Gedanken über Religion Die religiöse Entwicklung eines Naturforschers vom Atheismus zum Christentum.
Part 11
»Warum ist es dir so unglaublich, daß Gott die Toten auferwecken kann?« Ein reiner Agnostiker kann darauf offenbar keine Antwort geben. Aber er wird natürlich sagen: »Die Frage ist vielmehr, warum sollte es Euch glaubhaft sein, daß es einen Gott giebt, oder wenn es einen giebt, daß er Tote erwecken soll?« Und ich denke, der weise Christ wird antworten: »Ich glaube an die Auferstehung der Toten teils aus Gründen der Vernunft, teils aus innerer Anschauung (Intuition), doch vor allem aus beiden zusammen, mein ganzer Charakter nimmt so zu sagen das ganze Lehrsystem an, von dem die Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit einen Hauptteil bildet.« Dazu können wir wohl noch hinzufügen, daß die christliche Lehre von der Auferstehung unseres Leibes nicht deshalb aufgestellt worden ist, um den modernen materialistischen Einwürfen gegen die Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit zu begegnen; daher ist es auch sicherlich sehr wunderbar, daß diese Lehre zu jener Zeit zusammen mit der anderen kaum weniger bezeichnenden Lehre von der Nichtigkeit des Körpers aufgestellt worden ist. Warum sagte man nicht, daß die Seele allein als ein entkörperter Geist leben bleiben würde? Oder wenn die Gestalt als notwendig erachtet wird, um den Menschen von Gott zu unterscheiden, -- daß er ein Engel sein würde? Aber, wie dem auch sei, die Lehre von der Auferstehung ist dem materialistischen Einwurf gegen ein zukünftiges Leben durchaus zuvorgekommen, und hat so erst die spätere Frage hervorgerufen, mit welcher dieser Absatz beginnt.
Wir haben in der Einleitung gesehen, daß alle Hauptgrundsätze, selbst der wissenschaftlichen Thatsachen, durch Anschauung (Intuition), nicht durch den Verstand erkannt werden. Keiner kann dies leugnen. Nun also, wenn es einen Gott giebt, so gehört diese Thatsache doch sicherlich zu den ersten aller Hauptgrundsätze. Auch dies kann niemand leugnen. Niemand kann daher den zwingenden Schluß bestreiten, daß dann Gott, wenn es überhaupt einen Gott giebt, erkennbar sein muß und (wenn überhaupt erkennbar), durch Anschauung und nicht durch Vernunft. --
Es gehört wirklich nur wenig Nachdenken dazu, um zu zeigen, daß die Vernunft ihrer eignen Natur nach unfähig ist über diese Sache abzuurteilen, denn es ist ein Vorgang, bei dem man das Unbekannte aus dem Bekannten ableitet. --
Es wäre gegen die Vernunft selbst, wollte man voraussetzen, daß Gott, gerade wenn er existiert, durch die Vernunft erkannt werden könnte. Er muß, wenn er überhaupt erkennbar ist, durch Anschauung erkannt werden.[73]
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Man beachte, selbst wenn Gott von sich eine objektive Offenbarung geben könnte, -- d. h. wie die Christen glauben, daß es geschehen ist, -- so würde auch dies an sich noch keine Erkenntnis von ihm bringen, ausgenommen für diejenigen, welche die Offenbarung eben für echt halten; und ich bezweifle die logische Möglichkeit, daß irgend welche Form objektiver Offenbarung zu dem Glauben an sie zwingen kann. Nein, wenn einer von den Toten auferstände, um dies zu bezeugen, so würde er es doch nicht vermögen, und auch Flammenbuchstaben vom Himmel könnten es nicht. Aber selbst wenn es logisch möglich wäre, so brauchen wir diese abstrakte Möglichkeit gar nicht in Betracht zu ziehen, da wir sehen, daß keine solche überzeugende Offenbarung gegeben worden ist. Daher ist die einzige berechtigte Stellungnahme der Vernunft der reine Agnostizismus. Dies kann niemand leugnen. Aber, wird man sagen, es besteht doch ein so großer Unterschied zwischen unserer intuitiven Kenntnis aller anderen obersten Grundsätze und der angeblichen Kenntnis des allerobersten Grundsatzes, nämlich der, daß der letztere eingestandener Maßen nicht allen Menschen bekannt ist. Gewiß, hier liegt in der That ein großer Unterschied; aber so muß es auch sein, wenn wir uns hier, wie erwähnt, in einem Stande der Prüfung befinden. Daß wir uns aber in einem solchen befinden, ist wie gesagt, nicht allein eine religiöse Hypothese, sondern auch die allein vernünftige Auslegung sowie auch die sittliche Rechtfertigung unseres Daseins als vernünftige und sittlich-handelnde Wesen.[74]
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Es ist nicht nötig, wie J. S. Mill und alle anderen Agnostiker anzunehmen, daß, selbst wenn die innere Anschauung göttlichen Ursprungs wäre, die so gegebene Erleuchtung nur für den betreffenden Menschen als Beweis von Wert sein könne. Im Gegenteil; sie kann objektiv untersucht, wenn auch nicht subjektiv erfahren werden, und sie sollte doch auch von einem reinen Agnostiker, der von allen Seiten Erleuchtung ersehnt, schon deshalb untersucht werden. Selbst wenn er sie nicht als ein Noumenon erkennt, so kann er sie doch als ein Phänomen erforschen. Und angenommen, daß sie göttlichen Ursprungs ist, wie es die, welche sie erfuhren, glauben, und was zu bezweifeln er kein Recht hat, dann kann er noch mehr Beweisgründe dagegen, daß es eine bloß psychologische Täuschung sei, aus den übereinstimmenden Berichten aller Jahrhunderte erlangen. Wenn z. B. ein großer Teil der Menschheit Lichterscheinungen sehen würde, welche etwa von Magneten ausgehen, dann würde kein Zweifel an ihrem objektiven Vorhandensein bestehen.
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Das Zeugnis des Sokrates von seiner Wahrnehmung einer inneren Stimme, welche ganz den Charakter einer Hallucination des Gehörs hat, hat den Philosophen Anlaß zu vielen Spekulationen gegeben.
Viele Erklärungen wurden versucht, aber wenn wir uns der kritischen Natur des Sokrates erinnern, =der buchstäblichen Natur seiner Lehrmethode= und der hohen Bedeutung, welche nach Plato's Meinung dieser Sache zukommt, dann scheint die Wahrscheinlichkeit dahin zu neigen, daß der »Dämon« in dem eigenen Bewußtsein des Sokrates thatsächlich eine Gehörempfindung gewesen ist. Mag das nun sein, wie es will, meiner Meinung nach ist es keine Frage, daß wir uns diese Ansicht von der Sache wenigstens so weit aneignen dürfen, daß wir Sokrates auf gleiche Stufe mit Luther, Pascal u. s. w. stellen können, ganz zu schweigen von der ganzen Reihe von israelitischen und anderen Propheten, welche übereinstimmend von einer göttlichen Stimme sprechen. --
Dann aber entsteht die weitere Frage, ob wir alle diese Männer jenen Irrsinnigen gleichstellen sollen, bei denen die Phänomene der Gehör-Hallucinationen etwas alltägliches sind. Diese Annahme entspricht zweifellos dem Wesen unseres Zeitalters, einmal weil sie dem Sparsamkeitsgesetz gehorcht, und dann, weil es _a priori_ die Möglichkeit einer Offenbarung zurückweist. --
Wenn wir aber diese Sache von dem Standpunkt des reinen Agnostizismus betrachten, so sind wir nicht berechtigt, eine solche grobe und schnell fertige Deutung zu geben.
Angenommen, daß nicht allein Sokrates und alle großen Religions-Reformatoren und Gründer religiöser Systeme vor und nach ihm in gleicher Weise von einer Geisteskrankheit befallen gewesen wären, sondern daß ähnliche Phänomene auch =bei allen wissenschaftlichen Entdeckern=: Galilei, Newton, Darwin &c. vorgekommen wären; -- angenommen, alle diese Männer hätten erklärt, daß ihre Hauptgedanken ihnen durch subjektive Empfindungen gleichsam wie durch eine gesprochene Sprache mitgeteilt worden wären, so daß aller Fortschritt in dem wissenschaftlichen Denken der Welt dem des religiösen Denkens gleich wäre, und daher von den Förderern derselben direkten Inspirationen dieser Art zugeschrieben worden wäre; -- alles dies angenommen, würde man dann leugnen können, daß das Zeugnis, welches derartig zu Gunsten der Thatsache einer subjektiven Offenbarung gegeben wäre, ein überwältigendes sei? Oder könnte man dann noch länger daran festhalten, daß die Thatsache einer subjektiv mitgeteilten Offenbarung nur für den Empfänger selbst Beweiskraft besitzen sollte? Man wird hierauf ohne Zweifel antworten: Nein, aber im angenommenen Falle entspringt der Beweis nicht nur der Thatsache ihrer subjektiven Anschauung, sondern aus der Thatsache ihrer objektiven Beglaubigung durch die wissenschaftlichen Resultate. Nun gut! aber dieses ist gerade das Zeugnis, an welches die hebräischen Propheten appellieren -- das Zeugnis der wahren und falschen Propheten, das in der Erfüllung oder Nichterfüllung ihrer Weissagungen besteht und in den Worten ausgedrückt ist: »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.«. Zu sagen, daß das religiöse Bewußtsein der übrigen Menschen für uns kein Beweis _a priori_ sein kann, ist ebenso thöricht, als wenn man sagt, daß das Zeugnis für das Wunderbare für andere keinen Wert hat. Der reine Agnostiker muß immer sorgfältig die Straße aprioristischer Urteile vermeiden. Aber andererseits muß er desto eifriger den Charakter des Beweises _a posteriori_ aufrichtig nach Umfang und nach Inhalt beachten. Der Beweis ist nun in dem gegenwärtigen Fall ein doppelter, positiv und negativ. Es wird gut sein, den negativen zuerst zu betrachten.
Der negative Beweis wird durch die Natur des Menschen ohne Gott geliefert. Der Zustand eines solchen Menschen ist ein durchaus elender, wie Pascal es so schön gezeigt hat: den ganzen ersten Teil seiner Betrachtungen hat er diesem Gegenstand gewidmet. Ich brauche den Weg nicht zu betreten, den er bereits so gut durchforscht hat. --
Einige Menschen sind sich der Ursache dieses Elends nicht bewußt, indessen ändert dies nichts an der Thatsache, =daß= sie elend sind. Denn meistenteils verheimlichen sie die Thatsache so gut wie möglich sich selbst, indem sie sich in Gesellschaft oder im Sport und in Nichtigkeiten jeder Art, oder wenn sie intellektuell veranlagt sind, mit Wissenschaft, Kunst, Litteratur, Arbeit &c. zerstreuen. Dies ist indessen so, als wenn man die Hungernden mit Hülsen sättigen wollte. Ich kenne aus Erfahrung die intellektuelle Zerstreuungen der wissenschaftlichen Forschung, der philosophischen Spekulation und des künstlerischen Genusses, aber ich bin mir auch ebenso des einen bewußt: wenn man auch alles zusammen nimmt und alles dem Geschmack in Beziehung auf Ansehen, Mittel und gesellschaftliche Stellung möglichst angenehm macht u. s. w., -- das alles ist doch nur ein feines Zuckerwerk für einen verhungernden Menschen. Er mag sich für kurze Zeit -- besonders wenn er ein kräftiger Mensch ist -- selbst mit dem Glauben betrügen, daß er sich ernährt, indem er seinen natürlichen Hunger verleugnet; bald jedoch erkennt er, daß er für eine ganz andere Nahrung gemacht wurde, selbst wenn sie weniger schmackhaft sein sollte.
Einige Menschen erkennen dies niemals klar und deutlich, doch immer zeigen sie es den andern deutlich genug. Bedenke z. B. »die größte Schwäche edler Seelen«: ich denke, die höchste und am wenigsten sinnliche von allen weltlichen Freuden besteht in der wohlverdienten Anerkennung der Welt darüber, daß wir aus uns selbst heraus zur hohen Vollendung gelangten. Und doch ist es wahr: »Gott hat verordnet, daß der Ruhm das höchste Sehnen nicht befriedigen kann.« Ich habe nicht wenige von den berühmten Männern unserer Generation kennen gelernt, und habe diesen Ausspruch stets als durchaus wahr befunden. Gleich allen andern »sittlichen« Befriedigungen wird auch dies bald durch Gewohnheit alltäglich, und, sobald =eine= Auszeichnung erlangt ist, sehnt man sich nach einer andern. Da giebt es kein Ende, bei dem man rasten könnte, während doch Krankheit und Tod stets im Hintergrund lauern. Gewohnheit kann den Menschen selbst über sein Elend blind machen; so weit, daß er es sich nicht klar macht, was ihm fehlt; aber es fehlt ihm doch immer etwas.
Ich halte es also für unwidersprechlich richtig, daß diese ganze negative Seite unseres Gegenstandes eine Leere in der Seele des Menschen zeigt, welche nur der Glaube an Gott ausfüllen kann.
Nun zur positiven Seite! Man betrachte die Glückseligkeit der Religion und besonders der höchsten, nämlich der christlichen Religion. Abgesehen davon, daß der Glaube den Menschen außerordentlich kräftig beeinflußt, hält er auch am meisten aus, wächst und wird nie durch Gewohnheit altbacken. Kurz, er unterscheidet sich, wie auch alle, die ihn haben, einstimmig bezeugen, von jedem andern Glück nicht allein dem Grade, sondern auch dem Wesen nach. Die ihn besitzen, können es gewöhnlich durch das beweisen, was sie ohne ihn waren. Er hat keine Beziehung zu einem aus der Vernunft stammenden Zustand. Er ist ein Ding für sich und unübertrefflich.
So viel ist er für den Einzelnen. Aber der positive Beweis hört hiermit nicht auf. Man betrachte ferner die Wirkungen des christlichen Glaubens auf die menschliche Gesellschaft -- durch christliche Persönlichkeiten auf die Familie, und durch die christliche Kirche auf die ganze Welt.
Alles dies zeigt uns, daß das Christentum allen höheren menschlichen Bedürfnissen angepaßt ist. Alle Menschen müssen diese Bedürfnisse mehr oder weniger fühlen, je nach dem Maße, als ihre höhere Natur in sittlicher oder geistlicher (_spiritual_) Beziehung entwickelt ist. Das Christentum aber ist die einzige Religion, welche im Stande ist, diese Bedürfnisse zu befriedigen, und zwar -- nach denen zu urteilen, die allein fähig sind, es zu bezeugen, -- im vollsten Maße. Alle diese Menschen, aus jeder Sekte, jeder Nation u. s. w., berichten darüber übereinstimmend aus ihrer eignen Erfahrung, so daß dieser Punkt über allem Zweifel erhaben ist. Die einzige Frage ist nur, ob sie nicht etwa alle betrogen sind.
_Peu de chose.
La vie est vaine: La vie est brève: Un peu d'amour, Un peu d'espoir, Un peu de haine .... Un peu de rêve .... Et puis -- bon jour! Et puis -- bon soir!_[75]
Diese Verse enthalten eine kurze und wahre Beurteilung dieses Lebens ohne die Hoffnung auf ein zukünftiges. Befriedigt es? -- Doch der Christenglaube giebt ein ganz anderes Bild:
_The night has a thousand eyes, And the day but one; Yet the light of the whole world dies With the setting sun.
The mind has a thousand eyes, And the heart but one; But the light of a whole life dies When love is done._[76]
Ja, das ist die Liebe! Wie erhaben ist aber dann das Christentum, die Religion der Liebe. Sie läßt die Menschen an den Urquell der höchsten Liebe und an die Unendlichkeit von Gottes Liebe zu den Menschen glauben.
§ 5. Der Glaube an das Christentum.
Das Christentum wird in dieser Abhandlung einer ernsten Untersuchung unterworfen, weil diese »Prüfung der Religion« [d. h. des Wertes des religiösen Bewußtseins] sich mit den Argumenten für den Theismus beschäftigt, wie sie der Mensch und nicht die Natur allein, abgesehen vom Menschen, liefert. Das Christentum aber ist unfraglich die höchste Offenbarung des religiösen Bewußtseins. --
Als ich meine frühere Abhandlung [»die unbefangene Prüfung«] schrieb, habe ich die ungeheuere Bedeutung, welche die menschliche Natur gegenüber der physikalischen für jede den Theismus betretende Untersuchung hat, nicht genügend gewürdigt. Aber seitdem habe ich eingehend Anthropologie (sowie Religionswissenschaft), Psychologie und Metaphysik studiert und das Ergebnis war, daß ich es =nun= klar erkannte, daß der Mensch für die Untersuchung der Theorie des Theismus das wichtigste Wesen der ganzen Natur ist. Dies hätte ich schon aus Gründen _a priori_ vorher erkennen sollen, und das wäre auch ohne Zweifel geschehen, wäre ich nicht zu sehr in rein naturwissenschaftliche Untersuchungen vertieft gewesen.
Damals hielt ich es obendrein für erwiesen, daß das Christentum seine Rolle ausgespielt hätte, und glaubte überhaupt nicht, daß es irgend eine vernunftmäßige Bedeutung für die Frage des Theismus habe. Und wenn dies auch ohne Zweifel nicht zu entschädigen war, so glaube ich doch auch, daß sich die rationelle Stellung des Christentums seitdem wesentlich befestigt hat. Denn damals schien es so, als ob das Christentum als rationelles System den doppelten Angriff: von außen durch Darwin und von innen durch die Schule der negativen Kritik -- unterliegen würde. Nicht allein das Buch der organischen Natur, sondern auch seine eigenen heiligen Dokumente schienen sich gegen es zu erklären. Doch jetzt ist dies alles wesentlich anders geworden. Wir haben es erlebt, daß es dem Darwinismus in dieser Hinsicht ebenso wie seiner Zeit dem Kopernikanischen Weltsystem u. s. w. ergangen ist,[77] und der Ausgang jenes großen Kampfes um den Text[78] ist, wie jeder Unparteiische anerkennen muß, ein glänzender Sieg des Christentums.
Ehe es die neue [biblische] Wissenschaft gab, hatten nachdenkende Menschen thatsächlich keine vernunftgemäße Grundlage weder für das Alter von irgend einer der neutestamentlichen Schriften noch infolgedessen für die historische Wahrheit der in denselben erzählten Begebenheiten. Evangelien, Apostelgeschichte und Episteln waren gleicherweise in diese Ungewißheit gehüllt. Daraus erklärt sich die Lebensfähigkeit des Skeptizismus im 18. Jahrhundert. Nun aber ist diese ganze Art Skeptizismus veraltet und für immer unmöglich gemacht: für eine genügende Zahl von Schriften, die Paulus zu dem praktischen Zweck schrieb, den Glauben der Apostel darzulegen, ist die Echtheit bestätigt, und mit Sicherheit ist nachgewiesen, daß die drei synoptischen Evangelien im ersten Jahrhundert veröffentlicht wurden. Daraus ist ein ungeheuerer Vorteil für den objektiven Beweis des Christentums erwachsen. Es ist außerordentlich wichtig, daß der kundige Forscher exakt sein muß, und daß die Laien, wie in jeder anderen Wissenschaft so auch hier, nur =das= auf Autorität hin als glaubwürdig annehmen müssen, worauf sich beide Seiten geeinigt haben. Aber wie bei jeder anderen Wissenschaft sind die Kundigen in Gefahr, die Wichtigkeit der sicheren Hauptergebnisse, über die man sich schon geeinigt hat, gegenüber den weniger wichtigen Punkten, über die man noch streitet, zu vergessen. Uns genügt es, daß die Episteln an die Römer, Galater und Korinther als echt anerkannt worden sind, sowie auch die Synoptiker, insofern sie sich auf die Hauptlehren Christi selbst beziehen. --
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Man darf die außerordentliche Unbefangenheit der Biographen Christi nicht vergessen.[79] Man denke z. B. an Worte wie: »Aber einige zweifelten«, und beim Bericht des Pfingstfestes: »sie sind voll süßen Weins«.[80] Solche Bemerkungen sind wunderbar naturgetreu, aber nicht weniger wunderbar widersprechen sie der »Accretion«-Theorie.[81]
Wenn wir ganz ehrliche reine Agnostiker werden, so verändert sich das ganze Bild durch unseren veränderten Standpunkt. Alsdann können wir die Aufzeichnungen unparteiisch oder nach ihrem wahren Wert lesen, ohne schon von vorneherein die Überzeugung zu haben, daß sie falsch sein müssen. Es ist dann nur die eine Frage offen, ob sie historisch wahr sind oder nicht.
Objektive Beweise für das Christentum lassen sich so viele anführen, daß, wenn die im Mittelpunkt stehenden Lehrsätze von Wundern frei bezeugt wären, niemand an ihnen zweifeln würde. Aber wir sind keine kompetenten Richter, die _a priori_ über das Wesen einer Offenbarung urteilen könnten. Wenn unser Agnostizismus rein ist, so haben wir kein Recht, die Sache aus »_prima facie_«-Gründen zu beurteilen.
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Einer der wichtigsten Punkte des objektiven Beweises zu Gunsten des Christentums wird von den Apologeten nicht genug betont. Ich kann mich in der That nicht entsinnen, ihn jemals erwähnt gesehen zu haben. Es ist dieser, daß in dem Bericht über das Leben Christi alle solchen Lehren fehlen, welche die spätere, wachsende, menschliche Erkenntnis -- sei es in der Naturwissenschaft, Ethik oder Politik oder sonstwo -- hätte entwerten können. Dieses negative Argument ist thatsächlich beinahe ebenso wichtig als das positive aus den Lehren Christi entnommene, denn wenn wir bedenken, wie viele Reden von ihm aufgezeichnet oder ihm wenigstens zugeschrieben sind, -- so ist es doch höchst merkwürdig, daß buchstäblich nicht einzusehen ist, daß irgend eines seiner Worte je vergehen sollte. »Es wird heute selbst dem Ungläubigen nicht leicht sein«, sagt John Stuart Mill, »eine bessere Übertragung der abstrakten Regeln der Tugend ins Praktische zu finden, als wenn er sich bestrebt, so zu leben, daß Christus sein Leben billigen würde.«[82] Man vergleiche Jesus Christus in dieser Beziehung mit anderen Denkern des Altertums: Plato war, obgleich der Zeit nach 400 Jahre älter als Christus, diesem in Bezug auf philosophisches Denken weit voraus, -- nicht allein, weil damals Athen die außerordentliche Erscheinung einer seitdem nicht wieder erreichten Blüte zeigte, sondern auch weil er als Nachfolger des Sokrates an sich schon der größte Repräsentant menschlicher Vernunft in der Richtung des Spiritualismus war, allein selbst Plato ist in jener Hinsicht durchaus nicht mit Christus zu vergleichen. Man lese nur die Dialoge, und man wird sehen, wie groß der Kontrast derselben mit den Evangelien in Bezug auf Irrtümer jeder Art ist -- ja, sie grenzen hinsichtlich ihrer Vernunftgemäßheit sogar an Absurdität und enthalten Aussprüche, die das sittliche Gefühl beleidigen. Und doch ist dies eingestandenermaßen die höchste Höhe menschlicher Vernunft in der Richtung des Spiritualismus, soweit sie nicht von göttlicher Offenbarung unterstützt wird.
Zweierlei könnte man erwidern: erstens, daß die Juden (Rabbiner) zu Christi Zeit die meisten seiner Sittensprüche schon ausgesprochen hätten. Aber, selbst wenn dies wahr wäre, dann sind doch die Worte offenbar dem alten Testament entnommen oder von ihm abgeleitet, und sind so _ex hypothesi_ ursprünglich einer Offenbarung zuzuschreiben. Andererseits ist diese Behauptung doch auch wohl nicht ganz richtig, weil Christus seine Sittensprüche, wie »_Ecce Homo_« sagt, auch wenn sie von den Rabbinern und von dem alten Testament schon vorher ausgesprochen waren, doch selbst ausgewählt hat. --
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Es ist allgemeine, vielleicht sogar ausnahmslose Regel, daß sich die Verächter des Christentums überhaupt aus keiner Religion etwas machen. »Drei Schritt vom Leib.« Das war stets der Gedanke solcher Leute; während andererseits die Menschen, deren religiöses Gefühl unversehrt geblieben ist, die aber das Christentum aus intellektuellen Gründen verworfen haben, Christus doch noch fast vergöttern. Dies sind bemerkenswerte Thatsachen.
Wenn wir die Größe eines Mannes nach dem Einfluß beurteilen, welchen er auf die Menschheit ausgeübt hat, so kann es selbst vom weltlichen Standpunkt aus keine Frage sein, daß Christus der bei weitem größte Mann ist, der jemals gelebt hat.
Aus allen Seiten, nur nicht von thörichter Unwissenheit und niedriger Gemeinheit, wird es anerkannt, daß die von dem Christentum im Menschenleben hervorgerufene Umwälzung mit keiner anderen historischen Bewegung zu messen und zu vergleichen ist, oder daß sie von irgend einer anderen erreicht wird. Am nächsten steht ihr die durch die jüdische Religion hervorgerufene, aber jene ist nur eine Weiterentwicklung von dieser, so daß man beide als aus einem Stück betrachten kann. So angesehen, ist dieses ganze Religionssystem so unermeßlich hoch über allen anderen erhaben, daß zugestanden werden muß: wenn die Juden nicht gewesen wären, so würde das Menschengeschlecht keine unserer ernsten Aufmerksamkeit würdige Religion gehabt haben. Diese ganze Seite der menschlichen Natur würde sich niemals in dem zivilisierten Leben entfaltet haben. Und obgleich es zahllose Menschen giebt, die sich ihrer eignen Entwicklung in dieser Hinsicht nicht bewußt sind, so sind doch selbst diese in außerordentlichem Maße von der auch sie umgebenden religiösen Atmosphäre beeinflußt.