Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band
Part 7
Sie war tief gebildet. Polnische Dichter und polnische Künstler und französische Dichter und französische Maler füllten an Sonntagabenden die ärmliche pariser Malerwerkstatt, wenn die Polin Empfang hatte. Dann reichte die Künstlerin in ihren wenigen Tassen den Tee herum, schlicht und anspruchslos zwischen ihren Gästen sitzend. Das Echo aller europäischen Kunstbestrebungen und das Echo aller europäischen Dichtergeister lebte in den klugen Meinungen, die an jenen Sonntagabenden in dem wenig erleuchteten riesigen Glasraum zwischen jener Frau und ihren Gästen lebhaft ausgetauscht wurden.
Eine Schwester dieser Malerin studierte in Paris Chemie. Und ich erinnere mich, daß mir eines Tages die Künstlerin, als sie mich malte, mit außergewöhnlich lebhaften Augen erzählte, ihre Schwester sei jetzt in jener chemischen Abteilung in Paris beschäftigt, in welcher man auf künstlichem Wege Diamanten herzustellen versuchte.
„Ach,“ sagte sie lächelnd, halb ernst, halb spaßhaft, „wenn meine Schwester es lernen wird, Diamanten zu machen --“ und sie vollendete den Satz nicht und malte weiter und sah mich nicht an, weil sie schon erschrocken war, sich vielleicht verraten zu haben. Denn sie wollte niemand wissen lassen, wie schlecht es ihr gehe. Sie sagte zu jedermann, daß ihr Vater sie unterstütze. Aber später erfuhr ich, daß sie dieses nur sagte, um nicht bemitleidet zu werden. Sie hoffte auf die künstlichen Diamanten, träumerisch und belustigt!
Nie klagte sie in Worten, aber ihr demütig stilles feines Wesen klagte, ohne daß sie es selbst wußte. So sagte sie einmal an einem eisigen Wintertag lachend zu mir:
„Das große Atelier heizt sich so schwer, und deshalb muß ich mich nachts, um nicht zu frieren, in alle möglichen Teppichlappen und Jacken und Schals einwickeln. Sie würden mich gar nicht wiedererkennen, wenn Sie mich einmal morgens so sehen könnten, wie vermummt ich da bin. Und ich muß immer lachen, wenn ich mich morgens beim Aufstehen zufällig im Spiegel sehe.“
Die arme Künstlerin kehrte jeden Morgen ihre Werkstatt eigenhändig mit den zierlichsten Händen der Welt und heizte selbst den kleinen groben Ofen, um das Geld für die Bedienung zu sparen. Und dabei hingen von ihr unsterbliche Werke im Luxembourgmuseum, und sie hatte bereits verschiedene goldene Medaillen in londoner und pariser Kunstausstellungen erhalten.
Ich finde, das polnische Volk hätte weinen und trauern müssen tagelang, nachdem sich jene begabte Frau in Warschau verzweifelt auf die Schienen geworfen hatte. Die Lokomotive, die den zarten und von Entbehrungen geheiligten Körper dieser Künstlerin rasch unter ihren Eisenrädern zermalmt hat, sie, scheint mir, war barmherziger als das Volk, das eine seiner besten Künstlerinnen hat hungern und darben lassen.
Haben denn die Künstler nicht genug mit der Bewältigung ihres Gefühlslebens zu tun, mit der Bewältigung ihrer Weltbetrachtung, mit der Erringung eines ruhigen Künstlerstandpunktes, von dem aus sie nie dagewesene Werke aufbauen müssen! Warum sollen Künstler auch noch die Nahrungssorgen bewältigen, sie, die von der Natur geboren sind zu schenken, Höchstes und Erdentrücktes. Sie, die nicht wie die Beamten und Offiziere in Wiederholungen und vorgeschriebenen Richtungen ihr tägliches Amt erfüllen können. Sie, die nach jedem vollendeten Werk ein neues, ganz anderes, niedagewesenes Werk beginnen müssen. Sie, die tiefste Sammlung, tiefste Verinnerlichung der Arbeitskräfte vom Gedanken des Geldverdienens trennen muß, weil sonst das Künstlerwerk unrein, unkünstlerisch wird und nicht Ewigkeitswert erreicht und nicht erhebende Kraft spenden kann.
Sie, denen das entstehende Kunstwerk sogar verbietet, an Ruhm und Ehre zu denken, sie, die also nur auf sich hingewiesen, ohne Rücksicht auf ihren Vorteil oder Nachteil, schaffen müssen und auch von der Natur so geboren sind, um nur so schaffen zu können, sie, die nie den Geldverdienst im Auge haben dürfen, damit ihr Auge rein bleibt wie das Auge eines Heiligen und eines Helden; sie, die so veranlagt sind, so hilflos dem Verdienst gegenüber -- ihnen sollte nicht die ganze Nation, die später jene künstlerischen Werke genießt und deren Eigentumsrecht beansprucht und die durch die Künstler mit Ruhm bedeckt wird -- ihnen sollte nicht die Nation einen würdigen Platz in ihrer Mitte bei Lebzeiten einräumen können?
Wenn es bis heute nicht in dem Maß geschehen ist, wie es geschehen muß, so sind daran schuld der unaufgeklärte Zeitgeist und eine veraltete Weltanschauung. Aber mit der Anerkennung der Festlichkeit des Lebens werden die Völker nicht anders können -- wenn sie ehrlich sein wollen --, als dem nicht nach Geld streben dürfenden Künstlertum freie Entwicklungswege und freie Pflege zu bieten.
Das Volk hatte bisher die falsche Meinung, daß das Künstlertum mit der Leichtlebigkeit, dem Leichtsinn, der Verschwendung und der Unzuverlässigkeit unzertrennlich zusammenhängen müsse, ebenso wie mit der Launenhaftigkeit. Die Leute zucken die Schultern über den Künstler, wenn sie manche seiner Handlungen nicht begreifen, und sagen zwar entschuldigend: „Es ist eben ein Künstler. Der darf das tun. Ein wenig leichtsinnig, ein wenig leichtlebig, ein wenig verschwenderisch, ein wenig launisch, ein wenig unzuverlässig darf er schon sein. Es ist ein Künstler.“ Aber man verachtet trotzdem die künstlerische Sorglosigkeit.
Ich frage: in welchem Stande fänden sich nicht obige Eigenschaften? Wer kann mir einen Stand nennen, in welchem nicht leichtlebige, leichtsinnige, verschwenderische, unzuverlässige und launenhafte Leute zu finden wären? Gibt es nicht unter den Offizieren Schuldenmacher, Spieler? Gibt es nicht unter den Kaufleuten, unter den Handwerkern leichtlebige, unzuverlässige, verschwenderische Menschen?
Ich habe am Eingang dieses Buches gesagt, daß dem Künstler, als sechster Sinn, die Sorgenblindheit angeboren ist. Das will aber nicht sagen, daß er die Sorgen nicht sieht und von ihnen nicht mehr geplagt wird wie jeder andere Mensch. Der Künstler hat von der Natur die Kraft bekommen, über die Sorgen hinweg in geistige Erhebung kommen zu können, und so scheint es denen, die das nicht vermögen, als wäre der Künstler bei allen Sorgen leichtsinnig und sorgenlos. Aber da sein Beruf in der Erdentrücktheit liegt, wird der Künstler doppelt schwer betroffen, wenn er von seiner Arbeit, der weltentrückten, zur Wirklichkeit zurückkehrt und statt des Lohnes die Nahrungssorge neben sich sitzen sieht.
Das Volk besoldet seine Priester. Warum? Weil man sagt, sie dienen einem Wesen, das sie nicht bar bezahlt; sie dienen einem Ideal. Und was tun die Künstler anderes? Dienen sie nicht alle dem Kunstideal? Schöpfen sie nicht täglich aus der Unwirklichkeit neue Gefühls- und Hoheitswerte? Und verdienen sie darum nicht, daß ihr ihnen wenigstens denselben Lohn gebt wie euren Priestern, wie euren Bischöfen? --
Ich habe einmal einer Verschwendungsszene in einem Künstlerhaus beigewohnt. Jener Künstler ist jetzt ein vielgefeierter Mann, und sein Name ist berühmt. Aber dieses trug sich vor zwanzig Jahren zu, als er noch jung war und erst an der Schwelle zur Berühmtheit stand.
Er hatte damals noch einen Brotberuf und konnte sich nur nebenbei mit seiner Kunst beschäftigen und litt sehr unter diesem Doppelleben. Eines Abends, als ich sein Haus besuchte, fand ich seine Frau allein mit dem jüngsten Kinde auf dem Arme, und sie klagte mir, halb lachend, halb weinend:
„Sehen Sie, was er wieder gemacht hat! Ist das nicht ein toller Mensch? Gestern hat er seinen Monatsgehalt bekommen, und auf dem Heimweg kam er an einer Teppichhandlung vorüber, in welcher dieser kleine Teppich ausgestellt war. Und denken Sie, dieser Teppich reizte ihn durch seine Farbenzusammenstellung so sehr, daß er sich nicht enthalten konnte, in den Laden einzutreten und den Teppich zu kaufen. Und drinnen im Laden fällt ihm ein wunderbares venezianisches Kelchglas, ein rubinfarbenes, auf, und auch dieses mußte er haben.
Und er legte für beides seinen ganzen Monatsgehalt auf den Tisch. Er ließ sich dann den Teppich zusammenrollen und nahm das Rubinglas dazu und kam vergnügt, als wenn er das große Los gewonnen hätte, zu mir nach Hause. Dann rollte er den Teppich hier mitten im Zimmer auf und ging am Abend stundenlang jubelnd und entzückt, die Augen auf den farbigen Teppich gerichtet, auf und ab, hin und her. Und dazwischen hielt er den venezianischen roten Rubinkelch gegen das Lampenlicht und freute sich wie ein Kind, dem man eine Blume geschenkt hat.
Warten Sie nur, er wird gleich nach Hause kommen. Dann werden Sie selber sehen, wie er sich benimmt. Aber ich kann ihm nicht einmal böse sein. Er freut sich zu sehr. Ach, sagen Sie nur, was macht man mit solchem Menschen? Sie können sich vorstellen, daß in einem Haushalt, wo Kinder sind, der ganze Monatsgehalt nicht für Teppichfreuden und für ein venezianisches Glas verwendet werden darf.“ So klagte die junge ratlose Künstlerfrau.
„Sind Sie ohne Sorge,“ sagte ich, „es wird ein schönes Kunstwerk, irgendeine künstlerische Eingebung aus dem Teppich und aus dem Rubinglas Ihrem Manne gegeben werden.“
„Ja, das sage ich mir auch,“ meinte die junge Frau aufatmend, „und das tröstet mich auch. Es ist ja eigentlich auch keine Verschwendung von meinem Manne, da sich solche Ausgaben immer wieder bei ihm künstlerisch umsetzen. Aber augenblicklich hätten wir den Monatsgehalt nötiger gehabt als den Teppich und das venezianische Glas.“
Die Frau des Künstlers hatte verständig als Künstlerfrau und verständig als junge Mutter gesprochen. Die Liebe zu ihrem Mann hatte ihr tiefes Verständnis für seine Handlungen gegeben, und die Liebe zu ihren Kindern gab ihr aber auch zugleich die laute Klage auf die Lippen. Man hörte ihr aber an, sie wußte nicht recht, durfte sie klagen oder nicht. --
Tritt die Verschwendung in anderen Gesellschaftsklassen nicht in wilderer Art auf? Die Verschwendung des Künstlers setzt sich stets in neue Eingebungen um. Die Verschwendung aber in anderen Kreisen bleibt barer Schaden, ohne daß er sich in Gewinn umsetzt. Und wie klein sind im Grund die Verschwendungen, die sich ernste Künstler leisten oder geleistet haben, im Verhältnis zu dem Aufwand, den Offiziere, Beamte und Kaufleute über ihre Verhältnisse wagen!
Auch ist ein ernster Künstler immer mehr von seinem Gewissen geplagt als irgendein anderer Mensch. Und die meisten Künstler, die ich traf, haben weniger Luxusschulden gemacht als Schulden, die den Lebensunterhalt betrafen.
Ich habe aber nie einen ernsten Künstler getroffen, der das Leben nicht schwer genommen hätte. --
Man könnte falscherweise annehmen, ich hätte, wenn ich von ehrender Versorgung sprach, die dem Künstler die Heimatstadt und der Staat bieten sollten, gemeint, man sollte die Künstler äußerlich auffallend ehren. Dieses aber wäre das schrecklichste Leid, was man dem stillen Künstler antun könnte. Es gibt zum Beispiel nichts Störenderes für den echten Künstler, als wenn er mit Nachfragen, Aussprüche zu fällen, Vereinen beizutreten, Bild und Autogramme zu liefern und ähnlichen Verlangen geehrt wird. Möglichst unauffällig, möglichst unsichtbar und möglichst unbeobachtet will und soll der ernste Künstler seine Werke schaffen.
Wohl sehnt jeder Künstler sich nach Beifall und Widerhall und freut sich, wenn seine Arbeiten ihm die Herzen seines Volkes zuführen. Aber nicht in auffallender Ehrung und nicht auf seine Person soll und will der echte Künstler die Anerkennung hingelenkt wissen.
Der Künstler will und soll immer hinter seinen Werken zurücktreten. Nur auf diesem bescheidenen Platz wird er sich ewig fruchtbar fühlen. Darum sichert ihm sein Leben, sichert ihm Wanderfreiheit, nehmt ihm die Alltagssorge ab! Aber krönt ihn erst nach seinem Tode, zerrt ihn nicht bei Lebzeiten aus seiner Verinnerlichung heraus in die verflachende Öffentlichkeit.
In alter Zeit, wenn in Japan der Kaiser in seiner Sänfte durch die Straßen getragen wurde und reiste, da war es bei Todesstrafe verboten, daß ihn das Auge eines seiner Untertanen ansah, ihn, den Sohn des Himmels. Die Menschen mußten sich alle mit der Stirn auf die Erde neigen, und niemand im Volk hatte je den Kaiser gesehen, und nirgends durfte ein Bildnis von ihm hergestellt werden.
Der leitende Gedanke dabei war wohl der, daß das Idealbild, das sich das Volk von einem Sohn des Himmels im Geist gemacht hatte, nicht zerstört werden sollte, und auch der Kaiser selbst mochte nicht von tausend Gaffern in seiner kaiserlichen Ruhe und Würde gestört werden. Und dieses letztere wird jeder echte Künstler dem japanischen Kaiser am besten nachempfinden können.
Wie störend sind heutzutage die Zeitungsumfragen, mit denen die Künstler geplagt und gestört werden. Nur eines Augenblicksreizes wegen, nur um einen leeren Neugierreiz der Masse zu befriedigen, soll der Künstler antworten. Der Künstler sollte immer ein unsichtbarer Schöpfer bleiben dürfen. Und ich denke mir, der allerschönste Nachruhm für einen echten Künstler ist der, daß sein Kunstwerk namenlos groß bestehen bleibt, daß er auf viele Zeiten und Völker befruchtend mit seinem Werke wirkt, aber daß sein Leben hinter dem Werk verschwindet. So daß man in späten Zeiten nichts von ihm weiß und sich über seine Herkunft streitet, da er so bescheiden und unauffällig gelebt hat, daß sein Leben verschwinden konnte hinter seiner starken Arbeit, hinter seiner starken Schöpfung, die erst sein eigentliches Leben, sein unsterbliches, ewiges Dasein bedeutet.
Wir wissen von den Gesängen der „Edda“ nicht mehr die Namen der Dichter. Wir wissen vom „Nibelungenlied“ nicht mehr, wer es gedichtet hat. Wir wissen von vielen schönen alten Volksliedern nicht mehr, wer sie gesungen hat. Kümmern wir uns darum, wenn wir die Märchen von „Tausend und eine Nacht“ lesen, nach den Namen der arabischen Dichter zu fragen? Wunderbare Werke reißen uns so fort, daß wir darüber den Dichternamen vergessen.
Und dieses, dünkt mir, ist die allerhöchste Anerkennung für einen Dichter, wenn seine Werke so blind hinreißend die Menschen packen können, daß seine Werke selbständige Welten wurden, und daß nur des Dichters Nation, daß nur ihr Name an Stelle des Künstlernamens tritt.
Dieses Vergessen des Künstlers darf aber nicht aus Vergeßlichkeit, aus Rücksichtslosigkeit, aus Geistesbeschränktheit seines Volkes entstehen. Sondern die Kraft seiner Schöpfung muß den Künstler vergessen machen, die Kraft der Hingabe an das Kunstwerk, die Kraft, die das Kunstwerk so überwältigend gestaltet hat, daß man den Dichter deutlich zu kennen, zu sehen, zu hören glaubt und dabei ganz vergißt, nach seinem Namen zu fragen.
Nur so soll diese höchste Anerkennung entstehen. Man ist dann dem toten Künstler viel näher und ist ihm näher noch als sein eigener Name ihm gewesen ist. Man wird eins mit ihm in Körper und Geist, als wäre man selbst der Schöpfer jener Kunstwerke.
Die Persönlichkeitsvergötterung, die heutzutage getrieben wird mit lebenden Künstlern, ist, so wohlgefällig sie im Augenblick für beide Teile sein kann, im letzten Grunde kunstfeindlich. Nur die Kunstwerke sollten gefeiert werden. Für das Leben des Künstlers aber soll in unauffälliger, ehrerbietiger Weise von Heimat und Staat gesorgt werden. Des Künstlers Person aber soll nur dadurch geehrt werden, daß man den Künstler ungestört, unbelästigt von vergötternder Neugierde, unbelästigt von äußerlichen, persönlichen Ehrungen sein Lebenswerk vollenden läßt. Denn der Widerhall, die Nachricht wie seine Werke wirken, wird immer zu ihm dringen, und dies wird und soll ihm genügende Befriedigung sein. Und das Bewußtsein, daß er stillschweigend, mehr und mehr, als der Stolz seiner Stadt und als der Stolz seines Landes mit anderen Künstlern zugleich gepriesen wird, muß ihm genügen, wenn er sich ernst nimmt.
Heutzutage leben fast die meisten Künstler, aus ihrer Heimat entwurzelt, einer Großstadtkunst ergeben. Denn ihr Weltdrang wurde in den jungen Jahren nicht genügend befriedigt. Und statt daß sie von aller Welt Lebenseindrücke aufnehmen können, müssen sie in den Kaffeehäusern der Großstadt oder im Großstadtgetriebe Kreise bilden und sich dort zusammenhalten, um sich leben zu fühlen.
Da die Nation den Heranwachsenden keine Hand zum Vorwärtskommen, zum Weltbetrachten bot, nicht durch Reiseerleichterung, nicht durch Unterkunftshäuser, nicht durch Heimatsverpflegung, so bildeten sich in den Großstädten unter den entwurzelten Künstlern jene kommenden und gehenden, hastigen, neuheitswütigen Kunstrichtungen aus. Denn die jungen Männer wurden unruhig, angepeitscht vom beirrenden Großstadtgetriebe, hastig im Ausdenken neuer Kunstwerte. Ich erlebte eine ganze Reihe solcher kommender und schwindender Kunstrichtungen in den jetzt bald fünfundzwanzig Jahren meiner Erfahrung.
Die Zeitbetrachtung aber wird in späteren Jahrhunderten nur feststellen, daß um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts, ähnlich wie um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts, eine sich neubildende Weltanschauung die Künstler zu neuen Formen in der Dichtung, wie in der Malerei und der Musik kommen ließ.
Und dann wird auch dieses einmal vergessen werden, und es werden nur einzelne Lieder, einzelne Kunstwerke dastehen, und man wird, um ihre Entstehungszeit zu bezeichnen, sich kurz fassen, wie man von diesen und jenen Volksliedern heute sagt: „Sie sind aus dem zehnten oder zwölften Jahrhundert entstanden,“ oder, „sie sind um die Zeit Karls des Großen entstanden.“ Dieses wird dann die reinliche Ausscheidung des Bleibenden von dem Nebensächlichen sein. Von den Geburtswehen verschiedener Kunstrichtungen wird man nichts mehr wissen oder nicht viel darnach fragen. Das Kunstwerk allein soll wie ein kleiner oder großer Stern am Himmel der Vergangenheit stehen.
Das Sichzusammenschließen der Künstler, das Richtungen hervorbrachte, die schnell auftauchten und schnell von neuen Richtungen abgelöst wurden, trat wohl niemals so stark auf als in den neunziger Jahren. Die Wichtigsten aller dieser Richtungen aber blieben der Naturalismus und die Neuromantik, die sich gegenseitig den Rang streitig machen wollten. Zwei große Gegensätze kämpften damals unter den Künstlern.
Der Naturalismus hat das Wirklichkeitserleben der Dichter geschult, und dann kam später wieder Schulung der Gedanken- und Phantasiewelt hinzu, die man zu Anfang der neunziger Jahre vor lauter Schwelgen im Wirklichkeitserkennen versäumt hatte.
Ich glaube aber, daß literarische Richtungen nie mehr so hastig auftauchen werden wie damals, keine sich überstürzenden Richtungen mehr einander ablösen werden, sondern daß ein selbstverständliches, geistvolles Erzählen und ein ganz selbstverständliches Liedersingen, jedem Land angepaßt und jeder Provinz angepaßt, im ganzen Reich einsetzen wird, sobald Dichter und Volk wieder _eine_ feststehende Weltanschauung bekommen haben.
Die christliche Weltanschauung war einmal ein künstlerisch befruchtendes Ideal und hat einmal Künstler und Volk eng zusammengeführt. Und auch in heidnischer Zeit, als die Götterideale bestanden, sind Künstler und Volk einheitlich begeistert worden.
_So wird auch die Anschauung von der natürlichen Festlichkeit des Lebens, von dem Bewußtsein, daß wir alles besitzen und alle uns besitzen, zugleich mit der Erkenntnis, daß wir im tiefsten Grunde Schöpfer und Geschöpf, unwirklich und wirklich sind und Festgeber und Gast des Lebensfestes sind, ein einheitliches künstlerisches Ideal werden können._ Denn diese Weltanschauung wird in einem Volke oder in allen Völkern der Erde, wenn sie Fuß gefaßt hat, die Herzen und die Gehirne des Menschen festlich kunstfreundlich erwärmen und erleuchten. Dann werden nicht mehr nach zwei, drei Jahren Kunstrichtungen auftauchen, Künstler und Volk verwirrend.
Dann werden Künstler und Volk sich nicht mehr entfremdet sein. Dann wird wieder stillschweigendes Einverständnis zwischen Künstler und Volk herrschen, wenn die Menschen -- welche die Festlichkeit des Weltallebens und ihres eigenen Lebens anerkannt haben -- nicht mehr nur die Welt als ein Jammertal oder als ein Durchgangsaufenthalt zum besseren Leben betrachten, sondern Zeit zum Kunstgenuß finden, und Zeit haben werden zur _künstlerischen_ Vertiefung in alles Weltalleben.
Jedes so aufgeklärte Volk wird mit der dem Künstler angeborenen Festlichkeit Schritt halten können, wenn es sich zu dem Standpunkt aufschwingt, daß alle Leben sich selbst belohnen und selbst bestrafen, daß alle Leben teilhaben an der Allmacht, an der Allwissenheit und an der Unsterblichkeit des Weltallfestes, und daß alle Leben, zu festlichem Dasein zusammengekommen, Festlichkeit schaffen wollen. --
Wie es ein Schaden für das Land ist, wenn Bauern und Landleute in großen Massen die Dörfer verlassen und, statt Landbau zu pflegen, einen Stadtberuf wählen, so ist es ein Schaden für die Kunst und für das Künstlertum, wenn Künstler in Massen ihre Heimatorte verlassen und sich in den Großstädten ansammeln, weil sie glauben, dort ihren Welthunger befriedigen zu können.
Gebt den Künstlern kostenlos Reisefreiheit zu Wasser und zu Land, gebt dem Künstler sein Heimathaus in der Vaterstadt oder in ihrer Umgebung und gebt ihm Unterkunftshäuser -- in der Art von Klubwohnhäusern in den Weltstädten --, wo jeder Künstler freie Verpflegung findet. Und er wird bei freier Reisemöglichkeit gar nicht den Drang haben, in den Weltstädten, die ihm im letzten Grund nur vorübergehend zusagen, sich für das ganze Leben dort niederlassen zu wollen. Das heißt, wenn er nicht selbst in einer der Großstädte geboren und dort zu Hause ist.
Die Möglichkeit, verschiedenste Länder und Weltstädte kostenlos besuchen zu können, und die Möglichkeit, kostenlos zur Bereicherung des Weltüberblickes große Seereisen machen zu können, alles dieses wird den Künstler nicht mehr heimatentwurzelt, sondern heimatsansässig machen, wenn er, heimgekehrt von den Reisen, die Arbeitsruhe ersehnt.
Wir leben in einer Zeit, die mehr von überzüchteter Großstadtdichtung lebt als von wohlgepflegter Heimatdichtung, welche in verschiedenen Landesteilen aus den verschiedenen Landschaften und verschiedenen Landschaftseelen aufblühen könnte, die aber nichts mit beschränkter Lokaldichtung gemein haben soll.
Man stelle sich vor: eine Provinzbevölkerung wohnt um einen Fluß oder um einen See. Eine andere Bevölkerung ist hauptsächlich auf Wald- und Wiesenland angewiesen. Eine dritte Provinz ist eine Heidelandschaft. Eine vierte liegt an der Meeresküste, eine fünfte liegt im Binnenland, in Bergen bei Bergseen, eine sechste kennt nur Gruben, Bergwerke, Fabriken, eine siebente treibt Ackerbau und hat Weinland und Hügellandschaft.
Wie verschieden ist die eine Bevölkerung von der anderen in jedem Landkreise! Wie verschieden müssen die Männer jeder Provinz denken und arbeiten! Und wie verschieden wird die Frauenschönheit, die im verschiedenen Menschenschlag, im verschiedenen Landeskreis auftritt, vom Künstler besungen und wiedergegeben werden müssen.
Es haben wenige Künstler ihre Heimat so geliebt wie zum Beispiel Fontane seine Mark liebte, und wie der Maler Hans Thoma sein badisches Land liebt. Wie jeder weise Mensch seine Eltern und seine nächste Familie näher fühlt als die Fremden, so wird in jedem Dichter die Heimatliebe zugleich mit der Liebesleidenschaft zu dem Weib, das er sich von irgendwo aus der Welt nach Hause geholt hat, am besten die innigsten und herzlichsten Stimmungen und Bilder aus seiner Dichterkraft auslösen.
Von allen großen Künstlern wissen wir, daß sie gerne gewandert sind. Ich erinnere nur an die Deutschen Walter von der Vogelweide, Dürer, Goethe. Und wie fruchtbar blühte Geist und Herz des Künstlers nach der Wanderzeit. Denkt an Richard Wagner, denkt an Nietzsche. In den jungen Jahren zogen sie alle hinaus und wechselten Ort um Ort. Aber der war nie ein großer Künstler, der nicht endlich seßhaft werden konnte. Und glücklich der, der dann die Seßhaftigkeit wieder in der Heimat finden durfte. --