Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band
Part 1
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Gedankengut aus meinen Wanderjahren
Zweiter Band
Ein vollständiges Verzeichnis der Schriften _Max Dauthendeys_ findet man am Schlusse des Bandes
Max Dauthendey
Gedankengut aus meinen Wanderjahren
Zweiter Band
Albert Langen, München
Copyright 1913 by Albert Langen, Munich
Druck von Hesse & Becker in Leipzig Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig
Im Januar 1894 reiste ich, von unbezwinglicher Sehnsucht getrieben, zum bohuslänschen Pfarrhaus zurück. Aber die starken Eindrücke des ersten Aufenthaltes, die in meinen Erinnerungen schlackenlos dastanden, hatten sich so vergeistigt, daß die Wirklichkeit jetzt nicht mehr die Höhe der vergangenen Eindrücke erreichen konnte.
Ich blieb deshalb nur bis zum Frühjahr dort und reiste dann, ehe der Schnee noch vollständig weggetaut war, im April nach England, wo ich mit einem amerikanischen Künstlerehepaar, -- Freunden des jungen Schweden, mit denen er seit seiner Amerikareise im Briefverkehr stand -- zusammentraf.
An diese neue Bekanntschaft knüpfen sich dann Reihen neuer, mein äußeres Leben und meine Gedanken bestimmende Erlebnisse und eine spätere Aufenthaltszeit in Paris und in Mexiko.
* * * * *
Bei jenem zweiten Aufenthalt im Pfarrhause, bis zum Frühjahr 1894, schrieb ich endlich jenes Drama ohne Menschen: „Sehnsucht,“ zu dem ich in München, am Achensee und im Hoftheater während der Byronschen Manfred-Aufführung angeregt worden war. Aber ich hatte den Stoff zu lange mit mir herumgetragen und hatte mich schon über den Ursprungsgedanken hinausentwickelt, und fand, daß ich die Gesänge der Sehnsucht, der Wüste, des Meeres und der Gletscher nicht so inhaltsschwer schreiben konnte, wie ich es gewünscht hätte.
Oder stand ich vielleicht nicht genug über der Sehnsucht und war ich selbst zu sehnsüchtig an Geist und Leib geworden? Denn der Wunsch, eine Frau zu finden, ein Mädchen, das liebend, häuslich und geistig kameradschaftlich um mich in einem kleinen stillen Haus walten sollte, dieser Wunsch wurde, je länger ich von der Heimat fort in der Fremde leben mußte, in mir immer dringender.
Aber die Erfüllung dieses Herzenswunsches lag ganz im Blinden. Denn ich konnte mich selbst nicht erhalten und wurde von meinem Vater nur notgedrungen unterstützt. Mit einem Hirn nur voll Pläne und mit Aussicht auf zukünftige Werke konnte ich kein Geld erwerben.
Und mein Vater, der von Monat zu Monat drohte, mir den Unterhalt zu entziehen, weil er mich dadurch auf seine Weise anspornen wollte, fleißig zu sein, er gab mir keine sichere Hilfe, so daß ich daraufhin hätte eine Frau an mich binden können. --
Schon bei meinem ersten Aufenthalt im Pfarrhause hatte ich im lautlosen Verkehr mit den Naturdingen eine Reihe Gedichte geschrieben, von denen jedes die Stimmung eines bestimmten Naturerlebnisses geben sollte.
Ein Gedicht hieß „Amselsang“, ein anderes „Faulbaumduft“, eines „Vollmond“, eines „Morgenduft“, eines „Wolkenschatten“, eines „Meerwassergeruch“, eines „Regenduft“. In diesen kleinen Gedichtversuchen hatte ich gewagt, Empfindungsbilder, die während des Mondaufganges oder beim Faulbaumduft, beim Regen, bei Wolkenschatten oder beim Amselsang in mir auftauchten, beinahe wahllos und getreu niederzuschreiben. Es waren gesteigerte, phantastische Bilder, die dem alltäglichen Leser sinnlos erscheinen mußten, die sich mir aber beim einsamen Erleben des Regens, des Mondaufganges und des Duftes von Pflanzen und vom Meer in der bohuslänschen Granitwüste aufgedrängt hatten. Und so verwirrt diese Gedichtversuche beim ersten Eindruck erscheinen mochten, es lag doch ein wahrheitsgetreuer Zusammenhang zwischen Bild und Empfindung darin.
Aus jugendlicher Begeisterung und von der Aufgabe durchdrungen, möglichst wirklichkeits- und empfindungsgemäß das Leben in der durchlebten Bilderkette wiederzugeben, entstanden scheinbar form- und sinnlose, abenteuerliche Gedichtversuche, die nichts anderes waren als erste Schiefertafelübungen meiner späteren Lyrik.
Diese Gedichte, die in dem Band „Ultraviolett, einsame Poesien“ erschienen sind, können nur als Entwicklungsversuche gelten und haben keinen Sinn für die breite Öffentlichkeit. Aber ohne diese Versuche wäre ich nicht zu meiner späteren Dichtungsweise gelangt, und wenn man mich noch einmal in dieselbe Welt setzen würde und in denselben Zeitgeist, in dem ich aufwuchs, ich würde nicht anders handeln können, als ich es getan habe.
Auf den Titel „Ultraviolett“ war ich durch einen Zufall gekommen. Bei einer Durchreise durch Berlin hörte ich, daß Paul Scherbart einen Verlag gründen wollte, genannt: Verlag der Phantasten. Und ich war aufgefordert, Beiträge zu schicken. Aber der Titel „Phantasten“ gefiel mir gar nicht. Er nahm der Phantasie die Würde und kam mir für die Dichter entwürdigend vor.
Ich machte eines Morgens Scherbart einen Besuch und fragte ihn, warum er denn das Wort Phantasten nötig habe. Wohl sei ich sehr dafür, daß die in den letzten Jahren durch den Naturalismus zu kurz gekommene Phantasie wieder zu Ehren kommen sollte, da die Phantasie der natürlichste Kern des dichterischen Geistes wäre. Aber das Wort Phantasten decke sich nicht mit dem ernsten Wert derer, die ihre Dichtungen phantasievoll und fern vom nüchternen Wirklichkeitsabschreiben gestalten wollen.
„Sagen Sie mir einen anderen Titel, wenn Ihnen einer einfällt,“ meinte Scherbart lebendig.
Nach kurzem Besinnen entfuhr mir das Wort „Ultraviolett“.
Scherbart sagte: „Das versteht nicht jeder.“ Und ich mußte ihm zustimmen, daß für einen Verlag der Name zu unverständlich sein konnte.
Aber als ich Scherbart verlassen hatte, hing ich auf der Straße dem Gedanken noch weiter nach. Denn Scherbart hatte mich gefragt: „Wie kommen Sie eigentlich auf das Wort ‚Ultraviolett‘?“
Dann hatte ich ihm erklärt, daß mein Vater, der sich auf Optik verstanden, durch seine Auseinandersetzungen über die ultravioletten Lichtstrahlen -- die bewiesenermaßen im Weltraum leben, aber vom Menschenauge nicht erfaßt werden können -- mir für dieses unsichtbare Licht eine große innere Ehrfurcht erweckt habe. Eine heilige Scheu habe sich immer bei der Vorstellung dieses Lichtes „Ultraviolett“ in mir geregt.
Außerhalb meines Augenkreises, sagte ich mir, war ein Licht entdeckt worden, das nur berechnet, aber nicht genossen werden konnte. Und es hatte mich bei der Vorstellung, daß jene ultravioletten Strahlen einsam im Weltraum leben müssen, ohne die Bewunderung des Menschenauges genießen zu dürfen, immer ein geheimnisvolles Wehgefühl durchschauert. Das ultraviolette Licht erschien mir als das Einsamste unter den einsamen Lebewesen.
Und da ich nun die Einsamkeit im Norden bewundern und schätzen gelernt und gefunden hatte, daß sie befruchtend auf meine Dichtung wirkte, sah ich die Phantasie des Dichters, die fern vom Weltgetriebe reifen und sich entwickeln muß, als den innigsten Gefährten jenes ultravioletten Lichtes an.
Ich weiß, daß dieses eine Jünglingsschwärmerei war, und daß ich im Grunde nicht das Alleinsein an sich meinte. Denn am liebsten hätte ich die Einsamkeit mit einem Weibe geteilt. Und in der Liebeseinsamkeit wäre ich nie auf den Gedanken verfallen, mich als Leidgenosse des einsamen Lichtes Ultraviolett zu fühlen.
Aber ich war damals stolz -- wie jeder Asket stolz auf sein härenes Gewand, auf seine Geißel und auf seiner Geißel Wunde ist -- stolz, der sehnsüchtige Gefährte des lebensfernen Ultravioletts zu sein.
Und so beschloß ich, da der Titel nicht für einen Verlag paßte, wie Scherbart gemeint hatte, denselben Titel „Ultraviolett“ meiner Sammlung Dichtungen zu geben, die ich teils in München nach Gemälden in der Sezession und teils nach Natureindrücken in Bohuslän niedergeschrieben hatte.
In meiner Weltabgeschiedenheit hatte ich auch gefunden, daß Gedichte sich besser einprägten, wenn jedes Gedicht auf ein einzelnes Buchblatt gedruckt war. So wie bei einem Gemälde auf der Rückseite der Leinwand nicht noch ein Gemälde Platz findet, so fand ich es übel, wenn nicht jedes Gedicht auf ein Blatt gedruckt war, ähnlich wie bei Handschriften, wobei man nur die eine Seite zu beschreiben pflegt. Und in diesem Sinne ließ ich mein Buch „Ultraviolett“ drucken.
Die Annahme, daß das Buch nur einigen Künstlern Anregung geben würde, bestimmte mich, dasselbe nur in hundert Exemplaren drucken zu lassen. Damit ich aber mit den fünfzig Exemplaren, die ich verkaufen ließ, da ich die übrigen fünfzig verschenkte, auf die Druckkosten kommen konnte, ließ ich den Preis für jedes Buch auf fünfundzwanzig Mark ansetzen. -- Heute wird das Buch von den Antiquariaten für achtzig Mark verkauft, wie ich aus verschiedenen Katalogen in den letzten Jahren ersah.
Daß sich in der Welt der Kritik kein kleines Geschrei erhob, als dieses absonderliche Buch das Schaufensterlicht der Buchhandlungen erblickte, wird sich jeder denken können, der ein wenig das literarische Tagesleben kennt. Ich aber war damals ahnungslos wie Johannes der Täufer in der Wüste. Ich wußte nicht, daß ich eine vierfache Sünde in den Augen der Kritik begangen hatte.
Erstens: in einer Wirklichkeitszeit, in der „Wiedergabe des Alltagslebens“ das Losungswort der schreibenden Welt war, hatte ich phantastische Poesie erzeugt. Man sagte, ich wolle mit diesem Buch die Kritik an der Nase führen und säße heimlich daneben und verlachte alle und alles.
Zweite Sünde war: die Ausstattung des Buches, die nie dagewesene Ausstattung des nur halb bedruckten Buches. Und auch diese Sünde war, wie die erste, doch nur eine Einfaltssünde von mir.
Die dritte Sünde war der ungeheuerliche Titel „Ultraviolett“, wobei alle Kritiker den Nachdruck auf „Ultra“ legten. Während ich aber doch nie den lateinischen Ursprung des Wortes bedacht hatte, sondern nur immer von der Wehmut des Gedankens und des Gefühls beherrscht war, daß jenes wirkliche und unwirkliche Licht dort an der äußersten Grenze der Weltallvorstellung aufs Einsamste lebte.
Meine vierte und auch nicht kleine Sünde war, daß ich bei allen drei Überspanntheiten auch noch als vierte einen überspannt hohen Preis angesetzt hatte, der mir aber gar nicht zu hochgegriffen schien im Verhältnis zu meinen Druckunkosten. Warum sollte ich nicht für das Buch fünfundzwanzig Mark verlangen dürfen -- alle fünfzig Exemplare wurden verkauft --, da ich doch gar keinen Gewinn für mich beanspruchte, sondern nur auf die Höhe der Druckkostensumme kommen wollte.
Ich merkte lange nicht, in welchem Grad ich mir durch dieses Buch meine Zukunft verbittert hatte. Zwar die Künstler, die Maler, liebten das Buch. Die Dichter blätterten darin verblüfft herum, fühlten den jugendlichen Drang des Dichtenden und waren gerührt von der Askese und der ehrlichen Weltfremdheit, die aus den Zeilen sprachen. Aber die Kritiker sahen mich für einen frechen Eindringling an, für einen wahnwitzigen Narren.
Zwanzig Jahre hindurch konnte ich in fast jeder Kritik, die über meine Art zu dichten geschrieben wurde, das Wort „Ultraviolett“ wiederfinden. Wie die Brandmarke, die man einem Galeerensträfling ins Fleisch brennt, rief man mir fortgesetzt das Abc-Buch meiner Lyrik in Erinnerung. Auch als ich schon längst über die Anfänge des ersten Könnens hinaus war, wollte man nur immer von meinen ersten Gehversuchen sprechen.
Wäre ich nicht in einer Zeit der allgemeinen Mauserung der Weltanschauung geboren, sondern wie die Dichter der früheren Jahrhunderte in einer Epoche feststehender Ideale, dann wären diese neuen Gehversuche nicht nötig gewesen. Aber gerade in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts begann sich allgemein die europäische Menschheit von einer beinahe zweitausend Jahre alten Idealwelt loszulösen.
Wie den Griechen und Römern der Olymp eingestürzt war vor zweitausend Jahren, so stürzte uns der alttestamentarische Himmel ein nach beinah zweitausendjährigem Glauben. Und wer es ehrlich mit seiner Zeit meinte, mußte dem Erlöschen alter Ideale Rechnung tragen und, im Dunkel stehend, Gehversuche machen, Tastversuche, um zu fühlen, zu suchen, von wo ein neues Licht der Zukunft für Leben und Kunst leuchten würde.
Solche Tastversuche waren für mich mein Buch „Ultraviolett“. Ich nehme dieses Buch nicht anders in Schutz. Es ist nur ein Dichtungsversuch, der mir in einer unklaren Zeit genützt hat, der aber nie für die breite Öffentlichkeit bestimmt war. --
Ich verweilte deshalb ausführlich beim Ursprung dieses Buches, nicht um mich zu entschuldigen, sondern um mich und unsere Zeitforderungen zu erklären. --
* * * * *
Mein zweimaliger Aufenthalt im Norden, im bohuslänschen weltfernen Pfarrhause, hatte zur Folge, daß ich einsames und ursprünglichstes Naturleben kennen gelernt hatte und dabei zugleich aus engen Kulturverhältnissen alter deutscher Vergangenheiten losgekommen war, so daß ich jetzt nicht mehr leicht ausgetretene Wege einschlagen konnte. Dieser zweimalige Aufenthalt in Schweden gab mir einen größeren Weltblick. Ein jahrelanges Auslandsleben folgte, wobei ich Kunsteindrücke und vielseitiges Menschenleben aufnahm und Zeit und Vermögen blindlings verschwendete, nie nach Nutzen und Einkünften, sondern nur nach Lebensbereicherung fragend.
Daß ich mir damals das Erleben noch durch die stete Frage störte: wird dieser Tag ein Gedicht bringen? Und daß ich mich bei jedem Weg fragte, ob ich auf ihm eine Dichtung erleben würde. Dieses gehetzte Fragen kam nicht aus meinem Innern. Es war teils von der äußeren jugendlichen Ungeduld, mich betätigen zu wollen, eingegeben, teils kam es aus dem Ansporn, den mein Vater brieflich auf mich ausübte, indem er von Vierteljahr zu Vierteljahr drängte, Neues von mir hören zu wollen. Immer sollte ich ihn auf dem Laufenden halten mit Plänen und Hoffnungen für neue Bücher. Er glaubte wahrscheinlich, Faulheit könne mich hinter seinem Rücken auffressen.
Man wollte zu Hause nicht dem harmonischen und angeborenen natürlichen Entwicklungsfleiß, der jedem jungen Mann, der sich ernstlich ein Ziel gesetzt hat, innewohnt, vertrauen und glauben. Und man spornte den von selbst Fortschreitenden so an, als wenn er ein Eingeschlafener wäre.
O wieviel Sorge kann solche Übersorge anderer uns bereiten! Vertrauen ist das Gefühl, auf das die Jugend ein unbedingtes Recht hat.
Unter diesen Umständen war ich gezwungen worden zu fragen: Wird eine Dichtung aus dieser Reise entstehen? Werde ich diese Reise literarisch verwerten können? -- Aber erst nach der Reise um die Erde, in meinem vierzigsten Lebensjahr, fühlte ich mich reif, Geschehenes und Gehörtes in Prosa und Dichtungen ununterbrochen wiedergeben zu können. Dann erst war es mir wieder zur zweiten Natur geworden, unbewußt erleben zu können, ohne dabei an literarisches oder dichterisches Verwerten denken zu müssen.
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Bei meinem Sommeraufenthalt in Dänemark am Isefjord 1893 hatte ich den Entwurf zu einer neuen Dichtung gemacht.
Dieser gab ich den Titel „_Die schwarze Sonne_“. In dieser Dichtung wollte ich im Gegensatz zur freudigen Sonne, die Sonne des Leides darstellen. So wie die Nacht dem Tag folgt, sagte ich mir, so wandert auch durch den Tag der Freuden der schwarze Strahl einer schwarzen Sonne, und die von ihm Gezeichneten ließ ich zu einer Leidensschar sich zusammenschließen. Es sollte dieser Zug von Leidenden ein Gegenstück zum Bacchuszug sein, den ich auf dem großen Gemälde von Rubens in der alten Pinakothek in München gesehen hatte.
Der Zug durchwandert die Heide. Nackte Männer, nackte Frauen, nackte Jungfrauen und Knaben, verwundet vom Leid, zusammengeschart im Leid und doch sich ihr Leid nicht eingestehen wollend, aber jeder gezeichnet vom Todeskeim, wandern und lagern abends im Wald. Die Stärksten unter ihnen, die reifen Männer und Frauen pflücken schwarze Giftbeeren, und Männer und Frauen sterben in einer letzten Umarmung.
Die Mädchen, Knaben und Greise aber steigen morgens vom Wald an den Felsenabhängen hinunter zum Meer und binden angeschwemmte Stämme zu einem Floß zusammen. Sie besteigen das Floß. Sie haben sich mit Waldkränzen geschmückt. Das Meersalz hängt sich an ihre Lippen, während sie singen. Und als die weiße Sonne des Tages im Mittag steht, schickt die schwarze Sonne des Leides aus der Tiefe des Meeres eine große finstere Welle herauf, die das Floß mit den bekränzten Singenden verschlingt. --
Der Einfall zu dieser Dichtung kam mir am Isefjord. Ich ging dort einmal bei einem Feldspaziergang in trauriger Stimmung, gequält von Einsamkeit und bedrängt von der Sorge um das tägliche Leben, an einem Moor vorüber. Vom Anblick der nachtschwarzen Moorerde und des unheimlichen Moorwassers angezogen, und angelockt von Todeslustgedanken, setzte ich mich am Rande des Moores nieder und fühlte, wie die Düsterkeit, die mich bei fröhlicher Stimmung vielleicht erschreckt hätte, mir jetzt in meiner Traurigkeit wohl tat.
Ich hatte bisher noch nie erlebt, daß mich Düsteres angelockt hätte, und daß ich mich bei Düsterem wohlgefühlt hatte, denn ich war immer lebenswarm und lebensfröhlich gewesen. Nun aber sagte ich mir, als ich am Moor saß und eine Wohltat von der Düsterheit der Landschaft empfing: es muß zwei Sonnen geben. Eine Freudengesinnte, die dem Freudiggestimmten gefällt, und eine Leidgesinnte, die dem Leidtragenden wohltut. Und es war mir, als sah mich aus der Tiefe des Moores die schwarze Sonne des Leides an und begrüßte in mir die Düsterheit meines Kummers.
Die Dichtung „Die schwarze Sonne“, die ich dann zu schreiben begann, dichtete ich zum erstenmal in Binnenreimen, wobei ich, um das Echo des Wanderns auszudrücken, die Reimworte mitten in die Zeilen stellte, um so die im Takt schreitenden Schritte der Wandernden ertönen zu lassen.
In Kopenhagen schrieb ich den ersten Gesang dieser Dichtung, in London den zweiten Gesang und später in Stockholm den Schluß. Das ganze Gedicht entstand im Laufe von ungefähr zwei Jahren. Ich hatte immer große Arbeitspausen zwischen den verschiedenen Gesängen eintreten lassen müssen, da ich nur dann an dieser Dichtung weiterschreiben konnte, wenn mich ein tiefes Leid grämte.
Auch dieses Epos, obwohl ich es später -- noch vor zwei Jahren -- in einer neuen Auflage erscheinen ließ, zähle ich unter die Entwicklungsschriften meiner Dichterlehrjahre, von welchen ich hier in diesem Buche nebenbei berichten will.
Diese Jugendbücher waren ekstatische Ausbrüche einer jungen Phantasie. Ich hatte noch nicht die Geliebte gefunden, die der geistigen Freudigkeit als Gegengewicht irdische Freudigkeit des Lebens gibt. Erst später, im Liebeserleben, wurde mein Dichten warmblütig, während meine Dichtungen vorher, Nordlichtstrahlen ähnlich, aus meinem Kopfe schossen und mehr Spukwerk als Kunstwerk waren.
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Ich hatte in meiner Jugend immer einen heiteren und lebensfröhlichen Sinn, und wenn ich morgens aufwachte, war ich nie grämlich und ängstlich, immer von Hoffnungen und Lebenswärme bewegt. Alles Erlebte war für mich immer festlich gewesen trotz des unerbittlichen Ernstes, der in meinem Vaterhause geherrscht hatte. Denn mein Vater war, als ich zwanzig Jahre alt wurde, bald ein Greis von siebzig Jahren. Ich fühlte mich oft ein wenig zu weise erzogen und kam mir damals etwas greisenhaft und im Blute unbeholfen vor, besonders da ich nicht wie andere junge Leute meines Alters Liebesgetändel und flüchtige Liebesverhältnisse pflegen konnte. Ich war immer von einer steten Bangigkeit erfüllt, die große Leidenschaft versäumen und verfehlen zu können.
Meinen Vater und meine Mutter sah ich als Vorbild aufopferndster Liebe an. Ich wäre nur dann imstande gewesen, einem Mädchen von Liebe zu sprechen, wenn ich es zu meiner Frau machen wollte.
Aber die Bedrückung, in meinen damaligen Verhältnissen keine Frau ernähren zu können, und der Gedanke, daß ich vielleicht jeden Tag der Frau begegnen könnte, zu der ich hätte sagen mögen: „Wir wollen uns lieben,“ und für die ich dann wohl Liebe, aber keine Mittel zum Zusammenleben bereit haben würde -- diese Erwägungen verfolgten mich unausgesetzt und machten mich zurückhaltend der Welt gegenüber, der ich jeden Tag von neuem, seit ich mein Vaterhaus verlassen hatte, die Hoffnung auf Lebensmöglichkeit abringen mußte.
Mein Vater drohte von Brief zu Brief, mir meinen monatlichen Unterhalt zu entziehen, deshalb waren meine Sorgen nicht unbegründet. Und jeden Tag genoß ich nur wie ein Mensch, der schnelle Blicke auf eine Landschaft wirft, indessen immer unterirdisches Erdbeben grollt, das ihn jeden Augenblick aufscheucht und ihm von seinem, in den nächsten Sekunden möglichen, Untergang redet.
Da ich auch nicht die Leichtigkeit in mir fand, im Plauderstil für Tageszeitungen schreiben zu können, um mir dadurch Geldmittel zu verschaffen, -- weil ich mich in einer geistigen Umwälzung befand und bewußt und unbewußt einer neuen Dichtungsart zustrebte und unzersplittert, aufmerksam für den neuen Dichtungsgeist leben mußte, -- so war ich oft recht unglücklich in allen Reisetagen, und trotz aller neuen Eindrücke, immer unglücklich umgeben von der mich hilflosmachenden Tagessorge.
Es sollte mir natürlich in Kleidung, Auftreten und Haltung niemand meine oft recht verzweifelte Lage anmerken. Und so trug mein Gesicht meist ein Lächeln, das nur zur Hälfte Lebensfreudigkeit war, zur anderen Hälfte aber eine Anstandsmaske über meine Sorgen legen sollte.
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Ich hatte im Winter 1893, ehe ich zum erstenmal nach Bohuslän kam, eine kleine philosophische Betrachtung geschrieben, die ich „die Kunst des Intimen“ betitelt hatte. In Bohuslän fügte ich dieser Schrift einen zweiten Teil an, „die Kunst des Erhabenen“. In der „Kunst des Intimen“ sprach ich von Jakobsens Schreibweise, von Ola Hanson und von Ähnlichen, auch vom Maler Munch. Wogegen ich in der „Kunst des Erhabenen“ den vorgenannten Künstlern den Dichter Homer, Dante und ähnliche gegenüberstellte. Ebenso verglich ich in der Malerei Michel Angelo und die großen Italiener mit den alten Holländern und den Sezessionisten der Neuzeit. Und verglich in der Musik Beethoven und Wagner mit Mozart und Grieg. Mit diesem Überblick über das Kunstleben aller Zeiten wollte ich zeigen, wie die Anforderungen im Künstlertum immer auf Erhabenes und Intimes zugleich gerichtet waren.
Von dieser Handschrift, die, ich glaube, nur fünfzig Druckseiten aufwies, hoffte ich, daß sie mir nebenbei auch eine kleine Einnahme bringen möchte. Ein kopenhagener Rechtsanwalt, den ich kennen gelernt hatte, und dem die Arbeit gefiel, legte die Druckkosten für das Buch aus. Der junge Schwede hatte die Handschrift ins Schwedische übersetzt, und so erschienen diese Gedanken eines _Deutschen_ in _schwedischer_ Sprache bei einem _dänischen_ Buchhändler in Kopenhagen gedruckt. Die deutsche Handschrift habe ich später auf den Reisen verloren, und die kleine Arbeit ist niemals anders als in schwedischer Sprache erschienen. Ich erzähle dieses, um an manche Hoffnungen und Pläne zu erinnern, die man sich als junger Schriftsteller macht, und die absterben wie Schößlinge eines Baumes, die neben den Hauptästen entstehen und verdorren müssen.
Während ich in Berlin im Winter 1893 jene Abhandlung über „intime Kunst“ niederschrieb, war mir auch der Gedanke gekommen, daß man intime Schauspielbühnen einrichten müßte, Bühnen in Zimmern oder Sälen, die nicht durch einen viereckigen Ausschnitt das Bühnenbild vom Zuschauer getrennt zeigen, sondern den Zuschauern, -- welche zwanglos in Gruppen im Saal verteilt sein müßten --, den Eindruck geben sollten, als erlebten sie nicht bloß ein Schaustück, sondern ein intimes Ereignis, an dem sie selbst teilnahmen. Durch das Nichtgetrenntsein vom Bühnenbild sollten sich die Zuschauer enger mit den Erlebnissen verkettet fühlen.