Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band
Part 14
In jenem Winter 1896/97, als ich mit meiner Frau am Boulevard Montparnasse wohnte, hatten wir mehrere Zimmer in einem Gasthof gemietet. Dabei war ein größerer Salon mit Klavier. Meine Frau studierte bei einem der besten pariser Musikprofessoren ein wenig Harmonielehre, da sie gern aus alten Musikwerken Melodien alter Völker, die sie sich abschrieb, sammelte und mir vorspielte, nachdem sie dieselben für Klavier umgesetzt hatte.
In unserem Salon sahen wir in jenem Winter des Abends viele Menschen bei uns, meistens ausländische Maler und Schriftsteller, Skandinavier, Polen, Russen und Russinnen, außer den beiden Amerikanern.
Wir hatten aber sonst unsere einfachen Lebensgewohnheiten nicht aufgegeben und aßen in der „Crémerie“ der Madame Charlotte in der Rue de la Grande Chaumiere, die unserem Hotel gegenüberlag. Dieses war damals die echteste Künstlerwirtschaft des Stadtviertels Montparnasse.
Dort waren auch Strindberg und Munch jeden Tag. Im Strindbergschen Drama „Rausch“ spielen ein paar Akte in jener urechten französischen Künstlergarküche, über deren Eingang geschrieben stand: „Rotschild ist der Eintritt verboten. Wer nicht Schulden machen kann, bleibe draußen“, und ähnliches.
Die Wände des kleinen Raumes hatten keine Tapeten nötig. Sie waren dicht behangen mit Hunderten von eingerahmten Ölbildern. Da fand sich aber selten eine Anfängerskizze darunter, denn die eigenartigsten Künstler, die besten von Paris, hatten hier gegessen und Schulden gemacht und in jungen Jahren die Madame Charlotte mit einem guten Ölbild bezahlt. Da waren selbst Bilder von van Gogh und Gauguin zu sehen.
Zur Frühstücksstunde zwischen elf und zwei Uhr war dort bei Madame Charlotte kaum ein Platz zu bekommen. Auf dem steinernen roten Backsteinboden standen an zwei Wänden zwei einfache lange ungedeckte Holztische, an denen ungefähr fünfundzwanzig Menschen Platz hatten. Im Hintergrunde des Raumes war neben dem flaschenreichen Kredenztisch die dunkle Küche. Durch die immer offene Küchentüre sah man die vom Herdfeuer beleuchtete starke Lothringerin „Madame Charlotte“, die selbst kochte und die ihren Sohn, einen späteren Kunsthändler, und die Magd mit den Tellern zu den Gästen schickte.
Beim Eintritt in die „Crémerie“ war jeder darüber erstaunt, welch buntgewürfelte Gesellschaft man dort antraf. Außer den Malern, die da in Joppen schlicht von der Atelierarbeit kamen und schnell ihr Essen schluckten und vorerst wenig Lust zum Sprechen hatten, waren da auch viele Malerinnen, Damen der besten Gesellschaftskreise.
Ich kannte dort zwei russische Fürstinnen aus Moskau, die ihre Freundinnen mitbrachten. Einige hatten ihre Wohnung im Champs-Elysée, und sie kamen öfters mittags aus dem vornehmsten Stadtviertel angefahren, den neuesten Pariser Frühlingshut auf dem Kopf. Manche jener vornehmen Ausländerinnen kam gegen den Willen ihrer Verwandten, wie man mir sagte. Sie aßen einen Teller der wässerigen Suppe und tranken ein Glas des sauersüßen Weines und wagten sich auch an eines der rätselhaften Fleischgerichte, die Madame Charlotte auftischte. Von denen man nie genau wußte, ob sie frisch oder alt, vom Pferdeschlächter, Hundeschlächter oder Katzenschlächter kamen.
Ein paarmal wurden wir krank nach diesem Essen. Aber wir gingen doch immer wieder zu Madame Charlotte, weil die anderen spiegelglänzenden Wirtschaften der Boulevards weder dem Geldbeutel noch dem Geist zusagten.
Der Zigarettenrauch, der gegen zwei Uhr in dem kleinen kellerartigen Raum schwebte, hing über manchem Kopf, der einige Jahre nachher aus diesem unbekannten Winkel hinter den zwei Tischen der Madame Charlotte hervor in die Öffentlichkeit trat und weltbekannt wurde.
Hier bei der kargen Mahlzeit wurden große Träume geträumt, künstlerische Pläne entworfen, und die Augen in manchem sorgengrauen Gesicht kämpften hier schweigend, in den Teller starrend und innerlich schwere Lebensfragen betrachtend.
Da war kein gitarrenklimperndes Künstlertum in diesen vier Wänden zu finden. Auch keine schwüle lüsterne pariser Luft drang hier ein. Es kamen keine der pariser Straßenmädchen zu Madame Charlotte herein. Auch kein Modell wagte dort zu essen, wo die jungen Meister und Meisterinnen aßen.
Nur ausländische Damen der Bürger- und Adelskreise, kluge Amerikanerinnen, lebhafte reizvolle Russinnen, Polinnen, Rumäninnen, Irländerinnen, Schweizerinnen und Österreicherinnen traf man an, von denen manche mutig die Künstlerarmut dem reichen weichen Familienleben vorgezogen hatten, und die nach Paris gekommen waren, um Welt und Kunst zu erleben. Teils malten sie in Museen, teils in eigenen Ateliers, und die jungen Maler begegneten ihnen mit Achtung und Höflichkeit.
Manche Künstlerehe wurde auch in dieser Garküche -- die Rotschild nicht betreten durfte -- in ihren ersten Anfängen geschlossen. Und wie der Feuerschein aus der dunklen Küche manchmal hellauf bis zur Decke schlug und uns alle wie ein Blitz beleuchtete, so schlug das Blut manchem heiß über dem Gehirn zusammen. Und es entstanden dort Tragödien, die später ihren erschütternden Abschluß an irgendeinem Weltende fanden. --
* * * * *
Als im Frühjahr 1897 meine Erbschaftsangelegenheiten so weit geordnet waren, daß ich mein Vermögen erhalten konnte, befiel mich von neuem der Schrecken vor der Zukunft. Von den Zinsen meines Erbteils konnte ich mit meiner Frau nicht leben, und wenn das Kapital aufgezehrt war, hätte ich wieder der Not entgegensehen müssen. Und dieses wollte ich doch verhindern.
Ich hörte wieder aufmerksamer dem immer noch pläneschmiedenden Amerikaner zu. Diesem hatte ich erklärt, daß ich seit jener Reise nach Petersburg und seit der Heimfahrt zur Beerdigung meines Vaters mir klar gemacht habe, daß ich niemals ohne meine Muttersprache, ohne Deutsch sprechen zu hören, mich auf die Dauer irgendwo fest niederlassen könnte. Es sei mir bewußt geworden, daß ich nicht lange mehr im Ausland leben könne und nicht daran denken könne, Deutschland für immer zu verlassen und mich in anderssprechenden Ländern anzukaufen.
Da schlug der Amerikaner mir vor, wir sollten alle nach den Südstaaten Nordamerikas ziehen, nach Neukarolina. In diesen Ländern gäbe es überall Deutsche, und es würde mir nicht schwer fallen, öfters Deutsch sprechen zu hören, wenn ich Sehnsucht danach hätte. Das Klima wäre dort äußerst günstig für leichte Gartenarbeit.
Aber mir wollte der Vorschlag immer noch nicht gefallen. James aber sagte, er würde jedenfalls nach den Südstaaten Amerikas reisen und sich dort mit seiner Frau niederlassen. Er wollte zugleich in London und Neuyork in Zeitschriften einen Aufsatz veröffentlichen, der den Vorschlag enthalten sollte, daß junge verheiratete Künstler aller Nationen sich auf einem Stück Land zusammenfinden sollten.
Sie sollten zusammen eine Arbeitsteilung vornehmen, wie es in Ordensniederlassungen früher der Brauch gewesen. Jedes Künstlerehepaar sollte ein kleines Arbeitshäuschen erhalten, und man sollte den halben Tag über mit den Händen arbeiten und die andere Hälfte des Tages künstlerisch tätig sein. Es sollten sich so Maler, Musiker und Dichter zusammenfinden. Des Abends sollten die, welche Lust nach Geselligkeit hatten, im Sommer auf einem Rasenplatz, im Winter in einer Halle zusammenkommen, Sportspiele spielen, Musik hören, Theateraufführungen und Vorträgen und Vorlesungen von Dichtungen beiwohnen.
Der Amerikaner wollte amerikanische Mäzene ausfindig machen, die Geld zum Bau von Bibliotheken und zum Bau nützlicher bescheidener Gebäulichkeiten, zum Bau von Werkstätten und so weiter, hergeben würden. Die Gedichtwerke sollten in der Vereinigung jener Künstler auf kleinen Handpressen selbst gesetzt und selbst gedruckt werden und unter den Mitgliedern zur Verteilung kommen. Bei Jagd, Fischerei und Gartenarbeit sollte der Körper Tätigkeit finden, und damit sollte zugleich auch von allen Künstlern für den gemeinsamen Unterhalt gesorgt werden.
Es war eine selbstverständliche Gewissenhaftigkeit vorausgesetzt, eine gewisse Lebensreife und die Bedingung, daß nur verheiratete Frauen und Männer, also nur Paare mit ihren Kindern, Aufnahme finden könnten. Wie das gemeinsame Leben einer solchen Künstlervereinigung sich dann entwickeln würde, das sollte man der Zukunft überlassen. Es sollte kein Zwang im Zuziehen und Fortziehen herrschen, und man wollte mit frohen Hoffnungen das beste für Kunst- und Körperleben erwarten.
Es war aber dabei nicht geplant, daß die Künstler alle zusammen in einem Dorf wohnen sollten. Man hoffte, daß die amerikanische Regierung ein größeres Stück unbewohntes Land zur Verfügung stellen würde, und daß einige Millionäre sich finden könnten, die das amerikanische Kunstleben heben wollten, indem sie dort den Künstlern Heimstätten schaffen würden.
Jeder Künstler sollte entfernt von den anderen wohnen, der eine an einem Fluß, der andere an einem Wald, der dritte auf einem Berg. Nur am gemeinsamen Versammlungsplatz sollte man sich sprechen und sich uneingeladen nie im Arbeiten stören.
Dieser Plan war von dem Amerikaner ausführlich ausgearbeitet worden. Und er veröffentlichte dann auch in Neuyork und London den Aufsatz über die amerikanische Künstlerkolonie, den ich ins Deutsche übersetzte und einer deutschen Monatsschrift schickte.
Viele Künstler suchten damals Neuland, und in jenen Jahren gründete sich die Worpsweder Vereinigung, die aber nur ein Zusammenwohnen in derselben Landschaft, aber nicht, um freie Lebensmöglichkeit zu erlangen, ein Zusammenarbeiten kennt.
Der Drang nach Vertiefung und Abwendung von der Geschäftshast und Geschäftsgier und vom geschmacklosen bürgerlichen Unverstand ging als tiefe Sehnsucht damals unter den jungen Künstlern Europas um. Und so war das eigentlich gar nicht so absonderlich, was der Amerikaner vorschlug.
Ich hatte nur den einen Einwand, der war, daß ich am liebsten die Künstlervereinigung auf deutschem Boden gesehen hätte. Aber ich verstand auch, daß übervölkerte Länder wie Deutschland für den Plan nicht geeignet waren, weil man nicht so leicht in unserem verkehrsreichen Lande eine verkehrsfreie Landschaft hätte finden können.
Ein zweiter Grund, der für Amerika sprach, war der, daß amerikanische Millionäre freigebiger sind und leichter ideale Bestrebungen unterstützen würden als deutsche reiche Leute.
Nur hatte ich von jeher einen Widerwillen gegen Nordamerika. Das große Land, in dem die Einwanderer in dem letzten Jahrhundert die eingeborenen Stämme zurückgedrängt oder ausgerottet hatten, und auf dem meine Phantasie keine anderen geschichtlichen Träume fand als die Knabenträume aus dem Buch „Lederstrumpf“, dieses Land, das nie große alte Baudenkmäler, nie große geschichtliche Ereignisse aus dem Mittelalter oder der frühesten Vergangenheit für uns aufzuweisen hatte, gab meiner Einbildungskraft, wenn ich mich dort hinversetzte, nur leere unbekannte Wälder und leere ungeschichtliche Grasflächen zu sehen, auf denen sich nichts abspielte als das Geschäftsleben der Eisenbahnzüge, die durchs Land hinliefen.
Als ich von dieser meiner Unlust gegen Nordamerika zu dem Amerikaner sprach, so hatte er einen neuen Vorschlag bereit. Er meinte, wir sollten nach Mexiko. Dort würden wir genug Stimmung finden. Dort gäbe es alte Baudenkmäler der Azteken, wunderbare Ruinen verlassener Indianerstädte in tiefen Wäldern. Auch sei das Klima, das halbtropische, der Gartenarbeit günstig. Man könnte dort leicht Gärten pachten und diese billig von Indianern bearbeiten lassen, wenn unsere Kräfte nicht ausreichen sollten.
Das alte Gold- und Abenteuerland Mexiko, mit der gewaltigen Vergangenheit des Aztekenreiches, fesselte meine Einbildungskraft und Aufmerksamkeit sofort. Und da ich mein geerbtes Geld in Paris leicht und schnell schwinden sah und in der Heimat mir kein Vaterhaus mehr stand, so sagte ich mir, ich müsse für einige Jahre meine Heimatsehnsucht schweigen lassen. Ich hatte früher in Schweden und in London gelebt und dort gedichtet, ich würde also auch in Amerika dichten können. Es würde mir sicher gut tun, meinte ich, einige Jahre ganz zurückgezogen vom alten Europa -- das ich, wie ich glaubte, auswendig kannte --, in einem schönen tropischen Lande zu wohnen, mir durch einen Garten Verdienst zu verschaffen und zugleich neue Dichtungen zu schreiben.
Dann, wenn ich mal Heimweh bekäme, könnte ich mit leicht verdientem Gelde später zurückkehren oder auch wollte ich, wenn ich die Heimat vergessen könnte, in der Fremde bleiben.
Jedenfalls war jetzt, als der Frühling kam, meine Reiselust wieder wach, und es wurde beschlossen, daß wir nach Amerika, das heißt nach Mexiko reisen sollten.
Gedrängt von der unsicheren Zukunft, die mich in Europa erwartete, getrieben von den schlimmen Erfahrungen der Not, die ich erlebt hatte, redete ich mir trotz meiner unstillbaren Sehnsucht nach Deutschland, die mich im geheimen plagte, die Notwendigkeit ein, Europa verlassen zu müssen. Aber ich ertappte mich oft dabei, nachdem ich dem Amerikaner die Mithilfe bei der Gründung seiner Künstlervereinigung zugesagt hatte, daß ich an einer glücklichen Ausführung des Planes stark zweifelte.
Wir machten dann für diese Reise wochenlang Einkäufe in Paris, und die Hundertfrankenscheine flogen aus meinen Händen wie welke Blätter. Es war kein Leichtsinn, der mich zu diesen vielen Einkäufen hinriß. Es war die innerste Sehnsucht vom angeborenen Europa Andenken und künstlerische Werte mitzunehmen hinaus in die riesenhafte Fremde der Tropenwelt, vor der mir eigentlich im stillen bereits graute.
Mit großen Koffern und Kisten, die all mein Hab und Gut enthielten, reisten wir von Paris zu Anfang Mai 1897 ab. Wir nahmen noch einen Aufenthalt von vier Wochen in der Bretagne, wo wir auf Nachricht von den Amerikanern warteten, welche bereits nach Neuyork vorausgeeilt waren, um ihren Hausverkauf zu ordnen, und welche uns von dort telegraphieren sollten, sobald sie nach Mexiko abreisten.
Anfangs Juni erhielten wir das Telegramm und fuhren von der Bretagne nach Southampton, wo wir am nächsten Tag einen Dampfer des Norddeutschen Lloyd bestiegen, der uns nach Neuyork brachte. Dort wechselten wir das Schiff und fuhren mit einem kleineren Dampfer nach Vera-Cruz im Golf von Mexiko.
Ich habe diese Mexikoreise in ihren landschaftlichen Reiseeindrücken in meinem Roman „Raubmenschen“ so eingehend geschildert, daß ich mir die nochmalige Wiedergabe hier ersparen kann, um dem Leser, der den Roman bereits kennt, nicht mit Wiederholungen lästig fallen zu müssen.
Ich will nur in kurzen Zügen meine Gefühle wiedergeben, die mich nach einigen Monaten zur Rückkehr nach Europa antrieben.
Kaum hatte ich im Golf von Mexiko in Vera-Cruz nach einer langen Seereise das tropische Festland unter den Füßen, kaum sah ich die ersten Kokospalmen in einem Baumgang der kleinen Hafenstadt, da wurde mir mit einem Schlage klar: hier werde ich nie ein deutsches Lied schreiben.
Aber du hast doch in England, Dänemark und Schweden gedichtet, meinte der törichte Verstand, der beim Menschen immer das ursprüngliche Gefühl bevormunden will, und der dem Gefühl gegenüber doch immer der beschränktere ist.
Des Verstandes Vorsicht läßt den Menschen nie so tief und innig mit dem Weltallfest verschmelzen, wie es das Gefühl will. Und nur den stärksten Menschen gelingt es, sich gegen den Verstand im Gefühl zu behaupten, und dieses sind dann auch die künstlerischsten Menschen. Das unklare Gefühl greift in seiner Unbewußtheit immer sicherer zu und handelt immer ehrlicher und glücklicher, als der sich brüstende zielbewußte und von seiner Klarheit geblendete Verstand.
Sicher ist, daß das Gefühl bei jedem Künstler die Oberhand behalten muß, und daß der Künstler nur deshalb der schöpferischste unter den Menschen ist, weil er immer das zielbewußte dunkle Gefühl bei seinen Schöpfungen für sich handeln läßt und mit dem Verstand nicht dem Gefühl dreinredet.
Aber, dieses zu tun, kann nur ein Künstler wagen; nur er ist reiner Gefühlsheld. Nur ihm ist ein harmonisches Weltgefühl angeboren, mit dem er, ohne den Verstand zu fragen, festlichere Harmonie erzeugen kann, als sie jemals der größte ausklügelnde Verstand mit aller Berechnung zuwege bringen könnte. Nie sollte deshalb der Verstand nichtkünstlerischer Menschen an Kunstwerken des Künstlers Urteile üben dürfen. Jene Nichtkünstler können mit allem höchsten Verstand nie das harmonische Weltgefühl des Künstlers erfassen, das sein Werk geschaffen hat. Nur wenn jene vertrauend und treu glaubend ihr Gefühl einem Kunstwerk hinhalten, können sie allmählich, mit Selbstbeherrschung und Ausschaltung des unkünstlerischen Verstandes, den Hoheitsgefühlen künstlerischen Schöpfungen nahekommen.
So antwortete damals auch mein Gefühl in Mexiko meinem Verstand: er habe unrecht zu verlangen, daß ich in Mexiko dichten sollte, weil ich in England, Dänemark und Schweden gedichtet hätte.
„Du verstehst aber auch gar nichts,“ so sagte das Gefühl zu ihm. „Begreifst du denn gar nicht, daß Skandinavien und England germanische Länder sind, Deutschland ähnliche Länder. Tannen, Birken und Buchen wachsen dort. Die Landschaft und die Sprache jener Länder spricht germanische Laute, hat schlichte germanische Farben. Wolken, Winde und Erde sind sich ähnlich in jenen nordischen Ländern.
Aber in Mexiko riecht es nach Kaffee, Zucker und nach allerhand Drogen, nach Zimt und Pfeffer; die ganze Landschaft riecht wie ein Kaufmannsladen. Und dann, sieh die Formen der Palmen! Sieh diese kopfgroßen Kokosnüsse! Kannst du dir diese Nüsse vergoldet am Weihnachtsbaume vorstellen?
Ach -- und Weihnachten! Die schönen lautlosen Schneenächte! Die langen dunklen Wintermorgen! Die ernste dunkelgrüne Tanne! Und die Tannenzapfen daran! Ich hasse diese schwindelnden Kokospalmen, die da gespreizt zum Himmel ragen, als wären sie Pfauenfächer, aufgespannt über dem Haupt eines Großmoguls.
Glaubst du denn, daß ich ohne Singvögel, ohne Rotkehlchen, ohne Finken und Stare, ohne Lerchen dichten kann! Du verstandloser Verstand, der mich hierher gelockt hat. Hier soll ich dichten! Hier, wo über den Dächern statt blinkende Schwalbenscharen ungeheuere Aasgeier die Gassen umjagen, Aasgeier, die ich nur aus den zoologischen Gärten kenne. Bin ich je in einen zoologischen Garten gegangen, um über Papageien, Jaguare und Alligatoren zu dichten?
Du hast mir immer von warmer Luft und schönen Blumen erzählt, die ich in den Tropen finden würde. Und ich bin dir gedankenlos gefolgt, denn du wolltest nicht darauf hören, wie ich in meinen Herzkammern schluchzend Tag und Nacht in Paris bettelte: geh nicht aus Europa fort! Es gibt ein Unglück, du verlierst nur dein Geld! Es kostet dich dein Vermögen, und du hast nichts davon.
Aber du natürlich, du warst der Verstand, der mich zurückwies, und nanntest mich gefühlsduselig und sagtest, man muß sich im Leben hart machen. Man muß nützlich sein können und muß nicht immer das Gefühl reden lassen. Nur dann kommt der ganze Mensch vorwärts, wenn der Verstand das Gefühl beaufsichtigt. So sagtest Du, Verstand, zu mir.
O, hätte ich nur den Mut gehabt und dir diese Reise verboten, wie ich immer dir gebiete, wenn du mir ins Dichten hineinreden willst. Das weißt du, beim Dichten durftest du mir noch nie hineinreden. Beim Leben ließ ich dich manches Mal mitsprechen. Eigentlich aber traute ich dir auch da niemals recht.
Du, Verstand, mußt es noch lernen, mehr schweigender Teilhaber in meinem Menschenleben zu sein. Sonst zerstörst du uns beide.“ --
Nach diesem Gespräch meines inneren Lebens öffnete ich meinen Mund und sagte zu meiner Frau:
„In diesem Lande bleibe ich nicht lang. Ich möchte schon am Ende der Woche abreisen. Am liebsten möchte ich gleich aufs Schiff zurückkehren. Denn dieses hier ist kein Land um deutsch zu dichten. Das sagt mir mein Gefühl.“
Es war mir, als hätte ich nun schon meine Pflicht getan, indem ich mit Amerika einen Versuch gemacht und gelandet war und Europa den Rücken gekehrt hatte, wie ich es dem Amerikaner versprochen. Und es kam mir schon nach den ersten hundert Schritten am Land vor, als wäre ich nun ledig aller heiligen Verstandespflichten und dürfte nun wieder meinem Gefühl gehorchen und gleich nach Europa umkehren.
Wir fuhren aber doch noch von Vera-Cruz nach der Hauptstadt Mexiko. Ich erwartete dort auf der Post Briefe mit der mexikanischen Adresse des amerikanischen Ehepaars zu finden. Aber es war keine Nachricht da, und ich wußte nicht, was ich nun im fremden Erdteil tun sollte.
Ich wendete mich an den deutschen Konsul und erkundigte mich über die Landesverhältnisse. Er meinte, das Innere des Landes sei sehr gefährlich für Fremde. Es lebe da spanisches Gesindel in Indianerdörfern, und wenn die bei einem etwas Geld vermuten, könne man bei jedem Spaziergang leicht aus dem Hinterhalt erschossen werden. In diesem ordnungslosen Lande krähe kein Hahn nach einem Toten. Den Mörder fände man niemals. Es gäbe zu viel Morde hier. Und die Polizei hätte zu viel zu tun, wenn sie alle Morde verfolgen wollte, die sich draußen in abgelegenen Gegenden ereigneten.
Würden wir aber trotzdem im Lande Gärten bebauen und unbehelligt leben wollen, so müßten wir wenigstens zusammen zehn Männer und zehn Frauen sein, und auch dann wäre es sehr gefährlich, wenn wir die Landessprache nicht sprächen und nicht der katholischen Religion angehörten. Denn die Spanier wären in Religionsfragen sehr streng und fanatisch.
Ich mußte für mich lachen, als ich diese Aufklärung auf dem Konsulat empfing. Der Gedanke war uns vor der Reise nicht gekommen, erst schriftlich anzufragen. Die ganze Reise war nun umsonst. Es war mir aber doch angenehm, daß der Amerikaner noch nicht angekommen war, denn nun würde ich schnell wieder abreisen können, dachte ich.
Ich hatte es auf einmal so eilig, nach Europa zurückzukehren, als erwarteten mich dort die hellsten Freuden. Meine Frau aber meinte, wir sollten doch erst ein wenig in Mexiko Ausflüge machen, das Land betrachten und die Ankunft der Amerikaner abwarten.
In den nächsten Tagen begegneten wir James und Theodosia auf der Straße. Sie waren schon lange da und hatten uns überall gesucht. James hatte sogar einen Empfehlungsbrief an den Präsidenten Porfirio Diaz mit sich. Als meine Frau ihnen sagte, wir dächten wieder an die Abreise, waren sie sehr erstaunt. Nachdem ich ihnen dann erzählt hatte, wie sehr der deutsche Konsul mir vom Bleiben abgeraten, fanden sie die Warnungen übertrieben. Ich aber blieb dabei und sagte:
„Lieber bin ich Steinklopfer, Straßenkehrer und Bettler an den Kirchentüren in Europa, als daß ich in einem Land bleibe, dessen Natur, dessen Palmen und Vulkane, dessen Agavenpflanzungen, Zuckerrohr und Kaffeebäume mir niemals ein deutsches Lied geben werden.“
Da verstanden sie, daß ich nicht bleiben würde und gingen geärgert von uns. Ich war aber erstaunt, daß sie sich ärgern konnten, wo ich doch als Künstler gefühlsehrlich zu Künstlern zu sprechen glaubte. Sie aber maßen mich mit ihrem Verstand, nannten mich launenhaft und begriffen mich nicht.
Sie hatten mir, ehe sie fortgingen, noch das Versprechen abgenommen, daß ich mich wenigstens erst einige Wochen überzeugen sollte, ob ich dem Lande keine Reize abgewinnen könnte. Ich sagte, das sei ganz unnütz. Aber ich versprach ihnen, mich einige Zeit umzusehen, trotzdem ich wußte, daß es keinen Sinn hatte. Denn ich hatte beim ersten Blick, bei der Landung in Vera-Cruz, begriffen, daß ich meinem Gefühl recht geben mußte, das sich beim Anblick der ersten Kokospalme aufgelehnt hatte, und das mir gesagt hatte, daß ich hier niemals ein deutsches Gedicht schreiben würde.
Ich kaufte mir dann ein Pferd und ritt jeden Tag in die Umgebung der Hauptstadt auf Meilen über die Hochebene hin, wo es nur ausgetrocknete Staubflächen, einige Maisfelder und nur vereinzelte Bäume gab.