Chapter 2
Flieg hin, Zeit, du bist meine Magd, Schmück mich, wenn es nächtet, schmück mich, wenn es tagt, Flicht mir mein Haar, spiel mir um den Schuh, Ich bin die Frau, die Magd bist du. Heia! Doch einmal trittst du zornig herein, Die Sterne schießen schiefen Schein, Der Wind durchfährt den hohen Saal, Die Sonn geht aus, das Licht wird fahl, Der Boden gibt einen toten Schein, Da wirst du meine Herrin sein! O weh! Und ich deine Magd, schwach und verzagt, Gott sei's geklagt! Flieg hin, Zeit! Die Zeit ist noch weit! Heia!
GESTALTEN
EIN KNABE
I
Lang kannte er die Muscheln nicht für schön: Er war zu sehr aus einer Welt mit ihnen; Der Duft der Hyazinthen war ihm nichts Und nichts das Spiegelbild der eigenen Mienen.
Doch alle seine Tage waren so Geöffnet wie ein leierförmig Tal, Darin er Herr zugleich und Knecht zugleich Des weißen Lebens war und ohne Wahl.
Wie einer, der noch tut, was ihm nicht ziemt, Doch nicht für lange, ging er auf den Wegen: Der Heimkehr und unendlichem Gespräch Hob seine Seele ruhig sich entgegen.
II
Eh er gebändigt war für sein Geschick, Trank er viel Flut, die bitter war und schwer. Dann richtete er sonderbar sich auf Und stand am Ufer seltsam leicht und leer.
Zu seinen Füßen rollten Muscheln hin, Und Hyazinthen hatte er im Haar, Und ihre Schönheit wußte er, und auch, Daß dies der Trost des schönen Lebens war.
Doch mit unsicherm Lächeln ließ er sie Bald wieder fallen, denn ein großer Blick Auf diese schönen Kerker zeigte ihm Das eigne unbegreifliche Geschick.
DER JÜNGLING IN DER LANDSCHAFT
Die Gärtner legten ihre Beete frei, Und viele Bettler waren überall Mit schwarzverbundnen Augen und mit Krücken -- Doch auch mit Harfen und den neuen Blumen, Dem starken Duft der schwachen Frühlingsblumen.
Die nackten Bäume ließen alles frei: Man sah den Fluß hinab und sah den Markt, Und viele Kinder spielten längs den Teichen. Durch diese Landschaft ging er langsam hin Und fühlte ihre Macht und wußte -- daß Auf ihn die Weltgeschicke sich bezogen.
Auf jene fremden Kinder ging er zu Und war bereit, an unbekannter Schwelle Ein neues Leben dienend hinzubringen. Ihm fiel nicht ein, den Reichtum seiner Seele, Die frühern Wege und Erinnerung Verschlungner Finger und getauschter Seelen Für mehr als nichtigen Besitz zu achten.
Der Duft der Blumen redete ihm nur Von fremder Schönheit -- und die neue Luft Nahm er stillatmend ein, doch ohne Sehnsucht: Nur daß er dienen durfte, freute ihn.
DER SCHIFFSKOCH, EIN GEFANGENER, SINGT:
Weh, geschieden von den Meinigen, Lieg ich hier seit vielen Wochen; Ach und denen, die mich peinigen, Muß ich Mahl- um Mahlzeit kochen.
Schöne purpurflossige Fische, Die sie mir lebendig brachten, Schauen aus gebrochenen Augen, Sanfte Tiere muß ich schlachten.
Stille Tiere muß ich schlachten, Schöne Früchte muß ich schälen Und für sie, die mich verachten, Feurige Gewürze wählen.
Und wie ich gebeugt beim Licht in Süß- und scharfen Düften wühle, Steigen auf ins Herz der Freiheit Ungeheuere Gefühle!
Weh, geschieden von den Meinigen, Lieg ich hier seit wieviel Wochen! Ach und denen, die mich peinigen, Muß ich Mahl- um Mahlzeit kochen!
DES ALTEN MANNES SEHNSUCHT NACH DEM SOMMER
Wenn endlich Juli würde anstatt März,
Nichts hielte mich, ich nähme einen Rand, Zu Pferd, zu Wagen oder mit der Bahn Käm ich hinaus ins schöne Hügelland.
Da stünden Gruppen großer Bäume nah, Platanen, Rüster, Ahorn oder Eiche: Wie lang ists, daß ich keine solchen sah!
Da stiege ich vom Pferde oder riefe Dem Kutscher: Halt! und ginge ohne Ziel Nach vorwärts in des Sommerlandes Tiefe.
Und unter solchen Bäumen ruht ich aus; In deren Wipfel wäre Tag und Nacht Zugleich, und nicht so wie in diesem Haus,
Wo Tage manchmal öd sind wie die Nacht Und Nächte fahl und lauernd wie der Tag. Dort wäre Alles Leben, Glanz und Pracht.
Und aus dem Schatten in des Abendlichts Beglückung tret ich, und ein Hauch weht hin, Doch nirgend flüsterts: 'Alles dies ist nichts.'
Das Tal wird dunkel, und wo Häuser sind, Sind Lichter, und das Dunkel weht mich an, Doch nicht vom Sterben spricht der nächtige Wind.
Ich gehe übern Friedhof hin und sehe Nur Blumen sich im letzten Scheine wiegen, Von gar nichts anderm fühl ich eine Nähe.
Und zwischen Haselsträuchern, die schon düstern, Fließt Wasser hin, und wie ein Kind, so lausch ich Und höre kein 'Dies ist vergeblich' flüstern!
Da ziehe ich mich hurtig aus und springe Hinein, und wie ich dann den Kopf erhebe, Ist Mond, indes ich mit dem Bächlein ringe.
Halb heb ich mich aus der eiskalten Welle, Und einen glatten Kieselstein ins Land Weit schleudernd steh ich in der Mondeshelle.
Und auf das mondbeglänzte Sommerland Fällt weit ein Schatten: dieser, der so traurig Hier nickt, hier hinterm Kissen an der Wand?
So trüb und traurig, der halb aufrecht kauert Vor Tag und böse in das Frühlicht starrt Und weiß, daß auf uns beide etwas lauert?
Er, den der böse Wind in diesem März So quält, daß er die Nächte nie sich legt, Gekrampft die schwarzen Hände auf sein Herz?
Ach, wo ist Juli und das Sommerland!
VERSE AUF EIN KLEINES KIND
Dir wachsen die rosigen Füße, Die Sonnenländer zu suchen: Die Sonnenländer sind offen! An schweigenden Wipfeln blieb dort Die Luft der Jahrtausende hangen, Die unerschöpflichen Meere Sind immer noch, immer noch da. Am Rande des ewigen Waldes Willst du aus der hölzernen Schale Die Milch mit der Unke dann teilen? Das wird eine fröhliche Mahlzeit, Fast fallen die Sterne hinein! Am Rande des ewigen Meeres Schnell findest du einen Gespielen: Den freundlichen guten Delphin. Er springt dir ans Trockne entgegen, Und bleibt er auch manchmal aus, So stillen die ewigen Winde Dir bald die aufquellenden Tränen. Es sind in den Sonnenländern Die alten, erhabenen Zeiten Für immer noch, immer noch da! Die Sonne mit heimlicher Kraft, Sie formt dir die rosigen Füße, Ihr ewiges Land zu betreten.
DER KAISER VON CHINA SPRICHT:
In der Mitte aller Dinge Wohne Ich, der Sohn des Himmels. Meine Frauen, meine Bäume, Meine Tiere, meine Teiche Schließt die erste Mauer ein. Drunten liegen meine Ahnen: Aufgebahrt mit ihren Waffen, Ihre Kronen auf den Häuptern, Wie es einem jeden ziemt, Wohnen sie in den Gewölben. Bis ins Herz der Welt hinunter Dröhnt das Schreiten meiner Hoheit. Stumm von meinen Rasenbänken, Grünen Schemeln meiner Füße, Gehen gleichgeteilte Ströme Osten-, west- und süd- und nordwärts, Meinen Garten zu bewässern, Der die weite Erde ist. Spiegeln hier die dunkeln Augen, Bunten Schwingen meiner Tiere, Spiegeln draußen bunte Städte, Dunkle Mauern, dichte Wälder Und Gesichter vieler Völker. Meine Edlen, wie die Sterne, Wohnen rings um mich, sie haben Namen, die ich ihnen gab, Namen nach der einen Stunde, Da mir einer näher kam, Frauen, die ich ihnen schenkte, Und den Scharen ihrer Kinder, Allen Edlen dieser Erde Schuf ich Augen, Wuchs und Lippen, Wie der Gärtner an den Blumen. Aber zwischen äußern Mauern Wohnen Völker meine Krieger, Völker meine Ackerbauer. Neue Mauern und dann wieder Jene unterworfnen Völker, Völker immer dumpfern Blutes, Bis ans Meer, die letzte Mauer, Die mein Reich und mich umgibt.
GROSSMUTTER UND ENKEL
'Ferne ist dein Sinn, dein Fuß Nur in meiner Tür!' Woher weißt du's gleich beim Gruß? 'Kind, weil ich es spür.'
Was? 'Wie Sie aus süßer Ruh Süß durch dich erschrickt.' -- Sonderbar, wie =Sie= hast du Vor dich hingenickt.
'Einst ...' Nein: jetzt im Augenblick! Mich beglückt der Schein -- 'Kind, was haucht dein Wort und Blick Jetzt in mich hinein?
Meine Mädchenzeit voll Glanz Mit verstohlnem Hauch Öffnet mir die Seele ganz!' Ja, ich spür es auch:
Und ich bin bei dir und bin Wie auf fremdem Stern: Ihr und dir mit wachem Sinn Schwankend nah und fern!
'Als ich dem Großvater dein Mich fürs Leben gab, Trat ich so verwirrt nicht ein Wie nun in mein Grab.'
Grab? Was redest du von dem? Das ist weit von dir! Sitzest plaudernd und bequem Mit dem Enkel hier.
Deine Augen frisch und reg, Deine Wangen hell -- 'Flog nicht übern kleinen Weg Etwas schwarz und schnell?'
Etwas ist, das wie im Traum Mich Verliebten hält. Wie der enge schwüle Raum Seltsam mich umstellt!
'Fühlst du, was jetzt mich umblitzt Und mein stockend Herz? Wenn du bei dem Mädchen sitzt, Unter Kuß und Scherz,
Fühl es fort und denk an mich, Aber ohne Graun: Denk, wie ich im Sterben glich Jungen, jungen Fraun.'
GESPRÄCH
DER JÜNGERE:
Ihr gleicht nun völlig dem vertriebnen Herzog, Der zaubern kann und eine Tochter hat: Dem im Theaterstück, dem Prospero. Denn ihr seid stark genug, in dieser Stadt Mit eurem Kind so frei dahinzuleben, Als wäret ihr auf einer wüsten Insel. Ihr habt den Zaubermantel und die Bücher, Mit Geistern zur Bedienung und zur Lust Euch und die Tochter zu umgeben, nicht? Sie kommen, wenn ihr winkt, und sie verblassen, Wenn ihr die Stirne runzelt. Dieses Kind Lernt früh, was wir erst spät begreifen lernten: Daß alles Lebende aus solchem Stoff Wie Träume und ganz ähnlich auch zergeht. Sie wächst so auf und fürchtet sich vor nichts: Mit Tieren und mit Toten redet sie Zutraulich wie mit ihresgleichen, blüht Schamhafter als die festverschloßne Knospe, Weil sie auch aus der leeren Luft so etwas Wie Augen stets auf sich gerichtet fühlt. Allmählich wird sie größer, und ihr lehrt sie: 'Hab du das Leben lieb, dich nicht zu lieb, Und nur um seiner selbst, doch immerfort Nur um des Guten willen, das darin ist.' In all dem ist für sie kein Widerspruch, Denn so wie bunte Muscheln oder Vögel Hat sie die Tugend lieb. Bis eines Tages Ihr sie vermählt mit Einem, den ihr völlig Durchschaut, den ihr geprüft auf solche Art, Die kein unedler Mensch erträgt, als wäre er Schiffbrüchig ausgeworfen auf der Insel, Die ihr beherrscht, und ganz euch zugefallen Wie Strandgut.
DER ÄLTERE:
Nun meine ich, ist mir ein Maß geschenkt, Ein unveränderlich und sichres Maß, Das mich für immer und untrüglich abhält, Ein leeres Ding für voll zu nehmen, mich Für Schales zu vergeuden, fremdem Fühlen Und angelerntem Denken irgend Platz In einer meiner Adern zu gestatten. Nun kann zwar Krankheit, Elend oder Tod Mich noch bedrohen, aber Lüge kaum. Dazu ist dies mein neues Amt zu voll Einfacher Hoheit. Und daran gemessen Vergeht erlogne Wichtigkeit zu Nichts. Ins Schloß gefallen sind die letzten Türen, Durch die ich hatte einen schlimmen Weg Antreten können. Durch und durch verstört, Im Kern beschmutzt und völlig irr an Güte Werd ich nun nicht mehr. Denn mich hat ein Glanz Vom wahren Sinn des Lebens angeglüht.
GESELLSCHAFT
SÄNGERIN
Sind wir jung und sind nicht alt, Lieder haben viel Gewalt, Machen leicht und machen schwer, Ziehen deine Seele her.
FREMDER
Leben gibt es nah und fern, Was ich zeige, seht ihr gern -- Nicht die Schwere vieler Erden, Nur die spielenden Gebärden.
JUNGER HERR
Vieles, was mir Freude schafft, Fühl ich hier herangeflogen, Aber gar so geisterhaft: Glücklich -- bin ich wie betrogen!
DICHTER
Einen hellen Widerschein Sehe ich im Kreise wandern: Spürt auch jeder sich allein, Spürt sich doch in allen andern.
MALER
Und wie zwischen leichten Lichtern Flattert zwischen den Gesichtern Schwaches Lachen hin und her.
FREMDER
Lieder machen leicht und schwer!
DICHTER
Lieder haben große Kraft -- Leben gibt es nah und fern.
JUNGER HERR
Was sie reden, hör ich gern, Sei es immer geisterhaft.
DER JÜNGLING UND DIE SPINNE
DER JÜNGLING
(=vor sich mit wachsender Trunkenheit=):
Sie liebt mich! Wie ich nun die Welt besitze, Ist über alle Worte, alle Träume: Mir gilt es, daß von jeder dunklen Spitze Die stillen Wolken tieferleuch'te Räume Hinziehn, von ungeheurem Traum erfaßt: So trägt es mich -- daß ich mich nicht versäume! -- Dem schönen Leben, Meer und Land zu Gast. Nein! wie ein Morgentraum vom Schläfer fällt Und in die Wirklichkeit hineinverblaßt, Ist mir die Wahrheit jetzt erst aufgehellt: Nicht treib ich als ein Gast umher, mich haben Dämonisch zum Gebieter hergestellt Die Fügungen des Schicksals: Junge Knaben Sind da, die Ernst und Spiele von mir lernten, Ich seh, wie manche meine Mienen haben, Geheimnisvoll ergreift es mich, sie ernten Zu sehn, und an den Ufern, an den Hügeln Spür ich in einem wundervoll entfernten Traumbilde sich mein Innerstes entriegeln Beim Anblick, den mir ihre Taten geben. Ich schaue an den Himmel auf, da spiegeln Die Wolkenreiche, spiegeln mir im Schweben Ersehntes, Hergegebnes, mich, das Ganze! Ich bin von einem solchen großen Leben Umrahmt, ich habe mit dem großen Glanze Der schönen Sterne eine also nah Verwandte Trunkenheit -- Nach welcher Zukunft greif ich Trunkner da? Doch schwebt sie her, ich darf sie schon berühren: Denn zu den Sternen steigt, was längst geschah, Empor, und andre, andre Ströme führen Das Ungeschehene herauf, die Erde Läßt es empor aus unsichtbaren Türen, Bezwungen von der bittenden Gebärde!
(=So tritt er ans offene Fenster, das mit hellem Mondlicht angefüllt und von den Schatten wilder Weinblätter eingerahmt ist. Indem tritt unter seinen Augen aus dem Dunkel eines Blattes eine große Spinne mit laufenden Schritten hervor und umklammert den Leib eines kleinen Tieres. Es gibt in der Stille der Nacht einen äußerst leisen, aber kläglichen Laut, und man meint die Bewegungen der heftig umklammernden Glieder zu hören.=)
DER JÜNGLING
(=muß zurücktreten=):
Welch eine Angst ist hier, welch eine Not. Mein Blut muß ebben, daß ich dich da sehe, Du häßliche Gewalt, du Tier, du Tod! Der großen Träume wundervolle Nähe Klingt ab, wie irgendwo das ferne Rollen Von einem Wasserfall, den ich schon ehe Gehört, da schien er kühn und angeschwollen, Jetzt sinkt das Rauschen, und die hohe Ferne Wird leer und öd aus einer ahnungsvollen: Die Welt besitzt sich selber, o ich lerne! Nicht hemme ich die widrige Gestalt So wenig als den Lauf der schönen Sterne. Vor meinen Augen tut sich die Gewalt, Sie tut sich schmerzend mir im Herzen innen, Sie hat an jeder meiner Fibern Halt, Ich kann ihr -- und ich will ihr nicht entrinnen: Als wärens Wege, die zur Heimat führen, Reißt es nach vorwärts mich mit allen Sinnen Ins Ungewisse, und ich kann schon spüren Ein unbegreiflich riesiges Genügen Im Vorgefühl: ich werde dies gewinnen: Schmerzen zu leiden, Schmerzen zuzufügen. Nun spür ich schaudernd etwas mich umgeben, Es türmt sich auf bis an die hohen Sterne, Und seinen Namen weiß ich nun: das Leben.
IDYLLE
NACH EINEM ANTIKEN VASENBILD: ZENTAUR MIT VERWUNDETER FRAU AM RAND EINES FLUSSES
(=Der Schauplatz im Böcklinschen Stil. Eine offene Dorfschmiede. Dahinter das Haus, im Hintergrunde ein Fluß. Der Schmied an der Arbeit, sein Weib müßig an die Türe gelehnt, die von der Schmiede ins Haus führt. Auf dem Boden spielt ein blondes kleines Kind mit einer zahmen Krabbe. In einer Nische ein Weinschlauch, ein paar frische Feigen und Melonenschalen.=)
DER SCHMIED
Wohin verlieren dir die sinnenden Gedanken sich, Indes du schweigend mir das Werk, feindselig fast, Mit solchen Lippen, leise zuckenden, beschaust?
DIE FRAU
Im blütenweißen, kleinen Garten saß ich oft, Den Blick aufs väterliche Handwerk hingewandt, Das nette Werk des Töpfers: wie der Scheibe da, Der surrenden im Kreis, die edle Form entstieg, Im stillen Werden einer zarten Blume gleich, Mit kühlem Glanz des Elfenbeins. Darauf erschuf Der Vater Henkel, mit Akanthusblatt geziert, Und ein Akanthus-, ein Olivenkranz wohl auch Umlief als dunkelroter Schmuck des Kruges Rand. Den schönen Körper dann belebte er mit Reigenkranz Der Horen, der vorüberschwebend lebenspendenden. Er schuf, gestreckt auf königliche Ruhebank, Der Phädra wundervollen Leib, von Sehnsucht matt, Und drüber flatternd Eros, der mit süßer Qual die Glieder füllt. Gewaltgen Krügen liebte er ein Bacchusfest Zum Schmuck zu geben, wo der Purpurtraubensaft Aufsprühte unter der Mänade nacktem Fuß Und fliegend Haar und Thyrsusschwung die Luft erfüllt. Auf Totenurnen war Persephoneias hohes Bild, Die mit den seelenlosen, roten Augen schaut, Und Blumen des Vergessens, Mohn, im heiligen Haar, Das lebenfremde, asphodelische Gefilde tritt. Des Redens wär kein Ende, zählt ich alle auf, Die göttlichen, an deren schönem Leben ich -- Zum zweiten Male lebend, was gebildet war -- An deren Gram und Haß und Liebeslust Und wechselndem Erlebnis jeder Art Ich also Anteil hatte, ich, ein Kind, Die mir mit halbverstandener Gefühle Hauch Anrührten meiner Seele tiefstes Saitenspiel, Daß mir zuweilen war, als hätte ich im Schlaf Die stets verborgenen Mysterien durchirrt Von Lust und Leid, Erkennende mit wachem Aug, Davon, an dieses Sonnenlicht zurückgekehrt, Mir mahnendes Gedenken andern Lebens bleibt Und eine Fremde, Ausgeschloßne aus mir macht In dieser nährenden, lebendgen Luft der Welt.
DER SCHMIED
Den Sinn des Seins verwirrte allzu vieler Müßiggang Dem schön gesinnten, gern verträumten Kind, mich dünkt. Und jene Ehrfurcht fehlte, die zu trennen weiß, Was Göttern ziemt, was Menschen! Wie Semele dies, Die töricht fordernde, vergehend erst begriff. Des Gatten Handwerk lerne heilig halten du, Das aus des mütterlichen Grundes Eingeweiden stammt Und, sich die hundertarmig Ungebändigte, Die Flamme, unterwerfend, klug und kraftvoll wirkt.
DIE FRAU
Die Flamme anzusehen, lockts mich immer neu, Die wechselnde, mit heißem Hauch berauschende.
DER SCHMIED
Vielmehr erfreue Anblick dich des Werks! Die Waffen sich, der Pflugschar heilige Härte auch, Und dieses Beil, das wilde Bäume uns zur Hütte fügt. So schafft der Schmied, was alles andre schaffen soll. Wo duftig aufgeworfne Scholle Samen trinkt Und gelbes Korn der Sichel dann entgegenquillt, Wo zwischen stillen Stämmen nach dem scheuen Wild Der Pfeil hinschwirrt und tödlich in den Nacken schlägt, Wo harter Huf von Rossen staubaufwirbelnd dröhnt Und rasche Räder rollen zwischen Stadt und Stadt, Wo der gewaltig klirrende, der Männerstreit Die hohe liederwerte Männlichkeit enthüllt: Da wirk ich fort und halt umwunden so die Welt Mit starken Spuren meines Tuens, weil es tüchtig ist.
(=Pause.=)
DIE FRAU
Zentauren seh ich einen nahen, Jüngling noch, Ein schöner Gott mir scheinend, wenn auch halb ein Tier, Und aus dem Hain, entlang dem Ufer, traben her.
DER ZENTAUR
(=einen Speer in der Hand, den er dem Schmied hinhält=)
Find ich dem stumpfgewordnen Speere Heilung hier Und neue Spitze der geschwungnen Wucht? Verkünd!
DER SCHMIED
Ob deinesgleichen auch, dich selber sah ich nie.
DER ZENTAUR
Zum ersten Male lockte mir den Lauf Nach eurem Dorf Bedürfnis, das du kennst.
DER SCHMIED
Ihm soll In kurzem abgeholfen sein. Indes erzählst Du, wenn du dir den Dank der Frau verdienen willst, Von fremden Wundern, die du wohl gesehn, wovon Hieher nicht Kunde dringt, wenn nicht ein Wandrer kommt.
DIE FRAU
Ich reiche dir zuerst den vollen Schlauch: er ist Mit kühlem, säuerlichem Apfelwein gefüllt, Denn andrer ist uns nicht. Das nächste Dürsten stillt Wohl etwa weit von hier aus beßrer Schale dir Mit heißerm Safte eine schönre Frau als ich.
(=Sie hat den Wein aus dem Schlauch in eine irdene Trinkschale gegossen, die er langsam schlürft.=)
DER ZENTAUR
Die allgemeinen Straßen zog ich nicht und mied Der Hafenplätze vielvermengendes Gewühl, Wo einer leicht von Schiffern bunte Mär erfährt. Die öden Heiden wählte ich zum Tagesweg, Flamingos nur und schwarze Stiere störend auf, Und stampfte nachts das Heidekraut dahin im Duft, Das hyazinthne Dunkel über mir. Zuweilen kam ich wandernd einem Hain vorbei, Wo sich, zu flüchtig eigensinnger Lust gewillt, Aus einem Schwarme von Najaden eine mir Für eine Strecke Wegs gesellte, die ich dann An einen jungen Satyr wiederum verlor, Der syrinxblasend, lockend wo am Wege saß.
DIE FRAU
Unsäglich reizend dünkt dies Ungebundne mir.
DER SCHMIED
Die Waldgebornen kennen Scham und Treue nicht, Die erst das Haus verlangen und bewahren lehrt.
DIE FRAU
Ward dir, dem Flötenspiel des Pan zu lauschen? Sag!
DER ZENTAUR
In einem stillen Kesseltal ward mirs beschert. Da wogte mit dem schwülen Abendwind herab Vom Rand der Felsen rätselhaftestes Getön, So tief aufwühlend wie vereinter Drang Von allem Tiefsten, was die Seele je durchbebt, Als flög mein Ich im Wirbel fortgerissen mir Durch tausendfach verschiedne Trunkenheit hindurch.
DER SCHMIED
Verbotenes laß lieber unberedet sein!
DIE FRAU
Laß immerhin, was regt die Seele schöner auf?
DER SCHMIED
Das Leben zeitigt selbst den höhern Herzensschlag, Wie reife Frucht vom Zweige sich erfreulich löst. Und nicht zu andern Schauern sind geboren wir, Als uns das Schicksal über unsre Lebenswelle haucht.
DER ZENTAUR
So blieb die wunderbare Kunst dir unbekannt, Die Götter üben: unter Menschen Mensch, Zu andern Zeiten aufzugehn im Sturmeshauch, Und ein Delphin zu plätschern wiederum im Naß Und ätherkreisend einzusaugen Adlerlust? Du kennst, mich dünkt, nur wenig von der Welt, mein Freund.
DER SCHMIED
Die ganze kenn ich, kennend meinen Kreis, Maßloses nicht verlangend, noch begierig ich, Die flüchtge Flut zu ballen in der hohlen Hand. Den Bach, der deine Wiege schaukelte, erkennen lern, Den Nachbarbaum, der dir die Früchte an der Sonne reift Und dufterfüllten lauen Schatten niedergießt, Das kühle grüne Gras, es trats dein Fuß als Kind. Die alten Eltern tratens, leise frierende, Und die Geliebte trats, da quollen duftend auf Die Veilchen, schmiegend unter ihre Sohlen sich, Das Haus begreif, in dem du lebst und sterben sollst, Und dann, ein Wirkender, begreif dich selber ehrfurchtsvoll, An diesen hast du mehr, als du erfassen kannst --, Den Wanderliebenden, ich halt ihn länger nicht, allein Der letzten Glättung noch bedarfs, die Feile fehlt, Ich finde sie und schaffe dir das letzte noch.
(=Er geht ins Haus.=)
DIE FRAU
Dich führt wohl nimmermehr der Weg hieher zurück. Hinstampfend durch die hyazinthne Nacht, berauscht, Vergissest meiner du am Wege, fürcht ich, bald, Die deiner, fürcht ich, nicht so bald vergessen kann.
DER ZENTAUR
Du irrst: verdammt von dir zu scheiden, wärs, Als schlügen sich die Gitter dröhnend hinter mir Von aller Liebe dufterfülltem Garten zu. Doch kommst du, wie ich meine, mir Gefährtin mit, So trag ich solchen hohen Reiz als Beute fort, Wie nie die hohe Aphrodite ausgegossen hat, Die allbelebende, auf Meer und wilde Flut.
DIE FRAU
Wie könnt ich Gatten, Haus und Kind verlassen hier?
DER ZENTAUR
Was sorgst du lang, um was du schnell vergessen hast?
DIE FRAU
Er kommt zurück, und schnell zerronnen ist der Traum!
DER ZENTAUR
Mit nichten, da doch Lust und Weg noch offen steht. Mit festen Fingern greif mir ins Gelock und klammre dich, Am Rücken ruhend, mir an Arm und Nacken an!