Gedancken von Schertzen

Part 4

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Ein solcher Schertz wird mit der Zeit gar zu bekant, und man hat grosse Ursach zu glauben, daß ein scharfsinniger Witz nicht eben gar zu groß und fruchtbar seyn müsse, der sich durch einen einzigen glücklichen Schertz erschöpft zu haben scheint, weil er immer denselben und keinen neuen vorträgt. Ja der, so diesen Fehler in Schertzen begeht, bezeigt gar zu wenig Hochachtung gegen seine Zuhörer. Er glaubt entweder, daß sie kein gutes Gedächtniß haben, und daß ihnen also einerley Sache immer neu bleiben müsse; oder daß sie nicht witzig genug gewesen, seinen Spaß schon hinlänglich zu verstehen; oder daß sie gar zu flatterhaft sind, und die schlechteste Ursach zum lachen ergreiffen, sich lustig zu machen. Alles dieses wird dem Schertzenden sehr wenig Hochachtung bey seinen Zuhörern zu wege bringen. Nein, ein Schertz der einmal geglückt, muß Zeitlebens nicht wieder vorgetragen werden. Oder, will man mehr Gelindigkeit von mir fodern, so kan ich zwar die Zahl der Wiederholung nicht bestimmen; doch, nach meinem Geschmacke, gefält mir ein Schertz noch ziemlich, den ich zum zweyten oder dritten mal höre, wird er mir aber zum vierten oder fünften mal gesagt, so erweckt er in mir entweder Gleichgültigkeit, oder Verdruß. Das, was ich jetzo von Schertzen gesagt habe, kan man auch von einem jeden artigen Gedancken und Einfalle sagen. Ein Schriftsteller, der eine gewisse Anzal artiger Einfälle zu haben scheint, die er so oft vorbringt, als er redet oder schreibt, scheinet mir einen sehr eingeschränckten Vorrath davon zu besitzen, und macht seine Schrift, bey vernünftigen Lesern eckelhaft.

§. 39.

Ich kan mich hier nicht enthalten einen Fehler anzumercken den manche, die mit Gewalt, es koste was es wolle, lustige Gesellschafter seyn wollen, begehen. Sie samlen sich einen ziemlichen Vorrath kleiner poßirlichen Histörchen, die sie in allen Gesellschaften mit einer kützelnden Zufriedenheit erzehlen. Sie haben ihren eigenen Witz dergestalt verwöhnt, daß sie nicht lustig seyn können wenn sie diese Lappalien nicht vortragen. Und wer solche Leute kennt der pflegt, so bald sie den Faden ihrer Geschichte anfangen, zu sagen, ja ja! nun kommen die Historien, nun werden sie aufgeräumt. Ich will nicht sagen, daß es unverschämt gehandelt sey, eine gantze Gesellschaft mit Dingen zu unterhalten, die man ihnen wohl tausendmal gesagt hat. Ich sage nur, daß dis ein Zeichen eines sehr matten und frostigen Witzes sey, wenn man einerley schertzhafte Einfälle, so oft wiederholt. Wollen diese lebendigen Chronicken etwa einwenden, daß die Gesellschaft gleichwol lache, so bitte ich sie achtung zu geben, ob ein solches lachen nicht vielmehr eine erzwungene Höflichkeit sey, die man ihnen beweißt, weil man sich doch genöthiget sieht, mit ihnen umzugehen. Wenn sie sich die Mühe nehmen wollen diese Beobachtung zu machen, so werden sie gewahr werden, daß mancher über ihre Erzehlungen lacht, indem er mitten im Gähnen begriffen war. Doch kan es seyn daß sie sich in Gesellschaft mit Leuten von frostigen Witze und üblen Geschmack befinden, und alsdenn versichere ich ihnen, daß diese lachen werden, und wenn sie ihre Historien ihnen noch tausendmal vortragen solten.

§. 40.

Noch ein Fehler ist zu bemercken, welcher der Schönheit eines Schertzes, so aus der Neuigkeit desselben entspringt, zu wieder ist. Es besteht derselbe darin, wenn man gar zu aufgeräumt ist, und in kurtzer Zeit gar zu viel Schertze hinter einander vorträgt. +Cicero+ hat denselben auch bemerckt, im +andern Buche vom Redner+: ~Hoc opinor primum, ne, quotiescunque potuerit dictum dici, necesse habeamus dicere~. Ein jeder dieser Schertze kan an sich sehr schön seyn, und, wenn er allein vorgetragen wird, alles das Feur besitzen, so zu einem angenehmen Schertze erfodert wird. Allein weil er unter einer gar zu grossen Menge anderer Schertze vorgetragen wird, so erkaltet er. Man wird des lachens auch müde. Unsere Seele liebt die Veränderungen, eine Belustigung die gar zu lange einträchtig bleibt, wird matt und verliehrt ihre Anmuth. Alle glückliche Schertze erwecken in der Seele ein ähnliches Vergnügen, ist es also nicht natürlich, daß, wenn in kurzer Zeit, gar zu viele Schertze auf einander folgen, die folgenden immer frostiger werden müssen, je weiter sie von dem ersten entfernt sind? Alle sinnliche Lust wenn sie aufs höchste getrieben worden, nimt von selbst natürlicher Weise wieder ab. ~Omnibus in rebus voluptatibus maximis fastidium est finitimum.~ +Cicero+ im +dritten Buch vom Redner+. Es streitet wider die Natur der Seele, viele feurigen Schertze hinter einander, mit gleicher Lebhaftigkeit, zu fühlen, die letztern haben keine völlige Neuigkeit mehr, weil sie das Vergnügen, das die vorhergehenden erweckt haben, nur durch einen etwas veränderten Grund verursachen, oder vielmehr nur fortsetzen. Es ist demnach natürlich, daß uns das Schertzen endlich verdrießlich werden muß, wenn es in einem, durch eine geraume Zeit, fortgeht.

~Quem bis terque bonum cum risu miror, & idem Indignor.~

_Hor. de art. poet._

Sollen alle unsere Schertze glücklich seyn, so muß man nicht zu viel auf einmal, und kurtz hinter einander spassen. Es ist demnach eine Maxim die der Vollkommenheit der Schertze nachtheilig ist, wenn man annimt, daß ein Schertz, der an sich feurig ist, auch könne vorgetragen werden, ohne weitere Betrachtungen dabey anzustellen. Ein schertzhafter Kopf muß kein Verschwender, sondern ein sparsamer Haußhalter seyn, der für das künftige sorgt. Hat er in manchen Stunden einen gar zu starcken Zufluß von Schertzen, so bedencke er, daß theure Zeiten kommen können, da bey ihm die Schertze sehr rar seyn möchten. Die Leute, die manchmal gar zu lustige und aufgeräumte Stunden bekommen, besitzen einen Witz, der mir einem gewaltigen Strohme gleich zu seyn scheint, bey welchen, wenn er einmal seinen Dam durchbrochen, kein aufhalten ist. Es ist wahr, wir sind, wenn wir auch noch so feurige Köpfe wären, nicht immer zum spassen aufgelegt; aber man kan doch sagen, daß es möglich sey sich vor den Fehler zu hüten, den +Horatz+ an den Sängern bemerckt hat. _Satt. L. I. Sat. III._

~Omnibus hoc vitium est cantoribus, inter amicos Vt nunquam inducant animum cantare rogati. Iniussi nunquam desistant.~

§. 41.

Ich will durch alle die bisherigen Regeln nicht fodern, daß der gantze Schertz von dem schertzenden erst müsse erfunden werden, ob ich gleich behaupte, daß das die schönsten Schertze dieser Art sind, welche der schertzende erschaffen hat, und das erstemal vorträgt. Man kan einen von andern gehörten Spaß vortragen, ja man kan seine eigene Spasse wieder aufwärmen, wenn nur etwas neues dabey vorkommt. Folglich muß wenigstens der schertzende mit Wahrheit behaupten können, daß er etwas an dem Schertze, den Augenblick erst, erfunden habe. Solche Schertze sind auch schön, ob gleich nicht in dem Grade, als die ganz neuen. Es kan hier eben so gehalten werden, als in den Wissenschaften. Man kan daselbst Wahrheiten von andern entlehnen, wenn man sie mit einiger Veränderung und Zusatz vorträgt, oder auch nur auf eine andere Art beweißt, und andere Folgen daraus herleitet, so kan man sich für den Erfinder einiger Theile dieser Wahrheit mit Recht ausgeben. Man kan daher andern ihre Spasse abborgen, ein kleiner Umstand, den wir hinzu oder wegthun, gibt uns ein Recht denselben eines theils für den unsrigen auszugeben. Wenn wir ihn auch nur in andern Umständen vortragen, und ihn so geschickt vorzubringen wissen, daß es natürlich zu seyn scheint, auf einen solchen schertzhaften Einfall zu kommen, so fehlts demselben doch nicht an aller Neuigkeit.

§. 42.

Ich habe zur dritten Schönheit der Schertze, die Verschiedenheit der Dinge, die man mit einander vergleicht, angenommen. §. 28. Wenn die Dinge gar nicht mercklich, oder doch in einem sehr geringen Grade verschieden sind, so verursacht die Entdeckung ihrer Ubereinstimmung, entweder gar keinen, oder doch einen sehr frostigen Spaß. Ich will nicht wieder sagen, daß ein solcher Spaß frostig sey, weil er von einem sehr matten Witze seinen Ursprung hat, denn das habe ich schon §. 20. angemerckt. Sondern ich habe noch andere Ursachen, warum ich behaupte, daß ein feuriger Schertz von Dingen, die in einem hohen Grade verschieden sind, müsse entlehnt werden. Ich werde unten darthun, daß wir lachen, wenn wir einen Wiederspruch in Kleinigkeiten gewahr werden. Soll nun der Spaß zum lachen reitzen, so muß er einen solchen Wiederspruch entdecken. Das wird gewiß nicht geschehen, wenn man Dinge, deren Uebereinstimmung groß, und augenscheinlich ist, mit einander vergleicht. Nimt man aber Dinge, die sehr verschieden sind, und deren Verschiedenheit offenbar, und in die Augen fält, und entdeckt in ihnen eine Uebereinstimmung, so scheint das ein Wiederspruch zu seyn, und wir erhalten unsern Zweck. Man kan hinzu thun, daß sonst der Spaß nicht neu und unerwartet genug seyn würde. Dinge die gar zu mercklich mit einander übereinkommen, sind sehr leicht zu vergleichen, ein jeder der sie betrachtet, kan mit einer geringen Aufmercksamkeit die Uebereinstimmung gewahr werden. Wird man jemanden also wohl viel neues sagen, wenn man sich die Mühe macht, ihm in solchen kleinen Entdeckungen zu helfen? Nein, Dinge worüber man glücklich schertzen will, müssen eine sehr unmerckliche Uebereinstimmung haben. Ihre Verschiedenheit muß so mercklich und groß seyn, daß sie dem Ansehen nach nichts mit einander gemein zu haben scheinen. Oder, wenn sie auch mit einander in manchen Stücken übereinkommen, so muß doch die Ubereinstimmung, die wir durch unsern Schertz in ihnen entdecken wollen, dergestalt beschaffen seyn, daß sie der Verschiedenheit derselben zu wiedersprechen scheint, und daß man daher Ursach zu glauben hat, daß keiner von unsern Zuhörern, ohne unsern Schertz, diese Entdeckung würde gemacht haben.

§. 43.

Wenn ein Schertz nicht die gemeldete Eigenschaft besitzt, so ist er ein so stumpfer Einfall, daß er für keine Geburth der Scharfsinnigkeit kan angesehen werden. Ein feuriger Schertz muß nicht nur durch den Witz gewürckt werden, sondern es muß auch darin eine grosse Scharfsinnigkeit hervorleuchten. Kan dieses wohl möglich seyn, wenn die verglichenen Dinge mit einander sehr übereinkommen? Nein, wenn ein Schertz nicht ein Schertz seyn soll,

~ quem praecepit Rusticus, abnormis sapiens, crassaque Minerua.~

_Hor. Sat. L. II. Sat. II._

so muß man nicht, wenn man schertzen will, handgreifliche Uebereinstimmungen vorbringen. Ein feuriger Schertz muß so fein und scharfsinnig seyn, daß er von einem plumpen Kopfe nicht eingesehen werden kan. Das kan nicht anders erhalten werden, als wenn man den Schertz dergestalt einrichtet, daß derjenige, der ihn begreiffen will, erst vorläufig einen grossen Unterschied gewahr werden muß. Das gemeine Leben könnte mir hier wieder eine ansehnliche Menge solcher stumpfen Spasse an die Hand geben, wenn ich glaubte daß der Versuch, den Geschmack des Pöbels zu verbessern, einen mercklichen Nutzen haben könnte.

§. 44.

Zur Verschiedenheit der Dinge wird ihre Unähnlichkeit, die Verschiedenheit ihrer Beschaffenheiten, gerechnet. Soll demnach ein Schertz gerathen, so müssen die Dinge, womit man schertzet, eine augenscheinliche Unähnlichkeit haben, die so groß und mercklich ist, daß man keine Aehnlichkeit in ihnen gewahr wird, wenn man sie nicht mit der äussersten Aufmercksamkeit betrachtet. Wenn man die mercklichen und augenscheinlichen Aehnlichkeiten der Dinge entdeckt, so kan man zwar sagen, daß man eine gute Allegorie, oder andere witzige Vergleichungen, gemacht habe, aber ein Schertz kan eine solche Entdeckung nicht genennt werden. So wenig man darüber lachen würde, wenn ein Maler sein Bild dem Originale so ähnlich macht als möglich, so wenig wird man durch die Anzeige der offenbaren Aehnlichkeit zweyer Dinge zum lachen gereitzt werden. Der König in Franckreich, +Ludewig der eilfte+, gibt mir ein Exempel von einem Schertze, der diese Schönheit an sich hat. Man erzehlt daß er, da ihm die Nachricht überbracht worden, daß ein gewisser ungelehrter Mensch, einen sehr schönen Büchervorrath besitze, geantwortet habe: dieser Mensch sey wie ein bucklichter, der eine Last auf den Rücken trage, die er nicht sehen könne. Man wird ohne mein Erinnern mir zugestehen, daß ein ungelehrter Besitzer einer schönen Bibliothek, und ein ausgewachsener Mensch, zwey Dinge sind, deren Unähnlichkeit groß und handgreiflich genug ist.

§. 45.

Die andere Art der Verschiedenheit ist die Ungleichheit, die Verschiedenheit der Grösse. Ich bin überzeugt daß nichts lächerlicher und thörichter könne gedacht werden, als wenn sich kleine Dinge grossen gleichschätzen wollen. Die belachenswürdige Thorheit eitler und hochmüthiger Menschen, besteht ja eben darin, daß sie sich über sich selbst ausdehnen wollen, und dem Frosche in der Fabel ähnlich sind, der gerne so groß seyn wolte als ein Ochse. Meines Erachtens kan also kein Schertz stärcker zum lachen reitzen, als derjenige, welcher Dinge vergleicht, die der Grösse nach unendlich verschieden sind. Ich sage nicht, daß man die grossen Dinge denen kleinen gleich schätzen solle, das könnte nicht nur manchmal eine Frucht der Dumheit, Unwissenheit, Grobheit und Unverschämtheit seyn, sondern es würde auch in vielen Fällen nicht lächerlich seyn, weil alle grossen Dinge, der Wahrheit gemäß, den kleinen gleich sind, wenn man von ihnen dasjenige absondert, wodurch sie die kleinen übertreffen. Meinem Bedüncken nach, ist das eigentlich lächerlich, wenn man kleine Dinge denen grossen gleich schätzt. Das Grosse bleibt dabey in seinen Würden und Vorzuge, und man hütet sich vor den Verdacht der Leichtsinnigkeit. Der Wiederspruch ist dabey so mercklich, daß es nothwendig lächerlich seyn muß. Wird man nicht starck zum Lachen gereitzt wenn man beym +Ausonius+, ~Epigr. XCV.~ die Begebenheit des +Faustulus+ ließt? +Faustulus+ ritte auf einer Ameise. Da diese den Koller bekam, warf sie den unglückseeligen +Faustulus+ herunter, schlug hinten aus, und versetzte ihm einen dergestalt tödtlichen Stoß, daß er in seiner Todesstunde nur noch zu seinem Troste sagen konnte: Er habe eben so einen schweren Fall gethan als +Phaeton+.

~Faustulus insidens formicae, vt magno elephanto Decidit, & terrae terga supina dedit. Moxque idem est ad mortem multatus calcibus eius Perditus vt posset vix retinere animam. Vix tamen est fatus: quid rides improbe livor? Quod cecidi? cecidit non aliter Phaëton.~

Ein feuriger Spaß muß also unter Dingen, die der Grösse nach fast unendlich verschieden sind, eine Verhältniß, eine Gleichheit entdecken. Ich will eben nicht sagen, daß dis zu allen feurigen Schertzen nöthig sey. Manchmal kan man zwey Dinge der Grösse nach nicht mit einander vergleichen, weil man nur auf ihre Aehnlichkeit sieht. Doch ist unleugbar, daß ein Schertz um so viel feuriger seyn müsse, je ungleicher die Dinge sind, die mit einander verglichen werden.

§. 46.

Keine Dinge sind so verschieden als die einander entgegen gesetzt sind. In so fern sie entgegen gesetzt sind, haben sie gar nichts mit einander gemein. Man begreift also mit leichter Mühe, daß die Vollkommenheit eines Schertzes, von der ich bisher rede, nicht besser erhalten werden kan, als durch die Verbindung und Vergleichung wiederwärtiger Dinge. Und o! was entdeckt sich hier für eine fruchtbare Quelle der Schertze! Ich begnüge mich dieselbe bloß angezeigt zu haben. Exempel trift man in grosser Menge in den Satirischen Schriften an, welchen die Ironie die Stacheln gibt. Die Quelle der Ironie ist eben das entgegengesetzte desjenigen, worüber man spotten will. Und wenn sonst alles seine Richtigkeit hat, so müssen die Schertze, die daher genommen werden nothwendig gerathen. Es sind demnach alle sinnreichen Einfälle matte Schertze, wenn sie keine grosse Verschiedenheit der Dinge, womit man schertzet, zum Grunde haben. Sie können sonst alle Schönheiten eines sinreichen Einfals haben, und in dieser Absicht angenehm seyn, nur muß man ihnen den Namen der Schertze nicht beylegen, denn zu diesen wird auch Scharfsinnigkeit erfodert.

§. 47.

Aus dem, was bisher gesagt worden, erhellet von selbst, warum manche Leute mit ihren spaßhaften Einfällen, einem zur Last werden. Es sind das alle diejenigen die einen gar zu lebhaften Witz besitzen, der von einer schlechten Beurtheilungskraft regiert wird. Der Mangel der Beurtheilungskraft erhält seinen Ursprung aus dem Mangel der Scharfsinnigkeit. Es ist also klar, daß solche spaßhafte Köpfe einen viel zu lebhaften Witz besitzen, mit Ausschliessung der Scharfsinnigkeit, als daß sie glücklich in Schertzen seyn sollen. Muß das nicht verdrießlich seyn, wenn man mit lauter Anspielungen, Allegorien, tropischen Redensarten, und dergleichen unterhalten wird, wenn man diese Dinge für artige Schertze halten soll? Ich rathe daher einem jedweden witzigen Kopfe, nicht gleich einen jeden sinnreichen Einfall für einen Schertz zu halten und auszugeben, sondern jederzeit zu bedencken, ob der Witz durch die nöthige Scharfsinnigkeit unterstützt worden. Wenn man diese Behutsamkeit verabsäumt, so kan es leicht geschehen, daß uns unser Witz ein Blendwerck vormacht, und wir dadurch genöthiget werden, Dinge in solchen Stücken zu vergleichen, worin sie doch von einander unterschieden werden. Ein solcher Irrthum macht unsern sinreichen Einfall abgeschmackt, und um so viel unwürdiger ein guter Schertz zu heissen.

§. 48.

Ich komme zur vierten Schönheit der Schertze §. 25. Ein feuriger Schertz, muß sehr viele und grosse Uebereinstimmungsstücke, der verglichenen Dinge, entdecken. Dadurch wird ausser der Stärcke des Witzes, die alsdenn in dem Schertze mercklich wird, eine Vollkommenheit in demselben hervorgebracht, welche in Verwunderung setzt, die Sache lächerlich macht, und ungemein belustiget. Wenn die Sachen, wie die vorhergehende Schönheit der Schertze erfodert, ungemein unterschieden sind, und doch eine vielfältige und grosse Uebereinstimmung unter ihnen entdeckt wird, so ist das so etwas unerwartetes, welches ein angenehmes Erstaunen und Verwunderung verursacht. Man bewundert ja alle diejenigen Dinge, die man als etwas ansieht, so man vorher gar nicht gedacht hat. Es scheint wiedersinnisch zu seyn, daß so sehr verschiedene Dinge, doch eine so grosse Uebereinstimmung haben, und das ist eine kräftige Reitzung zu lachen. Wolte man wohl zweiffeln, daß diese Verwunderung und dieses lachen etwas unangenehmes sey? Es kan nicht anders seyn, als daß aus dem Gewahrwerden dieser Uebereinstimmung, eine Belustigung entsteht, weil die Uebereinstimmung der Dinge überhaupt eine Schönheit und Vollkommenheit ist.

§. 49.

Wenn ich sage, daß ein Schertz viele und grosse Vergleichungsstücke entdecken müsse, so will ich nicht behaupten, daß man durch eine weitläuftige Erzehlung dieser Stücke, den Schertz vortragen solle. Nein, dadurch würde der Schertz frostig werden. Man kan auch mit wenigen Worten sehr viel sagen. Genug, wenn man es nur sagt. Man muß seinem Zuhörer nur ein weites Feld eröfnen, die Uebereinstimmungsstücke selbst zu errathen, man muß ihn aber auch selbst gleichsam, zu dieser Untersuchung, zwingen. Ich sage jetzt nichts weiter, als daß durch einen Schertz dem Zuhörer mit einem mal, eine sehr grosse und mannigfaltige Ubereinstimmung der verglichenen Dinge vorgestelt werden müsse. Unser Schertz muß ein sehr kurzer Inbegriff sehr vieler Vergleichungsstücke seyn. Er muß einem Abgrunde ähnlich seyn, in welchem man immer mehr erblickt, je länger man in denselben hinein sieht. Es versteht sich von selbst, daß es wahre Vergleichungsstücke seyn müssen. Ein Blendwerck des Witzes, wodurch uns eine Verschiedenheit als eine Ubereinstimmung vorgestelt wird, kan nur so lange eine ungegründete Lust verursachen, so lange wir in Verwirrung und Irrthum bleiben. So bald der Nebel und das Blendwerck verschwunden, schämen wir uns, daß wir über einen Gedancken gelacht haben, der ein Hirngespinst gewesen. Doch davon werde ich weiter reden wenn ich die Wahrheit der Schertze untersuchen werde.

§. 50.

Durch diese Eigenschaft bekommt ein Schertz eine Schönheit, die ihm nichts anders zu geben vermag. Ein Schertz, der diese Beschaffenheit hat, gefält uns, so oft wir uns dessen wieder erinnern. So oft wir ihn von neuen überdencken, erblicken wir mehrere Vergleichungsstücke. Dadurch entsteht nicht nur ein neues Vergnügen, sondern wir sind auch mit uns selbst zufrieden, weil wir überzeugt werden, daß wir einen Schertz gebilliget, und darüber gelacht haben, der es vollkommen werth gewesen. Wir freuen uns heimlich über unsern guten Geschmack, und sind versichert, daß wir uns, durch das belachen dieses Spasses, keiner flüchtigen Leichtsinnigkeit verdächtig gemacht haben. Mit einem Wort, ein Schertz der diese Eigenschaft besitzt, hat diejenige Schönheit die +Ovidius+, ~Epist. ex pont. L. III. ep. V.~ an einer andern Sache rühmt.

~Cumque nihil, toties lecta, e dulcedine perdant. Viribus illa suis, non nouitate placent.~

Ich widerspreche mir nicht. Ich habe zwar erwiesen, daß ein alter Schertz mat und frostig werde, das ist aber meinem jetzigen Gedancken nicht zu wieder. Es ist gantz ein anders, wenn man einen Schertz, als einen Schertz, sich oft muß vorsagen lassen, und wenn man eines Schertzes, den man von andern nur einmal gehört hat, sich oft wieder erinnert. Ich rede auch hier von einer andern Art des Vergnügens, so von dem gantz unterschieden ist, so aus der Neuigkeit entsteht. Ja man füge hinzu, wie ich niemals behauptet, daß die Neuigkeit eines Scherzes die einzige Schönheit desselben sey, und noch weniger, daß alles Vergnügen über einen Spaß, gantz allein aus dem neuen desselben entstehe. Noch einmal, ein guter Schertz muß ein Thema seyn, darüber ein witziger Kopf, einen sehr langen allegorischen und Emblematischen Vortrag halten könnte.

§. 51.

Die Ubereinstimmungsstücke sind entweder Aehnlichkeiten, oder Gleichheiten, oder beydes zusammen. Ein glücklicher Spaß muß demnach, viele und grosse Aehnlichkeiten und Gleichheiten entdecken. Es ist wahr, die blosse Aehnlichkeit kan manchmal zureichen, allein ich glaube doch, daß die Gleichheiten und Proportionen derselben, erst dem Schertze die rechte Schönheit auf dieser Seite geben. Die Aehnlichkeiten fallen eher in die Augen, können leichter entdeckt werden, und es ist weniger Scharfsinnigkeit zu ihrer Entdeckung nöthig. Allein die Vergleichungen der Grössen erfodern mehr durchdringenden Verstand. Man muß die Grössen ausmessen, und sie mit einander vergleichen. Kan nun das unsere Seele gleichsam im Augenblicke verrichten, so beweißt sie dadurch ihre Stärcke in ausnehmenden Grade. Die Entdeckungen der Aehnlichkeiten können viel unrichtige Gedancken verursachen, wenn sie nicht durch eine genaue Beobachtung der Proportion in ihren gehörigen Schrancken erhalten werden. Alle einzelne Theile eines Gesichts können schön seyn, haben sie aber nicht die gehörige Proportion, so wolte ich nicht sagen, daß das Gesicht reitzend sey. Man kan sagen, daß die Proportion der Grundriß der Schönheit überhaupt sey. Kan wohl die Schönheit eine Schönheit seyn, wenn der Plan, nach welchen sie aufgeführt worden, nichts taugt? Ich sage also, daß ein Schertz abgeschmackt werden müsse, ob er gleich viele und grosse Aehnlichkeiten vorstelt, wenn in denselben gar keine Proportion ist. Doch wird niemals erfodert, daß die Proportion, die ich zu einem Schertze erfodere, nach der strengsten Mathematik richtig sey. Ein wenig mehr oder weniger, thut hier nichts zur Sache. Die Schertze sind ja ohne dem undeutliche Vorstellungen. Wenn nur die Proportion, dem Ansehen nach, beobachtet wird, so entsteht die Schönheit, von der ich rede. Ist doch in der Baukunst nicht einmal diese Strenge nöthig. Die Proportion kan fehlerhaft seyn, wenn der Fehler nur nicht in die Sinne fält.

§. 52.