Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band

Part 6

Chapter 63,466 wordsPublic domain

Goethes Geist ist in der deutschen Nation so selten wie Bismarcks Geist und Moltkes Geist. Aber deshalb ernährt man doch viele Offiziere und Staatsbeamte, wenn diese auch keine Bismarcks und Moltkes werden, und bietet ihnen Ehren und Unterhalt, Wohnung und Altersversorgung. Und soviel wie diese Beamtenschar, die der Staat heute ernährt, Versorgungsgelder beansprucht und Würdegelder, soviel wird im Verhältnis nie der Künstler dem Staat kosten. Denn die echten Künstler werden von der Natur vereinzelt geboren und können nicht durch Schulen gezüchtet werden wie Beamte und Offiziere! Also werden sie nie in Massen da sein. Aber die Werte, die hundert von tausend Künstlern hinterlassen, sind immer unschätzbarer und unbezahlbarer als die Werte, die hundert Beamte von tausend Beamten auf Hunderte von Jahren der Zukunftsentwicklung des Nationalgeistes schenken können.

Außerdem soll der Künstler -- und jeder echte Künstler wird es so wollen -- nicht in Protzerei und Großtuerei vom Staate großgepflegt werden. Sondern es soll ihm verholfen werden zur Bewegungsfreiheit und Heimatsruhe, und es soll ihm Schutz vor Nahrungs-, Gesundheits- und Verpflegungssorgen gewährt werden. Dieses Wenige aber soll ihm in gediegenster und ehrendster Weise zugesprochen werden. Denn des Künstlers Leben, auch des jüngsten künstlerischen Anfängers, bedeutet, sowohl wie seine Werke nach seinem Tode, ein Ehrengut für die Nation.

In den achtziger und neunziger Jahren, in jener Zeit, von der ich hier in meinem Buch „Gedankengut“ spreche, waren die Selbstmorde unter den jungen Künstlern in schreckenerregender Weise an der Tagesordnung. Das neue Großstadtleben, das da zum erstenmal von der Maschinenwelt urplötzlich aufgebaut, im Glanz des neuen elektrischen Lichtes, in der Eile des Reiseverkehrs und mit dem Einsetzen des blendenden Nachtlebens, dastand, verwirrte manchen jungen Geist. Ebenso kam dazu die öffentliche Unverhülltheit des bisher unterdrückten Geschlechtslebens, das aus der Verkümmerung und Unterdrückung in einen Geschlechtstaumel umschlug, der nichts mehr mit heiliger, selbstverständlicher, aus der Natur geborener Geschlechtsliebe zu tun hatte.

Dieses Großstadtleben überreizte jährlich viele aufwachsende und ins Leben tretende junge künstlerische Talente mit seinen neuen schwindelnden Freiheiten. Es riß die jungen Künstler aus dem Heimatboden in nervenerschütterndes Getriebe, erweckte maßlose Weltgier und Sinnenbegierde und erfüllte die Künstlerherzen nur mit viel Blendwerk und mit viel krankhaftem Verlangen aufgestachelter Erwartungen.

Der Alkohol spielte dann als Hauptbetäubungsmittel eine große Rolle. Die käufliche Straßenliebe und die herzloseste Abenteuerjagd, die das innerste Verlangen nicht stillen konnten, trieben die zerrütteten Geister junger Künstler entweder ins Irrenhaus oder zur Alkoholvergiftung an oder zum Selbstmord.

Würden aber die jungen Künstlerkräfte, die da welthungrig in den Weltstädten zusammenkamen, freie Wege, von Staat und Nation gebotene freie Weltwanderwege gefunden haben, und würden sie auch die Versicherung gehabt haben, daß bei der Rückkehr aus der Fremde ihnen die Heimat immer einen Ehrenruheplatz zu bieten hatte, so wären nicht die Verzweiflung, die Verirrung, der Selbstmord damals so alltäglich geworden.

Ein verrückter Maler, ein verrückter Dichter, ein Malerlump, ein Dichterlump, ein armer Musikernarr -- so hörte man und hört man noch heute im Volk die jungen Künstler verächtlich nennen, sie, die vielleicht nicht immer welterschütternde Werke hinterlassen werden, die aber doch meistens alle ehrlich streben und auch mit dem kleinsten Werk Festlichkeit verbreiten können und einen Hauch von seliger Unwirklichkeit in die sich sonst heißlaufende Wirklichkeit des Lebens zu bringen vermögen.

Es ist nicht wahr und es ist eine Selbsttäuschung, wenn eine Nation behauptet, sie könne das Heer der jungen Künstler nicht ernähren. Sie muß es können. So gut wie sie das Muskelheer, das Kriegsheer, vaterlandsfreudig ernährt, muß sie das Geistesheer _junger schöpferischer_ Künstler ernähren.

Die Nation muß die geistigen Förderer, die zur Erhöhung der Lebensfestlichkeit und zur Erhöhung des Lebensmutes und zur geistigen festlichen Erhebung dem Volk geboren sind, mit allen Kräften und allen Ehren von allen Sorgen des Alltagslebens befreien, damit jeder Künstler sein ihm _angeborenes_ festliches Innere, seine ihm _angeborene_ geistige Schöpferkraft in erschöpfendstem Maße betätigen kann. Nur dann darf sich eine Nation vollkommen lebenswürdig nennen, wenn sie sich aufrafft und sorgt, daß ihre Künstler, deren Werke sie später als Nationaleigentum beansprucht, bei Lebzeiten Anspruch haben dürfen auf würdigste nationale Förderung.

Und wenn _Heimatgemeinde_ und _Staatsgemeinde_ Hand in Hand gehen bei der Förderung der Lebensfrage ihrer Künstler, so wird eine Hilfe gar nicht so schwer sein und unmöglich, wie das bis zum heutigen Tag allgemein angenommen wurde. Der Staat _allein_ kann nicht helfen. Er hat auch nicht den Einblick in jede einzelne Künstlernatur. Die Stadtgemeinde aber, die den Künstler geboren hat, trägt die erste Verpflichtung zur ehrenvollen Erhaltung des Künstlerlebens, das in ihren Mauern geboren wurde. Der Staat aber soll das Reisen der Künstler zu Wasser und zu Land durch Reiseerleichterung und Einrichtung von Unterkunftshäusern ermöglichen.

Wie schnell werden dann jene Kaffeehausliteraten ihre Arbeitswege finden und nicht mehr, brütend und zeitvergeudend, ihre Jugend vertrauernd, sich dem Spott des Publikums preisgeben müssen. Wenn jene jungen Künstler frei reisen können, werden sie nicht mehr in ihrer Traumseligkeit bloß die Kaffeehäuser aufsuchen müssen. Ihre Träume werden durch weites Reisen großzügige Weltnahrung erhalten, und später dann, von der Weltwanderung zurückgekehrt, werden sie ihre Heimat doppelt lieben können, werden mehr als in jedem anderen Land die Schönheit der engen Heimat entdecken und werden herzliche Dichter und weise Berater ihrem Volke sein können.

Wenn man aber sagen würde, daß es Jahrhunderte den Künstlern schlecht gegangen ist und Jahrhunderte ihnen ohne Stadt- und Staatshilfe weiter schlecht gehen soll, so ist das eine liederliche und unwissende Antwort. Es ist, als wollte einer sagen: wir sind Jahrhunderte ohne Eisenbahnen und ohne Telegraphie ausgekommen, wir haben uns Jahrhunderte nicht gegen die Pocken impfen lassen müssen, und die Menschheit hat doch gelebt, jede Neuerung ist ein Unsinn, weil die Menschheit sich ohne Neuheit von selbst durchschlägt oder verdirbt!

_Kein ernstes Gehirn und kein ernstes Herz wird einer so menschenunwürdigen Antwort zustimmen können_.

Natürlich ist nicht jeder, der einen Reim schreiben kann, ein Dichter. Nicht jeder, der eine Zeichnung nachzeichnen kann, ist ein Maler, und nicht jeder, der ein Instrument spielen kann, ist ein Komponist. Aber jeder Stadt wird es mit der Zeit nicht schwer fallen, in ihren Mauern ihre wirklich schöpferischen Künstler zu entdecken und diese in den Stadthaushalt aufzunehmen.

Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr, vielleicht auch noch früher, wird es jedem Künstler möglich sein, den Beweis zu liefern, daß er etwas Eigenartiges schaffen kann. Von dann ab sollte er in die Stadtobhut aufgenommen werden. Wenn nicht der Beweis so auffallend ist, daß er schon mit zwanzig Jahren die Aufnahme erlangen kann. Mit der Aufnahme in den Stadtschutz müßte dann zugleich die Aufnahme in den Staatsschutz verbunden sein.

Und kann ein junger Künstler nicht mit fünfundzwanzig Jahren den Beweis seiner Fähigkeit bringen, so bringt er vielleicht mit dreißig, mit fünfunddreißig, mit vierzig Jahren den Beweis, daß sein Leben ein geistiges Heimatgut und damit ein geistiges Staatsgut bedeutet.

Der Gedanke, nicht ewig dem Elend preisgegeben zu sein, wird einem jungen Künstler, wenn er auch noch nicht den Stadtschutz erlangt hat, mutig und lebenszuversichtlicher machen und ihn vor den großen Bekümmernissen schützen, die seine geistigen Arbeiten benachteiligen. Denn es ist eine traurige Niederträchtigkeit, wenn unverständige Menschen den jungen Künstlern nachsagen, daß, je mehr Not sie leiden müssen, desto besser die jungen Geister arbeiten können.

Das ist gerade so unsinnig und roh gesprochen, als wollte ich sagen: je weniger ich einen Garten pflege, desto mehr Blumen blühen und desto mehr Früchte tragen die Bäume dort.

Die Blumen und die Früchte, die sich unter Mühseligkeiten, ohne Pflege im verwahrlosten Garten durchschlagen müssen durch Unkraut, Insektenfraß und auf vernachlässigtem ungedüngtem Boden, die werden recht kümmerlich ausfallen im Vergleich zu denen die auf einem gut gepflegten Gartenstücke aufwuchsen.

Der junge Künstler, der sich zum Stadt- und Staatsschutz hin entwickelt, wird in seiner Familie, bei seinen Verwandten und Freunden Achtung erhalten! Und bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr wird die Familie nicht abstehen wollen, den jungen Künstler wie einen Studenten, den sie danach versorgt weiß, nach Kräften zu unterstützen. Der junge, sonst von seinen Verwandten unverstandene und beargwöhnte Künstler wird der Verachtung enthoben werden durch die Aussicht, daß er nach seiner ersten stärkeren Arbeit dann für die weiteren Arbeiten den Schutz und die Ehrenversorgung der Nation finden wird.

Und sollte es wirklich vorkommen, daß unverdientermaßen einige halbe Talente Unterkunft gefunden hätten, so wäre das Unglück nicht zu groß, denn wie viele halbe Beamte und halbe Offiziere ernährt nicht der Staat seit Jahren. Größer ist das Verschulden der Nation, wenn sie die Gesamternte der Kunst nicht heben und steigern will. Denn dadurch wird die Lebensfestlichkeit, der Lebensmut und die Lebenskraft eines ganzen Volkes und seine Weisheit und seine Gefühlswelt niedergehalten.

Was nützt ein stehendes Heer, was nützen alle Offiziere und Beamte, die zum Kulturschutz da sind, wenn in dem Schutzwall, den das Heer und das Beamtentum um die Geisteskraft des Volkes bilden soll, diese Geisteskraft nicht zu gepflegtem Blühen gebracht wird. Denn die höchste Blüte der nationalen Geisteskraft war nie allein das Gelehrtentum eines Volkes, sondern vor allem war es das Künstlertum.

Seht zurück auf die Jahrtausende, was von dem Leben der toten Völker heute noch fruchtbringend zu uns gekommen ist. Es sind das meistens nur die künstlerischen Werke toter Nationen. Mit den Wissenschaften vergangener Jahrtausende können wir nicht allzuviel mehr anfangen, und nur einiges davon wirkt noch befruchtend, während die Dichter und die Künstler untergegangener Nationen heute noch in ihren Werken immer gefühlbefruchtend ewig unter uns weiterleben.

Wir können fast gar nicht daran glauben, wenn wir zum Beispiel ein altes chinesisches Gedicht, ein indisches Lied, ein griechisches Drama, eine ägyptische oder griechische Bildsäule nachempfinden, daß diese Geschlechter, aus deren Zeit diese Werke uns überliefert wurden, vom Erdboden verschwunden sind. Diese Geschlechter haben nur ihren Körper, aber nicht ihren Geist aufgegeben. Denn ihr Geist lebt in den überlieferten Kunstwerken fruchtbringend und unüberwindlich, alle kommenden Zeiten zur Achtung zwingend und an die tote Zeit erinnernd.

Die Künstler sind die unsterblichen Atome der Völker. Was diese Atome taten oder sagten, behält ewige Lebenswärme, wenn es echt gewesen. Denn die Werke der Künstler bilden den Unsterblichkeitsbestand untergegangener Völker.

Und wenn der einzelne Mensch gern an ein Fortleben seines eigenen Lebens und des Lebens seiner Lieben denken möchte, so wird er, wenn er ein ernstes Wesen ist, auch an dem Fortleben seines Volkes, in dessen Mitte sein Leben sich abspielte, beteiligt sein wollen und sich daran beteiligen müssen.

Darum wird es Ehrenpflicht jedes Bürgers sein, daß er mit der Erhaltung des Künstlertums und mit ehrenvoller Verpflegung der Künstler zur Unsterblichkeit der Nation beisteuert. Ebenso, wie jeder tüchtige Bürger zur nationalen Verteidigung mit seinem gesunden Körper und seinen Steuern willig beiträgt. Es wird eine Steuer, zum Nutzen der Künstler den verschiedenen Ständen des Volkes, der Arbeiterklasse, der Beamtenklasse und der Kaufmannsklasse angepaßt, das ganz selbstverständliche und natürliche Mittel sein, zu dem die veredelte und sich selbst achtende Nation greifen muß, um festliche Daseinsberechtigung und künstlerische Unsterblichkeit zu erlangen.

* * * * *

Als eines der vielen tausend Beispiele, die ich bringen könnte, um dem deutschen Volk zu berichten, wie bitter und grausam ein junger Künstler von der Verpflegungssorge gequält werden kann, will ich nur einen der unglücklichsten Fälle aus meinem eigenen Leben erzählen.

Es war eines Tages in Paris. Meine Frau und ich waren schon wieder von Mexiko zurückgekehrt, wo wir gehofft hatten, unter billigen Lebensverhältnissen und fern von dem anspruchsvollen europäischen Leben uns niederzulassen und uns durchzuschlagen. Es war ein Rettungsversuch gewesen, ein Fluchtversuch fort von der Überkultur. Mit dem Rest meines Vermögens hatte ich mir in Mexiko einen Tropengarten kaufen wollen, dessen Ertrag uns ernähren sollte.

Diese und viele andere verzweifelte Versuche, Dichtung und Lebensverdienst zu vereinigen, waren gescheitert, und mittellos befanden wir uns wieder, nach Paris zurückgekehrt, in einem bescheidenen Künstlerhotel im Stadtviertel Montparnasse. Wir wohnten in einem kleinen Zimmer, das wirklich für nicht mehr als fünf Schritte Raum hatte. Aber wir waren verhältnismäßig unbesorgt, und ich dichtete, und wir hofften auf die Hilfe von Verwandten, denen wir geschrieben hatten.

Aber die Antwort blieb aus. Und eines Tages hatte ich kein Kupferstück mehr in der Tasche. In Paris war es uns unmöglich, in eine Wirtschaft zu gehen und auf Stundung zu essen, und es blieb uns auch keine Aussicht, von irgendwelcher Seite Hilfe zu bekommen.

Tonlos und die Verzweiflung einander nicht zeigen wollend, saßen wir, meine Frau und ich, in unserem kleinen Zimmer und hatten nicht gefrühstückt und wußten, daß wir weder Mittag- und Abendessen erhalten würden, und daß wir wahrscheinlich auch, wenn wir nicht vorher verhungert sein würden, das Gasthaus bald verlassen müßten, da wir die Miete des winzigen Zimmers nicht zahlen konnten.

Wir hatten natürlich unzählige Briefe geschrieben nach verschiedenen Seiten, aber entweder abschlägige Antworten oder gar keine Antwort erhalten. Und doch hatte ich viele Bekannte und viele Verwandte in aller Welt und hatte auch mehrere Bücher veröffentlicht, und man wußte, daß ich kein zweifelhafter Anfänger mehr war, denn mein Name war bereits unter die Namen der neuzeitlichen Literatur als bekannt aufgenommen worden. Und doch war dieses Mal, wie so oft vorher und nachher, keine Hand da, die uns Schutz bieten wollte. Denn niemand fühlt einem Künstler gegenüber, auch wenn dieser schon bekannt ist, eine Verpflichtung, bevor derselbe nicht gestorben ist. Dann erst setzt die Verpflichtung, ihn als Nationalgut zu ehren, die Häuser, in denen er gewohnt hat, mit Tafeln zu versehen, seine Notbriefe zu veröffentlichen, mit rührender und leider mit recht nutzloser Sorgfalt ein.

An jenem grauen Sorgentag, an dem die große Stadt Paris mir wie ein menschenleeres Meer vorkam, auf dem meine Frau und ich vergeblich hilfesuchend hintrieben, fand ich, als ich gegen Abend die Gasthaustreppe hinunterstieg, am Schlüsselhalter neben der Hausmeisterstube bei meiner Zimmernummer ein Telegramm für mich angesteckt.

Ich will das gefaltete Papier öffnen, als meine Frau im selben Augenblick durch die Haustüre von der Straße hereinkommt, da sie auf der Post gewesen und meine Briefe fortgeschickt hatte. Sie sieht das noch ungeöffnete Telegramm in meiner Hand, erschrickt und bittet mich dringend, es nicht zu lesen. Ich verstehe, daß sie irgendeinen Verwandten, von dem es mir peinlich wäre, Hilfe anzunehmen, telegraphisch um Hilfe angegangen hat, und daß dieses nun die Antwort sein muß, der meine Frau mich aber nicht aussetzen will, im Fall dieselbe abschlägig ist.

So deutete ich mir den Schrecken in ihrem Gesicht. Und um sie nicht zu quälen, gab ich ihr das Telegramm ungeöffnet. Wir verließen dann zusammen das Gasthaus und gingen auf dem stillen Boulevard Raspail hin. Und hier erzählte sie mir unter Tränen, daß ihr, nach all den abschlägigen Antworten, nichts anderes übriggeblieben war, als einen ganz außergewöhnlichen, aber notwendigen Ausweg zu wählen. Sie hatte am Nachmittag ihrem Vater, der nicht mehr helfen wollte, nach Stockholm telegraphiert, daß ich plötzlich an einem Hirnschlag gestorben sei! Und sie hatte ihn um _Beerdigungsgeld_ gebeten! -- Nun war es uns ganz schauerlich zumute, als wir das Telegramm öffneten, das meines Schwiegervaters Beileid enthielt und zugleich die Meldung, daß tausend Franken für die Beerdigungskosten telegraphisch folgen würden. Ich war tief erschüttert. Niemals ist mir eine Hilfe so schauerlich und grauenhaft erschienen wie diese. Und doch mußte ich meiner Frau recht geben, als sie diesen einzigen Ausweg, den es für uns gab, gewählt hatte.

Wir gingen zum Gasthaus zurück und warteten unter unheimlicher Bedrückung und empfingen eine Stunde später von der Post mein Beerdigungsgeld. Und noch unheimlicher wurde dann die kleine Mahlzeit, die wir in einer kleinen Künstlerwirtschaft, schweigend und mit Tränen kämpfend, einnahmen. Wir waren von der Sorge schon so ernst gemacht worden, daß wir dieses Mal nicht mehr die Kraft hatten, uns von dem empfangenen Geld mit jugendlicher Leichtigkeit zu sättigen.

Als wir zu unserem Gasthaus zurückkehrten, fanden wir dort andere Beileidstelegramme von anderen Familiengliedern meiner Frau aus Stockholm vor. Wir weinten, als läge wirklich ein Toter im Zimmer, so sehr quälte uns noch der Schrecken und die Schmach der Not. Dann mußten wir, um die Sorge der Angehörigen nicht zu lang auszudehnen, zurücktelegraphieren und melden, daß ich wieder am Leben sei, und zugleich schickten wir erklärende Briefe ab.

Aber mein Begräbnisessen, an dem ich selbst teilgenommen hatte, und jene Notstunden, die meine Frau zu dieser verzweifelten Notlüge gezwungen hatten, stehen mir heute noch schaudervoll im Gedächtnis. Nur die tausend jungen Künstler, die sich in ähnlicher Lage befunden haben, werden mir nachfühlen können. Aber den Fluch, der sich einem auf die Lippen drängt, den man erbittert jener Generation zurufen möchte, die nie ihre ganze Kraft eingesetzt hat, um sich der Kunstwerke, die ihr ihre Künstler schenkten, würdig zu erweisen -- diesen Fluch verschluckt man am besten. Denn immer ist noch die Annahme möglich -- wenn auch die Zeit zur Erkenntnis nationaler Pflichten bei den Völkern damals noch nicht reif war -- daß eine bessere Zeit jetzt anbricht, die dem Stand der Künstler gerecht werden muß. Diese Hoffnung tröstet mich und macht mir vergangene Schmerzen allmählich vergessen.

Vorläufig, finde ich, benehmen sich die Nationen dem Künstlerstand gegenüber im Großen und Ganzen wie Räuber einem Wehrlosen gegenüber. Sie raubten einfach dreißig Jahre nach dem Tod des Künstlers den Nachkommen das Eigentumsrecht der Arbeit des Verstorbenen. Dem sie im Leben nichts gegeben haben, den sie in seiner Jugend bezweifelt und verachtet haben, dem sie in seiner Jugend keine hilfreiche Hand gereicht haben, keine Mittel und Wege geschenkt -- dem nehmen sie auch noch das, was seinen Kindern und Enkeln gebührt, das Eigentumsrecht der väterlichen Arbeit.

Warum fallen nicht die Güter des Adels, warum fallen nicht die erworbenen Vermögen der Reichen, warum fallen nicht die Geschäfte verstorbener Handelsherren nach dreißig Jahren der Nation zu?

Richard Wagner wünschte, daß sein „Parcifal“ nur in Bayreuth gespielt würde. Welche Kämpfe hat es jetzt der Familie Wagners gekostet, ihr Eigentumsrecht nach dreißig Jahren verlängert zu erhalten! Dieser Künstler wurde bei Lebzeiten von seinen Gläubigern von Stadt zu Stadt gejagt. Er mußte sich verstecken, wurde in seinen Arbeitsjahren mit Schande und Spott beworfen und steht jetzt als der Herold eines neuen deutschen Musikgeistes, von ganz Europa gefeiert, an der Spitze der deutschen Musikwelt und brachte seinem Volk vor anderen Völkern Ruhm und Ehre.

Und ging es Beethoven anders? Verkannt und versorgt plagte er sich sein Leben lang. Nichts schenkte ihm die Nation. Aber er schenkte seinem Volk seine Kraft, so daß es sich nach seinem Tod das musikstolzeste Volk nennen durfte. Die Nation selbst aber hat nichts für Beethoven getan, als er lebte.

Für die Wehr des Landes sorgt man. Es kommt mir aber vor, als ob wir dicke Gartenmauern bauen, indessen drinnen im Garten die besten Bäume und die besten Pflanzen hungern. Und was nützen die Mauern, was nützt das Heer, wenn die Gartenleitung, wenn die Regierung die besten jungen Pflanzen und jungen Bäume nicht zu pflegen weiß.

Neulich erst hat sich eine ausgezeichnete polnische Malerin, die, tüchtig und anerkannt, von den besten französischen Malern gerühmt wurde, und deren Bilder von verschiedenen Museen angekauft wurden, nach jahrelanger Mühseligkeit, verzweifelt gemacht von Nahrungssorgen, in Warschau vor einen Eisenbahnzug auf die Schienen geworfen.

Die unglückliche Künstlerin war zu einem Besuch nach Hause nach Polen gereist. Vielleicht hoffte sie bei ihren Verwandten Hilfe zu finden oder in der Heimat überhaupt. Aber es scheint, Enttäuschung dort hat ihr den letzten Mut genommen. Und statt in den Zug zu steigen, der sie wieder nach Paris, in die bittere Mühseligkeit fern von der Heimat zurückführen sollte, hat die arme verzweifelte Frau den Tod gewählt und sich vor die Lokomotive geworfen.

Und diese Malerin war kein halbes Talent. Es war ein großes Talent, das mit ihr untergegangen ist. Und die Stadt Warschau hätte stolz sein dürfen, eine solche Künstlerin geboren zu haben. Wenn die Nationen stolz sind auf Völkersiege, so sollten sie noch stolzer sein auf Geistessiege.

In meiner Wohnung hängt ein Bild, das jene Frau gemalt hat. Sie war in Paris Schülerin Carrières gewesen, und sie hatte sogar selbst mit Carrière und einem anderen bedeutenden Pariser Maler eine Malschule eröffnet. Ich kannte sie gut, schon vom Tage an, an dem sie zum erstenmal nach Paris kam, bis zu ihrem Tode, und ich weiß genau, daß keine andere Sorge als die Sorge um den Lebensunterhalt jene Künstlerin in den Tod getrieben hat.

Die arme bedeutende Frau bewohnte ein großes Atelier, und dieser Raum war ihre Lebensstätte. Sie schlief auf einem kleinen Liegestuhl in einem Winkel dieser Werkstatthalle. Aber man soll nicht denken, daß jenes Atelier bunt aufgeputzt war mit weibischem Schmuck. Der große Raum war nur ernste Werkstatt, war die echte Arbeitsstätte eines echten Künstlergeistes. Mit Ausnahme von einigen notwendigen Hausgeräten standen da nur noch eine alte Kommode, ein Klavier und ein paar Tische und Stühle. Außerdem befanden sich nur Unmassen von Bilderrahmen, aufgespannte Leinwanden, Staffeleien und ein kleiner eiserner Ofen in dem arbeitsnüchternen Raum.

Die zarte Gestalt dieser Künstlerin, deren großer Kopf auf einem gebrechlichen lautlosen Körper lebte, sehe ich noch immer mit der Palette in der Hand vor mir. Eine große Palette, hinter der die schmächtige Dame fast verschwand.

Ein paar armselige Tassen ohne Untertassen und ein einziger Teelöffel, der, wenn Besuch da war, herumgereicht wurde, machten ihre wenigen Haushaltungsgegenstände aus. Sie aß täglich kaum mehr als ein Ei oder einen Zwieback und sie trank Tee in der Abendstunde und Tee in der Morgenstunde und Tee in der Mittagsstunde. Manchmal nur besuchte sie mittags eine kleine Arbeiterspeisestube, wo sie einen Teller Suppe aß und ein Brot.