Part 6
Allzuvielen frechen Staatsphilistern Unterwarf ich mich in halbem Scherz; Manchem Pinsel trug ich fromm die Schleppe; Denn mir ward ein täppisch-dummes Herz. Auch das Nörglerpack, perfid und faul, Schlag’ ich nächstens unversehns aufs Maul Schlank und gut mit einem Werk von Erz.
„Kann mokn, wat ick will.“
Auf dem Heimweg durch das Dunkel, Liebchen, Eine Garbe gold’nen Feuers stieg Wirbelsausend mir empor im Kopfe, Und das Klopfen meines Herzens schwieg. Weit aus Fernen her die Stimme flog, Jene Stimme, die mich nie betrog: Kampf und wildes Leid -- und Sieg und Sieg!
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Holde, warme Regenflut von Küssen ... Liebchen, brach der Sommer schon herein? Solch ein Opfer innersten Entflammens, Göttern kann es nicht bereitet sein.“ -- Als im Osten gelb der Morgen stand, Riß ans Herz sie betend meine Hand, Und versöhnt mit Bacchos schlief sie ein. --
[1] Aus der Humoreske „Die Kunstreise nach Hümpeldorf“.
Ein neues Trinklied.
Ich hatt’ ein Tönnlein Freud’ im Haus, Da kamen Gesellen in Haufen. Ich kriegt’ ein Oxhoft Leid ins Haus, Das durft’ ich selber saufen. Da hat sich hell mir aufgetan Die Zecherregel feine: Mit Freunden teil’ ich meine Lust; Mein Leid trink ich alleine.
Da sinkt mein Auge tief hinab In kühle Dämmerungen, Und leise spricht der Sinn der Welt In wunderbaren Zungen. Und steigt das trunkenvolle Herz Aus Bechers Grund zum Lichte, Dann sind ihm Mensch und Fels und Hain Umleuchtete Gesichte.
So trank ich denn in mancher Nacht Von manchen herben Weinen Und stand nach jedem Bacchanal Nur fester auf den Beinen. Und wenn das stumme Fest gewährt Bis an die frühe Sonne, Dann war das dunkle Weh verweht Vor einer klaren Wonne.
Auch hab’ ich ja in weiter Welt So viele Trinkgesellen. Ich hör’ sie wohl und seh’ sie wohl In ihren stillen Zellen. Durchs Dunkel fand ich ihren Blick, Wenn unterm Abendsterne Ich leise sprach: Ich bring’ es euch, Ihr Brüder in der Ferne.
Nur ein -- ein lieblicher Kumpan Sitzt lebend mir zur Seite Und heischt den schlimmst’ und schwersten Wein Und zecht mit mir im Streite. Von seinem Durst und seiner Treu Ach, Wunder wollt’ ich künden -- Doch singt ein rechter Ritter nichts Von seiner Dame Sünden.
Zuflucht.
Nach wilder, hetzender Gedankenfahrt Kehr’ abends ich zurück in deine Arme, Die Augen müd’ vom heißen Tageslicht, Die Seele voll von ungestilltem Harme.
Und wieder fuhr ich früh am Morgen aus; Die Hoffnung wehte stark und frisch vom Lande -- Und wieder bring ich kaum mich selbst zurück, Und wieder liegt mein Boot zerschellt am Strande.
Mir logen um die Wette Meer und Wind; Mir log ein Stern -- ein leuchtender Gedanke! -- Um mich zu retten aus der Zweifel Wut, Umkrallt’ ich meinen Trotz -- die letzte Planke.
Und nur bei dir kein Zweifel! Denn gewiß: Du wünschtest mich zurück mit Angst und Sehnen; Und lieg’ ich einmal still und bleich am Strand, Gewiß: du netzest mich mit reichen Tränen.
Nur hier ein Port, ein Hort, ein Ankergrund, Ein Licht, das ruft! Durch Schlamm- und Schaumgestiebe! Bei Menschenkindern suche Bessres nicht Als eines starken Weibes ganze Liebe.
Verstoßen.
So komme das harte Leben, So komme der kalte Tod; Wir wollen uns treulich lieben In allen Tagen der Not.
Mich haben sie geächtet, Weil meine Zunge zu keck Die heuchelnde Gemeinheit Vertrieben aus ihrem Versteck.
Du aber in deiner Liebe Hast dennoch nicht gewankt; Das haben sie dir, du Treue, Mit Haß und Fluch gedankt.
So laß uns einsam wandern, Geruhig Hand in Hand; In unsern Herzen tragen Wir das gelobte Land.
Angelika.
Von der raschen Lebenswelle, Die mein Herz durchfloß, Die in sel’ger Stundenschnelle Brausend dich umschloß,
Von der Liebe Schönheitsrausche Taumelnd übermannt, Hab’ ich oft im Liebestausche „Engel“ dich genannt. --
Schweigend Platz an unserm Tische Längst die Sorge nahm; Deiner Wangen holde Frische Tilgt ein früher Gram.
Seh’s mit nagender Beschwerde, Seh’s mit stiller Qual, Wie du jenen Gast am Herde Nährst mit deinem Mahl.
Hielt ich gern ein Leid verborgen, Nimmst du’s dennoch wahr; Denn die Sprache stummer Sorgen Ist dir offenbar.
Was uns einst so fest umschlungen, Hält uns noch geeint: Tränen, die ich still bezwungen, Hast du still geweint. --
Oft umspinnen lichte Träume Die Gedanken mir, Durch des Hauses traute Räume Folgt mein Auge dir:
Eine Hülle seh ich fallen Wie ein irdisch Kleid, Einen Schimmer dich umwallen Wie aus künft’ger Zeit.
Und in solcher Liebesstunde Ernst verschwiegnem Glück Kehrt mir immerdar zum Munde Jenes Wort zurück.
Denn der Liebe sonder Klage Rührende Gewalt Wandelt mehr mit jedem Tage Dich zur Lichtgestalt.
Kameraden.
Manchmal aus aller Wirrnis und Plage Hebst du den Blick, Schweigend zu forschen, wie ich sie trage: Sorgen und Mühen -- unser Geschick.
Manchmal am dunklen, schleichenden Tage Sucht dich mein Blick, Sucht dich mit stummer, mit bebender Frage: Wie noch erträgt sie’s, unser Geschick?
Dann an milderen, lichteren Tagen Mag es geschehn, Daß unsre Augen sich finden im Fragen Und ihr zitterndes Leuchten verstehn,
Daß sie sich bannen -- und stiller dann leuchten, Stille. -- Und fern, Fern aus den Nächten, die ewig uns däuchten, Wächst ein milder, ein ewiger Stern!
Natur und Liebe.
Fordre nicht, daß ich mit Worten sage, Was mich quält und peinigt jeden Tag! Müde bin ich, daß ich keine Worte Auch von deinen Lippen hören mag.
Menschen haben mir so viel mit Weisheit Und mit leerem Troste zugesetzt, Daß vor ihrer wortbehenden Liebe Wahrlich sich mein scheues Ohr entsetzt.
Laß du mich in deine weichen Hände Stumm vergraben Stirn und Wangen nur; Dann empfind ich schauernd deine Liebe Wie den leisen Odem der Natur.
Hin zu dir zieht mich dieselbe Lockung Ewigen Friedens, der ich oft gelauscht, Die aus Quellen flüstert und aus Blumen Und von hohen, heiligen Bäumen rauscht.
Gedenke!
Was streichelst du so sorglich mir die Stirn Und küssest sie, wenn ich im Arm dich halte? Ich ahn’ es wohl: verscheuchen möchtest du So gern die eine, tiefgegrabne Falte.
Umsonst, mein Kind; sie grub ein schneidend Weh, Das mir das Herz versehrt in jungen Jahren, Und nimmer schwinden wollte sie seither, Was ich auch Liebes je durch dich erfahren.
Ach, nur aus deinen Augen kamen mir Die Sonnenblicke, die mich je getroffen -- Allein sie kamen! Und das war genug, Nach jedem Schiffbruch wieder neu zu hoffen.
So zürne nun der treuen Falte nicht, Will von der ernsten Stirn sie nimmer weichen! Daß deiner Lieb’ und Langmut ich bedarf, Sei dieser Schatten dir ein stilles Zeichen.
Reue.
Über meiner Brust gelegen Hat die Nacht ein dunkler Gram, Den mir auch des schnellsten Traumes Flügel nicht von hinnen nahm.
Ob die schwingenfrohe Seele Bis zum letzten Sterne kam -- Über meiner Brust gelegen Hat die Nacht ein dunkler Gram.
Und wie gut es Erd’ und Himmel Mir heut nacht im Traum gemeint, Immer auf verborgnem Grunde Hat ein leiser Quell geweint.
Wie nun kam der späte Morgen, Stand am Himmel noch die Not, Über wilde Wolkenmauern Schrie ein böses Morgenrot. --
Dann auf den geschloss’nen Lidern Fühlt’ ich warmen, duftigen Tau -- Und in ihre weichen Arme Zog mich die geliebte Frau.
Lächelte mich an beglückend, Eh’ ich nur ein Wort gesagt; Denn sie weiß, die Milde, Feine, Daß ich selber mich verklagt,
Und sie will aus tiefer Liebe Schonen meinen stolzen Sinn -- Heut bedeck’ ich dich mit Rosen, Herrliche, du Königin!
Liebeszeichen.
So lieb ich dich, so liebst du mich, Daß selbst bei frohem Spiel und Scherz In heilig ernsten Schauern oft Geheim erzittert unser Herz,
Daß uns inmitten lauter Lust Ein schweigendes Erinnern rührt An jene Treue, die uns einst Durch alle Not und Qual geführt --
So mag’s geschehn, daß Blick in Blick Mit seligem Lächeln sich ergießt Und eine Träne doch zugleich Verstohlen auf die Wange fließt.
Nächtliche Wanderung.
Ich schreite einsam durch den Wald, Die Nacht webt schwarz um düstre Tannen; Vor meinem Geist steht Weh und Lust Der langen Jahre, die verrannen.
Hat mehr des Leides, mehr der Lust Mich angefaßt im Weltgetriebe? -- Ob allem, was verweht, vergeht, Stand ewig leuchtend deine Liebe.
Auch heute, da durch Nacht und Graun Mein müder Fuß zum Ziele schreitet, Sagt mir das Herz, daß mich dein Geist In dieser Einsamkeit begleitet.
Liebesrausch und selige Klarheit.
Wenn wir uns tief erglüht umfangen, Wenn sich in langem Kuß ergießt Der volle Strom des warmen Lebens, Der pochend unser Herz durchfließt,
Da tauchen unter die Gedanken, Von wilder Leidenschaft umschäumt; Die Welt, die laute Welt -- vergessen! Wir selbst -- versunken und verträumt! -- --
Doch sinken der Gefühle Fluten Zu leis bewegtem Wellenschlag, Dann leuchtet auf in unsrer Seele Ein stiller, morgenklarer Tag.
Was wir geweint, was wir gejubelt Am Winter- oder Sommertag, Das klingt in solcher Feierstunde In unsern Herzen leise nach.
Und erst, wenn so zu reinster Klarheit Der Liebe Stern sich frei erhebt, Dann fühlen wir, wie eine Seele Untrennbar in der andern lebt,
Wie unser Denken und Empfinden, Ob auch der Wonne Glut verraucht, Durch jeden Tausch von Lust und Leiden In der Verjüngung Bronnen taucht.
Freudiges Erwachen.
Wie still du liegst im Sarg! Ein heiliger Odem Umzittert deinen hingestreckten Leib. Ein Engel starb in dir; ich aber breche Zusammen, schmerzenstumm. Du warst mein Weib! --
Da preßt ein Mund sich warm auf meine Lippen, Und ich erwache: -- Lächelnd stehst du da, Mit roten Wangen, so lebendig blühend, So jugendschön, wie ich nur je dich sah.
So bist du nur im Traum mir tot erschienen? Ich presse dich ans Herz im Tagesschein, Noch voll des Jammers, daß ich dich verloren, Und voll Entzücken, weil du mein noch, mein! --
Ich fühl’s mit Beben, fühl’s mit tiefen Schauern Wie Ruf des Himmels durch die Seele gehn: Ich soll in Jubel dich und Ängsten lieben, Als könntest morgen du von hinnen gehn.
Apologie.
Wohl werden manche meine Lieder schelten, Weil oft sie in des Friedens weichen Tönen Der Liebe Glück mit hohem Preise krönen; Doch laß ich’s meine Muse nicht entgelten.
Oh, möchte ihre Huld mir Lieder schenken, Die dich, mein Lieb, für alle Zeiten preisen; Wohl acht ich’s wert, in gotterfüllten Weisen Solch eines Weibes jubelnd zu gedenken.
Einst mag sich wohl zu meinen Liedern wenden Ein krankes Herz, das diese Welt verachtet, Weil Menschen es mit Grimm und Gram umnachtet Und ihm sein Glück zerstört mit rohen Händen.
Mir ahnt, wie manch ein Herz, das so gelitten, Sich neu im Glauben an die Menschheit weite, Wenn ich ihm künde, daß an meiner Seite Ein Engel durch dies Erdental geschritten.
Meiner Muse.
Dein geworden sind die Lieder Alle, die ich einst ersonnen, Die als Jubel, die als Seufzer Von der Lippe mir geronnen.
Oft ertönt in meinem Hause Leis ein wohlbekanntes Klingen, Und von deinem Munde hör ich Meines Frühlings Lieder singen.
Du mein Weib und meine Muse, Täglich schenkst du neue Lieder Und erweckst, ein zartes Echo, Alte, längst verklungne wieder.
Und solange du mir lächelst Mit den Augen sternenhelle, Weicht der Dichtkunst süße Gnade Nicht von meines Hauses Schwelle.
Ewiges Glück.
Langsam durchschnitt ein Schiff die schwarzen Fluten. Weit dehnte sich das Meer, unnennbar groß, Und über ihm im bleichen Mondenstrahle Stand schimmernd eine Möve, regungslos.
So schwebten unsre Seelen still im Lichte. Du saßest an des Schiffes Bord gelehnt; Ich stand vor dir, und Auge sank in Auge, Und unser war, was wir so lang ersehnt.
Kein Laut entheiligte das süße Schweigen; Voll war das Herz, und Worte waren weit. Das Glück war unermeßlich; aus den Fluten Und in den Herzen klang’s: Unendlichkeit! --
Gedenken muß ich jener fernen Stunde, Da wieder vor uns wogt das blaue Meer. Hell glänzt der Tag -- die Woge rollt zum Strande; Sie rauscht und sprüht -- sonst Stille ringsumher.
Wir ruhn am Ufer, traumversunken beide. In jener klugen Welt, der wir entflohn, Da reden sie vom Glück der reinen Liebe Nur noch mit Lachen und mit kaltem Hohn.
Wo gierendes Gewinnen und Genießen Die Menschen eint und voneinander reißt, Da raunten sie mir in das Ohr, daß Liebe Ein Trug und Rausch für kurze Stunden heißt.
Ins Meer blick ich hinaus: Noch immer haucht es Ins Herz mir Schauer der Unendlichkeit. In deinem Auge such ich deine Treue, Und ruhig lächelt’s: „Für die Ewigkeit!“
V. Kinder und Frohsinn.
Kindheit.
Komm, liebes Weib, und laß die Arbeit ruhn; Mit mir des späten Tags genieße nun.
Sieh, wie die Sonne brennt im dunklen Wald. In leuchtend Blut zerfließt der Westen bald.
Heb’ unser Kind empor ans milde Licht, Daß sich ein Strahl in seinem Auge bricht.
Ein Himmelsglanz die goldnen Locken streift -- Sieh, wie’s begehrlich nach dem Lichte greift!
Das ist des Kindes Märchenseligkeit: Noch ahnt es nicht, daß ihm ein Ziel zu weit.
Die bunte Welt mit ihrem Drang und Schwall Ist ihm ein großes Bild, ein wirrer Schall.
Der Tag ist ihm nicht Zeit, er ist ihm Licht, Und unsre Abendwehmut kennt es nicht.
Zusammen fließt ihm Leben noch und Tod, Und Abendglanz ist ihm wie Morgenrot.
Der Erbe.
Ich hebe meine Geige Ganz heimlich unters Kinn Und zieh mit leisem Bogen Ganz heimlich drüber hin.
Da hebt mein blondes Dirnlein Den Fuß zum Tanzeschritt; Der Braunen lichtes Stimmlein Singt schon die Weise mit.
Die Jüngste wiegt ihr Püppchen: „Marie Maruschka-ka“ -- Mit großen dunklen Augen Sitzt stumm mein Bube da.
Er kennt vor unserm Fenster Den alten Weidenbaum. Wiegt auf dem höchsten Wipfel Im Winde sich sein Traum?
Mein Sohn, in meinen Tönen Hörst du der Winde Tanz? Mein Sohn, in meinen Tönen Siehst du der Wolke Glanz?
Mein Sohn, ich bin ein König, Willst du mein Erbe sein? Du wirst im Sonnenpurpur Ein Fürst der Ferne sein.
Ich hab’ ein Schloß voll Schimmer An einem fernen Meer -- Heb ich ans Kinn die Geige, Kommt Gruß und Glück daher.
Glück.
Um einen Trunk bat mich zur Nacht mein Kind, Mein wilder Kamerad in Spiel und Scherzen. Sein Stimmchen bettelte so warm und lind -- Und reiche Liebe strömte mir vom Herzen.
Es schaute groß und still mich an beim Trinken Und gab verschwiegnen Dank, indem es nahm, Und schien in meinen Anblick zu versinken, Als tränk es mit, was mir vom Herzen kam.
Vater Harlekin.
Warum ich tanz’ vor meinem Sohn und singe Und wie ein Harlekin Grimassen schneide? Daß einst ein heimlich Lachen ihm gelinge, Wenn er verlassen steht im Lebensleide ...
Laßt mich nur tanzen und Grimassen schneiden, Daß er sich meiner Liebe noch erlabe, Daß er ein lächelndes Erinnern habe, Wenn ich versunken längst mit meinen Leiden.
Aus einer Nacht.
Und wieder müd’, zerschlagen Kam er am Abend heim, Und wieder schwoll im Herzen Ein alter, böser Keim:
Der Keim des Wahnsinns, den er In stummer Seele trug -- Ob Wahnsinn noch mit Lachen Einst seine Welt zerschlug?
Denn der Gemeinen Frechheit War stärker als sein Mut, Und kälter war die Roheit Als -- ach, sein heißes Blut.
Und schlauer war die Dummheit Als sein beschwingter Geist, Und stets an allem Ende Stand er allein -- verwaist.
Er fiel aufs harte Lager, Und war ihm recht zu Sinn, Als flöss’ aus tiefer Wunde Sein Leben ganz dahin.
„Laß rinnen und verrinnen! Ich stille nicht das Blut. Kein Hoffen, kein Verzweifeln: So ist mir’s wohl und gut.“
Doch wieder aus dem Dunkel Brach Hoffnung licht hervor -- Doch wieder aus der Tiefe Verzweiflung fuhr empor --
Er krampfte wild die Hände: Es möchte stille sein! Und weckte selbst sich immer Zu neuer, neuer Pein.
Sein Knäblein schlief daneben, Das hat sich laut geregt Und hat im Traum das Händchen Ihm auf die Stirn gelegt.
Das war ein Gruß vom Leben! Was klang so sanft und hell? Natur wollt ihn erquicken Aus einem jungen Quell.
Auf seine Augen drückt’ er Das Händchen leis und weich, Da quollen schwere Tränen Und quollen warm und reich.
Und sah die feinen Finger Mit mild bewegtem Sinn -- Und sprach auf dieses Händchen Sein Leid still vor sich hin.
Und als das Licht der Kerze Verschmachtet ging zur Ruh, Sah er dem letzten Scheine Mit stiller Hoffnung zu.
Am Abend.
In der Hängematte lag ich, Tief zerfallen mit dem Leben, Leises, lächelndes Verzichten Im zerwühlten, müden Hirn.
Ließ die roten Wolken wandern, Ließ die weichen Falter spielen, Ließ vom Baum die Blüten schweben, Und mit keinem ging mein Blick.
Da vom Gitter klang ein Lachen; Hinterm Gitter stand mein Knabe Und verbarg sich, mich zu necken, Sprang mit Jauchzen dann hervor.
Wie die Seele klang im Lachen! -- Und dann kam ein stilles Wunder; Denn die Abendsonne sah ich Aus den jungen Augen glühn:
Ach, das war ein seltsam Ringen! Wehmut rang mit junger Freude. Leise schwand der müde Schimmer, Und ein selig Leuchten blieb.
Sklavenmoral.
Mein Junge, du wirst zu treu und zu gut -- Fast möcht ich dich wecken! Ich seh’s mit schwellendem Stolz und ich seh’s Mit wachsendem Schrecken.
Dein Auge feuchtet ein keuscher Glanz Wie Tau einer Blüte; Es atmet durch deinen weichen Mund Die träumende Güte.
Dir zuckt’s um die Lippen bei fremdem Schmerz, Und du willst ihn lindern -- Ein wunderbares, befremdliches Ding Bei der Menschen Kindern.
Pass’ auf, sie werden dich früh genug Vor den Karren spannen; Und hast du die Last zu Berge geschleppt, Man hetzt dich von dannen.
Weh dir, wenn ein Gott in den Geist dir gelegt Gewalt des Propheten -- Sie werden überbrüllen dein Wort Und im Kot dich zertreten.
Du wirst sie mit blankem, sausendem Schwert Zum Siege führen -- Dann aber wirst du dich krümmen im Staub Vor ihren Türen.
Ich seh’s um deine zarte Stirn Wie Dornen und Blut -- Und ich reiße dich wild ans hämmernde Herz In aufjubelnder Glut.
An der Wiege.
Wundersames Lächeln Träumend unbewußt Eines zarten Kindes An der Mutterbrust!
Sei dafür mit Tränen Still ans Herz gedrückt, Engel, der seit Monden Stammelnd uns beglückt!
Nur gedämpfter Schimmer Dir ins Auge fällt: Hinter Ahnungsschleiern Dämmert dir die Welt,
Und dem Ohr vorüber Zieht verwehter Klang, Der vom Weltgebrause Fern herüberdrang.
Sieh, und doch schon lächelt Hold dein Angesicht, Schon durchströmt die Seele Ein geheimes Licht. --
Laß uns nicht verzagen, Wenn das Leid uns drängt, Wenn der Schmerz umklammernd Uns die Brust beengt!
Denn durch diese Tale Wandeln wir im Traum: Was uns wirr umflutet, Wir verstehn es kaum;
Doch auf anderm Sterne Werden wir’s versteh’n, Wenn dies Kind noch irrend Wird auf Erden gehn.
Wie des Kindes Auge Schon der Zukunft lacht, Ob es auch aus tiefen Nächten kaum erwacht,
So in dankerfüllter, Ahnungsvoller Ruh Lächle unser Antlitz Jenen Fernen zu.
Wiegenlied.
(Aus der Märchenkomödie „Marienkind“.)
Ruhe nur! Auf tausend Bäumen Wachsen Früchte, die dir munden. Ruhe nur! Noch nicht entsendet Ist der Pfeil, dich zu verwunden.
Ruhe nur! Schon springt die Quelle, Deinen Gaumen süß zu netzen. Ruhe nur! Noch nicht gewachsen Ist der Dorn, dich zu verletzen.
Ruhe nur! Auf goldner Brücke Tritt vom Heute in das Morgen. Ruhe nur! Noch nicht geboren Ist die Stunde deiner Sorgen.
Nacht und Morgen.
Ich lag auf meinem Bette In später Nacht noch wach. Noch immer schritt der Schatten, Der grause, durchs Gemach,
Der mich die Nacht gemartert Mit ewigem Auf und Ab, Ein ruheloser Schemen, Den ausgespien das Grab.
Mit aufgerissnen Lidern Hab’ ich gespäht, gewacht -- O grauer Wandrer Sorge, Wann endet diese Nacht!
Wenn mich mit zartem Schleier Der Traum bedecken will, Stehst plötzlich du am Fuße Des Lagers drohend still,
Bohrst mir ins Hirn die stieren, Die grauen Augen dann -- Und gleichen Schritts von neuem Hebst du zu wandern an.
Erbarmungsloses Pendel, Dein Schlag ist Ewigkeit! Gärt’s nicht im kranken Herzen Wie tiefgeheimer Neid,
Wenn draußen durch die Bäume Ein Traumgeflüster weht Und rings der leise Atem Der längst Entschlafnen geht? --
Doch sieh, was wächst aus Dämmrung Der Frühe dort hervor? Mein Kindlein richtet langsam Im Bette sich empor
Und blickt mit großen Augen Ins erste Morgenlicht, Und frohes Staunen leuchtet Im lieblichen Gesicht --
Noch immer blickt durchs Fenster Sein Auge selig fern, Und leis von seinen Lippen Fällt’s wie im Traum: „Ein Stern!“
Unsterblich.
Unlängst, als die Größte von den Kleinen, Meinen Hals umschlingend, vor mir stand, Fand sie jene Spur an meiner Schläfe, Wo der Tod hinstrich mit zager Hand.
Größer wurden ihre großen Augen. „Vater -- schau! Ein graues Härchen! Schau!“ Und nach einem langen Sinnen sprach sie: „Warum werden wohl die Menschen grau?“
„Nach der Sonne Glück, des Regens Trauer, Nach der Tage Glanz, der Nächte Tau Werden gelb die schönen grünen Blätter, Und der Menschen Haare werden grau.“
Lange sah sie gradaus mir ins Antlitz. Plötzlich rief sie: „Väterchen, nicht wahr? Bitte, bitte, wenn es ausgefallen, Ach, dann gibst du’s mir, das liebe Haar!
Betteln will ich auch bei Mutter, daß sie Jedes graue Haar mir geben muß. Sammeln will ich sie in meinem Kästchen, Und für jedes kriegt ihr einen Kuß.“ --
Tod, du siehst, ich sitze gut im Sattel, Tod, mein guter Freund, ich spotte dein. Jedes Haar, das du gezeichnet, trägt mir Schönheit eines jungen Lebens ein.
Sieh, mein Herz hab’ ich mit festen Händen Hier im Grund des Hauses eingepflanzt; Seine Fülle wird noch Blüten treiben, Wenn der Wind mit meinem Staube tanzt.
Sonntagskind.
Wir haben ein heiliges Kind. Am Sonntag, im feinsten Gewande, Das Haar ihm genestelt mit schimmerndem Bande, Entschlüpft es geheim und geschwind.
Und schleicht sich ins schönste Gemach, Da kennt es die Blumen und Bilder! Und leise -- wie ferne -- erhebt sich ein milder Gesang wie von Lerchen vor Tag
Und löst sich von Lippen und Brust Nun stärker und süßer und freier --! Dem strahlenden, schöneren Tage zur Feier Erbebt es in klingender Lust.
Und einst, so beschlichen wir’s beid’: Da schaut es so groß in die Helle -- Und plötzlich nun dreht sich’s im Tanze so schnelle -- Und streichelt dann zärtlich sein Kleid.
Und wieder zum Fenster gekehrt, Beginnt sie mit neuen Gesängen, Fügt träumende Worte zu ahnenden Klängen, Die sie wohl keiner gelehrt.
Du klingendes Seelchen, nur zu Und trinke dir Schönheit vom Leben! Wir hören’s beglückt, daß ein Kind uns gegeben Voll dankender Sehnsucht wie du!
Sonnentage.