Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band
Part 15
Mexiko teilt sich klimatisch in drei Zonen: in das glühende Tropenland am Meer, wo Vera-Cruz liegt, in das Halbtropenland, das auf halber Höhe, auf dem Weg nach der Hauptstadt, sehr fruchtbar einen reichen Landstrich voll Plantagen und Haziendas bildet, und dann, als dritter Teil, in die Hochebene, auf welcher die Hauptstadt Mexiko liegt. Diese Ebene wirkt leer im Vergleich zu den beiden anderen tiefer gelegenen Zonen, sie hat zwar auch ein warmes, aber nicht so glühendes Klima und ist nicht so fruchtbar. Diese Hochebene ist staubig und trostlos öde, und ihr Landschaftsreiz besteht nur im gewaltigen Rundblick auf die Vulkanberge am Horizont.
Ich besuchte bald auch die reichen Gärten und Plantagen der Halbtropen, fand dort viele spanische Klöster umgewandelt in neuzeitliche Zuckerfabriken und durchwanderte die Pflanzungen, die üppigen Bananengärten, die Ananasgärten, die Kaffeegärten, die Zuckerrohrfelder und die Baumwollenfelder.
Aber immer begleitete mich auf allen Wegen, mitten in der Tropenüppigkeit, der Gram, daß es nirgends Wiesen mit heimatlichen Blumen gab, nirgends Wälder, die da rauschten. Denn die Urwälder rührten sich nicht. Wie aus Leder geschnitten hingen die schweren Blättermassen in der Luft, und die Bäume standen in der Treibhausschwüle aufgebläht. Da war kein liebliches Geflüster von Halmen und Gräsern. Kreischende Vögel mit grellen Lauten nannte man mexikanische Nachtigallen. Ihre Pfiffe waren wie Lokomotivenpfiffe gellend, so daß einem bei diesem Gejohl die Ohren schmerzten.
Die weißschaftigen Königspalmen standen zwar prächtig da, wie Säulen aus Marmor und Alabaster. Sie verblüfften mich erst; dann aber wußte ich nichts mit den fremdartigen Eindrücken und mit der Verblüffung in meinem Herzen anzufangen.
Jeden Morgen, wenn ich aufgestanden ans Fenster trat -- nachdem ich im Schlaf in Europa gewesen war --, schnürte sich mein Herz zusammen, sobald ich statt Europäer draußen Indianer in ihren weißen Hemden und ihren weißen Hosen lautlos durch die Straßen eilen sah. Und die Dunkelgesichter und die fremden Bäume und die spanisch-mexikanische Architektur, alles erzählte mir immer wieder: du bist viele Wochen weit durch einen ungeheuren Ozean von deinem Heimaterdteil getrennt.
Ich hatte Ländlichkeit und tropische Lebensfreude gegen das geschäftliche Europa, gegen den Warenhaussinn europäischer Weltstädte eintauschen wollen und hatte nicht dabei an Abenteuerlust, nicht an die Befriedigung wilder Instinkte, wilder roher Goldgier und nicht an Jagd nach fabelhaftem Glück gedacht.
Aber schon auf dem Schiff von Neuyork nach Vera-Cruz war mir das Gesindel, das von der ersten bis zur letzten Klasse das Schiffsdeck füllte, aufgefallen. Da waren nur Glücksjäger, Goldschmuggler, Männer, die sich der harten Arbeitsordnung in Neuyork und den nördlichen Staaten nicht unterwerfen wollten, und die sicher nicht vor falschem Spiel, betrügerischen Geschäften, ja sogar nicht vor Raub und Mord zurückscheuten. Das sah man ihren frechen herausfordernden Gesichtern an, daß sie wie überhitzte Spieler ihren letzten Lebenseinsatz auf Abenteuerreisen gewagt hatten.
Da war keine Ruhe bei ihnen und natürlich auch von künstlerischem Lebenssinn und inniger Lebensbetrachtung kein Gedanke in ihrer Nähe.
Denselben Gesichtern und Gesellen begegnete ich dann zwischen Vera-Cruz und Mexiko auf der zweitägigen Eisenbahnfahrt, auf dem Weg nach der Hochebene und in der Hauptstadt Mexiko überall. Die Gold- und Silberminen Mexikos, die in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Hunderttausende angezogen hatten, aber jetzt reichlich geplündert waren, lockten immer noch die goldlüsternen ordnungslosen Geister aus dem Norden Amerikas.
Wenn auch viele von jenen Männern das Goldsuchen aufgegeben hatten und Besitzer von kleinen Haziendas geworden waren, so waren die Landesverhältnisse nicht friedlicher geworden. Das sah man der Ausrüstung aller Männer an, daß sie immer noch gegen Mord, hinterlistige Überfälle, heimtückischen Todschlag und gegen Raubgier nicht bloß in entlegenen Winkeln des Landes, sondern auf den offenen Hauptstraßen, sogar mitten in der verkehrsreichen Hauptstadt Mexiko, anzukämpfen hatten.
Ein Revolver genügte ihnen nicht in der Gürteltasche. Auf der Juwelierstraße und Hauptstraße der Stadt Mexiko standen die schwer bewaffneten Gruppen morgens, mittags und abends zusammen, als wäre die Straße ein Räubermarkt. Die Männergürtel waren bepackt mit Revolvern und Waffen aller Art. Die großen breitrandigen Filzhüte, die Sombreros, die die Gesichter halb verdeckten, gaben jedem einzelnen das Aussehen von einem Rinaldo Rinaldini.
In den Trambahnwagen und in den Eisenbahnwagen, abends auf dem Korso und beim Billardspiel in den Kaffeehäusern begegneten einem die mit Revolvern und Waffen bespickten Gestalten überall. Sie waren immer mit Waffen drohend beladen, als kämen sie eben von Raubzügen zurück oder als hätten sie sich zu einem Raubplan verabredet.
Wir, die wir von dem lebhaften, aber doch gesitteten pariser Boulevardleben, nur mit Sonnenschirm und Spazierstock bewaffnet, friedvoll und natursehnsüchtig in jenem Lande angekommen waren, verwunderten uns nicht wenig über die abenteuerliche Haltung der Leute hier und über ihr räuberisches Aussehen.
Mit dem Totschläger in der einen Hand, den Revolver im Gürtel und eine brennende Laterne in der anderen Hand, so standen nachts in Gruppen die Polizisten an den Straßenkreuzungen. Und jeden Donnerstag war unter den Bäumen der „Avenue des Columbus“ Musterung über das Heer der Polizisten.
Eine der aufregendsten Polizeigreueltaten ereignete sich während meines Aufenthaltes.
Ich erlebte es, daß neunzehn Polizisten, bestochen und überredet vom verbrecherischen Polizeioberhaupt selbst, einen Häftling, der im Nationalpalast eingesperrt war, am Nachmittag des Nationaltages in seiner Zelle mit neunzehn Messerstichen niederstießen.
Das Polizeioberhaupt war mit jenem verhafteten Mann verbrecherisch verbunden gewesen. Jener Gefangene hatte dem Polizeipräsidenten früher einmal Gift verschafft, damit dieser einen Abbé aus dem Wege schaffen konnte. Jener Abbé, der auch wirklich von ihm vergiftet wurde, war der Beichtvater einer reichen jungen Mexikanerin gewesen, die der Polizeipräsident hatte heiraten wollen. Aber der Abbé, der auch der Beichtvater des Polizeipräsidenten gewesen, hatte jene Dame vor der Heirat gewarnt. Auf diese Warnung hin hatte sie ihre Verlobung mit dem Polizeipräsidenten gelöst.
Jener Mann, der dem Polizeipräsidenten das Gift zu jenem Mord verschafft hatte, erpreßte danach von ihm unausgesetzt große Schweigesummen. Als der Polizeipräsident nicht weitere Erpressungsgelder zahlen wollte oder konnte, drohte jener, den Mord an dem Abbé dem Präsidenten der Republik mitzuteilen und den Polizeipräsidenten durch diese Enthüllungen zu vernichten.
Am Vormittag des mexikanischen Nationalfestes, im September, als der Präsident der Republik, Porfirio Diaz, an der Tribüne vorfuhr, von welcher er die Truppenschau abhalten sollte, drängte sich jener Mann, der das Polizeioberhaupt beim Präsidenten der Republik anzeigen wollte, durch die Zuschauermasse und hielt, um die Aufmerksamkeit des Präsidenten und seiner Generäle auf sich zu lenken, einen faustgroßen Stein in der gehobenen Hand, als wolle er Porfirio Diaz erschlagen.
Ein General warf sich dem Heranstürmenden entgegen, ebenso taten andere Herren der Umgebung und die Polizisten. Man fesselte den Mann, welcher laut rief, er habe große Enthüllungen über die Polizei zu machen. Man sah den Polizeipräsidenten selbst, der den Mann fortschleppen ließ, rasch mit dem Gefangenen in einen Wagen steigen und nach dem Nationalpalast fahren. Der Polizeipräsident hatte seine Wohnung im Nationalpalast, wo der Häftling eingesperrt wurde.
Nach der Truppenschau kehrte Porfirio Diaz unter dem Jubel der Menschenmassen und von den Leuten von allen Balkonen herab begeistert begrüßt, durch die Hauptstraße, die Calle San Francisco, an der Spitze der Truppen in die Stadt zurück. Die Zeitungen brachten in Extrablättern noch mittags, während des großen Nationalfestessens, die Nachricht von dem glücklich abgewendeten anarchistischen Anschlag eines Verrückten auf den Präsidenten der Republik.
Ich selbst war bei der Truppenschau gewesen und hatte mit eigenen Augen an dem beflaggten Platz der Stadt den Überfall auf den Präsidenten mit angesehen.
Am Abend war großes Feuerwerk vor dem Nationalpalast, wo Musikbanden spielten. Hunderttausende von Indianern, die auf dem Platz vor der Kathedrale Bananen brieten und Maiskuchen buken und dort auf dem Rasen um kleine Kohlenfeuer hockten, sangen während der ganzen Nacht zu ihren Mandolinen alte wehmütige Indianerweisen, Überlieferungen aus der Aztekenzeit.
Ich ging mehrere Stunden auf dem Festplatz umher, saß unter den Bäumen und freute mich an den malerischen Gruppen, an den sanften friedlichen Liedern und an der Schlichtheit und Einfachheit des Eingeborenenvolkes. In weißen Leinwandkleidern, in weißer Hose und weißem Hemd die Männer und in blauen Leinwandröcken und in schwarze Tücher gehüllt die Frauen, so lagerten die Indianerscharen auf dem Rasen und vergnügten sich sanft und harmlos. Sie waren wie Gazellenherden, die in einer Nacht im Mondschein vergessen dürfen, daß sie von Jägern, Hunden, tödlichen Gewehren und eisernen Waffen am Tage umringt, gehetzt und mitleidlos gejagt dahinleben müssen.
Gegen Mitternacht, als ich heimging, hörte ich einige Schüsse fallen. Der Schall kam von der Richtung des Nationalpalastes, welcher ein langes einstöckiges Gebäude im spanischen Jesuitenstil ist. Ich kümmerte mich aber nicht um das Schießen und ging nach meinem spanischen Hotel. Ich sah noch, als ich den Platz verließ und in die Seitenstraße bog, daß Scharen von Polizisten aus allen Straßen nach dem Nationalpalast liefen, und daß auch die Massen der auf dem Rasengarten des Platzes friedlich gelagerten Indianer sich erhoben hatten und sich gegen den Nationalpalast hinbewegten, angezogen, wie es schien, von den Schüssen, deren Echos ich noch in den Ohren trug.
In jenem Lande aber, wo man den ganzen Tag mit Pistolen bewaffneten Männern begegnet, schien es mir nichts Absonderliches zu sein, wenn ein kleiner Streit ausgebrochen war, bei welchem geschossen wurde, oder daß ein kleiner Überfall statthatte. Und da es nicht weise ist, sich unter Streitende zu mischen, vermied ich es, neugierig zu werden, und schlenderte nach Hause.
Am nächsten Morgen hatte ich das kleine Ereignis vergessen und dachte erst daran, als alle Zeitungen berichteten, daß in der Nacht jener Anarchist, der den Präsidenten bei der Truppenschau angefallen hatte, in dem Haftzimmer im Nationalpalast von einer eindringenden Menschenmenge gelyncht worden sei. Neunzehn maskierte Männer wären in das Gebäude eingedrungen, gefolgt von tobenden Menschenmassen, und die neunzehn Maskierten hätten mit neunzehn Messern -- die sie in dem Leichnam stecken ließen -- den Verhafteten im Haftraum niedergestoßen. Auf einem Zettel, den sie zurückließen, stand das Wort „Lynchjustiz“ geschrieben.
Die Pistolenschüsse aber, die ich gehört hatte, waren um Mitternacht vom Polizeioberhaupt selbst vom Balkon des Nationalpalastes abgegeben worden. Man sagte, als die neunzehn maskierten Mörder in den Palast drangen, hätten sie den Polizeipräsidenten, der noch allein spät in seinem Amtszimmer tätig gewesen, aufgefordert, ihnen den Weg zum Haftzimmer zu zeigen, da sie im Namen des Volkswillens, im Namen der Nation, den Häftling, der am Morgen bei der Truppenschau das Leben ihres geliebten Präsidenten der Republik bedroht habe, lynchen wollten.
Der Polizeipräsident habe auf dieses Ansinnen nicht eingehen wollen. Doch als sich die Mörder nicht hatten abhalten lassen und selbst den Weg zum Haftlokal gesucht und gefunden hatten, sei das Polizeioberhaupt auf den Balkon gesprungen und habe seinen Revolver in die Nachtluft abgefeuert, um die auf dem Platz das Nationalfest feiernde Volksmasse aufmerksam zu machen und sie zur Hilfe herbeizurufen.
Nach einigen Tagen aber stellte sich zum größten Erstaunen der Stadt Mexiko heraus, daß der Polizeipräsident selbst diesen Mord an dem Verhafteten beauftragt hatte. Aber man wußte noch nicht, welcher Grund den obersten Polizeiherrn zu dieser Mordtat gezwungen hatte. Der Beweggrund wurde erst später enthüllt.
Die Leute, die auf des Polizeipräsidenten Pistolenschüsse in den Hof des Nationalpalastes geeilt waren, einige hundert Menschen, hatte er durch die Schüsse herbeilocken wollen, und er hatte hinter ihnen die Palasttore schließen lassen. Das Ganze sollte den Anschein bekommen, als wäre der geheimnisvolle Mord vom Volk erzwungen worden und die Polizei selbst überrascht worden vom Volkswillen.
Aber ein Polizist jener neunzehn Polizisten, die von ihrem Oberhaupt überredet waren, erklärte an einem der nächsten Tage, von Gewissensbissen gepeinigt, den ganzen Vorgang auf dem Geschäftszimmer einer der größten Zeitungen der mexikanischen Hauptstadt.
Er berichtete: am Nachmittag des Nationalfestes habe der Präsident der Polizei neunzehn neue Messer kaufen lassen, habe neunzehn der zuverlässigsten seiner Polizisten zu sich ins Zimmer gerufen und ihnen erklärt, sie wüßten doch von jeher, daß der Präsident der Republik nur ungern ein Todesurteil unterschreibe, und daß sie Diaz einen Gefallen täten, wenn sie ein Todesurteil an dem Attentäter vollstrecken würden. Er, der Präsident der Polizei, wolle das Ganze so anordnen, daß der Mord einem Lynchverfahren, von Volksmännern ausgeführt, ähnlich sehen sollte.
Den Bedenken der neunzehn Polizisten setzte er entgegen, daß sich der Präsident der Republik den neunzehn Beamten erkenntlich erweisen würde, wenn sie Porfirio Diaz das Unterschreiben des Todesurteils über jenen Anarchisten ersparen würden. Da jener Mann doch zum Tode verurteilt werden müsse, fiele keine Mordschuld auf die Beamten. Denn sie würden nur mit dieser Tat dem Gesetz zu seinem Recht verhelfen und zugleich dem Präsidenten der Republik eine Gefälligkeit erweisen.
Nachdem die Zeitungen diese Enthüllungen des einen mitschuldigen Polizisten gebracht hatten, war die ganze Bevölkerung der Hauptstadt Mexiko von Entsetzen erfüllt. Der Polizeipräsident wurde verhaftet, ebenso die neunzehn Polizisten. Allmählich kam auch heraus, warum jener getötete Mann dem Polizeioberhaupt im Wege gewesen war, und daß außer der Vergiftung des Abbé der Polizeipräsident noch viele Schändlichkeiten begangen hatte.
Seine Freunde aber sandten ihm in einem ausgehöhlten Kuchen einen geladenen Revolver ins Gefängnis, und er erschoß sich dort, ehe man ihn richten konnte. Die neunzehn Polizisten wurden alle zum Tode verurteilt. Die Zeitungen brachten die Bilder der neunzehn Verurteilten, und Ansichtspostkarten mit den neunzehn Gesichtern der Mörder wurden während meines Dortseins noch überall auf den Straßen verkauft.
In atemlosester Spannung hatte die ganze Stadt vierzehn Tage lang die Enthüllungen über diesen außergewöhnlichsten Mord verfolgt. Auch ich las die Berichte über diese unerhörten, schauderhaften Polizeizustände, und ich verstehe recht wohl, daß manche, die meinen Roman „Raubmenschen“, darin ich diese Schreckenstat erzähle, gelesen haben, die Wirklichkeit dieses nie dagewesenen Schreckens bezweifeln mochten. Aber diese Ungeheuerlichkeit ist tatsächlich wahr und hat sich während meines Aufenthaltes in Mexiko ereignet und sozusagen vor meinen Augen abgespielt.
Daß Mexiko das Land der mörderischsten Möglichkeiten ist, wurde mir klar. Sobald ich von Juli bis Dezember genügende Eindrücke gesammelt hatte, so daß ich für alle Zeiten wissen konnte, daß ich dort niemals ländlichen Frieden und künstlerische Ruhe finden würde, reiste ich, nachdem ich noch mit meiner Frau eine Rundreise durch den Golf von Mexiko nach Neu-Orleans gemacht hatte, von dort über den Ozean zurück nach Europa, wo wir wieder Anfang Februar in Havre landeten.
Die Rückreise war so stürmisch gewesen, daß unser Schiff überfällig war und in Havre als verloren galt und bereits auf der Verlustliste stand. Von vier Dampfkesseln waren zwei im Sturm unbrauchbar geworden, so daß wir nur mit halber Fahrt vorwärts kommen konnten und statt zwei Wochen sechs Wochen zwischen dem mexikanischen Golf und Frankreich in unendlichen Ozeanstürmen zubrachten.
* * * * *
Einige unserer Freunde in Paris, junge deutsche Maler, erwarteten uns bei unserer Rückkunft am Bahnhof Saint Lazare. Und als sie meiner Frau zum Willkommgruß Blumen reichten und wir wieder durch das vornehme bewegliche Paris fuhren, atmete ich tief auf. Hier war doch wieder Gesittung! Hier war doch nicht mehr offensichtliche Räuberwillkür! Mochten auch noch so viele Verbrecherleidenschaften im Dunkeln dieser Weltstadt hausen, das äußere Stadtgesicht war jedenfalls menschenwürdig.
In dieser Stadt herrschte vor allem das Lächeln der Frauen, das gnädig oder ungnädig die Willen der Männer lenkte, und die Frauenlust stand hier höher als die Goldlust.
Von der göttlich künstlerischen Herrschaft der Liebe in all ihren Sehnsüchten, vom wildesten und lüsternsten Sinnentrieb an bis zum zärtlichsten Sehnen nach dem Gunstblick der geliebten Frau, sprechen Straßen und Menschen in jedem Augenblick in Paris.
Paris trägt den Namen jenes Hirten, der den Apfel als Schönheitspreis der Venus reichte, und der sich dadurch einstmals Juno und Pallas Athene zu Feindinnen gemacht haben soll. Und es ist wohl kein bloßer Zufall, sondern ein dichterischer Einfall des Lebens, daß diese Stadt das schönste Venusbild der griechischen Liebesgöttin zu sich in den Louvre gerettet hat, das Bild der Venus von Milo, zu welcher jährlich Tausende von Europäern gewallfahrtet sind und noch wallfahrten.
Die Reise nach Mexiko hatte mir aber doch nicht bloß Verluste gebracht. Es war eine große innere Erkenntnis über mich gekommen, die, daß der Erdteil Europa, in dem ich geboren war, mich lebenslänglich nicht loslassen wird. Nirgends anders, in keinem anderen Weltteil, durfte ich mir als Künstler Haus und Heim schaffen. Dies war mir ganz klar geworden, und ich hegte nun keine überseeischen Niederlassungsträume mehr.
Aber Überlandträume konnte ich doch nicht aufgeben. Der unkünstlerischen Großstadtgeschäftigkeit und dem neuzeitlichen Maschinenwesen, das über Europa herrschte, glaubte ich nur entgehen zu können, wenn ich mich in einen, an edelsten Überlieferungen reichen Winkel Europas zurückzog und dort vielleicht doch ein Hirtendasein führen konnte.
Es müßte aber ein Land sein, sagte ich mir, wo ich Eichen, Buchen und heimatliche Flora finden konnte. Kein Land der Palmen. Und ich glaubte, daß Griechenland, von wo wir Europäer edelste Dichtung und herrliche Kunstwerke und unsere Menschlichkeitslehre im reinsten künstlerischen Sinn empfangen hatten, das rechte Land für mich wäre, um dort, ungestört vom Weltgetriebe, der Dichtung leben zu können.
In Athen und draußen vor Athen oder an irgendeiner griechischen Meerbucht müßte es möglich sein, einen Weinberggarten zu kaufen, dachte ich mir, und dort wollte ich in einem bescheidenen Haus, unter mildem Himmel, bei europäischen Eichen und Wiesen wohnen.
Ich hatte schon in Schweden in den letzten Jahren mit Vorliebe griechische Dramen gelesen, und ich fand sie viel festlicher und feierlicher als die Gesellschaftsspitzfindigkeiten und die Nervenlust der Ibsenschen Dramen, die damals die Begeisterung der Welt für sich hatten.
Als ich mit meiner Frau nach der Beerdigung meines Vaters im Jahr 1896 vor der Mexikoreise nach Sizilien gereist war, war ich auch durch Karlsruhe gekommen. Richard Dehmel hatte mir brieflich von einem jungen Dichter Mombert erzählt, den ich doch kennen lernen sollte, und der auch in Süddeutschland wohne. Ich sah dann A. Mombert in Karlsruhe einen Nachmittag, und als ich ihm sagte, ich wollte mir auf die Reise nach Sizilien Homers „Ilias“ und „Odyssee“ mitnehmen, da hatte er die Liebenswürdigkeit, mir diese beiden Bücher anzubieten und sie mir beim Abschied auf die Reise mitzugeben.
Auf dem Schiff zwischen Genua und Neapel las ich dann zum erstenmal in der „Ilias“, die ich noch nie gelesen hatte, und die ich nur öfters vorher in großen Prachtausgaben in der Hand gehabt und durchblättert hatte. In den früheren Jahren war mir Homers Sprache viel zu lebensfestlich gewesen, weil ich selbst noch vom Alleinsein bedrückt und ohne Liebe lebte. Jetzt aber hatte ich in mir Herzensfestlichkeit durch eine geliebte Frau gefunden, und Homers „Ilias“ und „Odyssee“ wurden mir so leicht verständlich, wie es nur sonst das deutsche Nibelungenlied uns Deutschen ist.
Die sonnige Schiffbank auf dem kleinen österreichischen Lloyddampfer, der uns damals von Genua durch das Mittelmeer nach Sizilien trug, war auch ein geeigneterer, um Homer zu lesen, Platz als die Schulbank. Das Schiff, das zwischen blauem Wasser und blauem Himmel, einer weißen Sommerwolke ähnlich, hinschwebte, ließ mir beim Lesen die unermeßlichen Rhythmen der „Ilias“ so lebendig und kräftig werden, daß es mir vorkam, als trüge mich Gesang um Gesang durch die Bläue. Das Rauschen der Meereswellen vermengte sich mit dem Rauschen des Geistes und dem Rauschen der Bilder und der edlen Gefühle, die Zeile um Zeile aus der „Ilias“ dringen.
Bei der Hinreise nach Mexiko aber las ich dann auf dem großen Ozean die „Odyssee“. Und die Abenteuer des männertötenden Odysseus und die festlichen Schrecken, die der Held erlebte, hielten mich kräftig und aufrecht, als ich mich zwischen Neuyork, Havanna und Vera-Cruz auf dem Goldsucherschiff von Abenteurergesindel umgeben fand. Unter den Verbrecherblicken und Verbrechergedanken, die mich dort und nach meiner Ankunft in Mexiko stündlich auf allen Straßen umgaben, war mir das Lesen Homers Bedürfnis geworden.
Auch hatte ich für die Künstlerniederlassung nach Mexiko einige Abgüsse griechischer Reliefs, Verkleinerungen vom Parthenonfries und eine Masse guter Photographien der besten griechischen Bildhauerwerke der Louvresammlungen, in Kisten eingepackt, mit mir. Und griechische Bilder und griechische Dichtung trösteten mich oft drüben über dem Atlantischen Ozean in dem wilden Vulkanland Mexiko, wenn ich vor Heimweh nach Europa zu verzweifeln meinte.
Durch den deutschen Konsul in Mexiko war mir auch ein Lehrer der deutschen Schule bekannt geworden, der mir und meiner Frau in jenen mexikanischen Monaten einigen griechischen Unterricht gab. Denn nachdem ich Homer in deutscher Sprache gelesen hatte, wollte ich gern dieselben Verse in griechischen Lauten nochmals hören. Aber der Unterricht war nur kurz und wurde durch die Rückreise nach Europa bald abgebrochen.
* * * * *
Am Abend des Karnevaldienstages waren wir, von Mexiko zurückkehrend, wieder in Paris eingetroffen. Bei der Vorüberfahrt am Opernplatz bliesen vom ersten Stockwerk des Opernhauses über die Menschenmenge die Fanfaren, die die Eröffnung des Maskenballes anzeigten. Es war mir aber, als verkündeten die Trompeten zugleich das Ende des Winters, den Beginn und den Einzug des Vorfrühlings und einen Willkomm für uns in Europa.
Ich verabredete mit meiner Frau, die von der langen ozeanischen Sturmreise sehr erschöpft war, daß sie sich in ihrem Vaterhause in Schweden ausruhen und sich dort aufhalten sollte, bis ich in Griechenland Haus und Garten gefunden hätte. Sollte ich aber dort auch keinen geeigneten Platz entdecken, so wollten wir uns dann beide in Würzburg, in meiner Heimatstadt, treffen und wollten dort einstweilen wohnen.
Wir waren dann noch einige Wochen bis Mitte April 1897 in Paris.