Part 2
Jenseits aber ist Stürzen in klaffende Tiefen, Girlanden aus wirrvoll verschlungenen Körpern Ranken aus helleren Tiefen ins Dunkel hinab. Sünder haben die Hände vors schreiende Antlitz geschlagen, Knie zerbersten, Rücken zerbrechen im schwindelnden Fall. Loderndes Haar flammt züngelnd dem Feuer entgegen. Sie stürzen mit Köpfen voraus. Aus Mündern dünstet die bläuliche Wolke des Fluchs.
Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen --
Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen, Als Sonnenstäubchen werde ich zum Lichtquell aufwärtsstreben. Von feinen Händen fühl ich unter Schultern mich gefaßt, Mich trägt ein Schwanenflügelpaar, Der goldne Odem eines Engels überströmt mich warm.
Noch bin ich ganz von Schollenlast betäubt, Noch kreisen Regenbogen hinter wehgeschlossnen Lidern Glanzlichternd gleitet noch die grüne Schlange der Verwesung Um meinen marmorn-abgekühlten Leib. Ein Wiegenlied -- unendlich tief, verschlafen -- Von Äolsharfen weit aus Pappelwipfeln hergeflockt, Träumt mir im Ohre nach. Ich schwimme müd-gestreckt im Fluß der Sonne.
Da fällt mich, den sein Schutzgeist trug, Ein Nachtgespenst, ein fledermausgeflügelt Untier an. Der Krallen Zwölfzahl -- Monde sind's, die aneinanderklirren -- Stürzt sich gleich Sicheln in mein trübes Fleisch. Die Nüstern qualmen stinkendes Gewölk, Das Maul bespeit mich frech mit Eiter, Schleim und Galle; Erschrocken sehe ich in grausem Hundsgesicht, In Augen, die wie Licht im Wind verflackern, Die schlankgestreckte Landschaft meiner Sünden, Frevel Süchte.
Um mich tobt der Zweikampf. Manchmal sinke ich hinab, es stürzt mit geiler Wucht Des Bösen lastendes Gewicht auf mich; Dann steige ich empor, vom guten Geist emporgerafft, Sein silbern Flügelpaar verebbt in müder Luft. Die müde Luft erklingt von hellem Kampf. Um die Erstandnen rast die Schlacht entzweiter Mächte. In sich verbissne Knäuel schweben hin. Stürzt jetzt die Last in enger Krallenhaft zur Erde. Schwebt sie mit ihrem Engel siegend auf? Ich bin der Kräfte Spiel im schalldurchbrausten Meer.
Trümmer
Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen; Roll sie ins Meer, zerstreue sie in Steppen, Daß keiner käme, meine Torheit priese. Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen.
Mein Babelturm ließ seine Wolkenfahne Im Wirbelwehn der Sterne wütend kreisen. Gewundne Treppen wollten aufwärtsweisen, Dem wachen Hochmut seinen Himmelssteig zu bahnen. Mein Turm des Ichs ließ seine Wolkenfahne Im Wirbelwehn der Sterne wütend kreisen.
Doch fiel in müdern Stunden, sollt ich rasten, Der Turm mit Schattenmacht auf Haupt und Glieder Und beugte meinen Schlaf und warf mich nieder. In meine Träume stürzt er seine Quaderlasten. Es fiel in müdern Stunden, sollt ich rasten, Der Turm mit Schattenmacht auf Haupt und Glieder.
Geschaffne Mauern wölbten mir den Kerker, Doch oben brannten Sterne in den Haaren. Wie sollte ich mein blassres Licht bewahren? Kein Wirbelsturm der Täler tobte ärger. Geschaffne Mauern wölbten mir den Kerker, Doch oben brannten Sterne in den Haaren.
Da war ich's selber, der auf der Altane Mit schwurerhobner Hand den Blitz gerufen. Er zückte nieder. Erker barsten, Stuben. Zerworfner Schutt begrub die Wolkenfahne. Da war ich's selber, der auf der Altane Mit schwurerhobner Hand den Blitz gerufen.
Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen; Roll sie ins Meer, zerstreue sie in Steppen, Daß keiner käme, meine Torheit priese. Nun muß ich wie ein lastgebückter Riese Die Trümmer meines Ichs von dannen schleppen.
Trost
Es sind auch nicht all, o Gott, deine Gedanken Nur Lämmer, von gütlicher Wärme beschneite, Und dehnen nicht all sich Nach seligem Tanz an Hängen von Klee In süßen Schalmeiton des schläfrigen Monds.
In Pfauen auch denkst du Und starrst in gespreizter Eitelkeitsgier Aus Augen, in Fächern, Vom Tempelteppich gewirkten Allsehens In ewige Brunst des Lichts hinein.
In Tigers Kraft selbst dunkelt dein Groll, Entflammt im Zinnober des Rachens noch Gier. In Schlangen wirft Hinterlist metallischen Schimmers So giftigen Ring vor ein ärmer Geschöpf.
Auch bist du ja Flamme und Lohe und Feuersbrunst, Getümmelte Wogenherde, Zentaurenschar, Schlund, Bist Zickzack und Blitz, Erdbeben, Vulkanausbruch, Zusammenprall der Planeten, bist Untergang.
Doch wie du es bist, Gott: auch ich muß es sein. O wandle mich denn in schwindenden Formen ab! Denn Flamme schon war ich und Lohe und Feuersbrunst, Erd-Erbeben -- Vulkanausbruch -- Untergang. Als Tiger der Dschungeln ich trug
Im Nacken gefiederte Pfeile hinab, Schweifte als Pfau an Tempelsäulen der Juno vorbei, Lag lauernd geschmiegten Schlangenleibs Im Schatten der lehmigen Diele zur Nacht. --
Gib Güte nun endlich, Wärme des schneeigen Lämmerkleids! Hülle mein Herz, o Gott, In Sehnsucht der Hirtenschalmei!
Der neue Mensch
Aus Unform, Irrform, Wirrform, Aus Zwitterform und Aberform der Zeit Schreitet in banger Zuversicht der neue Mensch. Die Brodemnebel veraschter Leichenhügel Sind unter ihm. Die Meere gekelterten Bluts, die Ströme, die Schaum krönt, Sind unter ihm. Die Babeltürme versteinter Irrtümer Sind unter ihm.
Er schreitet: mehr Stirne als Kinn, mehr Gott als Tier. Im Zackengeklüfte der Felsen Nur manchmal hört er das Echo Verworrenen Brudermords, verjährten Totschlags. Denn jung war er noch, als Donner verzückter Kanonen Die alten Jahrtausende pomphaft zu Grabe geläutet. Das war einmal: Schwertertag und Lorbeersieg, Klirrender Klingenkampf und Triumphglanz, Das war einmal: Irgendwo, fern, irgendwann.
Er schreitet in nacktem Verzicht. Er badet sich rein Im weißen Quell des Gedankens.
Er nimmt -- lächelnd, großmütig und gütig -- Den armen Planeten in warme, umgitternde Hände Und hebt ihn hinauf in den läuternden Lichtstrom der Sonne, bettet ihn sanft in die kühlen Heilenden Rosen der Morgenröte und wartet Des dämmernden Tags. Nicht wissen durchaus will er des Gestern. Denn Gestern: Das ist ja gesammelter Fluch, Geballtes Verhängnis, genetztes, tausendmaschig Gefädeltes Schicksal. Nicht wissen will er des Gestern.
In Schutt sieht er stürzen Dorische Säulen, Akanthus und gotische Fenster, Gemauerte Schreie des Gottwahns verblichener Zeiten Er fället der Götzen glanzbäuchige Hochmut Und glüht in den Bränden des Alten sein jugendlich Herz, Dies Pfand der Allmacht, Die brausende Mitte des neuen, schaffenden Seins.
Und also weiß er zu beten: -- Nichts über mir! Im Anfang war ich. Ich werde im Ende sein, Bin ich doch Tempel, Gott, Beter zugleich Und krümme den Rücken so wenig der mummenumschanzten Hoheit Als Lasten, die fremder Wille mir auflädt. Ich bin so berechtigt als irgend ein Mensch. Nichts über mir!
Frauen will ich nicht suchen gehn. Sie nahen allein! In ihrem Lächeln der Wollust Einschleichend wälzen sich früheste Alter der Erde In unseren kornreifen, ausgeglätteten Sommertag. Die List ihrer Buhlschaft reicht uns die rostigen Schwerter Hellbrünstigen Zweikampfs. Besitzgier und Eifersüchte Spornen in uns nichtigen Krämergeist, Hamstersorge. Wütendes Morden des Fleischs, Wer stiftet es anders, als die es gebar: Helena, Die maskenschöne Mutter der irdischen Kriege? Wer säh sich nicht vor!
Die Fahrt
Offenem Lichtkreis, neuem Sonnejahr Rollt steuernder Kiel der Erde entgegen. Noch sind alle Segel von blutendem Abend rot; Im Brackwasser ertrinkt in tausend Rubinen zerstäubter Komet. Tief-Schlummernder bin ich, Da scheucht erster Strahl den Alpdruck der engen Kabine. Mitternächtiger Wintertraum unter Dächern des Schnees Kleidet vergessene Spiegel mit jauchzendem Lenzgrün aus, Tollt mit zerfetztem Haar im Glanz die Alleen entlang, Jubelt im Birkenwipfel des Hügels ein harfenes Lied, Sinkt als Frühtau mit kreisenden Himmeln die Kelche hinab.
Im Golfstrom des Lichtes saust glühende Erde empor. Mit herzhafter Kraft umgürtet die Sonne das taumelnde Rund. Ihr Licht trinkt die haftenden Dämpfe des Blutes hinweg, Ihr heilender Atem saugt Pestgift und Brandhauch in sich.
Nun steig ich hinauf, Letzte Wendeltreppen, Schattenlabyrinthe hinauf! Trunkener Aufstieg peitscht schon die tummelnden Wogen des Herzens voraus. Und ich stehe an höchstem Bord, auf fliegender Brücke am Steuerrad Und winke die farbigen Vögel heran Und winke Delphine heran Und Fische mit silbernen Schuppen, mit güldenen Flossen Und Haie und Wale und Robben und Rosse Und alle geschäumten Wogen, die von den Polen schießen, Und alle Sternbilder, auf schaukelnden Wassern an Bord gewiegt.
Der neue Mensch hält auf die Sonne zu. Sein Herz umfaßt mit dem Strahlglanz den magischen Spiegel der Welt Und jeglicher Atem strömt in den goldenen Becher zurück. Mit ihm wird die Erde das fährliche Kap der Nächte umschiffen, Krieg, Krankheit, Entzweiung, Verzweiflung umschiffen Und Ekel der Wollust Und Blutgier Und Brunst.
Zermürbte Monde schon decken die Schädelstätte entfremdeter Nacht. Träume versinken im Blachfeld der Not. Alpdruck und Nachtmahr gurgeln im Sumpf hinab. Denn offenem Lichtkreis, neuem Sonnejahr Rollt steuernder Kiel der Erde entgegen.
All-Lebendes wandelt im Goldtau sein Herz Und trägt es mir zu. Aus Palmenwipfeln Wiegt sich fasanenbeschwingte Sehnsucht heran, Aus Ranken der Beere dehnt es sich nah, Zinnoberne Schnecken herkriechen auf silberner Spur.
Die Fahrt ist im Gang, Die Erde im Brausen tönt selber Triumphgesang. Folgt alle! Ich steure die Arche auf goldener Flut! Schon ist die Taube auf Wegen zu Gott voraus!
Inhaltsübersicht
Johanni 5 Ich -- Du 6 Dein Wesen ist über alle Welt zerstreut -- 7 Als ich im ersten Viertel des Monds -- 9 Es werde Licht 11 Lied 12 Liebesode 13 Im Abenddämmern zwischen den Jahren -- 14 Der Kranke 15 Nacht 18 Ich komme aus meinen Träumen -- 20 So haben mich die Jahrtausende gesehn -- 22 Fluch 23 Apokalyptisches Gebet 25 Altartiefe sollst du mir enthüllen -- 27 Erde -- o Erde 29 Warum fällt denn nicht -- 32 Es werden sich die Posaunen des Gerichts erheben -- 34 Wenn drunten dunkel die Posaunen brausen -- 36 Trümmer 38 Trost 40 Der neue Mensch 42 Die Fahrt 45
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 10]: ... An schlanke Deichsel sind goldgezäunte Rosse gespannt, ... ... An schlanke Deichsel sind goldgezäumte Rosse gespannt, ...
[S. 11]: ... So hing ich über diesem tiefstem See. ... ... So hing ich über diesem tiefsten See. ...