Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band
Part 5
Nachdem ich es in Berlin niedergeschrieben hatte und dann zu einem kurzen Besuch zu meinem Vater nach Würzburg gereist war, kam ich mir in der Heimat unverstanden, wie Sun im Pfahlbaudorf vor. Und ich sehnte mich wieder heftig von den Menschen fort, da ich nicht wußte, wo ich das Mädchen finden sollte, das ich mir vorstellte. Ich sehnte mich wieder nach der Urwelt Schwedens zurück, wo mir die Natur, die unberührte, mit ihren Wäldern wohlgetan, wo keine Forstzählung den Wald kleinlich und zum Holzgeschäft machte, wo die Welt ursprünglich und herzlich war, so daß ich mich an ihr vergessen konnte. Während ich unter vielen Menschen meine Einsamkeit immer an mir nagen fühlte.
Der junge Schwede, der sich in Stockholm befand, schrieb mir, daß er auf Dalarö bei Stockholm einen schönen Sommeraufenthalt wisse. Dorthin reiste ich dann und wohnte auf einem Hof, der tief im Walde lag, und dort schrieb ich einige der Landschaftsgedichte, die sich in meinem kleinen Band „Reliquien“, meinem ersten Gedichtbuch, finden. Das Buch ließ ich bei meinem späteren Aufenthalt in Mexiko drucken, und noch später, im Jahre 1900, kam es dann durch einen deutschen Verlag in Neudruck an die breitere Öffentlichkeit.
Ich sollte unbeirrt wünschen, hatten die Amerikaner gesagt, und würde dadurch in die Nähe des Mädchens kommen, das für mich geboren an irgendeinem Fleck der Welt lebte. Ich wünschte heftig. Und es hat dieser Wunsch, der unbewußt hinter allen meinen Wünschen stand, mich in jenem Sommer nach Schweden geführt, wo ich im selben Herbst die Bekanntschaft jenes Mädchens machte, die dann meine Lebensgefährtin wurde und es heute noch ist. Und viel später, als ich die Amerikaner in Paris wiedersah und ihnen dann meine Frau vorstellte, erinnerten sie mich oft an die Stunden in London, da ich ihnen geklagt hatte -- wenn ich sie beide glücklich sah --, daß ich doch bald die Frau finden möchte, die für mich bereits an irgendeinem Ende der Erde lebte und wartete.
Und nie hätte ich damals in London glauben können, daß einige Monate später der Wunsch schon die Erfüllung finden sollte.
* * * * *
Mein Leben an der schwedischen Ostküste in diesem Sommer 1894, auf einem Hof in den Wäldern auf der Insel Dalarö, war durchaus nicht eigenartig und reizvoll, nicht mächtig und nicht erschütternd, nicht so, wie ich es im Granitland Bohuslän gefunden hatte. Wenn man diese beiden schwedischen Küsten miteinander vergleicht, drücken sich ihre Landschaftsunterschiede am besten mit den Worten aus: die Westküste zeigt eine männliche Haltung, schroff, unerbittlich, trotzig. Die Ostküste Schwedens dagegen wirkt weiblich, mit sanften Stränden, mit ebenen großen Waldungen, mit Wiesen und vielen sanften bewaldeten Inseln.
Meist grünen dort Tannen und Birken, dazwischen hier und da starke Eichen. Auch viele Steinblöcke sind in den Wäldern verstreut, aber nicht vergleichbar mit dem Granitpanzer Bohusläns. Das Meer ist an der schwedischen Ostküste schmeichelnder. Es hat den schwachen Wellenschlag eines Sackgassenmeeres. Es wirkt gezähmt und hat nichts von dem titanenhaften Fluten, von den frischen, schaffenden und vernichtenden Kräften, die das Meer im Skagerak beleben. Die Ostküste ist ein Land der Gutsbesitzer, und statt der Fische im Meer sind es dort die Kühe auf den Wiesen, die den Menschen versorgen müssen.
Diesen Unterschied fand ich zuerst reizlos. Aber die schwedische Güte und Treuherzigkeit, die überall im Lande zu Hause ist, gefiel mir auch in Dalarö, und so blieb ich bis spät in den Herbst dort und saß noch, als es regnete, draußen im Wald und machte Waldspaziergänge mit dem Lehrer einer Schnitzereischule. Das Schulhaus lag mitten im Dickicht und hatte viele Schüler, welche da eifrig wie Waldwichtelmänner in einem Holzhaus an Hobelbänken und Schnitztischen in Scharen arbeiteten. --
Als die Tage dann kurz und dunkel wurden, zog ich Anfang Oktober nach Stockholm. Ellen Key, die schwedische Philosophin, hatte damals einen literarischen Salon in Stockholm, wo sich Sonntags die bekanntesten schwedischen Schriftsteller trafen. Ich verkehrte gern bei der liebenswürdigen Ellen Key, und an einem Sonntagabend lernte ich bei ihr den jungen norwegischen lyrischen Dichter Sigbjörn Obstfelder kennen.
Ellen Key hatte in ihrem Salon zwischen den verschiedenen Sesseln ein kleines Stühlchen stehen, das war einst ihr eigenes Kinderstühlchen gewesen. Auf diesem kleinen Stuhl saß Obstfelder an jenem Abend, umgeben von einem Kreis von Herren und Damen. Er sprach so leise, daß sein Sprechen wie ein Wimmern war. Und als ich ihm ein wenig lebhaft in irgendeiner Frage widersprechen mußte, meinte Ellen Key, Obstfelder in Schutz nehmend: man dürfe das Lamm, wie sie ihn nannte, nicht so heftig anreden.
Ich erzähle diese kleine Begebenheit nur, um den jungen Dichter zu zeichnen, der sehr ernst, aber auch sehr empfindsam war, zugleich aber kräftig genug und eigentlich des Schutzes der Damen entraten konnte. Aber sein Hang zu großer Traurigkeit gab ihm den Schein von Hilflosigkeit. Und es war sehr gütig von Ellen Key gemeint, daß sie dem immer sorgenvollen und einem tiefen Weltschmerz nachhängenden, jungen Norweger schützend zu Hilfe kam.
Das Wesen dieses Dichters aber war das gerade Gegenteil von meinem Wesen. Während ich allen Lebensregungen die festliche Seite abgewinnen wollte und den festlichen Kern des Lebens immer betont haben wollte, war Sigbjörn Obstfelder von einem wollüstigen Nachhängen der Traurigkeiten des Lebens beherrscht.
Diese Art stieß mich ab, aber erregte zugleich immer wieder mein Erstaunen, weil ich es kaum für möglich halten konnte, daß jene Traurigkeit ernsthaft war. So kam ich fast auf den Gedanken, dieses Traurigsein für Einbildung zu halten, und es fesselte mich, zu ergründen, wie dieser junge Mann sich im Leben zurechtfinden konnte bei all dem Leid, das er freiwillig aufsuchte.
Als man Obstfelder fragte, ob er sich in Stockholm wohl fühle, wisperte er an jenem Abend etwas Unverständliches. Dann erklärte einer in der Gesellschaft, der ihm zunächst saß und die Worte verstanden hatte, der junge Dichter habe gesagt, er fühle sich nirgends wohl. Als wir beim Heimweg zusammen durch die Straßen Stockholms gingen, erzählte mir Obstfelder, daß er eine Witwe liebe, die rotverweinte Augen habe und einen großen schwarzen Kreppschleier am Hut trage. Und er sagte mir, daß ihn die Trauer der Dame angezogen habe. Sie hätten beide gestern einen schönen Nachmittag verlebt. Er habe sie auf den Kirchhof begleitet, an das Grab ihres Mannes, und habe den Kranz tragen dürfen. Das sagte er tieftraurig, einfach und ungesucht, als wäre das Traurigste das Begehrenswerteste für alle Menschen. Mir wurde unheimlich bei der Vorstellung, daß ein Mann mit jungem warmen Blut sich gern trauernden Menschen anschloß und Damen in Trauerschleiern bevorzugte und am liebsten Spaziergänge zu Kirchhöfen machte. Obstfelder sagte mir weiter, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, er liebe es, in Stadtvierteln zu wohnen, wo ganz arme Leute hausen, versorgte Gesichter armer Leute. Er suche sich als Wohnung gern Häuser aus, die so bekümmert aussehen wie ihre elenden Bewohner, Häuser, wo auf den Fensterbrettern ein paar kümmerliche Blumen stehen, dürftige Geranienstöcke, die in alte Scherben und Porzellantassen gepflanzt sind, wo Wäschestücke vor den Fenstern zum Trocknen aufgehängt sind und wo die grauen engen Treppenhäuser, die nach Kalk und Keller riechen, ausgetretene Treppenstufen haben. In solcher Umgebung, die nie frei aufgeatmet hat, in der das Leben bedrückt aus den Winkeln winselt, dort fühle er sich am wohlsten und zu Hause.
Ich hatte darnach geglaubt, daß Obstfelder hilfsbedürftig sei, und da ich in einer angenehmen Pension wohnte am Tegnerlund, in einem schönen, reinlichen und geräumigen Hause, mit Aussicht über die grüne freundliche Tegneranlage, so dachte ich, ich würde dem jungen Dichter etwas Gutes tun, wenn ich die liebenswürdige alte Dame, bei der ich wohnte, bäte, ihm einen billigen Mittagstisch zu geben. Aber Obstfelder fand es dann viel zu sonnig, viel zu schön, viel zu hell und viel zu freundlich bei jener Dame und sagte mir dieses, was ich ganz unbegreiflich fand.
Und ich sagte ihm: „Sie finden genug Traurigkeit auch in hellen freundlichen Häusern. Glauben Sie doch nicht, daß die reinlichen Menschen, die in schönen Häusern wohnen, nicht viele Traurigkeiten und viele ungeweinte Tränen verbergen müssen. Die Dame zum Beispiel, die jene Pension hat, in der ich wohne, ist von Kindheit an halb taub; sie hört nur, wenn man durch ein Hörrohr zu ihr spricht. Sie hat sich ihr Leben lang nur mit Büchern unterhalten müssen, und sie ist zart und vornehm und lautlos. Und wenn sie auch nicht einen Kreppschleier trägt, so umgibt sie doch immer ein dunkler Schleier von Lebenswehmut. Er ist nicht für die Augen zu sehen, aber für das Gefühl.“
Während ich dieses sagte, ärgerte ich mich dabei, daß ich dem Dichter der Traurigkeit mein freundliches helles Haus, in dem ich wohnte, von der innersten Seite erklärte, und daß ich ihm erst sagen mußte, was ich als etwas Selbstverständliches empfand, daß die Menschen, die zu lächeln suchen, während sie trauern, nicht minder stark empfindende Menschen sind als die, welche da offensichtlich weinen und traurig den Kopf hängen lassen. Aber Obstfelders Drang zu Traurigkeiten hin mag auch wohl darin begründet gewesen sein, daß sein Vater, der einst ein tüchtiger Bäcker war, in seiner Armut im Bürgerspital in Stavanger Unterkunft gefunden hatte. Vielleicht wollte der Sohn nicht besser wohnen als der Vater.
Sigbjörn Obstfelder war früher Ingenieur in Amerika gewesen und hatte dann, zurückgekehrt von dort, den ihm verhaßten Beruf aufgegeben. Er erhielt, als ich ihn kennen lernte, vom norwegischen Staat ein Jahresgeld, das aber so wenig war, daß er nie richtig aufatmen konnte. Der Fluch der meisten jungen Dichter ist es, daß sie die weite Welt erleben möchten und sich vertiefen möchten in die Leben ringsum, und in Lebensnot wie vom Leben Ausgestoßene jahrelang neben dem Lebensstrom herschleichen müssen, von bitterer Armut erniedrigt.
Auf meiner Weltreise, als ich fern in Asien in Hongkong und Schanghai und in Japan großen deutschen Kriegsschiffen begegnete, die auf dem Weg zu den Kolonien nach der Südsee waren oder dort in asiatischen Gewässern nach China beordert lagen, dachte ich oft beim Anblick der kostbaren Staatsfahrzeuge bei mir: wie wäre es doch so einfach, wenn auf diesen mächtig schwimmenden Staatskolossen, für die das Volk Millionen bezahlt hat, einige Kabinen für Gelehrte, Künstler und Dichter eingerichtet wären, um diesen freie Hin- und Rückfahrt nach fernen Ländern zu ermöglichen!
Und wie wäre es einfach, wenn neben den Kasernen oder in den Regierungsgebäuden in unseren Kolonien, die doch auch vom deutschen Volk bezahlt werden, ein Unterkunfthaus, eine Herberge für Gelehrte, Künstler und Dichter vom Staat eingerichtet würde! Welche Unsummen werden vom deutschen Volk an Beamte aller Art verwendet! Welche Unsummen für Kasernen und Schiffe! Es würde bei den Millionen, die dafür ausgegeben werden, nicht darauf ankommen, wenn der Staat den jungen Künstlern des Landes auf den Panzerschiffen freie Fahrt und in den Kolonien Unterkunftshäuser mit freiem Aufenthalt zum Studium der fremden Länder gewähren würde.
Und es würde auch nicht große Summe kosten, ein Taschengeld, ähnlich einem Beamtensold, den Studierenden zu jenen Reisen mitzugeben. Man dürfte aber nichts von ihnen fordern und nichts von ihnen erwarten nach dieser Reise. Man müßte ihnen Vertrauen und Glauben schenken, daß das, was man für sie täte, sich zum Vorteil für das Vaterland erweisen würde.
Denn manche Künstler, die gereist sind, konnten aus der Ferne nichts mit nach Hause bringen als ein gründliches Heimweh und ein echtes und tiefes Heimatserkennen. Es ist genug, wenn nur dieses erreicht wird, daß einer, indem er den richtigen Abstand von der Heimat bekommen hat und beim Vergleich mit anderen Völkern, die er besuchte, seine Heimat aufrichtig beurteilen lernte, durchdrungen wird vom Bewußtsein, daß niemals äußere Schönheit ferner Weltteile dem echten Mann die Heimatsscholle ersetzen kann. Ein Volk, das sich solch echte Heimatkünstler züchtet, tut sich selbst wohl, indem es immer den Dank und die Gedanken dieser Künstler an sich fesseln wird. Und die Werke dieser weitgewanderten Künstler werden tiefe, nutzvolle Arbeiten werden, da sie dann aus tiefen Heimwehlebensströmen geschöpft sind.
Während jetzt viele der jungen Künstlerkräfte aus Lebenshunger das Nachtleben der Großstädte und in ihrer Armut und Ratlosigkeit das Herumsitzen in Kaffeehäusern pflegen müssen, um wenigstens vor den Schaufenstern des Weltlebens zu bleiben, da ihre Geldmittel nicht zum Einhandeln großer Welteindrücke reichen, so würden dagegen freie Kriegsschiffsreisen die jungen Künstler reich befruchten können.
Man soll nicht spotten über die Kaffeehauspoeten der heutigen Zeit, die sich meistens aus jungen heranwachsenden, dichtenden Lebensanbetern zusammensetzen. Man soll helfen, statt zu spotten. Das Volk, jede Nation hat die Pflicht zu helfen. So gut wie ein Land seine Landesgrenzen erweitert, indem es ferne Kolonien gründet, im selben Verhältnis muß es auch die Weltblicke derer erweitern, die berufen sind, das Leben künstlerisch festzuhalten in allen Zeitläuften. Denn nur die Künstler können die fernen Länder dem Heimatland innerlich nahebringen.
Es sollten auch die Staatseisenbahnen allen angehenden jungen Künstlern, Gelehrten und Dichtern freie Fahrt durch ganz Deutschland geben, und ebenso sollten die Nationen untereinander den Künstlern diese freie Fahrt durch alle Länder ermöglichen.
Die schwedische Nation hat durch einen Schweden, der den Nobelpreis stiftete, die Bewunderung ganz Europas geerntet. Dieses Volk geht auch in der freien Eisenbahnreise der Künstler den Kulturvölkern mit großem Beispiel voran. Die stockholmer Eisenbahnverwaltung erteilt jedes Jahr einigen Künstlern, inländischen wie ausländischen, freie Reise erster Klasse vom südlichsten bis zum nördlichsten Grenzpunkt in Schweden. Ich selbst erhielt vor einigen Jahren für mich und meine Frau auf Anfragen diese freie Fahrt durch ganz Schweden, und ich weiß, daß freies Reisen auch anderen deutschen Schriftstellern gewährt wurde.
Warum ist die deutsche Nation sich nur ihrer Pflicht bewußt, ihre Minister, ihre Offiziere, ihre Geistlichen besolden zu müssen? Warum ist dieselbe Nation sich nicht ihrer Pflicht bewußt, ihre Künstler besolden zu müssen, die neue Seelenwerte hinterlassen? Neue Seelenwerte schaffen die Geistlichen, die immer wieder die Bibel erklären, nie, und die Geistlichen erhalten doch Besoldung und Pfarrhäuser vom Staat.
Die Städte, die einen Künstler geboren haben, sollten es als eine Ehre ansehen -- wenn sie es nicht als Pflicht betrachten -- dem Künstler, der die Erdscholle, der den Menschenstamm, aus der er hervorgeht, in seinen Werken verherrlichen wird, Haus und Garten zu bauen und ihn zu erhalten.
So wie die Städte Kasernen, Kirchen, Spitäler, Rathaus, Post, Bahnhof bauen können und sich Parke, Theater, Konzertsäle hinstellen, so sollten die Städte doch zuerst bei dem jungen Künstler Heimatschutz und Heimatsorge anwenden, der bei ihnen durch seine Geburt Heimatrecht erlangt hat.
Ein bescheidenes Haus, ein bescheidener Garten, eine bescheidene Einrichtung, gesundheitlich und sauber im Stand gehalten, eine bescheidene Küchenkost sollte jeder Künstler in seiner Heimat für sich finden, neben dem freien Reisen durch die Länder. Und laßt dann bei ihm seine Frau oder seine Familie, seinen Vater, seine Mutter, oder eines seiner Geschwister weilen, die um ihn sorgsam sein wollen. Denn bedenkt, daß der Künstler immer im Geiste weltfern leben muß, um echt im Geist und Gefühl zu schaffen. Und bedenkt, daß ein Künstler ein wenig Schutz um sich braucht, weil der Geist immer leichter zu gefährden ist als der Körper.
Ihr erlaubt doch euren Generälen und Offizieren, euren Ministern und Beamten, euren Lehrern und protestantischen Geistlichen, daß sie ihre staatliche Wohnung haben, worin sie mit ihrer Familie hausen. Seid nicht engherzig und gönnt euren Künstlern dasselbe, was ihr diesen Männern, die der Staat benötigt, bietet.
Jede Stadt sollte eine Jahressumme aussetzen für jeden ihrer Künstler, der Geburtsrecht in ihr hat. Jede Stadt wird so die Heimatkunst und dadurch die nationale Kunst bereichern helfen.
Der Künstler soll in seiner Heimatstadt seinen Erdfleck haben, sein Stück Vaterland und sein Heimatdach, wo er zu jeder Zeit, wenn er, bereichert von Wissen und Erleben, sich zurückziehen will, für kurz oder lang einen Ruheplatz zum Ergründen und Ausarbeiten seiner Eindrücke finden kann; einen Ruheplatz, wenn er krank ist, und einen Ruheplatz, wenn er alt ist.
Die flüchtige Hast, die viel unreifes Schreiben erzeugt und einen Wust von Büchern gebiert, durch die das Volk kaum den Weg aus nebensächlichen Werken zu hauptsächlichen Werken finden kann, wird wegfallen, sobald der Künstler immer wieder weiß, daß seine Stadt und zugleich die ganze Welt frei vor ihm liegt. Wenn er weiß, daß er frei, kostenlos wandern und zurückkehren darf, sobald er es verlangt, und überall standesgemäße Unterkunft findet.
Jeder Künstler muß wissen, daß er unermeßliches Vertrauen genießt, weil er mit dem kleinsten Buch, mit einem einzigen Gemälde, mit einem einzigen Musikstück Unermeßliches, Hoheitsvolles seiner Heimat geben kann, Höheres, als jemals Pfarrer, Lehrer und Beamte ihrer Heimat und ihrem Volke zu geben vermögen.
Dann wird mancher Künstler nicht gezwungen werden, manchem erniedrigenden bürgerlichen Zeitgeschmack zu huldigen, des täglichen Brotes und des Lebens zuliebe. Er wird stark werden durch die Heimat, die er bis zu seinem Lebensende als sicheren Lebensgrundstein spürt.
Es sollten sich Vereine bilden, die Einzelhäuser und Atelierhäuser und Unterkunftshäuser den wandernden Künstlern bauen.
Die Echtheit eines solchen mit Bewußtsein gepflegten Künstlertums wird das nationale Leben eines Volkes so verinnerlichen, daß davon die Völker, geistig gekräftigt und geistig erfrischt, sich in jeder Beziehung tatkräftiger fühlen werden. Denn durch die Würdigung des Künstlers wird die höchste nationale Geist- und Gefühlsentfaltung gepflegt. So wie Nationen bis jetzt für ihre körperliche Erhaltung sorgten, indem sie Handelsministerien, Kriegsministerien, Ministerien der Kolonien und andere Ministerien gegründet haben, müßten sie auch ein Künstlerministerium aus tätigen Künstlern gründen, das an Bedeutung zum mindesten der Nation so wichtig sein müßte wie die Schulangelegenheiten, die kirchlichen und die militärischen Angelegenheiten.
Aber zuerst müssen die Städte und Orte beginnen, ihre schöpferischsten Söhne, die Künstler, die in ihnen geboren sind, heimatlich und in allen Ehren zu verpflegen. Die Städte sollen sich aber nicht einfallen lassen, dabei in einen Wetteifer zu verfallen und zu protzen mit dem Wohltun, denn damit schädigen sie die künstlerische Ruhe ebensosehr wie mit der Vernachlässigung der Künstler. Die Städte sollen nicht künstlerische Schlemmer und künstlerische Verschwender erziehen. Die Städte sollen den in ihren Mauern geborenen Künstlern unveräußerliches Hab und Gut auf Lebenszeit zur Verfügung stellen. Aber die Heimat soll den Künstler nicht durch verderbliche Üppigkeit verwöhnen und vernichten. --
Ich sprach diese Gedanken aus, die mir oft auf Reisen und zu Hause im Herzen umgingen. Ich hatte die Künstlernot nicht bloß bei Hunderten von jungen heranwachsenden Künstlern in vielen Städten Europas vor Augen, auch meine eigenen Notstunden vergangener Jahre gaben mir diese Gedanken ein. Hunderte von Gesprächen habe ich gehört und hundertmal rastloses Fragen, wie den jungen heranwachsenden Künstlern am besten geholfen werden könne, damit sie die Welt in Tiefen und Weiten erleben und doch, in der Heimat festwurzelnd, ihrer großen Lebensaufgabe, die an sich mühevoll genug ist, ohne Armutsleiden gerecht werden könnten.
Ich will nicht sagen, daß alle Künstler das Reisen nötig haben. Manche werden zeitlebens ihre Scholle nicht verlassen wollen. Aber das werden die wenigsten sein. Ich glaube, daß jedem Künstler in der Jugend der Drang innewohnt, wenn nicht alle Weltteile, so doch die Heimat auf freien Reisewegen und die äußerste Heimat, die Kolonien, ebenfalls auf freien Reisewegen erleben zu wollen.
Und die Mittel, dieses zu erreichen, sind nicht so ungeheuerlich und nicht so unmöglich unerschwinglich für ein Volk, wenn man den Plan verfolgen würde, für die Künstler freie Reise auf den Staatsschiffen und freie Reise auf den Staatseisenbahnen einzurichten, und wenn man es durchsetzen würde, mit Errichtung von Unterkunftshäusern in den Großstädten und mit Errichtung von Heimathäusern in den Heimatsorten den betreffenden Künstlern das Wandern und das Wohnen und die Verpflegung zu erleichtern. --
* * * * *
Der arme Sigbjörn Obstfelder starb schon bald. Er wurde nur einige dreißig Jahre alt. Not, Gram, Unterernährung machten, daß er hinsiechte und lebenswiderstandslos wurde, und die erste größere Krankheit, die ihn traf, raffte ihn fort. Nachdem der Arme noch die Schrecken einer unglücklichen Ehe erlebt hatte und von der Frau, die er liebte, tägliche Verachtung ertragen mußte, weil er sie nicht ernähren konnte, wurde er todkrank und starb. Die Norweger sehen Obstfelder heute noch als einen ihrer tiefsten Lyriker an, die die Neuzeit hervorgebracht. Der Dichter des Elends und der Traurigkeit ist er gewesen und geworden durch das Elend, das heutzutage jeden armgeborenen Dichter verfolgt. --
Die meisten Völker haben ein Gesetz gemacht, das die Nutznießung der Werke eines Künstlers nur bis dreißig Jahre nach seinem Tode den Nachkommen des Künstlers gewährt. Die Nationen, die sich also ein Nationalrecht auf das Lebenswerk ihrer Künstler zugesprochen haben, haben das Eigentum eines Menschen nach dreißig Jahren als vogelfrei erklärt und als der Nation zugehörig. Die Völker, die dieses Gesetz gemacht und dieses Recht sich zueigneten, haben damit öffentlich kundgetan, daß der Künstler kein außer der Nation und außer dem Volksinteresse stehender Mensch ist.
Und es ist darum nicht bloß anständig, sondern gerecht, zu fordern, daß das Volk, das sich durch den Künstler später auf Jahrhunderte bereichert fühlt, eine Vorausvergütung auf diese zu erwartende Nationalbereicherung dem Künstler bei Lebzeiten zukommen läßt. Und zwar in der Weise, daß die Nation dem Künstler die Arbeit und die Aufnahme von Lebenseindrücken erleichtert. Jedes Künstlers Heimatstadt soll angewiesen sein, den Künstler, der ihr einst Ruhm bringt und ihr einen geistigen Besitz hinterläßt, nicht bloß gnädig zu besolden, sondern diese Stadt soll dem Künstler einen Ehrenunterhalt bieten. Denn angeborenes Künstlertum berechtigt den jungen Künstler, einen Ehrensold zu erwarten und zu empfangen.
Der Einwand, daß soundso viele junge Kräfte vielleicht der Nation keinen Reichtum zurücklassen, indem nach ihrem Tode ihre Werke vielleicht nicht einmal von dreißigjähriger Bedeutung sind, dieser Einwand wird dadurch hinfällig gemacht, daß ein einziger großer Künstler jene hundert und mehr umsonst vom Staate ernährte Künstler aufwiegen würde.