -- Das Vöglein sprang von seinem Stock herab -- Da war der lichte, leise Gast gegangen.

Ruhe des Herzens.

Wie heimlich glüht ein Bild Aus langer Dämm’rung: Ein Sommerabend war’s Im Heimatdorfe; Noch lag ein Sonnenhauch Auf Dach und Giebeln, Und hell stand schon der Mond In leerer Straße. Der Nachbar sprach ein Wort Von Tau und Regen, Er sprach zu seinem Weib Drin in der Kammer; Er zog das Fenster an, Es klang der Riegel; Ein erstes Sternlein trat Aus lichtem Dunkel. Aus fernen Gärten klang Ein Mädchenlachen; Ein letzter Nachhall dann Und letzte Stille. Und all die Sommerwelt Ging wie ein Atem Geruhig ein und aus Durch meine Lippen. --

Nun weiß ich’s, da mein Haar Beginnt zu bleichen: Was damals ich geatmet, war Das Glück.

An einem leisen Bach.

An einem leisen Bach auf grünem Stein Lag abendstill ein Sonnenschein, Wohl größer kaum als eines Menschen Angesicht, Jedoch ein heimlich-wunderbares Licht. Ich kniete still ins Laub, und dieses Leuchten sprach Von einer sanften Frau, die einst des Kranken pflegte, Vom Zweige über ihm die schönste Blüte brach Und lächelnd ihm aufs weiße Kissen legte ... In ferner Frühe war’s, ein Kindheitstag, Da unter Bäumen ich gebettet lag ... Wo bliebst du, holde Frau? Nie fand ich deine Spur. Du warst ein tiefes Glück, drum kamst du einmal nur. Nur einmal -- fröstelnd schreck’ ich auf und seh mich um -- Mein redend Licht erlosch. Die Welt ist stumm. --

Und sehnend sucht’ ich heut den alten Stein -- Auf Moos und Welle glomm ein toter Sonnenschein. Nie kehrt der Glanz von gestern mir zurück, Das weiß ich wohl. Er war ein Menschenglück.

Jäher Zweifel.

Wo sich Weidenlaub zum Dache bog Und durch Nacht ein stilles Wasser zog Trieb ich lange schon den müden Kahn, Meiner Sorge schweigend untertan.

Meine Ruder taucht’ ich in die Nacht -- Ob mir nie ein freundlich Ufer lacht? Plötzlich Laub und Dunkel aufgetan, Und ich schwamm auf lichtbeglänzter Bahn:

Aus des Ufers dunklem Wiesengrund Prallte blendend weiß ein Säulenrund; Laut davor in weh’ndem Fackelglanz Schwang bekränzte Jugend sich im Tanz.

Lachen schallte, und die Zither klang; Über Blumen wiegte sich Gesang -- Dank und Jubel mir im Herzen quoll; An die Ruder griff ich freudevoll -- --

Da -- bevor ich noch den Kahn gewandt, Hielt ein andres Bild mich festgebannt: Spiel und Tanz auch drunten in der Flut, Marmorblinken auch und Rosenglut.

Aber drunten in geheimem Glanz Lautlos alles -- stumm -- ein Schattentanz. Nah dem Glück, das mich empfangen will, Steht mein Herz in bangem Zweifel still.

Welches ist das Ziel, das mir ersehn, Und wo wird sich’s seliger ergehn: Droben, wo die helle Zither klingt? Drunten, wo sich stumm der Reigen schlingt?

Eines Tages.

Durch die silberflimmernden Gardinen, Über rote Blumen floß ins Zimmer Immer-immerfort die Sommersonne; Am Piano saß das blonde Mägdlein; Unter seinen rosenzarten Fingern Sprangen flink und hell empor die Töne, Klang das Liedlein „Mit dem Pfeil, dem Bogen“ --

Aber was ergriff den Mann im Zimmer Nebenan? Den Blick noch kaum erhob er, Kaum dem Klange neigt er noch das Ohr -- Packt ein Schütteln ihn bei beiden Schultern; In die Hände drückt er jäh das Antlitz, Und ihn wirft ein wildes, stummes Weinen.

Weckt’ ihm wohl das Lied ein tot’ Erinnern? Eines längst versunk’nen Frühlings Helle? Nein.

Des Menschen Herz ist eine Schale, Die die ungeweinten Tränen auffängt, Alle, alle unvergoss’nen Tränen Aufhebt einem unbekannten Tag. Tränen, die dein Aug’ im Jugendlachen, In der Mannheit Stolz, im Rausch des Kampfes Einst zurückwies, sammelt still die Schale, Tränen selbst, um die du nie erfahren, Stumm-geheim vom Leben zubereitet, Sammelt sie auf einen stillen Tag. Ist der unbekannte Tag gekommen, Braucht es nichts als einer Blume Atem, Eines Sonnenstrahls geheimes Klingen Oder eines Liedes Flügelwehn -- Über strömt die übervolle Schale, Und dein Leben sinkt, ertrinkt im Schmerz.

Von den Armen hob den Kopf er langsam, Starrte über Nahes in die Ferne, Und in feuchter, silberreiner Helle Stieg aus Tränenfluten ihm die Welt.

Lied eines Armen.

(Aus dem Volksstück „Hochparterre und Keller“.)

„Der wahre Bettler ist doch einzig und allein der wahre König.“

Lessing.

Mich drückt das Gold nicht auf der Stirn; Mich drückt’s nicht in der Tasche; Ich fürchte nicht, daß je der Neid Nach meinen Freuden hasche; Kein Schmeichler schleicht an mich heran, Und keinem Pöbel frön’ ich. Der wahre Bettler ist allein Der wahre König.

Mit meinem Liebchen thron’ ich oft Auf waldbekränztem Hügel; Dann tragen Kleider wir von Licht Und haben goldne Flügel. Mit Blumen dann zur Königin Das holde Mädchen krön’ ich; Der wahre Bettler wird alsdann Ein wahrer König.

Einst flattert auf mein stilles Grab, So denk ich, eine Meise; Hat auch nur, was der Tag beschert, +Ein+ Kleid und ihre Weise. Den toten Bettler kennt sie wohl Und zwitschert silbertönig: „Hier ruht ein seltner Mann; hier ruht Ein wahrer König.“

In Gunst bei der Wetterhexe.

Schwirren, Flimmern mir zu Häupten --? Unter ihren goldnen Fächer Nimmt Fortuna, die Despotin, Lächelnd mich, den armen Schächer?

Platz ist unter diesem Segen! Wer da trauert: her geschwind! Jubelnd such’ ich, sehnend such’ ich Ein verhärmtes Menschenkind!

Zuspruch.

Es ist nicht wahr, was dir die Menschen sagen, Daß sich das Glück mit jedem Winde dreht. Wer wird denn viel nach Wind und Wetter fragen? Die Sonne bleibt, wie oft sie untergeht. Ein Sonnenlicht mußt du im Herzen tragen, Das durch Gefahr und Leiden mit dir geht. Ob’s tausendmal versinkt, es kehrt zurück; Der Glanz in deiner Brust -- der ist das Glück.

Schranken des Glücks.

Durch die Seelen der guten Menschen Bebt ein Seufzer geheimen Wehes, Gellt ein Schrei verborgener Schmerzen Selbst in der Stunde des höchsten Glückes. --

Wohl umfangen auch sie in berauschter, Stammelnder Wonne das Glück der Erde, Und sie vergessen, darein versinkend, Alles Vergangenen düst’re Beschwerde. Sie auch pressen in nächtlicher Kammer Das Geliebte ans schauernde Herz, Sie auch taumeln im Tanz des Lebens Von der Verzweiflung zum trunkenen Scherz. Ja, als lebte mit ihnen im Glücke Alles, was sie lebendig umkreist, Senden im Glück sie dankende Seufzer Zu dem „allgütigen Weltengeist“.

Aber sie tragen die stille Mahnung An das ewige Leid in der Brust; Werden doch immer sich des gemeinen Erdenloses die Guten bewußt! Sie mögen allein Nicht glücklich sein. Den eigenen Glücksstern seh’n sie erblinden In einer Nacht von fremdem Leid; In gleicher Sekunde jauchzt ihr Herz -- Und zittert in weinender Einsamkeit. --

Durch die Seelen der guten Menschen Bebt ein Seufzer geheimen Wehes, Gellt ein Schrei verborgener Schmerzen Selbst in der Stunde des höchsten Glückes. --

Vor dem Zuchthause.

Ein düstrer Steinkoloß ragt in die Schatten Der Nacht hinauf. Die grauen Wände starren Gespensterhaft empor, und sie umflattert, Aufzuckend hier und da, ein fahler Schimmer Der Gaslaterne, die im Hofe brennt Und deren Glas von Sturm und Regen klirrt. Auf harten Steinen gellt der Tritt der Wache; Von Eisengittern starren tote Fenster -- Ein Zuchthaus. --