Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band
Part 17
Man nahm an dieser Kleidung nur kleine Abwechslungen in den Stoffmustern vor, von Jahrhundert zu Jahrhundert kaum merkbar. Unsere Frauenwelt aber ist von einer Kleiderkrankheit, von einer Kleiderverwandlungssucht besessen. Teils bewirkt dieses die kaufmännische Gewinnsucht der Männer, teils hysterische Eigenliebe der Frauen, die sich gegenseitig zu unsinnigsten gehetzten Formen anspornen.
Wenn aber einmal Frau und Mann sich nicht mehr belügen und sich nicht mehr als den Gipfel der Schöpfung betrachten, sondern sich als Weltallmitglieder sehen, dann wird die Eitelkeit edlere Wege gehen. Diese aufgeklärten Menschen werden den Modeirrsinn verschmähen, und die Körper mit natürlichen Gewändern zweckdienlich, vornehm und freudig verhüllen, statt den Leib mit Stückwerk überreizt, unbequem, unschön einzupressen oder zu behängen.
Das chinesische Kleid, das weite Beinkleid, der ärmelweite, hemdartige chinesische Rock, könnte auch für uns Europäer eine Zukunftskleidung werden. -- Die künftige Frau wird zugleich wie der künftige Mann die Schöpferkraft des ganzen Weltalls in ihrem Herzen als ewigen verantwortlichen Besitz und als unendlichen festlichen Widerhall fühlen. Diese dann nicht nur persönliche, sondern weltallfestlich gestimmte Zukunftsfrau, die im Garten und in der Natur, in der Gesellschaft, im Haus und bei der Arbeit, bei den Künsten und bei den Weisheiten ihres Volkes freudig und befreit aufgewachsen ist, diese wird sich ganz von selbst scheuen, sich unedler zu kleiden als die Griechinnen es taten, unedler als die Frauen der sinnenweisen Völker Asiens es tun.
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Ich erlaubte mir die griechische Reise mit dieser Betrachtung zu unterbrechen, da ich, wie ich nochmals wiederholen möchte, in diesem Buch Gedankengut aus meinen Wanderjahren geben will und nicht nur Ereignisse. Ich möchte im Anschluß an die europäische Kleidungsfrage daran erinnern, welches Aufsehen in den neunziger Jahren Tolstois „Kreuzersonate“ machte. Der Dichter eiferte in diesem Werk gegen die Schamlosigkeit unserer Frauenkleidung, gegen die das Fleisch ausstellenden Ballkleider und gegen das Stahlgerüst, das damals den Frauen die Rippen einpreßte und die Brüste und Hüften herausdrückte.
Wie recht hatte der große Mann! Wie werden die europäischen Frauen von allen asiatischen Völkern verachtet, weil sie der Öffentlichkeit Reize enthüllen, die nur der Liebesstunde und dem Geliebten gehören sollen.
Das ist nicht Festlichkeit des Lebens, eine schamlose Ausstellung der Reize. Das ist hurenhafte Festlichkeit. Und sie mag gut sein auf dem Sinnenmarkt, dort wo die Frau ihren Körper verkaufen will, in den Häusern und Stadtvierteln der Freudenmädchen. Aber nicht einmal auf den japanischen Mädchenmärkten wagt die Dirne Japans mehr als ihr Gesicht und ihre Hände öffentlich zur Schau zu stellen.
Würden wir alle nackt gehen und würden alle Sinnenverrichtungen wie die Tiere unter freiem Himmel und vor allen Menschen ausüben, das wäre unschuldiger und schamvoller als es diese berechnende, halbe Enthüllung auf den heutigen Bällen der Europäer ist. Gebietet es die Sonnenhitze, das Baden im Meer, die Hitze im heißen Süden, daß die Frauen ähnlich den Indierinnen nur halb verhüllt gehen, so ist dann dieses Sichenthüllen natürlich und dort durch Zweckmäßigkeit geheiligt und unschuldig zu nennen.
Aber in unserem kalten, kühlen Klima, in unserer nüchternen Winterwelt, ist es Wahnsinn und Schamlosigkeit, wenn die Männer sich gegenseitig ihre Frauen in den Gesellschaften mit entblößten Brüsten und nackten Armen zuführen.
Ich meine nicht, daß die Frau ihr Gesicht verhüllen soll wie die Mohammedanerin. Das Gesicht soll niemand verstecken, aus dem Geist sprechen soll und das Herz.
Die Chinesinnen und Japanerinnen gehen seit Jahrhunderten schlicht und vornehm mit offenem Gesicht und schön frisiertem Kopf, ohne Hutaufputz, auf ihren Straßen umher und in ihrem Hause. Nur die Tänzerinnen und die öffentlichen Mädchen kleiden sich in schreiende Farben.
Da dieses Volk in seinen nördlichen Provinzen in ähnlichem Klima lebt wie wir, und wie wir bei Regen, Sonne und Schnee aufgewachsen ist, soll man nicht glauben, daß wir uns nicht auch an jenen Kleidertrachten ein Beispiel nehmen dürften. Denn jene Tracht der Chinesen und Japaner eignet sich auch für unsere europäischen Witterungsverhältnisse und ist für unsere Männer und Frauen nützlicher und zweckdienlicher, als die heutige europäische Tracht es ist.
Wer es nur einmal in seinem Leben versucht hat, ein japanisches oder chinesisches Kleid anzulegen, der wird den wunderbaren Genuß nicht vergessen können, den ihm diese schöne, vornehme, kleidsame, gesunde und behagliche Umhüllung bereitet hat.
Sowohl die Anzüge für die Männer als die Trachten für die Frauen sind in jenen Ländern für beide Geschlechter aufs Sinnvollste ausgedacht. Kein Druck eines Hakens oder Hornknopfes, keine Beengung und Ermüdung fühlt der Körper in dieser einfachen harmonischen und lebensfestlichen Gewandung. In diesen Hüllen bleibt der Mensch ein unbeengter Mensch.
Diese Kleider treiben den, der sie trägt, nicht an, mit sich selbst in eitlem Unfrieden, in eitler Wechselsucht und unnützer Unbequemlichkeit zu leben. Diese weiten Kleider in ihrer einfachen Schönheitslinie bedeuten, weil sie zweckmäßig sind, beim Tragen und Anlegen eine Kraftersparnis für den Körper und für das Leben eine Zeitersparnis.
Ich bin mir in Japan und China in meiner europäischen Kleidung, die beengend, ermüdend und von den Schneidern unfrei ausgetüftelt ist, mit ihren vielen Knöpfen und Knopflöchern, mit der unmännlichen Krawatte und den vielen anderen Unbequemlichkeiten, belastet und ungeheuerlich vorgekommen unter den schlicht und zweckmäßig, bequem und vornehm umhüllten Chinesen und Japanern. Ich erschien mir unfreudig und unsinnig gekleidet.
Wir belächelten bisher nur das Fremde an der aus der Fremde kommenden Tracht der Chinesen und Japaner. Aber wir versuchten niemals diese Trachten auf ihren Lebenssinn, auf ihre Bequemlichkeit, Sparsamkeit, Einfachheit und Zeitersparnis hin genau zu prüfen. Man könnte sehr wohl bei uns zur allgemeinen Erleichterung und zum allgemeinen Wohlbefinden sowohl jene Trachten der asiatischen Männer als die der asiatischen Frauen zur Grundlage für eine neue europäische Tracht annehmen und einführen.
Schnelle Zeitungsschreiber verbreiten bei uns fortgesetzt die Nachrichten, in Japan und China kleide sich jetzt die Bevölkerung europaähnlich. Dieses ist nur insoweit wahr, als es sich auf das Militär, auf die Beamtenwelt und die mit Europa verkehrenden Diplomaten bezieht. Das chinesische und japanische Volk aber, der chinesische Handwerkerstand und der Bauernstand, von denen Millionen in Japan und China leben, diese denken nie daran, ihre Kleidung, die ihre Urväter ihnen so bequem, gefällig, sparsam und zweckdienlich erdacht haben, aufzugeben.
Mein japanischer Reiseführer, ein gebildeter Japaner, trug europäische Kleidung. Aber wenn er abends das Hotel betrat, so vertauschte er gleich die ihn belästigende europäische Tracht mit seiner schönen unauffälligen, schlafrockartigen Gewandung.
Als ich ihn einmal fragte, warum er das tue, sagte er höflich: zum Billardspielen würde er auch zu Hause im Hotel die europäische Tracht anbehalten. Dazu sei sie sehr bequem, da der weite japanische Ärmel das Billardspielen erschweren würde. Aber sonst sei ihm die japanische Tracht bequemer.
Ich mußte lachen und ihm recht geben, wie ich in so vielem den Asiaten recht geben mußte, ihnen, die wir Europäer in unserem grünen Schuldünkel so oft mißverstehen und ungefühlt und ungerecht und unverständig beurteilen. --
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Eines Abends bestiegen wir in Piräus ein Schiff, das uns in der Nacht durch die Schleusen des Isthmus von Korinth und durch die korinthische Meerenge am nächsten Morgen nach Itea bringen sollte. Itea ist eine Landungsstelle am Fuße der Bergmasse, auf welcher die Ruinenfelder des heiligen Delphi ausgebreitet liegen.
In dieser Nacht schlief ich nur wenige Stunden und träumte wachend, am Schiffsgeländer sitzend. Griechische und türkische Kaufleute, mit ihren Familien, hockten schlafend, in Mäntel und Decken eingewickelt, in der warmen Frühlingsnacht auf dem Verdeck. Von der friedlich schlummernden Menschenherde sah man im Mondschein nur Knäule, und das Schiff glitt mit den Schlafenden wie ein großes schwimmendes Bett durch das mondglänzende Wasser.
Ich saß am Schiffsgeländer und beobachtete unseren Weg, der, als der Schiffskörper in die hochgemauerten Schleusen kam, einer Fahrt durch gemauerte Kellerräume glich. Der Mond ging treu am Himmel über dem Schiffsmast mit, es war auch, als sänke er mit dem Schiff von Schleuse zu Schleuse tiefer.
Wie wissen die Neuzeitmenschen sich die Wege zu kürzen! Wie sind sie unglücklich von der Endlichkeit aller Wege durchdrungen! Tausende und tausende Jahre lang nahmen die Menschen das Leben breit, machten auch Umwege, weil sie immer am Anfang und Ende der Wege zugleich waren. Wir aber sehen heute nur das Ende aller Wege vor uns. Der Anfang ist abhanden gekommen, der Weganfang fehlt, der sich immer wieder dem Ende anschließt.
Eine Eintagsfliege lebt nicht kürzer als ein Mensch, der hundert Jahre alt wird. Die Fliege erlebt ihr Leben, das für die Form des kleinen Wesens so unendlich viel ist, wie es die hundert Jahre Menschenleben für die Form Mensch sind. Den Menschen fehlt das Köstlichste heute: die Zeitlosigkeit. Das Gefühl fehlt, das uns sagt, daß nicht bloß das Leben, nicht bloß das Vorwärtsrennen erlebt werden soll, sondern daß Lebensbetrachtung ebenso wie Tätigkeit ein Allestun bedeutet, wenn sie im Geist und im Herzen gepflegt wird.
Ein Europäer von heute braucht eine Zeitung, wenn er nicht arbeitet. Und wenn er die Zeitung fortlegt, braucht er einen Mund oder mehrere Münder, die ihn anreden. Und er braucht um sich Ohren, in die er wieder hineinredet. Und die Europäerin braucht Augen, die sie betrachten, umschwärmen, beneiden. Sie braucht auch auf dieselbe Weise ihre eigenen Augen.
Aber sich selbst brauchen wenige Europäer und wenige Europäerinnen. Und von der Allwelt sind sie überzeugt, daß mit ihr sich die Wissenschaft genügend beschäftigt; und von der Schönheit der Allwelt, von der Innigkeit des Allebens wissen sie, daß diese die Künstler beschäftigt, so wie sie wissen, daß die Schuster sich mit dem Leder und die Schreiner sich mit dem Holz beschäftigen.
Wenn die Europäer Stiefel anziehen oder Möbel hinstellen, tragen sie den Stiefel nicht an ihrer Person, sie lieben sich das Möbelstück nicht an wie ein Kind, das man adoptierte. Die neuen Stiefel sind für die anderen angezogen, die Möbel sind für die anderen hingestellt, so wie die Augen für die anderen da sind.
Sich selbst haben jene, die so tun, nie gefunden. Darum kann man nicht sagen, daß sie sich verloren haben. Nur die wenigsten von ihnen wissen heute, wer _sie_ sind und was _sie_ wollen. Sie wissen aber immer, was _alle_ wollen.
Und sie verwechseln den Willen des anderen mit dem eigenen und halten die Wünsche der anderen für ihre eigenen. Sie hören nicht mehr mit ihren eigenen Ohren, sie redeten niemals mit ihrem eigenen Munde. Sie hören mit geliehenen Ohren, und mit geliehenem Mund reden sie.
Sie sind nur Schattenleben aller jener, die wie sie nur ein Schattenleben führen. So wie der Schatten hastiger dem Körper vorausgleitet, spurlos, bald rechts, bald links, bald vor, bald zurück, am Wege hinstreift, ohne eigentlich den Weg zu sehen, so sind die Herzen jener Europäer heute, die die Hast und die Eile lieben, wenn sie auf den Wegen, an den Dingen vorüberfliegend, achtlos hinflüchten.
Immer sind sie wie Menschen, die, statt vom Berg mit den Füßen herunterzugehen, statt das Land mit den Füßen zu fühlen, sich von den Bergen auf dem kürzesten Weg durch die Luft herunterstürzen. Die _Eile_, der _kürzeste_ Weg, das ist ihr _Lebenszweck_. Und sie glauben ihr Leben zu bereichern, indem sie sich eilig mit Endlichkeitsgefühlen anfüllen und anpeitschen, da sie das Größte am Leben, das Wirklichste, das dem Menschen angeborene Unendlichkeitsgefühl, nicht als Wirklichkeit empfinden können.
Sie halten die Ewigkeit, die in uns ebenso wirklich liegt, wie sie in jeder Minute draußen das Weltall unbegrenzt macht, für eine billige Einbildung. Sie bedenken dabei aber, kurzsichtig, nicht, daß ihre Endlichkeit, ihre Wirklichkeit, erst recht eine Einbildung wird, sobald das Menschenleben nicht den unendlichen Widerhall in dem uns angeborenen Unendlichkeitsgefühl findet.
Aber bei der Jagd nach Eile erhält keine Gebärde, kein Erlebnis Widerhall und gibt kein Wesen dem anderen Wesen den Rahmen der Unendlichkeit. Statt einer Musik, statt einer Lebenshymne, die das Schicksal jedes Menschen, zusammengesetzt aus Leid- und Freudetönen, dem inneren Ohr, dem ewigen Ohr vorsingt; statt der ewigen Bilder, die dem inneren Auge, dem ewigen Auge, des Menschen sich täglich hinmalen wollen, bleibt dem Eiligen nur ein Tonlärm und ein Farbenfleckengefühl im Sinn.
Die Menschen von heute haben die Lebensruhe eingebüßt, die jedem Menschen die Erkenntnis gibt, daß er im Innersten zugleich Herr und Diener der Schöpfung ist. Die Lebensruhe hat sich in eine Lebensflucht verwandelt, und die meisten fühlen sich deshalb nur als Lebensknechte.
Einige glauben ihr Ich erst nach dem Tode in einem Himmel oder in einer Hölle wiederzufinden, in einer ausgedachten Peinlichkeit oder in einer erdachten Überschwenglichkeit, für die das Weltalleben keinen Raum hat, und die ein weises Weltschöpfertum nie ausklügelt.
Oder die, die sich aufgeklärt vorkommen, erwarten, daß sie nach dem Tode spurlos verschwinden. Und sie werden spurlos verschwinden, da sie nie waren. Denn ihr Schattenleben ist noch kein Leben gewesen. Und sie waren nur fliegende, hastige, fahrige Schatten auf Erden. Sie erkennen dieses selbst, da sie finden, daß sie spurlos verschwinden werden.
Diese Leben sind so verschieden von wirklichen Menschenleben, wie die Zuckungen eines toten elektrisierten Frosches verschieden sind von den Bewegungen eines lebendigen. Die hastigen Zuckungen der Eile jener Gehirne geben jenen Menschen kein herzliches Leben, und es gehen von ihnen auch keine herzlichen warmen Lebenswirkungen aus.
Nur durch _Sichzeitnehmen_, nur durch das _Verweilenkönnen_, durch das zeitlose _Sichvertiefenkönnen_, nur durch geduldiges _Umwegemachenkönnen_ gelangt der Mensch zu seinen innersten Augen, zu seinen innersten Ohren, zu seinem innersten Mund und auch zu seinen innersten Händen.
Aufnehmen und Wirken geschieht dann im Rahmen zeitloser Ruhe, im Rahmen der dem Menschen angeborenen innersten Ewigkeit. Jede andere Art zu leben, erzeugt gekünsteltes Dasein. Warmblütiges Leben will Weile, Geduld und Vertiefung.
Ein Mensch, der zu langsam ist, der wird nicht soviel Schaden unter den Menschen anstiften als der Mensch, der zu schnell ist.
Betrachtet die Ruhe, die in jedem Kinde wohnt. Wenn der Erwachsene ein Kind nicht erschreckt durch ungeduldiges Antreiben zur Eile, und das Kind noch nicht verdorben ist durch die verderbliche Eilelust der heutigen Menschen, so handelt jedes Kind aus der Weltunergründlichkeit heraus, ruhig vornehm, bedächtig, sich Zeit lassend.
So wie ein würdiger Greis, der zur Weisheit und zum weisen Rückblick des Lebens gelangt ist, Ruhe verbreitet, trägt jedes Kind in sich ein weises stilles Vorwärtsschauen, das sich nicht anders ausdrücken kann als durch Ruhe. Ruhe, die ergründen will und die mit vorsichtigen Tastversuchen zu den ewigen Lebensregeln kommen will, die das Kind innerlich unbewußt als richtig erkennt. Zu diesem Erkennen will jedes Kind seinen noch ungelenken Körper und das noch ungelenke Gehirn mit Ruhe hinführen; sobald es nicht durch Eile und Antrieb verwirrt wird, gelingt jedem in Ruhe geleiteten Kinde die Lebenserkenntnis von selbst.
Immer habe ich gefunden, daß die Schulknaben mehr innere Ruhe und dadurch mehr innere Weisheit besaßen, mehr innere Klugheit als der vom heutigen Leben ungeduldig gemachte, gepeitschte und in seinem Innenleben bereits zerrüttete Lehrer.
Darin besteht die Heiligkeit der Jugend, daß sie noch ein unzerrüttetes Innenleben kennt, das noch nicht schattenhaft geworden ist, wie das Innenleben der Erwachsenen es heute ist. Ich glaube, innerlich können die jetzigen erwachsenen Menschen, die durch den Wahlspruch: Zeit ist Geld und Geld ist Leben, innerlich kurzsichtig und innerlich schwerhörig geworden sind, von den Kindern leichter tiefer sehen und tiefer hören lernen als von ihren eigenen, bereits verdorbenen Augen und Ohren.
Und wie die Ruhe des Kindes aus des Menschen Urkraft kommt, so ist die Ruhe des echten Künstlers aller Zeiten gewesen. Und wie die Ruhe dieser beiden ist die Ruhe der Tiere, ist die Ruhe der Pflanzen, ist die Ruhe aller Weltalleben einem ewigen Weisheitszustand unergründlich angeschlossen. Diesen natürlichen Weisheitszustand verjagt sich der heutige, hastige, nach Zeit und Wegabkürzung und Endlichkeit gierige Europäer. --
Das griechische Volk, das eine so große und edle Vergangenheit hat, hat zwischen Athen und Sparta im Peloponnes, also um den Isthmus von Korinth, seinen Handel jahrhundertelang walten lassen, und seine Schiffahrt bedurfte nicht der Schleusen und des Durchschneidens einer Landenge. Dieses Künstlervolk lebte festlich in Göttermenschenlust und nahm sich Zeit zu seiner Festlichkeit. Den Griechen war ein rascher kluger Blick eigen, ein rasches lebendiges Handeln, aber keine jämmerliche überstürzte Eile. Keine jämmerliche, nervenzerrüttende Lebensjagd störte das große Volk in seiner künstlerischen Hoheitszeit beim Weltallfest. Darum, weil es Zeit zum künstlerischen Genießen hatte, hatte es sich auch in Delphi und in Olympia große Festplätze geschaffen, dieses kleine unsterbliche Volk.
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Am frühen Morgen, als das Schiff kurz vor Sonnenaufgang im schattigen Wasser an der Küste entlangglitt, stand das Parnaßgebirge, mit silbrigem Schneeglanz am Gipfel, morgengrau in der frischen Aprilluft. Auf diese Berge hatte ich die lange Nacht gewartet. Hier hatten die griechischen Dichter den Sitz des Dichtergottes Apollo und den Sitz der Freundinnen der Künstler, der neun Musen, hingeträumt. Und was die Künstler träumten, das glaubte ehemals ihr Volk, und es träumte es nicht bloß nach, sondern es lebte es nach. --
Der heilige Ort Delphi liegt auf der halben Berghöhe, den Blick gerichtet zum Musensitz, den Blick gerichtet zum Parnassos, zum Sitz des Dichtergottes.
In Itea, wo morgens das Schiff landete, fanden wir Maultiere und einen Führer. Und wir ritten durch den kleinen Ort, der, weltverloren, vergessen und unberührt, von keinem Reisenden besucht werden würde, wenn nicht die Anziehung der großen Reste großer Künstlerträume, die Anziehung der Ruinen Delphis, einzelne Freunde Griechenlands nach Itea bringen würde.
Außer kleinen Eidechsen am Wege und Ölbaumanpflanzungen begegneten wir, im Morgen hinreitend, nichts als Steinen. Das Klettern unserer bepackten Maultiere schien kein Ende zu nehmen. Und der alte graubärtige Führer, der den Weg in allen seinen Lebensjahren hier geklettert war, hatte uns Fremden nichts zu sagen und auch nicht seinen Tieren, die er nur mit einem Zungenschnalzen manchmal aufmunterte.
So ritten wir denn in diesem Schweigen, das zwanglos und natürlich war, nicht bloß den Berg hinauf, sondern wir kamen mit den hufeklappernden Tieren und mit dem verwitterten Alten unmerklich in die Jahrhunderte zurück. In den zwei, drei Stunden, die der Ritt beanspruchte, legten wir die Wegstrecke von zwei- bis dreitausend Jahren zurück, mühelos und einfach.
Auf der breiten gepflasterten heiligen Wallfahrtsstraße, am Bergabhang, bei Felsblöcken vorbei, bei Aprilwolken, die unter uns hinschwebten, waren wir dann, als das neue Dorf Kastri oben mit unscheinbaren Hütten auftauchte, längst nicht mehr in unserem Zeitalter. Und in der dünnen Bergluft schien das Blut in uns zarter und war in den Adern mehr Lebensgeist geworden als Lebensblut.
Am Wege sahen wir einige Schachte in den Felsen. „Felsengräber,“ sagte der Führer. Und er zog aus seiner Tasche einen kleinen Ring aus Eisenbronze, der mit Plattgold vergoldet war. Es war ein Fingerring, den er in einem Grabe dort gefunden hatte.
Wer hatte ihn getragen? Ein Apollopriester? Oder eine der liedersingenden Frauen im Dienste des Gottes der Dichtung?
Ich kaufte dem Alten den Ring ab. Ein zweitausendjähriges Körperchen war in meine Hand gekommen, auf dem weiten Wege der Vergangenheit eine erste körperliche Begegnung mit der Vergangenheit. Und ich sah das alte Ringlein als einen Willkommgruß Delphis an.
Das Bergdorf Kastri, das da oben liegt, war erst kürzlich, vor einigen Jahren, aufgebaut worden. Die Leute hatten früher auf entfernteren Felsen gewohnt, auf den grün umwachsenen Schutthügeln, unter denen das von verschiedentlichen Erdbeben und Bergstürzen zerstörte und verschüttete alte Delphi gelegen, ehe man die Ausgrabungen begonnen.
Wir hatten eine Empfehlung an den griechischen Vorsteher der Ausgrabungsarbeiten. In seinem Hause bekamen wir dann gegen Bezahlung Wohnung und Beköstigung wie in einem Gasthaus. Er führte uns am Nachmittag zum neuen Dorf hinaus auf der breiten heiligen Straße hin, die früher mit Tausenden von Bildsäulen geschmückt war. Die Kunstwerke waren dann von den römischen Kaisern geraubt und nach Rom und nach Byzanz fortgeschafft worden.
Nach einem Weg von zehn Minuten kamen wir an einen gewaltigen, sanft ansteigenden Berghang, und vor uns lag auf der ansteigenden Ebene, unterhalb einer mächtigen Bergwand, das neuausgegrabene ungeheure Trümmerfeld der vielen delphischen Tempelruinen. Da lagen auch aufgedeckt und gut erhalten mit ihren ansteigenden Sitzreihen die Amphitheater. Da standen noch die weißen marmornen Sessel der delphischen Priesterinnen im Theater; sie waren mit feinen weißen Löwenklauen und mit feinen kleinen Löwenköpfen geschmückt.
Der Rundtempel, in welchem die Pythia, auf dem Dreifuß sitzend, in tiefer Betäubung übersinnliche Gesichte hatte und Orakelworte sprach, war eingestürzt wie die anderen Tempel. Aber in der Mitte des guterhaltenen Tempelrundsteines starrte noch der rötliche Felsenstein aus dem weißen Marmorrund. Und da waren noch die Erdspalten phosphorgrün, aus welchen einst die Schwefeldämpfe gestiegen, die die Priesterin in den Götterschlaf versetzt hatten.
Und viele Dinge, die ich längst vergessen hatte, waren wie selbstverständlich dort noch am Leben. Da war auch noch die eisige heilige Quelle, und ihr Eishauch, aus der Felswand kommend, war noch wie vor Tausenden von Jahren belebend, und das Quellwasser tropfte auf die Steine wie flüssiger Kristall.
Da war, gut erhalten, das große Stadion, viele hundert Fuß lang, mit den Sitzreihen am Berg an der Felswand hingedehnt.
Wie muß es hier einst den jungen Kämpfern hochgemut zu Sinn gewesen sein, wenn sie mit gepflegtem Körper und gepflegtem Geist, mit leiblichem und geistigem Mut den Lorbeer Apollos errungen haben. --
Von der Höhe des Stadions hat man bergabwärts einen vollständigen Überblick über das ungeheure, von silbrig weißen und bläulich grauen Steinmassen dicht bedeckte Trümmerfeld, welches vom alten Delphi einen immer noch gewaltigen Eindruck gibt.
Man stelle sich im bayerischen Gebirge, vielleicht bei Partenkirchen oder Mittenwald, auf einer mehrere Kilometer großen, hoch gelegenen Bergmatte eine eingestürzte Tempel- und Theaterwelt vor. Nirgends sind Städte oder Dörfer rund um diese Bergeinsamkeit sichtbar, nur die Wolken des Himmels steigen aus den Schluchten auf, am Rande dieser verlassenen Trümmerwelt.