Gedanken über Religion Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom Atheismus zum Christentum.

Part 12

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Aber das Christentum ist nicht allein allen anderen =Religionen= unermeßlich weit überlegen, sondern auch allen anderen =Gedankensystemen=, die je in Bezug auf Alles, was sittlich und geistlich (_spiritual_) ist, aufgestellt worden sind. Mag das Christentum wahr sein oder nicht, sicher ist, daß weder die Philosophie noch die Naturwissenschaft, noch die Poesie je etwas gezeitigt haben, was an Gedankentiefe, Reinheit des Lebens oder Schönheit irgendwie mit der Lehre des Christentums zu vergleichen wäre. Dies wird, denke ich, in Bezug auf Reinheit des Lebens von allen Seiten anerkannt werden. In Bezug auf Gedankentiefe und Schönheit kann es vielleicht bestritten werden. Aber man bedenke -- was hat die ganze Naturwissenschaft oder die ganze Philosophie für das Denken der Menschheit gethan, verglichen mit dem einen Satz: »Gott ist die Liebe?« Ob wahr oder nicht, man denke nur einmal aus, was der Glaube an dieses Wort Tausenden von Millionen unsres Geschlechts gewesen ist. Da aber liegt sein Einfluß auf das Denken des Menschen und dann weiter auf den Lebenswandel. Wenn man diesen unvergleichlichen Einfluß auf das =Leben= zugiebt, so heißt das indirekt auch den Einfluß auf das =Denken= zu geben. Was andererseits die Schönheit anbelangt, so zeigt der Mensch, der nicht erkennt, wie unvergleichlich erhaben jene Lehre in dieser Hinsicht ist, damit seine eigene Unfähigkeit, das zu würdigen, was das das Edelste am Menschen ist. Mag die ganze Geschichte vom Kreuz wahr sein oder nicht, sie ist von ihrem Anfang im Sehnen der Propheten bis zu ihrem Höhepunkt im Evangelium das Herrlichste, was uns in der Litteratur je dargeboten wurde. Und sicherlich nimmt ihm der Umstand, daß alles in ihr durchlebt worden ist, nichts von ihrem poetischen Wert. Auch verliert sie an ihrer Erhabenheit dadurch nichts, daß jeder einzelne Christ unserer Zeit sie sich noch als eine lebenskräftige Religion aneignen kann. Nur einem Menschen, der jeder geistigen Empfindung gänzlich bar ist, kann das Christentum nicht als die großartigste, je auf unserer Erde erfaßte Darstellung des Schönen, des Erhabenen und alles dessen erscheinen, was sich an unsere geistliche Natur wendet.

Doch diese Seite seiner Anpassungsfähigkeit bezieht sich nur auf Menschen von höchster Bildung. Das bewunderungswürdigste am Christentum ist, daß es sich Menschen von jeder Art und Lebensstellung anpaßt. Bist du geistig hoch begabt? In seinen historischen und philosophischen Problemen findest Du eine Welt von Stoff, dem Du Dich Dein ganzes Leben lang mit demselben Interesse widmen kannst, wie es den Naturforschern in ihrem Gebiet geschenkt ist. Oder bist Du nur ein Landmann in Deiner Dorfkirche und kennst nur wenig außer der Bibel? Dennoch bist Du ......[83]

Wiedergeburt.

Wie bemerkenswert ist die Lehre von der Wiedergeburt, wie sie im neuen Testament[84] dargestellt ist, schon an und für sich, und wie schön paßt sie zu dem nicht zu demonstrierenden Charakter einer sich nur an die Vernunft wendenden Offenbarung, zu der Hypothese einer sittlichen Prüfung u. s. w. Nun ist diese Lehre eine der charakteristischesten Merkmale des Christentums. Sie bedeutet, wie Christus wiederholt und bestimmt sagte und wie seine Apostel nach ihm ausführten, folgendes: während diejenigen, die den heiligen Geist empfiengen, -- die durch den Glauben an den Sohn zum Vater kamen, die vom heiligen Geist wiedergeboren wurden (und viele andere gleichbedeutende Ausdrücke) -- der christlichen Wahrheit so zu sagen durch direktes Schauen oder durch Eingebung durchaus gewiß werden, werden die fleischlich Gesinnten andererseits durch keinen noch so starken direkten Beweis beeinflußt, selbst wenn einer von den Toten auferweckt würde, wie es Christus kurz darauf wirklich zur Erfüllung dieser Vorhersagung that. So kann der Skeptizismus von den Christen geradezu als eine Bestätigung des Christentums betrachtet werden.

Jedenfalls wollen wir uns unser unabhängiges Urteil bewahren; die vorliegende Frage gehört aber ganz besonders zu denen, bei welchen reine Agnostiker sich der Anmaßung enthalten und die Thatsache unparteiisch als unfragliche Erscheinung der Erfahrung betrachten müssen.

Kurz nach Christi Tod trat diese Erscheinung, die er voraus gesagt hatte, ein, und zwar, wie es scheint, zum ersten Mal. Sie ist seitdem sicherlich auch weiterhin eingetreten, und sie ist von den Historikern jenem besonderen »Pfingsten« genannten Zeitpunkt zugeschrieben worden, wobei eine gewaltige Aufregung des Volks entstand, und eine große Zahl von Menschen zum Glauben an Christum gelangten. --

Nehmen =wir= diese Erzählung nun auch an oder nicht, so ist es doch ganz fraglos, daß die Apostel mit Glauben an die Person und das Amt ihres Meisters erfüllt wurden, und das genügt, um seine Lehre von der Wiedergeburt zu rechtfertigen. --

Bekehrungen.

Augustinus bezeugt, -- und andere Kirchenväter thun ähnliches, -- daß mit ihm nach seinem 30. Lebensjahre eine plötzliche, andauernde und außerordentliche Wandlung vorgegangen sei, die man Bekehrung[85] nennt. --

Diese Erfahrung hat sich wiederholt und ist durch zahllose Millionen zivilisierter Männer und Frauen aus allen Nationen und auf allen Stufen der Bildung bestätigt worden. Es kommt nicht darauf an, ob diese Bekehrung plötzlich oder allmählich geschieht, obgleich sie als psychologische Erscheinung bemerkenswerter ist, wenn sie plötzlich und ohne Symptome geistiger Störung eintritt. Doch selbst bei allmählichem Wachstum in reiferem Alter ist ihre Beweiskraft nicht geringer (cf. Bunyan u. s. w.).

In allen Fällen ist es aber durchaus keine bloße Änderung des Glaubens oder der Meinung; der springende Punkt ist dabei vielmehr eine mehr oder weniger tiefe Wandlung des Charakters.

Bedenkt man die verwickelte Natur des Charakters, so erkennt man, daß diese Umwandlung keine so einfache sein kann. Wenn sie auch sogenannten natürlichen Ursachen zugeschrieben werden mag, so ist dies doch kein Beweis gegen ihren sogenannten übernatürlichen Ursprung, wenn wir nicht die ganze Frage nach dem Göttlichen in der Natur von vornherein bejahen. Für reine Agnostiker liegt der Beweis für die Realität der Wiedergeburt und der Bekehrung in der Menge dieser psychologischen Erscheinungen, die kurz nach Christi Tod eintraten, ferner darin, daß sie sich seitdem wiederholten und darin, daß sie überall in der Welt in derselben Weise auftreten u. s. w.

Christentum und Leiden.

Das Christentum ist von seinem Ursprung im Judentum her ganz und gar eine Religion der Aufopferung und der Trübsal. Es ist eine Religion des Blutes und der Thränen und dennoch der tiefsten Glückseligkeit für seine Anhänger gewesen. Dieser scheinbare Gegensatz entspringt aus der Tiefe des Christentums und aus der Vereinigung dieser scheinbar entgegengesetzten Wurzeln in der Liebe. Mit diesen scheinbar entgegengesetzten Eigenschaften ist es ganz und gar und je länger je mehr eine Religion -- oder besser =die= Religion -- der Liebe gewesen. Wahrscheinlich können nur diejenigen, deren Charakter durch die in dieser Religion gewonnene Erfahrung vertieft worden ist, diesen Widerspruch geistig lösen. --

Fakirs hängen sich auf, Heiden zerschneiden sich selbst und sogar ihre Kinder, opfern Gefangene u. s. w., um teuflische Götter zu versöhnen. Die jüdische und christliche Auffassung des Opfers ist ohne Zweifel ein Überbleibsel dieser Auffassung der Gottheit, was durch natürliche Kausalität bewirkt ist. Doch ist dies kein Beweis dagegen, daß die höhere Auffassung der Gottheit die ist, [wie sie der christliche Glaube darstellt,] denn angenommen, daß die höhere Auffassung die wahre ist, dann würden die früheren Ideale den früheren niedrigeren Offenbarungen entsprungen sein, und das würde mit der entwicklungsgeschichtlichen Methode der Offenbarung, welche wir unten erörtern werden,[86] übereinstimmen.

Aber das Christentum ist, wie gesagt, mit seinen Wurzeln im Judentum, die Religion der Trübsal _par excellence_, weil es zu den wahrsten und tiefsten Gründen unsrer geistlichen Natur hinabreicht und daher sowohl für jene Trübsal wie für jene Freude Verständnis hat, welche sicherlich nur im zivilisierten Menschen vorhanden ist. Ich meine die Trübsale und Freuden eines vollentwickelten geistlichen Lebens -- so wie sie sich bei den Juden wunderbar früh entwickelt haben und wie sie im allgemeinen in der ganzen Christenheit verbreitet sind. Kurz, es sind jene Trübsale und Freuden, die aus dem voll entwickelten Bewußtsein der Sünde gegen einen Gott der Liebe entstehen, zum Unterschied von dem Gedanken einer notwendigen Aussöhnung mit bösen Geistern. Diese Freuden und Trübsale sind rein geistlich, nicht nur physisch, und sie gipfeln in dem Ausruf: »Du hast nicht Lust zum Opfer ...... Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist.«[87]

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Ich stimme mit Pascal[88] darin überein, daß man thatsächlich nichts gewinnt, wenn man nur ein Theist und noch kein Christ ist. Unitarismus ist nur die Sache des Verstandes -- eine bloße abstrakte Theorie des Geistes und hat nichts mit dem Herzen oder den wirklichen Bedürfnissen der Menschheit zu thun. Nur wenn man das neue Testament nimmt, einige Blätter, welche von der Gottheit Christi handeln, herausreißt, und allem andern beistimmt, so kann ein darauf aufgebautes System möglicherweise die Basis einer persönlichen Religion werden.

Wenn es einen Gott giebt, dann scheint es wahrscheinlicher zu sein, daß er sich offenbart, als daß er dies nicht thun sollte.

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Die Frauen sind in allen Ländern dem Christentum viel mehr zugethan als die Männer. Ich denke, die wissenschaftliche Erklärung dafür findet sich in den Gründen, welche ich in meiner Abhandlung »Die geistigen Unterschiede zwischen Mann und Weib« angegeben habe. Aber wenn man das Christentum für wahr hält, dann giebt es natürlich eine tiefer eindringende Erklärung religiöser Art -- wie in allen Fällen, wo es sich um Ursächlichkeit handelt. In diesem Falle zweifle ich nicht, daß die wichtigste Erklärung darin liegen möchte, daß die Leidenschaftlichkeit der Frauen weniger heftig ist als die der Männer und daß sie durch die sozialen Lebensbedingungen auch mehr zurückgehalten wird. Das bezieht sich nicht allein auf Sittenreinheit, sondern ebenso sehr auf die meisten anderen psychologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wie Ehrgeiz, Selbstsucht, Verlangen nach Macht u. s. w. Kurz, das ganze Ideal christlicher Ethik entspricht mehr dem weiblichen als dem männlichen Charakter.[89] Nun widerspricht nichts dem christlichen Glauben so sehr wie ein unchristlicher Lebenswandel. Das ist besonders bezüglich der Unkeuschheit der Fall; mag man dies nun aus religiösen oder nichtreligiösen Gründen erklären, jedenfalls ist es doch mehr auf den Unglauben als auf die spekulative Vernunft zurückzuführen. Das Weib ist folglich aus allen diesen Gründen geeigneter, den christlichen Glauben aufzunehmen und sich zu erhalten.

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Der moderne Agnostizismus erweist dem christlichen Glauben diesen großen Dienst: er bringt allen vernunftmäßigen Skeptizismus aprioristischer Art zum Schweigen, und das um so mehr, je reiner er ist. Jeder folgenden Generation muß es daher in Zukunft durch logisches Denken immer klarer werden, daß alle aprioristischen Einwürfe gegen das Christentum, die sich auf die Vernunft allein gründen, _ipso facto_ nichtig sind. Die stärksten Einwürfe gegen das Christentum sind nun aber von jeher aprioristische gewesen. Daher ist der Einfluß des modernen Denkens derart, daß er mehr und mehr rein spekulative Schwierigkeiten, wie z. B. die Menschwerdung u. s. w. verringert. Die Richtigkeit des Butlerschen Ausspruchs,[90] daß wir keine kompetenten Richter sind, stellt sich also mehr und mehr heraus.

Die logische Entwicklung hierfür liegt in der schon angeführten Anschauung über die natürliche Kausalität. Denn ebenso wie der reine Agnostizismus zugeben muß, daß die Vernunft inkompetent ist, um _a priori_ für oder wider die christlichen Wunder, die Menschwerdung mit inbegriffen, abzuurteilen; so muß er auch weiterhin zugeben, daß die Vernunft, wenn die Wunder jemals stattfanden, nichts dagegen sagen kann, daß sie mit der allgemeinen Kausalität im Zusammenhang stehen. Soweit daher die Vernunft dabei beteiligt ist, muß der reine Agnostizismus zugeben, daß hier nur der endgültige Ausgang beweisen kann, ob das Christentum wahr ist oder nicht. »Ist es von Gott, so können wir es nicht ausrotten, auf daß wir nicht erfunden werden, als die wider Gott kämpfen.« Aber der Einzelne kann nicht auf diese empirische Entscheidung warten, was soll er also thun? Die unbeeinflußte und unbefangene Antwort des reinen Agnostizismus sollte vernünftigermaßen in dem Wort von John Hunter liegen: »Denke nicht, sondern versuche es!« d. h. in unserem Fall, versuche das einzige Experiment, das hier helfen kann: das Experiment des Glaubens. Folge der Lehre und wenn das Christentum wahr ist, so wird der Wahrheitsbeweis nicht ausbleiben; freilich nicht mittelbar durch irgend eine Anwendung der spekulativen Vernunft, sondern unmittelbar durch geistliche Anschauung. Nur wenn ein Mensch Glauben genug hat, um diesen Versuch ehrlich zu machen, wird er auch in der rechten Verfassung sein, um über den Erfolg zu entscheiden. So betrachtet würde das Experiment des Glaubens nicht als ein Narrenexperiment erscheinen, sondern im Gegenteil, da genug _prima facie_ Gründe vorliegen, um ernste Aufmerksamkeit zu erregen, so würde solch ein Experiment eine von der Vernunft geforderte Pflicht jedes reinen Agnostikers sein.

Es ist eine Thatsache, daß der christliche Glaube viel mehr aus einem Handeln als einem Denken entspringt, wie das Neue Testament es vorhersagt: Joh. 7, 17: »So jemand will des Willen thun, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selbst rede.« Und wahrlich, selbst aus Gründen der Vernunft sollte zugegeben werden, daß das Christentum, wenn es von Gott ist, sich mehr an die geistliche als an die vernunftmäßige Seite unserer Natur wenden muß.

Selbst innerhalb des Gebiets der reinen Vernunft (oder des _prima facie_-Falls) hat die moderne Wissenschaft in der Kritik des Neuen Testaments sicherlich mehr für als gegen das Christentum gearbeitet. Denn nachdem sich die bedeutensten Gelehrten ein halbes Jahrhundert um die Texte gestritten haben, ist die Zeit der Abfassung der Evangelien als innerhalb des ersten Jahrhunderts liegend und für wenigstens 4 Paulinische Briefe die Echtheit über alle Zweifel festgestellt worden. Das genügt, um die ganze Kritik des 18. Jahrhunderts zu vernichten, welche die geschichtliche Existenz Christi und seiner Apostel »als Erfindungen der Priester« u. s. w. bezweifelte. Das war die schlimmste Kritik, die je geübt wurde. Die historischen Thatsachen können nicht länger bezweifelt werden, ausgenommen die Wunder; die letzteren aber werden von der negativen Kritik aus lediglich aprioristischen Gründen ausgeschieden. Dieser nun noch verbleibende -- und _ex hypothesi_ notwendige Zweifel -- hat eine von der anderen ganz verschiedene Bedeutung.

Um den Glauben der Zeitgenossen Christi zu zeigen, genügt es andererseits, daß die Echtheit der Paulinischen Episteln nachgewiesen ist.

Dies sind Thatsachen von höchster Wichtigkeit. Die Kritik des Alten Testaments ist bis jetzt noch zu unreif, um von uns beachtet zu werden.

Der Plan in der Offenbarung.

Die Ansichten, welche ich über diesen Gegenstand als junger Mann hegte, [nämlich die landläufigen, orthodoxen Ansichten] habe ich angesichts der Entwicklungstheorie verlassen, d. h. der Theorie der natürlichen Kausalität, welche eine glaubwürdige, naturwissenschaftliche Erklärung [auch auf dem Gebiet der religiösen Erscheinungen des Judaismus] oder, was dasselbe ist, bis zu einem gewissen Punkt eine Erklärung in den Grenzen bestimmbarer Ursachen, lieferte, jener Punkt kann indessen in diesem besonderen Falle nicht einmal innerhalb ziemlich weiter Grenzen bestimmt werden, so daß die Geschichte Israels immer etwas Mysteriöses behalten wird und zwar viel mehr als irgend eine andere Geschichte.

Erst 25 Jahre später erkannte ich deutlich die letzten Konsequenzen meiner jetzigen Ansichten über die natürliche Kausalität. Sie zeigen, daß es jedenfalls für einen Theisten (d. h. für jeden, der die Theorie des Theismus aus unabhängigen Gründen angenommen hat) hinsichtlich des überzeugenden Wertes des göttlichen Offenbarungsglaubens, wie er im Alten und Neuen Testament zum Ausdruck kommt, nicht viel ausmacht, ob man zugiebt, daß das Ganze einer sogenannten natürlichen Ursache entsprungen ist. Ich sage »nicht viel«, denn daß es doch immerhin etwas ausmachen muß, leugne ich nicht. Nehmen wir einen ganz analogen Fall: man sagt oft, daß die Theorie der Entwicklung aus natürlichen Ursachen keinen logischen Unterschied bezüglich des Nachweises eines Planes oder einer Zwecksetzung, wie sie sich in der organischen Natur offenbaren, ausmacht, -- da es nur eine Frage des _modus operandi_ sei, ob alle Teile der organischen Maschinerie plötzlich oder nach und nach erschaffen seien; der Nachweis einer Zwecksetzung bliebe doch bestehen. Nun habe ich aber anderwärts[91] gezeigt, daß dies falsch ist. Es mag zwar für jemanden, der schon Theist ist, nicht viel ausmachen, denn für ihn ist es bloß eine Frage des _modus_; aber für den Nachweis des Theismus überhaupt macht es sicherlich viel aus.

So ist es auch bei der Darlegung eines Planes, wenn durch ihn der Nachweis einer Offenbarung geliefert werden soll. Wenn man bis heute keine Offenbarung behauptet hätte, und wenn Christus jetzt plötzlich zum ersten Mal in aller der Macht und Herrlichkeit erscheinen würde, welche die Christen von seiner Wiederkunft erwarten, so würde der Nachweis seiner Offenbarung ein überzeugender sein. Für die Beweisführung würde also eine plötzliche Offenbarung viel überzeugender sein, als eine sich allmählich entwickelnde. Aber sie würde gänzlich ohne alle Analogie innerhalb der Kausalität in der Natur[92] sein. Überdies könnte selbst eine allmähliche Offenbarung unter Umständen einen überzeugenden Wert haben; -- so wenn z. B. Prophezeiungen von historischen Ereignissen, von wissenschaftlichen Entdeckungen u. s. w. so deutlich gemacht würden, daß sie nicht mißzuverstehen sind. Aber wie schon gezeigt, eine überzeugende Offenbarung ist nicht gegeben worden, und sie mag auch wohl aus triftigen Gründen unterblieben sein. Wenn es nun aber solche Gründe giebt (z. B. unser Prüfungsstand hienieden), so können wir leicht einsehen, daß die allmähliche Entfaltung eines Offenbarungsplans von dem frühesten Aufdämmern der Weltgeschichte bis zum Ende der Welt (»ich rede töricht«) bei weitem einer plötzlichen Kundgebung vorzuziehen ist, die spät genug in der Weltgeschichte eingetreten wäre, um für alle kommenden Zeiten historisch beglaubigt zu sein, denn:

1) die allmähliche Entwicklung stimmt mit Gottes übrigen Werken überein.

2) Sie läßt Gott in keiner Zeit der Weltgeschichte unbezeugt.

3) Sie giebt zu allen Zeiten hinreichend Spielraum zu anhaltender Forschung -- d. h. sie giebt einen moralischen Prüfstein und nicht bloß einen aus intellektuellen Gründen stammenden Beweis für irgend ein (_ex hypothesi_) unantastbar beglaubigtes, historisches Ereignis.

Die Zeichen, die für einen Plan in der Offenbarung sprechen, sind in der That beachtenswert genug, um die Aufmerksamkeit ernstlich zu fesseln.

Wenn die Offenbarung eine allmähliche und fortschreitende gewesen ist, so folgt daraus, daß sie das nicht allein in historischer, sondern auch gleicher Weise in intellektueller, moralischer und geistlicher Beziehung gewesen ist. Denn nur auf diese Weise konnte sie stets den fortschreitenden Lebensbedingungen der Menschheit angepaßt sein. Diese Betrachtung zerstört alle die zahlreichen Einwände gegen die Heilige Schrift in Bezug auf die Absonderlichkeit oder Unmoral ihrer Berichte oder Gebote; es sei denn erweisbar, daß die durch die Kritik notwendig gemachten Abänderungen, welche die Berichte oder die Gebote mit dem modernen Fortschritt in Harmonie bringen, den Anforderungen der Welt zu der in Frage stehenden Zeit ebenso gut angepaßt gewesen sein würden, wie die uns wirklich vorliegenden Berichte oder Gebote.

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Wenn wir das Christentum als wahr anerkennen, so ist es sicher, daß die von ihm überlieferte Offenbarung schon wenigstens seit dem Aufdämmern der historischen Zeit vorher bestimmt worden ist; denn die objektiven Beweise für das Christentum als Offenbarung haben in jenem Aufdämmern ihren Ursprung. Und diese objektiven Beweise sind durchaus [ein Zeugnis für] einen Plan, bei dem man das Ziel von Anfang an erkennen kann. Und gerade die Art und Weise, wie dieser Plan selbst offenbart wird (angenommen, daß es ein Plan ist) liefert beachtenswerte Beweise von Zwecksetzung. Diese Art und Weise besteht, frei herausgesagt, in Wundern, Prophetie und in dem Einfluß der Lehre auf die Menschheit. Kein Mensch kann irgend eine bessere Methode erdenken, durch welche den nachfolgenden Zeiten ein Beweis der Wahrheit geliefert würde und zwar eine Methode, die mit sittlicher und religiöser Erziehung verbunden ist. Die Thatsache allein, daß sie mit der Profan-Geschichte so eng verwachsen ist, macht die christliche Religion zu einer ganz einzigartigen Erscheinung: die Welt ist während dieses ganzen historischen Zeitraums gewissermaßen die Leinwand gewesen, auf welche die göttliche Offenbarung gemalt worden ist -- und zwar so allmählich, daß dieser Prozeß Tausende von Jahren vor sich gehen mußte, bis es möglich wurde, seinen Inhalt zu erkennen.

Christliche Dogmen.

Mag Christus selbst göttlicher Natur gewesen sein oder nicht, das würde in Bezug auf die Frage, ob das Christentum als die höchste Stufe der religiösen Entwicklung anzusehen ist vom rein weltlichen [oder naturwissenschaftlichen] Gesichtspunkt aus, nicht viel ausmachen. Vom religiösen Standpunkt aus oder wenn es sich um das Verhältnis Gottes zum Menschen handelt, würde es aber natürlich eine viel größere Schwierigkeit bedingen, dieselbe gehört dann ja aber demselben Gedankengang an wie die Schwierigkeiten aller anderen vorhergehenden Epochen der Entwicklung. So scheint der Übergang von dem nichtamtlichen zu dem sittlichen Zustand vom weltlichen oder naturwissenschaftlichen Standpunkt aus, so weit wir es beurteilen können, eine Folge von mechanischen Ursachen in der natürlichen Zuchtwahl oder von etwas ähnlichem zu sein. Aber gerade wie bei dem Übergang von dem nichtgeistlichen zu dem geistlichen Zustand u. s. w., möchte dieser Übergang im letzten Grund dem göttlichen Willen zuzuschreiben sein, und so =muß= es ja gerade nach der Theorie des Theismus gewesen sein. Es ist daher also vom weltlichen oder wissenschaftlichen Standpunkt aus gleichgültig, ob Christus göttlicher Natur war oder nicht; denn jedenfalls war ja die Bewegung, die er hervorrief, die nächste oder die in Erscheinung getretene Ursache der beobachteten Resultate.

So läuft also selbst die Frage nach der Gottheit Christi schließlich auf die wichtigste von allen Fragen hinaus -- nämlich auf die: ist die mechanische Kausalität »die äußere und sichtbare Form einer inneren und geistlichen Gnade« oder nicht? Ist sie phänomenal oder ontologisch, ist sie die letzte Ursache oder selbst abgeleitet?

Ähnlich ist es in Bezug auf die Erlösung. Mag nun Christus wirklich göttlicher Natur gewesen sein oder nicht -- insoweit der Glaube an seine Göttlichkeit eine notwendige Ursache der moralischen und religiösen Entwicklung, die sein Leben auf Erden hervorrief, gewesen ist, hat dieser Glaube sein Volk von seinen Sünden befreit, d. h. natürlich, er hat es von seinem eigenen Gefühl der Sünde als einem auf ihm lastenden Fluch erlöst. Ob er auch irgend eine entsprechende Veränderung von objektivem Charakter auf ontologischem Gebiet hervorgebracht hat oder nicht, das hängt wieder von der eben aufgeworfenen wichtigsten von allen Fragen ab.