Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band
Part 18
So einsam, weltentrückt liegt Delphi. Nur aus einem Taleinschnitt blinkt in der Tiefe, wie eine große Silberbarre, ein Stück des Meeres aus den Abgründen herauf. Vor den fernen und vor den nahen Bergen stehen Wolken wie weiße Marmorrampen und lassen über sich neue Berghöhen im Himmel erscheinen. Höhen, die, von der Erde durch Wolkenfelder abgeschnitten, im Sonnenhimmel wie Erdinseln schweben. Aber die Stufen der Luftrampen der Wolken verschieben sich langsam, und die Nähe verschwindet, und neue, unsichtbar gewesene Berge enthüllen sich, wie herbeigetragen auf neuen Wolkenfeldern. Unmögliches und Wirkliches arbeitet in der Höhe um Delphi vor dem Menschenauge. Erdstreifen werden zu Himmeln, und Luftreiche werden Erdreiche.
Aus dem großen Bergschlund, in welchen die Delphimatte am Rande des Ruinenfeldes, zwischen Ölbaumwäldern, Kastanien, Platanen, Eichen und Birken abstürzt, aus diesem dunkelgrünen Abgrundkessel ziehen die Wolken in Ballen wie ein gärender Urschaum weiß aus dem Talschlund.
Diesen Abgrund nannten die Griechen einst den Nabel der Erde. Hier, sagten sie, hing einst die Erde bei ihrer Geburt mit dem Mutterleib des Himmels eng zusammen, und hier am Rande des Nabels der Erde war deshalb den Menschen das Mutterweltall näher als irgendwo auf der Erde.
Ich konnte mir beim Anblick der sich immer verwandelnden, die Berge verzaubernden und die Berge erscheinen lassenden dampfenden Wolkenwelt gut vorstellen, daß hier das Volk sich einst fortgerückt fühlte, und daß es sich bei den Wolkenstufen fernen Leben, fernen Zukunftsdingen nahefühlen mußte.
Denn das auf- und niederwogende Wolkenheer, in welchem unsichtbare Hände zu arbeiten scheinen, wie Hände von tausend Künstlern, die da im Himmel Heerscharen von schimmernden Kunstwerken gestalten, dieses immer arbeitende Gewölk um Delphi entzückte die phantasievollen Griechen so sehr, daß sie weiße Massen Marmor über Marmor jahrelang herbeischleppten, und daß sie silberweiße Tempel und Schatzhäuser und silberweiße Amphitheater und die silberweiß gepflasterte, breite, heilige Straße auf dem Meilenfeld des Bergabhangs wie ein weißes Wolkenfeld entstehen ließen.
Nur die Erdbeben und die herabstürzenden Bergwände und die Raubgier fremder Eroberer konnten die ragenden, weißen Tempel und diese leuchtenden Tempelstraßen in ein Trümmerfeld verwandeln, das jetzt hell aufgelöst vor mir lag wie ein Bergnebel, der sich verflüchten wollte.
Ich fand da Säulenreihen, die sahen von der Höhe des Stadions wie Reihen hingezählter Mühlsteine aus. Denn die Säulen jener Tempel waren nicht aus einem langen Stein gebildet, sondern aus Rundsteinen, die, ähnlich wie Münzen aufgebrochener Geldrollen, jetzt nach dem Umstürzen auseinandergerollt waren. Säulen, die zwei Männer kaum umfassen könnten, lagen zu Dutzenden auf den Treppen und auf den entblößten, noch schön geglätteten Steinfußböden der einstigen Tempelhallen.
Der Glaube an den Gott der Dichtung, an Apollo und an die neun Musen hatte hier Tausende von Händen von Geschlecht zu Geschlecht bei atemloser Arbeit rege gehalten. Der Glaube an die Notwendigkeit der Dichtungskraft, Glaube an die menschenfreundlichste Kunst und an die erhebendste Lust schuf diese Marmorbauten.
Keinem anderen Gotte als dem der Dichtkunst hatte man in dem griechischen Lande eine so mächtige Stätte bereitet, eine Stätte weltfern und himmelnah, bei den Füßen der Wolken, bei den Füßen der Sonne, bei den Wangen des Äthers und beim Nabel der Erde.
Herrlicher als alle Tempel und Theater, herrlicher als die dreißigtausend Bildsäulen, die Delphi geschmückt haben sollen, war hier in Delphi auf der Berghöhe für die Menschen die Himmelsnähe gewesen, und die Erdtiefe, die sich ins Unbegrenzte, ins innere und äußere Leben der Welt, dem Menschenherzen zu öffnen schienen.
Diese Bergmatte, die zweitausend Fuß über dem Meere liegt und hinter der das Parnaßgebirge noch viele tausend Fuß höher mit senkrechten Bergwänden ansteigt, sie horcht wie eine gewaltige Muschel zum Himmel, als horche hier ein ungeheures Ohr zu den fernen Planeten und Sonnen.
Die nahe graue Silbermasse des getürmten Parnaßgebirges konnte den Gebeten und den Inbrünsten der Pilger ein inneres Echo geben. Diese sonnenbeleuchtete hohe Gesteinwelt führte den Blick zu überirdischen Festigkeiten und gab den Herzen der Delphiwallfahrer Vertrauen auf die jedem Leben eigenen überirdischen Kräfte.
Das Menschenherz, das auf der Höhe in Delphi schneller schlug und in der klaren Luft leichter atmete, kam sich unbebürdet vor und war, den Verwandlungen der Wolken nachträumend, eigenen Verwandlungen, Kräftigungen und Lebensstärkungen leichter zugänglich.
Und die Augen der Menschen, die einst hier zwischen tausend marmornen Kunstwerken wandeln durften, und die Ohren, die die feierliche Musik der Apollohymne -- deren Text man, auf Steinen eingegraben, vor kurzem erst wiedergefunden hatte -- genießen durften, diese Augen und Ohren fühlten sich unwillkürlich glücklich. Frieden und Schönheit, von Künstlern geschaffen, walteten einst hier und wurden vom Landschaftshintergrund ins Unendliche gesteigert.
Die Wanderer, die einst auf den heiligen Tempelstraßen von Unwirklichkeit erfüllt und erschüttert wurden, stärkten hier beim Sitz der neun Musen ihr Herz, das mit Sorgen der Endlichkeit gekommen war. Und von Apollo verwandelt und verwandelt von der Hoheit der neun Kunstfreundinnen, kamen die Menschen zurück von Delphi, als stiegen sie verjüngt und bürdelos vom Himmel nieder zu ihren Menschengeschäften zurück.
So können Kunst und Natur gewaltig trostreich und lebensbestärkend Menschen und ganze Völker innerlich erhöhen.
* * * * *
In einem Schuppen sah ich auch den kegelförmigen Marmorblock, der den Nabel der Erde darstellte und der in einem Tempelinnern gestanden. Dieser fast mannshohe Block war schön geglättet und zugespitzt, und rundum befanden sich in seinen Marmor eingemeißelt Vögel, Blumen, Trauben, die fröhlichsten Dinge, die, von der Erde erzeugt, dem Menschenherzen Genuß bereiten.
Mein Reisegefährte und ich, wir waren im Jahr 1898 zwei der wenigen Deutschen, die das neuausgegrabene Delphi zu sehen bekamen. Wir durften aber mit unseren Taschenapparaten noch nichts photographieren und keine Zeichnungen in unsere Skizzenbücher machen. Alles das war untersagt. Am ersten Tag hatte uns der Leiter der noch nicht beendeten Ausgrabungen selbst durch die Ruinen geführt.
An den anderen Tagen, als wir das Ruinenfeld allein besuchten, folgten uns griechische Soldaten, die jeden Fremden als Wache begleiten und streng darauf achten mußten, daß nicht photographiert und nicht gezeichnet wurde. Die Franzosen, die das Geld zu den Ausgrabungen gegeben hatten, und die das alleinige Grundrecht über die Ruinenfelder noch einige Jahre besaßen, ließen damals Fremde nur ungern zur Besichtigung zu. Sie wollten zuerst die ersten Berichte über das neu ans Tageslicht zurückgekehrte Delphi herausgegeben haben. --
In der Nacht in Delphi lag ich auf meinem Kopfkissen mit offenen Augen fast ununterbrochen wach und starrte zu dem weit offenen Fenster meines Zimmers hinaus, wo der Mond wie ein goldener Gott im Himmel saß und die Wolkenfelder, die zu ihm heraufzogen, wie weißen Ton in große Formen zu kneten schien, und der dann diese Bilder zerbrach und zerstreute und unaufhörlich wieder neue Wolkenbilder auftürmte.
Es war heute nicht anders als in den Mondnächten vor zweitausend Jahren, da die Priester und die Pilger zu dem Mond geschaut haben mögen, der da über dem Weltschlund, über dem Nabel der Erde schwebte wie ein Gedanke, der aus der Unergründlichkeit glänzend auftaucht und leuchtet.
Mein Reisegefährte hatte mich am Abend gefragt, ob ich mir hier bei Delphi ein Bauernhaus im Dorfe Kastri bauen oder mieten wollte. Ich hatte nicht gewußt, was ich antworten sollte. Innerlich war ich ergriffen von der Landschaftsherrlichkeit, aber zugleich auch erschüttert von der Fremdheit.
Und als ich jetzt in der Nacht schlaflos und überlegend in die wühlenden Wolkengebilde sah, die draußen wie eine Wolkenvölkerwanderung über den finsteren Bergtälern bald senkrecht zum Mond aufstiegen, bald seitlich vom Mond fortflüchteten, da wurde ich von einem Weinkrampf geschüttelt.
Ich grämte mich, weil ich nicht wußte, wo ich mich niederlassen sollte. Ich war todunglücklich, weil ich auch hier an dem weihevollsten Ort Griechenlands, bei dem Gedanken des immer Bleibensollens auf dieser weltfernen Berghöhe, bei einer toten gestürzten Säulenwelt, bei den Resten einer toten gestürzten Idealwelt, mir heimatlos vorkam.
Es war mir, als wenn ich mir zugemutet hätte, ich sollte mein Haus mitten in einen fremden Friedhof zwischen Grabsteine hinstellen und dort mit meiner Frau dann Liebe und Dichtung pflegen.
Hier in Delphi waren zwar keine äußeren Schrecken wie in Mexiko. Hier waren herrliche Vergangenheitsträume. Hier waren keine Räuber wie in Mexiko, keine goldgierigen. Aber die Vergangenheit war hier gegen mich räuberhaft. Gegen die Größe und die Hoheit der ungeheuren griechischen Traumreste, gegen das Geschaffene, das hier bereits aus dem Erdboden alle Kräfte gezogen hatte, hätte ich hier stündlich ankämpfen müssen, dabei hätte ich aber nicht Frieden finden können für mich selbst, nicht Frieden und Kräfte für neue Wege.
Es war hier, als sollte ich in den Grüften bei den Särgen großer Ahnherren frische Luft suchen. Die Erinnerungen waren hier zu stolz und zu selbstherrlich. Der Stolz und die Herrlichkeit jener künstlerischen Ahnen unserer heutigen europäischen Kunstwelt beklemmten mir die Luft und die Lebenslust meiner Gegenwart und meiner Zukunft. Meine Gedanken wollten auf diesen Wegen hier nichts vom Morgen und nichts vom Werdenden und Zukünftigen wissen. Sie wurden immer zurückgerollt statt vorwärts, und sie weilten in verklärter tausendjähriger Vergangenheit und befanden sich dort wie in einem hypnotischen Zustand.
Ich war verzweifelt, da ich einsah, wenn Delphi mich nicht zum Bleiben locken könne, dann würde mich wahrscheinlich kein anderer Platz in Griechenland zum Niederlassen locken.
Der künstlerische Lebensernst, der einst hier gelebt hatte, gab mir aus den delphischen Ruinen deutlich eine Offenbarung: nur in deiner engsten Heimat wirst du künstlerische Kraft finden! Nicht im Auswandern, sondern im Heimkehren liegt dein Heil! --
Und als der Morgen kam und meine verzweifelte Gedankenwelt in meiner Stirnhöhle stiller wurde, so wie der Wirbel von Hell und Dunkel da draußen im Wolkenhimmel stiller wurde, sagte ich mir: ich will jetzt nur noch nach Arkadien auf die andere Seite des korinthischen Meeres hinüberreisen. Vielleicht finde ich dort in einer schönen Landschaft, wo keine Ruinen den Geist ablenken, ein Landhäuschen, wie ich es mir immer, in ländlicher Stille fern von der Kultur, erträumt habe.
Nach jener durchkämpften Nacht konnte ich dann zu meinem Reisegefährten sagen, daß ich nicht in Delphi bleiben könne, und daß ich mich nicht weiter mit der Hausfrage und Niederlassungsfrage hier in Delphi abgeben wolle.
Den ganzen Tag vorher hatte ich immer beim Wandern durch die Tempel meinen Reisezweck aus dem Auge verloren, und nur als wir abends die Ruinen verlassen hatten und ins Dorf Kastri zurückgekehrt waren, hatte ich mich wieder an den eigentlichen Sinn meiner griechischen Wanderung von meinem Reisekameraden erinnern lassen müssen. Dann erst, durch das Erinnern, war im Abend Unruhe über mich gekommen: für welchen Erdenfleck soll ich mich entscheiden? Soll ich wirklich meine Heimat hier in Delphi aufschlagen? -- Nun aber nach der gedankenstürmischen wachen Nacht wußte ich, daß ich weiterreisen und weitersuchen wollte.
So hatte ich auch bereits in Athen mit mir viele Selbstgespräche geführt. Denn jeden Schritt, den ich in Griechenland bisher getan, tat ich nicht wie ein Vergnügungsreisender, sondern immer wie ein Auswanderer, der heimatlos eine Heimat sucht.
Ich beneidete oft meinen Reisegefährten, der neben mir sorglos und frühlingsfröhlich eine schöne Studien- und Vergnügungsreise machte, während ich, voll Enttäuschungen von Mexiko kommend, die ernsten Gedanken um meine Lebenssorge und die Sehnsuchtsgedanken nach meiner Frau immer zwischen den Zähnen zerbiß, als kaute ich an einer bitteren Wurzel, die ich verschlucken sollte und nicht verschlucken konnte. --
Wie wir wieder auf den Maultieren hinunterreiten sollten nach Itea, war mir nach kurzer Strecke das Sitzen auf dem bepackten Tier, das mühselig und vorsichtig abwärts stieg, zu langweilig. Ich sprang ab und lief voraus über das vieltausendjährige Pflaster der heiligen Straße. Es war mir dann, als lachten meine Schritte fröhlich, weil ich nicht oben in Delphi bei dem alten Ruinenfeld geblieben war, und weil ich nicht mehr daran dachte, mich in jener Fremde niederzulassen.
Und die riesigen alten Quaderplatten der Straße, über die vielleicht einmal Homer nach Delphi gewandelt war, und die unter seinen Schritten geklungen hatten damals, wie heute unter unseren Schritten, besprachen sich mit meinem Herzen, während ich eilig bergabwärts schritt.
„Deine Füße sind nicht hier gewachsen und nicht dein Leib,“ sagten die Steine der heiligen Straße zu mir. „Darum wird auch das Brot des Landes deinen Hunger nicht sättigen können, und das Wasser des Landes wird deinen Durst nicht löschen können, und die Luft des Landes wird dir keine Ruhe bringen können, dir Fremden. Männer erstarken nur im Lande ihrer Väter. Sie sollen mutig wandern, aber der Weg des Mannes soll von der Heimat zur Heimat zurückführen.“
„Ihr Steine habt recht,“ sagte mein Herz. „Ihr fühlt zart und fein wie nur warmes Blut fühlt, und ihr redet wahr und aufrichtig wie nur gutes Blut redet.“
„Dann soll auch diese Reise umsonst sein?“ schrie mein Verstand dazwischen. Und es war mir, als gäbe mir der Schreier einen unsichtbaren Schlag ins Gesicht, so daß ich rot und blaß vor Scham wurde. „Soll dein Geld unnütz verreist sein? Sollen dich deine Freunde für einen Narren erklären? Nein, wir kehren nicht um! Blut und Herz sind immer weichlich unverständlich. Wir müssen hier in diesem Lande jetzt ein Haus finden. Haben nicht Tausende die Heimat verlassen? Der Verstand eines Menschen von heute darf nicht heimatsehnsüchtig empfindsam sein. Ich bin härter als ihr alten Steine. Und diese Füße sollen vorläufig noch nicht daran denken, zur Heimat zurückzulaufen.“
„O unheiliger Verstand von heute!“ rief es aus den Pflastersteinen der heiligen Straße. Und mein Herz schwieg verschüchtert.
So kämpfte und wogte es in mir. Kein Weg machte mich müde in meinen Gliedern, aber die Unklarheit über meine Zukunftswege machte mich müde in meinem Herzen und am ganzen Leibe.
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Ein Dampfschiff brachte uns dann am Nachmittag hinüber ans andere Ufer der Meeresenge, und von dort fuhr uns ein Zug nach Patras. Aber hier muß ich einen kleinen erlebten Scherz erzählen, der das griechische Volk gut kennzeichnet, das geneigt ist, immer in der Unbegrenztheit der Phantasie zu leben.
Am Schalter des kleinen Bahnhofs, an dem wir Fahrkarten nehmen sollten für den Zug, der von Athen erwartet wurde und der uns nach Patras bringen sollte, fragten wir -- uns in französischer und englischer Sprache verständigend -- den Schalterbeamten, ob wir, anstatt mit diesem Zug zu reisen, der erst in einer Stunde von Athen hier erwartet wurde, nicht mit einem früheren Zug fahren könnten.
Der Beamte nickte eilfertig und höflich. „Das ginge schon.“ Wir waren erstaunt und konnten nicht begreifen, warum er es uns nicht gleich gesagt hatte, daß es einen früheren Zug gab. Wir forderten natürlich nun für den früheren Zug Karten. Ungefähr nach zehn Minuten könnte der Zug abgehen, sagte der Beamte. Er würde uns dann die Karten auf den Bahnsteig bringen.
Wir fanden es etwas eigentümlich, daß man uns nicht gleich die Karten geben konnte, aber wenn man viel reist, wundert man sich nicht mehr laut, und so schwiegen wir, nickten und gingen dann plaudernd auf dem Bahnsteig auf und ab.
Nach zehn Minuten, als der Mann noch nicht kam und auch kein Zug sichtbar wurde, plagte uns Ungeduld. Wir warteten noch eine Weile und gingen dann zum Schalter. Dort nickte uns der Beamte wieder zu und sagte, er hätte die Berechnung gleich fertig.
Wir begriffen nichts. Aber da wir in fremden Sprachen redeten, glaubten wir, weiter geduldig sein zu müssen, und gingen wieder auf dem Bahnsteig auf und ab.
Kurz darauf suchte uns der Beamte auf. Er hielt ein Aktenpapier in der Hand und las davon ab, daß der Fahrpreis für den Zug nach Patras vierhundertundfünfzig Francs betragen sollte. Wir möchten das Geld hinterlegen, sagte er freundlich. Dann würde er die Wagen von der nächsten Hauptstelle telegraphisch bestellen, da hier keine Wagen für einen Extrazug vorrätig wären.
Wir sahen einander erstaunt an und mußten natürlich hell auflachen. Der Grieche hatte geglaubt, wir wünschten einen Extrazug zu nehmen, weil wir vielleicht zu vornehm wären, um auf den athener Zug zu warten. Denn fremde Reisende wurden damals, da nur wenig Ausländer in Griechenland unterwegs waren, entweder für reisende Prinzen oder für amerikanische Milliardäre angesehen. --
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Der Hausdiener unseres Hotels in Athen, der öfters Reisegesellschaften durch den Peloponnes führte, hatte uns seine Visitenkarte an den Hausdiener des Hotels in Olympia mitgegeben, denn dieser war ebenfalls Reiseführer.
Am nächsten Morgen kamen wir von Patras aus, wo wir übernachtet hatten, in Olympia an. Dort nahmen wir den empfohlenen Führer und Maultiere und ritten durch die Landschaft von Arkadien nach Süden gegen Kalamata. Eine Tagreise vor Kalamata verabschiedete sich der Führer, der uns drei Tage begleitet hatte, und an seine Stelle trat ein griechischer Bauer, der uns nach Kalamata brachte, wo ein dritter Mann ihn ablöste und uns über den Gebirgspaß, immer noch auf Maultieren, nach Sparta führte.
In Sparta ruhten wir zwei Tage aus und nahmen dann einen Wagen nach Tripolitza. Dieser Ort ist eine Stadt mit türkisch-griechischer Bevölkerung. In Tripolitza übernachteten wir und fuhren am nächsten Tag nach Nauplia und von dort nach Epidaurus, wo wir wieder übernachteten und am Tage darauf mit einem Wagen nach Nauplia zurückkehrten. Von Nauplia führte uns ein Eisenbahnzug nach Mykene, wo wir nur einige Stunden beim Löwentor, im Palast des Agamemnon und am Grab der Klytämnestra weilten. Dann fuhren wir mit der Eisenbahn, ohne auszusteigen, über Korinth nach Athen zurück.
Wir waren zwei Wochen auf dieser Rundreise von Athen nach Delphi und durch den Peloponnes unterwegs gewesen, als wir zum Osterfest am athener Bahnhof ausstiegen.
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Meine Aufmerksamkeit hatte sich hauptsächlich, als wir nach Olympia kamen, in Gedanken auf Arkadien gerichtet.
Die dunkelgrauen Ruinen von Olympia liegen versteckt, von kleinen grünen Anhöhen eingeschlossen, und die Landschaft umher hat nicht das Großzügige, nicht das Erschütternde, nicht das sich unaufhaltsam Verwandelnde wie die von kreisenden Wolkendämpfen umwanderte hohe Gebirgsmatte von Delphi. Aber gewaltig, irdisch trotzig und machthaberisch lagen in Olympia, beim lieblichen Herahügel, die wuchtigen Säulen des Zeustempels. Und da stand auch noch der mächtige Sockel, der einst das herrliche Laokoonbildwerk getragen, das jetzt in den Sammlungen des Vatikans in Rom steht.
Außer den machtvollen Gebäuderesten, die in dem kleinen Hügeltal durch die deutschen Ausgrabungen aufgedeckt lagen, war um Olympia nichts Reizvolles zu finden. Und ich sehnte mich, fortzureisen von den grauen trüben Steinmassen, die nicht festlich leuchteten, und die in lieblicher Landschaft Träumern glichen, die sich auf grünen Rasen hingelegt haben und gutmütig mit dem Erdboden verschmelzen wollen und, von gütigem Grün und Sonne zugedeckt, davon träumen Erde zu werden.
In dem kleinen Hotel, das das einzige Haus in Olympia war, saßen an einem Ende des langen Mittagstisches neun deutschsprechende Professorenfrauen. Sie waren auf einer Italienreise von Brindisi herübergekommen und hatten zusammen einen Abstecher nach Griechenland gemacht.
Damit wir den neun, unaufhörlich redenden Frauenzungen nicht preisgegeben wären, unterhielten wir uns, am anderen Ende des Tisches sitzend, in raschem pariser Französisch. Ich muß aber gestehen, auch dabei war wieder nur mein Verstand Tyrann über mich. Mein Herz wimmerte und lechzte nach den deutschen Heimatlauten, die vom anderen Ende des Zimmers kamen. Und ich wäre gern zu den neun alten Damen hingerückt, wenn auch ihre Zungen unausgesetzt wie Strickstrumpfnadeln bei der Sprecharbeit klapperten.
Ich war schon ganz müde von dem Suchen in der Fremde nach einem Haus. Meine Ohren horchten darum entzückt auf deutsche Frauenworte. Ich hatte deutsche Frauen seit der raschen Reise nach Petersburg, seit dem kurzen Aufenthalt am Berliner Bahnhof Friedrichstraße, seit dem Begräbnis meines Vaters und seit der Rückkehr von Mexiko, nun fast ein Jahr lang, nicht mehr unverfälscht sprechen hören.
Als wir am nächsten Morgen früh um drei Uhr in Olympia vom Hotel fortritten, vom Führer begleitet, um tief in den Peloponnes hineinzuwandern, tat es mir leid, daß die neun Professorenfrauen noch schliefen und ich nicht mehr zum Abschied die neun deutschen Frauenstimmen hören durfte, die zwar so gar nicht zu der griechischen olympischen Stimmung der Tempelruinen hingehörten, die aber meinem Herzen ein wenig den Heimathunger und den Heimatdurst besänftigt hatten.
Es war in der ersten Hälfte des April, als wir durch den Peloponnes ritten. Aber außer den unzähligen Anemonen, deren es feuerblaue, rosenrote, rosige und schneeweiße gab, fanden sich im jungen Gras der kühlen Wiesen noch keine anderen Blumen. Diese farbigen Anemonen, deren schwarze Staubfädengruppe aus der hellen Blütenkrone wie eine dunkle große Pupille in einem Auge aufsah, betrachteten uns von allen Wegen in dem Peloponnes, auf den Berghöhen und im Talgrün.
Diese jungen Anemonenblumen, die vielleicht erst eine Woche alt waren und vielleicht nach einer dritten Woche schon verblüht sein würden, hatten einen unergründlichen Festblick und beleuchteten mit ihrer kurzen Lebensfreude die mühseligsten Höhen, die unsere Bergpferde erklettern mußten. Mir schien aber, die jungen Blumen kannten alle Freuden der Welt. Sie freuten sich in ihrem dreiwochenkurzen Leben mehr, als die Menschen sich in einem hundertjährigen Dasein freuen können.
Den Blicken dieser frohen Anemonen verdanke ich es, daß ich nicht in bittere Verzweiflung über mich selbst geriet. Denn mein Auge wurde immer salzig, wenn ich an meine ferne Frau dachte, die so weit von mir fort, in Schweden, am äußersten Ende Europas, im Norden weilte, während ich hier am äußersten Ende Europas, im Süden, auf einem Pferd kaum auf der Erde ritt. Denn der Boden unter den Hufen des Tieres, das mich trug, gehörte kaum noch der Gegenwart an. Er war das verschollene Vaterland eines untergegangenen großen Volkes.
Ich ritt hier nicht im April im Jahr 1897. Ich ritt hier im April eines Jahres, das Hunderte von Jahren vor Christi Geburt vor mir blühte. Auf den Wegen erzählten die wochenjungen Anemonen von den Augen der jungen Griechen und Griechinnen, die einst in jedem vierten Jahr von allen Teilen des Peloponnes, im Festjahr und zu den Kampfspielen, nach Olympia gezogen waren.
Die Urmutter Erde gibt alle ihre Erinnerungen ihren Blumen am Wege mit. Und der Himmel, unter dem sich die Blumen für ein kurzes Hochzeitsfest erschlossen haben, das ihnen Geburts-, Liebes- und Todesfest zugleich ist, bestätigt die Erinnerungen, die der Himmel mit der Erde austauscht. Nichts ist vergessen, was da, an die Erde antönend, vorübergewandelt ist, auch nicht der Blick eines Auges, der eine Blume am Boden streifte. Alles lebt ewig im All, unversunken und erwachend, wenn es sich gerufen fühlt.