Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band
Part 13
Wir wollten uns nun eine kleine Reisesumme verschaffen, dann Land in Pacht nehmen und fleißig sein. Sowohl wir zwei Männer als die beiden Frauen dachten mit Garten-, Haus- und Künstlerarbeit in einer schönen Landschaft, wo Wald, Wasser und gutes Klima wären, unsere Lebenstage ruhig verbringen zu können, fern von überreizter Kultur, fern von der die Kunstarbeit so störenden Geschäftsgier unserer Zeit.
Der Amerikaner hatte in Neuyork zwei kleine Häuser, von deren Rente er bisher knapp leben konnte, so daß er wenigstens nicht mit der äußersten Not zu kämpfen hatte. Er wollte nun versuchen, diese Häuser verkaufen zu lassen. Sein Großvater, mütterlicherseits, hatte die Tiffany Glasfabrik in Neuyork gegründet und war ein reicher Mann, und von ihm erwartete James später ein größeres Erbe.
Ich selbst war hauptsächlich dieser Landankaufspläne wegen, um zu ihrer Ausführung eine größere Geldsumme von meinen russischen Verwandten zu erhalten, nach Petersburg gereist. Wir hatten dann nach dem Fehlschlagen dieser Reise von neuem wochenlang darüber nachgedacht, wie wir die Anlagesumme für einen dauernden Landaufenthalt erlangen sollten, als wir plötzlich die Nachricht vom Tode meines Vaters erhielten.
So sehr mich die Todesnachricht erschütterte, so war doch ein Aufatmen in mir, das ich damals aber nicht gleich bewußt fühlen wollte. Denn ich fand es häßlich und gemein, daß der Tod meines, mir so lieben alten Vaters mich in meiner bedrängten Lage aufatmen machen sollte.
Heute nach so langer Zeit weiß ich es aber, wenn ich auch als Sohn vom Verlust tief getroffen wurde, als Künstler fühlte ich, daß das Schicksal auf irgendeine Weise mir zu meinem weiteren Weg hatte verhelfen müssen. Aber es schaudert mich doch heute noch, daß mein Schicksal mir, der ich so sehr an meinem Vater gehangen hatte, nur durch seinen Tod helfen konnte.
Ich frage das deutsche Volk, dem ich angehöre, in dessen Land ich geboren bin, und in dessen Sprache ich meine Bücher schreibe: ist es nicht erschütternd, daß ein Künstler nicht auf gütigem Wege, nicht auf staatlichem und auf dem Gemeindewege, die Erleichterung seines Lebensunterhaltes erhalten kann. In einer Nation, wo so viele tausend Beamte das Brot des Staates essen und auf Kosten der Nation leben können, weil sie ihre Arbeit im Dienste der Nation tun, sollen auch die Künstler leben können.
Die Künstler, die ihrer Nation dienen, werden nur manches Mal mit Ehren und Geschenken belohnt, wenn sie alt geworden sind. Aber wie viele junge Künstler, die in den nächsten hundert Jahren unter den Ehrennamen des deutschen Volkes genannt werden können, wie viele werden, im Augenblick während ich dieses niederschreibe, in ähnlicher Weise wie ich es vor fünfzehn Jahren erlebte, aufatmen müssen, wenn der Vater oder die Mutter stirbt. Und sie müssen es als schändlich fühlen, daß sie erst durch den Tod der liebsten Angehörigen, erst durch eine Erbschaft, in die Lage versetzt werden, weiter leben zu können.
Im wilden Hohn, der mich damals über solche Tragik befiel, nannte ich das Erben Menschenfresserei. Denn als ich mein Erbe erhielt, war es mir grauenhaft zu denken, daß ich mich von der Kraft meines toten Vaters nähren mußte, und daß der Dichterberuf mich unter den jetzigen Gesellschaftsgesetzen nicht ernähren konnte. Der Vaterlandsgeist läßt doch seine Kriegsoffiziere nicht hungern, wie darf er die Friedensoffiziere, die Künstler, vernachlässigen und übersehen. Dienen sie ihm nicht erst recht, indem sie dem Geist und der Schönheit dienen, das heißt dem innersten Leben, dem innersten Vaterland, dem Herzen der Nation dienen?
Solange diese Einsicht einem Volk fehlt, ist eine Nation noch unentwickelt und soll sich nichts auf ihre Kulturhöhe einbilden.
In den Tagen, während ich dieses schreibe, werden die hundertjährigen Geburtsfeste zweier deutscher toter Dichter gefeiert. Der eine ist Otto Ludwig, der andere Friedrich Hebbel, und beide lebten in bitterster Not und Verzweiflung.
Wen feierten wir Deutsche, als jene Dichter hungerten? --
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Als ich mit meiner Frau zum erstenmal nach Deutschland, nach Würzburg kam, im September 1896, fragte ich mich, ob ich nicht jetzt für immer in der Heimat bleiben sollte. Aber wenn auch mein Erbe zum Lebensunterhalt für eine Person ausgereicht hätte, für zwei reichten die Zinsen nicht.
Und außerdem, so lieb ich meine Vaterstadt auch immer gehabt hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, jetzt schon in meinen jungen Jahren mich in der Provinz niederzulassen, in einer Stadt, wo kein neuzeitliches Kunstleben gepflegt wurde.
Mit Ausnahme von der Musik, die es in Würzburg gut hatte, wurden damals Malerei und Dichtung ernstester Art in den gebildeten Kreisen ziemlich nebensächlich behandelt. Vom neuzeitlichen Geist Ibsens, Gerhart Hauptmanns, Björnsons, Strindbergs war in jenen Jahren in meiner Vaterstadt so gut wie nichts zu spüren. Es gab dort keine jungen Schriftsteller, keine strebenden Literaturkreise, keine sezessionistischen Maler wie in München und Berlin.
Die deutschen Provinzstädte lebten hauptsächlich von Viktor v. Scheffels altdeutscher Romantik. Sie glaubten schon Äußerstes zu tun, wenn sie im Theater ein Sudermannsches Stück aufführten. Auch muß man bedenken, daß Zeitschriften wie die „Jugend“ und der „Simplizissimus“ im Jahre 1896, von dem ich hier spreche, eben erst gegründet wurden. Ihr Geist, der die breiteren Volksmassen in künstlerischer Hinsicht, später auch in der Provinz, auf neuzeitliche Literatur, Zeichner und Maler aufmerksam machte und ihnen etwas neuzeitliches Stilgefühl beibrachte, war noch nicht tätig.
Die Provinzstädte Deutschlands, auch die, welche Universitätsstädte waren, lebten damals von den Klassikern, und ihre Kenntnisnahme von moderner Literatur hörte bei Paul Heyse auf. Es herrschte noch kein geistigkünstlerischer Gegenwartspulsschlag im Leben der kleinen Universitätsstädte.
Es hatten sich auch noch keine literarischen Gesellschaften in den akademischen Kreisen gebildet. Und deshalb mußten die jungen Künstler sich in den großen Städten in Paris, München, Berlin zusammenhalten, um im neuen Geist zusammen zu stehen gegen die bürgerlichen Vorurteile, die neben dem sogenannten Klassikergeist keine neuzeitlichen Lebensschönheiten aufkommen lassen wollten.
Die jüngsten Künstler jener Zeit waren verraten von ihrer eigenen Nation. In den Schulen und in den meisten Zeitungen, in allen Bürgerkreisen, selbst beim Adel, der sonst immer zu den Künstlern gehalten hatte, war man aufgebracht gegen den Wirklichkeitssinn, der sich in der Kunst der neunziger Jahre ausdrückte, der die Stirn hatte, auch das Häßliche lebensbedeutend zu finden, der auch den Armenstand, den Arbeiterstand künstlerisch verehrungswürdig fand und ihn mit Liebe in Bild und Wort schilderte.
Der zuerst unter den Künstlern lautgewordene, alles umarmende neue Weltgeist, der die Arbeit und den Arbeiter nicht mehr verächtlich, nicht mehr ekelerregend, nicht mehr abstoßend finden konnte, verblüffte alle sogenannten gebildeten Kreise jener Tage. Sie spotteten, lachten, schimpften auf die jungen, von neuer Weltinbrunst aufgeklärten Künstlerherzen, die stürmisch und mit Recht forderten, daß auch der verachtete Lebensstand, der der Arbeiter und der Armen, der Kunstwürdigung teilhaftig werden sollte. Die Künstler behaupteten, daß eine Schönheit in der Arbeit liege, eine ernste Schönheit in jedem Arbeiter, und daß Schönheit auch bei den Kranken, Armen und Elenden zu finden sei.
Die Jungen wollten das Volk auf diese inneren Schönheiten des Lebens aufmerksam machen. Man wollte ernstlich zeigen, daß hinter äußerer Häßlichkeit sich tiefe Ergriffenheiten verbergen, die künstlerische Erschütterungen hervorrufen können.
Die jungen Künstler wollten das Innenleben der Nation bereichern. Aber die Bürgerkreise, die im Geldverdienen und im Tagesgetriebe der Annahme dieser neuen Kunstideale noch nicht gewachsen waren, wollten sich nicht von ihren alten Schönheitsgrundsätzen, die sie für unerschütterlich hielten, trennen, wollten sich nicht innerlich vertiefen und sich nicht von schmerzlichen Schönheiten der Welt bereichern lassen.
Und doch hatten dieselben Bürgerkreise ihr Leben lang immer ein schmerzliches Ideal, Christus, den Gekreuzigten, vor Augen gehabt. Aber vielleicht gerade deswegen, weil ihnen von Kindheit an gepredigt wurde, daß das Leben ein Jammertal sei, wollten jene Kreise bei den Künstlern eine Erlösung aus dem Jammertal finden.
Und als die Künstler auf die Leiden der Armen und der Arbeiter und auf die Schönheit der Arbeitskraft selbst, wie Uhde, Meunier, Zola und Gerhart Hauptmann es taten, aufmerksam machen wollten, da rief der ganze Bürgerstand entrüstet: „Wir haben keine Kunst und keine Künstler mehr! Die Jungen sind verrückt geworden. Sie wollen uns weismachen, daß Häßlichkeit schön sei. Wir aber wollen uns an der Schönheit erholen. Wir sehen genug Elend im Leben, wir wollen Erlösung vom Elend bei den Künstlern finden.“
Und jene Entrüsteten bedachten nicht, daß die Schönheit und die Festlichkeit des Lebens überall im Weltall zu Hause ist, in den Leiden und in den Freuden, im Schönen und im Häßlichen, beim König und beim Arbeiter und beim Bettler.
Jene Leute jener Jahre lebten das Leben nicht in dem Sinne, wie es gelebt sein soll, mit großem Weltgeistumarmen. Sie hatten sich nur ein Mitleid angezüchtet, womit sie allen Elenden künstlich begegneten. Und dieses Mitleid war ihnen nur Pflicht geworden. Ihr Mitleid war ihnen nicht Natur und Natürlichkeit und nicht Weltallfestlichkeit.
Die Bürger jener Tage ließen nur das _halbe_ Leben gelten. Nur der _lichten_ Seite konnten sie Festlichkeit abgewinnen. Sie sehnten sich nur, vom Leben auszuruhen, wenn sie Kunst genossen. Aber der Ernstseite des Lebens, der Arbeit im Leben, der Arbeitsheiligkeit und der Arbeitsfestlichkeit konnten die Massen der Gebildeten damals keinen künstlerischen Reiz abgewinnen.
Sie haßten das Müssen und die Notwendigkeit der Arbeit. Sie sprangen nicht lebensfroh zu bei der Arbeit. Arbeit war ihnen noch erniedrigend und war ihnen nicht voll Weihe und Lust und war ihnen nicht etwas Selbstverständliches, Natürliches. Sie wußten nicht, wie es dem ganzen Weltall natürlich ist, zu arbeiten.
Die Menschen von damals hatten sich ausgedacht, daß die Arbeit eigentlich ein Fluch wäre, eine Plage, eine Qual, eine Demütigung. Und sie hatten sich furchtbar geschädigt durch diese falsche Auffassung dieses wichtigen Lebenspulses.
Arbeitet nicht die Sonne und dreht sie sich nicht immer und kommt und geht ununterbrochen? Arbeiten nicht alle Sterne immer, die da kreisen und seit Millionen Jahren ohne auszuruhen arbeiten? Arbeiten nicht alle Pflanzen, die sich aufbauen und blühen und sich nähren müssen? Arbeiten nicht die Bäume, die da Früchte hervorbringen, vom Frühling bis zum Herbst? Arbeiten nicht alle Tiere? Arbeiten nicht die Meere, die ihre Strömungen haben, die Flüsse, die unaufhaltsam vorwärts treiben?
Arbeitet nicht der Menschenleib stündlich mit seinem Herzen, mit seinen Lungen, mit seinem Blut? Und warum wollt ihr Menschen eure Hände lahm liegen lassen und eure Füße nicht rühren, eure Gehirne nicht anstrengen, euer Herz nicht fühlen lassen, da es dem ganzen menschlichen Körper wohl tut, wenn er arbeitet.
Jeder Mensch soll natürlich nur nach seiner Veranlagung arbeiten. Nur dann wird er der Menschheit nützlich sein können, nur dann, wenn er das tut, wozu er sich befähigt fühlt. Nichts soll er versuchen, was außerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten liegt.
Aber im Kreis seiner Fähigkeiten wird er die Arbeit immer festlich und glücklichmachend empfinden müssen. Das Märchen, das die Arbeit als einen Fluch ansieht, das ist ein irreführendes Märchen. Denn ein festliches Dasein ohne Arbeit gibt es nicht im Weltall.
Nur ein Mensch, der das Leben nie vollständig ergründet hat, nur die Menschheit der früheren Jahrhunderte, die nicht wie wir bis zur Erkenntnis der Festlichkeit des arbeitenden Daseins, der Festlichkeit des arbeitenden Weltallebens durchgedrungen war, konnte sich nach Himmeln ohne Arbeit sehnen. Himmel ewiger Ruhe sind Todeshimmel.
Hat es uns jemals geschmerzt, daß wir atmen dürfen? Wenn wir gesund sind, wollen dann nicht Glieder, Blut und Geist tätig sein? Daß kranken Menschen Arbeit schwer ankommen mag, ist selbstverständlich. Ihnen kommt vielleicht auch das Atmen schwer an und das Leben überhaupt. Den Gesunden aber wird immer das Leben ein Weltfest sein, ebenso wird ihnen die Arbeit ein Fest sein, die ein Teil des Lebensfestes ist.
In meiner Jugend war in den reichen Kreisen die Ansicht maßgebend, daß Nichtstun höchste Lebensweisheit und Lebensschönheit sei. Niemand hatte zwar jemals versucht, ewiges Nichtstun zu erleben, aber alle träumten von diesem unmöglichen Ideal, das ein falsches und blödes Ideal war. Denn im fortgesetzten Nichtstun, das fühlt jeder bald, siechen Körper und Geist dahin, und der Mensch verdirbt und verfault und wird Unrat.
Auch die Künstler wollte man damals zwingen, die Schönheit des Nichtstuns in den Kunstwerken zu feiern. Das heißt, man verlangte, daß sie eine ganz platte unmögliche Schönheitsharmonie in Farben und Linien ausklügeln sollten und Ideallandschaften, Idealporträts schaffen sollten, künstliche, unnatürlich ausgedachte Bilder voll verlogener Schönheiten, die ähnlich den wehleidigen Seelenschwärmereien waren, in denen sich in Versen die Dichter einer süßlich romantischen Zeit ergingen.
Bei diesen Kunstwerken künstlichster und ganz unkünstlerischer Natur wollten dann die vom Nichtstun schwärmenden Bürgerherzen vom Alltag, wie sie sagten, bei der Kunst ausruhen.
Daß es aber für den gesunden Menschen keinen Alltag gibt, daß der vernünftige Mensch von der Festlichkeit der Arbeit spricht wie von der Festlichkeit des Genießens, dieses war erst nur den Künstlern jener neunziger Jahre bewußt geworden. Die Bürger litten noch unter dem eingeredeten Fluch der Arbeit.
Es war damals nicht daran zu denken, daß Künstler und Volk, die sich in ihren Forderungen nicht verstanden, sich gegenseitig achten könnten. Der Bürger verachtete den Künstler als nicht ernst zu nehmend, weil der Künstler nicht vom Fluch der Arbeit jammerte, weil er die Arbeit verehrte und seine eigene Arbeit festlich nahm.
Der Künstler wieder verachtete den Bürger, weil dieser von den Kunstwerken nur künstliche, ausgedachte Schönheit ersehnte und nicht die tiefe aufrichtige Weltfestlichkeit nachfühlen wollte, die auch auf der Ernstseite des Lebens, auch bei den Elenden, bei den Armen, bei den Häßlichen und bei den in Ruß und Qualm Arbeitenden, das Menschenherz bereichert und künstlerisch erschüttert.
Innere Schönheit der Lebensernstseite wiedergeben zu können, das war die Errungenschaft der Künstler der neunziger Jahre, die sich verächtlich von althergebrachter Schönheit fort der Wiedergabe neuer Schönheitsoffenbarungen zugewendet hatten.
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Ich konnte also nicht daran denken, mich in meiner Vaterstadt niederzulassen, weil ich noch bei meiner Jugend des künstlerischen Verkehrs und der Anregung bedurfte und eines Gedankenaustausches, den ich dort nicht gefunden hätte. Und da sich weder die Stadt- und Gemeindeverwaltung, noch der Staat damals um junge Dichter und Künstler kümmerten, konnte ich auch nicht in Deutschland und nicht in der Heimat auf Unterstützung rechnen und mußte weiter den Plänen nachhängen, einen Landaufenthalt zu suchen in einem günstigen, möglichst warmen Klima, wo die Gartenarbeit für mich nicht zu hart sein würde, und wo ich von meinem Erbe Erde kaufen wollte.
Ich reiste deshalb vierzehn Tage nach dem Tode meines Vaters mit meiner Frau nach Sizilien. Wir wohnten einige Wochen in dem berühmten schönen Felsenstädtchen Taormina, das der ganzen Welt durch das besterhaltenste griechische Theater bekannt ist.
Dort unter freiem Himmel in der Theaterruine saß ich grübelnd und sah auf die Rauchsäulen des nahen Ätna, aber ich fühlte mich nicht zufrieden. Der alte Kulturboden Siziliens, auf welchem einem überall die Spuren griechischer und normannischer Menschengeschlechter begegneten, gab der Gegend rundum etwas Greisenhaftes, trotz aller südlicher Kraft. Alle Wege schienen dort ausgefahren zu sein. Aus den Gesichtszügen des Menschenschlages, dem ich da begegnete, sprachen einem verwischte afrikanische, europäische, arabische Rassen an.
Ich sehnte mich nach Paris zurück.
Auch manche schöne Hauskatze ägyptischer Rasse, die auf den Türschwellen und in den Gäßchen des Felsennestes Taormina im Sonnenschein still und klug saß und mich vorübergehen ließ, ohne sich zu rühren, ohne sich zu ducken, erinnerte mich an das pariser Leben. Diese Haustiere kauerten wie eingewachsen an den sizilianischen Türschwellen, als wollten sie sagen: hier hat kein Fremder das Recht, sich niederzulassen. Hier wirst du immer ein Fremder bleiben, und nur als Gast darfst du kommen und gehen.
Es schien mir auch ganz unmöglich, daß ich hier auf dem sizilianischen Kulturboden, der seit Jahrtausenden unter vielen Menschengeschlechtern aufgeteilt war, einen Fleck für mich finden könnte, und daß ich als Fremder die Sitte des eingeborenen Bauers nachahmen könnte. Hier war kein künstlerischer Unternehmungsgeist mehr in der Luft. Nur wenn man hätte Fabriken gründen wollen und Großindustrie, wäre es vielleicht möglich gewesen, fortzukommen in diesem Lande. Aber auch das wäre sicher sehr schwer gewesen.
Als zu Ende Oktober an jedem Morgen die Meernebel weiß vor den Gasthausfenstern standen und mich an den grauen Norden erinnerten, verstärkte sich in mir das starke Heimweh nach dem nördlicheren Europa und ebenso geschah das durch ein lebendes Bild, das ich immer vor Augen hatte.
Wir wohnten in Taormina in einem sehr hübschen kleinen Gasthof an der Hauptstraße, der viel von Künstlern besucht wurde, und dessen Speisesaal bemalt war mit den Einfällen durchreisender junger Maler. Von diesem Saal aus, dessen zwei Fenster auf die Straße sahen, bemerkten meine Frau und ich täglich gegenüber auf dem Altan des ersten Stockwerks eines einfachen Hauses eine neunzigjährige graue Alte. Die saß dort, solange tags die Sonne schien, und hielt eine Kunkel in der Hand und drehte vom Flachs zwischen ihren gekrümmten Fingern immer fleißig den Faden.
Sie saß da schlicht und sah kaum von ihrer Arbeit auf. Um sie her auf dem Geländer der Altane trockneten Weintrauben. Täglich war die Sonne am Himmel über den Häusern der Gasse, und täglich saß unter der Sonne am Altan uns gegenüber die arbeitende Alte, die nie von der Arbeit aufsah. Wie die Altane fest an der Hauswand klebte, so lebte die alte graue Frau in diesem Hause und an ihre Arbeit angeklebt.
Jene Arbeiterin schickte mich durch ihr ununterbrochenes, schlichtes und bescheidenes ernstes Tun schweigend aus Sizilien fort. Ich sehnte mich bei ihrem Anblick zurück nach dem stillen Atelier in Paris, dahinter der unsichtbare Garten rauschte, und wo ich im Sommer fleißig wie die Neunzigjährige gearbeitet hatte, und ich sehnte mich auch nach dem künstlerischen und fleißigen Paris, dessen große Emsigkeit mir immer eine innerliche Freude gewesen.
Mir fehlte hier in der Meer- und Felsenlandschaft das Gesumm des großen Menschenbienenstockes der Weltstadt von dem Augenblick an, da ich erkannt hatte, daß ich hier nie in dem überlieferungsreichen Land den Eingeborenen ähnlich werden könnte, und nie unter ihnen würde als Fischer oder Landmann leben können. Nach dieser Erkenntnis trieb es mich von Sizilien fort, vorläufig nach Paris zurück, wo ich vorher so gut gearbeitet hatte.
So fuhren wir bald nach Neapel und nahmen ein Schiff nach Marseille und waren zu Anfang November wieder in Paris.
Der Amerikaner und die Amerikanerin waren erstaunt, daß wir schon zurückkamen, denn sie hatten nach Sizilien nachkommen wollen. Aber ich erklärte ihnen traurig, daß wir den Plan, uns irgendwo in einem Lande mit Landarbeit beschäftigen zu wollen, aufgeben müßten. Denn ich hätte eingesehen, daß man nirgends der Bauer eines Landes werden könnte, nur vielleicht in dem Lande, in dem man geboren war.
Und ich sagte: „Wir müssen uns ins Leben finden. Wenn die europäische Kultur uns auch quält, wir müssen uns einordnen in die europäische Art und Weise.“
Da sich mein Gehirn auf der Sizilienreise an vielen neuen Landschaftsbildern gesättigt hatte, waren mir die Wünsche nach Landeinsamkeit vorläufig zurückgedrängt worden, was aber die beiden Amerikaner gar nicht begreifen wollten.
Sie hatten ihr Atelier aufgegeben, und James verhandelte bereits über seinen Häuserverkauf in Neuyork. Sie ließen mir beide deutlich durch Ausdruck und Worte verstehen, daß sie glaubten, das väterliche Erbe, das ich erhalten, habe mich bequem gemacht. Und ich fühlte, daß die Freunde mich nicht mehr als Freund achten könnten, wenn ich nicht festhielte an dem in den armen Tagen gefaßten Entschluß, einer falschen Kultur den Rücken zu kehren und von der Hände Arbeit auf dem Lande zu leben und so, bei Gartenarbeit und Geflügelzucht, ein von Verlegern und Zeitschriften unabhängig arbeitender Dichter zu werden.
Sie hatten beide als Amerikaner keine Ahnung vom echten Bauernstand, der aus den Unergründlichkeiten des Heimatbodens aufgewachsen und mit den Eigenarten des Erdstrichs, den er Jahrhunderte bearbeitete, dem Schoß seiner Heimaterde angehört, und dessen Lebensart nicht von jedem beliebigen Fremden nachgeahmt werden kann.
So wie die eingestammten Pflanzenarten, Steinarten, Tierarten eines Landstriches nicht beliebig verpflanzt werden können, so stellt der Bauer auf dem angestammten Boden eine erdgeheiligte Menschenart dar. Der Fremde, der sich neben dem Bauer eines Landteiles niederlassen will und von einer anderen Bodenart geboren wurde, er wird ewig dem Bauer des Landes fremd bleiben. Und es müssen erst Jahrhunderte vergehen, bis Kinder und Kindeskinder, vielleicht durch vielfache Blutmischung mit den Eingeborenen, ihre fremde Art verloren haben und von dem betreffenden Erdstrich als Zugehörige anerkannt werden können. Da hilft kein Wille und kein Geist, die Anpassung wird nie künstlich erreicht. Aber dieses begriffen die Amerikaner nicht.
Als Künstler brauchte ich die Heimat und die Zugehörigkeit zu meinem angestammten Land. Das hatte mir die alte Kultur in Sizilien eingegeben, sowohl die sizilianischen Katzen auf den Türschwellen, als die alte arbeitende Frau auf der Altane in Taormina.
Das sagten mir auch jetzt in Paris die uralten Kleingewerbe, die auf hundertjährige Überlieferungen zurückschauten, das sagten mir die steinernen Königinnen am Teich des Luxemburgparkes, das sagte mir das uralte Schloß, der Louvre, und die Schlösser der pariser Umgebung, aus deren ehrwürdigen Steinen mich die Geschichte des französischen Volkes und sein Alter und seine Arbeitstätigkeit immer als den Ausländer und den Fremden ansahen, und mir begreiflich machten, daß ich als Deutscher nach Deutschland gehörte.
Auch wenn ich meine blonde Frau betrachtete, redeten ihr Haar und ihre helle Haut von germanischen Ländern und germanischer Heimat. Ihr Haar war goldgelb wie das Tannenharz und ihr Auge silbrig grün wie leichte Birkenblätter und ihre Haut weiß rosig wie Birkenrinde, beschienen vom Sonnenaufgang.
Es war nichts Romanisches in ihrem Wesen und an ihrem Aussehen, und an ihrer Seite blieb das große Paris für mich immer wie ein großes Gasthaus, in dem ich nur auf der Durchreise lebte. Denn germanische Art verbindet sich in nichts mit der romanischen Art des französischen Volkes. Auch das war gut für mich zu erfahren. So konnte ich nie ernstlich daran denken, nur zu versuchen, in Paris festen Fuß zu fassen und vom ausländischen Wesen beeinflußt zu werden.
Aber meine Jugend spielte mir doch noch manchen Streich. Wäre damals das Vaterland dem heranwachsenden Künstler ein wenig entgegenkommend gewesen, so hätte ich nicht in Jugendunerfahrenheit und Lebensangst noch große, umständliche, überseeische Umwege machen müssen, bis ich endlich in der Heimat seßhaft wurde. --
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