Part 8
Ich halte es nicht eben für einen der geringsten Fehler, wenn der schertzende eine gar zu ängstliche Furchtsamkeit, bey dem Vortrage des Spasses, von sich blicken läßt. Wenn der Schertz recht gelingen soll, so muß er mit einer anständigen Dreistigkeit, und Unerschrockenheit vorgetragen werden. Ich verstehe dadurch kein freches und unverschämtes Wesen, sondern eine kühne Munterkeit, welche aus dem Uebergewicht des bewustseyns, daß der Schertz werth sey vorgetragen zu werden, entsteht, und welche das Mittel ist zwischen einer zaghaften Blödigkeit und einer lermenden Tollkühnheit. Mancher Kopf hat sehr feurige Einfälle, allein so bald sie ihm auf die Zunge kommen, überfält ihn eine Bangigkeit, die ihn blaß macht, den Othem versetzt, und durch eine zitternde und unterbrochene Stimme die Angst seines Hertzens verräth. Solche Gemüther sind zu zärtlich und empfindlich, sie sind übertriebene Richter ihrer eigenen Gedancken, und haben eine zu schlechte Hofnung der guten Aufnahm ihres Schertzes. Sie verderben dadurch ihre Schertze, die im übrigen glücklich genug sind. Sie sind nicht im Stande, ihren Schertz munter genug vorzutragen, sie können den Zuhörer nicht unvermuthet genug überfallen, sie erwecken selbst eine Art der Angst in den Gemüthern der Zuhörer, welche nothwendig mit einiger Unlust den Schertz erwarten müssen, der so viele Geburtsschmertzen verursacht. Ja sie verrathen eine gewisse Schwäche ihres Witzes, die den Schertz selber matt machen muß. Ein hitziger Kopf hat viel zu feurige Einfälle, als daß sie ihm Zeit, zu ängstlichen Beurtheilungen, lassen solten. Er wird von seinen eigenen Einfällen so unvermuthet und plötzlich überfallen, und so nachdrücklich gerührt, daß er in eine Art der Verwirrung geräth, die ihm natürlicher Weise eine Kühnheit geben muß. Die Lebhaftigkeit und Stärcke seiner Schertze, breitet sich bis in seinen Körper aus, und geben ihm alles das Feuer, das zu einem unerschrockenen und dreisten Vortrage derselben nöthig ist. Kan man wohl diese Stärcke des Witzes, bey demjenigen annehmen, der mit Zittern und Zagen, und einer stotternden Stimme spaßt? Wer sich nicht getrauet, mit einem männlichen und unverzagten Muthe, zu schertzen, der überhebe sich gar dieser Mühe. Seine Furchtsamkeit kan ihn überdies manchmal in eine solche Verwirrung setzen, daß er nicht mehr weiß was er sagt, und er wird sich der Gefahr, ausgelacht zu werden, aussetzen.
§. 98.
Ich habe bisher die Schönheiten eines Schertzes ausgeführt, welche meinen Bedüncken nach nöthig sind, wenn er glücklich gerathen soll. Ich will nicht sagen, daß ich keine einzige übergangen hätte. Ich will auch nicht zum andern, oder gar zum dritten mal, sagen, daß ich nicht in den Gedancken stehe, als wenn ein jeder glücklicher Schertz, alle diese Schönheiten besitzen müsse. Sondern ich werde meine Erinnerungen die ich noch zu machen habe, in ein paar allgemeine Anmerckungen einschrencken. Zuerst gebe ich zu, daß es manche Schertze gibt, bey welchen unmöglich alle diese Schönheiten zusammen stat finden können. Es kan geschehen, daß bey gewissen Spassen, nach allen ihren Umständen betrachtet, einige dieser Schönheiten einander wiedersprechen. Daraus wird aber meines Erachtens nichts weiter folgen, als daß manche Schertze unmöglich den grösten Grad der Schönheit erreichen können, der bey einem Schertze, überhaupt betrachtet, möglich ist. Hernach ist mit leichter Mühe zu begreiffen, daß eine Schönheit eines Schertzes so groß, starck und einnehmend seyn könne, daß viele andere Fehler dadurch bedeckt werden. Was einem Schertze an der einen Schönheit abgeht, kan durch die andre ersetzt werden. Und es gibt Fehler der Schertze die mit leichter Mühe können versteckt werden. Ja, man kan sich in Gesellschaft befinden, da man hundert Fehler in Schertzen begehen kan, die die Gesellschaft nicht merckt.
~Non quiuis videt immodulata poemata iudex.~
_Hor. art. poet._
Es gehört ein wenig Verschlagenheit und List dazu, wenn man in allen Gesellschaften, die aus keinen grossen Geistern bestehen, im spassen glücklich seyn will. Man kundschafte den Geschmack der Gesellschaft aus, man verstecke die Fehler seiner Schertze, so bin ich gut davor, daß man für einen schertzhaften Kopf wird gehalten werden. Nur hüte man sich vor der Eitelkeit, deswegen zu glauben, daß man auch vor dem Richterstuhle der gesunden Critik, eines guten Ausspruchs, bloß um dieser Ursach willen, sich zu getrösten habe.
§. 99.
Die Gründe der Beurtheilung eines Schertzes, die ich bisher ausgeführet habe, können innere Gründe genennet werden, weil sie in den Schönheiten bestehen, die einem glücklichen Schertze eigenthümlich zugehören. Es gibt aber auch äusserliche Gründe, die überhaupt aus dem Urtheile anderer von unsern Schertzen hergenommen werden, und aus dem Eindrucke den unser Schertz in den Gemüthern unserer Zuhörer macht. Doch ist dabey viel Behutsamkeit nöthig. Ich will erst untersuchen, ob man einen Schertz für feurig zu halten Ursache habe, wenn er von andern gelobt, belacht, und gebilliget wird. Es würde ein übereiltes Urtheil seyn, wenn man diese Frage schlechterdings bejahen wolte. Unser Zuhörer, dem wir den Schertz vortragen, kan aus grosser Höflichkeit und Freundschaft unsere frostigsten Schertze loben und belachen, weil er uns einen Gefallen dadurch zu erweisen glaubt. Hat man also nicht nöthig der Warnung des +Horatz+ Gehör zu geben?
~Nunquam te fallant animi sub vulpe latentes.~
_Art. poet._
Oder er kan uns wohl gar so viel Ehrfurcht und Unterwürfigkeit von Rechts wegen schuldig seyn, daß es ein unbesonnenes Verbrechen seyn würde, wenn er sich nicht verstellen wolte. Oder er kan ein +Gnatho+ seyn, welcher denckt:
~Est genus hominum, qui esse primos se omnium rerum volunt, Nec sunt. Hos consector. Hisce ego non paro me vt rideant, Sed eis vltro arrideo, & eorum ingenia admiror simul. Quicquid dicunt laudo, id rursum si negant, laudo id quoque, Negat quis, nego; ait, aio; postremo imperaui egomet mihi Omnia assentari.~
_Terent. in Eunuch._
Oder, welches vor allen Dingen anzumercken, unser Zuhörer kan ein einfältiger, stumpfer, frostiger Kopf seyn. Man sage ihm die feurigsten Schertze, die sind ihm zu hoch, er kan sie nicht begreiffen, er bleibt ungerührt. Hört er aber den frostigsten und abgeschmacktesten Spaß, der wird für seinen groben Geschmack sich schicken. Sein eißkaltes Gehirne wird den kleinsten Grad des Feuers fühlen, welches in einem ohnedem feurigen Kopfe unmercklich ist. Man sieht demnach, daß der Beyfall, der unsern Schertzen gegeben wird, ein sehr zweiffelhaftes Merckmaal der Schönheit derselben ist. Wollen wir daraus einen wahrscheinlichen Schluß machen, so müssen wir wissen, daß derjenige, der unsern Schertz lobt, ein feuriger Kopf von gereinigtem Geschmacke sey, und daß er weder aus Freundschaft, noch Höflichkeit, noch Unterwürfigkeit, noch Schmeicheley über unsern Einfall lache.
§. 100.
Eben so wenig kan man daher, wenn unser Schertz getadelt wird, und keinen Eindruck bey andern verursacht, auf den Frost desselben einen unbetrüglichen Schluß machen. Ich habe schon bemerckt, daß ein frostiger und ungeschliffener Kopf, den schönsten Schertz ohne Rührung, anhören und ihn tadeln wird. Aus diesem Tadel darf man sich so wenig machen, daß man ihn vielmehr als ein Zeichen der Schönheit unsers Schertzes anzusehen hat. Es kan jemand aus Feindschaft, Verachtung unserer Person, Neid, und Tadelsucht unsere Einfälle tadeln, und sich mit Gewalt zwingen nicht zu lachen, sondern sein Vergnügen über den Schertz zu verheelen und zu ersticken. Ich weiß selbst nicht woher es kommt, daß der Neid fast eine Erbsünde vieler feurigen Köpfe zu seyn scheint. Ein witziger Kopf wird viel Mühe nöthig haben, einen sinnreichen Einfall an andern zu loben. Ich rede nur von solchen aufgeweckten Köpfen, die ausserdem nicht eben gar zu grosse Vollkommenheiten besitzen. Ja es kan auch ein geistreicher Kopf, der in keinem dieser angeführten Fehler steckt, manchmal viel zu ernsthafte und verdriesliche Gedancken haben, als daß er die Schönheit eines feurigen Schertzes zu mercken vermögend seyn solte. So wenig man beständig zu schertzen aufgelegt ist, so wenig ist man zu allen Zeiten im Stande, durch einen glücklichen Schertz gerührt zu werden. Ja endlich kan die Verschiedenheit des Geschmacks Ursach seyn, warum andere unsere Schertze nicht für schön halten.
~Laudatur ab his culpatur ab illis.~
_Hor. Sat. L. I. Sat. II._
Mich dünckt, ich habe überflüßig dargethan, daß ein Schertz sehr feurig seyn könne ob er gleich von andern getadelt wird, und keinen mercklichen Eindruck bey andern macht. Wenn aber ein Mensch von grossem Witze, Scharfsinnigkeit, und Beurtheilungskraft, der gantz unpartheiisch ist, unsern Schertz ohne Rührung anhört und ihn verachtet, so ist der Schluß überaus wahrscheinlich, daß der Schertz mat, unglücklich und frostig sey. Noch viel behutsamer muß man seyn, wenn man von seinem eigenen Urtheile, über seine eigene Einfälle, einen Schluß auf ihre Häßlichkeit oder Schönheit machen will. Eitelkeit und Eigenliebe verblenden uns, daß wir unsere eigene Fehler nicht mercken, und unsere Vollkommenheiten durch ein Vergrösserungsglas betrachten. Niederträchtigkeit stelt uns häßlicher, in unsern eigenen Augen, dar, als wir in der That sind. Es sind demnach Uebereilungen, wenn man gerade zu schliessen wolte: Mein Spaß der mir gefält ist feurig, und der mir mißfält ist frostig. Wer aber seinen Geist über die Schwachheiten der Eitelkeit und Niederträchtigkeit erhoben hat, wer ein feuriger Kopf ist, und einen feinen Geschmack hat, der kan diese Schlüsse mit vieler Wahrscheinlichkeit machen. Nur muß er sich hüten, daß das auch keine Frucht einer schmeichelnden Eigenliebe sey, wenn er sich selbst für einen erhabenen, feurigen und feinen Geist hält.
§. 101.
Ich könnte meine Betrachtung hier beschliessen. Das hundert der Absätze ist ohne dem wieder mein Vermuthen voll geworden. Ich habe aber angemerckt, und zwar, wie ich mir schmeichle, nicht ohne Grund, daß die formelle Vollkommenheit eines Schertzes in verschiedenen Stücken, von der materiellen Vollkommenheit derselben abhänget. Ich werde daher von dieser noch handeln müssen. Ich bin nicht willens mich dabey so weit auszudehnen, als ich zu thun im Stande wäre. Ich werde die materielle Vollkommenheit der Schertze, nur in so weit in Betrachtung ziehen, als sie das Feuer eines Schertzes entweder glänzender machen, oder verdunckeln kan. Ich werde alle Weitläuftigkeit vermeiden, und diese gantze Betrachtung in drey oder vier Regeln einschliessen.
§. 102.
So lange die materielle Unvollkommenheit eines Schertzes kleiner ist, als die formelle Schönheit desselben, so wird jene dem Feuer desselben keinen mercklichen Abbruch thun. So bald aber die materielle Unvollkommenheit mit der formellen Vollkommenheit die Wage hält, oder diese wohl gar übertrift, so bekommt die Schönheit eines Schertzes einen Schandfleck, der wenigstens die formellen Schönheiten verdeckt. Ein solcher Schertz gleicht einem Feuer, das vielen Dampf und Rauch verursacht. Wenn gleich der Rauch dem Feuer selbst keine Kraft nimt, so verdeckt er doch dasselbe, und verhindert den Glantz desselben, der sonst sich weiter ausbreiten, und durchdringender seyn würde. Ein Mensch, der an einem Dinge Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten gewahr wird, beurtheilt die Sache nach dem Uebergewicht der einen oder der andern. Wenn die letzten die ersten weit übertreffen, so kan es natürlicher Weise nicht anders seyn, als daß man sich die häßliche Seite eines solchen Dinges aufmercksamer, klärer, gewisser und lebendiger vorstelt. Darüber vergißt man nach und nach die Vollkommenheiten, sie scheinen nicht hinreichend zu seyn eine Sache, die überwiegend fehlerhaft ist, nach ihrem schwächern Theile zu beurtheilen. Mit einem Wort, eine Sache die mehr häßlich als schön ist, wird nach ihrer schönen Seite nicht vornemlich beurtheilt. Die Schönheiten werden durch die stärckern Häßlichkeiten verdunckelt, und man ist nicht gewohnt, wenige Vollkommenheiten, mit einem so elenden Anhange mehrerer Unvollkommenheiten, besonders zu schätzen. Soll also der Schertz sein völliges Feuer behalten, und darin unterstützt werden, so muß die materielle Unvollkommenheit, wo nicht gantz fehlen, welches allerdings besser ist, doch mercklich kleiner seyn. Mir deucht alle Religions-Spöttereien haben diesen Fehler. Die Schertze die über Religionssachen getrieben werden, können bisweilen sehr gut geraten, weil aber die Gottlosigkeit und Leichtsinnigkeit derselben, zwey Sünden sind, die bey nahe den höchsten Grad in diesem Falle erreichen, so können solche Schertze bey niemanden ihre Würckung thun, als die eben so gottloß und leichtsinnig sind, wie der schertzende selbst.
§. 103.
Wenn der Verdruß und der Eckel des Zuhörers über die materielle Unvollkommenheit unseres Schertzes, grösser ist, als sein Vergnügen über die formelle Schönheit desselben, so verliehrt unser Schertz seinen Glantz und Feuer, wenigstens in dem Gemüthe unsers Zuhörers. Niemand ist so thöricht, eine kleine Lust durch einen stärckern Verdruß zu erkauffen; und es ist sehr wahrscheinlich, daß der Verdruß über unsern Schertz das Vergnügen über eben demselben verdunckeln werde, folglich auch den Grund desselben, oder die Anschauung der Schönheiten desselben. Diese werden sich gleichsam hinter der Häßlichkeit des Schertzes verliehren, und so gut seyn als wenn sie gar nicht da wären. Wenn ja ein feuriger Schertz eine materielle Unvollkommenheit hat, so muß doch der Verdruß darüber mercklich schwächer und dunckeler seyn, als das Vergnügen über eben denselben. Alsdenn wird sichs umgekehrt verhalten. Die häßliche Seite wird sich immer weiter hinter die schöne drehen, und es kan wohl gar kommen daß der Zuhörer, über den Vergnügen, an die Unvollkommenheiten zu gedencken vergißt. Wenigstens ists einem oftermals nicht zuwieder, einen kleinen Verdruß auszustehen, wenn er nur durch ein grösser Vergnügen belohnt und ersetzt wird. Es ist nicht zu leugnen, daß die Ausübung dieser Regel viele Kunst erfodert. Es kan jemand einen sehr grossen Verdruß worüber empfinden, so dem andern gar keine, oder doch eine sehr kleine Unlust erweckt, und so verhält es sich auch mit dem Vergnügen. Dem sey nun wie ihm wolle, so muß der schertzende sich durchaus nach den Zuhörern bequemen, wenn er bey ihnen seinen Zweck erreichen will. Ich rechne dahin die Schertze, die von unzüchtigen, unflätigen, und gar zu gemeinen Dingen hergenommen werden. Kurtz, alle diejenigen Schertze die in der Einbildungskraft ein schändliches und eckelhaftes Bild verursachen. Ich lasse einen jeden urtheilen, ob die feurigsten Schertze nicht ihren Glantz verliehren, wenn sie eine so schmutzige und säuische Einfassung bekommen? Ein spaßhafter Kopf, der bey seinen Schertzen gar zu oft ins Dicke trit, kan zwar in einer Zeche Mistträger ohne Eckel gehört werden, aber nicht von Leuten, die sehr selten Empfindungen von gewissen Dingen zu haben pflegen. Es gibt eine gewisse Art Leute, die, ich weiß nicht was für ein ehrwürdiges etwas, darin zu suchen pflegen, wenn sie ohne Eckel gewisse Dinge ansehen, und befühlen, und wohl gar mit noch einem andern Sinne empfinden können. Diese Leute schreiben sich deswegen eine heldenmäßige Hertzhaftigkeit zu, und verlachen alle diejenigen, die kein solches +Cyclopen+-Hertz besitzen als sie selbst. Und diese sinds die mehrentheils in Gesellschaften, und was noch das ärgste ist, alsdenn wenn gegessen wird, solche Spasse machen, die gar zu natürlich sind, und wodurch sie andern einen Eckel verursachen, der ihnen die Materie zu ihrem Triumphe darbietet. Meinem Urtheile nach, verdunckeln solche spaßhafte Köpfe, durch ihre eigene Schuld, das schöne ihrer Schertze, durch das schmutzige womit sie schertzen. Ich will nicht einmal von den bejammernswürdigen Köpfen reden, deren Zoten nicht einmal eine formelle Schönheit besitzen. Denn alsdenn ist der Zeug des Spasses säuisch, und der Spaß selbst häßlich, und kan auf keinerley Art gerechtfertiget werden.
§. 104.
Wenn man mit Dingen scherzt, die man mit der äussersten Ernsthaftigkeit, zu betrachten verbunden ist, so ist auch das kleinste lachen bey solchen Dingen eine Sünde. Ein feuriger Schertz verursacht ein grosses lachen. Folglich muß ein solcher Schertz, der mit und über dergleichen Dinge geführt wird, eine grössere materielle Unvollkommenheit haben, und folglich viel von seinem Feuer verliehren. Ich rechne dahin, nicht nur diejenigen Scherze, in welchen solche wichtige Dinge selbst lächerlich gemacht werden, als welches überdies eine strafbare Leichtsinnigkeit ist; sondern auch diejenigen, die etwas anders durch Vergleichung mit dergleichen Dingen lächerlich machen. Es ist wahr, diese wichtigen Dinge bleiben alsdenn in ihrem völligen Werthe. Allein die Einbildungskraft pflegt hernach den Schertz uns wieder ins Gemüth zu bringen, so bald wir an solche ernsthafte Dinge dencken, und da ist es nothwendig, daß wir unsere Pflicht übertreten müssen. Ich tadle alle Schertze, in welchen solcher wichtigen Dinge Erwehnung geschieht, es sey nun auf die eine, oder die andere Art. Meines Erachtens gehören dahin, alle Schertze die mit der Religion getrieben werden, es sey nun, daß man über Religionssachen schertze, welches freylich das ärgste ist, oder daß man durch Religionssachen etwas anders lächerlich mache. ~Nimium enim risus pretium est, si probitatis impendio constat. _Quint._ _de inst. Orat._ Ich weiß wohl, daß man vieles zur Entschuldigung der letztern anzuführen pflegt. Ich weiß aber auch, daß ich sie nicht verwerffe, weil ich glaube, daß sie Religions-Spöttereyen wären. Wenn man weiter nichts thut, als daß man die Religionssachen braucht, etwas anders lächerlich zu machen, so spottet man nicht der Religion, die bleibt in ihrer Hoheit. Allein unsere Einbildungskraft vergesellschaftet die Religion mit den Schertzen, wir erinnern uns der Schertze, wenn wir an die Religion dencken, und man ist alsdenn nicht im Stande, gantz ernsthaft zu bleiben, wozu man doch bey der Religion jederzeit verbunden ist. Alle vernünftige Kenner der Schaubühne, stimmen mit mir in diesem Stücke überein. Sie sehen es als einen groben Fehler an, wenn man wichtige Dinge, und insonderheit Dinge, die mit der Religion eine Verwandschaft haben, in die Comödie bringt. Sie tadeln insgesamt, den berühmten Nürnbergischen Dichter +Hans Sachsen+, der so artig zu dichten gewust, daß er +Adam+ und +Eva+ aufgeführt, wie sie ihre Kinder in Gegenwart GOttes, der ihnen erschienen, aus +Luthers+ Catechismus examiret, da denn +Abel+ recht gut bestanden, +Cain+ aber sehr schlecht antworten können. Man begreift ohne Mühe, daß der Grund dieses Tadels, darin zu suchen sey, weil die Comödie der Ort ist, wo geschertzt werden soll, und da die Thorheiten der Menschen lächerlich gemacht werden sollen. Verbannt man nun die Religion aus der Comödie, so gibt man zu verstehen, daß es häßlich sey, wenn man die Religion zu schertzen braucht, und ob man gleich sie selbst nicht lächerlich mache, und die Schertze noch so feurig seyn solten. Was ich von der Religion gesagt habe, das gilt auch von allen wichtigen Wahrheiten, die man durchaus nicht zum Schertzen brauchen muß. Ich hätte hier die schönste Gelegenheit, denen Herrn den Text zu lesen, die mit der Philosophie ihren Schertz treiben, und wunder dencken, wie spitzfindig sie sind, wenn sie z. E. über die beste Welt ein lachen verursachen. Doch ich begnüge mich anzumercken daß man weder über, noch mit dergleichen Dingen schertzen müsse, bey denen wir verbunden sind, so oft wir uns damit beschäftigen, eine genaue und strenge Ernsthaftigkeit zu beobachten.
~Non haec iocosae conueniunt lyrae~
_Hor. Carm. L. III. Od. III._
§. 105.
Wenn wir uns in solchen Umständen befinden, in welchen wir verbunden sind, die strengste Ernsthaftigkeit zu beobachten, so ist das geringste lachen eine Sünde, und die materielle Unvollkommenheit unsers Schertzes fält alsdenn mehr, und stärcker in die Augen, als die formelle Schönheit, und unser Schertz wird verdorben. Es gibt gewisse Personen, in deren Gegenwart wir die strengste Ernsthaftigkeit beobachten müssen, wenn sie uns selbst nicht einigermassen von diesem Zwange loßzumachen für gut befinden. Es gibt Orte und Zeiten, die von uns fodern, alsdenn gar nicht zu lachen, wenn wir uns in denselben befinden. Alle Schertze die in Gegenwart solcher Personen, an solchen Orten und in solchen Zeiten vorgetragen werden, wenn sie auch noch so feurig sind, verliehren ein vieles von ihrer Schönheit, weil sie aus einer Leichtsinnigkeit entstehen, die gar zu sehr in die Augen fält. Ich hätte hier Gelegenheit eine weitläuftige Critik, über viele Arten der Schertze anzustellen. Ich will mich aber begnügen, nur einige derselben anzuführen, mehr, um meine Anmerckung dadurch zu bestätigen, als sie selbst ausführlich zu untersuchen. Ich rechne dahin zuerst alle Schertze, die in der Todesstunde getrieben werden. Es ist wahr, solche Schertze haben ein ungemeines Feuer, wenn sie sonst nicht überwiegend häßlich sind. Ich habe dieses schon oben angemerckt. Allein die Todesstunde ist die wichtigste Zeit unsers Lebens. Wir sollen in derselben einen Schrit thun, bey dem die gröste Aufmercksamkeit und Bedachtsamkeit nöthig ist, und wir sind verbunden alle unsere Verstandeskräfte zusammenzufassen, um mit der strengsten Aufmercksamkeit die Veränderung zu erwarten, die uns aus der Zeit in die Ewigkeit versetzt. Mich deucht, daß alles dieses ohne Ernsthaftigkeit unmöglich sey. Und wer in seiner Todesstunde spaßt, ist viel zu leichtsinnig, als daß er den Tod regelmäßig ausstehen solte. Diese Leichtsinnigkeit verdunckelt auch den feurigsten Spaß. Nein, in der Todesstunde kan kein Spaß recht glücklich gerathen. Zum andern gehören hieher die Schertze in der Kirche, und insonderheit auf der Canzel. Ein P. ~Abraham von Sancta Clara~ mag noch so ein lustiger Kopf seyn, er mag noch so feurig seyn, so wird ihm doch kein Schertz gelingen, wenn er ihn auf den Stuhle vorträgt welcher den wichtigsten Wahrheiten gewidmet ist. Daher darf kein Prediger die Laster auf der Canzel lächerlich machen, er muß sie aus wichtigern Gründen mit dem grösten Ernste bestürmen. Endlich rechne ich dahin die Heldengedichte und grossen Lobreden. Ein Dichter und Lobredner verhält sich unanständig gegen seinen Helden, wenn er schertzt. Das hohe, das erhabene, das ehrwürdige wird durch das lächerliche verdunckelt. In solchen Reden und Gedichten muß gar nicht geschertzt werden. +Günther+ wird daher mit Recht getadelt, daß er in der Helden-Ode auf den +Eugen+ einen Soldaten nach dem pöbelhaftesten Character aufführt.
§. 106.
Ich muß nunmehr den Beschluß meiner Betrachtung machen. Ich solte glauben, daß diese Blätter nicht gantz ungeschickt wären, den guten Geschmack zu befördern, in einer Sache die sehr häufig zu seyn pflegt. Ich habe mich wenigstens bemüht, diese Critik der Schertze auf Gründe zu bauen, die aus der Natur der Seele, und der Schönheiten überhaupt hergenommen sind, und ich habe nichts weiter mehr nöthig, als mich der Gewogenheit meiner +geneigten Leser+ zu empfehlen.
~Viue, vale! si quid nouisti rectius istis, Candidus imperti; si non, his vtere mecum.~
+E N D E.+
End of Project Gutenberg's Gedancken von Schertzen, by Georg Friedrich Meier