Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band

Part 19

Chapter 193,628 wordsPublic domain

So wie die Graswege jetzt hier unter hohen Ahornhainen, unter schönen hochgeschwungenen Platanen, bei blendendweißen stattlichen Birkenstämmen, mit den vielfarbigen Scharen der Anemonen bevölkert waren, so war auch der Weg selbst nicht einsam. Überall kamen unserem Geist die Geister fröhlich wandernder Griechen aus der Vergangenheit entgegen. Menschenleer war die Landschaft, aber hoheitsvoll seelenbevölkert.

Ein paarmal kamen wir an echt arkadischen Wiesen und Quellen vorüber. Da war eine Quelle, die sprang als mannsdicker Silberstrahl von einem kleinen haushohen Hügel in weitem Bogen und freiem Sprung von grüner Höhe auf die blumenbedeckte Wiese. Dieser köstliche Wasserstrahl kam erquickend und lebendig in die weiche Wiesenstille, und es würde uns nicht verwundert haben, wenn hier bei der Quelle und den Blumen Quellnymphen und Baumnymphen sich aus dem Gras erhoben hätten und in rhythmischen Tanzreigen unter dem arkadischen Frühlingsblau vorübergezogen wären.

Am Wege trafen wir selten ein Haus. Aber wenn wir zu einem der kleinen weißgekalkten Bauernhäuschen kamen, herrschte dort ideale Armut und patriarchalische Einfachheit. Der Hausherr, ein schlichtgekleideter Landmann, verbeugte sich unter der Tür. Er konnte uns kein Mahl bieten, auch nicht für Geld, denn er selbst lebte nur von Brot und Milch und getrockneten Feigen.

Ein Gläschen wasserfarbener Mastichabranntwein war alles, was wir kaufen konnten. Aber wir hatten Brot und Feigen, etwas Schinken und kaltes Huhn von Olympia in den Reisetaschen mitgenommen; wir saßen vor dem Hause nieder unter den hohen glitzernden bauschigen Silberpappeln am grasigen Wegrand und dachten selbst kaum daran, das wenige zu essen, das wir bei uns hatten.

Denn die kräuterduftende Luft hier, die Luft aus den grünen Bäumen und die Luft aus der kühlen Frühlingserde und aus dem kühlen Frühlingsgras erquickte uns festlich das Herz, und wer von dieser Luft kostete, kam sich frisch genährt vor. Diese Luft ließ im Magen keinen Hunger aufkommen.

Niemals bin ich wieder tagelang so anstrengend gereist, und niemals habe ich tagelang so wenig Nahrung zu mir nehmen müssen. Und am Abend jener Tage war ich nicht müde. Es war, als würden wir hier vom Himmel unsichtbar mit Nektar und Ambrosia genährt.

Einmal ließen wir uns abends in einer Hirtenhütte, wo wir die Pferde eingestellt hatten und wo wir übernachten sollten, ein Huhn auftischen. Der Hirte briet es uns am Spieß über einem kleinen offenen Feuer, das auf einem Stein am gestampften Erdfußboden brannte. An dem mageren Huhn war aber nichts zu essen. Es hatte nur Knochenröhren und am Feuer gedörrte Stoppelhaut zu bieten. Doch war ich von den wenigen Bissen schon übersatt. Es war, als nährte einen schon der Geruch des Feuers, der an dem dürren Huhn haftete.

Auf dem ganzen Ritt durch den Peloponnes fanden wir bis Kalamata kein europäisches Gasthaus. In der ersten Nacht kamen wir in ein Bergnest, das an einem abschüssigen Gebirgshang mühsam von unseren Pferden erklettert wurde. In der Abenddämmerung, als schon die Sonne untergegangen war, erklommen wir das wilde verwahrloste Bergstädtchen, zu welchem sich selten ein Reisender verirrte. Der Ort hieß Andritzina.

Ein paar Stunden vorher hatten wir auf einer anderen kahlen Höhe, bei einem einzelnstehenden Haus, ein Glas Wein kaufen können. Und wie wir noch dort vor der Haustüre auf- und abstampften, um die im unbequemen Holzsattel taub gewordenen Beine lebendig zu machen, kam ein Reiter, ein düsterer Kerl, auf bepacktem Pferd und stieg gleichfalls vor jener einsamen Haustüre ab.

Während er mit dem Hausherrn, der unter der Türe erschien, mit griechischer Lebendigkeit laute Worte tauschte, die wir nicht verstanden, bemerkte ich, als der fremde Reiter mit der rechten Hand den Sattel seines Pferdes rückte, daß ihm an dieser Hand neben dem kleinen Finger ein sechster lebloser Finger baumelte.

Die Sonne war eben im trüben Bergdunst untergegangen. Der schwarzbärtige, etwas verwilderte Grieche, seine Sprache, die ich nicht verstand, die düstere Abendluft, die Bergeinsamkeit, die menschenleere totstille Landschaft rund um uns, alles das brachte mich auf unheimliche Erinnerungen, auf Geschichten von griechischen Räubereien, wo man europäische Reisende in die Berge verschleppt und sie erst, nachdem man großes Lösegeld gefordert, freigelassen hatte.

Ich trieb unseren Führer zur Eile an, da es mir unangenehm schien, wenn jener Mensch mit dem seltsamen sechsten Finger an der rechten Hand uns wie ein Spuk im heranbrechenden Abend folgen würde. Ich sagte meine Befürchtungen, als wir weiter geritten waren, meinem Reisegefährten, der sich gewundert hatte, daß ich mein Pferd so eilig anspornte. Und wir trieben dann unsere beiden Pferde lebhaft vorwärts, so daß wir den Führer weit hinter uns ließen.

Wir hörten bald auch schon die klappernden Hufe des fremden Reiters, der uns folgte, auf den Steinen des ausgetrockneten Bachbettes, das wir in der Abenddämmerung eben durchquert hatten. Da es nur einen Weg nach Andritzina gab, konnten wir das Reiseziel nicht verfehlen. Immer aber, wenn ich mich umsah, bemerkte ich zwei, drei Reiter mehr, die über den kahlen Anhöhen im Halbdunkel aufgetaucht waren, und die zuletzt in einiger Entfernung hinter uns einen kleinen Trupp von acht bis zehn Reitern bildeten.

Mein Herz sagte einfach: „Das sind nur Reisende wie wir auch; Handelsleute, heimkehrend von irgendeinem weitentfernten griechischen Marktflecken.“

Aber ich sah unseren Führer nicht mehr. Er schien spurlos verschwunden zu sein. Bisher war er den ganzen Tag neben unseren Pferden mit seinem kleinen, gewandten Bedientenschritt hergegangen.

Nun wurde auch mein Reisegefährte, er, der vorher keine Angst hatte, von meinen Räubervorstellungen angesteckt. Es war zu verlockend, sich auf diesen düsteren, abgeholzten, menschenleeren Höhen, auf welchen selten ein verkümmerter Baum, ein Busch oder eine Agavenpflanze im Abenddunkel stand, Räubergeschichten hinzudenken.

Wir hörten immer in einiger Entfernung hinter uns die Steine klappern und die Reiter, die die Pferde antrieben, schnalzten mit der Zunge. Sonst war in der Weltverlorenheit des dunstigen toten Abends auf diesen kahlen Berghöhen kein Laut zu hören, keine Abendglocke, kein heimziehendes Gefährt. Von Fabriken oder Eisenbahnen war hier natürlich keine Spur.

Der vorsichtige Verstand, der Hausherr meines Körpers, erzählte mir immer lebhafter, was er über das heutige Räuberwesen Griechenlands in den Zeitungen gelesen hatte.

Mein Reisegefährte konnte unseren Führer ebenfalls nicht mehr entdecken, und sein Verschwinden gab uns die Versicherung, daß er wahrscheinlich an jenem letzten Berghaus absichtlich zurückgeblieben war. Es war mir nun klar: der Führer hatte in Olympia räuberische Landsleute von unserem Vorhaben, durch den Peloponnes reiten zu wollen, benachrichtigt. Meistens wird dieser Ritt nur von großen Gesellschaften ausgeführt und selten von einzelnen fremden Reisenden.

Die Räuber hatten wahrscheinlich verabredet, wenn der Abend des ersten Tages hereinbräche, uns einzuholen und abzufangen, um ein Lösegeld zu erpressen. Deshalb war unser Führer, der Hoteldiener, bereits zurückgeblieben, um, im Falle die Sache mißglücken würde, nicht Zeuge der räuberischen Schandtaten gewesen zu sein.

Also faselte mein Verstand ganz ernstlich, indessen mein Herz, das durch sein Gefühl immer allwissend, immer ruhig und gleichmütig war, beschwichtigend vor sich hinmurmelte: „Die friedlichen Handelsleute tun euch nichts. Achte doch auf den wunderbaren sanften dunkelnden Abend, an dem alle Hast der Welt eingeschlafen scheint. Nie mehr wirst du hier in Arkadien reiten. Nur selten kommt man zu einem so schönen Abendritt.

Sieh doch, der Geist der Frau, die dich liebt, geht jetzt an Stelle des Führers neben den Pferden her. Du fürchtest, ihr könntet von rückwärts von den harmlosen Reitern erschossen oder gefangen werden. Die Kraft der Geliebten wird jede Kugel von dir fernhalten, und kein Lasso wird dich einfangen können, weil dich die Liebe begleitet.“

„Schweig,“ befahl der Verstand dem Herzen. „In einem wildfremden Land, und in einem Land wie diesem, ist es gefährlich, im Abend zu träumen. Im Dunkel soll man Augen und Ohren doppelt offen haben.“

Unsere armen Pferde aber wußten nicht, ob sie hinstürzen oder fortjagen sollten, weil wir sie so unmäßig antrieben. Hinter uns wurden die Wege immer dunkler. Nur auf der Höhe, auf der die Pferde auf gewundenen Wegen hochkletterten und wo das Bergdorf liegen sollte, das wir aber noch nicht sahen, war noch mattes Dämmerlicht. Es war noch so hell, daß ich meinen Reisegefährten neben mir und die Straße vor mir erkennen konnte. Bergabwärts aber steckten die Reiter hinter uns bereits in Dunkelheit. Nur Stimmen und Pferdehufe folgten uns.

Die Fensterscheiben von steil auf den Bergwänden stehenden fernen Hütten blinkten auf. Unbehelligt kamen wir vorwärts, und bei den ersten Fenstern warteten wir. Ich wunderte mich eigentlich, daß wir noch nicht gefangen genommen waren. Denn jetzt war es für die Räuber zu einem Überfall zu spät, da in diesem Ort, das wußten wir, sogar eine Telegraphenstation war. Also würden wohl auch Gemeindevorsteher und andere anständige Leute da sein, die uns in Schutz nehmen konnten.

Ich hatte mir unterwegs vorgenommen, von hier gleich an den deutschen Konsul nach Kalamata zu telegraphieren und das Telegramm auffällig aufzugeben, damit man wissen sollte, daß wir dort erwartet würden, und damit man uns nicht noch in der Nacht in einer der unheimlichen Herbergen verschwinden lassen könnte.

In der späten Abendstunde gaben wir dann, umgeben von einem Haufen Leute, die zusammengelaufen waren, um uns zu sehen, das Telegramm auf dem armseligen Telegraphenamt ab.

Schon beim Eintritt in das Dorf, als uns hufeklappernd die Pferde der anderen Reiter einholten, rief uns die Stimme unseres Führers an, welcher hinter dem sechsfingrigen Reiter auf dessen Sattel mit aufgesessen war, und den wir so verdeckt in der Dunkelheit nicht mehr hatten erkennen können.

Mein Herz lachte nun mein Gehirn aus, aber der Verstand erklärte immer gesetzt und altklug: „Ehe wir nicht diese Reise durch den Peloponnes beendet haben, sollst du mich nicht verlachen.“ --

In einem elenden Zimmer in elendesten Strohbetten übernachteten wir. Der Raum lag im ersten Stocke eines schmutzigen und düsteren Hauses. Durch die breiten Spalten der geborstenen Dielen konnte man in die unteren Räume hinunter auf die Köpfe der Griechen sehen, die dort bei einer Kerze zusammensaßen.

Zu essen gab es nichts. Wir verzehrten altes Brot, das wir noch bei uns hatten, und einige Scheiben getrocknete Zervelatwurst. Dazu tranken wir ein Glas geharzten Landwein, an dessen bitteren Geschmack wir uns nicht gleich gewöhnen konnten.

Die Weinkrüge, in welchen dieser griechische Landwein aufbewahrt wurde, hatten noch die alte Form. Sie waren fast menschengroß, aus rötlicher Tonmasse, bauchig und unten spitz zulaufend, und wurden zur Hälfte in die Erde eingegraben. Wir sahen auf der Reise öfters solche Krüge in den Hausgängen der Bauernhäuser in einer Ecke lehnen, und diese geheiligten altväterlichen Krüge schienen jedes neuzeitliche Bauernhäuschen mit altgriechischem Geist zu weihen.

Das offene Reisigfeuer, das auf dem Herd unter unserem Zimmer in der Herberge im kalten Abend angezündet worden war, schickte uns beißenden Rauch durch die Dielenspalten, und hustend und mit Kopfschmerzen suchten wir unser Lager auf, wo wir bald, von Müdigkeit und Rauch betäubt, einschliefen.

Nach jenem unheimlichen Abendritt, der zwar mehr in meiner Vorstellung als in der Folge gefährlich gewesen, stiegen mir wieder neue Bedenken auf gegen ein Leben in fernen, einsamen, unbekannten Gegenden unter Volksstämmen, deren Sprache, Sitten und Gewohnheiten nicht die meinen waren.

Am Tage, als wir unter den Wiesen und Quellen, unter den Platanen und Pappeln, unter den Birken und Kastanien, bei den tausend Anemonenblumen, bei Morgen- und Mittagssonne hingeritten waren, hatten mich die altgriechischen Geister begleitet, und ihre Festlichkeit hatte mein Herz mutig und zuversichtlich gemacht, so daß ich einige Stunden geglaubt hatte, ich würde mir gern in jener hoheitsvollen arkadischen Landschaft ein einsames Bauernhaus kaufen und hier meine Lebensjahre verbringen wollen.

Aber seit dem Schreckanfall in der Abenddüsterheit, seit der Mann mit den sechs Fingern am Wege aufgetaucht war, bebte der Grund und Boden unter mir hier von Räubervorstellungen, die ich auch in den nächsten Tagen nicht mehr ganz überwinden konnte. Und niemals mehr kehrte in mir das tiefe Verlangen wieder, im Peloponnes bleiben zu wollen. Ich sah ein, wenn schon ein Mann hier auf Schreckensgedanken kommen konnte, wie unmöglich war es dann erst für eine europäische Frau, für meine Frau, mit mir hier in einem einsamen Bauernhaus zu leben und einen Haushalt zu führen.

Die arkadischen Landschaften sahen sich verlockend an, aber die Lebensbedingungen waren zu hart und waren mir auch zu unbekannt. Und ich sagte mir vom nächsten Morgen an: ich will jetzt als Vergnügungsreisender, wie mein Reisegefährte es ist, sorgenfrei über die Berge dieses Landes reiten und nicht mehr dabei an meine Zukunft denken. Ich werde bei meiner Rückkunft nach Athen, vielleicht in der Nähe der griechischen Hauptstadt, ein einfaches Weinberghaus finden, wo ich mit meiner Frau, aber doch nicht weltverlassen, leben kann.

Von diesem Entschluß an war es mir, als legte ich ein schweres Gepäck ab, das ich unsichtbar auf meinem Kopf getragen hatte. Sorgenlasten fielen von mir, mit denen ich in Delphi, in Olympia und in Arkadien bepackt, unter stetem Druck die griechischen Meilen hatte atembeklommen betrachten müssen.

* * * * *

Am nächsten Morgen, als wir bei Sonnenaufgang zeitig aufbrachen, war ich dem Räuberabenteuer dankbar, daß es mich wenigstens in Gedanken auf die Schatten des arkadischen Einsamkeitslebens hingewiesen hatte. Und befreit von dem Ansiedlungsplan sah ich fröhlich in die taufrische Frühhelle.

Das alte verwitterte Bergstädtchen lag rosig verklärt auf seiner wagehalsigen Höhe. Es sah aus, als bewohnten es nicht geplagte alltägliche Menschen, sondern Menschen, die fliegen könnten, wenn sie die goldglänzenden Scheiben ihrer Hütten über den Bergabhängen öffneten. Wie eilfertige Schwalben, festlich und fröhlich, schienen diese Menschen auf dieser Berghöhe zu sein, so wie es die Vögel immer im Vergleich zu erdgebundenen vierfüßigen Tieren sind.

Ferne Bergspitzen gen Süden hin, drüben über den lilablauen Abgründen des Gebirges, lagen im Morgennebel wie blaue Inseln und schienen unser Kommen in ihrer Unwirklichkeit zu erwarten.

Wenn wir auch nichts zu essen und nichts zu trinken bekamen und seit unserem Ausritt aus Olympia noch kein warmes Mahl gesehen hatten, so merkten wir doch noch nicht, daß uns irgend etwas fehlte. Mein Reisegefährte hatte sich vom Führer einen Kranz getrockneter Feigen kaufen lassen, und diesen hängte er über den Arm. So zum Morgenimbiß Feigen kauend, ritten wir auf neuen Bergwegen weiter. Die Bäume wurden immer spärlicher, und die Steinblöcke wuchsen immer reicher in die Luft.

Wir hatten jetzt außer dem Hotelführer noch einen jungen griechischen Hirten als Führer dabei, der mit seinem langen Holzstab in der Hand -- an welchen oben eine Muschel geschnitzt war -- vor unseren Pferden aufrecht und wegkundig einherschritt und uns über die Bergpässe führte.

Kein Haus, kein Dorf, keine Menschenansiedelung war auf viele Meilen zu finden. Gegen Mittag trafen wir nur im Gestein an einer altgriechischen Quellenfassung, wo das Wasser aus einem weißen marmornen Löwenkopf sprudelte, zwei Hirten bei großen Hammelherden. Diese arkadischen Hirten hatten keine andere Kleider an als die Felle ihrer Hammel, die sie mit Hanfstricken um die Brust und um die Beine umbunden trugen.

Sie hatten aus Rohren selbstgefertigte griechische Panflöten in der Hand, und sie verwunderten sich so wenig über unser Erscheinen, so wenig wie die Steine und die Quelle es taten, für die sie ihre Flöten spielten. Diese jungen Hirten trugen dieselbe allwissende Geste zur Schau, so wie sie das Wild im Walde, der Vogel in der Luft, der Fisch im Wasser zeigten, die sich nicht vom natürlichfestlichen Weltallzusammenleben getrennt haben.

Der Mensch der Städte, der da, nur mit seinesgleichen beschäftigt, auch nur seinesgleichen als lebenswürdig betrachtet, hat diese Geste verloren. Diese beiden in Schaffelle gewickelten Gestalten aber lebten mit der Sonne, mit dem Regen, mit ihren Tieren auf du und du. Und unser Erscheinen bei ihnen, jenen reichsten Armen, die sich Besitzer des Weltallgebäudes nennen könnten, die mit mehr Welt leben als jeder Städter, brachte kein Überraschtsein, keine Verwunderung hervor.

Sie machten uns, sich ruhig erhebend, auf ihren Steinen an der Quelle Platz, und sie setzten sich, einen Gruß murmelnd, ein wenig weiter fort in die Sonne, ohne uns neugierig zu betrachten.

Nach einer Weile, während wir den alten tausendjährigen Löwenkopf an der schön umfaßten Quelle bewunderten und uns am eisigen Wasser erquickten, waren die beiden Hirten, als wir uns wieder aufrichteten, spurlos aus den Steinfeldern verschwunden. Wir hörten nur noch die Hammelherde über eine ferne Geröllböschung fortziehen, deren Steine unter den vielen Füßen rasselten.

Einige hundert Schritte von jener Quelle stand auf der steinigen Höhe eine einsame prächtige Tempelruine. Sie wurde der Tempel von Bassä genannt. In der Nähe des Tempels ragte hier und da ein uralter Eichenstumpf auf. Es waren das nur hohe Stammstummeln ohne Äste, und sie bildeten wahrscheinlich in alter Zeit, als jener Tempel noch jung war, den Eichenhain um das Heiligtum.

Hier mag auch am Steinboden einst Rasen und Erde gewesen sein, aber die Stürme der Jahrhunderte hatten die Felsenplatten von Erde reingewaschen, und der Berg schien wie mit nackten Knochen bedeckt. Und wie ein zerbrochenes Knochengerüst stand die Tempelruine, von der Sonne silbrig gebleicht und dachlos, auf der Gebirgshöhe.

Die Säulenreihen zeigten noch starke klare Form und waren noch jung und stolz in ihren Linien. Hinter den Säulen aber, im Tempel, lag ein wüstes Durcheinander von kantigen und brüchigen Blöcken, die einst der Giebel und die Dachplatten gewesen sind.

Von der Tempelschwelle aus hatten wir eine mächtige Fernsicht gegen Süden bis zu den letzten Ausläufern des Peloponnes und bis zum Mittelmeer hin. Da drunten in mächtigen Tälern, wo üppige Pappelgruppen, Platanenwälder und Wiesenflächen mit blaudunklem Grün und goldgelbem Grün wechselten, ging im Morgenlicht ein ferner Regen, mit herrlicher lila Bestrahlung der Bergwellen, über dem weiten Peloponnes nieder. Und wir freuten uns auf den Abstieg zu den laubreichen Tälern.

Über einem fernen Stein tauchten die Gesichter der beiden Hirten nochmals auf, und der eine blies auf seiner Panflöte. Die Morgenluft brachte uns, als wir fortzogen, kleine Stücke einer lieblichen weltvergessenen Melodie noch lange über die Höhe nach.

* * * * *

Von nun an änderte sich nach einigen Meilen beim Hinunterklettern der Weg. Wir verließen die Kahlheit und kamen in erdreicheres, belaubteres Gebiet. Manchmal erschien an den Abhängen, hinter üppigen, gelbblühenden Ginsterbüschen, der neugierige Kopf eines langbärtigen Ziegenbockes, der zum jungen Birkengrün über die Büsche hinaufschnupperte. Es war, als sähe uns ein behaarter Faun mit spitzen Ohren und schlauem Auge, halb von den Büschen verdeckt, an. Dann verschwand das neugierige zottige Bocksgesicht wieder hinter gelben Ginsterblüten.

Zugleich trafen wir hier und da einen Hirten auf seinen Stab gestützt am Wege oder eine Hütte. Und beide, Haus und Mensch, standen totenstill. Nur ihr fortrückender Schatten lag neben ihnen am Wege in der Sonne als einzige Bewegung ihres Lebens.

Der Tempel von Bassä ist die bedeutendste Ruine, die zwischen Olympia und Kalamata den Landschaftsweg schmückt. Auch die alten Stadtmauern von Messaene besuchten wir von Kalamata aus, aber sie geben nicht denselben entzückenden Eindruck wie der in der Verschollenheit einer kahlen silbrigen Gebirgshöhe unerwartet dastehende silbrige Tempel von Bassä.

Wir kamen am gleichen Abend zu einer Hirtenhütte, die auf dem Trümmerfeld einer verlassenen Stadt bei ein paar kümmerlichen Ölbäumen stand. Hier sollten wir übernachten. Hier war es, wo man uns das dürftige Huhn briet, das nach zwei anstrengenden Reisetagen der erste warme Bissen war, den wir zu uns nahmen.

Die Hütte bestand aus zwei höhlenartigen Räumen. In dem einen Raum kauerte die Hirtenfamilie in der Nähe des Feuers. Nur ein Stein am Fußboden war der einfache Herd. Der Rauch zog zum Fensterloch oder zum Türloch ins Freie.

In dem hinteren fensterlosen Raum wurden uns zum Schlafen Pferdedecken auf den gestampften Erdboden gelegt. An einem Holzspan, der zwischen die Mauersteine gesteckt war, hing ein ölgefülltes Eisennäpfchen. Darinnen brannte mit dünnem Rauchflämmchen ein Docht. In den Winkeln standen ein paar alte Ziegenkrippen und einige Futtersäcke.

Die Einfachheit gefiel mir außerordentlich. Der harte gestampfte Fußboden unter den Pferdedecken war zwar für die vom Ritt müden Glieder nicht verlockend. Doch lag eine Weihe, ein göttlicher Armuternst in dem Häuschen, in dem es keinen Tisch, keinen Stuhl und kein Gerät gab.

Der armen Hirtenfamilie war die Mutter Erde im wahrsten Sinne Mutter vom Geburtstage an bis zum Sterbetage. Die Leute hockten bei der Erde, sie aßen bei der Erde, sie kochten bei der Erde und schliefen bei der Erde. In einem Haus, in dem man nichts besaß als das Leben und die Erde, hatte ich bisher noch nie übernachtet.

Es war Friede und leises Plaudern am Abend bei den Leuten, die da im Herdrauch auf ihrer Türschwelle hockten und unserem Führer zuhörten. Von der toten Stadt, die draußen rund um die Hütte lag, stand keine Säule mehr aufrecht, stand keine Mauer mehr, und die tausendjährige Sonnenhitze und die kalten Nachtfröste hatten die Stadtreste längst wie mit Hämmern zu Steingeröll zermürbt. Hier und da ragte am Rand eines Steinfeldes ein kümmerlicher Baum auf, oder es lag da eine andere Hirtenhütte ebenso arm wie die, welche uns aufgenommen hatte.

Ich habe den Namen jener staubgewordenen Stadt vergessen und will nicht in Büchern nachschlagen. Ich will nur das, was noch von dieser Reise in meiner Erinnerung lebend haftet, wiedergeben und nicht mehr.

Die Pferdedecken, in die wir uns nachts zum Schlafen eingewickelt hatten, kratzten uns. Und auch die Erdmutter, die wir immer mit unseren Stiefelabsätzen getreten hatten, wollte uns auf dem Fußboden nicht so ruhig schlafen lassen wie die Hirten, die die Erde zeitlebens barfuß mit weichem Schritt gestreichelt hatten. Es war mir beim Liegen auf dem Fußboden, als teile die Erde meinen vom Ritt müden Knochen harte Püffe aus.

Vorher waren in diesem Raum die Hühner eingesperrt gewesen, und die zurückgebliebenen Hühnerflöhe machten sich nun mit blutdürstigem Vergnügen über uns Fremdlinge her.

Dazu rauchte das Öllicht so schrecklich, daß wir Kopfschmerzen bekamen und zu ersticken meinten. Wir waren noch zu ungöttlich für diese göttliche Armut, in die wir so plötzlich aufgenommen worden waren. Und der Körper, der immer langsamer als der Geist ist, wollte die Kasteiungen dieser Nacht nicht willig ertragen und wurde störrisch.

Ich hatte meine Taschenuhr neben dem Reisebündel, das mein Kopfkissen war, auf den Fußboden gelegt, aber in dieser Hütte schienen die Stunden nicht wandern zu wollen. Sie blieben hocken, und die Uhrzeiger vergaßen fortzurücken. In dieser Armut war ein ewiger Stillstand an Stelle der Zeit zu spüren.

So wie es kein Hausgerät gab, schien auch hier keine Uhr nötig zu sein. Die Nacht war eine einzige große Stunde und der Tag eine einzige große Stunde, die saß bei der Armut, auf dem leeren gestampften Erdboden, beharrlich zwischen den vier leeren Wänden der Hütte. Und deshalb war es gleich, was man in dieser Zeitlosigkeit erlebte.