Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band
Part 9
Und während ich so sprach, und Hermann Bahr mein Leben in Schweden in Gedanken mitlebte, wurde mir mit einem Male klar, daß mein ganzes Buch „Ultraviolett“ kein Herz besaß; daß alle diese Lieder herzleer wirkten im Vergleich zu den wenigen Versen, die ich jetzt über das junge schwedische Mädchen gedichtet hatte.
Wie anders wären jene Lieder geworden, die ich in Bohuslän aus meiner Einsamkeit heraus gedichtet hatte, wenn damals schon jenes Mädchen mit mir über die Steine der schwedischen Westküste gegangen wäre! Die Gedichte wären nicht bloß Farbenbilder und Tonbilder geworden, sondern Lieder voll Liebesgeist. So sagte ich zu mir.
Der Inhalt des Buches „Ultraviolett“ erschien mir jetzt wie eine durch Natureinsamkeiten hingleitende Irrlichtflamme, die nur eine blaue Luftflamme war, aber die kein Feuer hatte, das einen Körper verzehrte.
Mein Herz hatte damals noch nicht gebrannt, als ich nur der Dichterlust zuliebe dichten wollte.
Nun war mir völlig klar: ich mußte umkehren, nach Stockholm zurück und nicht nach Italien wandern. Dieses Mädchen, das ich im Norden wußte, war mir so notwendig zum Atmen wie meine Lunge. Mein Herz war an ihr entzündet worden und konnte auch nicht in der Ferne mehr verlöschen. Es verfolgte mich jetzt ebenso sehr die Sehnsucht nach der Liebe jenes Weibes als die Sehnsucht nach den Dichtungen, die sie mir eingeben würde.
Als ich dann am nächsten Tag Hermann Bahr mit seiner jungen Frau glücklich lachend abreisen sah, und als ich am Abend wieder oben auf dem Berg in dem Bauernhause Ola Hanson und seine Frau besuchte, sprach dort in ihrer Häuslichkeit der Geist der Ehe, der Geist der Lust, einen Hausstand zu gründen, stark auf mich ein, und ich erzählte beiden, daß ich eine Stockholmerin liebte, die ich heiraten wollte. Die beiden waren sehr erstaunt und freuten sich und wünschten mir Glück. --
Kaum aber nach Stockholm zurückgekehrt, wurde mir noch deutlicher als vorher bewußt -- da ich durch das viele Reisen mich wieder in Not gebracht hatte --, wie unmöglich es mir sein würde, da ich nur von meines Vaters Gnade lebte, mich mit einer Frau durchzuschlagen. Aber doch fand ich nicht die Kraft, die Sehnsuchtsgedanken an das junge Mädchen aufzugeben. In Stockholm angekommen, erfuhr ich, daß sie verreist sei, aber ich war glücklich, wenigstens in ihrer Vaterstadt umherzugehen. Eines Tages aber hörte ich dann plötzlich von ihrer Verlobung.
Ich wollte sofort aus Schweden abreisen. Doch die Mittel zur raschen Reise fehlten für mich, und eine mir grauenhafte Verkettung der Umstände zwang mich sogar, am Verlobungsessen im Hause der jungen Dame teilzunehmen. Danach hätte ich aber am liebsten meinem Leben ein Ende gemacht.
Wie ich noch voll Gram und Unentschiedenheit mit mir zu Rate ging, meldete mir eines Tages das Dienstmädchen, daß ein unheimlicher Mann vor der Türe stünde, der mich zu sprechen wünsche. Es war der polnische Schriftsteller Stanislaus Przybyszewski, dessen leise Stimme und fremdländisches Äußere dem Dienstmädchen Furcht eingejagt hatte. Przybyszewski war mit seiner Frau, welche Norwegerin war, von Kristiania nach Stockholm gekommen, und ich war nun glücklich, durch den geistig lebendigen Polen auf andere Gedanken gebracht zu werden. Er arbeitete in dieser Zeit eben an seinem Roman „Satans Kinder“.
Bei irgendeinem Bekannten saßen wir nun immer, bei starken Alkoholgetränken und im Zigarettenqualm, er, seine Frau, Freundinnen und Freunde, fast Nacht für Nacht bis in die Vormittagstunden, unendliche Reden führend und unendlich schweigen könnend, halb schlafend, halb wachend, zusammen, immer neue Grogs brauend, immer neue Zigarettenschachteln öffnend. Und mein Hirn tanzte bald, überreizt von Nikotin- und Alkoholvergiftung, und ich fühlte mich in jenen Winterwochen weder körperlich noch geistig lebend. Es war mir in jenen Nächten oft, als wären wir alle Spukgestalten geworden, die Frauen wie die Männer jenes Kreises. Wenn sie lachten, wenn sie sprachen, wenn sie schwiegen, waren sie mir wie eine Gespenstergesellschaft, die erst der anbrechende dunkle Wintermorgen scheuchte.
Aber sobald wieder nachmittags die Straßenlaternen angezündet waren und überall künstliches Licht war, fand sich auf der Alkoholwolke und auf den Tabakswolken die Spukgesellschaft wieder zusammen, mit wirren geistblitzenden verzerrten Gelächtern die lange Nacht ausfüllend.
Przybyszewski spielte Chopin, wenn er bei Laune war. Das sonst so öde Klavier wurde dann zu einer Hölle, die er mit wild tastenden Händen öffnete. Und die Töne fraßen Ordnung und Gesetze und Gedanken blindlings aus den Hirnen aller Zuhörer fort, und Töne, Menschen und Zeiten wurden zum Chaos. Kein Leben behielt mehr seine Form und seinen Sinn. Nur der Einsturz alles Lebens und die Vernichtungsfreude schien in den Tönen zu funkeln, wie der glühende Alkohol in den Gläsern und wie die Feuerpunkte der Zigaretten zwischen den Lippen der Menschen, die da in Sesseln und Sophas auf den Teppichen herumlagen und herumhockten.
Und da war kein stilles Kreisen der Gestirne, kein geordnetes Planetenleben mehr an dem Nachthimmel draußen, der zu den Fenstern auf uns und auf den spielenden Polen sah. Es war, als schossen vor meinen Augen alle Sterne, Kometen geworden, wild und regellos durch den Nachtraum.
Die Töne klirrten unter den weißen gelenkigen Fingern des Spielenden, und die Herzen klirrten in der Brust der Zuhörer. Und wie die Scherben der zerbrochenen Groggläser am Boden, sahen die Augen der Frauen und Männer, Glassplittern ähnlich, aus dem Tabakrauch. Der Geist, der sekundenweise aus ihnen aufschoß, hatte keine Geistesgewalt mehr, sondern war nur ein Zucken und Verenden des Geistes. Des Morgens war mein Herz voll Mattigkeit, und abends sehnte es sich doch wieder nach dem Untertauchen in den Hexensabbat.
Endlich raffte ich mich im Januar auf, die Stadt zu verlassen, wo die wirren Nächte mich für die bekümmerten Tage betäuben mußten. Denn ich schlief in diesen Wochen nicht einmal tagsüber, sondern sehnte mich unnütz. Ich lag und dachte an mein Herz und stand erst zur Abendstunde auf, gedankenmüde und verquält.
Aber als ich das Geld zur Abreise bereit hatte, fehlte mir der Mut zur Abreise, und ich gab das Reisen wieder auf. Denn auch in der dunkelsten Zeit, in dem Wirrwarr jener Nachtstunden, stand wie der Geist meiner guten Stunden, wie der gute Genius meiner Gedichte, hinter dem Tabaksqualm, hinter den Betäubungen, das Gesicht jenes Mädchens, das ich liebte.
Und wenn ich morgens über die menschenleeren Pflastersteine nach Hause ging, sagte ich mir: über diese Steine wird sie am Tage gehen! Und dieser Gedanke gab mir ein wenig Befriedigung. Doch ich getraute mich nicht, von den Steinen aufzusehen. Denn dann konnte ich sie, wenn sie auch nicht auf der Straße war, im Geist deutlich am Arme ihres Verlobten daherkommen sehen.
„Wir wollen alle reisen,“ sagte eines Tages Frau Przybyszewski. Und ich sagte, ich wollte meinem Vater um Geld telegraphieren. Wir gingen dann alle zusammen zum Telegraphenamt. Aber wie ich das Telegrammpapier vor mir liegen hatte, sagte ich: „Ich werde niemals Geld erhalten, wenn ich nicht einen triftigen Grund angebe.“
Ich schrieb deshalb auf das Papier: „Bitte telegraphiere mir tausend Mark wegen einer Frau.“ Aber dann wußte ich nicht mehr weiter. Ich meinte, mein Vater würde vielleicht annehmen, daß ich einen Ehrenhändel hätte. „Schreiben Sie dazu,“ sagte eine der Frauen, „werde sonst verhaftet.“ Und ich schrieb dieses und schickte das Telegramm ab und erhielt auch am Abend das Geld von meinem erschrockenen Vater, der natürlich briefliche Aufklärung verlangte. So wildes Wesen trieb die Verzweiflung mit mir, daß ich nichts mehr bedachte, was ich tat.
Wir reisten am nächsten Tag von Stockholm ab. In Kopenhagen trennte ich mich dann von Przybyszewski und seiner Frau und fuhr nach Paris.
Vorher hörte ich schon, daß jene junge Schwedin in Stockholm ihre Verlobung wieder gelöst hatte, und ich atmete auf und durfte nun wieder hoffend und frei an sie denken; doch wagte ich es kaum noch. --
In Paris hatte ich das amerikanische Ehepaar James und Theodosia, die von London zurückgekehrt waren, in ihrem Atelier bald nach meiner Ankunft aufgesucht und hatte ihnen von meiner Herzensnot erzählt und von meiner Hoffnung, daß der Himmel mich vielleicht doch noch einmal mit der jungen schwedischen Dame, die ich liebte, zusammenführen würde.
Die beiden Amerikaner machten mir großen Mut und sagten immer wieder, mein Wünschen würde sicher so stark wirken, daß ich eines Tages noch glücklich würde.
Und Paris war die geeignete Stadt, in der ich am stärksten meinem Liebeswunsch nachhängen konnte, denn das Straßenleben, die Vergangenheit und die Gegenwart dieser Stadt sprechen ununterbrochen von der Liebe, die diese Stadt erlebt, erlebt hat und erleben will.
* * * * *
Als ich im Februar 1896 nach Paris kam, war vier Wochen vorher Frankreichs bester Dichter, der Lyriker Paul Verlaine, gestorben. Und die Zeitungen erzählten täglich Züge aus seinem Leben. Man erfuhr, daß er sich von Krankenhaus zu Krankenhaus durchgeschlagen hatte. Aber er war nicht so sehr krank gewesen als notleidend. Er hatte keinen anderen Ausweg gesehen, um sich zu helfen, als daß er sich bei den verschiedenen Spitälern in der Armenabteilung krank meldete, nur um Unterkunft und Verköstigung zu erhalten.
Ich wohnte auf der Höhe des „Quartier Latin“ in einem Gasthof in der Straße de l’Abbé de l’Épée, einer friedlichen kleinen Seitenstraße des Boulevards St. Michel, die, wie man weiß, die Hauptstraße des pariser Studentenviertels ist.
In der stillen, freundlichen Gasse, durch welche fast nie ein Wagen fuhr, waren auf der einen Seite sonnenbeschienene, helle, hohe Gartenmauern, und am Gassenende stand eine alte Kirche, die mit Abend- und Morgengeläut die klösterliche Friedlichkeit noch erhöhte. Das Gäßchen war sehr still. Man sah nur immer das menschenleere, sonnenbeschienene, saubere Pflaster unter den Fenstern. Die Häuser waren ein- und zweistöckige, kleine, helle, vornehme, weltabgeschlossene Einzelhäuser. Manchmal verirrte sich einer der Straßenverkäufer, mit singender Stimme ausrufend, unter die Fenster der sauberen Gebäude, aber sonst flogen dort nur die Sperlinge durch den Sonnenschein.
In dem ruhigen Gasthof stiegen meistens ausländische Künstler ab und einige ältere französische Studenten, die Prüfungsarbeiten machten. Zur Frühstücks- und Abendessensstunde sah man kluge, ernste, gedankenvolle Köpfe in dem schmalen Eßsaal. Dieser Saal war schmal wie ein Hausflur. Durch die Verglasung seiner einen Längsseite sah man in den kleinen dreieckigen Hausgarten, der mit hohen, dichtverwachsenen Efeumauern und einem grünen Rasen eine wohltuende Oase für das Auge war, wenn man ermüdet vom Weltstadtlärm und aus der wüsten pariser Lebensjagd, aus der Innenstadt, heimkehrte und sich zur Mahlzeit niedersetzte.
Da sah man manchmal auch im Gartengrün eine Katze kauern und sich bei der Efeuwand sonnen, oder es flog eine Amsel herbei und spazierte auf dem Rasen und flog dann über die Mauer in einen Nachbarsgarten, von wo sie, auf hohem Ahornzweige schaukelnd, ein Lied jubelte. Man wußte nicht mehr, lag dieses Stück grüne Erde da draußen vor dem schmalen Speisesaal in der Stadt Paris oder in einem friedlichen Kirchhof. Denn dieses stille, kleine Gasthaus hatte die Macht, starken Frieden um sich zu verbreiten, so wie Öl, das man auf stürmende Wellen träufelt, das Meer im Umkreis sanft macht.
Wenn ich nicht diese Stille in Paris täglich erlebt hätte, ich hätte es nicht für möglich halten können, daß man solche Lautlosigkeit schaffen kann mitten in einer Millionenstadt. Aber dieses ist die Kunst der Pariser, vornehme Ruhe zu schaffen. Indem sie mit kluger Ausnützung des kleinsten Erdflecks grüne Gartenwinkel anlegen, in welche man mit Einfachheit und Bescheidenheit nur Rasen und Efeu pflanzt und so dem Auge ländliche Ruhe zuführt. Man schachtelt also ins laute Paris Ruhe in Ruhe ein. Und man gelangt so dort mitten in dem kochenden Leidenschaftsherd, der die ganze Stadt wie einen ewig arbeitenden Krater wogen und wallen läßt, trotz aller überhitzter und gesteigerter Lebenslust, zu einer fast unschuldigen Ruhe mit sich selbst.
In keiner Weltstadt sah ich auch jemals soviel Kleingewerbetätigkeit. Neben den großen, spiegelglänzenden, gläsernen pariser Läden nistet ein bescheidener und traulicher Kleinhandel. Alles darf und alles soll leben können hier in dieser lebenswarmen Stadt! Es kommt einem vor, als stünden diese Worte als Spruch am Eingang der meisten Straßen. Wie jahrhundertalte Wohnungen und Häuser Raum für viele Andenken haben, Andenken an verschiedene Geschlechter, die hier lachten und starben, so ist das pariser Straßenleben durchwebt und durchlagert von Versteinerungen verschwundener Zeitschichten.
Dieses gibt der Stadt etwas innig Rührendes, etwas innig Rückständiges und künstlerisch Gedankenvolles neben der wahnwitzigen Vorwärtsjagd, dem Vorwärtsstreben und dem lauten Dasein.
Nirgends sah ich noch soviel Katzen auf der Welt als in Paris. Daß die Ägypter die Katzen heilig sprechen konnten, wurde mir nirgends verständlicher als in Frankreich. Die pariser Katzen gehen wie die Geister vergangener Geschlechter lautlos und gepflegt, geliebt und geschützt in allen Häusern herum, in allen Läden, in allen Gasthäusern. Kein Mensch erschrickt vor ihnen, kein Mensch jagt sie, und sie werden nicht bloß geduldet, sondern gefeiert, weil der lebendige und lebenssüchtige Pariser im letzten Grunde auch am Tier die Ruhe des Benehmens als die höchste Lebenskunst feiert.
Der alte schwedische Maler Josephson, den ich auf Veranlassung von Ellen Key noch vor meiner Abreise in Stockholm besucht hatte und der fünfzehn Jahre seines Lebens in Paris verbracht hatte, sagte beim Abschied zu mir:
„Also, Sie wollen nach Paris! Grüßen Sie die große, starke Stadt von mir, die große, ruhige, vornehme Stadt.“
„Ruhig?“ fragte ich. „Die Stadt, in der man sich seit Jahrhunderten betäubt, innerlich und äußerlich, die Stadt kann doch nicht ruhig sein?“
„Glauben Sie mir,“ meinte der alte Maler, „Paris ist die ruhigste Stadt in Europa. Und wenn Sie dort hinkommen, rate ich Ihnen, nehmen Sie es sich als ersten und letzten Grundsatz vor: bewahren Sie sich immer Ihre Ruhe dort. Machen Sie mit Ruhe die Hast mit. Aber geben Sie Ihre Ruhe nie auf. Dann wird Sie der Pariser schätzen, er, der so verächtlich auf die unruhigen Fremden herabsieht.“
Und als ich nun die Katze, das Symbol häuslicher Ruhe, überall in Paris gepflegt fand, mußte ich immer an diese Worte des alten schwedischen Malers denken. --
Draußen vor meiner sonnenstillen Gasse stand man, wenn man die breite, sonnige Straße St. Michel kreuzte, vor den großen Eisengittern des weiten Luxembourgparkes, dem Garten der Bildsäulen der Königinnen von Frankreich und der Dichter.
Auf den Terrassen rund um den Platz eines großen Wasserbeckens stehen die Bildsäulen der hohen Frauen, und unter den Augen der steinernen Königinnen und in einem Kreis von Zuschauern lassen die pariser Kinder dort im Frühlingsnachmittag ihre handgroßen Segelschiffchen auf dem Wasserspiegel kreuzen.
Aber auf einer anderen Seite des Schloßgartens, im lauschigeren Teil, wo die Singvögel in blühenden Büschen nisten und grüner Rasen mit Blumenhügeln und Zwergobstbäumen abwechselt und unter schattigen, alten Kastanien- und Ahornbäumen noch Lauschigkeit und Heimlichkeit herrscht, findet der Spaziergänger die Denkmäler der Dichter.
Im Nebenflügel des Lustschlosses selbst, das näher zur Stadt hin liegt, und darin jetzt die Senatoren von Paris ihre Sitzungen abhalten und ihre Schreibstuben haben, ist die neuzeitliche Bildersammlung mit ihren Kunstschätzen lebender oder erst jüngst gestorbener Zeitgenossen.
Die Luxembourgsammlung wird als die Vorhalle zum Allerheiligsten, zur Ewigkeitssammlung, dem Louvre, angesehen. Ein Kunstwerk, das eine gewisse Anzahl von Jahren in der Luxembourgsammlung ausgestellt ist, wird, wenn sein Kunstwert nach Jahren noch als ein Bleibender anerkannt ist, dann erst der Louvresammlung einverleibt.
So sind der Luxembourggarten und seine Bildersammlung eigentlich das Besitztum der französischen Jugend. In den Vormittagsstunden sieht man im lauschigen Teil des Parkes manchen bücherlesenden Studenten. Am Nachmittag gehört der Baumschatten den Kindern, den Kinderfrauen und den Tierfreunden, die die Vögel füttern und sich die Sperlinge so zähmen, daß diese ihnen die Brotkrumen von den Lippen picken.
Der Spätnachmittag aber lockt die Studenten und jungen Künstler mit ihren zierlichen Freundinnen in Scharen von der Seite des Boulevards St. Michel her auf den großen Musikplatz des Gartens, und bei Musikspiel lebt das Liebesspiel in den Augen, in den Worten und Gelächtern der Spazierenden. --
Jedem Fremden flößt die große Ordnung Achtung ein, die sowohl in London als in Paris die Tagesarbeit und das Vergnügen in bestimmte Zeitabschnitte abteilt. Man muß das Uhrwerk dieser Städte als Fremder verstehen lernen und sich ihm anpassen. Das Leben dort wird von der Ordnung wie ein Konzert von einem Kapellmeister geleitet. Es haben sich bestimmte Ordnungsbegriffe gebildet, die von Geschlecht zu Geschlecht festgehalten werden. Man spricht von der Stunde vor „der Spazierfahrt ins Gehölz“. Dann kommt die Stunde „der Erfrischungsgetränke“, die Stunde vor dem „Gang ins Theater“ und so weiter.
Die Strenge, mit der an althergebrachter Sitte festgehalten wird, macht den Pariser stolz und ruhig mitten im Neuzeittrubel.
* * * * *
Damals, im Jahre 1896, lebten und arbeiteten in Paris immer noch Zola, Huysmans, Mallarmé, von denen für die Literatur tonangebende Neuerungen ausgingen. Wie ich schon sagte, Verlaine war eben gestorben. Auf dem Boulevard St. Michel lief ein älterer, etwas komischer, halb verhungerter Literaturstudent im Gehrock und Zylinder umher, der den Spitznamen Bibi hatte, und der unversehends mitten im Menschengewühl zu einem herantrat, aus seiner hinteren Gehrocktasche eine Stiefelbürste zog, den Zylinder höflich lüftete und mit ernster Miene um die Erlaubnis fragte, einem den Staub von den Stiefeln und vom Hosensaum bürsten zu dürfen.
Man ließ es sich gefallen und gab ihm eine Geldmünze dafür. Denn jedermann wußte, daß Bibi bitterarm war. Aber außerdem wußte man auch, dieser dürftige, dürre Mensch, der nur flüsterte und der im Menschengedräng wie ein Schatten kam und schwand, er war der treueste Anhänger Paul Verlaines gewesen. Und man behauptete später, daß er noch zehn Jahre nach Verlaines Tod das letzte Hemd des Dichters an seinem Leib trage und es, aus Verehrung für den toten Meister, niemals ablege.
Gestalten von solch rührender, wandelnder Lächerlichkeit lebten viele im Gedränge des Boulevards St. Michel. Zur Mitternachtsstunde tauchten sie auf, und es war dann, als verkörperten sich in ihnen vergangene Zeiten.
Man sah da auch ein altes Mütterchen. Sie verkaufte Oliven in Öl oder gekochte rote Krebse, je nach der Jahreszeit, und man sagte, sie sei eine Freundin des Dichters Musset gewesen. Sie war wohl neunzig Jahre alt, und ihr Kopf wackelte, und manchmal machte sie einen Luftsprung, wenn ihr auf einer Kaffeehausrampe von einem Studenten Geld zugeworfen wurde. Dieser Hopser der Alten war die letzte Erinnerung aus ihrer Tänzerinnenzeit, die sie einst am Ballett der Großen Oper erlebt hatte.
Diese Spukgestalten der Vergangenheit wurden von den Studenten sowohl wie von ihren Freundinnen, die die nächtlichen Straßen füllten, geachtet und geliebt, man schätzte sie. Sie bildeten die Patina der Straße. Alte Kenner des Lebens sahen ihnen ehrfürchtig und behaglich schmunzelnd zu. Und die jungen Lebensneulinge betrachteten diese Überbleibsel toter Zeiten mit Scheu und mit leisem Anflug von Selbsterkenntnis: das Leben vergeht, darum wollen wir es festlich nehmen. Mehr Erkenntnis aber lebte noch nicht in den jungen Nachtschwärmern des lateinischen Viertels.
* * * * *
In diesem Stadtteil von Paris verbrachte ich vom Februar 1896 bis Ende April die letzten Wintertage. Im Betrachten der großen fremden Stadt und im Betrachten der nächsten Umgebung meiner Gasse, in der ich wohnte, vergingen die Stunden schnell.
Und eines Sonntags, im Parke von Versailles, erstaunte ich, daß in den hohen Baumgängen und in den künstlichen Wasserläufen dort schon die Frühlingssonne warm spielte.
Als ich über die endlose Baumreihe, die sich von der Schloßrampe beinahe bis an den Erdrand hinzuziehen scheint, hinsah und mich die frische, freie Luft ferner Äcker und Felder anwehte, knickte mein Herz ein. Denn ich wurde plötzlich erinnert, daß es außer dem künstlichen Stadtleben, das ich bis jetzt in diesen pariser Wintertagen und in den letzten Monaten in Stockholm fern von freier Natur gelebt hatte, auch noch Wiesen, Wälder, Länder, Erdteile und Meere zum Aufatmen gab.
Und die Luft sagte weiter, daß über dem Meer fern im Norden ein Mädchen, das ich ersehnte, lebte, und daß die Frische, die hier in den stadtfernen Versailler Schloßgarten über Äcker hergekommen war und nicht über Hausdächer, mich an das ferne Land im Norden erinnern wollte, an Bohuslän, wo ich zuerst ohne Herz gedichtet hatte, und an Stockholm, an meine Wohnung am Tegnerlund, wo ich meine ersten Liebesgedichte herzlich gedichtet hatte.
Hier in Frankreich war ich bisher vor dem Neuen wie ein Schlafwandelnder gegangen, und es war mir oft, als ob ich meine Dichtung und meine Liebesgefühle zu jenem Mädchen in einem fern vergangenen Leben erlebt hätte.
Aber nun kam vom Erdrand junge Luft durch den langen Baumgang, über den langen Wasserlauf, zu den Treppen der Schloßrampe von Versailles, und eine große Sehnsuchtswelle rührte mich an. Die Vögel, die Amseln und Finken, die da in den blätterleeren hohen Bäumen des Parkes aufsangen, wollten auch mich zum Aufsingen überreden. Und das Wasser blitzte unter dem dunklen Geäst, die Frühlingssonne glitzerte in den laubleeren Kronen der Bäume, und die weißen großen Götterbilder, die da am Fuß der breiten Treppe stehen, sprachen von der Göttlichkeit des Menschenleibes und von der Festlichkeit, mit der die Heiden ehemals Himmel und Erde herzlich und selbstverständlich genossen haben.
Der große leere Frühlingsgarten, der bereit stand zu erwachen, der Knospen und Blätterschwärme bringen wollte und zu grünen Sälen werden wollte, darinnen sich die Menschen in Paaren ergehen sollten, dieser Garten sagte: „Geh, hole dir dein Mädchen und komme wieder mit ihr. Meine festlichen Wege sind nicht für Einsame gedacht. Ich bin ausgedacht zur Feier der Liebesgefühle. Auf meinen Wegen will ich der Menschen Liebesgeplauder hören und will Menschen sehen, deren Herzen nicht einknicken vor Weh und Einsamkeit, wenn sie an das Ende meiner langen Baumgänge blicken.
Wenn es die kleine Amsel dort fertig bringt, sich ein Weibchen zu finden und diesem ihr Lied zu singen, warum sollst du, junger Mensch, es nicht fertig bringen, wie eine Amsel dein Weibchen zu finden und ihm deine Lieder zu singen.“
Alles dieses hörte ich laut in meinem Blut reden. Bei jedem Schritt, den ich über den feinen Sand in dem ebenen Garten tat, schluchzte mein Herz und klagte meinen Verstand an und sagte:
„Sieh und höre, was der Garten spricht. So wahr als die Sonne, die jetzt hier das leere Wasser in weißes glänzendes Feuer verwandelt, die Gartenbäume und den Rasen täglich anruft, daß sie blühen sollen, und so wahr es ist, daß dieser Garten der Sonne folgen muß und Blätter und Knospen treiben wird, so wahr ist es, daß ich dich anrufe und flehe: höre auf dein Herz. Du kannst es nie betäuben!
Ich rufe dich an wie die Sonne. Und dein Geist und dein Leib müssen mir folgen. Du kannst die Liebe nicht ersticken. Das ferne Gesicht jenes Mädchens, das du liebst, spiegelt sich in mir, in deinem Herzen, wie die Frühlingssonne hier im Wasserlauf und verwandelt mich in weißes Feuer. Geh heim jetzt und liebe und singe.“ --